Kampf um Höflichkeit

Gleich mit zwei Büchern zu umstrittenen Sprachthemen ist in den letzten Monaten der Duden-Verlag in Erscheinung getreten. In dem Debattenbeitrag “Eine Frage der Moral” befasst sich Anatol Stefanowitsch mit politisch korrekter Sprache. Der Band “Richtig gendern” hingegen versteht sich als eine praktische Handreichung zu den Herausforderungen geschlechtergerechten Sprachgebrauchs. 

Stefanowitsch, Anglist an der Freien Universität Berlin und meinungsstarker Blog-Autor zu unterschiedlichen sprachlichen Themen (bis 2012 auch bei den SciLogs), nimmt in seiner mit nur 63 Seiten recht schlanken Verteidigung der political correctness einen überraschenden Standpunkt ein. Anstatt eine spezifische politische Position zu beziehen, bringt er moralphilosophische Argumente dafür vor, Menschen nicht mit als herabwürdigend empfundenen Bezeichnungen anzusprechen oder über sie zu reden. Er verweist dabei auf die “Goldene Regel“, dem in diversen Varianten in der praktischen Ethik aufgestellten Grundsatz “Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst” mitsamt seiner auf Unterlassung abzielenden Entsprechung “Behandle andere nicht so, wie du nicht von ihnen behandelt werden willst”.

Aus diesem Grundgedanken heraus entfaltet er das Bild eines höflichen und gesitteten sprachlichen Miteinanders, das weit entfernt ist von ideologischer Bevormundung, sondern einfach daran erinnert, dass im Zusammenleben der Menschen auch in sprachlicher Hinsicht ein paar bewährte Grundsätze des gegenseitigen Umgangs gelten sollten. An einer Vielzahl von Beispielen zeigt er, dass es unsere kommunikativen Freiheiten keineswegs einschränkt, dieses Ziel anzustreben. Dabei führt es nach seiner Einschätzung nicht weiter, auf die Etymologie von Wörtern wie “Zigeuner” oder des “N-Wortes” (so durchgängig in diesem Buch verwendet) für Schwarze oder auf Einzelmeinungen zu verweisen. Vielmehr sollte man im Zweifelsfall in Erfahrung bringen, wie die betroffene Menschengruppe selbst bezeichnet werden möchte. Einer Stellungnahme etwa des Zentralrats der Sinti und Roma kommt bei dieser Herangehensweise ein höheres Gewicht zu als die Beteuerung, dass man sich nie etwas bei dem inkriminierten Begriff gedacht habe und sich selbst nicht beleidigt fühlen würde, oder der Verweis auf den angeblichen Status des Zigeunerschnitzels oder auf eine Formulierung in einem Kinderbuch als unverrückbares Kulturgut.

Stefanowitsch führt Argumente ins Feld, warum der Grundsatz der Goldenen Regel auch in den Fällen aufrecht erhalten werden sollte, die ihm scheinbar entgegenstehen: heterogene Gruppen ohne sinnvolle gemeinsame Bezeichnung, Selbstbezeichnungen von Gruppen wie etwa die der “Reichsbürger”, die mit guten Gründen von der Gemeinschaft abgelehnt werden, falsche Selbstzuschreibungen, moralisch aufgeladene (“Rechtgläubige”) oder fehlende Selbstbezeichnungen. Besonders interessant wird es, wenn Stefanowitsch auch Erkenntnisse aus der statistischen Analyse großer Textkorpora in seine Argumentation einbaut: So erwähnt er, wie etwa die Bezeichnung „Zigeuner“ besonders häufig mit den Adjektiven „bettelnd“, „reinrassig“, „asozial“, „feurig“, „rassig“, „dreckig“, „verfolgt“, „schlafend“, „verdammt“ und „tanzend“ kombiniert wird, während bei der Bezeichnung „Sinti und Roma“ eine derartige Häufung negativer Attribute nicht festgestellt werden kann. Diese statistische Häufung spiegelt sich in diskriminierenden kulturellen Zuschreibungen wider, die es zu vermeiden gilt.

Gemäßigte Gendersprache – und wütende Proteste

Während Stefanowitschs Buch in verschiedenen Zeitungskritiken überwiegend abwägend und wohlwollend besprochen wurde, hat der vor einem halben Jahr erschienene Ratgeber “Richtig gendern” geradezu wütende Proteste hervorgerufen. Anhand der Kommentare auf der Amazon-Seite zum Buch kann man sich davon einen Eindruck verschaffen: Dort ist von “Machwerk”, “Orwellschem Neusprech”, “Gender-Gaga”, “Tugendterror” oder “Schwachsinn in Dudenform” die Rede. In Blogs wie “Tichys Einblicke” oder in Zeitschriften wie “Compact” wird der Häme freien Lauf gelassen.

Dieser Furor ist in zweierlei Hinsicht erstaunlich. Die Forderung nach geschlechtergerechtem Sprachgebrauch wird heute in vielen Institutionen erhoben, ob man das nun gut findet oder nicht. In Hessen etwa wird das Gleichstellungsgesetz in Gestalt von Abschnitt III in der Anlage 3 der Gemeinsamen Geschäftsordnung der Landesregierung über die Ministerien an “nachgeordnete Behörden”, wie es mein Arbeitgeber, die Justus-Liebig-Universität Gießen, ist, weitergereicht. Für die diversen sprachlichen Regelungen, die dabei vorgenommen werden, Hilfestellung zu ihrer Umsetzung in Satzungen und Ordnungen zu erhalten, ist ja eigentlich nicht verkehrt. Zum anderen vertreten die Autorinnen, zu denen neben Anja Steinhauer auch die Germanistik-Professorin Gabriele Diewald gehört, eine durchaus gemäßigte Position sprachlicher Gleichstellung. So wird zur Verkürzung von Doppelnennungen hauptsächlich die Schrägstrich-Schreibung (“Mitarbeiter/-innen”) empfohlen, während Binnen-I, Sternchen und Unterstrich eher als nachrangige Möglichkeiten Erwähnung finden. “Gendern” bezieht sich für sie ausdrücklich auf die Kennzeichnung des männlichen und des weiblichen Geschlechts in der Sprache und keiner weiteren sexuellen Identitäten. Zudem unterscheiden sie verschiedene Grade der Genderrelevanz und lehnen das Gendern in Wörtern wie “Bürgersteig” vernünftigerweise rundweg ab.

In dem Buch geht es um das Spektrum der sprachlichen Varianten, das für die Kennzeichnung beider Geschlechter oder für die Verwendung geschlechtsneutraler Formulierungen auf Wort- und Satzebene zur Verfügung steht. Dabei werden die Empfehlungen von den Autorinnen in Exkursen immer wieder linguistisch recht anspruchsvoll begründet. Besonders deutlich wird dies im Falle des “generischen Maskulinums”, Dreh- und Angelpunkt einer jeden auf Gleichstellung abzielenden Sprachkritik. Hier wird klar Stellung bezogen und von der ausschließlichen Verwendung etwa von “der Wähler” abgeraten, wenn Männer und Frauen gemeint sind. Interessant ist, wie die Autorinnen anhand dieses Beispiels zeigen, dass die oft sprachhistorisch legitimierte Deutung der Maskulinum-Form in ihrer generischen Verwendung erst am Tag des Inkrafttretens der Weimarer Verfassung, in der erstmals ein Frauenwahlrecht vorgesehen war, relevant wurde. Auch auf die Frage “Wer ist dein Lieblingsschauspieler?” antworten die meisten Befragten (ich habe das Experiment nach der Lektüre selbst mehrmals durchgeführt) nicht bezüglich der generischen Lesart, die gemeint sein soll, mit Schauspielern und Schauspielerinnen, sondern ausschließlich bezogen auf die männliche Lesart. Unstrittig ist es aber auch, dass es im Deutschen einige generische Maskulinum-Konstruktionen gibt, die sich nicht “feminisieren” lassen: “niemand, der…” lässt sich eben nicht durch “niemand, die…” ersetzen. Auch das Fragepronomen “wer” erfordert einen pronominalen Bezug im Maskulinum. Der renommierte Grammatiker Peter Eisenberg, der sich in Gestalt eines FAZ-Artikels ebenfalls unter den Kritikern dieses Bandes befindet, weist in diesem Zusammenhang auf korrekt gebildete Sätze wie “Wer möchte von seiner Schwangerschaft erzählen?” hin. Die Autorinnen von “Richtig gendern” lassen dies jedoch nicht als eine Legitimation gelten, sich auch in Fällen, wo eine Differenzierung möglich ist, auf die reine Maskulinum-Form zu beschränken.

Woher kommt die Wut?

Die Schmähungen, die diesem Buch entgegengeschleudert werden, haben nichts mit einer sprachwissenschaftlichen Debatte zu diesen Themen zu tun, die ebenfalls gegensätzliche Positionen kennt. Die Wut scheint tiefer zu sitzen, Sprache wird hier zu einem Schauplatz ganz anderer politischer oder gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Wie auch bei der Bezeichnung von Menschengruppen handelt es sich bei geschlechtergerechter Sprache zu allererst um eine Frage der Höflichkeit, des gesitteten Miteinanders in einer demokratischen Gesellschaft, in der niemand allein schon sprachlich unter den Tisch fallen sollte. Mit diesem durchaus sinnvollen Ratgeber zur Praxis des geschlechtergerechten Sprachgebrauchs, mit dem viele Menschen in ihrer alltäglichen Schreibpraxis konfrontiert sind, ist der Duden-Verlag jedoch ins Kreuzfeuer eines Sprachkampfs geraten, der heute an mehreren Orten gleichzeitig ausgetragen wird. Die unaufgeregte, informierte und unideologische Behandlung solcher Themen, wie sie in diesem Band und auch in Stefanowitschs Buch geschieht, trägt, so meine Hoffnung, zumindest längerfristig zu einer Abkühlung der Gemüter bei.

 

Beitragsbild: Eigene Aufnahme

Veröffentlicht von

www.lobin.de

Henning Lobin ist seit 2018 Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim (Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft) und Professor an der dortigen Universität. Zuvor war er ab 1999 Professor für Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Von 2007 bis 2016 leitete er dort das interdisziplinäre Zentrum für Medien und Interaktivität, in dem die Auswirkungen von neuen Kommunikationsformen auf Wissenschaft, Kultur und Bildung untersucht werden. Seine Forschungsschwerpunkte bilden die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Sprache, Texttechnologie und die multimediale Wissenschaftskommunikation. Gegenwärtig ist er u.a. Mitglied des Fachkollegiums "Sprachwissenschaft" der Deutschen Forschungsgemeinschaft, germanistischer Fachbeiräte von DAAD und Goethe-Institut und des Forschungsbeirats der Stiftung Wissenschaft und Politik. Bei den SciLogs ist Henning Lobin Autor des Blogs "Die Engelbart-Galaxis" und Gast-Autor im Blog "Wissenschaftskommunikation hoch 3" der ACATECH, für die er auch als externer Experte für Fragen der Wissenschaftskommunikation in sozialen Medien fungierte. Lobin ist Autor von sieben Monografien und hat zahlreiche Sammelbände herausgegeben (Bücher bei Amazon, bei Buch.de und im Buchhandel). Zuletzt erschienen: Engelbarts Traum (Campus, 2014, polnische Übersetzung 2017, chinesische Übersetzung 2018 [im Erscheinen]). Im August 2018 erscheint im Metzler-Verlag: Digital und vernetzt. Das neue Bild der Sprache.

40 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Versuch einer (Er)Klärung / Interpretation:
    *dieser Kommentar ist bewusst nicht gegenderd
    **gleichwohl möge dies bitte nicht als Angriff auf oder Geringschätzung von Leserinnen angesehen werden

    Die beiden angesprochenen “Eingriffe” in den alltäglichen deutschen Sprachgebrauch sind in den letzten Jahren häufig als Machtinstrument zur Abgrenzung von gesellschafts- und politischen Gegnern ge- bzw. missbraucht worden. Einige Gruppierungen tragen sie nicht nur als Schild vor sich her, sondern gleichsam als Schwert, mit dem Andersdenkende scharf attackiert werden.

    Aus Ihrem Artikel entnehme ich, dass in beiden Fällen (“Eine Frage der MORAL” und “Richtig gendern”) eine sachliche, vielleicht sogar wohlwollende Argumentation zur Erörterung der Fragen nach dem Sinn und Nutzen aber vor allem der Notwendigkeit herangezogen wurde. Abgesehen davon, dass die gender-Debatte durchaus als ein Teil der Debatte der political correctness angesehen werden kann und wird, wieso wird trotzdem eine so unterschiedliche Wahrnehmung dieser beiden Sprachdebatten sichtbar? Anders gefragt, gibt es Unterschiede zwischen diesen beiden angestrebten Sprach”reformen”?

    In Zeiten, in denen die “Verrohung der Sprache” und daraus resultierend eine zunehmende Gewaltbereitschaft im sozialen Miteinander als ein wachsendes Problem erkannt und medial fokussiert wird, erscheint die Strategie, den politisch korrekten Sprachgebrauch unter dem Credo “behandele Andere immer so, wie Du selbst behandelt werden möchtest” zu verteidigen sinnvoll und zielführend. Die Wahrnehmung der Zivilgesellschaft ist in den letzten Jahren, ob nun in den Sozialen Medien oder auf offener Straße, für dieses Problem sensibilisiert worden. Die Frage nach einem respektvollen Umgang miteinander ist auf dieser Ebene nicht geschlechterspezifisch, sondern moralisch. Hier findet zwar (auch) ein Eingriff in den allgemeinen Sprachgebrauch statt, weil die von uns während der sprachlichen Prägung unreflektiert übernommen Sprachbilder moniert und angeprangert werden, aber die Offenlegung verunglimpfender, abwertender oder erniedrigender Strukturen in diesen Sprachbildern fällt auf fruchtbaren Boden. Diese Entwicklung kam aber auch nicht von heute auf morgen. Von den Anfängen dieses “neuen” Sprachverständnisses in kleineren Gruppierungen, die die Zivilgesellschaft und die Politik der Nachkriegszeit zu verändern suchten, sind bis heute weit mehr als 40 Jahre vergangen. Das ist immerhin ein halbes Menschenleben.

    Das sind natürlich alles Argumente, die ebenso gut in der gender-Debatte angeführt werden können. Trotzdem denke ich, dass es einige Unterschiede gibt, die zur Erregung der Gemüter beitragen – auch wenn sie konzeptuell von manchen, die einen gegenderten Sprachgebrauch verteidigen, nicht gesehen werden (wollen) oder als unreflektiert bzw. unaufgeklärt abgetan werden.

    Zu aller erst der auffälligste, aber möglicher Weise am einfachsten zu entkräftende Unterschied: das Sprach- und vor allem das Schriftbild wird durch die Einführung eines gender-Zeichens auffällig beeinträchtigt bzw. verändert. Während eine veränderte Wortwahl, basierend auf einer gewünschten Selbstbezeichnung von Gruppen bzw. auf der Selbstreflexion der Wünsche, wie wir selbst behandelt werden wollen, etc. /nur/ auf eine differenziertere Wahrnehmung der Welt abzielt, greift die gender-Schreibweise zudem in die Sprachbilder selbst ein. Während das Wort “Zigeuner” durch “Roma und Siniti” ersetzt wird, wird das Wort “Bürger” in “Bürger/in” verändert. An die Stelle einer Substitution tritt eine Manipulation. Wahrscheinlich ist das eine Frage der Gewöhnung, aber die Zeitspanne, die notwendig ist, damit ein solcher Eingriff in das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft eindringen und sedimentieren kann, ist m.E. noch nicht erreicht.

    Ein weiterer Unterschied lässt sich leider nur im Kontext der aktuellen Feminismus-Bewegung aufzeigen. Hier wird es jetzt ziemlich heikel, aber ich möchte es dennoch versuchen. Die gender-Debatte wird von vielen Seiten mit der Feminismus-Bewegung konnotiert. Es geht mir hier _nicht_ um die Intentionen, sondern um die medial sichtbaren Ausprägungen. Dieses politische Spannungsfeld ist auf allen Seiten derart emotional aufgeladen, dass eine sachliche, kritische (im positiven Wortsinn) oder differenzierte Position kaum noch vertreten werden kann. In (zu) vielen Diskussionen wird mit derart vielen Feindbildern operiert, dass jedwede Haltung, die nicht exakt der der handelnden/sprechenden Personen entspricht aus den Diskussionen getilgt wird. Das hat weder etwas mit Diskurs, noch mit political correctness zu tun. Es führt nur zu Frust auf allen Seiten. Ich gebe hier bewusst keine Beispiele, da ich diesen Feindbildern keine weitere Bühne bieten möchte.
    “Es ist an der Zeit…” hier endlich und nachhaltig zu deeskalieren!

    Diese medial sichtbare Misere trägt m.E. stark zu den negativen Reaktionen auf den Duden Ratgeber bei.

    Herzlichst, Sven (@molly_Semeiotic)

    “Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte.
    Achte auf deine Worte denn, sie werden Handlungen.
    Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
    Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.
    Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.” (Talmud)

    • Haben Sie vielen Dank für Ihren differenzierten Kommentar. Ich stimme Ihnen zu: Deeskalation sollte in diesem Bereich für jeden das Gebot der Stunde sein. Und auch Ihr Punkt zu der Lesbarkeit und zum Schriftbild ist bedenkenswert. In der Tat entstehen mit bestimmten Verkürzungsformen für Paarbegriffe neue Ebenen der Schreibung, die wir bislang im Rechtschreibsystem nicht haben. Interessant ist es, dass hier die Schriftlichkeit betont wird, da ja z.B. für das Gender-Sternchen nach meinem Kenntnisstand keine einheitliche Lesung vorliegt.

  2. Was ist das korrekte Ersatzwort für das verbotene Wort “Neger”?
    “Sehr dunkelhäutiger Mensch mit möglicherweise afrikanischen Vorfahren” erscheint mir etwas zu kompliziert.

    • ‘Schwarzer’ ist wohl politisch korrekt, es gibt ja Black Identity und so, am Rande angemerkt : Dr. Webbaer meidet aus Gründen der sogenannten politischen Richtigkeit das N-Wort, die Latinisierung (präziser : das Latein) von Schwarz ist gemeint.
      In einigen Sprachen ist dieses Meiden kaum möglich, im Spanischen beispielsweise.
      Bei People of Color oder Person of Color, wohl ebenfalls politisch korrekt heutzutage, “PoC” heißt es abgekürzt, ist davon auszugehen, womöglich auch richtigerweise, dass diese Begriffsbildungen ebenfalls als politisch unrichtig notiert werden, alsbald, bei dem d-sprachigen (und negativ konnotierten) “Farbigen” wird dies vielleicht direkt klar.
      Zudem : “Weiße” haben auch eine Farbe, oder?

      MFG + schöne sonnige Woche,
      Dr. Webbaer (der sich -notgedrungen- seit ca. 25 Jahren mit dem dezentralen, es gibt keinen zentralen Server sozusagen, sozio-dynamischen Zensursystem der sogenannten Politischen Richtigkeit beschäftigt, auch mit dem dbzgl. anleitenden Kultur-Marxismus)

    • Goldene Regel, Platinum Rule (vgl. bspw. hiermit) wie Kategorischer Imperativ leiden moralphilosophisch, denn sie stellen das (idR : eben das eigene) Subjekt als allgemein maßgeblich für die Behandlung anderer Subjekte heraus.

      So geht es nicht!

      Derart in persona maßgeblich werden zu wollen, ist anmaßend.
      Derartige Maßstäbe sind der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung anzuvertrauen, jedenfalls in aufklärerischen, liberalen Gesellschaftssystemen, also in Demokratien, die u.a. auch für die individuelle Sprachlichkeit nur wenige Grenzen gesetzt haben, es darf bspw. nicht zur Gewaltanwendung oder zu Gesetzesverstößen aufgerufen werden, auch nicht Panik generiert werden (der “Klassiker” hier der unbegründete Ausruf “Bombe im Theater!”).

      Die Freiheit der individuellen Meinungsäußerung ist für aufklärerische, liberale Gesellschaftssysteme zentral – von besonderer einschränkender Bearbeitung der Sprachlichkeit anderer, gar staatlich unterstützt, ist insofern dringend abzuraten.

      MFG
      Dr. Webbaer (der sich bekanntlich nie aufregen soll, auch i.p. diesem KI nicht, korrekt)

  3. Politische Korrektheit ist nur für ihre Verteidiger ein Kampf um Höflichkeit – und zudem nur dann, wenn sie die politische Korrektheit nach aussen verteidigen müssen, denn die politisch Korrekten wissen insgeheim, dass es dabei um etwas ganz anderes als Höflichkeit geht, nämlich um ein neues Machtmittel und darum Hillbillys (Rednecks) aus FlyOver-Gebieten, die sich unverblümt ausdrücken von Sensibilisierten/Gebildeten (vulgo Akademiker) zu unterscheiden. Fahrende anstatt Zigeuner und Schwarzer/Farbiger anstatt früher Neger zu sagen, kostet zudem fast nichts und betrifft zudem Leute, die ein typisch politisch Korrekter gar nicht kennt, mit denen er in seinen akademischen Zirkeln gar nichts zu tun hat – ausser beim Sprechen.
    Dass politische Korrektheit ein Machtmittel sein kann, zeigt beispielsweise Philip Roths Buch The Human Stain (der menschliche Makel). Dort spricht ein Professor für Englische Literatur von Studentinnen, die in seiner Vorlesung eingeschrieben sind, aber nicht auftauchen, als „dunkle Gestalten, die das Seminarlicht scheuen“, was ihm als Rassismus ausgelegt wird, denn es handelte sich bei den nicht auftauchenden Studentinnen um Schwarze – was der Professor aber nicht wusste. Die politische Unkorrektheit lag hier also darin von dunklen Gestalten (im engl. spooks, was aber im Englischen auch ein abschätziger Ausdruck für Farbige ist) zu sprechen und ein Machtmittel oder Diffamierungsmittel war die politische Korrektheit hier, weil sie letztlich dazu diente ihn zu diskreditieren einfach indem man ihn falsch interpretierte. Ironischerweise war der Professor in Philip Roths Buch aber selbst ein Schwarzer, der aber als Weisser durchging, weil er sehr weisse Haut hatte.
    Philip Roth scheint mir in diesem Zusammenhang ohnehin eine interessante Figur, weil er inhärent ein politisch Inkorrekter ist, wie der Guardian-Artikel Why does Philip Roth provoke such strong reaction? festhält.

    • Das ist m.E. ein interessanter Beitrag zum Spannungsfeld, der einen mir leider gut bekannten Habitus der Akteure anhand eines Fallbeispiels zu untermauern scheint. “political correctness” und “gender” sind nunmal leider auch Etiketten bzw. Kampfbegriffe.

      Gib dem Kind einen anderen Namen und es wird ein anderer Mensch?!

      Das jedwede /Sprach”(re)form”/ immer auch als politisches Machtinstrumentarium missbraucht werden kann, liegt in der Natur des Wesens der Sprache und somit in der Natur des Menschen selbst. Ist das also eine Begründung dafür, dass wir alles, was wir an diskriminierenden/diffamierenden Elementen in der Sprache, also in den dynamischen Beziehungen zwischen Sprache und Realität ausmachen, als unabwendbares Übel hinnehmen müssen?

      Es wird immer Menschen geben, die aufgrund von Vorurteilen, ideologischer Verblendung oder auch nur Dummheit andere Menschen diskriminieren oder diffamieren. Das spiegelt sich logischer Weise in der Sprache wieder. Und es wird immer Menschen geben, die diese Strukturen der Sprache zum eigenen Machtgewinn einsetzen. Aber das empfinde ich eher als eine Motivation, meinen eigenen Sprachgebrauch zu reflektieren und mich zu bemühen, es anders zu machen.

      Anstelle von Ideologie und Revolution halte ich Diskurs und Sensibilisieren für einen besseren Weg…

    • Politische Korrektheit ist nur für ihre Verteidiger ein Kampf um Höflichkeit
      […]

      ‘Höflichkeit’, im dankenswerterweise bereit gestellten WebLog-Eintrag sprachlich so bereit gestellt, meint einen Hof.
      Genau diesen Hof gilt es aus diesseitiger Sicht anzufragen, Dr. Webbaer fand den dankenswerterweise bereit gestellten bundesdeutschen Inhalte-Beitrag insofern anregend.

      Auch hier :
      -> https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/about-the-blog/
      oder hier :
      -> https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/about-the-blog/

      …steift Dr. W nur freundlich auf.

      Das mit der ‘Höflichkeit’ war prima.

      MFG
      Dr. Webbaer

  4. Hans Ulrich Umbrecht – ein Literaturprofessor in Stanford – beschreibt in Die Dialektik der Mikro-Aggression, was Politische Korrektheit konkret bedeutet. Umbrecht berichtet darürber, dass ihm plötzlich keine Doktorandinnen mehr zugeteilt wurden, er also nur noch männliche Doktoranden erhielt. Es stellte sich dann heraus, dass man frühere Äusserungen von ihm als sexistisch eingestuft hatte (Zitat): Dann sass ich irgendwann meiner Dekanin gegenüber und erfuhr unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass Klage über meinen «Hang zu frauenfeindlichen Äusserungen» («tendency to use language offensive to women») eingegangen war. Ich hatte keinerlei Erinnerungen an schuldhafte Taten und bestand auf einer spezifischeren Auskunft. So hörte ich schliesslich, dass der Stein des Anstosses ein im öffentlichen Rahmen gefallener Satz war, in dem ich meine eigene und die Tochter eines Kollegen als Beispiele für sehr gutes Aussehen («looking gorgeous») angeführt hatte. Das Gespräch ging dann über in den Pflichtteil einer verbindlichen Auslegung des bei uns so prominent gewordenen Begriffs der Mikro-Aggression. Nein, eine Absicht, Frauen zu verletzen, unterstelle mir niemand, beschied mir die Dekanin. Aber da nicht jede Frau sich selbst für «sehr gut aussehend» halte, müsse die Universität davon ausgehen, dass jene Worte «aggressiv» gewirkt hätten. Meine impulsiven Gegenargumente gaben eher zu viel an spontaner Verärgerung preis, und erst auf dem Rückweg ins Büro wurde mir klar, dass ich mich selbst zum ersten Mal als Protagonisten einer Episode im nationalen Rahmen der neuen Political Correctness erlebt hatte.
    Diese Korrektheit ist ein aktiver Moralismus, der nicht mehr nur von linken (progressiv-alternativ-wohlmeinenden) Kollegen getragen wird, sondern längst zum Habitus einer neuen Generation der College-Studenten um das zwanzigste Lebensjahr gehört. Viele von ihnen sind in pädagogisch ambitionierten Kreisen aufgewachsen, wo man nicht mehr lernt, Frustrationen schweigend wegzustecken.

  5. Die Höflichkeit meint ja die besondere Berücksichtigung von örtlich gepflegter Sitte, sie meint nicht per se Gutes, nur vergleichend angemerkt : der Punk ist insofern unhöflich, aber nicht zwingend schlecht und unfreundlich.
    Freundlichkeit sollte gefordert werden, nicht Höflichkeit, so meinen viele.

    Zudem : Herr Stefanowitsch und ‘unideologisch’? Passt das zusammen? Geht das?

    MFG
    Dr. Webbaer (dem bei Herrn Stefanowitsch ideologische Überfrachtung und auch das Passend-Machen von Etymologie, also von begrifflicher Herleitung, stets parteiisch / ideologisch erschien und der sich einmal besonders ärgern konnte, als Herr Stefanowitsch Existenz und Nutzen der Generischen Genera abstritt)

  6. In seiner US-amerikanischen Ausprägung ist eben Politische Korrektheit mehr als Höflichkeit. Das zeigt schon das begriffliche Umfeld mit Termen wie Mikroagression und Viktimisierung. Bei der extremen Ausprägung der Politischen Korrektheit geht es um Abschirmung vor realen oder wahrgenommenen Invektiven oder auch der Abschirmung von nur vermuteteten Einstellungen und Haltungen. Ein gutes Beispiel hiefür ist das was dem Stanforder Professor Hans Ulrich Umbrecht zugestossen ist. In einer Rede erwähnte er das sehr gute Aussehen seiner eigenen Tochter und der Tochter eines Kollegen, was von HörerInnen/LeserInnen dieser Rede als sexistisch aufgefasst wurde, weil es die Bewertung von Frauen/Studentinnen aufgrund ihres Aussehens nahelegte. Doch anstatt dies Hans Ulrich Umbrecht mitzuteilen, ihn darauf hinzweisen, wurde er einfach ausgeschlossen, ausgegrenzt, indem man ihm keine Doktorandinnen mehr zuteilte. Eine Politische Korrektheit dieser Art bedeutet nichts anderes als das Ende der offenen Gesellschaft, es bedeutet den Rückzug in je eigene Räume für jede Subgruppe mit eigener Identität.

    • Ergänzung: Nicht zufällig hört man in diesem Zusammenhang eben auch den Ruf nach “Safe Spaces“, also Räumen, in denen man nicht einmal durch eine “falsche Sprache” belästigt wird.
      In letzter Konsequenz landet man in einer Gesellschaft von lauter Gruppen, die nichts voneinander wissen wollen und die nur noch hören wollen, wozu es keine Trigger-Warnings gibt (dazu liest man im verlinkten Wikipedia-Artikel: The Atlantic reported in 2016 that safe spaces were considered by some to be re-segregation)
      Auf den Universitätscampi hat sich das bereits so weit zugespitzt, dass immer mehr Referenten einfach ausgeladen werden, weil den Studenten ihre Meinung nicht passt. Anstatt sich mit einer missliebigen Meinung auseinanderzusetzen, wird die Meinung also einfach totgeschwiegen.

      • So geht’s dann zeitgenössisch aus aus kulturmarxistischer Sicht, Herr Holzherr, unter Strafandrohung der Ausgrenzung, aus kulturmarxistischer Sicht der Ausgrenzung.

        Bspw. Herr Stefanowitsch gehört aus diesseitiger Sicht zu den Anleitenden, die so bundesdeutsch machen und so befördern.

        Dr. W ist schon länger im Geschäft, hat den seinerzeit real existierenden Sozialismus und seine Beispringer in der BRD, als Nicht-Deutscher, noch voll mitbekommen, auch Trotzkisten oder anderweitiger Kultur-Marxist, das Fachwort, womöglich will sich Dr. Stefanowitsch so einordnen wollen, auf Anfrage hin?!

        MFG
        Dr. W (der sich nun langsam auszuklinken hat, “Fressie” wartet, danke – es war wieder schoen!- Opi W schon ein wenig älter!)

  7. Gegen die geforderte Höflichkeit spräche ja auch nichts.
    Nur politische Korrektheit heißt heute doch ganz einfach dass man Tatsachen nicht aussprechen darf wenn sie in die herrschende Ideolgie nicht passen.

    Was das Gendergeplapper betrifft so weiß ohnehin kein Mensch was das bewirken soll.

    • Das ist reichlich pauschal. Kein Mensch hindert Sie, zu reden und auszusprechen, was Sie wollen, sofern es nicht gegen das Strafrecht verstößt. Allerdings sollte man sich grundsätzlich in der Kommunikation in diejenigen hineinversetzen, mit denen oder über die man redet, dann funktioniert’s auch ganz gut als echter Austausch und nicht nur als Kundgabe. In meinem Beitrag geht es ja gerade um zwei Publikationen, die sich um eine solche Differenzierung bemühen. Mein Vorschlag: Lesen Sie einmal das Buch von Stefanowitsch, es gibt Ihnen, wenn Sie wollen, einige ganz gute Argumente an die Hand, um die in Ihrem letzten Satz enthaltene Frage zu beantworten.

  8. Hallo Herr Dr. Webbaer,
    nur die Goldene Regel stellt das eigene Subjekt als maßgeblich für die Behandlung anderer Subjekte heraus.
    Hingegen stellt die Platin-Regel die anderen Subjekte als maßgeblich für die Behandlung dieser anderen Subjekte heraus.
    Die goldene Regel: “Behandle andere Menschen so, wie du behandelt werden willst.”
    Die Platin-Regel: “Behandle andere Menschen so, wie sie behandelt werden wollen.”
    Die Platin-Regel ist daher moralphilosophisch einwandfrei.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Karl Bednarik.

    • Yup, danke für die Ergänzung, Herr Bednarik (nicht zu verwechseln mit diesem Herrn, unser Herr lebt noch und gibt es realiter; ‘Bednář’ ist eine Berufsbezeichnung), dennoch bleibt die Platinum-Regel, die sich darum bemüht, wie andere behandelt zu werden wünschen, selbstig, denn es kann nur näherungsweise festgestellt werden, wie dies der Fall ist, d.h. es muss spekuliert bleiben.

      MFG + schönes Wochenende schon einmal,
      Dr. Webbaer

  9. Nun das mit der Höflichkeit lass ich im Prinzip erstmal gelten, wenn diese Begriffe abwertend aufgefasst werden. Nur jetzt mal ein recht aktuelles Beispiel.

    Früher gab es den Begriff “Flüchtlinge” und er wurde meines Wissen nicht von diesen Leuten als beledigend empfunden. Aber es gibt jetzt Leute, die diesen Begriff durch “Geflüchtete” oder “Schutzsuchende” ersetzt haben wollen.

    Wenn diese Leute etwa aus dem Ausland flüchteten, dann wird es von diesen kein Einwand gegen den Begriff “Flüchtlinge” geben, weil sie die deutsche Sprache nicht kennen.

    Noch ein lustiges Beispiel war eine Frau, die das Wort “Vergewaltigungsopfer” durch das Wort “Erlebende” ersetzt haben wollte. Die stand in der TAZ im Februar/März letzten Jahres. Da fiel mir der Witz ein, dass es noch 5 Wochen bis zum 1. April sind.

    Jetzt ernsthaft die Frage: Sollen solche sich auch noch ändernden Sprachregelungen Norm werden? Wie lange darf man Muslime Muslime nennen, oder gibt es alsbald dann einen neuen Begriff.

    Und wie ist es dann eigentlich mit der Tatsache, dass “Alte weisse Männer” heute das neue Feindbild sind? Ich denke, wer austeilt sollte auch einstecken können.

    • Nein, nicht jeder derartige Vorschlag sollte zur Norm werden, das behauptet auch niemand. Aber genauso wenig sollte man Grenzfälle und Einzelmeinungen als Argument dafür heranziehen, die ganze Diskussion als absurd abzutun. Es geht letztlich um ein demokratisches Austarieren von Interessen inklusive Kompromissen, wie es auch in anderen Bereichen geschieht oder geschehen sollte. Und ja, auch ich halte den Ausdruck “alte weiße Männer” für beleidigend, und er sollte gemieden werden. Interessant ist er übrigens auch deshalb, weil es für diese Gruppe, anders als für viele andere Gruppen, bislang kein spezifisches Schimpfwort gab. Die Mitglieder dieser Gruppe (zu der ich bald selbst gehören werde) sind es also, anders als beispielsweise Homosexuelle, nicht gewöhnt, sprachlich verunglimpft zu werden – deshalb funktioniert diese Beleidigung auch so gut.

      • Danke für die Antwort. Nun noch eine Anmerkung zum Begriff “Schutzsuchender”:

        Meiner Meinung nach beinhaltet dieser Begriff auch die Verpflichtung, diesen Leuten den Schutz zu gewähren. Nun waren aber diese Leute auf dem Balkan schon weg von der “Gefahrenquelle”.

      • “Die Mitglieder dieser Gruppe (zu der ich bald selbst gehören werde) sind es also, anders als beispielsweise Homosexuelle, nicht gewöhnt, sprachlich verunglimpft zu werden”

        die sog. “Religioten” sind es durchaus gewohnt, “sprachlich verunglimpft zu werden”. Im Unterschied zu “Neger” hat das Wort keinerlei neutrale Tradition aufzuweisen. Man nimmt’s als Kundgabe, was der Sprecher von einem hält – fertig.

        • Die sogenannten politisch Korrekten haben eben auch ein moralisches Bezugssystem; es ist nicht so, dass sie generell tolerant sind und anderen, die sie nicht so mögen, das Butter auf dem Brot gönnen.

          Dr. Webbaer hat sich in früherer Zeit, in jüngeren Jahren, es wird ja nur älter geworden, gerne mal in feministisch, neu- oder kulturmarxistisch grundierte Gruppen des Webs gemischt, um dort zu lernen.

          Bestimmtes durchaus freundliche Herangehen und die derartige Suche nach Austausch ist dort abär leider oft so beantwortet worden, dass der alte weiße heterosexuelle Mann (oder Bär), gar der fruchtbar gewordene, dort auf unmoralische Art und Weise (so die Sicht zumindest von Dr. Webbaer, die aufklärerische meinend) bearbeitet, herabgesetzt & verdammt worden ist.
          Was “irgendwie” dem dortigen angeblichen Anspruch, nämlich : tolerant zu sein, zu widersprechen scheint.

          MFG
          Dr. Webbaer

    • Früher gab es den Begriff “Flüchtlinge” und er wurde meines Wissen nicht von diesen Leuten als beleidigend empfunden.
      Doch, das wurde er. In der Nachkriegszeit wurde zwischen “Vertriebenen” und “Flüchtlingen” unterschieden – Personen, die vor der vorrückenden roten Armee geflohen waren, waren Flüchtlinge; “Vertriebene” erklärt sich von selbst.
      Ich komme aus einem Ort, in dem recht viele Flüchtlinge und Vertriebene angesiedelt wurden. Für die Einheimischen waren das immer – und auch pejorativ – “Flüchtlinge”. Übrigens wäre mir auch nicht bekannt, dass es im Nachkriegsdeutschland neben den Vertriebenen- auch Flüchtlingsverbände gegeben hätte.

      • Doch, das wurde er. In der Nachkriegszeit wurde zwischen “Vertriebenen” und “Flüchtlingen” unterschieden – Personen, die vor der vorrückenden roten Armee geflohen waren, waren Flüchtlinge; “Vertriebene” erklärt sich von selbst.

        Nun daran war aber die Menge der Leute und die Knappheit auch für die Einheimischen schuld. Generell ist das aber nicht der Fall. Nach dem Bau der Mauer waren auch DDR-Flüchtlinge eher gut angesehen.

      • in der Regel kamen die “Flüchtlinge” aus der SBZ/DDR, die “Vertriebenen” aus den ehem. deutschen Ostgebieten. Der Unterschied liegt auf der Hand. Sicher wurde auch “Flüchtling” als Oberbegriff verwendet. Eine besondere, mit dem Ausdruck “Flüchtling” verbundene Abwertung kann ich nicht erkennen.

  10. Na ja, verstehen kann ich die Reaktionen schon: die gendergerechte (also den Zwecken des Gender Mainstreamings dienende, nicht die geschlechtergerechte, wie hier geschrieben) Sprache ist das, was Rosenberg als “Wolfssprache” bezeichnet, und entsprechend wirkt sie natürlich auch. Gender Mainstreaming als politisch Umsetzung des Sexismus ist schon von seinem Zweck her männerdiffammierend und frauenprivilegierend , und somit ist es der Sprachgebrauch auch, er wurde ja zu diesem Zweck kontruiert. Zudem ist er unpraktisch, führt zu Missverständnissen und fehlender Eindeutigkeit und ist auch von seiner Begründung her absurd.
    Nun ist die Dudenreaktion ja kein Sprachrichter, sondern versucht, ganz pragmatisch, mit dem aktuellen Sprachgebrauch umzugehen. Und in der That, da wir eine Staatssexisumus haben, ist natürlich auch ein Umgang mit sexistischer Sprache notwendig und manchmal nicht zu vermeiden.
    Ich halte es nicht für sinnvoll, dieses Buch über Gendersprache überzubewerten, es ist sicher kein Ritterschlag des sexistischen Sprachgebrauchs, sondern einfach eine Anleitung, wie man trotz Ideologisierung der Sprache sinnvoll und möglichst eindeutig mit Menschen und über Menschen reden kann, wenn es denn notwendig ist.
    Sinnvoller, als sich über dieses Buch aufzuregen, ist es sicher, selbst auf diesen Sprachgebrauch zu verzichten. Niemand muss dieses Buch kaufen, niemand muss es nutzen und die Ursachen, dass in unserer Gesellschaft Sexismus mittlerweile so selbstverständlich ist wie der Rassismus und Antisemitismus am Anfang des 20. Jahrhunderts, liegen woanders.

  11. Nein, Anatol Stefanowitsch geht es nicht um Höflichkeit – wie hier im Titel von Henning Lobing angemahnt – sondern um (Zitat) “Eine Frage der Moral”. Doch das führt auch sofort zum Haupteinwand gegen das Bestreben zur Politischen Korrektheit. Moral muss nichts Gutes sein, Moral, also das was wir ethisch gesehen tun sollten, kann sogar sehr unmenschlich sein. So waren fast alle Angeklagten im Nürnberger Prozess nach Auskunft von Benjamin Frerencz, dem Chefankläger im Nürnberger Prozess, Überzeugungstäter. Die Vernichung der Juden war für sie moralische Pflicht – mindestens stellten sie es so dar. Wenn Politische Korrektheit eine Frage der Moral ist, dann muss man sofort fragen, was das denn für eine Moral ist, welche uns zur Politischen Korrekheit verpflichtet. Hans Ulrich Umbrecht schreibt dazu: Diese Korrektheit ist ein aktiver Moralismus, der nicht mehr nur von linken (progressiv-alternativ-wohlmeinenden) Kollegen getragen wird, sondern längst zum Habitus einer neuen Generation der College-Studenten um das zwanzigste Lebensjahr gehört.
    Wenn es um eine Frage der Moral geht, dann muss man fragen, was diese Moral für Konsequenzen hat. Dazu findet man gute Beispiele im Artikel From the vaults: Political correctness and social control (1995) (Zitat, übersetzt von DeepL): In den letzten Jahren hat der Begriff “politische Korrektheit” hier Einzug gehalten. Ausgehend von einer Schicht von Liberalen und Linken in den Vereinigten Staaten, haben sich politisch korrekte Praktiken und Aussichten unter den Elementen der Berufsklassen in Neuseeland durchgesetzt. Der Fall Anna Penn im Jahr 1993, in dem eine Krankenpflegeschülerin wegen angeblicher “kultureller Unsicherheit” aus dem Pflegekurs bei Christchurch Polytech ausgeschlossen wurde, und mehrere Fälle in anderen Krankenpflegeschulen und Sozialarbeitskursen haben eine breite Medienberichterstattung gefunden.
    …[Anmerkung: es geht um PC in Neuseeland]
    Im wahrsten Sinne des Wortes ist die politische Korrektheit in Neuseeland zum neuen Moralismus geworden, der das Verhalten der Menschen im Namen des Kapitalismus sanft – und manchmal auch nicht so sanft – überwacht.

    Der Staat kommt den Forderungen nach mehr Regulierung und sozialer Kontrolle gerne nach. Schließlich ist die herrschende Klasse angesichts der gegenwärtigen Probleme des kapitalistischen Systems gezwungen, autoritärer zu werden und eine größere soziale Kontrolle auszuüben. Die PC-Profis in diesem Sinne bieten eine “liberale” Rechtfertigung für mehr Macht für den Staat und die verschiedenen Institutionen, durch die die Sozialisation stattfindet, von Kindergärten bis hin zu Schulen und Universitäten.

    Politische Korrektheit als Mittel der sozialen Kontrolle. Das scheint mir ziemlich ins Zentrum des Problems vorzustossen. Tatsächlich empfinden viele US-Amerikaner und andere Menschen aus den Zonen, in denen PC Einzug gehalten hat, genau das: Sprache wird durch PC vermeintlich entschärft, doch in Wirklichkeit geht es um soziale Kontrolle, es geht darum zwischen wohlgearteten Mitmenschen und anderen zu unterscheiden und die nicht wohlgearteten werden dann so behandelt wie Struwwelpeter im entsprechenden Kinderbuch (Zitat Wikipedia: Das seit 1845 gedruckte Bilderbuch enthält mehrere Geschichten, in denen oft Kinder nach unvorsichtigem Verhalten drastische Folgen erleiden, die von einem Sturz ins Wasser bis zum Tod reichen. )

    • Ein guter Einwand. Folgende kleine Korrektur:

      Moral muss nichts Gutes sein, Moral, also das was wir ethisch gesehen tun sollten, kann sogar sehr unmenschlich sein.

      Also es gibt wohl einen Unterschied zwischen Moral und Ethik. Fremdgehen ist unmoralisch aber nicht unethisch.

      Ansonsten finde ich den Begriff “politische Korrektheit” insofern problematisch, weil zumindestens die deutsche Übersetzung den Eindruck einen “Neusprechs” hat. Also eine von der Politik vorgegebene Sprache.

    • ‘Moral’ (lateinisch), ‘Ethos’ (griechisch) und ‘Sittlichkeit’ (deutsch) meinen gleich.
      Es bringt hier nichts das eine positiv zu konnotieren oder generell semantische Unterscheidung zu suchen.

      Das Genannte kann in einem, in seinem Bezugsrahmen nicht schlecht sein, in einem anderen dagegen schon, also dort, wo andere Moral geübt wird.

      Der Schreibär dieser Zeilen hätte insofern auch nichts gegen moralische Richtigkeit, im aufklärerischen Bezugsrahmen, wohl aber gegen moralische, dann politisch genannte Richtigkeit in einem anderen Bezugsrahmen, im Neu- oder Kulturmarxistischen beispielsweise.
      Der Schreibär dieser Zeilen sieht insofern bei der modischen Politischen Richtigkeit andere am werkeln, als er es selbst, dort bei den anderen dann : unzugehörig ist.

      BTW, als Bill Clinton, auch nicht so-o Der Moralische Mensch möglicherweise, diese Sache, die wohl Ende der Siebziger beginnend an US-amerikanischen Unis entwickelt worden ist, mit der Politischen Richtigkeit popularisierte, fand dies Dr. Webbaer einige Monate gut, bis dann erst bemerkt worden ist, dass diese sogenannte modische moralische Richtigkeit in einer anderen Liga spielt als der, der er angehört.

      MFG + schönes Wochenende schon einmal,
      Dr. Webbaer (dem derartige sprachliche Angriffe nicht fremd sind, sie gab es immer, zuletzt nehmen sie abär überhand)

  12. @Martin Holzherr

    »Moral muss nichts Gutes sein, Moral, also das was wir ethisch gesehen tun sollten, kann sogar sehr unmenschlich sein. «

    Moral und Sitte stellen den Grundrahmen für das normative Verhalten vor allem gegenüber den Mitmenschen dar. Insofern ist das genannte Beispiel (die Vernichtung der Juden) abwegig.

    Niemand wird gezwungen, mit Bezug auf bestimmte Menschengruppen auf Begriffe, die von den Betroffenen als diffamierend und/oder herabwürdigend empfunden werden, aus Gründen des Anstands und der Höflichkeit zu verzichten. Wem es also wichtig erscheint, solche Begriffe zu verwenden, kann dies nach wie vor tun.

    Davon abgesehen bin ich skeptisch, ob die Wendung ‚politisch korrekt‘ hilfreich ist, wenn es darum geht, im sprachlichen Umgang gesittete Verhältnisse zu befördern oder herzustellen. Nachdem „politische Korrektheit“ zu einem Kampfbegriff der Rechten geworden ist, erscheint es mir ziemlich aussichtslos, mit diesem Begriff für den Gebrauch einer ethisch einwandfreien Sprache werben zu wollen.

    • @Balanus (Zitat): Moral und Sitte stellen den Grundrahmen für das normative Verhalten vor allem gegenüber den Mitmenschen dar. Insofern ist das genannte Beispiel (die Vernichtung der Juden) abwegig.
      Abwegig ist das Beispiel keinesfalls, denn Heinrich Himmler hat die moralische Pflicht der Judenvernichtung sogar explizit in einer seiner Reden erwähnt (Zitat aus Die moralische Rechtfertigung, Juden umzubringen): «Wir hatten das moralische Recht, wir hatten die Pflicht gegenüber unserem Volk, dieses Volk, das uns umbringen wollte, umzubringen.» Die berüchtigte Posener Geheimrede Heinrich Himmlers vom 4. Oktober 1943, in der er mit diesen Worten die «Ausrottung des jüdischen Volkes» rechtfertigte, jagt einem noch heute Schauer über den Rücken. Erschreckend ist vor allem, dass Himmler die Vernichtung der Juden mit moralischen Rechten und Pflichten legitimierte und in der gleichen Rede einen Tugendkatalog aufstellte: «Ehrlich, anständig, treu und kameradschaftlich haben wir zu Angehörigen unseres eigenen Blutes zu sein und zu sonst niemandem.»
      Tatsächlich funktioniert Moral und Ethik nur dann als Moral und Ehtik für das Menschengeschlecht, wenn man eine Solidarität zu allen Menschen unabhängig von der eigenen Gruppenzugehörigkeit auffasst. Gemäss dem Historiker Raphael Gross galt für die NSMoral (Zitat):bei der NSMoral [haben wir es] mit einem «extrem partikularen Moralsystem» zu tun, dessen Normen und Werte «explizit nur für eine bestimmte Gruppe gelten». Wie in Himmlers Rede deutlich wird, zeichnete sich das Moralsystem der Nazis durch seine «brutale Diskriminierung» derjenigen aus, die nicht der «arischen Volksgemeinschaft» angehörten: den Juden.

      • Ergänzung: die Moral der Kriegsdeutschen zeigt für mich, dass ganz andere Wert- und Moralvorstellungen möglich sind, als die heutigen.
        Dazu folgendes aus bereits oben zitiertem Artikel: Umfragen, die von den Alliierten in den ersten Nachkriegsmonaten durchgeführt wurden, zeigten, dass fast die Hälfte der befragten Deutschen der Ansicht war, die «Idee» des Nationalsozialismus sei eigentlich gut, nur die «Ausführung» schlecht gewesen.
        Dazu passt auch, dass der antisemitsche Film «Jud Süss», in dem der Geschlechtsverkehr eines Juden mit einer Christin als Grund für die Strafe des Erhängens dargestellt wird,von 20 Millionen Deutschen gesehen wurde und immer wieder gezeigt wurde, wenn Deportationen von Juden anstanden.
        Mit anderen Worten: Die Idee, eine Verbindung mit Juden sei eine Rassenschande und die Vernichtung der Juden sei eine deutsche Pflicht, die war in Kriegsdeutschland weit verbreitet und wurde von weiten Teilen der Bevölkerung geteilt.
        Die Kriegsdeutschen waren nicht unmoralisch, nein, sie hatten eine andere Moral und zählten zu ihren ethischen Pflichten eben auch die Vernichtung «Falschrassiger».

        • Ergänzung 2: Philip Dicks “The Man in the High Castle” (Hitler gewinnt den Krieg und die Nazis herrschen über die Welt) ist in meinen Augen gar keine weit hergeholte Fantasie und Fiktion, sondern sie könnte unsere heutige Realität sein. Eine Realität in der Juden, Sintis, Roma vernichtet sind und das Projekt der Elimination aller Schwarzen gerade im Gange ist und wo wöchentlich Rauch aus Spitälern aufsteigt von den üblichen Eliminationen Lebensunwerter. Das Einzige was Philip K. Dick falsch hinbekommen hat ist die Vision, dass sich auch in dieser Zukunft eine Gruppe von Leuten findet, die das Nazi-Regime überwinden will und die dies auch schafft. Es würde zwar sicher solche Leute geben, doch womöglich würden nur wenige von ihnen wissen. Statt dessen würden wir (wir scilogs-Diskutanten) als Teil dieser alternativen Realität völlig anders denken und argumentieren. Auch in dieser alternativen Realität gäbe es Moral und Ethik – nur wären es eben die Moral und Ethik der Nazis und es ginge darum, die Herrenrasse weiter zu entwickeln (auch weiter zu züchten) und alles Schwache zu eliminieren.

        • Aber trotzdem sehe ich einen Unterschied zwischen Ethik und Moral. Und was den Film “Jud Süss” angeht, so war der Geschlechtsverkehr wohl nicht einvernehmlich.

  13. @Martin Holzherr

    »…die Moral der Kriegsdeutschen zeigt für mich, dass ganz andere Wert- und Moralvorstellungen möglich sind, …«

    Wenn man nun noch Moral in Anführungszeichen setzt, dann wird da ein Schuh draus. Denn ohne Frage gibt es auch abwegige Moralvorstellungen, die mit Kants kategorischem Imperativ nichts mehr zu tun haben.

    Ich sehe eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder, wir geben alle Moralvorstellungen auf, weil wir meinen, dass es keine allgemeinverbindliche Werte geben kann, oder wir sagen, es gibt solche wahren Werte, sie liegen halt nicht von vorneherein klar auf der Hand, sondern müssen im gesellschaftlichen Diskurs bestimmt werden.

    Ich vermute, dass das Ihr eigentlicher Punkt war, dass eben Stefanowitschs „Frage der Moral“ auch anders beantwortet werden könnte, als es uns zivilisierten Menschen heutzutage angemessen und wünschenswert erscheint.

    • @ Kommentatorenkollege ‘Bal’ :

      Entweder, wir geben alle Moralvorstellungen auf, weil wir meinen, dass es keine allgemeinverbindliche Werte geben kann, oder wir sagen, es gibt solche wahren Werte, sie liegen halt nicht von vorneherein klar auf der Hand, sondern müssen im gesellschaftlichen Diskurs bestimmt werden.

      Moral ist die einstmals erfolgte Setzung Altvorderer, die angezweifelt werden muss, aber auch partiell angenommen werden kann, wenn sie gut scheint.
      Moral unterliegt der Weiterentwicklung erkennender Subjekte.

      ‘Wahr’ ist Moral nicht, hat auch nie als Gewöhnung an bewährtes Handeln diesen Anspruch erhoben.
      Die von Ihnen gemeinte Dichotomie ist aus Sicht des Schreibers dieser Zeilen ungünstig, jedenfalls nicht sozial konstruktiv, gebildet.
      Geht an der Sache vorbei.


      Auf dem abwesenden Kollegen Anatol Stefanowitsch will Dr. Webbaer auch an dieser Stelle nicht weiter herumreiten, er meint halt so, im Sinne des Feminismus vermutlich, im Sinne des Neu- oder Kulturmarxismus letztlich.
      Dr. Webbaer hat erst nach vglw. langer Zeit gemerkt es hier mit einem feministischen Anthropologen / Linguisten zu tun zu haben – und die Gelegenheit genutzt sich hier ein wenig einzuarbeiten, kritisch und ablehnend, fürwahr :

      -> https://en.wikipedia.org/wiki/Feminist_anthropology

      HTH (“Hope to help”)
      Dr. Webbaer

    • Ja, Balanus, genau so ist es (Zitat): Ich vermute, dass das Ihr eigentlicher Punkt war, dass eben Stefanowitschs „Frage der Moral“ auch anders beantwortet werden könnte, als es uns zivilisierten Menschen heutzutage angemessen und wünschenswert erscheint.
      Und das hat sofort gesellschaftliche und politische Konsequenzen: Wir müssen die Fiktion einer global gültigen Moral und Ethik aufgeben und an ihre Stelle die Moral und Ethik unserer eigenen ideal weitergedachten Gesellschaft setzen. Das bedeutet ganz konkret, dass wir sowohl akzeptieren und in Kauf nehmen, dass es Menschen mit anderen Wertvorstellungen, anderen ethischen und moralischen Vorstellungen gibt und auch geben darf, dass wir aber nicht um die Frage herumkommen, welche Regeln für solche Menschen hier gelten sollen. Dürfen Zeugen Jehoves, Islamisten und orthodoxe Juden ihren eigenen ethischen und moralischen Vorstellungen in jeder Hinsicht nachleben oder müssen sie sich im Konfliktfall an unsere Regeln halten? Die neue Sicht von Ethik und Moral als gesellschafts- und kontextbedingt, bedeutet, dass eine Antwort auf diese Frage immer ein gewisses Mass an Willkür mit sich bringt – einfach weil es die absolute Wahrheit nicht gibt. Dass es die absolute Wahrheit nicht gibt, heisst aber nicht unbedingt, dass jeder nach seiner eigenen Wahrheit leben kann, denn wer sich entscheidet an einem bestimmten Ort zu leben muss zu gewissen Anpassungen an diesen Ort bereit sein.

      Um jetzt zu Anatol Stefanowitschs Buch “Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen” Eine Frage der Moral zurückzukehren: Alles zu einer Frage der Moral zu machen bedeutet alles zu einem potenziellen Konfliktfall zu machen und zudem bedeutet es, im Alltag viel häufiger mit moralischen Dingen konfrontiert zu sein.
      Allerdings hat Anatol Stefanowitsch als Zielpublikum wohl nur die in einer urbanen westlichen Kultur Lebenden im Sinn. Diese sollen von ihren Rassenvorurteilen und den klassischen Vorbehalten gegenüber “Unzuverlässigen”, “Anderskulturigen” wegkommen und tatsächlich wie Henning Lobing in seinem Titel suggeriert, freundlicher und höflicher gegenüber Menschen anderer Gruppierungen werden. Sprachlich freundlicher, höflicher werden, bedeutet im Umfeld der politischen Korrektheit Worte und Formulierungen zu vermeiden, die implizit andere herabsetzen . Es gibt natürlich hunderte solcher Worte. Nicht nur Mohrenkopf und Zigeunerschnitzel gehören dazu, sondern potenziell problematisch sind auch Worte wie Zuhälter – selbst wenn sie einen realen Zuhälter betreffen, denn das Wort drückt ja mehr aus als einen simplen Sachverhalt.
      Anatol Stefanowitsch schreibt sein Buch also für die urbanen Deutschen. Doch es stellt sich auch die Frage, ob das Gebot der politischen Korrektheit auch für Immigranten und Neudeutsche aus anderen Kulturkreisen gilt? Diese Frage stellt sich inbesondere, weil in Deutschland (bei Biodeutschen) die Gemüter bereits etwas abgekühlt sind, was jedoch nicht auf Ex-Syrer, Kurden und Erdogan-Türken zutrifft. Diese sind noch viel emotionaler und damit potenziell auch häufiger politisch inkorrekt, denn politisch inkorrekt zu sein bedeutet, seinen Vorurteilen, Ängsten und abwertenden Urteilen freien Lauf zu lassen. Wenn man keine Feinde hat, auch keine vermeintlichen, dann fällt einem das viel leichter, als wenn man beispielsweise der Überzeugung ist, die Juden besetzten das eigene Land oder die Kurden seien Feinde des nicht kurdischen Teils der Türkei. Invektiven, Verschwörungstheorien, hasserfüllte Bezeichnungen etc. findet man unter solchen Umständen noch häufiger als bereits in der saturierten westdeutschen Gesellschaft. Bis zu einem gewissen Grade gilt die Forderung nach politischer Korrektheit wohl aber auch für solche Menschen mit einem anderen Hintergrund. In den USA jedenfalls ist das so und Umfragen in den USA zeigen, dass gerade sozial Schwächere und Angehörige von Minderheiten Mühe mit der politischen Korrektheit haben – wohl einfach darum, weil sie aufgrund ihres Schicksals emotionaler – und damit häufig auch PC-inkorrekt – reagieren auf vieles was ihnen zustösst.
      Doch selbst im Geschäftsumfeld bringt die Forderung nach politischer Korrekheit Probleme mit sind, wie der Artikel Rethinking Political Correctness aufzeigt. Und zwar gerade auch darum, weil ja politsche Korrektheit bedeutet, dass man vieles nicht sagt, was man früher gesagt hätte und was “man” heute wohl immer noch denkt. Damit aber wird beispielsweise das berufliche Umfeld stärker von Vermutungen, Verdächtigungen etc. geprägt (Zitat, übersetzt von DeepL): Diese Art von Ereignissen findet täglich in politisch korrekten (PC-)Kulturen statt, in denen unausgesprochene Kanons der Korrektheit das Verhalten in interkulturellen Interaktionen bestimmen – das heißt, Interaktionen zwischen Menschen verschiedener Rassen, Geschlechter, Religionen und anderer potentiell aufgeladener sozialer Identitätsgruppen. Wir begrüßen die Verpflichtung zur Gerechtigkeit, die der politischen Korrektheit zugrunde liegt, und wir begrüßen die durch diese Verpflichtung bewirkten Normverschiebungen. Wir sind jedoch beunruhigt über die Hindernisse, die die politische Korrektheit für die Entwicklung konstruktiver und engagierter Beziehungen bei der Arbeit darstellen kann. In Kulturen, die durch politische Korrektheit geregelt sind, fühlen sich die Menschen beurteilt und fürchten, beschuldigt zu werden. Sie machen sich Sorgen darüber, wie andere sie als Vertreter ihrer sozialen Identitätsgruppen sehen. Sie fühlen sich gehemmt und haben Angst, auch banale Themen direkt anzusprechen. Menschen ziehen private Schlüsse; ungetestet werden ihre Schlüsse unveränderlich. Ressentiments bauen sich auf, Beziehungen fransen aus und die Leistung leidet.

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