Über Balkonauten und andere Astros

ein Beitrag des rbb  vom 25.11. (klick aufs Bild)

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Mitunter „erbarmen“ sich ja lokale Radio- und Fernsehsender sogar derjenigen, die sich ihre Freizeit und Nächte mit Wissenschaft gestalten. Das unterstütze ich und verbreite es daher auch in diesem Kreise. Ich verlinke diesen Beitrag, denn ich hoffe, dass ich damit den einen oder die andere Lesende erfreue: stolz können sie sein, die sich häufig als Außenseiter geben, stolz, denn sie machen etwas Wertvolles für Wissenschaft und Gesellschaft!

Gleichzeitig möchte ich diesen Beitrag als Hommage an die Amateurastronomie gesehen wissen. Dazu ein paar Bemerkungen:

  • Manche Astros meiden das Wort „Amateur“ nur, weil es im Deutschen (zu Unrecht) vielfach abfällig konnotiert aufgefasst wird, obwohl doch viele dieser Astros auch wichtige Beiträge leisten und das französische Wort eigentlich besagt, dass sie ihre Arbeit mit sehr viel Liebe, d.h. ambitioniert und passioniert betreiben.
  • Ich meine es nicht negativ, sondern identifiziere mich folgendermaßen damit: In diesem zweiten Sinn war ich stets und bin bis heute auch ein Astro-„Amateur“, also ~Liebhaber(in), obwohl ich die Astronomie glücklicherweise (meistens, aber eben nicht immer) bezahlt kriege. Nun verschmelzen in meinem Fall zwar glücklicherweise Hobby und Beruf und für mich ist das ein Genuß, dass mein derzeitiger Beruf eine Berufung ist bzw zur Berufung wird, indem ich mich darin pausenlos verbessern kann. Jedoch gibt es offenbar verschiedene Einstellungen zum Leben: manche Menschen brauchen das Hobby, um Pause vom Beruf zu haben und dann gibt es solche, die Beruf und Hobby vereinen und dabei glücklich sind. Jedenfalls ist und bleibt die Astronomie meine größte Leidenschaft und ich bin sehr froh, dass ich in jedem Lebensbereich und überall in der Raumzeit Menschen treffe, die das genauso sehen.
    Dass Glück sich schwer für alle Menschen allgemeingültig in Worte fassen lässt, hat die ARD-Themenwoche und Brainlogs (Glück) ja kürzlich par excellence ans Licht gebracht. Jedenfalls ist es etwas positives. Viele Astros sind jedenfalls auch sehr zufrieden damit als Freizeitgestaltung: warum auch nicht. : – ) ist ja auch was Tolles!

Kleine Annekdote am Rande: Als ich letztes Jahr in einem Vorstellungsgespräch einmal gefragt wurde, ob ich mich noch für anderes interessiere als Astronomie, war meine Antwort die irritierte Gegenfrage „Was gibt es denn noch mehr, noch anderes in der Welt als ‚das ganze Universum‘ ?„… manchmal bin ich ja selbst überrascht von meiner Naivität und spontanen Kreativität. Komischerweise hätte ich den Job trotzdem gekriegt, aber ich habe ihn dann nicht angetreten, da ich mich für eine andere Stelle entschieden habe: direkt in der Astronomieforschung – da konnte ich nicht widerstehen, wenngleich das Gehalt niedriger ist. O : – ) Sicher, Geld braucht man zum Leben – aber für mich persönlich ist es bekanntlich sehr wichtig, dass es darüber hinaus noch andere Werte gibt (z.B. Ehre, Bildung, … usw).

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leicht verwackelter Mond, weil freihändig fotografiert … wollte die Laterne mit drauf kriegen, denn sie ist nur ca. einen Meter vom Sims des Balkons entfernt. Freundlicherweise hat die Stadtverwaltung sie auf meinen Wunsch hin ein bißchen abgeblendet – allerdings ist das jetzt trotzdem nur eine „ringförmige Laternen-Finsternis“, also so richtig viel geht da leider nicht, astronomisch (mpf…)

Definitions-Essenz des rbb-Beitrags:

  1. Hobby-Astros arbeiten meistens unentgeltlich und nur für die Ehre, nicht für Geld – was sie hauptsächlich von Profis unterscheidet, die für Ehre und Geld arbeiten (und manche vllt. auch nur für Geld).
  2. Es gibt aber gut ausgerüstete Amateurastros, die wertvolle Beiträge zu dem leisten, was Wissen schafft – entweder in der Forschung oder auch in der Lehre und Popularisierung unserer Wissenschaft. „Wissen ist schließlich immer erst dann Wissen“, wenn man es auch erklären kann, also „wenn andere daran teilhaben“. Die Kommunikation und damit auch Diskussion des Wissens ist also auch essentiell für die Existenz des Wissens – so zumindest der Konsens der Jahrestagung des Berliner Exzellenzclusters für Altertumsforschung. (Hier der Link zu einem Beitrag bei Deutschlandfunk.)
  3. Die Themen und Methoden der Hobbyastronomie reichen – analog zu denen der Profis – von Beobachtungen mit HighTec-Teleskopen, internationalen Kollaborationen über den ganzen Globus, Erklären von Himmel und Instrumenten für die Laien, Arbeitsgruppen und Diskussionsrunden, Sonne, Mond, Sternschnuppen, Rekonstruktion historischer Instrumente, Diskussion von wissenschaftlichen Thesen bis hin zu (Mit)Organisation von Forschungsprogrammen …
  4. Amateurastronomen funktionieren anders als andere Menschen: sie regenerieren sich nicht durch Schlaf, sondern durch Sternegucken, nachts in der Kälte stehen und den Himmel be“gaffen“ hat etwas meditatives. Und manche können sogar noch nach zwei vollen Arbeitstagen und der dazwischen durchwachten Nacht am Nachmittag im Herzen Berlins Straßenastronomie betreiben und einer internationalen Hauptstadtklientel den HImmel erklären.

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Ich persönlich habe die unglaubliche Energie, die der Blick zum Sternhimmel gibt, seit der Schulzeit schon oft genutzt. Außerdem habe ich als Weltenbummlerin aber auch eine andere ENergie schon oft zu spüren gekriegt: die Energie, die dem menschlichen Individuum die Zuneigung anderer Menschen und die Integration in eine Gruppe geben kann, in der man sich quasi zuhause fühlen kann: die überregionale und internationale Gemeinschaft … vielleicht sogar „Familie“ (wie es in dem obigen Beitrag heißt) … der (Amateur)Astronomen:

Es ist großartig, dass es nach wie vor zahlreiche Hobby-Astros und Sterngucker auf der Welt gibt. Egal, wo man hinkommt, in den entlegendsten Winkeln der Erde [die Winkel in einer fast-Kugel dürfen Sie selbst suchen], überall gibt’s auch Sterngucker oder zumindest Astro-Interessierte; sei es Sibirien (memory), Südafrika, Sahara (memory), Serpa (.pt) oder San Francisco … und wer weiß, wohin ich in Zukunft noch hinverschlagen werde: „to boldly go where noone has gone before“ ; – ) Aber überall fühlte ich mich sehr schnell zuhause, angenommen und aufgenommen, weil ich überall (Hobby-)Astros traf. Ich hoffe und wünsche der Astronomie und ihren Engagierten, dass das so bleibt!

Überall auf der Welt kann bei den Astros sogar eine eher introvertierte Person recht zügig in die Gruppe integriert werden und sozialen Anschluss finden, also irgendwo „dazu zu gehören“ und sich nützlich machen: Der Mensch ist schließlich ein Herdentier, sagen die Bio- und Sozio-Leute (hab ich nur gelesen) – und wenn manche von uns etwas eigenbrötlerisch wirken, ist das wohl bei den meisten von denen nur der Kompromiss zwischen ‚eigenen Interessen nachgehen, so nerd sie auch sein mögen‘ und der Vermeidung von Konflikten ‚allein gegen andere Gruppen‘ – dann lieber andere Gruppe finden oder gründen. Ganz gut dargestellt ist diese soziologische Beobachtung ja auch in TBBT (?), insbesondere karrikiert durch die Entwicklung von Sheldon vom einsamen Streiter zu einem – sehr speziellen, aber doch integrierten – Mitglied einer sozialen Gruppe.

Jedenfalls DANKE ihr Hobby-Astros in aller Welt: Ihr habt ein tolles Hobby, interessante Stammtische und leistet dabei sogar en passant Beiträge zu Forschung, Bildung und Kulturprogramm.

Macht weiter so!


Gimmick:

Klar, Sie werden im oberen Beitrag einige Fehler finden… aber das macht nichts. Es geht um die gute Sache.

soziale Astro-Gruppe im Film (Eintrittskarte des Filmmuseums in Berlin)

soziale Astro-Gruppe im Film (Eintrittskarte des Filmmuseums in Berlin)

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" [abgewandelt: John Miles, http://www.youtube.com/watch?v=egwARrX1ik8 ] Die Autorin studierte im Doppelstudium Physik und Wissenschaftsgeschichte und anschl. Medienwissenschaften, Physikdidaktik & Philosophische Anthropologie als Promotionsstudium. Sie ist seit 1998 freiberuflich als Astronomin und zeitweise auch als Dozentin für Physik tätig. Derzeit erforscht sie die Wurzeln der abendländischen Astronomie. Aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Frühere Arbeitsschwerpunkte waren * in Astrophysik: Stellarphysik; Mikrogravitationslinsen & Exoplaneten (1. Diplomarbeit); * in Technik- und Wissenschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts (2. Diplomarbeit). * in Astronomie- und Physikdidaktik: Aufbau und Entwicklung einer überregionalen außerschulischen naturwissenschaftlichen Jugendarbeit in Deutschland und im Rahmen des internationalen Jugendaustausches [Mitbegründerin des Astronom. Sommerlagers (ASL), VdS-Jugendreferentin, Initiatorin und Gründerin der VEGA e.V., Begründerin der Berliner SpaceCamps, Gründerin von Astronomie+Raumfahrt-Austauschprogrammen mit Russland und Kasachstan, Zusammenstellung von Lehreinheiten online auf www.exopla.net , historische Methoden zur Vermessung der Welt nachvollziehbar auf Schulniveau] und gleichzeitig in Philosophie/ Medienwissenschaft: Lingua sine Limitibus - Sprachen der Populärdidaktik und transkulturelle Kommunikation (bildliche Sprachen und Visualisierungen, Astronomiekarawanen in Mauretanien, Hotelsternwarte in Portugal). * während Abitur und 2x Doppelstudium finanzierte sie sich als Freiberuflerin [siehe www.urania-uhura.de] durch Popularisierung der Wissenschaften in vielen Medien. In Zusammenarbeit mit einem Reiseveranstalter erhielt sie 2006 einen Tourismuspreis. Aktuell erforscht sie durch Analyse von Gestirnlisten in Keilschrift und Altgriechisch durch computergestützte Datenanalyse die Zusammenhänge der babylonischen mathematischen Astronomie mit der hellenistischen Astronomie.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Susanne,
    danke für diese liebevolle Hommage an die Amateurastronomie. Es ist doch herrlich, die Beschäftigung mit dem Universum zum Hobby und – wie in Deinem Fall – zum Beruf gemacht zu haben. Du sprichst mir jedenfalls aus der Seele.

    Viele Grüße
    Jürgen (Zeltnachbar auf dem
    ITV 2010)

  2. Danke Jürgen, für den Kommentar und schön dadurch zu wissen, dass Du meinem Blog folgst. Die Hobby-Astronomie ist mir in der Tat sehr wichtig und ich habe mich stets dafür engagiert, dass sie lebt.
    Allerdings formulierst Du hier ein fundamentales Missverständnis zu meiner persönlichen Entwicklung, das mir oft begegnet und Du gibst mir so die Gelegenheit, meine Gegenrede öffentlich zu verschriftlichen:

    ich habe nicht mein Hobby zum Beruf gemacht. Und solange ich es vermeiden kann, werde ich das auch nicht. Astronomie war schon immer mein inniger Berufswunsch, nicht mein Hobby. VIelleicht habe ich besonders früh (mit 15) diesen Beruf zu lernen angefangen, aber durch die Vielseitigkeit und Vielfacettigkeit meiner Ausbildung ist sie leider noch immer nicht beendet. Ich arbeite dran!
    Im Augenblick ist die Astronomie aber jedenfalls nicht mein Hobby, sondern mein Beruf, dem ich mit Leidenschaft nachgehe – und da ich noch in der Ausbildung bin, bin ich eben weder Hobby- noch Profi-Astronomin, sondern „Astronomin in Ausbildung“. 🙂

    Nur, weil ich abends vorm ZuBettGehen gern mal an den Himmel schaue, bin ich noch lange kein HobbyAstronom – ich putz mir auch die Zähne und werde davon nicht gleich Hobby-Zahnarzt. Das, was diese Leute da in dem FIlm machen, ist Zuarbeit für Profis, die man entweder – wie ich – in zahlreichen Ausbildungen lernt oder – wie diese Leute – sich irgendwie selbst aneignet. Ich engagierte mich stets und immer für die Hobby-Astronomie und das vor allem auch aus purem Selbsterhaltungstrieb, weil ich eben gern Profi-Astro werden will, wenn ich mal groß bin. Das kann ich nur, wenn es Leute gibt, die das interessiert: eben die Hobby-Astros, z.B.

    Meine Berufausbildung zur Astronomin hat mich sehr viel Fleiß und eiserne Disziplin gekostet (und ist noch nicht abgeschlossen) und darum hatte ich bis zu ungefähr zu meinem 30. lebensjahr gar keine Zeit für Hobbies.

    BTW: meine Hobbies, wenn es das gibt, sind vielleicht Fotografie, Bildbearbeitung und Schreiben und das mache ich hier im Blog. Da schreibe ich aber selten über meine eigene Forschung, sondern über alles, was mir im Alltag so unterkommt.

    Die Hobby-Astros in aller Welt beflügeln mich durch ihr Interesse (man hat das Gefühl, dass man seine Arbeit nicht umsonst macht, sondern für jemanden) und die menschlichen Kontakte, die man dadurch bekommt, sind in jedem Fall eine Bereicherung. Auch Wissenschaftler, die gern im Elfenbeinturm leben, sind eben „nur Menschen“ und brauchen hin und wieder den Umgang mit echten Menschen, um nicht an Einsamkeit zu sterben oder geistig zu verarmen. DAS ist für mich persönlich das Tolle an der Hobby-Astronomie.

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