Von Darmspiegelungen und Spaziergängen an der Seine: Über den Unterschied von Erfahren und Erinnern im Glücksempfinden

(Ein Analogia-Gastbeitrag von Katharina Müller.)

Nachdem ich in den letzten Monaten vom Beenden meines Bachelorstudiums eingenommen war (ob dies erfolgreich war, wird sich noch zeigen), melde ich mich hiermit zurück als Analogia-Gastbloggerin. Mit diesem Artikel möchte ich Sie zu einer Kontemplationsreihe über Glück einladen. Beginnen möchte ich, anschließend an meinen letzten Beitrag über Heuristiken und Bias, mit der Forschung von Daniel Kahneman.

Als ich in der Grundschule war, wurden irgendwann Poesiealben gegen sogenannte Freundschaftsbücher eingetauscht, in denen man Angaben über charakterdefinierende Vorlieben wie das Lieblingsschulfach oder die Lieblingsfarbe machte. Am Ende wurde nach dem eigenen Ziel gefragt. Manche verstanden dies als Berufsziel („Feuerwehrmann werden“), andere eher als kurzfristiges Sehnsucht („Lange glatte Haare wie Sabrina haben“). Ich in all meiner Grundschulweisheit wollte mich nicht recht festlegen, hatte aber in meinen Mitmenschen und in Kinderbüchern ein Ziel entdeckt, das ich für ultimativ und universell erstrebenswert hielt: Glücklich zu sein.
Zu diesem Zeitpunkt war ich noch fest davon überzeugt, dass ich, wenn ich nur einmal groß wäre (dreiundzwanzig Jahre alt beispielsweise), wüsste, was hinter diesem Attribut eigentlich steckt. Heute bin ich dreiundzwanzigeinhalb Jahre alt und habe auf diese Frage noch keine eindeutige Antwort gefunden.

Daniel Kahneman behauptet, den einen Glücksbegriff gebe es nicht. Vielmehr lassen seine Forschungsergebnisse zwei Interpretationen zu: die des Glücks, das man im Moment erlebt (das erlebende Selbst) und jenes, das man aus der Retrospektive evaluiert (das erinnernde Selbst, welches zugleich als Lebensnarrativ funktioniert). Der Unterschied besteht also zwischen den Fragen „Sind Sie glücklich in Ihrem Leben?“ und „Sind Sie glücklich mit Ihrem Leben?“. Kahneman unterscheidet hierbei zwischen dem erfahrenden Selbst und dem erinnernden Selbst.

Eigentlich könnte man meinen, dass beide „Selbste“ die gleichen Erlebnisse nach den gleichen Regeln als glücklich oder unglücklich werten sollten. Kahnemann hat dies untersucht, indem er Patienten nach einer Darmspiegelung die Gesamtstärke ihres Schmerzes während des Eingriffs bewerten ließ. Die Patienten bewerteten jedoch nicht wie gefragt das kumulierten Schmerzempfinden, viel mehr evaluierten sie nach dem folgenden Schema: Die Länge des Eingriffs – und damit des Schmerzes – wurde ignoriert. Vielmehr errechnete sich die retrospektive Bewertung sehr zuverlässig als Durchschnittswert aus dem Zeitpunkt des größten Schmerzes und dem Endpunkt. Was eine Erfahrung definiert, sind wie bei einer guten Geschichte Momente des Umbruchs und Enden, sagt Kahneman. Zwei Patienten, die insgesamt die gleiche Menge an Schmerz während ihrer Darmspiegelung empfanden, könnten diese im Nachhinein also völlig unterschiedlich bewerten, je nachdem wie schmerzhaft der letzte und schlimmste Moment des Eingriffs waren. Laut Kahneman treten Konflikte zwischen dem erlebenden und dem erinnernden Selbst sehr häufig auf.

Dies illustriert sehr schön, wie wenig zuverlässig unsere Erinnerung manchmal unser vergangenes Erleben wiedergibt. Da das, was wir als Erleben des Moments kennen, auf drei Sekunden beschränkt ist, stellt sich mir hier die Frage, ob es nicht sinnvoller wäre, eher das erinnernde Selbst bei Laune zu halten, als sich darum zu sorgen, dass der jetzige Moment als besonders angenehm empfunden wird. An einem einzigen Tag erlebt man im Wachzustand im Schnitt um die 19000 Momente, wovon wir die meisten in ihrer Einzelheit vergessen werden. Sollten wir nicht vielmehr darum bemüht sein, unsere Erinnerung zu der möglichst glücklichsten zu machen? Wenn die Länge einer Erfahrung keinen Einfluss auf die retrospektive Bewertung hat, macht es dann nicht viel mehr Sinn, eine Liebesromanze an dem Punkt zu verlassen, an dem sie am schönsten ist, als Gefahr zu laufen, sie langsam ausbrennen zu lassen – und somit die Erinnerung an diese Liebe zu verunreinigen?

Ich denke, hier hängt viel davon ab, wie viel Wert man der Erinnerung zukommen lässt. Denn auch wenn die Länge eines Momentes nur drei Sekunden beträgt, und wir uns an alle einzelnen kaum mehr erinnern werden, leben wir doch in jedem einzelnen von ihnen. Hinzu kommt, dass es sehr anstrengend wäre, sein ganzes Leben damit beschäftigt zu sein, die Erinnerung an gelebte Momente zu kontrollieren. Natürlich, die Party dann zu verlassen, wenn sie am schönsten ist, kann eine weise Entscheidung sein. Eine Liebesromanze zu beenden, weil sie gerade am schönsten ist, triebe das ganze wohl zu weit. Denn wer möchte sich schon immer mit dem Gedanken quälen, dass er sich selber der Möglichkeit geraubt hat, weiter das Glück zu erleben, anstatt es nur zu erinnern?

In einem weiteren Schritt folgert Kahneman, dass das erinnernde Selbst, indem es aus den rund 600 Millionen Lebensmomenten diese herausfiltert, die bedeutungsvoll und es daher wert sind, erinnert zu werden, die eigentliche Macht über unsere Entscheidungen hat. Tatsächlich denken wir an die Zukunft nicht in Form von Erlebnissen, sondern als eine Art vorausgesehene Erinnerung. Dies funktioniert folgendermaßen: Wenn wir uns auf eine neue Arbeitsstelle in Paris bewerben, haben wir gewisse und zumeist sehr hohe Erwartungen an das Glück, das uns diese neue Lebenssituation bescheren wird. Arbeiten wir dann tatsächlich in Paris, ist das erlebende Selbst jedoch meist nicht glücklicher als es vorher in Eisenhüttenstädt war. Aber, so Daniel Kahneman, wir gehen nicht nach Paris, um unserem erlebenden Selbst eine gute Zeit zu bereiten, sondern einzig um unser erinnerndes Selbst zu bespaßen.

Das „voraussehend erinnernde Selbst“ denkt an Sonntagsbesuche im Louvre, einen Kaffee in Montmatre, Spaziergänge entlang der Seine und wägt sich unfassbar glücklich, in Paris zu leben. Das erlebende Selbst sei in diesen Momenten nicht glücklicher als es auf Spaziergängen durch die Gässchen von Eisenhüttenstädt war. Das erinnernde Selbst weist dann aber darauf hin, dass wir uns gerade in Paris finden, in der Stadt also, an die wir so viele schöne Erinnerungserwartungen gestellt hatten und bewertet sein Leben als glücklich. Die Frage, die Daniel Kahneman stellt, ist, warum das erinnernde Selbst solch eine Übermacht über das erlebende Selbst hat. Erinnerungen an einen Urlaub in Paris werden nur vielleicht einige Minuten pro Woche abgerufen, und umso weniger, je länger der Urlaub her ist. Die Antwort auf diese Frage findet sich meines Erachtens nach in der unbewussten Rolle, die Erinnerungen teilweise spielen. Fehlte mir ein Besuch im sagenumwobenen Paris noch auf meiner Liste, so sehe ich mich nun, da ich es kennengelernt habe, als um eine wertvolle Erfahrung weiter. Dieses glückliche Gefühl trage ich in meinem Alltag fort, wenn auch manchmal nur unterbewusst. Ich brauche mich nicht bewusst tagtäglich an meinen Urlaub in Paris zu erinnern, um mich als Mensch, der Paris erlebt hat, zu fühlen.

Kahneman selber relativiert zwar die Überlegenheit vom Erinnern über das Erleben, hat jedoch selber einmal nach einem herrlichen Urlaubstag in der Schweiz beschlossen, seinen Aufenthalt zu verkürzen und am nächsten Tag abzubrechen, um seine Erinnerung an diesen Urlaub nicht zu verderben. Es scheint so, als müssten wir auf Grund ihrer unterschiedlichen Ansprüche in jeder Situation neu darüber entscheiden, ob wir unser erfahrendes oder unser erinnerndes Selbst zufrieden stellen möchten.

 

Literaturtipp:
Kahneman, D.: Thinking, Fast and Slow. Macmillan US (2011)/Schnelles Denken, langsames Denken. Siedler Verlag (2012).

Jack of all trades, (hopefully) master of some:
– Diplommathematiker (FAU Erlangen-Nürnberg),…
– …Logic Year-Absolvent (ILLC, Universiteit van Amsterdam),…
– …PhD in Cognitive Science (IKW, Universität Osnabrück),…
– …Postdoc am KRDB der Freien Universität Bozen-Bolzano,…
– …und inzwischen am Digital Media Lab der Universität Bremen.

Themen aus der (vor allem kognitiv-inspirierten) künstlichen Intelligenz, der künstlichen Kreativität, der Philosophie des Geistes, und dem Grenz- und Interaktionsbereich zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.

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1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Das Erinnern beeinflusst natürlich auch stark das Erleben indem es die Erwartungen und die Offenheit verändert.
    So gesehen könnte eine Erinnerungstherapie sehr viel ausrichten. Ich habe den Begriff Erinnerungstherapie gerade jetzt erfunden, scheinbar aber ist dieser Begriff bereits durch bestimmte Formen der Demenztherapie besetzt (wie googlen zeigt). Eigentlich meine ich eher die Erinnerungsmanipulation oder Erinnerungskonstruktion. Viele Menschen könnten durch eine Manipulation ihrer Erinnerung wohl eine ganz andere Einstellung gewinnen und sich damit für neue Erfahrungen öffnen. Besser als die Konstruktion falscher Erinnerungen wäre allerdings das emotionale “Editieren” von Erinnerungen, denn dann ergeben sich keine Konflikte mit der Einnerungen anderer und alles was sich ändert sind die Gefühle, die man mit bestimmten Erinnerungen verbindet.

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