Das Ende der Drogenpolitik und wie man es verhindern könnte

Neulich habe ich sehr ausführlich über Gesundheitsrisiken unser aller Lieblingsdroge recherchiert – Cannabis ist ein bisschen weniger harmlos als man es sich gerne erzählt. Das ist aber nur die eine Hälfte der Geschichte. Die andere Hälfte, die man dabei auch kennenlernt, ist die vom bevorstehenden Kollaps der bisherigen verbotsbasierten Drogenpolitik. Ich meine damit nicht das übliche Wehklagen über all die Ungereimtheiten, Ungerechtigkeit und blanke Menschenverachtung. Das grundsätzliche Prinzip wird bald einfach nicht mehr funktionieren.

Der Kontext der Drogenpolitik – also der Markt für illegale Rauschmittel – hat sich in den letzten paar Jahren deutlich verändert. Früher war die ganze Geschichte halbwegs übersichtlich. Es gab ein paar mehr oder weniger gängige und weithin bekannte Drogen und dazu ein paar exotische Sachen, aber im Großen und Ganzen war der Pool der Rauschmittel begrenzt. Darauf ist auch die Rechtsprechung zugeschnitten: Das Betäubungsmittelgesetz enthält Listen verbotener und kontrollierter Substanzen – alles was da nicht drinsteht, ist legal.[1]

Der Ansatz stößt an seine Grenzen, wenn regelmäßig neue Stoffe auftauchen – also nicht irgendwelche zusammengekochte Küchendrogen aus Medikamenten oder so, sondern neue oder obskure psychoaktive Substanzen aus dem Labor. Und das scheint gerade zu passieren.

Legal Highs aus China, in allen Formen und Farben

Die synthetischen Cannabinoide sind dabei ganz vorne mit dabei, der ganze Kram rund um Spice, K2 und etwa 400 ähnliche Substanzen. Das sind quasi die tief hängenden Früchte, die stammen aus der medizinischen Forschung und ihre Synthese steht zumindest teilweise in den einschlägigen Papers drin. Das eigentliche Problem dabei ist, dass Chemie nun mal nicht so wahnsinnig kompliziert ist – für kleine Moleküle, wie es die synthetischen Cannabinoide sind, reicht ein kleines Labor, ein, zwei Leute mit ein bisschen Erfahrung in organischer Synthese und einfachen Zugang zu Feinchemikalien.

Es war von Anfang an irgendwie absehbar, dass China diese Lücke füllen würde, ihr könnt das in diesem Artikel im Guardian im Detail nachlesen. Solche Hinterhoflabors können natürlich keine neuen Substanzen erforschen, aber mit ein bisschen Kapital ist es auch nicht so wahnsinnig aufwendig, kontinuierlich neue Drogen zu entwickeln. Man macht da ja keine Medikamentenforschung mit klinischen Studien und so – ob das Zeug ordentlich knallt, kriegt man auch ohne die recht schnell raus.

Gut, ob so ein Geschäftsmodell ökonomisch trägt, weiß man nicht, aber ich persönlich glaube, dass in der wissenschaftlichen Literatur bis auf weiteres genug Material schlummert, um den Markt synthetischer Drogen anzutreiben. Und das heißt, man wird sie niemals alle schnell genug regulieren, kontrollieren und verbieten können. Schon die Schnelltests zu erforschen, die nötig wären, um die zufällig noch legalen von den zufällig schon illegalen Stoffen zu unterscheiden, würde Jahre dauern.

Das Schöne daran ist ja, dass die gegenwärtige Drogenpolitik das Problem noch systematisch verschlimmert, einfach weil sie die Leute reihenweise in diesen Markt und die damit verbundenen Gesundheitsgefahren hineintreibt. Mit illegalen Rauschmitteln erwischt zu werden kann Existenzen zerstören, allein das ist schon ein wesentlicher Anreiz, zur legalen Alternative zu greifen

Nicht zu vergessen: Wenn eine Substanz legal ist, gehen viele Nutzerinnen und Nutzer davon aus, dass er auch sicher ist. Und das stimmt nicht. Synthetische Cannabinoide zum Beispiel erweisen sich als giftiger als der Naturstoff selbst. Mit neuen Substanzen, die gar nicht erst aus der Medikamentenforschung kommen, dürfte das Problem eher noch größer werden, so mit Langzeitfolgen wie Nieren- und Leberversagen. Und irgendwann wird die Politik es dann auch leid sein, dass alle halbe Jahr die bürgerlichen Milieus aufschreien, weil Filius ein paar Wochen komisch riechende Zigaretten raucht und dann plötzlich an die Dialyse oder in die Psychiatrie muss.

Ein Vorschlag zur Abhilfe

Es ist ja nicht mein Job, mir zu überlegen, wie eine sinnvolle Drogenpolitik aussehen könnte, aber es bleibt ja nicht aus. Deswegen hier ungefährer Vorschlag, wie man das Problem mit den synthetischen Drogen sinnvoll entschärft.

Punkt eins ist eine Positivliste. Das heißt man dreht die Logik des Betäubungsmittelgesetzes einmal komplett um, indem man reinschreibt, welche Rauschmittel die Leute unter welchen Bedingungen nehmen dürfen.[2] Dann wäre der Laden erstmal dicht für die große Vielfalt neuer ungeprüfter Substanzen.

Das gilt natürlich nur, wenn man als Punkt zwei eine Reihe zusätzlicher Drogen legalisiert. Denn wenn nach wie vor ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung andere Rauschmittel haben will als die legalen, werden die synthetischen Sachen weiterhin Abnehmer finden. Zumal der Katalog legaler Rauschmittel auf Dinge beschränkt ist, die sehr viel Schaden anrichten und dabei eher wenig Spaß liefern.

Also sollte auf der Positivliste eine Sammlung von Rauschmitteln sein, die die erwünschten Wirkungen auf möglichst sichere und verträgliche Weise abdeckt – so dass für alle was dabei ist, die sich bisher im illegalen Markt bedienen. Hätte auch den Vorteil, dass man dann endlich mal Kontrolle über die Inhaltsstoffe hat – das Problem mit den gefährlicheren THC-reichen Cannabissorten und damit einhergehenden psychischen Problemen lässt sich quasi nebenher beseitigen.

Und drittens finde ich, dass man die gesamte Palette der Rauschdrogen, einschließlich und ganz besonders Alkohol und Nikotin, aus der Öffentlichkeit holen sollte. Drogen gehören nicht in den Supermarkt, sondern in spezialisierte Fachgeschäfte. Etwa wie in Schweden, bloß eben nicht mit einem staatlichen Monopol.

So, das war’s von mir. Ich überlasse es euch, das mal in allen Konsequenzen durchzudeklinieren.

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[1]Wenn’s halt nicht irgendwo anders drinsteht.

[2] Ich weiß, kann man knicken, weil der Großteil der trinkenden Bevölkerung nie im Leben akzeptieren wird, dass ihr Stoff im Betäubungsmittelgesetz gelistet ist.

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

13 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Lässt sich einigermaßen klar definieren, was ein Rauschmittel ist? Wenn nicht, wäre das mit der Liste der erlaubten Rauschmittel ziemlich problematisch. Nicht dass es plötzlich verboten wäre einen Apfel zu essen, weil es niemand schafft alle chemischen Substanzen darin aufzulisten.

    • Deswegen benutzt man für so etwas normative Definitionen, ausschliessende Definitionen, statt beschreibender, inklusiver. Lars schreibt ja von einer Liste – alles was drauf ist, ist erlaubt, alles andere nicht. Nicht anders ist es heute schon, nur mit umgekehrten Vorzeichen, was zum im Text beschriebenen Problem führt.

      • Man will ja aber nicht, dass alles andere verboten ist, sondern nur, dass alle anderen Rauschmittel verboten sind. Und daher muss man den Begriff “Rauschmittel” definieren. Oder ist es offensichtlich, was dieser Begriff bedeutet?

        Eine Definition ähnlich der aktuellen aus §1 BtMG (“Betäubungsmittel im Sinne dieses Gesetzes sind die in den Anlagen I bis III aufgeführten Stoffe und Zubereitungen.”) würde jedenfalls nicht funktionieren.

        Letztendlich würde eine solche Umkehr die Aufgabe über Grenzfälle zu entscheiden vom Gesetzgeber zu den Gerichten verschieben. Es ist gut möglich dass das besser wäre als der jetzige Zustand (weil man schneller und flexibler auf neue Substanzen reagieren kann), aber los wird man das Problem nicht.

      • @ Herr Haasis :

        Deswegen benutzt man für so etwas normative Definitionen, ausschliessende Definitionen, statt beschreibender, inklusiver.

        Inkludierende Freiheit würde vs. exkludierender auch nicht dem Konzept der Negativen Freiheit entsprechen, das für die aufklärerischen Gesellschaften grundlegend ist.
        Zudem wäre positive Freiheit auch eine Art Euphemismus für Freiheit.

        Sprachlich interessant ist, was ‘normativ’ genau bedeutet.

        MFG
        Dr. W

  2. Sorgt aber ich finde alle diese aufgezeigten Wirkungen von Hanf schon interessant. Aber jeder Stoff wirkt irgendwie auf d. Organismus. Aber der Punkt ist Freiheit! Wer hat das Recht Erwachsenen zu sagen was ihnen gefällt? Wegen Geld? Krankenkassenbeiträge. Nicht 100 Jahre werden? Ich verwelke gerne. Ich bin mit mir im Reinen und bin gespannt was der Tod (Buh Hu Hu Angst Gezeter) mir noch bringt.
    Wieviel was die Massen lieben, Autofahren Atomkraftwerke für bequemes Leben usw. toleriert die gesteuerte Gesellschaft. Aber sie sind Killer Nr. 1.Aber geliebte Killer. Drogen heißen Selbstdisziplin und Wissen. Jeder liebt Cocain bei Schmerzen (Zahnarzt) Morphium Opiate bei starken Schmerzen. űber Hanf reden die gegen welche wenig bis keine Praxis haben. Die wissen wie es ist, sind meist dafür.
    Merkwürdig oder?
    Freiheit heißt DŰRFEN- nicht müssen! Jugendschutzgesetz bei Kinder und eben Jugend.
    Aber wenn Erwachsene sich tun wollen,bedeutet Freiheit auch das sie es dürfen. Auch wenn es wehtut.
    Aber Freiheit einschränken, die Geschichte zeigt allen wohin das führt. Immer den die Hybris meint, aber so schlau sind wir nicht. Und die Zukunft wie es

  3. Ist wohl der liberale Ansatz, ergänzt um die Begründung, dass der illegale Markt nicht zu beherrschen sei, wobei die Legalität problematisch wird, wenn Drogen im Spiel sind, die richtig “satt” machen…

    MFG
    Dr. W

  4. (Hat jetzt nix mit Drogen zu tun..) Das letzte Gerücht zum Hanf ist n Knaller: Da wo Hanf wächst, gibts angeblich kein Bienensterben! Wenn das stimmen sollte, wäre das schon krass.

  5. Hanf ist eine uralte Kulturpflanze. Daß man diese eben auch mißbräuchlich verwenden kann wird sich solange nicht verhindern lassen, solange in den Köpfen der Menschen die Rädchen nicht alle in die richtige Richtung drehen. Das Selbe Problem gibts auch mit verfaulenden stärkehaltigen Säften – ist bloß geselschaftlich anerkant und vom Staat geduldet/genutzt. Siehe Alkoholismus, Alkoholsteuer, Gastronomie etc…

    Am Ende bleibt über: Drogen funktionieren nicht, weil es die Menscheit nicht auf die Reihe bekommt dann eben NICHT mit dem Auto zu fahren, Kinder zu erziehen oder was auch immer.

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