Über genetisch veränderte Cannabispflanzen

Während der Recherchen für meinen Cannabis-Artikel bei Spektrum haben mich Leute unter anderem gefragt, was dran ist am Gerücht vom genetisch veränderten Dope. Fachleute und Konsumenten (und konsumierende Fachleute natürlich) sind sich weitgehend einig, dass da draußen ziemlich krasses Zeug unterwegs ist – Cannabisprodukte, die weit mehr des Hauptwirkstoffes (6aR,10aR)-6,6,9-Trimethyl-3-pentyl-6a,7,8,10a-tetrahydro-6H-benzo[c]chromen-1-ol (Δ9-Tetrahydrocannabinol, THC) enthalten als normal.

Normal ist für klassisches Grünzeug knapp fünf Prozent. Inzwischen scheinen allerdings deutlich höhere Gehalte weit verbreitet zu sein, das Pflanzenmaterial in dieser Studie zur GMO-Frage teilt sich relativ klar in eine <5%-Fraktion und eine >15%-Fraktion. Stammen die Pflanzen mit den hohen Gehalten von biotechnisch erzeugten Sorten ab?

GMO-Hanf ist realistisch

Die Idee ist keineswegs völlig abwegig – transgene Nutzpflanzen zu erzeugen ist heutzutage ziemlich Routine, und Hanf ist eine landwirtschaftliche Nutzpflanze: Faserhanf ist die gleiche Art wie die Pflanzen, deren Produkte man raucht. So wird es niemanden überraschen, dass es schon relativ lange Verfahren gibt, fremde Gene in diese Pflanzen einzubauen. Dabei geht es allerdings nicht um die Harzdrüsen der Pflanze, sondern andere Eigenschaften. Ein wirklicher Hinderungsgrund ist das aber nicht, Pflanzendrüsen sind durchaus im Fokus der Biotechnik, und die Gene für Enzyme, die THC herstellen, sind im Prinzip auch bekannt.[1]

Ob eine Pflanze tatsächlich gentechnisch verändert wurde, lässt sich mit molekularbiologischen Methoden herausfinden, und ich bin auch auf die oben genannte Veröffentlichung gestoßen, in der genau das beschrieben wird. Man hat im Grunde zwei Möglichkeiten: Erstens kann man mit einem Antikörperassay das veränderte Enzym nachweisen. Dazu muss man allerdings wissen, welches Enzym wie verändert wurde – und da es keine wissenschaftlich beschriebene GMO-Cannabis-Sorte gibt, fehlt diese Information. Bleibt nur noch als zweite Möglichkeit, die genetische Veränderung direkt nachzuweisen.

Das macht man mit Hilfe der PCR, indem man nämlich Primer für Gensequenzen verwendet, die aus dem so genannten Vektor stammen – dem Organismus, mit dessen Hilfe das Gen übertragen wurde. Wie das im Detail funktioniert, lest ihr bitte ggf. nach. Da gibt es mehrere Möglichkeiten, aber meine kursorische Recherche hat gezeigt, dass Hanf vor allem mit Agrobacterium tumefaciens transformiert wird. Deswegen haben die Autoren auch gleich mehrere für Agrobacterium spezifische Primer eingesetzt, dazu noch ein Primerpaar für das Blumenkohl-Mosaikvirus. Und gerade in der Marihuana-Probe mit dem höchsten THC-Gehalt war letzterer Test positiv.

Fehlalarm

Allerdings ist das ziemlich sicher ein falsch-positives Resultat. Einige Argumente dafür stehen im Paper: Es war der einzige positive Befund bei allen Proben mit hohen Gehalten. Wenn High-THC-Sorten gentechnisch erzeugt würden, wäre ihr Anteil weit höher. Außerdem ließ sich in der positiven Probe keine Infektion mit dem Virus nachweisen – und ohne die Infektion keine Übertragung genetischen Materials. Vermutlich war diese eine Probe einfach mit anderem genetisch veränderten Pflanzen kontaminiert, zum Beispiel zur Tarnung angepflanztem Mais.

Das ist jetzt natürlich nur eine einzige Studie mit ner Handvoll Proben, auf der Basis kann man keineswegs ausschließen, dass da draußen doch noch irgendwo GMO-Cannabis rumschwirrt. Ich halte das aber nach dem, was ich inzwischen so zum Thema gelesen habe, für recht unwahrscheinlich.

Zum einen ist Hanf, wie sich herausgestellt hat, schwerer gentechnisch zu verändern als andere Pflanzen. Warum das so ist, ist anscheinend nur teilweise klar. Allerdings haben sich auch nur vergleichsweise wenige Arbeitsgruppen und Unternehmen an dieser Nutzpflanze versucht – im wichtigsten Markt USA ist der Anbau von Hanf derzeit schlicht verboten.[2]

Außerdem braucht man solche Methoden einfach nicht. Den Beleg, dass sowas ohne Probleme per Zucht geht, liefert medizinischer Hanf in den USA. Bei dem ist viel THC und der resultierende Rausch unerwünscht, man möchte lieber die anderen Cannabinoide, allen voran Cannabidiol (CBD). Das kommt in normalen Sorten in geringerer Menge vor als THC – neue, für diesen spezifischen Markt entwickelte Sorten enthalten allerdings bis zu drei mal so viel CBD wie THC – ganz ohne Gentechnik.
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[1] Sowohl Name als auch Strukturformel von THC sind in diesem Paper ein bisschen danebengegangen, aber ich bin inzwischen ziemlich sicher, sie meinen wirklich Δ9-THC. Kommt schon mal vor, dass Molbio-Leute bei komplexeren Strukturen ins Schleudern kommen.

[2] Nach der Legalisierung haben mehrere Staaten die Zulassung als Feldfrucht beantragt, soweit ich weiß.

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Was bedeutet das eigentlich für das Suchtpotential, wenn der THC-Anteil erhöht ist?

    Man würde doch auch nicht sagen: Boah, Stroh-Rum ist voll gefährlich, weil der 80% Alkohol enthält.

    Man säuft halt weniger davon.

    Geht es darum, dass das Verhältnis TCH/CBD ungünstiger ist? Und was bedeutet dieses Verhältnis für die Rausch-Qualität? (vgl. Spektrum-Artikel: CBD – dieses verursacht selbst keinen Rausch, mildert aber durch seine angstlösenden und antipsychotischen Eigenschaften die unerwünschten Wirkungen des THC ab)

    • Vermutlich ist das gefährlich, weil der THC-gehalt nicht – wie bei Alkohol – zuverlässig auf der Packung steht. Wenn man dann ein paarmal angeblichen “Hammer-Hanf” mit normalen Wirkstoffgehalten hatte könnte beim nächsten Mal eine Überdosierung möglich sein. So wie wenn der Wirt im Cocktail reinen Alkohol statt 40%-Wodka verwendet.
      Zudem wird nicht überall der Hanf mit Tabak gestreckt sondern manchmal auch pur geraucht. Da ist eine geringere Dosierung pro Joint schwieriger, vor allem wenn es um mehr als Faktor 3 an Differenz geht.

      • Ihr Kommentar ist leider typisch für die – dank Kriminalisierung der Hanfpflanze – uninformierte Bevölkerung.

        Es ist mit Cannabisprodukten nicht möglich in einen bedrohlichen Vergiftungszustand einer Überdosierung zu geraten, wie es bei Alkohol etwa der Fall ist. Um dieses zu wissen reicht der kurze Blick in die Wikipedia (nebst dortiger Quellenangabe).

  2. Leider ist der Artikel nicht kostenlos, sonst hätte ich selber nachgelesen, ob das mit der PCR wirklich so dort steht, weil es so wie im oben geschrieben ist nicht ganz verständlich ist. Erstens würde eine PCR auf Agrobakterien nix bringen, da sie selber in der genveränderten Pflanze gar nicht mehr anwesend sind. Wahrscheinlich wurde nur auf die so genannten Borderssequenzen getestet, die das kleine DNA-Stück, das übertragen wird, flankieren. Das ist aber auch Erbsenzählerei von mir. Das viel Unlogischere ist das mit dem Blumenkohlmosaikvirus. Ziemlich sicher haben die Autoren auf Anwesenheit des 35S-Promotors dieses Virus’ getestet, der ein Standardpromotor in der Pflanzengentechnik ist und es daher eine große Wahrscheinlichkeit gibt, dass er auch in mutmaßlich transgenem Hanf verwendet wird. Das Virus selber wird weder für Genübertragungen genutzt noch befällt es etwas anderes als Kreuzblütengewächse, daher ist der Test auf Infektion komisch. Ich denke aber, dass die Autoren nur alles richtig machen wollten und zeigen, dass sie eine Kontamination mit dem Virus selber ausschließen können, warum auch immer, da es ja Hanf nicht befällt. Im Prinzip wäre für mich also ein positiver Test auf den 35S-Promotor bei gleichzeitiger Abwesenheit des Virus’ selbst ein sehr deutlicher Hinweis, dass Gentechnik im Spiel ist. Wie Du aber richtig schreibst, sollte es dann mehr positive Proben geben, womit das Fazit, dass die eine positive Probe evtl. von gv Mais verursacht wurde, nachvollziehbar ist.

  3. Und noch ein grundsätzlicher Nachtrag – warum sollte man überhaupt den wie oben geschrieben schwer einer Manipulation zugänglichen Hanf so genverändern? Schon vor über 10 Jahren kam mal ein Student mit einer Projektidee zu mir, der transgenen Tabak mit dem Enzymsatz für THC-Synthese ausstatten wollte. Dann hätte er eine unverdächtige Pflanze, die man sowieso schon raucht, und Tabak kann theoretisch jeder bessere Hobbygärtner genverändern, wenn er die richtigen Agrobakterien hat. Ich habe den Studenten damals natürlich weggeschickt, ich wollte ja keinen Ärger im Labor.

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  5. In Ergänzung des Artikels:

    Die im Text angesprochenen medizinischen Sorten, wie sie zum Beispiel von der Firma “Bedrocan” angeboten und in deutschen Apotheken verkauft werden, haben ihren Ursprung allesamt in der Hanf-Kultur der USA und Niederlande der 80er Jahre.

    Dazu gehören die seinerzeit erstmalig versuchten Kreuzungen des indischen sowie (sub-)tropischen Hanfes.
    (siehe auch die beiden Gattungen des Hanf: “Cannabis Indica” und “Cannabis Sativa”)

    Bekannt wurden diese Sorten unter Namen wie “Jack Herer”, “White Widow” oder “Northern Lights”. Schmerzpatienten kennen sie unter den Produktnamen Bedrobinol, Bedica oder Bediol.

    Missverständnisse:
    Es sind genau jene Züchtungen, die von Unwissenden und Verfechtern der Prohibition verzerrend als “Hammergras” bezeichnet werden.

    Daher rührt auch die urbane Legende des genmanipulierten Marihuanas:
    Es handelt sich lediglich um Hybrid-Züchtungen zwischen den beiden Gattungen, die zu einer Potenzsteigerung geführt haben.

    Samen können auch heute bei den Original-Züchtern in Amsterdam für relativ kleines Geld gekauft werden. Gegenüber dem sehr teuren Apothekenverkauf des Fertikproduktes zu Lasten der Krankenkassen, wäre also auch die viel günstigere Selbstversorgung der Patienten durch Eigenanbau möglich.

    (In USA, Portugal, Spanien und Niederlande ist dies legal, bzw wird von einer Strafverfolgung abgesehen)

    Zum Abschluß:
    Die Pflanzenzucht samt der Stammbäume aller Kreuzungen ist relativ gut dokumentiert. So liegen für fast alle in den letzten 30 Jahren auf dem Markt befindlichen Cannabiszüchtungen entsprechend Hinweise von den Züchtern vor.

    Diese arbeiteten vor allem in den Niederlanden, wo aufgrund der liberalen Rechtsprechung die professionelle Zucht überhaupt nur möglich war.

    Es handelte sich bei der Zucht von Hanf um eine in den Untergrund verdrängte Subkultur, die trotz Prohibition und Strafverfolgung überall auf der Welt von Liebhabern des Cannabis aufrechterhalten wurde.

    Selbstverständlich wurden diese Sorten auch in illegale Märkte als Samengut weltweit exportiert und verkauft – das lässt sich bei einer Politik des blinden Verbotes ja auch gar nicht trennen… leider.

    Heute in aufgeklärten Zeiten profitieren Schmerzpatienten von dieser Arbeit.

    Quelle zum Nachprüfen:
    http://www.alternative-drogenpolitik.de/2015/10/17/bedrocan-hersteller-von-medizinischen-cannabisblueten/

  6. Pingback:Debunking the 12 Famous European Myths About Cannabis - Marapharm TV : Marapharm TV

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