Wenn Blinde unbewusst sehen können: Das Phänomen Blindsehen

J staunte nicht schlecht, als er aufgefordert wurde, seinen Gehstock zu greifen und antwortete:„Wie soll ich das machen? Ich bin blind!“. Geduldig antwortete der untersuchende Arzt: „Ich weiß, aber versuchen sie es doch trotzdem einfach mal!“. Zur Überraschung seiner anwesenden Enkelin griff J zielsicher seinen Gehstock. „Wie ist denn das passiert?“, fragte der Arzt, aber J spielte den Erfolg runter, es sei nur Glück gewesen und er ja blind. Doch auch zahlreiche Wiederholungen des Versuchs waren immer wieder erfolgreich, selbst wenn sich der Gehstock an unnatürlichen Positionen befand und J seine Hand zum Greifen verdrehen musste. Wie kann das sein? Ist J vielleicht gar nicht blind? Die Antwort lautet Jein. Zwar sind die Augen von J intakt, aber in Folge eines Schlaganfalls ist sich dieser nicht mehr bewusst, dass er etwas sieht. Es sind also nicht seine Augen, sondern sein Gehirn für seine “Blindheit” verantwortlich. Dieses Stadium zwischen Blindheit und Sehen wird Blindsehen genannt. Doch was ist das und wie kann man es erklären?

Wie ist das visuelle System aufgebaut?

Um Blindsehen zu verstehen, müssen wir uns erst einmal vor Augen führen, wie das Sehsystem im Normalzustand funktioniert. Von unseren Augen ausgehend, ziehen Nervenfasern über das Zwischenhirn zum hintersten Bereich unseres Gehirns. Dort, im sogenannten Okzipitallappen, liegt die primäre Sehrinde. Diese ist für unsere Sehwahrnehmung von entscheidender Bedeutung. In ihr werden erste Eigenschaften, wie beispielsweise Kontrastübergänge aus den ankommenden Signalen rekonstruiert. Schäden in diesem Bereich führen zu einer sogenannten Rindenblindheit. Betroffene erblinden trotz vollständig funktionsfähiger Augen, da ihr Gehirn die Sehinformationen nicht mehr verarbeiten und weiterleiten kann. Wie ist das visuelle System aufgebaut?

Normale Funktion der Sehbahn als Grundlage zum Verständnis des Blindsehen
Die Sehbahn vom Auge zur primären Sehrinde (primary visual cortex) umgeschaltet im Zwischenhirn (lateral geniculate nucleus)

Das war’s?

Von der primären Sehrinde werden die Informationen an „höhere“ Sehareale weitergeleitet. Diese Bereiche werden immer spezialisierter und sind für immer spezifischere Eigenschaften wie Farbe, Größe oder Bewegung gesehener Objekte verantwortlich. Schäden in diesen Bereichen können zu ganz charakteristischen Agnosien führen. So ist zum Beispiel der Gyrus fusiformis von entscheidender Bedeutung zum Erkennen von Gesichtern. Dort auftretende Schädigungen führen zu der sogenannten Prosopagnosie, der Gesichtsblindheit. Betroffene können zwar einzelne Bestandteile des Gesichts wie die Nase oder den Mund erkennen, es fällt ihnen jedoch schwer, diese Informationen zu einem Ganzen zusammenzufügen und so Personen anhand ihres Gesichts zu identifizieren.

Ok, aber geht das auch einfacher?

Von der primären Sehrinde ausgehend, kann man die Verarbeitung in den höheren Seharealen vereinfacht in zwei große Pfade untergliedern; in den dorsalen („oberen“) und den ventralen („unteren“) Weg. Der dorsale Abschnitt ist dafür verantwortlich, in welcher Relation sich ein Objekt zu unserem Körper befindet. Es rekonstruiert, wo das Objekt ist, wie groß es ist und mit welcher Geschwindigkeit es sich bewegt. Der ventrale Teil klärt die Frage, was das überhaupt ist, das sich da bewegt. Wenn ein Ball auf uns zufliegt, identifiziert der ventrale Weg, dass da ein Ball ist und der dorsale Pfad berechnet, dass etwas auf uns zufliegt. Diese beiden Informationen können dann zusammengefügt werden, und wir erkennen, dass ein Ball auf uns zu fliegt. Die Informationen des dorsalen Wegs werden zudem an unser motorisches System weitergeleitet, sodass wir den Ball auch fangen könnten.

Aufteilung Sehrinde in den dorsalen und den ventralen Weg. Dort auftretenen Schäden können zu Blindsehen führen.
Aufteilung der Sehverarbeitung nach der primären Sehrinde (grau-blau) in den ventralen (“was”) Weg (lila) und den dorsalen (“wo”) Weg (grün).

Fun Fact:

Die Fähigkeit, die zerlegten Informationen wieder richtig zusammenzufügen, ist nicht angeboren, sondern wir erlernen sie erst im Kleinkindalter. Dies wurde in einem unterhaltsamen Experiment erfolgreich demonstriert: Einige Kleinkinder spielen erst mit großen Spielsachen, wie beispielsweise einem Auto, in welches sie hineinklettern können. Nach einer kurzen Pause kommen die Kinder wieder in den Raum, in welchem diesmal allerdings lediglich Miniaturversionen der Spielzeuge vorhanden sind. Die Kinder merken zwar, dass etwas anders ist, können die neuen Informationen aber noch nicht richtig zusammenfügen. Sie probieren weiterhin in das Auto einzusteigen, obwohl es kaum mehr größer ist als ihr Fuß. Die Kinder erkennen zwar richtig, was es ist, die Information der Relation ist aber noch nicht wieder korrekt zusammengefügt worden.

Verdeutlichung, dass das Zusammenfügen von visuellen Informationen bei Kindern noch nicht immer so klappt. Das Originalvideo ist unten zu finden.

Doch was ist nun Blindsehen?

Beim Blindsehen kommen nun unsere bisherigen Informationen vom Aufbau des visuellen Systems zusammen. Allgemein ist das Blindsehen eine Form der Rindenblindheit. Das heißt also, dass die Augen zwar intakt sind, aber bestimmte Gehirnbereiche – in diesem Fall, die für die bewusste Sehwahrnehmung – geschädigt wurden. Von anderen Formen der Rindenblindheit unterscheidet sich das Blindsehen dadurch, dass manche visuellen Informationen unterbewusst noch vorhanden sind.
So sind wiederholt Betroffene beschrieben worden, welche beim Laufen Gegenständen ausweichen, ohne sich bewusst zu sein, dass sie vorhanden sind. Das Video unten zeigt einen solchen Patienten. Dieser berichtet: „Einfach den Weg gegangen zu sein, der sich richtig angefühlt hat“.

Eine mögliche Erklärung ist, dass im dorsalen (wo) Weg noch ein paar Informationen unter Umgehung der primären Sehrinde ankommen und so Informationen dem Bewegungssystem zur Verfügung stellen können. Schäden im ventralen (was) Pfad führen jedoch dazu, dass die Betroffenen nicht wissen, was und auch, dass sie sehen. Ob dies tatsächlich die Begründung ist oder noch andere Faktoren eine Rolle spielen, ist aktuell aber Gegenstand der Forschung.

Welche Formen des Blindsehens gibt es?

Das Blindsehen ist ein diverses Krankheitsbild. Durch unterschiedliche Gehirnschäden sind die Symptome fast immer individuell. Die Schäden umfassen vor allem die primäre Sehrinde, aber auch den medialen Pulvinar, ein Bereich im Zwischenhirn. Defekte dort sind interessanterweise auch mit Neglect-Syndromen assoziiert, wo ein Teil des Sehfeldes oder eine Körperhälfte einfach „ignoriert” werden.
Neben dem (unbewussten) zielgerichteten Greifen oder dem Ausweichen von Gegenständen sind das richtige Erkennen von Helligkeiten, Farben oder Bewegungen Eigenschaften, welche häufig beschrieben wurden.
Anhand der verbleibenden Fähigkeiten und Empfindungen kann man jedoch eine Einteilung in verschiedene Klassifikationen vornehmen. Beispielsweise spricht man von affektivem Blindsehen, wenn Emotionen aus Gesichtern noch erkannt werden können, oder von Typ-II Blindsehen, wenn insbesondere die Fähigkeit zum Erkennen von Bewegungsrichtungen erhalten bleibt. Dabei ist wichtig zu betonen, dass sich diese Klassifikationen in der Regel nicht gegenseitig ausschließen, sie können bei einer Person auch nebeneinander existieren und werden je nach Experiment einfach nur unterschiedlich stark deutlich.

Interessant zu erwähnen ist auch das Riddoch-Syndrom. Dieses wurde schon im Ersten Weltkrieg bei Soldaten beschrieben, welche Verletzungen im Bereich des Okzipitallappens (also dem Hirnareal mit der primären Sehrinde) erlitten. Die Betroffenen sind auch rindenblind, können jedoch sich schnell bewegende Objekte wahrnehmen. Im Gegensatz zum Blindsehen Typ-II erfolgt dies jedoch bewusst!

Blindsehen und multiple Persönlichkeiten

Zum Abschluss möchte ich noch auf einen ganz besonderen Fallbericht eingehen. In Folge eines unfallbedingten Schädelhirntraumas entwickelte eine Patientin, welche an einer multiplen Persönlichkeitsstörung litt, eine Rindenblindheit. Durch Zufall stellte sich im Verlauf der psychiatrischen Behandlung heraus, dass die Patientin in einem Identitätszustand einzelne Wörter in Zeitungsüberschriften identifizieren konnte. Mittels gezielten Trainings konnte diese Empfindung dann weiter auf helle Objekte und später auf fast die gesamte visuelle Wahrnehmung erweitert werden. Das Interessante ist, dass die Fähigkeit des Sehens mit den Persönlichkeiten wechselte. Zwar konnte die Sehfähigkeit nach und nach auf alle Identitäten generalisiert werden, zwischendurch co-existierten jedoch sehende und blinde Persönlichkeitszustände, welche innerhalb von Sekunden umschlagen konnten! Dies könnte ein
Hinweis sein, dass die Ursachen für Blindsehen doch deutlich komplexer sind, als oben angedeutet.

Zusammenfassung und (philosophischer) Ausblick

Das Blindsehen ist eine Form der Rindenblindheit, bei welcher die Augen intakt, aber sinnesverarbeitende Gehirnareale beschädigt sind. Es erlaubt einen Einblick in die Aufteilung der sensorischen Wahrnehmungsverarbeitung und das Zusammenfügen der Einzelaspekte zu einem kohärenten Sinneseindruck.

Doch Blindsehen gibt nicht nur Rückschlüsse auf unsere sensorische Wahrnehmung, sondern auch auf unser Bewusstsein und unser Unterbewusstes. Vielleicht ist es sogar ein Fenster zu normalerweise verschlossenen Bereichen unseres Unterbewusstseins, die sonst von unserem Bewusstsein überlagert werden? Interessant dabei ist im Übrigen, dass die Betroffenen in der Regel nicht selbstständig auf die Informationen zugreifen können, sondern gefragt oder aufgefordert werden müssen.
Auch die „Zombiezwillinge“ (Menschen, die genau wie wir handeln und reagieren, aber alles ohne Bewusstsein) des Philosophen David Chalmers werden auf einmal denkbarer. Doch genug der Spekulation meinerseits …

Was denkt ihr? Ist Blindsehen nur eine sehr eingeschränkte Sehleistung oder vielleicht doch ein Tor zum Unterbewusstsein?

Ein vollständige Liste der verwendeten Literatur ist hier zu finden.

Veröffentlicht von

Friedrich Schwarz studiert Humanmedizin und Angewandte Informatik mit Schwerpunkt Neuroinformatik. Aktuell fasziniert ihn die Theorie, dass Humor und Kreativität als Positivfaktoren in der sexuellen Selektion dazu beigetragen haben könnten, dass die menschliche Gehirngröße evolutionär zunahm. Mit dem Schreiben hier probiert er, seine Begeisterung über das Gehirn mit der Welt zu teilen – ob sie möchte oder nicht.

4 Kommentare

  1. Hallo, Herr Schwarz,
    Der Gedanke, dass man etwas sieht, aber nicht weiß, dass man es sieht, das ist überraschend und gleichzeitig erschreckend.
    Oder umgekehrt ,man weiß, dass etwas da ist, aber es nicht sieht.
    Und wer ist “man”.

    Das Beispiel mit dem Mädchen und dem Auto kann man auch anders interpretieren. Wenn Kinder spielen, tun sie “als ob”.
    Ein Mädchen füttert seine Puppen , obwohl es weiß, dass die Puppe den Mund nicht öffnet.
    Das Mädchen steigt in das Miniaturauto, “obwohl es weiß, dass es zu klein ist”.
    Wenn es das nicht gewusst hätte, dann hätte das Mädchen hinterher nicht gelacht. Das war kein überraschtes Lachen, das war ein lustiges Lachen “seht her, es geht doch !”
    Kinder in dem Alter befinden sich in der magischen Phase, wo alles möglich ist.
    Und sie probieren es aus, ohne darüber nachzudenken.
    Sie meinen ja, das Kind “könne die neuen Informationen aber noch nicht richtig zusammenfügen. ” Sie meinen , sein Intellekt sei noch nicht genug entwickelt.
    Kann sein, meine Meinung, das Kind spielt mit der Vorstellung von Welt und der realen Welt. Das Kind lebt in einer eigenen Welt und ist darin gefangen.

  2. Hallo Friedrich,

    ein wunderbarer Artikel, vielen Dank dafür. Ich habe ihn gleich mal an meine Sehtrainer Kollegen weitergeleitet.

    Auch Sehen kann nach einem Schlaganfall wieder gelernt werden. So wie andere Sinne auch wieder aktiviert werden können.

    Ein Freund hatte durch einen Schlaganfall seine Sprechfähigkeit verloren. Auch er lernte wieder sprechen.

    Das motivierte mich wieder gut sehen zu lernen.

    Herzliche Grüße
    Sylvia Gelman
    Ganzheitliche Sehtrainerin

  3. Mehrere sinnverarbeitende Pfade als Schlüssel zur Leistungsfähigkeit unseres Hirns?
    Nicht nur visuelle, auch auditorische Information wird auf mehr als einem Pfad verarbeitet. Zitat AUDITORY BRAIN:

    Hörbotschaften werden über zwei Arten von Pfaden an das Gehirn übermittelt: den primären auditiven Weg, der ausschließlich Nachrichten von der Cochlea trägt, und den nicht-primären Weg (auch retikulärer sensorischer Weg genannt), der alle Arten von sensorischen Botschaften trägt.

    In Development of parallel auditory thalamocortical pathways for two different behaviors liest man dazu:

    Ein Markenzeichen der sensorischen Systemorganisation sind parallele Wege. Im Hörsystem divergieren auditive Nervenfasern in verschiedene Abteilungen des Cochleakerns und schaffen die Voraussetzungen für mehrere aufsteigende Wege. Auf der thalamokortikalen Ebene ergeben sich parallele Wege aus drei verschiedenen Abteilungen des medialen Genuskörpers (MGB; zur Überprüfung siehe Winer et al., 2005). Diese parallelen Wege sollen verschiedene Funktionen beim Hören erfüllen.

    Vermutung: Im Hirn werden viele Dinge parallel in verschiedenen Verarbeitungspfaden erledigt und jeder Verarbeitungspfad hat für die gleiche Information eine etwas andere Aufgabe, beispielsweise könnte ein visueller Pfad für die Objekterkennung, ein anderer für die Bewegungserkennung zuständig sein. Auch in er Künstlichen Intelligenz-Forschung erkennen einige in dieser Art von paralleler, aber je andersartigen Verarbeitung inzwischen eine Möglichkeit zur Leistungssteigerung.

    Fazit:Nicht nanosekundenschnelle Transistoren, sondern langsam arbeitende und langsam kommunizierende Neuronen bilden die Grundelemente der Verarbeitungsfähigkeit des Hirns. Deshalb ist parallele Verarbeitung für das Hirn essentiell um eine bestimmte Leistung zu erbringen. Offenbar verarbeiten aber die verschiedenen Verarbeitungspfade im Hirn verschiedene Dinge während in elektronischen Computern die parallelen Elemente meist alle identisch sind.

  4. Dieses Phänomen konnte ich in der Arbeit mit einer Klientin im Altenheim beobachten, die mit Frontotemporaler Demenz (früher Morbus Pick) erkrankt war. Wir übten – ganz nach dem Motto „es sehen auch die, die gut sehen können, nie alles oder alles richtig“ – Beweis „Zeugenaussagen“ – auf das „eigene Gefühl“ zu vertrauen, um die Panik in den Griff zu kriegen, wenn wieder mal von einem Moment auf den anderen die „Ich bin blind, ich kann nichts sehen“ -Situationen entstanden, meist unter allgemeinen Stress oder überfordernden/ungewollten Anforderungen von außen.
    Danke für die Erklärung, mit der sich dieses Phänomen besser vermitteln lässt, denn nur zu oft wurde spontan interpretiert, die „Blindheit“ sei „absichtlich vorgetäuscht, um Aufmerksamkeit zu erregen, da sie ja sonst auch nicht vorhanden“ sei.

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