Die Münchner Schreibwerkstatt 1: Vergangenheit

Labyrinth des Schreibens

Der Tod meiner Frau Ruth vor nun schon einem Vierteljahr brachte mich zunächst nur dazu, hier im Blog einen Nachruf zu verfassen. Aber bald wurde mir bewusst, dass wir in den bald vierzig Jahren unseres Zusammenlebens und -arbeitens viele wichtige und tiefgreifende Erfahrungen gemacht haben, gemeinsam und jeder von uns für sich allein.
Daraus ist nun dieser neue Blog-Beitrag entstanden. Auch er sei dem Andenken an meine Frau gewidmet – denn ohne sie wäre das, was wir ab 1979 als Münchner Schreibwerkstatt etabliert haben, nie Wirklichkeit geworden. In meinem Leben beginnt ein neuer Abschnitt. Dies nehme ich zum Anlass, mir bewusst zu machen, was wir da eigentlich in der Münchner Schreibwerkstatt gemacht haben und wie sie entstanden ist. Wenn man nach vorne in einer neuen Richtung gehen will, empfiehlt es sich, kurz innezuhalten und sich zur fragen:
° Wo komme ich her?
° Wo befinde ich mich zur Zeit?
° Wo will ich hin?
Dementsprechend wird dieser Artikel aus drei Teilen bestehen:
1 Vergangenheit
2 Gegenwart
3 Zukunft.

Schreiben und ThemenZentrierte Interaktion

Meine Frau Ruth und ich führten zunächst Seminare zu allgemeineren Themen der Selbsterfahrung durch. Dabei war unsere Arbeitsmethode ein Verfahren, das wir beide als Ausbildung absolviert hatten: Die ThemenZentrierte Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn. Dass uns diese Ausbildung im September 1976 auch als Ko-Leiter und bald als Ehepaar zusammenführte, sei hier nur am Rande erwähnt. Bald entstand rein zufällig ein neuer Themen- und Methoden-Schwerpunkt, der uns durch an die tausend Seminare begleiten sollte: Das Kreative Schreiben oder wie häufig auch im deutschen Sprachraum auf Englisch: Creative Writing.
Wir nannten unser kleines Institut Münchner Schreib-Werkstatt, weil in der bayrischen Landeshauptstadt zum einen unser Wohn- und Arbeitsmittelpunkt war – zum anderen aber, weil München eines der wichtigsten Medienzentren weltweit ist (angeblich nach New York sogar die zweitwichtigste Medienstadt) und wir mit diesem Ortsnamen auch unsere eigene Tätigkeit “schmücken” wollten.
Der erwähnte Zufall sah folgendermaßen aus:


Hilfreicher Zufall

Noch während meiner Ausbildung zum Seminarleiter mit TZI (und parallel dazu in Gestalttherapie) war ich Ko-Leiter einer sehr erfahrenen TZI-Graduierten und Gestalttherapeutin: Elisabeth von Godin. Im Verlauf eines Workshops im Sommer 1978 machte sich unter den Teilnehmern Frustration bemerkbar, weil “hier immer nur gelabert wird”, wie sich einer äußerte. Spontan sagte ich (der ich ja gerne und viel schrieb): “Na, dann schreiben wir doch mal, statt nur zu reden.”
Dieser Vorschlag kam gut an. So entstand eine erste Schreib-Sitzung, mit der alle sehr zufrieden waren, Das wiederum regte mich dazu an, mit Elisabeth von Godin im Jahr darauf im Rahmen der TZI-Ausbildung einen Schreib-Workshop anzubieten: Schreiben als Abenteuer. Auch dieses Seminar kam gut an, es entstand ein Folge-Workshop Schreiben als Begegnung im Jahr darauf – und das Abenteuer meiner Schreib-Seminare begann sich zu entwickeln –
Stop! Ich muss mich gleich korrigieren. Denn entwickelt habe ich diese Seminare im steten Austausch mit meiner Frau und wir haben sicher die meisten dieser Seminare gemeinsam geleitet. Ruth entwickelte als ureigenstes Format Selbsterfahrungs-Schreib-Gruppen speziell für Frauen, wozu bald ergänzend ihr anderes Talent, das Malen, hinzukam. (Dass ich, von Ruths Aktivitäten angeregt, parallel dazu Männer-Gruppen mit Schreiben und TZI durchführte, sei hier ergänzend angemerkt.)
Die Münchner Schreib-Werkstatt gehört sicher zu den Anfängen dessen, was einige Jahre später, 1987, bei einem Treffen von Schreibseminar-Leitern in der Evangelischen Akademie Tutzing und drei Jahre darauf,1990, in der Evangelischen Akademie Loccum in der Ausschreibung als regelrechte Bewegung apostrophiert wurde: “Was bewegt die Schreib-Bewegung?”
All dies geschah, wohlgemerkt, lange bevor das Internet dem Schreiben noch ganz andere Möglichkeiten eröffnet hat und so etwas wie Blogging, heute in Millionen Blogs präsent, noch geradezu Science-Fiction war.
Damals, als wir dieses Schreiben in der Gruppe in München und Umgebung erfunden haben, wussten wir noch nicht, dass auf der anderen Seite des Atlantik, in den USA, längst so etwas existierte und dort etwa ab 1900, dann immer intensiver ab den 20er Jahren auch an vielen Universitäten als Creative Writing etabliert war.
1937 wurde an der Universität von Iowa der “Magister-Studiengang des Iowa Writer’s Workshop” eingerichtet, den man unter anderem mit einem Roman als Dissertation abschließen konnte (ob das heute noch möglich ist, weiß ich nicht). Dort haben bekannte Autoren wie Flannery O´Connor, John Irving, Jane Smiley oder T.C. Boyle studiert. Etablierte Schriftsteller nützten solche Dozenturen, um schöpferische Pausenund finanzielle Engpässe zu überbrücken. Ein wunderbares Film-Beispiel ist die Komödie Die Wonderboys mit Michael Douglas in der Hauptrolle des schreibblockierten, total mit Marihuana zugedröhnten “Erfolgsautor als CW-Dozent”.

In einer eigenen Zeittafel zum Kreativen Schreiben habe ich die historische Entwicklung detailliert beschrieben.
Diese Zeittafel stellt die Entstehung und Entwicklung des Schreibens dar. Sie führt von den frühesten Anfängen und den physiologischen Voraussetzungen für Sprache über erzählerische und mythologische Konzepte wie die Heldenreise zu den modernen Formen des kreativen Schreibens.
Zeittafeln haben übrigens – nicht nur in Sachbüchern – eine sehr wichtige Funktion: Sie ordnen das Material unter einem neuen Gesichtspunkt – eben dem der chronologischen Abfolge. Dies entspricht nicht nur bei geschichtlichen Stoffen einer viel organischeren Logik als eine thematische Struktur. Auch in Biographien und Autobiographien biete sich diese Methode an (vorbildlich: Die Lebensläufe in der Reihe der Rowohlt Bild Monographien, die am Schluss jeweils eine Zeittafel aufweisen). Auch ein Romanautor tut gut daran, zumindest für sich selbst so einen chronologischen Aufriss seiner Handlung präsent zu haben. (Mehr über die Zeittafel-Methode findet man in meinem Buch zu diesem Thema – s. unten Quellen, Scheidt 2004.)


Dem Schreiben geht das Erzählen voraus

Typisch für Creative Writing: Man schreibt nicht nur für sich allein zuhause im “stillen Kämmerlein”, sondern in einer Gruppe. Das hat zusätzlich zu den vielfältigen wechselseitigen Anregungen den Vorteil, dass man schon während des kreativen Schreib-Prozesses quasi “ein Publikum” präsent hat.
Den heutigen Schreib-Gruppen voraus gingen historisch die (realen wie fiktiven) Erzähl-Gruppen. Man findet sie (als fiktive Kulisse einer Rahmenhandlung) in berühmten Sammlungen von Geschichten wie den Canterbury Tales von Geoffrey Chaucer (ungefähr 1387), dem Dekamerone von Giovanni Boccaccio (zwischen 1349 und 1353). Und man findet sie, last but not least, in der “Wundertüte aller Wundertüten” des Erzählens: den Geschichten aus Tausend und einer Nacht: Scheherezade erzählt um ihr Leben in einer unglaublichen Heldenreise des Fabulierens, in dessen Verlauf sie drei Kinder mit dem mörderischen Sultan zeugt, diese aufzieht und durch ihre Erzählkunst schließlich – Happyend! – den Sultan so weit zähmt, dass er sie nicht nur am Leben lässt, sondern ihr seine Liebe gesteht. Was für ein Plot! Was für eine Rahmenhandlung.

Die Geburt des Creative Writing schafft zugleich ein literarisches Ungeheuer…

… und einen Welt-Bestseller. Die erste richtige Schreib-Gruppe, die historisch verbürgt ist, fand 1816 in der Villa Diodati am Genfer See statt, in dessen Verlauf Mary Whollstonecraft Shelley ihren Roman Frankenstein begann (der für Brian Aldiss zugleich den Beginn der modernen Science Fiction darstellt*). Weit später, ab 1900, gab es immer mehr Schreib-Gruppen in den USA und ab den 1940er Jahren spezielle Writer´s Workshops von arrivierten SF-Autoren für Newcomer der Szene in den USA und in England.
*Ich bin da anderer Meinung als Aldiss: Für mich beginnt die Science Fiction sehr viel früher, nämlich mit dem Genie Daidalos und seinem unglückseligen Sohn Icaros und beider Flucht aus dem minoischen Labyrinth durch Erfindung des Fliegens durch den Menschen.

Aber man kann ruhig noch ein paar Hunderttausend Jahre weiter zurück gehen: An die Lagerfeuer der Menschheit. Denn im Grunde erzählen sich die Menschen Geschichten, seit sie reden können. Diese Geschichten transportieren alles , was zum Überleben wichtig ist – aber auch zum sozialen Zusammenhalt und – last but not least – zur Unterhaltung.

Der Mythos vom Schriftsteller als genialem Einzelkämpfer geistert zwar noch immer durch die Feuilletons und die Köpfe der Schreibenden. Es sollte sich jedoch allmählich herumgesprochen haben, dass es auch etwas anderes gibt: Das Schreiben zusammen mit anderen mit “gleicher Wellenlänge”. Genau dies ist das typische Merkmal für Creative Writing: Man schreibt in Gruppen, die sehr selbstbestimmt sind.


Und zwei Jubiläen gibt es auch noch – als Sahnehäubchen obendrauf

Dies ist, ich vermerke es nicht ohne Stolz, mein Beitrag #300 in diesem Blog.
Fast zeitgleich fand, vom Rest der Welt ebenfalls weitgehend unbemerkt, ein weiteres Jubiläum statt: die 500. Virtuelle Schreib-Werkstatt vom 21. Mai 2016.


Was das alles mit dem Labyrinth-Thema zu tun hat?

Dazu im nächsten Beitrag mehr. Oben in der Fußnote zum Frankenstein-Ungeheuer klingt es mit Daidalos und Icaros ja bereits an.

(Forts. folgt: Die Münchner Schreibwerkstatt Teil 2: Gegenwart / Die Münchner Schreibwerkstatt Teil 3: Zukunft)

Quellen
Aldiss, Brian und David Wingrove: (1973/86) Der Milliardenjahretraum. Bergisch-Gladbach 1990 (Bastei Lübbe), Kapitel 1.
Hanson, Curtis (Regie): Die Wonder Boys. USA 2000.
Scheidt, Jürgen vom: Kreatives Schreiben – HyperWriting. (Frankfurt am Main 1989_Fischer TB). München 2006-11 (Allitera Paperback). 216 Seiten – 19,90 €uro /SBN-13: 978-3-86520-210-9
ders.: Zeittafel zum Kreativen Schreiben. Internet 2001-2016.
ders.:Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität. München März 2004 (Allitera) 176 Seiten – 18,00 €uro / ISBN 386520-043-5.
ders. und Ruth Zenhäusern: Wege aus der Einsamkeit. München 1984) (Heyne-Verlag).

Post 300 / JvS #1058 / SciLogs #1420 / Aktualisiert: 20. Juni 2016/13:29 (27. März 2016) / v 2.0

"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

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