Zukunftsoptionen für Korallenriffe – vielfältiges Handeln und langer Atem sind nötig

Korallenriffe gehören zu den faszinierendsten Ökosystemen unserer Welt – belegt mit Metaphern wie “Regenwälder der Meere”, “Städte unter Wasser”, “ältestes Ökosystem der Welt” oder sogar “Wiege der Evolution“. In der Tat existiert eine biologische Vielfalt, die der von Regenwäldern in nichts nachsteht. Kooperation, Arbeitsteilung und Verdichtung finden sich analog zu unseren menschlichen Metropolen. Seit mindestens 3 Milliarden Jahren gibt es einfach strukturierte Mikrobenkalkriffe, seit über 450 Millionen Jahren korallenreiche Riffe, und die paläontologische Datenbasis zeigt uns, dass Riffe häufig Entstehungsstätten auch von Organismen waren, die dann später in ganz andere Regionen außerhalb der Riffe ausgewandert sind.

Gesundes Korallenriff bei Lizard Island, Great Barrier Reef. © Credit: The Ocean Agency / XL Catlin Seaview Survey (www.coralreefimagebank.org)

Bleiben wir bei den heutigen Korallenriffen. Jeder, der schon einmal in den Tropen abgetaucht ist, bestaunt und bewundert sie. Anderen hat sie vielleicht Hollywood-Star Clownfisch Nemo näher gebracht. Und selbst in gut geführten Zooaquarien und Ozeanarien kommt ihre  Formenvielfalt und oft faszinierende Farbenpracht zur Geltung.

Seit einiger Zeit sind Korallenriffe allerdings dramatisch in die Schlagzeilen gekommen, denn weltweit sind sie am Absterben. Doch wer ist Schuld? Der globale Temperatur- und Meeresspiegelanstieg? Meeresversauerung, Überdüngung, Plastikverschmutzung oder gar der fiese Dornenkronenseestern? Manche Medien schreiben sogar, es sei alles Hysterie. Es gäbe doch noch Korallen. Ja, die Riffe seien sogar bunter denn je. Die Riffwissenschaftler wollten nur mehr Geld oder sich wichtig machen. Die australische Regierung macht derweil Ernst und 400 Millionen Australische Dollar locker. Sie wirbt für „innovative“ Ideen, etwa um mit solarbetriebenen Ventilatoren das zu warme Wasser rund um das Great Barrier Reef zu kühlen. Den bösen, Korallen-abweidenden Seesternen soll es bald mit Unterwasserdrohnen an den Kragen gehen. Für viele Wissenschaftler sind dies alles nur Geplänkel und Ablenkmanöver. Aber was nun? Sind Korallenriffe auch ein Opfer des Populismus geworden, oder zumindest unserer westlichen dualistischen Denkweise – es muss doch irgendeinen Hebel geben, den man nur umlegen müsste, und alles wird gut?

Korallenriffe lehren uns, dass wir mit Komplexitäten und Wechselwirkungen nur schwer umgehen können. Dass wir uns die Welt zu einfach machen. Die einfache Botschaft ist, den Korallenriffen geht es richtig schlecht, sie sind tatsächlich extrem gefährdet. Die komplizierte, aber auch frohere Botschaft lautet: Es gibt nicht den einen Hebel. Wir müssen vieles gleichzeitig angehen. Korallenriffe sind ein Produkt von Wechselwirkungen, sie agieren „systemisch“ und deshalb müssen auch die Schutzbemühungen ganzheitlich durchdacht werden.

Ohne den anthropogenen Treibhausgasausstoß extrem zu drosseln, sind sie garantiert verloren. Aber auch das allein nützt nichts, wenn wir nicht bessere Schutz- und Anpassungskonzepte verfolgen. Und umgekehrt nützt das beste Schutzgebietskonzept nichts, wenn wir nicht auch den Klimawandel angehen. Und selbst wenn wir alles gemeinsam anpacken, werden die Riffe noch durch ein „Tal der Tränen“ gehen, bevor sie sich, bestenfalls irgendwann in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts erholen können.

Es gibt jede Menge Ausreden nichts zu tun. „Es ist doch eh alles viel zu spät! Die Natur ist doch sowieso viel stärker als wir!“ Oder sogar: „Tja, dann müssen wir halt doch die Sonne abschatten. Auf jeden Fall aber: „Ich allein kann doch da nichts tun, Schuld ist doch DIE Politik, DIE Wirtschaft, DIE Überbevölkerung.“

Nein, pardon, das stimmt alles nicht. Es ist noch nicht zu spät und wir sind in diesem Fall eindeutig stärker als die Natur. Das neue Erdzeitalter des Anthropozäns, des „menschengemachten Neuen“ besagt genau dies. Selbst wenn wir die Sonne abschatten – was als Geoengineering-Idee durchaus verfolgt wird – geht es mit der Versauerung unvermindert weiter. Deshalb wäre das nicht nur für die Korallenriffe keine gute Idee. Es liegt an allem möglichen, in der Summe aber vor allem an unserem, auch politisch gewollten Lebensstil, unserer Überfluss- und Wegwerfgesellschaft, die wir nie zu Ende denken. Aus den Augen, aus dem Sinn – so landen eben dann 60 Prozent allen je produzierten Plastiks, die Hälfte unserer Düngemittel und ein Drittel der anthropogenen Treibhausgase letztendlich in den Meeren. Die Meere sind eine große Mülhalde und die Korallenriffe sind mittendrin.

Wie können Lösungen aussehen? Dazu bedarf es (auch nach Nemo) der verständlichen Erläuterung, wie Riffe „funktionieren“ und welche Bedeutung sie für uns alle haben. Erst dann sind auch die Gefährdungen besser verständlich. Und last but not least, die heutigen Riffe sind ein Prozess der Evolution. Auch das müssen wir besser verstehen, wenn ihre Widerstandsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit beurteilt und Schutzmaßnahmen greifen sollen.

Die Metropolenmetapher ist auch im derzeitigen 3. Internationalen Jahr des Riffs (IYOR) hilfreich, um Faszination zu wecken. Korallenriffe sind wie Städte verdichtet, es wird in die Höhe gebaut, es gibt Grundstücke in guter und in schlechter Lage. Die Baumeister, allen voran die Korallenpolypen, sind hoch effektiv und produzieren zusammen mit anderen „Baumeistern“ hunderte Millionen Tonnen Riffkalk weltweit. Und das, obwohl sie nur auf verschwindend geringen Flächen (0,1-0,2 Prozent der Meeresfläche) leben. Die dazu nötige Energie wird durch dezentrale Solarenergieversorgung gewonnen, denn im Gewebe der riffbildenen Korallen leben als Untermieter symbiotische einzellige Algen. Mittels Photosynthese produzieren sie Grundbausteine für Kohlehydrate und Fette und führen diese zu einem großen Teil als „Mietzins“ an die Korallentierchen ab. Im Gegenzug bekommen sie von der Koralle Schutz sowie nitrat- und phosphatreiche Abfallstoffe.

Im Riff gibt es vielfältige Arbeitsstätten. Etwa ein Gartenbauamt (Fische, Seeigel und andere, die freiwachsende, ansonsten alles überwuchernde Algen abweiden), Arztpraxen (Putzerfische, Putzergarnelen), Kläranlagen (Schwämme, viele filtrierende Organismen wie Strudelwürmer, Muscheln, Moostierchen), Biorecycler (etwa Krabben, Seegurken) und sogar Abbruchunternehmen, für den Fall, dass Gebäude baufällig werden (Bohrschwämme, Bohrmuscheln, Papageifisch etc.). Und so geht kaum etwas in den unendlichen Weiten der Ozeane verloren.

Klares, lichtdurchflutetes, flaches, warmes, sauerstoffreiches Wasser mit wenig externen Nährstoffen sind die Voraussetzungen dafür – sonst funktionieren weder Korallensymbiose noch Kalkausscheidung. Wie in einer normalen Stadt gibt es auch stressige Zeiten. Tropische Wirbelstürme können im Riff viel zerschlagen. Temperaturspitzen führen zu Bleichungsereignissen, bei denen die unter Stress geratenden Korallen ihre symbiotischen Algen rauswerfen und buchstäblich verhungern können. Das ist alles wieder reparabel und kann sogar wie ein Jungbrunnen wirken – sofern solche Ereignisse nur ab und an auftreten.

Korallenriffe sind als Ökosystem allein schon schützenswert genug. Doch darüber hinaus tun sie auch einiges für uns: Sie fangen bis zu 95 Prozent der Wellenenergie ab, sind also ein perfekter, natürlicher Küstenschutz. Sie sind Kinderstuben und Restaurants für Hochsee- und Lagunenfische, also essentiell für den Fischfang. Die „blaue Apotheke“ der Korallenriffe liefert wesentliche Rezepte für hochwirksame Arzneien, wie nicht-abhängig machende Schmerzmittel aus dem Gift der Kegelschnecken, Prostaglandine aus Hornkorallen oder zahlreiche Medikamente für die Bekämpfung von Aids und Krebs. Dass Rifforganismen auch noch Vorbilder für technische Entwicklungen sind und Riffkorallen wunderbare Klimaarchive darstellen, sei nur nebenbei erwähnt.

Temperaturbedingte Korallenbleiche, Okinawa, Japan, September 2016.
© Credit: The Ocean Agency / XL Catlin Seaview Agency (www.coralreefimagebank.org)

Worin liegen konkret die Gefahren für die Riffe? Zum einem im anthropogenen CO2-Ausstoß. Er lässt die Wassertemperaturen ansteigen, lässt die Meere versauern und hebt den Meeresspiegel. Letzteres könnte Korallenwachstum sogar kompensieren – wenn nicht andere Schädigungen dazu kämen. Zum Beispiel vom Land herrührende Verschmutzungen, allen voran die Überdüngung (aus der Landwirtschaft), Sedimenteintrag durch Bodenabwaschung, verstärkt durch Waldabholzung, sowie Verschmutzung durch chemische Schadstoffe und Plastik. Dazu kommen örtliche Beeinträchtigungen, etwa durch falsches Verhalten von Touristen im Riff, durch Überfischung und falsche Fischereimethoden, wie etwa Dynamit- und Cyankalifischerei. Derart vorgeschädigte Riffe sind Krankheiten oder natürlichen Feinden wie dem Dornenkronenseestern nicht mehr gewachsen.

Welche Schutzmöglichkeiten sieht die Wissenschaft? Zunächst bedarf es neuer Konzepte. Wenn sich das Klima und das Verhalten der Meere im Anthropozän ähnlich entwickeln sollte, wie zu früheren Warm- und Heißzeiten – auch 2 Grad mehr global ist deutlich wärmer als in den letzten 10.000 Jahren im Holozän – könnte ein Blick in die Vergangenheit lohnen. Lehre Nr. 1: Es ist kein Trost, dass korallenreiche tropische Flachwasserriffe schon mehrfach global ausgestorben sind, sich aber wieder erholt haben. Denn die Erholung benötigte drei, fünf und in einem Fall sogar 140 Millionen Jahre!

Was dabei gerne übersehen wird: Korallenriffe waren noch in Jura-Zeiten, also vor 150 Millionen Jahren richtige „Schmutzfinkriffe“ und wuchsen in Nähe von Ton- und nährstoffliefernden Küsten oder sogar mittendrin in nährstoffreichem Modder. Die Skelettmuster der Korallen zeigen, dass es damals bereits Algensymbiose gab, nur war die eben noch nicht sehr effizient. Und erst vor etwa 15 Millionen Jahren eroberten Korallenriffe die extrem nährstoffarme Hochsee, wo wir sie heute bevorzugt untersuchen, weil das Wasser dort klar und somit besser einsehbar ist. Wenig untersucht oder sogar übersehen haben wir Riffe, die wir eigentlich nur aus der Erdgeschichte kennen: Tiefwasserkorallenriffe sind inzwischen zwar gut bekannt, Kieselschwammriffe, wie im Jura auch in Deutschland zahlreich, wurden jedoch erst vor wenigen Jahren wiederentdeckt und zwar vor der kanadischen Pazifikküste. Im Flachwasser gibt es aber auch gut entwickelte Riffe mit wenigen, spezialisierten „altertümlichen“, an hohen Sediment- und Nährstoffeintrag angepassten Korallen, wie etwa auf den Abrolhos-Inseln vor Brasilien oder nun neu entdeckt vor der Amazonas-Mündung.

In einer Karibik-Bucht vor Panama oder vor einer großen Flussmündung vor Borneo üben Korallenriffe schon seit Jahrtausenden, mit natürlichen Schwankungen des Sedimenteintrags klarzukommen. Sie könnten besser an sich verändernde Milieus angepasst sein. Und selbst im Mittelmeer existiert die symbiotische Riffkoralle Cladocora, die wie viele Jurakorallen zwischen Ernährung durch Plankton (im Winter) und Ernährung durch symbiontische Algen (im heißen, nährstoffarmen Sommer) hin- und her wechselt.

Solche „atavistischen“ Formen, also Rifforganismen, die noch Merkmale früherer Evolutionsstadien in sich tragen, werden unsere stark gefährdeten Hochsee-Korallenriffe nicht ersetzen können. Sie können aber ihren Teil dazu beitragen, durch das „Tal der Tränen“ zu gelangen. An erster Stelle der Maßnahmen steht tatsächlich die umgehende, massive Reduzierung des menschengemachten CO2-Ausstoßes. Bei einem Weiter-so-wie-bisher und Erreichen eines atmosphärischen CO2-Gehaltes von 700 ppm können wir die Korallenriffe vergessen – zumindest für etliche Millionen Jahre.

Ja, in früheren Zeiten wuchsen Riffe teilweise bei deutlich höheren CO2-Gehalten. Aber diese stiegen extrem langsam an, so dass chemische Puffermechanismen und biologische Anpassung genügend Zeit hatten. Aber auch beim Einhalten von deutlich unter 450 ppm, also dem Versuch, das globale 1,5-Grad-Ziel zu erfüllen, hätten Korallenriffe nur eine Chance, wenn auch die Nährstoff- und sonstige Schmutzeintragssituation durch deutlich verbessertes Küsten- und Riffmanagement umgehend reduziert würde. Erst wenn beides gewährleistet ist, können Zusatzeffekte durch „assistierte“ Anpassungsprojekte erreicht werden. Hierzu zählen das Aussetzen von Korallenlarven oder junger Korallen in zerstörte Riffareale, die Neuzüchtungen robusterer Korallen, und in wenigen Fällen auch das Ausbringen von künstlichen Untergründen zur Wiederansiedlung. All das macht aber nur Sinn, wenn durch Klimaschutz, Landmanagement und Fischfangregulierung die Dauerstressoren abgeschaltet sind.

Vielversprechend erscheint es auch, nicht nur die letzten annähernd intakten, sondern auch schon stark geschädigte Riffe zu schützen. Denn gerade dort passiert oft der effektivste Kampf um bessere Anpassung. In diesem Kontext gilt es auch die atavistischen Riffe zu schützen. Die vielleicht größte Herausforderung wird allerdings der lange Atem sein, der nötig ist, um Riffen eine Zukunft zu bieten und uns ihre so wertvollen Dienstleistungen zu erhalten. Nach allem was die Wissenschaft weiß, werden Riffe sich auch im bestmöglichen Fall stark umbauen, zu kleineren, volatileren Einheiten zusammentreten. Sie werden immer wieder absterben und andernorts neu entstehen, bevor sich dann – vermutlich erst nach etlichen Jahrzehnten – wieder große, stabile, sicherlich nicht ganz mit den heutigen Riffen vergleichbare, aber wiederum faszinierende Unterwassermetropolen bilden. Dazu kann jeder einzelne beitragen, indem er nicht nur selbst auf seinen ökologischen Fußabdruck achtet (möglichst wenig Müll produziert und sich vor Ort im Riff vorsichtig verhält), sondern indem er auch andere, seien es Reiseveranstalter, Lehrkräfte oder den eigenen Familien- und Freundeskreis die eigene Faszination für diese wunderbare Unterwasserwelt spüren lässt. Denn nur was man kennt, kann man schätzen. Und nur was man wertschätzt, kann man schützen.

(Dieser Artikel ist ein Beitrag zum 3. Internationalen Jahr des Riffs. Eine gekürzte Version dieses Artikels erschien am 17.10.2018 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (print/ePaper) sowie online in FAZ+ )

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Weitere Informationen zum Internationalen Jahr des Riffs:

Reinhold Leinfelder ist Geologe, Geobiologe und Paläontologe. Er ist Professor an der Freien Universität zu Berlin (Leiter der Arbeitsgruppe Geobiologie und Anthropozänforschung) sowie Principal Investigator am Exzellenzcluster "Bild-Wissen-Gestaltung" der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2012 ist er Mitglied der internationalen Anthropocene Working Group der International Stratigraphic Commission. Von 2006-2010 war er Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin, von 2008-2013 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), von 2011-2014 Research Fellow und affiliate Carson Professor am Rachel Carson Center an der LMU, München, von 1. Sept. 2014 bis 15. Sept. 2016 Gründungsdirektor der Futurium gGmbH in Berlin. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen beim Anthropozän, Korallenriffen, neuen Methoden und Herausforderungen des Wissenstransfers und Museologie | Homepage des Autors | blog in english, via google translate

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