Charles-Bonnet-Syndrom oder Gespenster sieht man im Dunkeln

Fliegende Häuser während der Autofahrt, kleine Zwerge im Dunkeln oder Heiligenfiguren beim Sex? All das können Menschen mit dem Charles-Bonnet-Syndrom sehen. Sie wissen zwar, dass nichts davon real ist, aber irritierend kann es trotzdem sein.
Doch der Reihe nach. Vor mehr als 250 Jahren beschrieb Charles Bonnet erstmals das später nach ihm benannte Syndrom an seinem Großvater, dem reichen Schweizer Bankier Charles Lullin.

Was sind die Symptome?

Das Hauptsymptom des Charles-Bonnet-Syndroms (CBS) sind visuelle Pseudohalluzinationen. Von Pseudohalluzinationen spricht man, weil die Betroffenen wissen, dass das, was sie sehen, nicht real ist. Meist werden die Wahrnehmungen auch nicht als besonders störend empfunden. Die Inhalte der Pseudohalluzinationen sind individuell verschieden, meist handelt es sich jedoch um komplexere visuelle Erlebnisse. Von komplexen visuellen Halluzinationen spricht man, wenn es sich nicht nur um Farben oder Formen handelt, sondern um reale Gegenstände, Menschen, Tiere etc.

Wer ist vom Charles-Bonnet-Syndrom betroffen?

Typische Patientinnen und Patienten haben eine Sehstörung und sind meist älter. Das Problem ist, dass gerade ältere Menschen Angst haben, als dement oder psychisch krank abgestempelt zu werden, wenn sie ihren Angehörigen oder Ärzten von ihren Erfahrungen berichten. Die überwiegende Mehrheit der Betroffenen ist jedoch neurologisch (altersentsprechend) unauffällig.
Allerdings geben bis zu 40 Prozent der älteren Menschen an, solche visuellen Pseudohalluzinationen zu erleben, wenn sie in Studien gezielt nach den Symptomen gefragt werden. Besonders häufig tritt das CBS bei Patient:innen mit altersbedingter Makuladegeneration auf – der häufigsten Ursache für Erblindung in den Industrieländern. In dieser Gruppe sind sogar bis zu 80 Prozent der Menschen betroffen. Es gibt auch Hinweise auf ein gehäuftes Auftreten bei Patient:innen mit kognitiven Beeinträchtigungen und dementiellen Erkrankungen.

Wie entsteht das Charles Bonnet-Syndrom?

Es gibt zwei mögliche Erklärungen für die Entstehung des Charles-Bonnet-Syndroms. Beide beruhen auf Veränderungen im visuellen System. Bei der ersten führen Läsionen, die das Sehvermögen beeinträchtigen, zu neuen, falschen Signalen, deren Weiterleitung schließlich zu den Pseudohalluzinationen führt. Bei der zweiten, wahrscheinlicheren Erklärung führt die Läsion dazu, dass nachgeschaltete Hirnareale keine Signale mehr erhalten. Durch den fehlenden Einfluss der geschädigten Areale wird die Aktivität in den erhaltenen Regionen stärker durch deren spontane Eigenaktivität bestimmt. Der Einfluss dieser intrinsischen Aktivität ist umso größer, je weniger Input ein Hirnareal erhält. Das geht sogar so weit, dass zusätzliche Schwerhörigkeit oder soziale Isolation – beides Situationen, in denen unser Gehirn noch weniger Informationen verarbeiten muss – das Auftreten von CBS begünstigen! In einer Studie führte Einsamkeit während des Covid-19-Lockdowns sogar zu häufigerem Auftreten von Pseudohalluzinationen bei bekannten Erkrankungen.

Phantom-Auge

Für die zweite Entstehungstheorie spricht auch das so genannte Phantom-Augen-Syndrom. Ähnlich wie bei Phantomschmerzen eines amputierten Armes oder Beines berichten die Betroffenen auch hier von Wahrnehmungen des eigentlich bereits amputierten Körperteils. In einer dänischen Studie berichtete sogar die Hälfte der Befragten von visuellen Pseudohalluzinationen. Als Auslöser wurden vor allem Dunkelheit und das Schließen der Augenlider beschrieben. Beides sind ähnliche Mechanismen der sensorischen Abschirmung. Tatsächlich hat eine Forschergruppe sogar versucht, diesen Zustand künstlich herbeizuführen, indem sie tagelang Augenbinden trugen. Die Forscher erlebten dabei komplexe visuelle Pseudohalluzinationen, was dagegen spricht, dass eine geschädigte Hirnregion aktiv falsche Signale sendet.

Was kann man dagegen tun?

Eine ursächliche Therapie gibt es bisher nicht. Es gibt jedoch bestimmte Techniken, die den Betroffenen helfen können, dass die Wahrnehmungen (schneller) wieder verschwinden. Dazu gehört der Versuch, die Halluzination zu berühren oder aktiv zu fixieren. Auch das wiederholte Drehen des Kopfes von links nach rechts oder das Betreten eines neuen Raumes soll helfen. Möglich ist auch die Einnahme bestimmter Medikamente, die in der Regel die spontane neuronale Aktivität hemmen.
Was sich bisher fast immer als hilfreich erwiesen hat, sind Maßnahmen zur Verbesserung des Sehvermögens, zum Beispiel durch eine Augenoperation. Sobald wieder mehr Sinnesinformationen zur Verfügung standen, besserten sich in der Regel auch die Halluzinationen. Ob der Zusammenhang auch umgekehrt besteht, ist umstritten. Bisher konnte kein Zusammenhang zwischen der Stärke der Sehbeeinträchtigung oder einer weiteren Verschlechterung der Sehleistung und der Anzahl der Halluzinationen gefunden werden.

Das Charles-Bonnet-Syndrom in Kürze

Beim Charles-Bonnet-Syndrom treten visuelle Pseudohalluzinationen bei Menschen mit vermindertem Sehvermögen auf. Die Betroffenen sind sich in der Regel bewusst, dass diese Wahrnehmungen nicht real sind, befürchten aber, dass es sich um Anzeichen einer psychischen Erkrankung handelt. Es ist sehr wichtig zu betonen, dass dies nicht der Fall ist! Vielmehr setzt sich lediglich die spontane Aktivität von Hirnarealen fort, die nun keine sensorischen Informationen mehr erhalten. Stress und sensorische Deprivation können die Symptome verstärken. Umgekehrt kann eine sensorische Stimulation oder eine Veränderung der Umgebung, z.B. ein Raumwechsel, die Symptome beenden.

Ein vollständige Liste der verwendeten Literatur ist hier zu finden.

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Veröffentlicht von

Friedrich Schwarz studiert Humanmedizin und Angewandte Informatik mit Schwerpunkt Neuroinformatik. Aktuell fasziniert ihn die Theorie, dass Humor und Kreativität als Positivfaktoren in der sexuellen Selektion dazu beigetragen haben könnten, dass die menschliche Gehirngröße evolutionär zunahm. Mit dem Schreiben hier probiert er, seine Begeisterung über das Gehirn mit der Welt zu teilen – ob sie möchte oder nicht.

8 Kommentare

  1. Der Artikel Charles Bonnet syndrome: a condition of the visually impaired arbeitet gut heraus, um was es im Kern geht: nämlich darum, dass bis zu 1/5 von Menschen mit starker Einschränkung des Sehvermögens unabhängig vom Alter visuelle Pseudohalluzinationen [=Halluzinationen im Bewusstsein, dass es Sinnestäuschungen sind] erleben.
    Dabei gilt: je stärker die Einschränkung der Sehfunktion, desto wahrscheinlicher und häufiger sind diese visuellen Pseudohalluzinationen. Völlig Erblindete scheinen aber nicht unter diesen Pseudohalluzinationen zu leiden, so dass die Aussage, bis 1/5 der schwach Sehenden seien betroffen in Wirklichkeit für ein Sehvermögen mit einer Sehschärfe niedriger als 6/18, aber höher als 3/60 gilt.

    Das Charles Bonnet Syndrom scheint mir auch deshalb interessant, weil es naheliegt, dass es einen Zusammenhang gibt mit jüngsten Entwicklungen in der künstlichen Intelligenz, wo sogenannte generative Modelle, die etwa Sprache oder Bilder produzieren, ebenfalls halluzinieren können. Generative KI-Modelle neigen dazu, überzeugende Geschichten oder Bilder erzeugen zu können. Diese „erdachten“ Geschichten und Bilder sind aber nur überzeugend und nicht unbedingt wahr. Das wiederum passt gut zur These einiger Kognitionswissenschaftler, dass wir Menschen mit unserem Geist ständig die Zukunft voraussagen, praktisch vorwegnehmen mit dem Ziel, möglichst wenig vom Verlauf der Dinge überrascht zu werden. Nur wenn wir irgendwann feststellen, dass unsere innere Prognose nicht mit der eintretenden Realität übereinstimmt, wachen wir aus dem schlafwandlerisch verbrachten Alltag auf und reagieren mit einer bewussten Reaktion auf den Ausreisser, die sich die Realität erlaubt.

    Menschen mit stark eingeschränktem Sehvermögen würden in dieser Sicht darum Pseudohalluzinationen haben, weil sie nicht in der Lage sind, die visuelle Zukunft zuverlässig vorauszusagen.

    • Sehr geehrter Herr Holzherr,

      die im Review angegebenen Werte für die Sehschärfe sind Zusammenfassungen von Fallstudien. Daraus (harte) Grenzwerte ableiten zu wollen, geht wohl zu weit. Dennoch ist es richtig, dass der CBS nach vollständiger Erblindung in der Regel rückläufig ist. Als mögliche Erklärung wird angeführt, dass dann keine benachbarten Sehrfelder mehr vorhanden sind, die zufällig spontane Aktivitäten in den Defektarealen auslösen könnten.

      Mit freundlichen Grüßen

      Liebe Grüße

  2. per Google [Königin Silvia Gespenster Geister] findet man ein prominentes Beispiel für das CBS aus dem jahr 2017

    CBS-Erlebnisse können leicht von Menschen erlebt werden, die etwas älter sind, die müde sind und wenn die Beleuchtung schwach ist.
    Dies deutet darauf hin, dass das Gehirn zu wenig Außeninformationen bekommt und deshalb eine Beschäftigung sucht um der Reizarmut zu entkommen, indem es Gedächtnisinhalte reaktiviert.

    Solche optischen Halluzinationen gibt es deshalb auch bei Menschen in reizarmer Isolationshaft.

    In der Esoterik erzeugt man optische Halluzinationen absichtlich – z.B. mit dem Psychomantheum – um die Leute zu verarschen; den man dann erzählt, sie hätten damit Kontakt zu einer anderen Wirklichkeit erlebt
    (Experimente mit dem Psychomantheum werden abends durchgeführt, wenn die Leute schon etwas müde sind. Man setzt sich vor einen Spiegel, der so hoch angebracht ist, dass man nicht direkt hineinschauen kann. Der Raum ist dunkel und es brennt nur eine Kerze hinter dieser Person. Wenn man sich auf z.B. Verstorbene konzentriert – dann führt das im Spiegel wahrgenommene Flackern der Kerze dazu, dass irgendwelche Muster/Erinnerungen reaktivert werden – die aber (weil man sich auf bestimmte Personen konzentriert) zu konkreten Erinnerungen werden.
    Und man bekommt einen lebensechten Kontakt mit den Verstorbenen.

    Der Grund dafür ist ganz einfach: unser Gehirn arbeitet per Mustervergleichsaktivität und baut/reaktiviert sich aus Bruchstücken dann eine komplette Erinnerung.
    Außerdem werden alle unsere Erfahrungen in der zeitlichen Gegenwartsform erlebt, im Gedächtnis gespeichert und genau so wieder reaktiviert wenn wir uns daran Erinnern. D.h. Erinnern ist ein Wieder-Erleben. Wenn wir uns an Verstorbene erinnern – dann sind auch diese Erinnerungen lebensecht.
    Das ist KEIN Kontakt zu einer anderen Wirklichkeit.)

  3. Kognitive “Störungen” oder Abweichungen von der Normalität können viel dazu beitragen, das ZNS bzw. Gehirn besser zu verstehen, wie an den Hypothesen zu seiner Erklärung zu sehen ist. Interessant ist das Phänomen des CBS vermutlich für Spiritisten, Spiritualisten, Geisterseher, aber im positiven Sinn auch für Meditation. Das CBS kann somit eine der Folgen von Isolationshaft sein. Es erinnert auch an den Hospitalismus von Kleinkindern, wie er von René Spitz beschrieben wurde.

  4. Wenn ältere Menschen, müde, allein und bei schwacher Beleuchtung mit offenen Augen kleine Menschen/Geister sehen – wie Königin Silvia – dann sind solche Berichte von kulturgeschichtlichem Interesse.

    Denn damit kann man begründen, dass Geschichten um Heinzelmännchen (Brownies(UK), Nisse(N,DK) bzw. Tompte(S) auf tatsächlichen Erlebnissen beruhen können.
    Denn die Heinzelmännchen kommen abends/nachts und verschwinden sofort, wenn man sie absichtlich*) beobachten will.
    ( *) = geänderter neuronaler Aktivitätszustand des Beobachters)

    Dieser Zusammenhang dürfte für Volkskundler von Interesse sein – und deshalb eine Veröffentlichung wert sein. + Dann wird man den Deutschen Gartenzwerg mit neuer Sichtweise beachten.

  5. Zunächst einmal: Was verstehen sie (man) unter Gespenster ? Mein erstes Gespenstererlebnis fand ich in den Märchen der Brüder Grimm, als Kleinkind. Heute könnte ich “Gespenster” vielleicht im Bundestag sehen, also nicht nur im Dunkeln . Der Gespensterbegriff ist also nicht angeboren sondern wohl eine Halluzination auf Grund von Prägungen bzw. Bewertungen . Wenn Menschen solche Pseudohalluzinationen sehen kann das eigentlich nur gesund sein da sie, um im buddhistischen Sprachgebrauch zu bleiben, bewusst ihre Gedanken und inneren Bilder mit Distanz reflektieren können was ja bekanntlich bei anderen Mitbürgern nicht der Fall ist die dann ihre Halluzinationen für Realität halten und nicht einmal Ängste bei diesen ihren Lügen verspüren. Künstler scheinen meiner Ansicht nach diese Form der Bildsprache bewusster zu erleben ,was man dann auch als Phantasie oder Kreativität bezeichnen kann. Ihre Beziehung zur Schwerhörigkeit scheint mir interessant da hier das Gehirn die Sprache die es nicht mehr aufnehmen kann ,also die Lücken zwischen den Wörtern mit Ähnlichkeiten oder Vermutungen, also mit Phantasie , ausfüllt um eine innere Logik herzustellen. Ähnlich könnte es wahrscheinlich in den von ihnen beschriebenen Fällen handeln wo es im Suchen nach einer sinnvollen Logik imaginäre Bilder produziert .Hinter allem steht, wie sie ja bereits erwähnen, eine Angst vor dem quasi “verrückt” werden dadurch. Letztere ist ja nur eine Form der Bewertung die dann wiederum Symptome produziert wie zum Beispiel Gespenster.

  6. strange face in the mirror illusion – Experiment

    z.B. Eine Versuchsperson sitzt in einem abgedunkelten Raum (hinter dieser Person leuchtet nur eine 25 W Lampe oder brennt eine Kerze) und betrachtet das eigene Gesicht in einem Spiegel.
    Bereits nach kurzer Zeit wird das eigene Gesicht verzerrt gesehen oder man sieht ein völlig anderes Gesicht

    Hier ist ein ähnlicher Mechanismus wie bei den CBS-Erlebnissen aktiv: Wenn zuwenig Eigeninformationen von außen kommen, reaktiviert das Gehirn eigene Gedächtnisinhalte. Bei diesem Experiment reduziert man die Menge verarbeitbarer Informationen, indem man den Raum abdunkelt – und indem nur das eigene Gesicht betrachtet wird.

    Wenn wenig gleiche Informationen zu verarbeiten sind, werden diese vom Gehirn ignoriert. Diese Arbeitsweise hat man mit einem Experiment herausgefunden, wo man den Versuchspersonen einen Miniprojektor wie eine Kontaktlinse auf das Auge aufgesetzt und damit Zeichnungen gezeigt hat. Schon nach wenigen Sekunden verschwanden Teile der Zeichnung, sind wieder sichtbar um wieder zu verschwinden …
    (z.B. Ditchburn+Fender: The stabilized retina image
    Unsere Augen zittern normalerweise immer, so dass das Gesehene sich verschiebt – durch das Aufsetzen des Projektors hat man diese Zitterbewegung unterdrückt.)

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