Antike Rhetorik – erst Zauberkasten, dann Bildungsideal

Gorgias

Rhetorik ist wichtig. Das merkt man besonders in einer Zeit mit hitzigen politischen Debatten. Die ZEIT hat die Rhetorik letzte Woche sogar zu ihrem Titelthema erhoben. Die Wenigsten aber wissen, dass die Rhetorik nicht nur als ein Zauberkasten mit Überzeugungstricks zu verstehen ist, sondern seit der Antike die Bildungsauffassung des Abendlandes prägt. Und das kam so:

Die antike Rhetorik entstand aus der Praxis, entwickelte aber auch bald eine rhetorische Theorie. Die ersten bekannten Rhetorik-Lehrer waren zwei Männer aus den griechischen Kolonien auf Sizilien, Korax und Teisias.[i] In Syrakus hatte es eine ähnliche politische Entwicklung hin zur Demokratie gegeben wie in Athen. Es war dort ein neuer Beruf entstanden, der auch in Athen gebraucht wurde: der Redenschreiber[ii]. Die Rede musste von den an einem Gerichtsverfahren Beteiligten zwar selbst gehalten werden, aber sie konnten sich diese von jemand anderem schreiben lassen. So verdienten sich die ersten bekannten Rhetoren wie etwa Lysias und Isokrates im fünften und vierten Jahrhundert vor Christus ihren Lebensunterhalt als Redenschreiber. Die Praxiserfahrung führte zu ersten systematisierenden Einteilungen der Rede und besonders guten Beispielreden, die für die Vermittlung rhetorischer Fertigkeiten verwendet wurden.

Besonders bekannt wurde zu dieser Zeit Gorgias – ebenfalls ein Sizilianer, den auch Platon mit einem Dialog gleichen Namens, wenn auch mit einem sehr kritischen Blick, verewigte. Zwei seiner Musterreden sind erhalten. Darin zeigt er virtuos, wie rhetorische Techniken genutzt werden können, um aus schwieriger Ausgangslage in der Gerichtsverhandlung einen Erfolg zu erzielen. Dabei setzt er nicht nur auf eine schlüssige Argumentation, sondern auch auf wirkungsvolle Formulierungen wie etwa scharfe Gegensatzpaare und emotionale Elemente, zum Beispiel Lob und Mitleid. Für seine rhetorische Virtuosität, der es angeblich nicht um die Wahrheit geht, sondern die Vernunft in den Dienst jeder noch so absurder Behauptung in den Dienst stellt, wurde er seit Platon bis in die Neuzeit oft kritisiert, ja verurteilt.

Platons Bild von Gorgias kann mit der historischen Person natürlich nicht einfach zur Deckung gebracht werden. Der historische Gorgias ist nur in Bruchstücken aus seinen wenigen überlieferten Reden bekannt. Vielmehr zeigt sich bei Platon bereits die philosophische Überformung der ursprünglich ganz praktisch begonnenen Unternehmung der Rhetorik. Für Platon lässt sich die formal-sprachliche Seite der Rede nicht von ihrer inhaltlichen Seite trennen, so dass die Anwendung rein rhetorischer Überzeugungsmittel von vornherein ausgeschlossen werden muss.[iii] Stattdessen ordnet er die Rhetorik dem Bereich der philosophischen Methodik unter und betrachtet sie vorrangig dahingehend, wie sie zur Wahrheitsfindung beitragen kann.[iv]

Diese philosophische Umorientierung der Rhetorik bildete auch den Ursprung der Idee einer „Erziehung zum Redner“[v], wie sie zuerst durch Isokrates propagiert wurde. Rhetorische Fertigkeiten gehen danach aus der ethischen Vervollkommnung der Persönlichkeit hervor, und eine Rede ist erst dann besonders überzeugend, wenn der Redner seine Auffassungen nicht nur vorspielt, sondern sie auch tatsächlich verkörpert. Eine so verstandene Rhetorik ermöglicht es ihm, seine Aufgaben im Staat redlich auszuüben und so seine menschliche Erfüllung zu finden. Diese Rhetorik-Konzeption wurde später vom berühmten römischen Politiker, Redner und Philosophen Cicero weiterentwickelt.[vi] Cicero entwirft das Ideal eines „perfekten Redners“, der über ein umfassendes Wissen in einer Vielzahl von Disziplinen verfügt. Das Bild des „perfekten Redners“ bildete das Fundament einer Bildungsvorstellung, die nicht nur in der Antike wirksam wurde[vii], sondern über das Mittelalter hinaus bis weit in die Neuzeit bestimmend war.

Die philosophische Überhöhung der Rede, so wichtig sie auch war für die Entstehung einer systematischen Konzeption von Bildung, besaß allerdings auch einen Nachteil: Sie kappte die Verbindung zur rhetorischen Wirklichkeit, genauer zur erfahrungsgeleiteten Entwicklung rhetorischer Techniken. Die Rhetorik war zwar nie eine echte Wissenschaft, jedoch besaß sie in der Antike eine Art „experimentelle Basis“. Gute Reden waren solche, die in der Gerichtsverhandlung oder in der Volksversammlung die gewünschte Wirkung erzielten. Die praktische Seite der Rhetorik existierte zwar fort, solange die Rede in der Antike eine so wichtige Rolle in öffentlichen Angelegenheiten spielte. Aber seit Platon gehörte es zum guten Ton für Rhetoriker, eine allein am „messbaren“ Erfolg orientierte Rhetorik mit philosophischen Argumenten abzulehnen.

 

Anmerkungen:

[i] Vgl. Porter, Stanley E. (2008): Applied rhetoric and stylistics in ancient Greece. In: Ulla Fix (Hg.): Rhetorik und Stilistik. Ein Handbuch historischer und systematischer Forschung. Berlin: de Gruyter (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft, 31,1), S. 284–307..Zum folgenden vgl. Ueding, Gert; Steinbrink, Bernd (1994): Grundriß der Rhetorik : Geschichte, Technik, Methode. 3., überarb. und erw. Stuttgart u.a.: Metzler, 12–16.

[ii] „Logograph“, vgl. Ueding/Steinbrink 1994, 12}.

[iii] Zu diesem und zum nächsten Punkt vgl. Schirren, Thomas (2008): Rhetorik und Stilistik der griechischen Antike. In: Ulla Fix (Hg.): Rhetorik und Stilistik. Ein Handbuch historischer und systematischer Forschung. Berlin: de Gruyter (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft, 31,1), S. 1–25.

[iv] Vgl. dazu auch Effe, Bernd (2006): Die Konstituierung der Rhetorik in der Antike: Propaganda – Widerstände – Selbstrechtfertigung. In: Reinhold Glei (Hg.): Die Sieben Freien Künste in Antike und Gegenwart. Trier: WVT Wissenschaftlicher Verlag (Bochumer Altertumswissenschaftliches Colloquium, 72), S. 217–236.

[v] Schirren 2008, 9.

[vi] Vgl. Ueding/Steinbrink 1994, 30–36}.

[vii] Vgl. Porter 2008 und Andersen, Øivind (2008): Rhetoric and stylistics in ancient Rome. In: Ulla Fix (Hg.): Rhetorik und Stilistik. Ein Handbuch historischer und systematischer Forschung. Berlin: de Gruyter (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft, 31,1), S. 25–54.

Henning Lobin

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www.lobin.de

Henning Lobin ist seit 2018 Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim (Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft) und Professor an der dortigen Universität. Zuvor war er ab 1999 Professor für Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Von 2007 bis 2016 leitete er dort das interdisziplinäre Zentrum für Medien und Interaktivität, in dem die Auswirkungen von neuen Kommunikationsformen auf Wissenschaft, Kultur und Bildung untersucht werden. Seine Forschungsschwerpunkte bilden die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Sprache, Texttechnologie und die multimediale Wissenschaftskommunikation. Gegenwärtig ist er u.a. Mitglied des Fachkollegiums "Sprachwissenschaft" der Deutschen Forschungsgemeinschaft, germanistischer Fachbeiräte von DAAD und Goethe-Institut und des Forschungsbeirats der Stiftung Wissenschaft und Politik. Bei den SciLogs ist Henning Lobin Autor des Blogs "Die Engelbart-Galaxis" und Gast-Autor im Blog "Wissenschaftskommunikation hoch 3" der ACATECH, für die er auch als externer Experte für Fragen der Wissenschaftskommunikation in sozialen Medien fungierte. Lobin ist Autor von sieben Monografien und hat zahlreiche Sammelbände herausgegeben (Bücher bei Amazon, bei Buch.de und im Buchhandel). Zuletzt erschienen: Engelbarts Traum (Campus, 2014, polnische Übersetzung 2017). Im August 2018 ist im Metzler-Verlag erschienen: Digital und vernetzt. Das neue Bild der Sprache.

8 Kommentare

  1. In etwa so wie die Sprache, Terry Pratchett folgend, genau deswegen entstanden ist, weil der Affe auf dem einen Baum dem Affen auf dem anderen mitteilen wollte, dass er ihn nicht gut findet, ist weitergehend die Redekunst wohl lange Zeit als Mittel verstanden worden, um soziale Wirkung zu erzielen, weniger in Richtung Sacharbeit, wobei Sacharbeit und sozialer Erfolg auf gewisse Weise per se verwoben sind.

    Hierzu:
    ‘Stattdessen ordnet er die Rhetorik dem Bereich der philosophischen Methodik unter und betrachtet sie vorrangig dahingehend, wie sie zur Wahrheitsfindung beitragen kann.’ +
    ‘Aber seit Platon gehörte es zum guten Ton für Rhetoriker, eine allein am „messbaren“ Erfolg orientierte Rhetorik mit philosophischen Argumenten abzulehnen.’

    Wodurch dann letztlich Redekunst und Sacharbeit getrennt werden konnten und bspw. ein (dann: ehemaliger) Redekünstler, den Überlegungen und Anforderungen u.a. auch Platons folgend, i.p. Sacharbeit sozusagen zerlegt werden konnte.

    Bei diesem Authentizität-Gedanken weiß Ihr Kommentatorenfreund nicht so recht:
    ‘(…) eine Rede ist erst dann besonders überzeugend, wenn der Redner seine Auffassungen nicht nur vorspielt, sondern sie auch tatsächlich verkörpert (…)’
    Wahrhaftigkeit (das Fachwort) mag nett sein, aber nicht unbedingt die Wirkung von Rede verstärkend.

    Ganz am Rande angefragt:
    ‘Wahrheit’ müsste die Fakten meinende Richtigkeit und die Theoretisierung meinende Kohärenz sein?!

    MFG
    Dr. Webbaer

  2. Wenn Sie schreiben dass es zum guten Ton für Rhetoriker gehörte, eine”allein am messbaren Erfolg orientierte Rhetorik mit philosophischen Argumenten abzulehnen”, überschätzen Sie m.E. den Einfluss der Philosophen (eine Falle, in die die Philosophen selbst immer wieder laufen).
    Als der athenische Politiker Aischines in seiner Verbannung seinen Lebensunterhalt mit Rhetorikunterricht verdienen musste, wählte er als Muster für den Unterricht ausgerechnet die Kranzrede seines Erzfeindes Demosthenes (auf den er sich immer nur als “die Bestie” bezog). Obwohl er den Inhalt der Rede sicher in Bausch und Bogen ablehnte, erkannte er ihre Meisterschaft doch rückhaltlos an, Platon hin oder her.

    • ♁:Gab es schon bei den altgriechischen Philosophen einen gewissen Realitätsverlust, ein Verlust an Common Sense, an Einschätzungsvermögen in alttäglichen Dingen? Diesen Eindruck habe ich beispielsweise bei Platons politischem Denken, das in seinem Buch Politeia – unter anderem – zum Ausdruck kommt. Dort lehnt er die Demokratie ab und träumt von einem Idealstaat, der von Philosophen geführt wird. Doch in der damaligen Zeit war gerade die Demokratie das Allein- und Herausstellungsmerkmal der Griechen und das was sie kulturell und politisch über ihre orientalischen Nachbarn hinausragen liess. Plato sah also vor allem das Schlechte in etwas Praktiziertem (der damaligen direkten Demokratie) und warb für etwas Gutes, das vor allem von der Idee her gut war, aber den Praxistest voraussehbar nie bestehen würde.

      • Ihre Einschätzung teile ich. Platon hat in der Politeia eine eher totalitaristische Staatsform beschrieben. Glücklicherweise hat Aristoteles dies mit der Konzeption der “Politie” (als positives “demokratisches” Gegenstück zu einer negativ verstandenen Demokratie, die auf der Funktionsweise der Polis beruht) wieder gerade gerückt.

    • Sie haben recht damit, dass es neben der philosophischen Auffassung der Rhetorik auch weiterhin immer eine pragmatische Auffassung gegeben hat. Das streite ich auch gar nicht ab, und Sie geben ein gutes Beispiel dafür. Allerdings wurde die philosophische Auffassung kulturhistorisch prägend, womit ich mich in diesem Beitrag befasst habe und was ich auch noch in weiteren Blog-Postings nachverfolgen möchte. Die Situation heute ist ja kaum anders: Sie haben die “Tübinger Rhetorik” als eine hochtheoretische philologische Disziplin auf der einen Seite, und Sie haben die praktische Rhetorik, die sich in diversen Privatschulen, Kursen und Agenturen manifestiert und von größter Bedeutung in Wirtschaft und Politik ist.

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