Gott und Gehirn? Hirnforschung als Herausforderung für die Theologie

Da wir psychische Vermögen und Phänomene ausschließlich in Verbindung mit Hirnprozessen beobachten, erscheint heute jeder Glaube an “Gespenster” – also immaterielle geistige Wesen wie Elfen, Trolle, Geister, Seelen, Engel, Dämonen, Teufel, Götter, die es auch noch gibt – obsolet.

Vom 17.-20. Mai 2012 tagte in Mannheim der 98. Deutsche Katholikentag. Im Rahmen des Zentrums “Dialog mit den Wissenschaften” fand am Samstag eine sehr gut besuchte Veranstaltung im Bürgersaal des Stadthauses statt mit dem Titel: “Gott und Gehirn? Moderne Hirnforschung als Herausforderung für die Theologie”. Ich war dort für den Hauptvortrag eingeladen. Für eine theologische Replik war der Aachener Dogmatiker Prof. Dr. Ulrich Lüke auf dem Podium; die Moderation lag bei dem Freiburger Fundamentaltheologen Prof. Dr. Magnus Striet. Ich hatte – was ich fast nie mache – meinen Vortrag zuvor schriftlich ausgearbeitet, was es mir nun erlaubt, den nur geringfügig veränderten Text hier zur Diskussion zu stellen.

Ich möchte darauf hinweisen, dass wir uns die Dramaturgie der Veranstaltung so vorgestellt hatten, dass ich mich in meinem Beitrag (ca. 30 Minuten) auf die neurowissenschaftliche Provokation beschränken und diese möglichst scharf formulieren wollte – damit es anschließend auch etwas zu diskutieren gab! Zu meinen eigenen theologischen Überlegungen kann man in früheren Blogbeiträgen einiges finden; wenn der Verlauf der Diskussion es verlangt/anbietet, werde ich ggf. mit weiteren Posts reagieren.

Hier also der Text:

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Meine Aufgabe ist es, Ihnen die Herausforderung darzustellen, die aus den Erkenntnissen der modernen Hirnforschung für die Theologie und für den christlichen Glauben resultiert. In der Überzeugung, dass uns diese Auseinandersetzung sehr helfen kann, besser zu verstehen, was den christlichen Glauben letztlich ausmacht – und was nicht –, werde ich diese Provokation möglichst scharf formulieren, so wie es vermutlich viele meiner atheistisch gesonnenen Kollegen tun würden.

Wer hilft?

Der Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaft, zwischen Glaube und Technik, wird tatsächlich nicht theoretisch oder bei Podiumsdiskussionen geführt wie hier, sondern er läuft im Alltag unmerklich, hintergründig, subkutan ab: beispielsweise wenn wir heute in einer Notsituation der Technik vertrauen und mit unserem Handy den Notarzt oder den ADAC rufen, anstelle eines Stoßgebetes, wie es früheren Generationen noch vertraut war. Die Absicherung unserer Lebensbedingungen und, wohl mehr noch, die durch Technik ermöglichte Bequemlichkeit verleiht dem naturwissenschaftlich-technischen Denken eine ungeheure Überzeugungskraft, einfach weil die Technik so außerordentlich zuverlässig funktioniert.

Mythologie?

Allerdings ist uns nur allzu bewusst, dass die naturwissenschaftlichen Fakten und die verfügbare Technologie keinerlei Antwort auf die bedrängenden Fragen unserer Existenz liefern. Der Ort für diese Fragen (nicht unbedingt für Antworten!) ist heute die Kunst und besonders vielleicht die Literatur, die literarische Fiktion.

Die großen Monotheismen sind allesamt Buchreligionen und ihre heiligen Schriften gelten gemeinhin als große Literatur. Doch aus Sicht der Gläubigen beanspruchen diese Texte mehr zu sein als bloße literarische Fiktion, als Erbauungsliteratur.

Gläubige lesen diese Texte daher auch ganz anders als sie beispielsweise die mythischen Göttererzählungen des alten Griechenlands lesen würden. Sie schenken den heiligen Texten ihrer Religion vielmehr Glauben, auch wenn die darin geäußerten Vorstellungen heute nicht mehr durch persönliche Erfahrung nachvollzogen werden können: die wenigsten von uns haben bisher Engel gesehen oder Wunder in einem naturwissenschaftlichen Sinne erlebt, und auch die Erscheinungen des Auferstandenen endeten bereits nach kurzer Zeit. Dennoch glauben die Gläubigen, dass die in den heiligen Schriften berichteten Ereignisse wirklich passiert sind, dass die Protagonisten – Abraham, Mose, Jesus – als wirkliche Menschen gelebt haben und dass Engel, Dämonen und Gott wirklich existieren.

Wissenschaft

Sie und ich können im Jahre 2012 nicht ernsthaft erwarten, dass Naturwissenschaftler noch darüber mit uns diskutieren möchten, ob es Elfen und Trolle, Engel und Dämonen, Geister und Gespenster, arme Seelen, Teufel und Götter gibt. Ob es überhaupt eine zweite jenseitige Welt, eine Übernatur, hinter der sichtbaren, natürlichen Welt gibt, welche unseren Blicken verborgen ist. Nicht einmal der Schöpfungsbericht der Genesis weiß von einer solchen zweiten Welt!

All diese Wesen und auch das Jenseits darf sich jeder gerne vorstellen – wir sind in unserer Phantasie ja völlig frei, und niemand kann uns daran hindern, uns auszudenken, was immer wir wollen. Im ernsten, hingebungsvollen Spiel kann Fiktion auch durchaus handlungswirksam werden. Doch – und dies ist eine entscheidende Voraussetzung naturwissenschaftlichen Denkens – es gibt einen Unterschied zwischen Fiktion und Wirklichkeit, und diese Grenze muss unbedingt beachtet werden. Die Anerkennung dieser Grenze ist auch eine unbedingte Voraussetzung für einen Dialog mit den Naturwissenschaften.

In den vergangenen 300-400 Jahren, in denen ernsthaft Naturwissenschaft betrieben wird, haben wir die rein geistigen Wesenheiten oder deren Handeln nicht mehr beobachten können. Sie kommen in den Gleichungen der Physik und der Chemie schlicht nicht vor. Und ausgehend von dem, was wir heute über die Welt wissen, gibt es keinen guten Grund mehr davon auszugehen, dass derartige Wesen wirklich, das heißt jenseits unserer Phantasie, existieren und den Gang der Weltgeschichte wirklich beeinflussen.

Hirnforschung

Im Folgenden soll es nun spezieller um Hirnforschung bzw. um die Kognitiven Neurowissenschaften gehen. Ich werde hier nicht in die Richtung eines materialistischen Reduktionismus argumentieren wie manche Kollegen. Ich gehe also nicht davon aus, dass die psychischen Phänomene lediglich Illusionen oder irrelevante Begleiterscheinungen sind und dass letztlich nur das Gehirn zählt. Ein solcher Reduktionismus führt am Ende immer zu einem Selbstwiderspruch im Vollzug dieses Denkens – man findet kein Verhältnis mehr zu seinem eigenen Denken.

Aber ich möchte Ihnen vor Augen führen, dass wir heute – im Unterschied zu früheren Generationen – keinerlei Hinweise mehr darauf finden, dass geistig-seelische Vermögen oder Phänomene unabhängig von Hirnfunktionen auftreten könnten.

Leitidee

Die Leitidee der modernen Hirnforschung ist, dass sämtliche psychischen Vermögen und Phänomene, soweit wir diese kennen und überhaupt als solche identifizieren können, von Hirnfunktionen (bzw. den Funktionen eines Nervensystems) und letztlich vom intakten Organismus abhängen. Was Ihr Auge für das Sehen ist, ist Ihr Gehirn für die Gesamtheit Ihrer psychischen Vermögen, das heißt für Wahrnehmung, Gefühle, Erinnerungen, Denken usw.

Anders formuliert lautet die These: Es gibt keine psychischen Phänomene ohne Hirnfunktion.

Und schon gar nicht gibt es dann rein geistige, immaterielle, übernatürliche Wesenheiten, die irgendetwas sehen, hören, fühlen, beabsichtigen oder physisch bewirken könnten.

Ohne Hirn ist alles nichts

Ohne Hirn ist alles nichts[1] – so sagte die Mutter meines Chefs, Prof. Elger, gerne. Eine etwas flapsige Formulierung der Leitidee. Wichtig ist, dass ich nicht behaupte, dass alles „nichts anderes als Gehirn“ sei wie die Reduktionisten. 

Die Leitidee fasst den aktuellen Stand nach sagen wir 150 Jahren Hirnforschung zusammen und definiert die Forschungsagenda für die nächsten Jahrzehnte. Sie ist eine naturwissenschaftliche, keine philosophische These. Wir bewegen uns jetzt auf der konzeptuellen Ebene und lassen die Details abertausender von Hirnforschungsstudien weiter hinter uns.

Die Leitidee ist eine sehr minimale These, ohne große Spekulationen, der daher wohl die meisten Neurowissenschaftler zustimmen würden. Da nicht über mögliche Mechanismen spekuliert wird, macht sich die Leitidee in dieser Hinsicht auch nicht angreifbar. Sie beharrt lediglich auf einer Feststellung: nicht ohne Gehirn.

Ich nennen Ihnen einige Gründe für die Leitidee:

— Psychophysiologie

Funktionell-bildgebende Studien aus den letzten Jahren zeigen, dass bestimmte religiös-meditative Bewusstseinszustände mit charakteristischen Veränderungen der Hirnfunktion einhergehen. Dies beweist natürlich nicht, wie manche Kollegen medienwirksam behaupteten, dass es sich bei diesen Erlebnissen um nichts anderes als bloße „Hirngespinste“ handelt.

Doch diese Studien zeigen, dass auch vermeintlich „übernatürliche Erlebnisse“ nicht in einer übernatürlich zu konzipierenden, immateriellen Seele stattfinden, sondern auf der Basis der ganz normalen Hirnphysiologie erlebt werden.

Letztlich lassen sich (z.B. mit Hilfe funktionell-bildgebender Verfahren) für sämtliche irgendwie definierbaren geistig-seelischen Zustände – z.B. Rechnen, eine Erinnerung aufrufen, sich seine eigene Wohnung vorstellen, lügen usw. – Korrelate auf der Ebene der Hirnfunktion finden, ohne die die entsprechenden Zustände nicht auftreten könnten.

Umgekehrt gelingt es immer besser, auf Basis der gemessenen Hirnaktivierungsmuster den aktuellen „geistigen Zustand“ eines Probanden vorherzusagen.

— Schlaf

Jeden Abend schlafen Sie infolge einer drastischen Veränderung der neurochemischen und elektrophysiologischen Hirnfunktionen ein. Unmittelbar nach dem Einschlafen, bevor Sie zu träumen beginnen, sind Sie – weg. Sie erleben dann ja nicht das Dunkel und die Stille der totalen Bewusstlosigkeit – sondern Sie sind einfach gar nicht mehr da, jegliches Erleben hat geendet.

— Narkose

Bei jeder Narkose dauert es 10-15 Sekunden bis sämtliche psychischen Vermögen und Phänomene zum Erliegen kommen. Sie atmen ein wenig Lachgas oder Xenon, die rasch Ihr Gehirn erreichen – und schon sind Sie weg. Dies geschieht in unseren OP-Sälen an jedem Tag abertausendfach. Wir wissen noch wenig über das Wie und Warum des Bewusstseins, aber die Bewusstlosigkeit wird technisch vollkommen beherrscht.

— Drogen

Uns allen ist vertraut, wie wir mit Hilfe von Trinkalkohol unsere Persönlichkeit für einige Stunden ein wenig aufmöbeln können – der rheinische Karneval ist ja ein jährlich wiederkehrendes neuropsychopharmakologisches Großexperiment! Denken Sie auch an die enthemmende Wirkung des Alkohols, z.B. aggressives Verhalten.

Rauschdrogen wie Ketamin und LSD können dagegen tiefspirituelle Erlebnisse auslösen, deren Inhalt von den sogenannten Nahtoderlebnissen praktisch nicht unterscheidbar ist. Zurzeit läuft in den Kinos der Film „The Substance“, in dem über die Entdeckung und Erforschung des LSD berichtet wird.

— Epilepsie

Die epileptischen Anfälle, mit denen wir uns in unserer Klinik in Bonn intensiv beschäftigen, bieten eine immense Palette an veränderten Wahrnehmungs- und Bewusstseinszuständen.

Anfälle aus dem Schläfenlappen können in extrem seltenen Fällen von einer mystischen oder ekstatischen Aura angekündigt werden; der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski beschreibt auf beeindruckende Weise das absolute Glückserleben während einer solchen mystischen Aura.

Anfälle aus dem Scheitellappen können außerkörperliche Erlebnisse auslösen, bei denen sich die Patienten von der Zimmerdecke her im Raum liegen zu sehen meinen; auch die elektrische Stimulation der Hirnrinde in diesem Gebiet kann außerkörperliche Erlebnisse auslösen.

Ich möchte Ihnen das eindrucksvolle Video von der Untersuchung einer Epilepsiepatientin in unserer Klinik zeigen. Bei dieser Patientin wurden für einige Tage Elektroden in das Gehirn implantiert, um den Ort der Anfallsentstehung zu ermitteln und einen epilepsiechirurgischen Eingriff zu planen. Sie sehen im Folgenden was geschieht, wenn man den Mandelkern (die sogenannte Amygdala) im Bereich des tiefen Schläfenlappens stimuliert; diese Hirnregion ist für die Verarbeitung von Emotionen sehr bedeutsam. (Video) Die Patientin erlebt panische Angst; sie hat keine Möglichkeit sich von ihrem Gehirn und der Untersuchung zu distanzieren. Wenn die Amygdala in den erregten Zustand gebracht wird, tritt als Korrelat im Erleben starke Angst auf.

Neurologie und Neuropsychiatrie

Durch Schlaganfälle, Hirnentzündungen, Schädel-Hirn-Traumata und andere Hirnerkrankungen kann praktisch jede unserer psychischen Fähigkeiten zerstört oder aber verstärkt werden. Patienten verlieren nicht nur praktische Fähigkeiten, wie z.B. die Fähigkeit ihre Arme oder Beine zu bewegen, sie verlieren psychische Basisfähigkeiten: die Fähigkeit zu sprechen, Erinnerungen zu bilden, Erinnerungen abzurufen, die Person zu sein, die sie bis dahin waren. Natürlich sind dies seltene Fälle, doch es wurde berichtet, dass Patienten nach einem Schlaganfall nur noch Gourmet-Küche essen konnten oder dass Patienten nach einem Schlaganfall aus dem Nichts zu Künstlern wurden – zu Dichtern oder Malern; denken Sie auch an die Bilder von Psychiatrie-Patienten aus der berühmten Sammlung Prinzhorn.

Die Beobachtungen der klinischen Neuropsychologie und der Neuropsychiatrie entsprechen ebenfalls der Leitidee der Hirnforschung.

Das Schicksal des Gehirns bestimmt demnach ganz maßgeblich das Schicksal einer Person.

Tod

Das Schicksal des Gehirns nach dem Tod steht fest: es zerfällt oder wird verbrannt.

Wenn der Teilverlust von Hirnfunktionen durch Verletzungen oder Erkrankungen zu einem Teilverlust psychischer Vermögen und Phänomene führt, dann liegt es auf der Hand davon auszugehen, dass der unwiderrufliche Gesamtverlust aller Hirnfunktionen im Tod zu einem Gesamtverlust sämtlicher psychischer Fähigkeiten und Vermögen führt. Wenn der Geist bereits beim bloßen Einschlafen und bei jeder Narkose „den Geist aufgibt“, wie sollte er dann den Hirntod überdauern können?

Aus der Leitidee folgt: Der Tod ist der Tod der ganzen Person, das Ende auch ihres geistig-seelischen Lebens.

Ein Weiterleben nach dem Tod als dieselbe Person, jedoch ohne den Körper, ein Fortleben als immaterielle, erlebnisfähige Seele ohne Gehirn in einer Jenseits-Welt oder eine Abtrennung der Seele vom Körper im Moment des Todes scheint mir auf der Basis all dessen, was wir heute über den engen Zusammenhang von Gehirn und Geist wissen, in höchstem Maße unplausibel, im Grunde undenkbar.

Die entsprechende Vorstellung mag kohärent und einleuchtend erscheinen. Doch anders als frühere Generationen finden wir heute keinerlei Anhaltspunkte mehr für diese Vorstellung, da wir überall mindestens eine Restfunktion des Gehirns antreffen, wo wir psychische Phänomene antreffen.

Nahtoderlebnis

Widerlegen die viel diskutierten Nahtoderfahrungen die Leitidee der modernen Hirnforschung? Mitnichten.

Bei diesen Erlebnissen handelt es sich nicht um Erlebnisse in Todesnähe; denn Todesnähe ist weder eine hinreichende noch eine notwendige Bedingung für diese Bewusstseinszustände. Die Bezeichnung „Nahtoderfahrung“ ist daher irreführend.

Schon gar nicht handelt es sich um Erlebnisse im Tod; denn niemand, der uns etwas berichtet, war jemals tot – auch nicht „klinisch tot“. Das unstrittige Minimalkriterium des Todes ist der unwiderrufliche Verlust aller Hirnfunktionen – der bei einer Person, die mir lebendig gegenüber steht, offensichtlich nicht eingetreten sein kann.

Wenn die Seele abgekoppelt vom Gehirn weiter existieren würde, würde die Seele immer dann, wenn das Gehirn „schlafen gelegt“ wird (z.B. bei jeder Narkose), ihr Eigenleben fortsetzen und es müssten besondere Erlebniszustände im Sinne außerkörperlicher Erlebnisse auftreten – was nicht der Fall ist.

Die sogenannten Nahtoderlebnisse sind tatsächlich Erlebnisse am Rande des Bewusstseins; sie treten während der Phase des Verlustes oder während der Phase der Wiedererlangung des Bewusstseins und der dafür erforderlichen Hirnfunktionen unter sehr seltenen physiologischen Bedingungen auf. Wie bereits erwähnt, lassen sich bestimmte Aspekte von Nahtoderlebnissen mittels Rauschdrogen oder durch elektrische Stimulation der Hirnrinde künstlich auslösen.

Meines Erachtens wird die Leitidee der Hirnforschung bisher nicht durch die Nahtoderfahrungen widerlegt. Im Gegenteil, belegen die Nahtoderlebnisse die Leitidee der Hirnforschung sogar auf eindrucksvolle Weise: veränderte Hirnfunktion, verändertes Bewusstsein.

Umkehr der Beweislast

Die Leitidee könnte im Prinzip widerlegt werden; dadurch ist sie ja überhaupt eine wissenschaftliche These.

Wer also behauptet, dass es psychische Vermögen und Phänomene auch ohne Gehirn gibt – und dann vielleicht sogar auch rein geistige, immaterielle Wesenheiten wie Engel oder Dämonen – möge die Leitidee empirisch widerlegen. Ich sehe die Beweislast tatsächlich bei den Bestreitern der Leitidee; denn Existenzaussagen – es gibt hirnunabhängige Seelen – können empirisch aus logischen Gründen nicht widerlegt werden: selbst eine Millionen schwarze Raben widerlegen ja nicht die mögliche Existenz weißer Raben. Irgendwann fragt man denjenigen, der an die Existenz weißer Raben glaubt: Zeige uns einen weißen Raben, ansonsten gehen wir weiter davon aus, dass Raben schwarz sind! (Übrigens gibt es tatsächlich weiße Raben.)

In der Tat versuchen derzeit dualistisch gesonnene Neurowissenschaftler die Leitidee zu falsifizieren und die Existenz hirnunabhängiger geistig-seelischer Phänomene im Rahmen von außerkörperlichen Erlebnissen zu beweisen. Doch bisher sind keine Ergebnisse aus der sogenannten Aware-Study (Cool-Study) bekannt geworden, welche die Leitidee in Frage stellen könnten.

Anders als manche Philosophen haben die Naturwissenschaftler selbst „keine Aktien“ in einer bestimmten Hypothese. Sie versuchen einfach möglichst neutral die Beobachtungen zu beschreiben und in Form von Theorien und Modellen zu erfassen. Wenn sich die Datenlage ändert, müssten eben manche Theorien und Hypothesen sterben – aber das ist immer noch besser, als wenn Menschen sterben, weil sie ihr Leben oder das Leben anderer Personen mit dem Glauben an bestimmte Hypothesen in eins setzen.

Gott

Und Gott? Wir beobachten, dass Patienten nach Schädigungen des Frontalhirns Schwierigkeiten haben, einen Willensentschluss zu fassen, soziale Regeln zu beachten oder sich in andere Personen einzufühlen. Andere Patienten verlieren die Fähigkeit, sich etwas zu merken, nachdem ein vorübergehender Sauerstoffmangel die beiden Hippocampi in der Tiefe ihrer Schläfenlappen zerstört hat. Psychische Funktionen kennen und verstehen wir heute nur noch als natürliche Funktionen in engem Zusammenhang mit Hirnphysiologie.

Wie also könnte Gott, der kein Gehirn, kein Stirnhirn, keine Hippocampi hat, etwas „wollen“, „Mitgefühl empfinden“, uns „lieben“ oder „sich alles merken, was wir im Laufe unseres Lebens getan haben“?

Die religiöse Gottesrede erweist sich im Spiegel der Kognitiven Neurowissenschaften als in hohem Maße anthropomorph, d.h. gestaltet nach menschlichen Vorstellungen. Und die Gottesrede wäre vermutlich ja auch völlig unverständlich, wäre sie es nicht.

Gehirn (Dia Mein Gehirn)

Das Problem ist, dass in unseren menschlichen Vorstellungen, in unserer Lebenswelt, das Gehirn prinzipiell nicht vorkommt. Das Gehirn ist kein Aspekt unserer Leiberfahrung: durch reine Selbstbeobachtung erfahren wir nichts über unser Gehirn.

Wir können philosophieren und meditieren, solange wir wollen – wir wissen danach kein bisschen mehr über unser Gehirn und seine Funktion für unser Erleben. Selbst wenn Sie ein Nahtoderlebnis hatten, wissen Sie nichts über Ihr Gehirn und seine Rolle während dieses Erlebnisses; denn das gesamte Erlebnis könnte von Hirnprozessen getragen worden sein – und dafür spricht heute vieles. [2]

Hirnforschung

Die existenziell bedeutsame Frage nach dem Zusammenhang von Gehirn und Geist kann offensichtlich nur mit Hilfe naturwissenschaftlicher Methoden bearbeitet werden. Erst seit wenigen Jahrzehnten sind wir überhaupt in der Lage, auf ungefährliche Weise hinter die Stirn bzw. unter die Schädeldecke eines Menschen zu schauen und sein Gehirn zu Lebzeiten zu beobachten; diese erstaunliche Möglichkeit macht die „moderne Hirnforschung“ erst modern.

Ihre persönliche Meinung zu diesem Thema ist daher, mit Verlaub, irrelevant, da Ihnen ein beobachtender Zugriff auf die zugrunde liegenden Hirnprozesse ohne entsprechende Gerätschaften prinzipiell verwehrt ist. Niemand fragt Sie, ob Sie der Meinung sind, dass das Herz das Blut durch den Körper pumpt; hierbei handelt es sich um physiologische Fakten, die wir lediglich zur Kenntnis nehmen können, und es gibt hier keinen Bedarf für einen Dialog zwischen Kardiologie und Theologie.

Und genauso wird niemand Sie fragen, ob Sie der Meinung sind, dass die psychischen Phänomene und Vermögen, soweit sie uns vertraut sind, von Hirnfunktionen abhängig sind; auch hierbei handelt es sich um physiologische bzw. psychophysiologische Fakten, die wir einfach nur zur Kenntnis nehmen können. Jenseits dieser Fakten beginnt das Reich der Phantasie, der Spekulation, der literarischen Fiktion.

Ohne Hirn ist alles nichts 

Ich fasse daher folgendermaßen zusammen:

Jede Theologie, die – und sei es nur versteckt – dualistisch angelegt ist, die also mit unsterblichen entkörperten Seelen, mit Gott als immateriellem, menschenförmigem Geist oder überhaupt mit einer übernatürlichen, fiktiven „Hinterwelt“ argumentiert, kann kein ernstzunehmender Gesprächspartner für die Neurowissenschaften bzw. die Naturwissenschaften sein.

Aus Sicht der Naturwissenschaften handelt es sich bei derartigen dualistisch-religiösen Konzepten allenfalls um literarische Fiktionen; es besteht somit kein Diskussionsbedarf. Doch während wir in unserer Phantasie völlig frei sind und uns ausdenken können, was immer wir wollen, muss die Grenze zwischen Wissen und Fiktion scharf gezogen werden. Bis zum Erweis des Gegenteils ist die Leitidee derzeit die überzeugendste Zusammenfassung unserer Kenntnisse über den wirklichen Zusammenhang von Gehirn und Geist. Entsprechend dieser Idee sind wir Menschen nicht mit Fleisch umhüllte Seelen, die hier auf Erden falsch gelandet sind und auf Rückkehr in ihre eigentliche Heimat „im Himmel“ warten, sondern wir sind sterbliche Personen, die in der unverbrüchlichen Einheit von Körper, Seele und Geist für eine kurze Zeit in dieser einen Welt leben: beseelter Leib und leibhaftiger Geist.

Vielleicht fragen sich manche von Ihnen nun, wie denn der christliche Glaube überhaupt noch „gerettet“ werden kann, wenn die Hirnforscher mit ihrer Leitidee, dass alle psychischen Phänomene von Hirnfunktionen abhängen, Recht haben sollten? (Kritiker sind ja ebenfalls der Meinung, dass die Hirnforschung dem christlichen Glauben endgültig den Garaus macht.) Nun – ich bin ganz im Gegenteil der Meinung, dass das Einheitsdenken der Naturwissenschaftler in Bezug auf die Wirklichkeit und besonders der Antidualismus der Hirnforscher eine große Chance bietet, irrtümlich für christlich gehaltene weltanschauliche Überzeugungen nun endlich zur Seite zu räumen. Nur so bekommen wir wieder den Blick frei für das eigentliche Wesen des biblisch-christlichen Glaubens. Dieser Glaube hat mit einem dualistischen, weltabgewandten Platonismus nicht viel gemein.



[1] Gemeint ist selbstverständlich „nichts“ in Bezug auf die mir eigene, im Erleben zugängliche Lebenswelt.

[2] Im Hinblick auf die Leitidee tut der Inhalt des Erlebnisses nichts zur Sache. Die Leitidee argumentiert rein funktionell und stellt lediglich fest, dass jegliches Erleben – alltägliches, mystisches – nicht ohne Hirnphysiologie auftritt.

Veröffentlicht von

Geboren 1967 in Emsdetten/Westfalen. Diplom kath. Theologie 1993, Psychologie 1997, beides an der Universität in Bonn. Nach einem Jahr am Leipziger Max-Planck-Institut für neuropsychologische Forschung (1997-98) bin ich seit Oktober 1998 klinischer Neuropsychologe an der Universitätsklinik für Epileptologie in Bonn. Ich wurde an der Universität Bielefeld promoviert (2004) und habe mich 2015 an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn habilitiert (Venia legendi für das Fach Neuropsychologie). Klinisch bin ich seit vielen Jahren für den kinderneuropsychologischen Bereich unserer Klinik zuständig; mit erwachsenen Patientinnen und Patienten, die von einer schwerbehandelbaren Epilepsie oder von psychogenen nichtepileptischen Anfällen betroffen sind, führe ich häufig Gespräche zur Krankheitsbewältigung. Meine Schwerpunkte in Forschung und Lehre liegen in den Bereichen klinische Neuropsychologie (z.B. postoperativer kognitiver Outcome nach Epilepsiechirurgie im Kindesalter) und Verhaltensmedizin (z.B. Depression bei Epilepsie, Anfallsdokumentation). Ich habe mich immer wieder intensiv mit den philosophischen und theologischen Implikationen der modernen Hirnforschung beschäftigt (vgl. mein früheres Blog WIRKLICHKEIT Theologie & Hirnforschung), eine Thematik, die auch heute noch stark in meine Lehrveranstaltungen sowie meine öffentliche Vortragstätigkeit einfließt.

25 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. … jeden Morgen aufs Neue …

    entsteht unsere Welt “in unseren Köpfen”.

    … ohne Hirn ist alles nichts … auch Religion, bzw. das, was jeder für sich als „Glaube“ verstehen mag, … und auch die Wissenschaft.

    Genau genommen ist selbst unser Gehirn ohne seiner selbst nichts!

    Ich lebe mit der Überzeugung, das alles (was unserem Gehirn zugänglich ist oder je sein wird) von dieser Welt ist und alles was diese Welt „hervorbringt“ von Anfang an bereits (zumindest) als Möglichkeit in ihr existiert. Kein Wissenschaftler könnte heute über dieses Thema forschen und reden, wenn es diese Welt nicht ermöglichen würde. Wir brauchen kein Jenseits, für was auch immer!

    Vielleicht ist dies ein Weg, eine gemeinsame Richtung zu finden. So, wie nur mit Hilfe des Gehirns jeden Morgen beim „erwachen“ unsere Welt aufs Neue entsteht (und diese Welt mit viel Aufwand von unserem Gehirn „aufrecht“ erhalten wird), so kann jeder für sich mit Hilfe seines Gehirns zu seinem Glauben und wohl möglich zu Gott finden oder es auch bleiben lassen … vielleicht sogar ohne das „die Wissenschaft“ dem entgegen stehen mag.

  2. Buddhismus

    Uralte Erkenntnisse des Buddhismus entsprechen bereits dem, was Sie hier als Ergebnis von moderner Hirnforschung darstellen: Unsere Ich-Existenz, unser Bewusstsein dauert nur für die Dauer eines Gedankens. D.h. unsere Existenz ist eine kurzzeitige Illusion. Und danach vergeht alles im Nichts/Nirvana.

    Trotz dieser Erkenntnisse hat der Buddhismus nicht zur trostlosen Weltflucht geführt sondern zu einem sozialen Verhalten welches sich durch tätige Nächstenliebe und besondere Hinwendung zu anderen Menschen auszeichnet.

    Ein Grund dafür dürfte nicht die Perfektion einer Theorie/Philosophie sein – sondern dass Buddhismus und Religionen den Menschen das geben, was sie brauchen: ein Gefühl des persönlichen Angenommenseins und der Wertschätzung. Eine Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz und eine Basis von gemeinsamen Werten welche über Clangrenzen hinweg eine Verständigung und Vertrauensbasis ermöglicht.
    Religionen geben mit ihren moralischen Vorstellungen den Menschen ein einfache Antworten dafür, wie man richtig leben soll. Und dies ist die Bedeutung der Religionen und der Theologen – sie sind hilfreich für das eigene Leben.

  3. Schöne Sache!

    Hallo Christian,

    ich war auch beim Katholikentag in Mannheim und bei uns war auch “full house”. Deinen Text drucke ich mir nachher gleich aus und werde ihn durcharbeiten.

    Beste Grüße, alles Gute!

  4. Glauben jenseits von Evolution und …

    Für mich erfrischend, dass ein Naturwissenschaftler über Gehirn, Glauben und Religion auch noch jenseits von darwinscher Evolution und neurotheologischer Gehirnforsching schreiben kann.

  5. Überlegungen

    Es freut mich, dass Sie diesen Vortrag hier zur Verfügung stellen. Wie stichhaltig ist diese Argumentation rund um die „Leitidee“? Ich möchte ein paar Argumente dagegen vorbringen.

    Sicherlich ist inzwischen unbestreitbar, dass beim lebenden Menschen psychische Funktionen an Gehirnprozesse gekoppelt sind, und dass man dazu ein gesundes Gehirn braucht. Das ist aber eigentlich gar keine so große Überraschung, denn wenn das Gehirn nicht gesund sein müsste, dann bräuchte man möglicherweise gar keins, da es dann auch keinen regelhaften Zusammenhang zwischen Gehirntätigkeit und mentalen Aktivitäten gäbe.

    Eine Hirnforschung, die sich nicht völlig dem materialistischen Paradigma überlassen hat, wird das Leib-Seele-Problem allerdings weiterhin ernst nehmen. Die Hypothese dagegen, dass der Geist oder das Bewusstsein ein bloßes Produkt der Materie ist, kommt über den Status einer Behauptung (Glaubensaussage) nicht hinaus.

    Strenggenommen lassen sich aus der Beobachtung, dass es beim lebenden Menschen psychische Phänomene nur im Zusammenhang mit Gehirnprozessen gibt, weder Aussagen darüber ableiten, was nach dem Tod passiert – so wäre es aus dualistischer Perspektive durchaus denkbar, dass sich im Tod eine Bindung löst, und eine Befreiung des Geistes stattfindet oder so ähnlich (wie ja einige religiöse Vorstellungen – zum Beispiel gewisse gnostische – suggerieren).

    Ebenso lässt die Beobachtung der Verflochtenheit von mens und cerebrum beim Menschen keine Rückschlüsse darauf zu, ob Bewusstsein nicht auch ohne Körper existieren kann.

    Was schließlich Gott betrifft, so gilt erstens das im letzten Satz Gesagte, und zweitens stimmt es gerade nicht, dass Gott mit einem anthropomorphen Bewusstsein gedacht wird. Ich verweise hier besonders auf die ausgiebigen Reflexionen des Mittelalters zum Wesen Gottes, in denen immer wieder dessen Unergründlichkeit und Ganz-Anders-Sein im Mittelpunkt steht. Wir haben keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass das gehirngebundene menschliche Bewusstsein die einzige mögliche Daseinsform von Geist oder Bewusstsein ist.
    In dem Zusammenhang ist es vielleicht sogar von Bedeutung, darauf aufmerksam zu machen, dass selbst bei anerkannter Verbundenheit von mens und cerebrum die „Erklärung“ des Bewusstseins aus dem Gehirn ein völliges Ding der Unmöglichkeit zu sein scheint. Gerade dieser Befund lässt jeden „Schluss“ von der Gehirngebundenheit des Geistes schlechthin zu einer rein spekulativen Aussage werden.

    Alle diese Urteile (das Verlöschen des Geistes nach dem Tode beim Menschen, die Nichtexistenz körperlosen Bewusstseins/Geistes und dergleichen, die Nichtexistenz Gottes) sind kantisch gesprochen synthetische Urteile à priori, mithin keine tragfähigen wissenschaftlichen Aussagen.

    Dennoch gewinnen sie mehr und mehr an Überzeugungskraft. Wir nähern uns (erkenntnishistorisch, soziologisch) in der Tat einem Punkt, wo langsam eine Art „Beweislastumkehr“ eintritt, also dasjenige, was für selbstverständlich gilt, etwas anderes ist als noch vor Jahrzehnten. Das kann man durchaus als einen Paradigmenwechsel bezeichnen.

    Der besteht darin, dass ein szientistisch-naturalistisches Weltbild in bestimmten und bestimmenden Kreisen dabei ist, in den Rang einer metaphysischen Überzeugung und Wahrheit aufzusteigen. Irgendwann muss eine solche Haltung sich also nicht mehr rechtfertigen, sondern kann Widerlegung verlangen. Dies ist – vollkommen jenseits tatsächlicher wissenschaftlicher Erkenntnisse – auch der Knalleffekt bei Ihrer Argumentation um die „Leitidee“.

  6. “Ich verweise hier besonders auf die ausgiebigen Reflexionen des Mittelalters zum Wesen Gottes, in denen immer wieder dessen Unergründlichkeit und Ganz-Anders-Sein im Mittelpunkt steht”

    Auch das ist ja eine menschliche Aussage. Sie kommen aus dem Menschen nicht heraus. Daß auch mancher Hirnforscher zur Erschleichung neigt, d.h. Verstandeserkenntnisse als empirische auszugeben, soll hier nicht weiter kümmern. So wie ich Herrn Hoppe verstanden habe, geht es Ihm darum, mit Hilfe der Hirnforschung das Christentum vom Hellenismus zu befreien. Oder, um es mit Nietzsche zu sagen:

    Metaphysische Welt. – Es ist wahr, es könnte eine metaphysische Welt geben; die absolute Möglichkeit davon ist kaum zu bekämpfen. Wir sehen alle Dinge durch den Menschenkopf an und können diesen Kopf nicht abschneiden; während doch die Frage übrig bleibt, was von der Welt noch da wäre, wenn man ihn doch abgeschnitten hätte. Diess ist ein rein wissenschaftliches Problem und nicht sehr geeignet, den Menschen Sorgen zu machen; aber Alles, was ihnen bisher metaphysische Annahmen werthvoll, schreckenvoll, lustvoll gemacht, was sie erzeugt hat, ist Leidenschaft, Irrthum und Selbstbetrug; die allerschlechtesten Methoden der Erkenntniss, nicht die allerbesten, haben daran glauben lehren. Wenn man diese Methoden, als das Fundament aller vorhandenen Religionen und Metaphysiken, aufgedeckt hat, hat man sie widerlegt. Dann bleibt immer noch jene Möglichkeit übrig; aber mit ihr kann man gar Nichts anfangen, geschweige denn, dass man Glück, Heil und Leben von den Spinnenfäden einer solchen Möglichkeit abhängen lassen dürfte. – Denn man könnte von der metaphysischen Welt gar Nichts aussagen, als ein Anderssein, ein uns unzugängliches, unbegreifliches Anderssein; es wäre ein Ding mit negativen Eigenschaften. – Wäre die Existenz einer solchen Welt noch so gut bewiesen, so stünde doch fest, dass die gleichgültigste aller Erkenntnisse eben ihre Erkenntniss wäre: noch gleichgültiger als dem Schiffer in Sturmesgefahr die Erkenntniss von der chemischen Analysis des Wassers sein muss.

  7. @ Dietmar Hilsebein

    „So wie ich Herrn Hoppe verstanden habe, geht es ihm darum, mit Hilfe der Hirnforschung das Christentum vom Hellenismus zu befreien.“

    Das ist ja ein ur-protestantisches Anliegen.

    Und wow Nietzsche, muss ich mal wieder lesen! Diese metaphysische Wut!

  8. Innenansichten

    In der Tat kommen wir nicht aus unseren Köpfen heraus, daher finde ich die Aussage so banal einfach wie zutreffend: … unsere Welt entsteht jeden Morgen aufs neue (wenn wir „erwachen“). Wer von uns ist sich dessen jeden Morgen bewusst?

    Exakt hierin sehe ich eine Übereinstimmung von Wissenschaft und Buddhismus. Jede Erkenntnis ist immer eine Innenansicht … aus der (An)Sicht unseres Gehirns! Dabei ist es völlig egal, ob es eine wissenschaftliche oder religiöse Erkenntnis ist. Woraus sich jedoch keinesfalls schließen oder Ableiten ließe, was ohne Gehirn oder ohne der Funktionalität unseres Gehirns „wirklich“ existiert, nicht einmal eine Existenz an sich oder eine beliebige Form von „materiell unabhängigen“ Bewusstsein … und darüber hinaus auch keinerlei Art und Weise eines beliebigen Jenseits.

    Erst wenn wir auf eine Bewusstseinsform treffen, deren Evolution vor ewigen Zeiten einen völlig anderen Weg genommen hat … und eine Kommunikation stattfinden kann … dann bestünde vielleicht eine Möglichkeit, zumindest zu einer „zweite Meinung“ zu kommen. Die Wahrscheinlichkeit für ein solchen Zusammentreffen geht sicher gegen Null, jedoch ist sie ebensowenig gleich Null – also durchaus möglich. Vielleicht existiert eine solche Form bereits unmittelbar in unserer Nähe, ohne dass wir sie wahrnehmen können (vielleicht sogar aufgrund eben des speziell entwickelten eiegenen Gehirns).

    Und Schlußendlich ist, sowohl streng wissenschaftlich wie auch aus buddhistischer Sicht die Abwesenheit von etwas kein Beweis für dessen Nichtexitenz!

  9. Ich stimme @felago zu und möchte noch etwas hinzufügen.

    Daß es „Geist“ ohne Gehirn oder überhaupt ohne zugrundeliegende materielle Strukturen und Prozesse nicht gibt, ist eine metaphysische Aussage. Definitionsgemäß kann die naturwissenschaftliche Hirnforschung diese Behauptung weder beweisen (oder sie wahrscheinlich machen) noch widerlegen. Denn „Geist“ läßt sich nicht im Äußeren beobachten (woran Naturwissenschaft methodisch gebunden ist), wir kennen ihn als etwas Erfahrbares nur aus unserer jeweiligen Innenperspektive. Die Naturwissenschaft kann nur Relationen beschreiben zwischen beobachtbaren Ereignissen (und Gesetze darüber formulieren), also etwa neuronalen Vorgängen und dem, was wir an Beobachtbarem als „Ausdruck“ des Innenlebens ansehen, worüber aber kein naturwissenschaftliches Wissen möglich ist.

    Zu behaupten, die Hirnforschung zeige, daß es „Geist“ ohne Gehirn oder überhaupt ohne zugrundeliegende materielle Strukturen und Prozesse nicht gibt oder mache dies wahrscheinlich, ist ebenso falsch wie irgendeine bestimmte Behauptung (siehe das Nietzsch-Zitat in @Hilsebein) hinsichtlich der Existenz materieunabhängigen Geistes, etwa nach dem Tode; denn der wäre definitionsgemäß eben nicht beobachtbar. Alles, was wir sagen können, dies aber mit Sicherheit, ist, daß wir darüber nichts wissen können.

    Davon gar nicht betroffen sind die irreführenderweise „moralische Gottesbeweise“ genannten Versuche, die es seit dem 18. Jahrhundert gibt, einen Vernunftgrund für den Glauben an den Satz „es gibt Gott“ zu finden. Denn die stellen die Unmöglichkeit eines Gottesbeweises für die, in den kantischen Begriffen, theoretische Vernunft in Rechnung. Auch etliche ältere, etwa scholastische Weisen, von Gott zu reden, sind davon vielleicht nicht betroffen. Betroffen sind allerdings die in der katholischen Kirche und in den fundamentalistischen und schwärmerischen protestantischen Kirchen (also weltweit gesehen in deren großer Mehrheit) üblichen Vorstellungen von einer jenseitigen Welt.

  10. Was bleibt über vom Glauben?

    @ Christian Hoppe schrieb:

    “Nur so bekommen wir wieder den Blick frei für das eigentliche Wesen des biblisch-christlichen Glaubens.”

    Bleibt dann nur noch die Botschaft der Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit über?

    Ihren Ausführungen kann ich gut folgen und stimme ihnen weitgehend zu. Nur mir scheint, Sie spannen einen etwas zu großen Bogen, wenn Sie vor dem Hintergrund nüchterner Hirnforschung zu dem Ergebnis kommen:

    “Jede Theologie [und dann wohl auch jede Weltdeutung schlechthin] (…) die mit einer übernatürlichen, fiktiven ‘Hinterwelt’ argumentiert, kann kein ernstzunehmender Gesprächspartner für die Neurowissenschaften bzw. die Naturwissenschaften sein.”

    Die Naturwissenschaften werden ja nicht nur durch die Weltbilder der Theologie, sondern auch durch Phänomene herausgefodert oder irritiert, die als Hinweise auf ‘Hinterwelten’ gedeutet werden könnten. Z.B. die vielen Berichte über parapsychologische Phänomene, die zwar im Labor schlecht zu reproduzieren, aber deswegen keineswegs nichtexistent sein müssen. Ich denke, da z. B. an das trivial-bekannte Beispiel von dem Hund, der sich genau dann vor die Tür legt oder ans Fenster setzt, wenn sein Herrchen oder Frauchen in der Ferne den Heimweg antritt.

  11. @ Geoman

    “Die Naturwissenschaften werden ja nicht nur durch die Weltbilder der Theologie, sondern auch durch Phänomene herausgefodert oder irritiert, die als Hinweise auf ‘Hinterwelten’ gedeutet werden könnten. Z.B. die vielen Berichte über parapsychologische Phänomene, die zwar im Labor schlecht zu reproduzieren, aber deswegen keineswegs nichtexistent sein müssen.”

    Dafür gilt, was Arno Schmidt ein für alle mal festgestellt hat:
    “Wieder ein Beispiel, daß das Volk, selbst als Augenzeuge, einfach nicht vernehmungsfähig ist.”

  12. Licht in der Finsternis?!

    @Ludwig Trepl schrieb:

    Dafür gilt, was Arno Schmidt ein für alle mal festgestellt hat: “Wieder ein Beispiel, daß das Volk, selbst als Augenzeuge, einfach nicht vernehmungsfähig ist.”

    Da kann ich – zur Selbstillusionierung so manchen wissenschaftlichen Blogautors und zumindest sprachlich zur hier verhandelten Thematik passend – nur noch hinzufügen: ‘Nicht das Fußvolk, sondern die Gelehrten sind das Licht in der Finsternis!’

  13. Gott und Gehirn?

    Natürlich scheint es zunächst sinnvoll, sich mit dem Thema: “Gott und Gehirn? Moderne Hirnforschung als Herausforderung für die Theologie” zu befassen. Aber glauben denn alle Menschen an Gott? Wenn das Thema stimmen würde, dann müssten ja alle Menschen an Gott glauben! Aber das ist ja nicht so. Kann man denn einfach gegenüber dem Rest der Menschen so ein Thema formulieren? Auch wenn es mehrere Eingott-Religionen gibt, wird es nicht allen Gläubigen so bewusst gemacht – was ich auch für eine Voraussetzung mit ansehen würde.
    In einem Beitrag fand ich: „Columbia/ USA – Schon lange diskutieren Mediziner und Psychologen über die Existenz einer bestimmten Hirnregion, einem soegannnten “Gottes-Areal”, die für die Spiritualität des Menschen verantwortlich sein soll. Eine aktuelle Studie kommt nun zu dem Schluss, dass Spiritualität ein derart komplexes Phänomen sei, dass unterschiedliche Hirnareale gemeinsam für spirituelle Erfahrungen verantwortlich sind – es also den einen “Gottespunkt” im Hirn nicht gibt.“
    Hier spielt nun meiner Meinung nach die Erziehung und Bildung durch die Religion eine Rolle – und das ist gut nachvollziehbar. Nicht alle Menschen – die religiös erzogen werden – sehen das auch später so, sie setzten einfach andere Parameter für ihr Leben. Das kann im späteren Leben aber auch wieder umgekehrt sein, wie u. a. Wissenschaftler beweisen.

  14. Nahtod

    Nahtodeserlebnisse lassen sich auf mindestens 2 Wegen nachbilden. Auch hier ist es wie woanders auch – eine Nachbildung hilft uns, bestimmte Zusammenhänge besser zu verstehen.
    Nach bisherigen Untersuchungen waren einige Personen durchaus Hirntod zum Zeitpunkt des Erlebnisses – modernere Methoden, verbesserte Messtechnik können natürlich zu Weiterentwicklungen führen.
    Hier stellt sich dann eine weitere Frage: Ab wann darf man eigentlich Organe entnehmen? Wie sieht das die Religion?

  15. G-Punkte

    Klaus Deistung schrieb:

    “Eine aktuelle Studie kommt nun zu dem Schluss, dass Spiritualität ein derart komplexes Phänomen sei, dass unterschiedliche Hirnareale gemeinsam für spirituelle Erfahrungen verantwortlich sind – es also den einen “Gottespunkt” im Hirn nicht gibt.“

    Wir Menschen neigen ja zum Verräumlichen von Ideen und Wahrnehmungen etc., weil wir die Welt nur räumlich denken können. Aber diese Neigung scheint – wie auch Sie indirekt bemerken – forschungslogisch nicht sehr fruchtbar zu sein. Z. B. sind die Spiritualität wie auch der Orgasmus – wie wohl fast alle menschlichen Empfindungen – ein so komplexes Phänomen, dass es G-Punkte offenbar nicht gibt.

    Über das Phänomen, dass man mit einer Elektrode, die bestimmte Areale oder Punkte im Gehirn stimuliert, das Erleben von Angst auslösen kann, besteht Diskussionsbedarf.

  16. Zirkelschlüsse – wähle dein(e) Mittel!

    Schöner Text.

    Aber ich denke also bin ich.
    Und ich will Glücksgefühle, also versuche ich sie zu kriegen.
    Nun es ist doch von Vorteil, dass ich mir offensichtlich aussuchen kann, mit welchen Axiomen und mit welcher dazugehörigen Logik ich dieses Ziel erreiche.
    Warum sollte ich mir also selbst Steine in den Weg legen und freiwillig auf eines oder mehrere dieser Systeme (Glaube, Wissenschaft, was mir sonst noch so einfällt) verzichten, wenn sie mir Glück verschaffen? Wenn die Freiheit dieser Wahl doch die einzige Freiheit ist die man hat /haben kann!

    Natürlich hat die Wissenschaft starke Argumente. Sie beruft sich auf das, was man mit den Sinnen wahrnimmt. Der Glaube lediglich auf das, was man mit dem Gehirn selbst anstellen kann – Aber, und hier kommts: Es ist nicht die Aufgabe der Wissenschaft, den Inhalt irgendeines Glaubens zu widerlegen. Und möglich ist es auch nicht, denn was geglaubt wird, muss sich notwendig außerhalb der Reichweite ihrer Gesetze bewegen.

    Die Wissenschaft ist wie der Glaube ein experimentelles Mittel zum Empfinden von Glück. Sie definiert sich über strenge Gesetze und sich an die zu halten ist natürlich konsequent.
    Es funktioniert offensichtlich schlecht, das eine System mit der Logik eines anderen zu misshandeln. Solange dein Text darauf abzielt, genau das zu verhindern, und nicht es zu praktizieren, finde ich ihn gut. Soweit meine ich jedenfalls, momentan zu sein. Man belehre mich eines besseren oder schneide alternativ irgendwas aus meinem Gehirn raus 😉

    Gruß
    Torsten

  17. @ Geoman

    „… besteht Diskussionsbedarf.“ – Zumal wir uns hier auf einem Gebiet bewegen, das noch für lange Zeit Forschung benötigt.
    Interessant ist auch die Zeideutigkeit ihres Kommentartitels.
    Obwohl sich die Wissenschaft mit dem Nahtod schon über 35 Jahre befasst – im Gegensatz zum G-Punkt im Gehirn – gibt es hier noch großen Forschungs- und Aufklärungsbedarf, denn die Auffassungen sind oft sehr verschieden.
    Und ob es hier Antworten auf meine Fragen gibt – muss ich auch abwarten.

  18. @ Christian Hoppe

    Im Post geht es gleich am Anfang um „Glaube an … immaterielle geistige Wesen … Teufel, Götter… obsolet.“ Das ist i. O. Die Realität sieht auf der einen Seite anders und auf der anderen Seite konkreter aus. „Geschichte, Geschichten und Fakten etwas anders“ unter http://www.science-shop.de/artikel/1042087?eqsqid=6fdee925-36af-45e5-bdef-88e7609e3ed4 : „Der Papst spielt am Anfang und Ende des Büchleins eine bedrohende Rolle, indem die Hölle als existent darstellt wird. Neue Forschungen zur Nahtodes-Erfahrung belegen eindeutig, dass es Himmel und Hölle – so wie sie die Kirche lehrt – nicht gibt.“

    „Übersinnliche Akteure“ können recht aktiv sein: Klaus Deistung @ Martin Holzherr 12.05.2012, 00:00 unter https://scilogs.spektrum.de/chrono/blog/natur-des-glaubens/sakularstudien/2012-05-10/der-nutzen-des-unglaubens-wer-forscht-mit mit weiteren Links.
    Im weiteren Fall möchte ich auf das Buch „Gilgamesch Epos“ von Prof. Maul herausgegeben (Beck 2005) verweisen, der im Anhang zu jeder Tafel im Kommentar auf weitere Zusammenhänge verweist. In der 11. Tafel geht es u. a. darum, dass Gilgamesch (ca. 2600 BC http://en.wikipedia.org/wiki/Sumerian_King_List ) den Helden der Sintflut (vor ~13.000 Jahren) Noah (Uta-napischti) traf, der über 10.000 Jahre älter war als er – und es wird auch erklärt.

    In „Die Geschichte einer Besonderheit“ http://www.science-shop.de/artikel/1060524?eqsqid=550d31b3-d638-43a8-b807-6573c1277964 verwies ich auf eine mögliche Verbindung:
    „Dem Buch-Titel nach könnte man denken, dass das Instrument – heute als der erste Computer bezeichnet – aus dem Himmel kam, oder von denen die vom Himmel auf die Erde kamen… eine passende Stelle im Buch Mormon 1 Nephi 18:12: ‘…der Kompass, den der Herr bereitet hatte…’“

  19. @ alle

    Es wird ja nun höchste Zeit, dass ich endlich selbst reagiere!

    Vorweg: Ich selbst vertrete die Leitidee – sie ist die Voraussetzung für meine eigenen weiteren theologischen Überlegungen, aber sie ist keinesfalls alles, was ich zum Thema Gehirn und Geist zu sagen habe. Hier beschränke ich mich zunächst jedoch weiterhin auf die kritische Diskussion der Leitidee selbst – die ich wieder einmal sehr anregend und spannend finde; vielen Dank allen bisherigen Kommentatoren und besonders Stephan Schleim für seinen eigenen umfangreichen Blogpost zum Thema.

    (a) Die Leitidee zieht aus den Beobachtungen den zugegebenermaßen gewagten Schluss, dass psychische Phänomene, soweit wir sie kennen und als solche identifizieren können, in einem noch unbekannten, intrinsischen, sie konstituierenden Zusammenhang mit Hirnphysiologie stehen und daher ausschließlich in Verbindung mit ihr auftreten. So wie es nicht Rot an und für sich gibt, sondern nur als Eigenschaft physischer Objekte (meinetwegen einschließlich des Lichtes), so wird bezweifelt, dass es Gedanken, Gefühle, Willensakte usw. an und für sich, ohne jegliche materielle Basis geben könnte. Die Sicht psychischer Phänomene ändert sich unter dem Eindruck insbesondere klinischer Hirnforschung: es handelt sich um natürliche Phänomene, angedockt an Hirnphysiologie. Der Inhalt der Leitidee hat zur Konsequenz, dass die Leitidee selbst keine philosophisch-metaphysische, sondern eine naturwissenschaftliche Aussage ist. Wenn die Leitidee gilt, gibt es keinen Grund mehr dafür, angesichts psychischer Phänomene gleich die ganze Metaphysik heraufzubeschwören. Die Frage nach Gehirn und Geist lässt sich heute nur noch naturwissenschaftlich, d.h. unter Einsatz entsprechender Messapparaturen und in Verbindung mit empirischer Psychologie, untersuchen.

    (b) Die Leitidee hat nur dann einen Sinn und einen Informationsgehalt, insofern ihre Alternative denkbar erscheint, nämlich dass es eben doch reinen, immateriellen Geist geben könnte. Die von mehreren Kommentatore vermerkte, weiterhin bestehende Denkbarkeit oder Möglichkeit dieser Alternative ist daher in der Leitidee impliziert – und bietet kein Einwand gegen sie. Die Leitidee will im Übrigen nicht alle glücklich machen bzw. alle denkbaren Möglichkeiten ausdrücken bzw. sogar offen halten, und sie will auch nicht denkbare Möglichkeiten ausschließen. Sie will vielmehr sagen, wie sich die Sachlage derzeit faktisch darstellt – was immer sonst noch alles möglich wäre. Möglichkeitsargumente oder Gedankenexperimente aus der Philosophie tun hier also nichts zur Sache. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Leitidee meines Erachtens in hohem Maße evident: wir haben noch nicht viel verstanden, aber dieses eine – „nicht ohne Gehirn“ – können wir wohl mittlerweile sehr gut begründet über psychische Phänomene sagen.

    (c) Die Formulierung der Leitidee entspricht meines Erachtens dem ganz normalen Vorgehen in den Naturwissenschaften. So wie der Physiker nicht lediglich feststellt, dass alle bisher von ihm getesteten Kupferdrähte elektrisch leitend waren (Protokollsätze), sondern er die (im Prinzip falsizifierbare) These vertritt, dass Kupfer elektrisch leitet (ontische These), so geht die Leitidee über die bisherigen Beobachtungen induktiv hinaus mit einer gewagten, jedoch im Prinzip falsifizierbaren naturwissenschaftlichen (nicht philosophischen!) These, welche unserem aktuellen Beobachtungs- und Wissensstand entspricht.

    (d) Einschub: Die kognitiven Neurowissenschaften sind im Grunde Psychologie (nämlich Psychophysiologie und Neuropsychologie). Ich halte es für möglich, dass die Psychologie psychische Phänomene empirisch erforschen kann; dies ist keine Aufgabe der Philosophie. Die Leitidee könnte nicht formuliert werden, wenn man der Psychologie gänzlich abspricht, die psychischen Phänomene in irgendeiner adäquaten Weise zu erfassen. Insbesondere meine Einschätzung, dass die Leitidee keine philosophische These ist, lässt sich nur formulieren, wenn man den Anspruch der Psychologie akzeptiert, psychische Phänomene (z.B. Wahrnehmung) adäquat und objektiv beobachten zu können. Wie bei anderen physischen Phänomenen, von denen wir nur indirekt durch Messinstrumente erfahren, ist es dafür keinesfalls erforderlich, in das Innere des Erlebenden selbst hineinzusteigen (was natürlich unmöglich wäre).

    (e) Die Leitidee hat – wie jede inhaltsreiche These – die logische Implikation einer Existenzbestreitung – “es gibt keine hirnunabhängigen geistig-seelischen Vermögen” –, was als These einer empirischen Wissenschaft zunächst überraschend oder gar logisch unmöglich erscheinen mag und von den Kommentatoren auch dementsprechend kritisiert wurde. Doch wenn psychische Phänomene natürliche Phänomene sind, die ausschließlich in Verbindung mit Hirnprozessen auftreten, wie es die Leitidee behauptet, dann gibt es eben keine hirnunabhängigen psychischen Phänomene. Und gäbe es diese doch, wäre der Zusammenhang mit hirnphysiologischen Prozessen für die psychischen Phänomene nicht essentiell und die Leitidee wäre widerlegt.

    (f) Die Frage einer möglichen Widerlegung der Leitidee ist wiederum weder eine philosophische noch eine metawissenschaftliche, sondern eine empirische Frage: Auf der Basis unserer heutigen Sichtweise psychischer Phänomene als natürlichen, hirnbasierten Phänomenen dürfen wir empirische – und das heißt notwendigerweise mit neurowissenschaftlichen Untersuchungsverfahren gestützte – Nachweise dafür verlangen, dass psychische Phänomene auch etwas anderes sein können als die Leitidee behauptet und dass sehr wohl immaterielle, hirnunabhängig psychische Phänomene auftreten. Philosophen qua Philosophen können das nicht leisten; sie können immer nur auf die problematischen Induktionsschlüsse in den Naturwissenschaften verweisen – aber besonders informativ ist das nicht.

    (g) Ich möchte noch einmal darauf hinweisen, wie minimal die Leitidee formuliert ist. Hier wird nicht einmal Korrelation behauptet – und schon gar nicht die Korrelation ganz bestimmter hirnphysiologischer und mentaler Zustände/Prozesse. Wir wissen wenig über diesen Zusammenhang und fragen uns immer wieder, ob beispielsweise überhaupt die Rede davon sein kann, dass das Gehirn „Bewusstsein hervorbringt“ usw.; hier lauern viele Fallstricke. Wir wissen auch nicht, ob wir „Hirnzustände“ und „mentale Zustände“ überhaupt schon angemessen und in ihren wirklich relevanten Aspekte operational erfassen. Aber relativ unbestritten dürfte sein, dass wir die psychischen Phänomene nicht ohne Hirnprozesse antreffen.

    (h) Ich möchte auch nochmals betonen, dass die Leitidee ausschließlich auf die funktionelle Ebene abhebt, die Inhalte des Erlebens also gar nicht berührt. Was immer erlebt wird – und sei es Gott höchstpersönlich, der mir mitteilt, dass Erleben doch ohne Gehirn möglich sei – ist für die Frage der Leitidee irrelevant; kritisch ist hierfür allein die Rolle introspektiv nicht einsehbarer Hirnprozesse während dieses Erlebnisses.

    (i) Phänomene, die außerhalb des prinzipiell Beobachtbaren verortet sind (z.B. nachtodliche Phänomen), gehören in das Reich der menschlicher Vorstellungskraft. Vorstellbarkeit verlangt lediglich hinreichende interne Kohärenz des Konzepts, nicht jedoch Korrespondenz mit beobachtbaren Tatsachen. Jeder darf sich gerne eine postmortale körperlose Seele ohne Gehirn vorstellen und an sie glauben. Er muss sich aber sagen lassen, dass wir für diese Vorstellung in der beobachtbaren Welt heute keinen Anhaltspunkt mehr finden. In früheren Zeiten konnten Menschen durchaus vorübergehend tot gewesen sein – und berichteten danach von Himmelsreisen (z.B der pamphylische Soldat Er, von dem Platon im X. Buch seiner Politeia berichtet). Auch der Traum konnte durchaus als „Seelenwanderung“ verstanden werden, heraus aus dem schlafenden Körper, der wie tot im Bett liegt (Hypnos und Thanatos waren ja Zwillingsbrüder!). Wir wissen heute jedoch, dass hier niemand tot war – auch nicht „klinisch tot“ – und dass zum Zeitpunkt des Erlebens genügend Hirnfunktion vorhanden war, um die jeweiligen Erlebnisse zu ermöglichen. Der Glaube an ein Jenseits und an ununsterbliche Seelen kann naturwissenschaftlich-empirisch aus logischen Gründen nicht widerlegt werden, man kann ihm aber die bisherige Fundierung in unserer Erfahrungswelt durch überzeugendere Erklärungen derjenigen Phänomene entziehen oder streitig machen, die bisher unsere Jenseitsphantasien speisten.

    (j) Die Leitidee ist offensichtlich nicht nur eine Provokation in Richtung Theologie, sondern auch in Richtung Philosophie (Philosophie des Geistes, Leib-Seele-Problem als metaphysisches Problem). Die Provokation wäre leichter abzuwehren, wenn ich einen Reduktionismus im Sinne eines eliminativen Epiphänomenalismus vertreten würde (performativer Selbstwiderspruch) oder wenn ich bestimmte Vermittlungsmechanismen behaupten würde (oder auch nur eine Korrelation); doch ich äußere mich nicht über das Wesen psychischer Phänomene, schon gar nicht leugne ich sie, und ich weiß nicht, wie sich Hirnprozesse und psychische Phänomene zueinander vermitteln. Ich stelle lediglich fest, dass psychische Phänomene nur in Verbindung mit Hirnprozessen auftauchen, soweit wir bisher wissen, und äußere daraufhin (induktiv) den Verdacht, dass dies grundsätzlich für psychische Phänomene gilt. Methodisch sind Theologie und Philosophie nicht mehr angemessen ausgestattet, um die Leitidee zu bestätigen/zu bewähren oder zu widerlegen – ihnen fehlt der beobachtende Zugriff auf das Gehirn – und dadurch sind sie im Hinblick auf diese spezielle Frage tendenziell irrelevant. Das Gehirn-Geist-Problem ist ein empirisch-wissenschaftliches Problem, keine unlösbare metaphysische Denkaufgabe.

    (k) Naturwissenschaftler und Psychologen haben wenig bis gar keine Lust, die eigentliche und spannende theoretisch-konzeptuelle Arbeit zu ihrem Phänomenbereich an Philosophen zu delegieren; ich kenne viele Philosophen, die hier den Naturwissenschaftlern und Psychologen ihre vermeintlich unverzichtbaren Dienste antragen, aber ich kenne ehrlich gesagt keinen einzigen Neurowissenschaftler, der diese Dienste in den wirklich relevanten Bereichen seiner Arbeit in Anspruch nimmt. Philosophen vergessen gerne, dass die Psychologie die Methoden und Konzepte an der Hand hat, um die psychischen Phänomene empirisch und in Verbindung mit Hirnprozessen zu untersuchen. Außerdem kenne ich einige Philosophen, die heute im Wesentlichen als kognitive Neurowissenschaftler arbeiten, was ich für konsequent halte – oder die gar nicht mehr am Gehirn-Geist-Problem, sondern an anderen philosophischen Fragen arbeiten, was ich ebenfalls für konsequent halte.

    (l) Nochmals: Unter der Voraussetzung der Leitidee – die sich in eine metaphysische Debatte einmischt und daher zunächst als metaphysische These erscheinen mag – ist das Gehirn-Geist-Problem ein naturwissenschaftliches und kein philosophisches Problem: Die Leitidee ist damit unter ihrer eigenen Voraussetzung ausdrücklich eine naturwissenschaftliche These und sie entzieht das Thema „Gehirn und Geist“ der Philosophie (und der Theologie).

  20. Kritische Rückfrage

    Sehr geehrter Herr Dr Hoppe,
    mit Interesse habe ich den im Internet verfügbaren Teil Ihres Vortrags gelesen. Kurz gesagt: Ich halte Ihren Ansatz für falsch. Bei Nahtoderfahrungen gibt es eine Fülle von Außerkörperlichkeits-erfahrungen, die auf eine selbständige geistig-seelische Entität des Menschen hinweisen. Darum ist die dualistische Interaktiinstheorie von Eccles/Popper richtig. Sie wird übrigens auch von A. Hofmann, dem Entdecker von LSD vertreten: “Man darf also annehmen, dass im gleichen Maße, wie unser geistiges Wesen durch unseren Chemismus , unser stofflicher Organismus durch unseren Geist beeinflussbar ist und geformt wird”. Interaktion ist aber nur möglich, wenn Geist und Materie auch selbständig sind, sonst wäre jede Willensfreiheit eine Illusion
    In meinem März 2012 im Lit-Verlag erschienenen Buch “Hoffnung über den Tod hinaus? Nahtoderfahrungen, Nachtodkommunikationen und christlicher Glaube” gehe ich auf diese Probleme ( und kritisch auf Sie) näher ein. Als Lektüre ist auch sehr weiterführend: Gerda Lier: Das Unsterblichkeitsproblem.
    Mit freundlichem Gruß Wennemar Schweer

  21. @Schweer

    Sie haben also den Falsifikationsfall gefunden? Her damit!

    Könnten Sie mir die Absätze aus Ihrem Buch, die meine Position betreffen, zukommen lassen? Email ist leicht zu googlen, Christian Hoppe Uniklinik Bonn. Danke!

  22. ENDE DER KOMMENTARE HIER

    Hallo Alle,
    die Diskussion wird hier weitergeführt.

    HIER BITTE NICHT MEHR KOMMENTIEREN!!

  23. Hallo!

    Vermutlich klinke ich mich im Frühjahr 2014 etwas spät in die Diskussion ein? Dennoch möchte ich einige Sätze loswerden, da ich mich, nach Jahren der Vertiefung in die Teilchenphysik und Quantenmechanik, seit wenigen Monaten intensiv mit den Ergebnissen der modernen Hirnforschung auseinander setze.
    Drei Fragen stelle ich mir aktuell:
    1.Was bleibt von unserm Menschenbild, wenn wir die Forschungergebnisse der Neurowissenschaften in unser -nun ja- Bewusstsein oder Selbstkonzept, in unser Ich einfliesen lassen und den daraus resultieren Konflikt akzeptierten (vieleichte führte ein solcher Konflikt erst zur Schaffung dessen, was wir auf Grund anachronistischer Anahmen immer als “Seele” bezeichneten: die Evolution ist da sehr kreativ, Stichwort Neuroplastizität)?
    2.Könnte eine durch neuronale Prozesse hervorgerufene Projektion des Ich`s sich selbst hinterfragen, wie wir das hier zweifellos tun (Ich frage, also bin ich- trotzdem nicht)?
    3. Wer schreibt den Roman, das Gedicht, den Song; wer malt das Bild, schafft die Plastik oder Collage?

    Ihre Meinung würde mich auch 2014 noch brennend interessieren.

    HPM

  24. Sehr geehrter Herr Christian Hoppe,

    sie schreiben über Dinge, die sie scheinbar nicht begreifen.
    Üben einen Beruf aus, der die vorgefertigten Paradigmen einer alt-christlich Vorstellung
    verztritt und auch noch als allgemeingültig darstellt.
    Noch vor 500 Jahren wurden Menschen von christlich kirchlichen Organisationen auf dem
    Scheiterhauffen verbrandt, wenn diese behaupteten, die Erde ist rund und keine Scheibe.
    Auch in Sachen der viel gepredigten Nächstenliebe, wurden Menschen bis in das frühe 19te
    Jahrhundert mithilfe kirchlicher Inquisitionen, bestialisch gefoltert und gemordet (u.a. mit Darmfolterbank, Bleisprinkler, spanischer Bock, Ketzergabel, Rattenkäfig, Würgschraube, Streckbank, Daumen -und Fußschrauben, Mundbirne, Judaswiege, Räderung usw. usw.).

    Und an diese Wertvorstellungen halten sie auch noch für richtig und bis heute vertretbar, ohne Anklage?
    Man merkt, bei wem Sie Ihr “Handwerk” studiert haben und deshalb alles versuchen, nicht der Wahrheit sondern dem über 1500 Jahre alten kirchlichen Klerus der Fälscher, ohne wenn und aber
    zu dienen (müssen)!