No Pain without Brain

Ich weiß nicht, wie viele von euch den Film 127 Hours gesehen haben. Ein Film, der auf einer wahren Geschichte basiert und in welchem es um den Bergsteiger Aron Ralston geht, dessen Hand so unter einen Felsbrocken eingeklemmt wurde, dass er sich seinen eigenen Unterarm brechen und selber amputieren musste, um aus der Situation zu entkommen. Wie kann es sein, dass Aron Ralston schaffte, solche Schmerzen auszuhalten, während mir neulich fast die Tränen kamen, als ich mich mit einem Küchenmesser oberflächlich in den Daumen geschnitten habe? Lasst uns das Phänomen Schmerz einmal genauer untersuchen – ohne uns direkt den Arm zu amputieren.

Ich denke, jede*r kann sich gut vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn man ein Gummiband um das Handgelenk hat, dieses spannt und dann zurück auf die Haut schnippen lässt. Sofort schießt ein zwickender, stechender Schmerz in die Stelle, auf welcher das Gummiband gelandet ist und lässt uns direkt bereuen, was wir gerade getan haben. Und auch nach zwei Minuten ärgern wir uns noch über das immer noch vorhandene, unangenehme Gefühl, das der nun rote Streifen Haut hervorruft.

Doch was ist da gerade in unserem Körper passiert? Zuerst einmal: Schmerz ist eine eigene Sinneswahrnehmung, mit eigenen Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren) und Nervenbahnen, welche die Informationen über einen Schmerzreiz an das Gehirn weiterleiten. Schmerzreize können also durch alle möglichen schädigenden Stimuli ausgelöst werden, wie beispielsweise extreme Temperaturen (kleiner als 5°C oder größer als 45°C) oder ätzende Chemikalien und entstehen nicht direkt durch eine besonders starke Erregung der Tastrezeptoren. So gibt es beispielsweise Menschen, die zwar Berührungen spüren, denen allerdings eine Schmerzwahrnehmung von Geburt an fehlt.

Ist der Schmerzreiz einmal hervorgerufen, so gibt es zwei Systeme, über welche die Information darüber in Richtung Gehirn weitergeleitet werden kann. Das erste System ist verantwortlich für eine sehr schnelle Schmerzweiterleitung und wird durch einen scharfen, hellen Schmerz beschrieben, den man gut lokalisieren kann. Es ist dieser erste stechende Schmerz, der direkt da ist, wenn das Gummi auf unsere Haut knallt – die extrem hohe Reizweiterleitungsgeschwindigkeit ist beispielsweise auch dafür verantwortlich, dass wir unsere Hand blitzschnell von einer heißen Herdplatte wegziehen können.

Das zweite System ist langsamer und dafür verantwortlich, dass wir auch noch nach zwei Minuten den Schmerz spüren, den uns das geschnippte Gummi gerade zugefügt hat. Es ist diffuser und lässt sich weniger gut verorten. Wussten wir direkt nach dem Schnippen noch sehr genau, wo uns das Gummi getroffen hat, können wir kurze Zeit später nur noch anhand des roten Streifens auf unserer Haut sagen, wo der Gummi aufkam und merken, dass uns irgendwie jetzt aber auch die Umgebung drum herum unangenehm wehtun. Sowohl der rote Streifen, als auch dieses unangenehme Gefühl sind beides „Werke“ des zweiten Systems, denn die Schmerzrezeptoren können nicht nur Reize aufnehmen und in Richtung Gehirn leiten, sie können auch selber Botenstoffe freisetzen, die dem umliegenden Gewebe signalisieren, dass hier gerade ein Schmerzreiz eingetroffen ist und es für mögliche folgende Reize sensibilisieren.

Nach erfolgreicher Aktivierung der Schmerzrezeptoren beider Systeme müssen die dazugehörigen Nerven nun die Information in Richtung Gehirn weiterleiten. Dies erfolgt aber nicht auf direktem Weg, sondern über mehrere Zwischenstationen, in welchen die Information über den Schmerzreiz umgeschaltet und verarbeitet werden. Diese Modulation ist einer der Hauptgründe, warum Menschen den gleichen Schmerzreiz unterschiedlich stark wahrnehmen können oder warum unserer Schmerzempfinden so situationsabhängig ist, wie in der Einleitung beschrieben. Das Gehirn, und insbesondere unsere Großhirnrinde, muss eine Unmenge an Informationen gleichzeitig verarbeiten und Aufgabe aller davor geschalteter Stellen ist es, dass nur die wirklich wichtigen Sachen das Gehirn erreichen. Unser Schmerzreiz muss also erstmal noch alle möglichen Hürden überwinden, bevor er es schafft, von uns wirklich wahrgenommen zu werden. Eine der wichtigsten Umschaltzentren – nicht nur für Schmerzen, sondern für sensorische Informationen generell – ist das Rückenmark. Dort finden erste Verarbeitungen des Schmerzreizes statt und anhand der Stelle, an der die Schmerzinformation das Rückenmark erreicht, weiß das Gehirn später, aus welcher Körperregion der Schmerz kommt. Eine wichtige Verrechnung, welche unbewusst und auf Ebene des Rückenmarks passiert, ist unter anderem der schon oben erwähnte Rückziehreflex. Beim klassischen Beispiel der heißen Herdplatte zieht man die Hand schon weg, bevor man sich der Hitze bewusst wird. In dieser Situation werden direkt im Rückenmark motorische Nervenzellen aktiviert, was dazu führt, dass wir sofort unsere Hand zurückziehen.

Der evolutionäre Vorteil dieser Strategie ist leicht ersichtlich, da viel verbrannte Haut zurückbleiben würde, wenn wir jedes Mal darüber nachdenken müssten, wie heiß die Herdplatte eigentlich ist und ob wir nicht besser unsere Hand schnell zurückziehen sollten. Auch wenn wir durch das schnelle Wegziehen der Hand Gewebeschäden minimieren können, setzt die Schmerzreaktion trotzdem ein – nur eben ein klein wenig verzögert. Es existieren aber auch Situationen, in welchen es einfach nicht hilfreich ist, dass wir Schmerzen verspüren. Ein gerissenes Kreuzband tut zwar weh und kann unter Belastung auch zu Schädigungen am Gelenk führen, aber ist man gerade auf der Flucht vor einem Bären, dann sind die Schmerzen im Knie definitiv nicht das relevanteste Problem in der Situation. In solchen Fällen senden vom Gehirn absteigende Nerven Informationen an das Rückenmark und unterbinden dort die Weiterleitung der Schmerzreize an das Gehirn.

Auch verhindern Bewegungsinformationen aus dem Schmerzgebiet, dass die Schmerzinformationen in ihrer tatsächlichen Intensität weitergeleitet werden. Ist euch aufgefallen, dass wir automatisch nach dem Gummischnippsen unser Handgelenk schütteln, drehen oder reiben? Diese Bewegungsinformationen verringern die Intensität der Schmerzweiterleitung und erleichtern uns dadurch ein bisschen von den Schmerzen – weswegen solche Bewegungen fast immer automatisiert gemacht werden.

Ist die erste Verrechnung im Rückenmark erst einmal überwunden, geht es über eine weitere Umschaltstation ins Gehirn. Dort werden nicht nur somatosensorische Areale aktiviert, welche uns Informationen über den Ort und die Art des Schmerzreizes geben, sondern auch Areale von Gehirnstrukturen, welche für die emotionale Bewertung und unsere Aufmerksamkeit zuständig sind. Interessanterweise sind es auch die beiden letztgenannten Strukturen, welche wieder starke Verbindungen in die „vorgelagerten“ Verarbeitungsstellen haben, um dort die Schmerzweiterleitung zum Gehirn zu modellieren. Dies ist auch leicht im Alltag zu beobachten, wenn wir beispielsweise ein kleines Kind durch ein Eis von einem aufgeschürften Knie abzulenken versuchen oder durch einen spannenden Film vergessen, dass unser gebrochener Arm schmerzt. Abhängig davon, ob wir gute Laune haben oder abgelenkt sind, ist es tatsächlich so, dass sich unsere Schmerzwahrnehmung (spezifisch) ändert. Während gute Laune uns den Schmerz als weniger unangenehm empfinden lässt, sorgt Ablenkung dafür, dass die Schmerzintensität abnimmt.

Und nicht nur das, diese modulierenden Systeme werden auch für den sogenannten Placeboeffekt verantwortlich gemacht. Bei diesem führt allein die Erwartung einer schmerzlindernden Wirkung dazu, dass unsere internen, schmerzunterdrückenden Systeme so stark aktiviert werden, dass tatsächlich eine Schmerzlinderung einsetzt, obwohl gar kein Wirkstoff verabreicht wurde. In der Tat kann durch eine Blockierung jener schmerzhemmenden Neurotransmitter erreicht werden, dass der Placeboeffekt in gesunden Erwachsenen fast gänzlich verschwindet.

Unser geistiger Zustand beeinflusst also massiv unsere Schmerzwahrnehmung! Der Schmerzstimulus mag zwar irgendwo in der Peripherie des Körpers entstehen, doch letztlich entscheiden unser Gehirn und die vom Gehirn beeinflusste Schmerzmodulierung im Rückenmark sowie in anderen vorgelagerten Umschaltzentralen, wie und ob wir diesen Schmerz auch fühlen. Dies ist insbesondere wichtig, da durch Störungen in der zentralen Verarbeitung Schmerzen entstehen können, obwohl gar keine Gewebeschädigung vorliegt. Dies ist aktuell die gängige Theorie, wie sich Schmerzen chronifizieren und über die eigentliche Verletzung hinaus bestehen bleiben können. Doch dazu mehr in einem späteren Artikel…

Ich hoffe natürlich nicht, dass Du jemals in einer Situation bist, in welcher Dein Leben davon abhängt, dass Dein Gehirn die Schmerzreize unterdrückt, um den Umständen zu entfliehen! Doch auch schon für die allermeisten Schmerzen davor, kannst Du aus diesem Artikel mitnehmen, dass es hilft, sich abzulenken oder sich einen Placeboeffekt einzureden. Denn Deine eigenen schmerzlindernden Systeme lassen sich allein durch die Erwartungshaltung aktivieren, dass das nächste Glas Wasser (oder die Schmerztablette) Wunder bewirkt und Deine Schmerzen komplett verschwinden lässt!

Quellen
• Behrends, Jan C., et al. Physiologie. 3., Vollständig überarbeitete Auflage, Thieme, 2017.
• Bushnell, M. Catherine, et al. “Cognitive and Emotional Control of Pain and Its Disruption in Chronic Pain.” Nature Reviews Neuroscience, vol. 14, no. 7, July 2013, pp. 502–11., doi:10.1038/nrn3516.
• Schmidt, Robert F., et al., editors. Physiologie des Menschen: mit Pathophysiologie: mit Online-Repetitorium. Sonderausgabe der 31. Auflage, Springer, 2017.

Veröffentlicht von

Friedrich Schwarz studiert Humanmedizin und Angewandte Informatik mit Schwerpunkt Neuroinformatik. Aktuell fasziniert ihn die Theorie, dass Humor und Kreativität als Positivfaktoren in der sexuellen Selektion dazu beigetragen haben könnten, dass die menschliche Gehirngröße evolutionär zunahm. Mit dem Schreiben hier probiert er, seine Begeisterung über das Gehirn mit der Welt zu teilen – ob sie möchte oder nicht.

15 Kommentare

  1. Gute Darstellung der verschiedenen Ebenen der Schmerzverarbeitung und des Zusammenspiels dieser Ebenen, dieser verschiedenen Teilsysteme unseres Nervensystem.
    Gute Darstellung auch des Zusammenhangs dessen, was in unserem Nervensystem passiert und wie wir es dann erleben.

    Daniel Dennett erklärt das was wir bei der Schmerzempfindung erleben dem heutigen „Smartphone-Menschen“ mit der Metapher der Benutzeroberfläche, des Interfaces, welches unser Gehirn uns anbietet und womit es quasi die ganze Komplexität, die mit dem Schmerz und seiner Verarbeitung verbunden ist, vor uns verbirgt, ähnlich wie die Smartphone-Apps uns verbirgt, welche elektronischen Teile etwa bei einem Facetime-Gespräch involviert sind und wie sie zusammenarbeiten.

    Daniel Dennett hat in der Sendung „Sternstunden der Philosophie“ auf die Frage des Moderators „Wo entsteht denn das Bewusstsein im Hirn und wie entsteht es“ folgendes geantwortet (ab 9:35 im verlinkten you-Tube Video):

    Dennett: Nehmen wir das was Menschen am meisten fürchten: Schmerz und Leiden.
    Unser Körper, unser Nervensystem ist mit sogenannten Nozirezeptoren ausgestattet. Diese Zellen nehmen Schmerz oder Gefahr wahr. Sie können auch fehlgezündet werden. Aber so werden Schmerzsignale ausgelöst.
    Physiologisch und neuroanatomisch ist der Verlauf der Schmerzfasern bis ins Gehirn recht gut erforscht und allgemein akzeptiert. Doch was passiert im Gehirn? Wie spürt man Schmerzen im Gehirn? Offensichtlich ist es nicht so, dass ein Neuron ein anderes mit einer Kette schlägt und ihnen so Schmerzen zufügt. Einzelne Neuronen spüren keinen Schmerz.

    Wie entsteht also durch Interaktion von Millionen von Neuronen das Phänomen des Schmerzes? Das ist eine gute Frage. Sie ist anspruchsvoll, aber wir können eine Antwort zumindest skizzieren. Wir hätten keine Nozirezeptoren wenn sie nicht nützlich wären. Diese Schmerzrezeptoren bewirken, dass wir unterbrechen was wir gerade tun und unsere Prioritäten anders setzen. Wenn sie ohne Schmerzfähigkeit auf die Welt kämen, wären sie stark behindert. Es gibt Menschen, die von Geburt an kein Schmerzempfinden haben. Ihr Leben ist kurz und traurig. Daher haben wir Schmerrezeptoren. Unter anderem ist ihre Funktion mit einem Signal, das alle anderen übersteuert verbunden, um zu unterbrechen, was wir gerade tun. Das geschieht ohne einen zentralen Homunkulus, der entscheidet was als nächstes zu unternehmen ist. Es muss also ein Wettkampf stattfinden zwischen dem Schmerz und dem was sie gerade beschäftigt. Wenn der Schmerz sehr stark ist gewinnt er den Wettkampf. Was ist dieser Wettkampf also physiologisch gesehen? Nichts anderes als die initiale Produktion von Neuromodulatoren, die entweder etwas behindern oder begünstigen. Wir wissen, dass es im Gehirn viele entgegengesetzte Prozesse gibt.Der eine zieht, der andere zieht und der Kompromiss ist das was man dann tut. So funktionieren ihre Augenmuskeln gegensätzlich zueinander und bestimmen wohin sie schauen. Nehmen wir ein Beispiel. In ihrem Alltag bewegen sich ihre Augen 3 bis 4 Mal pro Sekunde. Sie springen hin und her ohne dass sie es merken. Was bestimmt wohin ihre Augen springen? Es ist ein Wettkampf zwischen den Neuronen. Die einen sagen, wie langweilig, was ich sehe, zeig mir was Neues, die anderen sagen, ich will hier bleiben. Wird der Zug auf einer Seite stärker, kommt es zu einer Blickbewegung. Das geht sehr schnell, 5 Mal pro Sekunde.
    Moderator: Das alles meine ich zu verstehen, das erklärt aber nur, warum ich die Hand schnell wegziehe, weil es evolutionäre Vorteile hat sich nicht zu verletzen, aber nehmen wir dieses Glas Wasser. Das besteht auch aus Molekülen, H2O, von denen ein einzelnes nicht flüssig ist, aber viele davon zusammen durchsichtig und flüssig sind. Das heisst es entsteht eine neue Qualität. Und beim Bewusstsein im Gehirn ist das vielleicht ähnlich. Es entsteht bei der Zusammenarbeit dee Neuronen plötzlich Schmerz, was etwas völlig anderes ist. Das interessiert mich, wie kommen sie dahin?
    Dennett: Das muss ich als Nächstes erklären. Und ich tue es sehr vereinfacht. Das Gehirn hat ein Problem. Es besteht aus 80 Milliarden Neuronen. Und diese sind zu allem möglichen fähig. Es braucht also etwas, das alles vereinfacht. Etwas, was die Neuronenaktivitäten grosser Neuronengruppen umformt, damit sie einfachere Dinge darstellen. Dieses Phänomen erinnert an eine technische Errungenschaft, die die Ingenieure erst kürzlich entwickelt haben. Nämlich die Benutzeroberfläche von Computern oder Smartphones. Ihr Handy ist ein unglaublich kompliziertes Gerät, Schicht um Schicht, Software, Hardware und Firmware aus Milliarden Teilchen. Genauer wollen sie das gar nicht wissen. Sie wollen einzig eine auf Metaphern basierende Benutzeroberfläche. Diese ist sehr einfach. Irgendwie illusorisch, man spricht daher auch von Benutzerillusion. Doch wer ist der Benutzer? Das bin ich. Und das Handy vermittelt mir eine Illusion. Aber es ist eine gutartige, willkommene Illusion, denn sie vereinfacht ihr Leben. Dank ihr können sie ihr Handy kontrollieren und damit tun, was sie wollen. Das ist die Idee: das Gehirn verfügt über eine eigene Benutzerillusion. Das heisst, es vereinfacht den Input, der regulieren muss, was ich als nächstes tue. Und das Resultat sind sie: das bewusste Subjekt, das aus der Interaktion der Benutzeroberflächen der beiden Gehirnhälften herauskommt.

    Mit andern Worten: Dennett benutzt den Mechanismus der Schmerzempfindung um zu erklären wie es zur Illusion von Bewusstsein kommt. Und wozu? Nun, um das Fernsehpublikum davon zu überzeugen, dass auch das, was die Philosophen uns Laien als Wunder verkaufen wollen, nämlich das Bewusstsein, mit natürlichen Mitteln erklärbar ist.

    Zum Glück ist der Autor dieses Beitrags schon ein bisschen weiter: er muss uns nicht mehr das Bewusstsein erklären, sondern kann uns die Details der „Schmerz-Dramaturgie“ auseinandersetzen, welche unser Gehirn gelegentlich inszeniert.

    • Vielen Dank für diesen Kommentar.
      Tatsächlich habe ich die Debatte um das Bewusstsein und die Qualia der Schmerzwahrnehmung ein bisschen ausklammern wollen, da – meiner Meinung nach – noch sehr fundamentale Fragen ungeklärt sind.
      Der Funktionalismus von Dennett argumentiert, dass wir in der Zukunft die Wahrnehmung (von Schmerz) erklären können, was aktuell einfach noch nicht der Fall ist.
      Solange das Bewusstsein noch nicht reduktionistisch erklärt wurde, können wir David Chalmers seine Zweifel lassen 😀

      • @Friedrich Schwarz: Über Qualia lässt sich heute schon vieles sagen, was im Widerspruch zu dem steht, was viele Philosophen dazu sagen:
        1) Qualia, also subjektive Sinnesempfindungen, basieren anders als viele behaupten nicht auf atomaren, nicht weiter zerlegbaren Empfindungen, sondern Qualia sind im Gegenteil meist das Produkt komplizierter Verarbeitung. Sogar in der deutschsprachigen Wikipedia liest man dazu falsches (Zitat):

        Farben sind ein klassisches Problem der Qualiadebatte: Wie kommt es, dass bei der Verarbeitung von bestimmten Lichtwellen Farberlebnisse entstehen?

        Doch die Farbe Rot erkennt und erlebt man auch dann, wenn man gar kein echtes Rot sieht, also auch dann, wenn die Beleuchtung aus Rot eine leicht andere Farbe macht. Wir erleben Rot, sehen aber gar nicht Rot. Es stimmt also nicht, dass die Empfindung Rot allein von der physikalischen „Lichtwelle“ bestimmt wird. Beim Schmerz ist es sogar noch deutlicher: Das Schmerzempfinden hat keine direkte Beziehung zu einem an und für sich schmerzhaften Prozess.
        2) Dass Qualia nichts Elementares sind wird auch durch das Phänomen der Synästhesie verdeutlicht, also dadurch, dass ein Sinnesreiz bei Synästheten mehrere Wahrnehmungen auslöst und ein Ton/Klang beispielsweise gleichzeitig eine Berührungsemfindung auslöst.

        Meine Einschätzung: Qualia sind anders als von einigen Philosophen behauptet kein „Luxus“, sondern sie sind eine Art fest eingebaute Bewertung des Wahrgenommenen mit dem Zweck das Wahrgenommene erinnerbar und gedanklich fassbar zu machen. Wenn Philosophen einen Zombie ohne Qualia erfinden, der aber genau so funktioniert, dann beweisen sie damit nur, dass sie nicht verstanden haben, wozu Qualia, wozu Empfindungen gut sind. Ein Wesen ohne Qualia wäre nach meiner Einschätzung höchst auffällig, ja es wäre vielleicht nicht einmal überlebensfähig.

        Hier noch ein Link zum Wikipedia-Eintrag Philosophischer Zombie, wo man als ersten Satz liest:

        Ein philosophischer Zombie oder P-Zombie in der Philosophie des Geistes und der Erkenntnistheorie ist ein hypothetisches Wesen, das von außen nicht von einem normalen Menschen zu unterscheiden ist, aber keine bewusste Erfahrung oder Empfindungen (Qualia) erlebt.[1] Beispielsweise empfindet ein philosophischer Zombie, der mit einem spitzen Gegenstand gestoßen wird, keinen Schmerz, er verhält sich aber genau so, als ob er Schmerzen empfände.

        Wer an den philosophischen Zombie glaubt, der versteht von Menschen und überhaupt von Tieren praktisch nichts und kann nicht einmal erklären warum ein Hund seine am Vortag verletzte Pfote leckt.

  2. “Der geistige Zustand beeinflusst unsere Schmerzwahrnehmung…”
    Nehmen sie einen Radrennfahrer der sich über 5 Alpenpässe quält. Dieser Körper ist voller “Schmerzen” was der Geist aber im Angesicht des Sieges verdrängt. Erst in der Nacht danach erfolgt die Strafe dafür. Der Schmerz wird also erst zum Schmerz wenn wir ihn als solchen bewerten. So gesehen ist ihr Herdplattenvergleich auch falsch da die Herdplatte per se schmerzfrei ist und erst die Berührung schmerzt. Erst nach dieser Erfahrung : Herdplatte= Schmerz = Angst wir ihr Vergleich logisch . Da selbst Tiere diese Logik haben , haben sie auch ein Bewusstsein für Gefahren. Ihre Kombination non Humor/sexuelle Selektion/Gehirngröße kann ich nicht nachvollziehen da in der Evolution die Tiere sich nicht totlachen sondern totgebissen werden. Es entscheidet also die
    Auslese nach Schnelligkeit und nicht nach Humor….

    • Ehrlich gesagt, verstehe ich noch nicht ganz, worauf Sie hinauswollen.
      Das Beispiel mit dem Radrennfahrer entspricht dem Beispiel mit der Flucht vor dem Bären. In diesen Situationen ist unsere endogene Schmerzunterdrückung so stark, dass wir die Schmerzen nicht wahrnehmen. Fällt die Stresssituation weg (zum Beispiel in der Nacht nach der Radrenntour), so wird uns – durch den Wegfall der Schmerzsuppression – bewusst, dass wir eigentlich Schmerzen haben/hatten.
      Die Berührung einer heißen Herdplatte ist nicht schmerzfrei, da durch die extreme Temperatur dieser unsere Schmerzrezeptoren aktiviert werden.
      Was Sie beschreiben, ist der daraufhin folgende Lernprozess. Nach der Wahrnehmung des Schmerzreizes durch die Berührung der heißen Herdplatte bildet sich, durch eine operante Konditionierung, eine Assoziation zwischen der Berührung der heißen Herdplatte und Schmerz. Das führt dazu, dass wir (aller Wahrscheinlichkeit nach) kein weiteres Mal auf die heiße Herdplatte greifen, sondern „unsere Lektion gelernt“ haben.

      Die Kombination von sexueller Selektion und Humor hat nichts mit dem Artikel zu tun.
      Insbesondere bezieht diese Theorie auch nur auf die menschliche Entwicklung und ist, wenn überhaupt, nur ein kleiner Beitrag in unserer Evolution.

      • Eine gute Replik, vielen Dank. Aber ganz so klein, denke ich, ist diese Theorie für die menschliche Entwicklung nicht, sondern auf jeden Fall bedenkenswert, wenn wir die Evolution betrachten, untersuchen und verstehen wollen.

  3. Zu Friedrich Schwarz
    “Vergleich Radrennfahrer/Flucht vor dem Bären…”
    Ich sehe das völlig anders. Entscheidend für beide Reaktionen sind die Gefühle. Die Flucht vor dem Bären kann nur aus einem Gefühl der Angst erfolgen. Das Kampf /Fluchtsystem basiert auf diesem Gefühl ! Der Radrennfahrer empfindet keine Angst wenn er sich über die Alpenpässe quält. Bei ihm sind es die Gefühle die sein Ego ausmachen wie Ehrgeiz, Geld verdienen ,medial anerkannt zu werden etc. die sein Verhalten steuern. ( Es könnte auch Angst sein wenn der Trainer ihm vorher mitgeteilt hätte er bekäme keinen Vertrag mehr).
    Bewusstsein würde ich gleich Wahrnehmung setzen. Ich kann nur das wahr-nehmen, was mir bewusst ist. Ob diese Wahr-Nehmung nun der WAHR-HEIT entspricht ist eine andere Frage bzw. hängt davon ab wie ich vorher manipuliert wurde, welches Weltbild mir vermittelt wurde, an welchen Gott ich glaubte ec…. So gesehen interessiert mich dieses Bewusstsein Geschwurbel vieler Philosophen /Psychologen/Esoteriker etc. nicht so sehr.

  4. Im Blogbeitrag geht es um Schmerzen bzw. Schmerzwahrnehmung.

    Wir nehmen nur das bewusst wahr, was sich im Fokus unserer Aufmerksamkeit befindet.
    D.h. wenn man den Fokus der Aufmerksamkeit auf etwas anderes richtet – als auf die Schmerzwahrnehmung – dann werden Schmerzen geringer oder gar nicht wahr genommen.
    So einfach funktioniert unsere Wahrnehmung.

  5. Zu KRIchard:
    Folge ich ihren Anweisungen so werde ich jetzt den Focus der Aufmerksamkeit von meinen Zahnschmerzen auf etwas anderes lenken wie zum Bsp. Andrea Merkel. So gesehen kann man eine Schmerzwahrnehmung mit einer anderen Schmerzwahrnehmung neutralisieren . Versuchen sie mal den Focus der Aufmerksamkeit beim meditieren oder nachdenken von den Schmerzen abzukoppeln. Der Focus folgt immer den stärksten Reiz den sie trotz aller Bewertungen (Glauben) nicht aufheben können.

  6. Schmerzlinderung bzw. -freiheit kann man auch durch Hypnose der Patienten erzeugen.
    Auch diese Behandlungsmethode zeigt, dass die Art unseres Denkens unsere Wahrnehmung beeinflusst.

  7. @Friedrich Schwarz:
    “Solange das Bewusstsein noch nicht reduktionistisch erklärt wurde, können wir David Chalmers seine Zweifel lassen”

    Bewusstsein lässt sich ebensowenig reduktionistisch erklären, wie Leben im Allgemeinen. Bewusstsein entsteht erst ab einer bestimmten Zahl sowie einem bestimmten Vernetzungsgrad von Neuronen, oder, wie Tonnoni sagt, ab einem spezifischen Maß an integrierter Information Damit erst entsteht eine neue Qualität, die die Elemente, also Neuronen, nicht haben.
    Wie einer seiner Mitarbeiter, Eric Hoel, mathematisch gezeigt hat, übt ein solches neuronales System einen (regulativen) Einfluss auf seine Elemente aus. Wir wissen ja, dass Neuronen wachsen, wenn man ‘denkt’.
    Mit diesem Konzept der kausalen Emergenz lässt sich übrigens der Placeboeffekt schön erklären

  8. Von der Kognition zur Perzeption
    Philosophen neigen dazu, den Menschen vom Denken her zu begreifen. Und Denken wiederum wird oft fast synonym mit sprachlicher Durchdringung/Fassung eines Gedankens gesehen. Das war schon bei Plato so, der sagte: „Denken ist die Sprache, die die Seele mit sich selbst führt.“ Von da ist es dann nicht mehr weit zur Logik als stringenter Darstellung dessen, was man sagen will, dessen was der Inhalt der Gedanken ist.

    Da muss es nicht verwundern, dass die erste Phase der Künstlichen Intelligenz – Forschung mit dem Versuch begann, Intelligenz mit den Mitteln einer computerisierten formalen Logik, mit symbolischem “Denken” zu emulieren. Schach- und andere Brettspiele, einfache Theorembeweiser und Computeralgebrasysteme waren das Ergebnis – doch das war es dann auch schon. Denken im menschlichen Sinn war diesen Systemen schon daher nicht möglich, weil sie nicht in der Lage waren sensorische Daten wie sie Mikrophone (entsprechend unseren Ohren) oder Kameras liefern als Eingabe zu verwenden und zu verstehen, also die sprachlichen Äusserungen und die abgebildeten Gegenstände zu erkennen und zu klassifizieren. Das änderte sich erst mit dem zweiten KI-Sommer, der zweiten Phase des Einsatzes von künstlicher Intelligenz, der in den 2010er Jahren erst richtig begann und der auf künstlichen neuronalen Netzten beruht, welche “Deep Learning” ermöglichen. Und ja, die Stärke dieser künstlichen neuronalen Netze ist nun gerade die, dass sie wie wir Menschen mit vieldeutigen verrauschten Daten umgehen können, dass sie Sinnesreize nun wie wir Menschen über einen Trainingsprozess erkennen, verstehen und sie erkannte Gegenstände auseinanderhalten können. Und das hat alles geändert, denn anders als Plato und all die philosophischen Schulen dachten, ist das Einfache, nämlich das Erkennen und Klassifizieren von Sinneseindrücken, gar nicht einfach, sondern bereits eine Hochleistung – eine Hochleistung ohne die auch alles folgende, ohne die auch das Denken, Spekulieren und Planen nicht wirklich möglich ist.

    Perzeption ist der erste Schritt zum Denken und sogar abstrakteres Denken scheint sich Mechanismen und Tricks zu bedienen, die Tiere und Menschen bereits benötigen um Gegenstände zu erkennen und auseinanderzuhalten.

    No Brain without Pain

    Inzwischen fragen sich sogar Psychologen und einige Philosophen, ob es wirklich stimme, dass Denken und höhere kognitive Leistungen erst mit der Sprache begännen oder ob es nicht vielmehr so sei, dass sogar die Grenze zwischen Perzeption und Denken verschwommen ist. So liest man etwa auf der Website der Association for Psychological Science folgendes:

    Jahrzehntelang haben Lehrbücher gelehrt, dass es eine klare Linie zwischen der Wahrnehmung – wie wir sehen, hören, tasten, schmecken und riechen – und den übergeordneten kognitiven Prozessen gibt, die es uns ermöglichen, unsere Sinne zu integrieren und zu interpretieren. Neue interdisziplinäre Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass die Grenze zwischen Wahrnehmung und Kognition viel unschärfer ist als bisher angenommen. Kognitive Prozesse von oben nach unten scheinen selbst die grundlegendsten Komponenten der Wahrnehmung zu beeinflussen und beeinflussen, wie und was wir sehen. Neue Erkenntnisse zeigen auch, dass unsere so genannten Low-Level-Wahrnehmungsprozesse, wie z. B. der Geruchssinn, viel intelligenter sein können als bisher angenommen. Die Unterscheidung, was genau Top-Down oder Bottom-Up ist, könnte weitaus komplizierter sein, als Wissenschaftler bisher glaubten.

    Zugespitzt könnte man heute durchaus sagen: No Brain [No Cognition] without Pain, No Cognition without Perception.

    Tatsächlich liest man heute sogar in der Wikipedia, dass Denken nicht einfach Sprechen mit sich selbst ist, wie Platon meinte, sondern man liest dort folgende Definition:

    Unter Denken werden alle (psychologischen) Vorgänge zusammengefasst, die aus einer inneren Beschäftigung mit Vorstellungen, Erinnerungen und Begriffen eine Erkenntnis zu formen versuchen.[1] Bewusst werden dabei meist nur die Endprodukte des Denkens, nicht aber die Denkprozesse, die sie hervorbringen.[2] Introspektive Vermutungen – Lautes Denken – sind jedoch sehr unzuverlässig

    Ja, genau so empfinde ich das auch: Was viele Leute behaupten zu Denken [Lautes Denken] ist nicht die Rohform dessen was sie Denken, sondern es ist eine Mitteilung, etwas was der Kommunikation mit dem Zuhörer, dem Auditorium, dient. Das aber darf man nicht mit dem Denken selbst verwechseln.

    Mir scheint, Denken hat gerade in den Qualia einer ihrer Ursprünge, denn Qualia/Empfindungen/Sinneserlebnisse bedeuten ja gerade, dass von all den Millionen von Sinnesreizen, die jede Sekunde auf mich einwirken, gewisse Sinnesreize eine “Farbe” erhalten, etwas erhalten, was mir ermöglicht mich innerlich damit zu beschäftigen und mich später auch wieder daran zu erinnern. Und ja, sich innerlich mit etwas beschäftigen ist nichts anderes als Denken – oder mindestens der Anfang von dem, was man Denken zum Zwecke der Entscheidungsfindung nennt. So gesehen denkt eben bereits ein Raubtier, wenn es durch Erfahrung lernt, sich besser zu verstecken bevor es zur Jagd auf eine Beute ansetzt.

    In diesem Zusammenhang muss unbedingt Daniel Kahnemann und sein Buch “Schnelles Denken, Langsames Denken” erwähnt werden. Dort ordnet er die Perzeption und die unmittelbare Reaktion und die Augenblicks-Denke eines Menschen unter der Kategorie “Schnelles Denken” ein und die reflektierende, eventuell auch sprachlich gefassten Überlegungen in die Kategorie “Langsames Denken”. Und ja, die Philosophen und die erste Generation von KI-Forschern, die hat das “Schnelle Denken” weitgehend ignoriert – und damit einen grundlegenden Fehler gemacht, einen Fehler, der einen Grossteil dessen was den Menschen ausmacht unter den Tisch fallen liess.

  9. Unser Gehirn arbeitet mit unterschiedlichen Strategien:
    Als erste Reaktion auf einen neuen Reiz werden sofort vergleichbare Erfahrungen reaktiviert – damit wir schnellstens reagieren können. Dies ist unser wichtigster Überlebensmechanismus – der gegen einen ´freien Willen´ spricht. (= Prof. Kahnemann´s schnelles Denken/thinking fast).
    Hat man aber genug Zeit – weil man nicht sofort reagieren muss – dann kann diese erste Reaktion gut überdacht und dann noch korrigiert werden – diese Arbeitsweise zeigt, dass wir einen ´freien Willen´ haben. (= Prof. Kahnemann´s langsames Denken/thinking slow)

    Beim DENKEN arbeitet unser Gehirn mit Erfahrungen, die im Gedächtnis gespeichert sind.
    Eine ´Erfahrung´ besteht in unterschiedlichen Anteilen aus den Komponenten – a) Faktenwissen, b) Körper-Reaktion, c) Sinnes-Reaktion, e) Immunsystem-Reaktion und e) Emotionen.

    Bei diesem Blogbeitrag geht es um Schmerzen – deshalb dazu ein Beispiel:
    http://www.sciencedaily.com/releases/2016/05/160510084257.htm ´When you take acetamiophenon, you don´t feel other´s pain as much´
    DOI: 10.1093/san/nsw057 ´From painkiller to empathy killer: Acetaminophenon (Paracetamol) reduces empathy for pain´.
    In Kürze: Wenn wir beobachten, dass andere Menschen Schmerzen haben, dann leiden wir mit. (Dies ist eine empathische Reaktion – die entsteht weil wir immer eine eigene vergleichbare Erfahrung zu einem beobachteten Reiz reaktivieren; um zu verstehen was wir erleben.)
    Hat man aber ein Schmerzmittel genommen, dann ist dieses Reaktivieren um die Schmerzkomponente verringert – und dadurch wird auch unser empathisches Mitleiden für die Schmerzen der anderen Person gedämpft.

    Ein ähnlicher Mechanismus ist erkennbar, wenn man z.B. Gesichtsmuskulatur mit Botox gelähmt hat – dann kann man Emotionen nicht mehr richtig mitfühlen, bei denen die Mitwirkung dieser Muskeln üblich ist.
    DOI: 10.1016/j.toxocon.2016.04.044 ´Deeper than skin deep – The effect of botulinum toxin-A on emotion processing´

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