In Memoriam Hansruedi Gehring (1939-2015)

Labyrinth des Schreibens

Warum ein Nachruf in diesem Blog “Labyrinth des Schreibens von Romanen”?
Zum einen, weil in der Labyrinth-Sage der Tod höchst gegenwärtig ist, nämlich in Gestalt des mörderischen Ungeheuers Minotauros. Zum anderen, weil der Verstorbene, eigentlich Arzt von Beruf, ein Romanautor ist, der in seinen Krimis Labyrinthisches zum Thema macht – und weil sein plötzlicher Tod eine Dimension des Romanschreibens aufzeigt, die man als Autor immer mitdenken sollte: Die Heldenreise des Romanschreibens kann auch scheitern.

Abb.1: Hansruedi Gehring in der Roman-Werkstatt (Foto: Gregor vom Scheidt 2011)
Abb.1: Hansruedi Gehring in der Roman-Werkstatt (Foto: Gregor vom Scheidt 2011)

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Das war anders geplant. Hansruedi Gehring (06. Mai 1939 bis 14. Mai 2015) hatte sich für meine Roman-Werkstatt im Mai dieses Jahres angemeldet. Dann die Stornierung: “Wegen Hepatitis im Spital eingeliefert.” Wenige Tage darauf: “Verstorben”. –
Hansruedi lernte ich 1992 als Teilnehmer eines meiner Schreibseminare in der Schweiz kennen. Da steckte er gerade mitten in der Arbeit an einem Roman über einen Termitenforscher. Obwohl selbst Seminarleiter für kreatives Schreiben und von Krimi-Workshops (an einem nahm ich später in Grindelwald mit großem Gewinn teil), kam er ab da fast jedes Jahr nach München in meine Roman-Werkstatt. Zwei seiner Romane haben dort erste Gestalt angenommen und sind inzwischen erschienen. Mitten an der Arbeit zu einem vielversprechenden neuen Krimi ereilte ihn selbst der Tod – nicht so spektakulär, zum Glück, wie durch einen Mord – aber ebenso heimtückisch mitten im Urlaub in der Toskana durch eine Infektion.
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Als Arzt ging Hansruedi Gehring zwangsläufig anders ans Schreiben seiner Romane heran
Als “schreibender Arzt” ging Hansruedi Gehring zwangsläufig anders ans Schreiben seiner Romane heran als meinetwegen ein Zahntechniker oder ein Rechtsanwalt. Ärzte werden durch ihr Studium und die praktische Ausbildung in einem ganz bestimmten Sinn wissenschaftlich geschult: Nämlich gleichzeitig Handwerker und Künstler zu sein, wenn möglich auch Psychologe und Seelsorger, Unternehmer und noch manches andere mehr. Die ideale Grundlage für einen Romanschriftsteller, könnte man sagen, denn Autoren sollten möglichst viele Aspekte des Lebens kennen. Kein Wunder, dass es erstaunlich viele “schreibende Ärzte” gibt. Aber nicht jeder von dieser speziellen Autorengruppe wendet sich dem Kriminalroman zu, obgleich dies doch so naheliegt: Hat der Arzt als Bewahrer des Lebens und der Gesundheit doch immer auch viel mit dem Tod zu tun – also mit dem, was im Krimi ganz zentrales Thema ist.
Ich wollte Hansruedi Gehring immer wieder mal fragen, was ihn eigentlich dazu bewogen hat, ausgerechnet “Mordgeschichten” zu schreiben, ja sogar Workshops zu dieser Literaturform anzubieten. Nun ist es zu spät für solche Fragen: Unerwartet ist er, mitten im Urlaub, an einer Hepatitis gestorben. Und ich sehe mich mit der Aufgabe konfrontiert, einen Nachruf auf ihn zu schreiben.
Nachruf – wie das so seltsam klingt. Jemandem etwas “nachrufen” – der dies doch nicht mehr hören kann, weil er tot ist. Gut, wir “rufen” ja für die ihm Nahestehenden. Und wir “rufen” letztlich für uns selbst, um uns noch einmal zu vergewissern: Was war das für ein Mensch, der da von uns gegangen ist?
Um nicht wie ein Pfarrer zu klingen (der ich ja nicht bin), aber auch nicht wie ein Psychologe zu beurteilen und zu deuten (was mir, obwohl Psychologe, nicht zusteht), bin ich fast versucht, in die Rolle des Detektivs zu schlüpfen, der einen Fall aufzuklären hat. “Mordfall” kann man das ja nicht nennen, wenn jemand Opfer einer heimtückischen Krankheit wird, so mitten im Urlaub. Aber ein “Fall” ist das schon: Buchstäblich. Da ist jemand, der eben noch gelebt hat, gefallen. Für immer.
Auch bei diesem Opfer geht es darum, zu klären: Was war das für ein Mensch? Lassen wir ihn doch selbst Auskunft geben, wie er es im Klappentext zu seinem jüngsten Roman Termiten an Bord getan hat, nicht ahnend, dass dies Teil eines Nekrologs werden würde:


Hansruedi Gehring, wurde am 06. Mai 1939 in Zürich geboren. Nach dem Medizinstudium unternahm er Reisen nach Japan, Indien und Afrika. Seine damaligen Erfahrungen als Assistent von Schiffsärzten bilden den Rahmen seines Romans
Termiten an Bord. Nach der Weiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie leitete er die Drogenberatungsstelle Drop-in der Zürcher Universitätsklinik und publizierte über die neuen Suchtprobleme. Seit 1975 lebt und praktiziert er als Psychiater in Bern.
2001 erschien im orte-Verlag der Kriminalroman
Rätselhafter Tod in Zähringen. Neben der Tätigkeit als Therapeut und als Dozent an Fachtagungen in der Schweiz und im Ausland leitet er Seminare für kreatives und therapeutisches Schreiben, u.a. an der Berner Volkshochschule, den Burgdorfer Krimitagen und im Auftrag der Krebsliga Schweiz. Hansruedi Gehring ist Mitglied der Schweizerischen und Internationalen Vereinigung der Schriftstellerärzte.

Memento mori
Memento mori – wie passend dieses alte lateinische Spruch als Credo jedes Krimiautors geeignet ist – und zugleich für den Beruf des Arztes!
Diese allgegenwärtige Erinnerung an die eigene Sterblichkeit passt sehr gut zu meinem aktuellen eigenen Roman-Projekt (das Hansruedi nicht wenige Anregungen zu verdanken hat). Wie jeder Autor, vor allem meines Alters (Jahrgang 1940), frage ich mich natürlich auch immer wieder “Was für einen Sinn macht das eigentlich, was ich da schreibe?”. Ganz banal hebt gelegentlich Gevatter Tod drohend seine Knochenhand und bedeutet mir: “Wird dein Werk überhaupt fertig werden, du Sterblicher? Lohnt sich dieser Einsatz?”
Hansruedi ist es leider so gegangen. Sein neues Romanprojekt, wieder ein Krimi, sein dritter, war schon sehr weit gediehen, wie ich in den Seminaren miterleben durfte. Und nun – finito. Mittendrin. Dabei hatte er so einen interessanten Plot, so vielschichtige, lebendig agierende Figuren, eine spannende Handlung und sogar einen der tollsten Schauplätze, den man sich als Krimiautor wünschen kann: Das ihm sehr vertraute Städtchen Grindelwald mit seiner weltberühmten Eigernordwand – die so leicht zur makabren “Eigermordwand” mutiert und in Hansruedis neuem Projekt tatsächlich mit einem Mord in Verbindung steht.
Ich habe in dem Chalet, in dem sein neuer Roman spielt, einmal an einem seiner Krimi-Workshops teilgenommen und dabei nicht nur viel als Autor gelernt, sondern auch immer wieder den Eiger angestaunt, der direkt gegenüber in den Himmel stieg. Wie gerne hätte ich Hansruedis neues Werk gelesen, wo es doch – man staune – von einer Schreibgruppe angehender Krimiautoren handelt, die nach und nach alle unter Mordverdacht geraten!
Diese “Heldenreise des Autors” ist für Hansruedi diesmal, bei seinem vierten Projekt, leider nicht gut ausgegangen. Er konnte den Schatz seines fertigen Manuskripts nicht in die Oberwelt zurückbringen, als gedrucktes Buch auf den Tischen und in den Regalen der Buchläden. Aber das beschriebene und bedruckte Papier ist ja nicht alles. Sehr viel mehr bedeuten die lebendigen Erinnerungen an den Menschen, der bedächtiger Berner war und vielgereister Schweizer und verständnisvoller Psychologe und geistreicher Autor und so vieles mehr.
Jetzt, beim Nachlesen der Texte, die ich von ihm habe, entdeckte ich wieder eine Gemeinsamkeit: Beide haben wir in der Drogenberatung gearbeitet, er bei der Drop-In in Zürich, ich in München bei der ersten Einrichtung dieser Art (zufällig sogar in den selben Jahren 1970/71).
Vielleicht fließt all dies, für mich jedenfalls, am intensivsten zusammen in der Vernissage für seine Termiten an Bord, die am 27. November 2010 passend zum Sujet auf einem der Schiffe des Zürichsees stattfand. Mit einer Lesung aus dem Roman (die er sicher selbst so genossen hat wie seine Zuhörer), garniert mit kulinarischen Köstlichkeiten, umrahmt von fetziger Jazzmusik und mit den vielen Gästen, die so anschaulich zeigten, wie viele und wie verschiedene Menschen er kannte und anzog, nicht nur mit seinen Lesungen. Und das alles vor der Kulisse des leise plätschernden Sees und der Berge um den Zürichsee und der Stimmung der versinkenden Tages und der aufziehenden Nacht.
Und dann ist da wieder der ins Schreiben vertiefte Hansruedi, den ich in so vielen Roman-Werkstätten erleben durfte. Ich fragte ihn einmal, warum er, der doch schon so viele Schreiberfahrungen habe und selbst Schreib-Workshops anbot, immer wieder in meine Seminare komme. Seine Antwort war sinngemäß:
“Weil ich dann ganz für mich schreiben kann, für niemanden sonst verantwortlich bin und ein paar Tage zusammen mit Gleichgesinnten ganz in diesen intensiven kreativen Prozess eintauchen kann.”
Schade, dass das nun auch zuende ist.

Abb.2: Bei der Arbeit am neuen Roman (Foto: Gregor vom Scheidt 2011)
Abb.2: Bei der Arbeit am neuen Roman (Foto: Gregor vom Scheidt 2011)

Die Bücher und einige der kurzen Texte
Es existieren von Hansruedi Gehring vier Bücher, von denen leider nur zwei veröffentlicht sind:
Ein Roman um einen Termitenforscher in Afrika (Manuskript, noch nicht veröffentlicht)
Rätselhafter Tod in Zähringen. Zürich 2001 (Orte Verlag).156 Seiten. ISBN 3-85830-111-6 – hier ein Auszug aus dem Roman
Termiten an Bord. Zürich 2010 (Wolfbach-Verlag). Gebunden, 240 Seiten. ISBN 978-3-905910-06-3
Amoklauf in Grindelwald (unvollendetes Manuskript)

Auf meiner persönlichen Website hyperwriting.de gibt es von Hansruedi Gehring, mit seiner Genehmigung, drei eindrucksvolle Texte, die ich jedem sehr empfehle, der sich mit dem Schreiben befasst:
Abenteuerfahrt eines Krimi-Autors
Abdou, dein kleiner Patient
Das Murmeln des Anapo-Flusses
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Rätselhafter Tod in Zähringen
Als ich vor etwa einem Jahr seinen Krimi Termiten an Bord hier im Blog vorstellte, ahnte ich nicht, dass ich bald danach einen Nachruf auf den Autor verfassen würde. Vielmehr wollte ich schon seit Monaten seinen (davor erschienen) anderen Krimi vorstellen. Darin gibt es nämlich ein sehr passendes Zitat zum Labyrinth-Thema, das ich nun hier nachtragen – oder besser: nachrufen will.
Die Kommissarin Marlis Merz wird darin mit einem seltsamen Fall konfrontiert: Ein Arzt und Schlangen-Fan wurde von einer tödlichen Viper gebissen und verstarb dadurch. War es Unfall – oder Mord? Sie beginnt mit den Ermittlungen.
Ein Labyrinth-Zitat daraus:

 „Damit kannst du dich vielleicht profilieren!”, meinte Werner Hablützel, als er [Marlis Merz] kurz nach zehn Uhr den Fall Weingart übergab. Ihr Chef ging in zwei Jahren in Pension und hätte sie gerne als Leiterin des Mordbüros nachrücken gesehen, nur schon um die älteren Detektive damit zu argem, das wusste sie. Der kleingewachsene, überkorrekte Hablützel, dem man den Ausdauersportler nicht ansah, kannte sich im Labyrinth der Verwaltung so gut aus, dass häufig sogar Politiker bei ihm Rat holten.

Marlis Merz sollte auch im neuen Krimi auftauchen – diesmal aber nicht als ermittelnde Kommissarin, sondern witzigerweise als Krimi-Autorin!
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Termiten an Bord
Über diesen Roman habe ich hier im Blog bereits berichtet: Verwirrung als literarischer Topos

Wer den Verstorbenen näher kennenlernen will, sollte diesen Roman lesen. Es ist nämlich nicht nur die authentische Schilderung einer Schiffsreise und ein ganz spezieller Krimi (mit einem Arzt als Detektiv wider Willen), sondern zudem ein sehr autobiographisches Buch – verarbeitet der Autor darin doch seine eigene Indienreise und seine Zeit als junger, werdender Arzt, der auf der Suche nach Sinn im Beruf und im Leben ist und nun auf sehr brutale, heimtückische Weise mit dem Gevatter Tod konfrontiert wird: Durch einen Mord, der an Bord dieses Schiffes geschieht (und es bleibt ja nicht bei diesem einen Mord).
Der “Mord an Bord” ist reine Erfindung des Autors – aber alles andere stimmt und wird durch diese Untat lediglich literarisch sehr geschickt gebündelt.
Das Werk wird dadurch mehr als nur ein Krimi, nähert sich in gewisser Weise dem an, was man als “Arztroman” bezeichnen könnte, wenn dieses Genre nicht durch unsägliche Groschenheftserien in Misskredit geraten wäre. Trotzdem: Es ist auch ein Arztroman, unter anderem. Aber es ist eben mehr, auch mehr als nur ein Krimi. Fast bin ich versucht, dies einen Schicksalsroman zu nennen – wenn diese Bezeichnung nicht ebenfalls kontaminiert wäre durch das, was man im Film und im Fernsehen als Melodram kategorisiert.
Gut, ein Krimi ist immer melodramatisch. Aber hier schreibt eben kein auf die Mechanismen seines Genres festgelegter Krimiautor,  sondern ein Arzt und Psychotherapeut.
Gehe ich als Psychologe, der den Autor seit 1992 auch recht gut als Person kennengelernt hat, zu weit, wenn ich vermute: Auf jener Indienreise, die viele Jahre später den Krimi gebar, entschied sich vermutlich Hansruedi dafür, unter den vielen möglichen Arztvarianten ausgerechnet die des Psychiaters und da wiederum den eines Psychotherapeuten, speziell als Daseinsanalytiker, zu wählen?
Seine eigene Indienreise hatte nämlich ein Vorbild in der Indienreise eines Psychiaters, worin der für Hansruedi so wichtige Mentor Medard Boss seine Indienerfahrungen samt spiritueller Suche autobiographisch dokumentiert und aufgearbeitet hat – ein Buch, das ich als Student zufällig mit großem Interesse und Gewinn ebenfalls gelesen habe – lange bevor ich Hansruedi und seine Lebensgeschichte näher kennenlernte.

Der Titel Termiten an Bord ist übrigens doppeldeutig zu verstehen, für mich jedenfalls. Zwar kommen in diesem Krimi Termiten vor und vor allem ein sehr wirksames Mittel zu ihrer Bekämpfung – aber Hansruedis allererster Roman handelte von einem Termitenforscher in Afrika und speist sich ebenfalls sehr aus seiner Anfangszeit als (lernender) Arzt. Es ist jammerschade, dass dieser Roman (noch) nicht erschienen ist; ich habe ihn als Manuskript gelesen und fand ihn sehr gut. Ihm als Autor war er jedoch leider nicht gut genug.

 Ein junger Mediziner besteigt in Bombay ein Passagierschiff, das eine sehr lange Reise vor sich hat. Als Sinnsuchender hat er Indien bereist, jetzt will er zurück in die Schweiz, noch ungewiss über seine berufliche Zukunft. In seiner Haltung mehr passiv als aktiv, wird er ungewollt zum Mitarbeiter des Schiffsarztes, der ihn, froh um jede Fachkraft, für die Infirmerie des ehemaligen Truppentransporters engagiert. Kaum hat der Dampfer abgelegt, stirbt der erste Notfall an einem rätselhaften Skorpionstich. Mit diesem Tod beginnt ein Reigen von gegenseitigen Verdächtigungen und klaustrophobischen Situationen in einer labyrinthischen Passagierwelt auf dem Ozean. Hansruedi Gehring verknüpft geschickt das Innenleben seines Protagonisten mit den undurchsichtigen Rollenspielen eines figurenreichen Ensembles. (Rezension in Schweizerische Ärztezeitung Nr. 92/2011, S. 143)

Krimi-Workshop in Grindelwald
Der Krimi-Workshop bei Hansruedi Gehring in Grindelwald war so etwas wie ein Lehrstück im Verfassen nicht nur von Krimis, sondern überhaupt von Romanen. Immer präsent dabei war Hansruedis Spezialität: Ein Kasten mit vielen kleinen, liebevoll gesammelten Figürchen, aus denen man sich das Personal des eigenen Roman-Projekts aussuchen konnte, das nun ständig leibhaftig präsent war.
Wie makaber und wie einträchtig zugleich, dass am Ende der reale Tod des Autors den Tod des fiktiven Mordopfers eingeholt und überholt hat: Memento mori.
Für mich ist sein letzter, nun nicht vollendeter Roman doch fertig geworden. In meinem Kopf und in meiner Erinnerung, verschmolzen mit dem Schicksal seines Autors.
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Kriminalroman als moderne Variante der antiken Tragödie
Hansruedi wies während seines Krimi-Workshops in Grindelwald darauf hin, dass der Kriminalroman sei die moderne Variante der antiken Tragödie sei: “Gerne wird in diesem Zusammenhang die tragische Geschichte des Ödipus erwähnt, die ja sogar gegen Schluss in der Tat einem Verhör wie bei einem Mordprozess gleicht.”
Seine beiden eigenen Krimis, kommen nicht so tragödisch daher. Sie gleichen mehr einem Experiment mit den Möglichkeiten eines kriminalistischen Rätselspiels. Aber die Verbindung mit einer Schiffsreise und der Sinnsuche des Protagonisten machen den Termiten-Roman zu mehr als einem Dutzend-Krimi à la Tatort und auch sein vorangehender Roman Rätselhafter Tod in Zähringen sprengt die klassischen Muster, schon mit der Figur der sympathischen, sensiblen Kriminalkommissarin Marlis Merz.
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Jeder Schreibvorgang ist ein Stück Weg zu einem Ziel
All dies gibt mir zugleich eine Antwort auf die weiter oben gestellte Frage, was für einen Sinn letztlich so ein Tun des Romanschreibens hat, wenn man jederzeit aus dem kreativen Prozess herausgerissen werden kann – für immer. Im chinesischen Buch von der Smaragdenen Felswand steht der inzwischen geradezu inflationär gewordene Satz: “Der Weg ist das Ziel.”
Jeder Schreibvorgang ist so ein Stück Ziel-Weg. Dazu braucht es für einen Roman Hunderte, ja Tausende solcher Schritte. Jeder dieser Schritte trägt seinen Sinn in sich selbst. Diese Freude am Vorgang des Schreibens, bei aller damit ebenfalls verbundenen Anstrengung, war Hansruedi immer anzumerken.
Ab und zu sollte man sich diese zum Geflügelten Wort heruntergekommene Weisheit mal wieder in aller Ruhe genauer anschauen.

Gar nichts gesagt habe ich über den Therapeutenkollegen, Psychiater und Arzt. Aber das sollen andere machen, die ihn diesbezüglich besser kennen. Ich habe ihn als Schreibenden erlebt – und als Menschen. Als Patient hätte ich mich bei ihm in der daseinsanalytischen Praxis sicher sehr geborgen gefühlt.
Ich habe viel von dir gelernt, Hansruedi. Danke dafür. Und gute Reise, wohin auch immer – die nun deine letzte Reise geworden ist.
Vor allem aber übernehme ich gerne einen für dich wichtigen Leitsatz, der auch in der Todesanzeige zitiert wurde: „Nulla dies sine linea“.
Ja, so soll es sein: „Kein Tag ohne – geschriebene – Zeile“.

Abb. 3: Nulla dies sine linea (Foto: Gregor vom Scheidt, 2011)
Abb. 3: Nulla dies sine linea (Foto: Gregor vom Scheidt, 2011)

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Demnächst: Nachruf auf Wolfgang Jeschke
Ich hatte diesen Nachruf noch nicht beendet, als die Nachricht von einem anderen Tod in einer ganz anderen Welt eintraf: Wolfgang Jeschke ist gestorben, ein Freund und Kollege, der mehr als andere für die Science Fiction in Deutschland getan hat und den ich seit 1959 kannte. Aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll – wenn sie auch auf seltsame, zufällige Weise zu der von Hansruedi Gehring passt.

287 /  #1036 Jvs / 1110 SciLogs / v4 _ 19. Juli 2015/13:54

"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

2 Kommentare

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