Schwarze Löcher und das Buch Hiob

Er ist ein Ritter des Ordens vom Niederländischen Löwen, hat für seine Arbeiten über Schwarze Löcher zahlreiche renommierte Preise gewonnen und tourt als Autor eines populärwissenschaftlichen Textbuchs durch Planetarien: Heino Falcke. 

“Er spannt den Norden aus über dem Leeren und hängt die Erde über das Nichts.” (Hiob 26,7) So klingt es, wenn ein evangelischer Prediger einen Vortrag über Schwarze Löcher beginnt. Es ist nicht irgendein Prediger, sondern ein Astrophysiker. Genauer gesagt: Es ist derjenige Astrophysiker, der das Event Horizon Telescope (mit)initiierte (natürlich macht sowas keiner allein: es ist ja ein internationales Konsortium). Ja, genau dasjenige berühmte Netzwerk von Radioteleskopen, mit dem das berühmte “erste Bild von einem Schwarzen Loch” erstellt wurde. Warum es sich bei diesem echten Bild nicht um ein Foto im umgangssprachlichen Sinn handelt, habe ich vor zwei Jahren erläutert – ebenso wie die Tatsache, dass die Macher dieses sensationellen Bildes gewiss irgendwann den Nobelpreis erhalten werden. Das großartigste an diesem Menschen, der seinen Vortrag mit einem Zitat aus dem Buch Hiob beginnt, ist aber, dass man ihm dies überhaupt nicht anmerkt: Wahre Größe erkennt man daran, dass diese Leute sich eben nicht für etwas Besseres halten. 

Ob sich Religion und Astrophysik nicht ausschließen, wird man oft gefragt (sogar ich, wenn ich in der Öffentlichkeit vortrage). Obwohl ich bekanntlich finde, dass Religion Privatsache ist und ich selbst daher nicht mit religiösen Zitaten um mich werfen würde, weiß ich doch – spätestens nach meiner Zeit in der Wüste – dass Spiritualität zum Menschen dazu gehört. Ich ging durch die Sahara mit Christen und Muslimen, begleitet auch von Atheisten und solchen, die in philosophischen Gedanken über Quantenphysik auch Erklärungen für transzendente Schilderungen des Buddhismus und Schamanismus suchten… Daher denke ich: Egal, ob Sie sich persönlich für religiös halten oder nicht: es ist ein Bestandteil unseres Seelenlebens, dass extreme Situationen und Unerklärliches irgendeine Form von spirituellen Gedanken in uns auslösen. So passt es auch absolut in die aktuelle Zeit, wenn ein Vortrag über Schwarze Löcher mit einem Bibelzitat begonnen wird.  

Nach diesem Einstieg geht es aber relativ flott zur Physik des Universums: Die bekannten Effekte der Krümmung von Raum und Zeit durch Massen, das unterschiedlich schnelle “Ticken” von Lichtuhren und andere Kuriositäten in der Nähe von Ereignishorizonten werden in dem anschaulichen Vortrag erläutert. In der Fragestunde, in der das Mikrofon durchs Publikum geht, werden wieder die Dichten der Schwarzen Löcher thematisiert und der Astrophysiker stellt fest: 

“Sie können die Erdbahn mit Wasser füllen, was ja keine besonders große Dichte hat (sondern eine ganz durchschnittliche) und das Objekt wäre ein Schwarzes Loch. Sie können das Sonnensystem mit Luft füllen und das Objekt wäre ein Schwarzes Loch.” Wir wissen halt nicht, was im Innern eines Ereignishorizontes passiert: Es würde wohl alles zur Mitte fallen und sich dort konzentrieren. Allerdings ist die Materie, die in solchen großen Schwarzen Löchern steckt, auf die Kugel verteilt betrachtet, gar nicht besonders dicht. Das ist eine populärwissenschaftliche Fehlvorstellung, die in jedem Planetariumsvortrag über Schwarze Löcher früher oder später adressiert wird und es ist jedesmal wieder beruhigend, davon zu hören.   

Einen solchen Vortrag in einem Planetarium zu erleben, wenn einen der Klang von Sound of Silence zum Überflug über die Erde mit der ISS umgibt, ist natürlich ein besonderes Erlebnis. 

Gekrönt wird das Event mit einer Signierstunde des Autors, denn Heino Falcke ist nicht nur ein preisgekrönter Astrophysiker, sondern auch Autor eines populärwissenschaftlichen Buches: 

Licht im Dunkeln. 

zusammen mit dem Redakteur Jörg Römer verfasste er ein Textbuch, das im Klett-Cotta Verlag erschienen ist und in der illustrierten Ausgabe für 28 Euro erhältlich ist. 

Auch beim Signieren der Bücher zeigte sich der ritterliche Charakter des Astrophysikers, der mit jedem einzelnen Käufer das persönliche Gespräch suchte und die Bücher individuell widmete.   

Heino Falcke signiert sein Buch mit persönlichen Widmungen.

Wenn Sie einmal die Gelegenheit bekommen, wenn er in Ihrer Stadt ist: Nehmen Sie sie wahr und treffen Sie diesen Menschen, der es schafft, Menschlichkeit und Astrophysik zu vereinbaren. Solange Sie sie nicht haben: Lesen Sie sein Buch! 

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

21 Kommentare

  1. Der Zusammenhang zwischen Spiritualität und Quantenphysik ist leicht erklärt: Es gibt keine anderen Regeln der Quantenphysik, alles, was dort passiert, hat Analogien in der Makro-Welt. Die Phänomene sind normal für ganz doll viele Dinge auf einem Haufen, die die Wahrnehmungs- und Analysefähigkeit des Betrachters überfordern, sodass er sie nur statistisch und allgemein untersuchen kann. Wir sehen Dinge fragmentarisch, durch Interferenzen verzerrt, in der falschen Reihenfolge, ein Ereignis sind immer sehr viele Ereignisse gleichzeitig.

    Ganz doll viele Dinge auf einem Haufen sind auch die Neuronen im Hirn. Religion heißt, unzählige Mönche stecken sich eine Bergspitze in den Hintern oder schließen sich in der Zelle ein und gucken sich in den Kopp. Klar, dass sie die gleichen Phänomene beobachten.

    „Spiritualität“ bedeutet im Wesentlichen, Gefühle mit sehr viel Strom drauf. Strom ist eine physikalische Eigenschaft, starke Gefühle bezeugen die Wirkung großer Energiemengen auf kleinen Flächen. Gefühle bewegen uns, wir sind Materie, Gefühle bewegen Materie und bewirken ihre Interaktionen. Dass das nicht nur auf uns zutrifft, erscheint mir wahrscheinlicher, als dass wir eine Ausnahme wären. Ich für meinen Teil sehe keinen Unterschied mehr zwischen Physik und Psychologie, ich kann mir auch das derzeitige Weltgeschehen mit Thermodynamik erklären – wie komplex wir als Materieklumpen auch geworden sein mögen, wir sind immer noch Teilchen, wie alle anderen auch. Die Grundmuster von Magnetfeldern, Netzwerkbildung, Gefrieren, Auftauen, lassen sich sowohl in der Gesellschaftsstruktur, wie auch in sozialen Interaktionen, wie auch in der Psyche von Individuen, wiederfinden. Die Sprache hat’s eigentlich immer schon gewusst, wenn wir von „harten Herzen“ oder „warmem Empfang“ sprachen. Auch im Unheiligen Land kracht’s ständig aus den gleichen Gründen, aus denen es in einem Atomkraftwerk krachen würde, dessen Betreiber nicht ausgebildete Nuklear-Techniker, sondern eine Horde randalierender Schimpansen wären. Es gäbe viel weniger Gewalt zwischen den Religionen, wenn die Leute tatsächlich an Gott glauben würden, statt in ihm nur einen waffenstarrenden Mech-Avatar zu sehen, in den sie ihr Mimöschen-Ego packen, damit es keinen Kratzer davon trägt, wenn sie in den Zickenkrieg um die Weltherrschaft ziehen.

    Im Buch Hiob steht übrigens: Gott geht eine sadistische Wette mit dem Teufel ein, macht den armen Hiob gnadenlos fertig, und als der fragt, was der Blödsinn soll, ist es Gott anscheinend zu peinlich, die Wahrheit zuzugeben, also brüllt er den Kleinen einfach nieder. Wenn sich Donald Trump für Gott hält, ist das eine durchaus verständliche Verwechslung. Auch in dieser Geschichte – Gott als ein Boss, wie es sie zu Tausenden gibt, der Teufel als Qualitätsprüfer, was der tatsächlichen Rolle von Widrigkeiten, Krisen und Katastrophen in der Evolution entspricht – spiegelt sich genug Realität wieder, dass wir die Geschichte stets wiedererkennen, dadurch interessant finden und weitererzählen. Durch diesen Wiedererkennungswert an allen möglichen Zeiten und Orten bleiben in der Religion am Ende vor allem Geschichten übrig, die sehr nahe an den Naturgesetzen dran sind, die ja auch an allen Zeiten und Orten gelten. Wissenschaftler können darin durchaus Formeln in Bilderschrift finden, mit Menschen und Ereignissen statt mathematischer Symbole, die ihnen Dinge übers Universum erzählen, die sie selbst noch nicht herausgefunden haben. Ich bin Atheist, zu einem Spickzettel sage ich aber nicht nein.

    Was hinter einem Ereignishorizont passiert? Gehen Sie hin und schauen Sie nach. Jeder Punkt am Horizont hat sehr viel mit einem Schwarzen Loch gemein. In einem davon steckt ganz China. In einem anderen die Andromeda-Galaxie. Sie brauchen nur eine Uhr langsam von der Nase weg zu entfernen – während sie glaubt, sich mit konstanter Geschwindigkeit fortzubewegen, werden für Sie ihre Kilometer immer kürzer, ihre Zeit läuft langsamer: Schließlich schrumpft die Strecke, die die Zeiger überwinden müssen, um eine Sekunde zu ticken, würde die Zeit n i c h t (scheinbar) langsamer laufen, würden sich die Zeiger immer schneller drehen, bis die Naturgesetze nicht mehr mitspielen und sie explodiert.

    Gravitation und Perspektive, Wahrnehmung und Interaktion, Masse und Raum, hängen sehr eng zusammen. Mit ein Grund, warum ich annehme, dass Einstein ein Gleichheitszeichen vergessen hat: Nicht nur Masse=Energie und Raum=Zeit, sondern Masse=Energie=Raum=Zeit, alles lässt sich in alles umrechnen, ist alles das gleiche Zeug und nur die Interaktion mit dem Betrachter entscheidet, als was er es wahrnimmt.

    Wir leben nicht zufällig in einem lebensfreundlichen Universum – alle Größen müssen sich ständig aufeinander einspielen, suchen ständig das Gleichgewicht, damit das Universum als Ganzes überhaupt leben, stabil laufen kann. Und jeder Beobachter ist Teil dieses Systems, sucht das Gleichgewicht mit seiner Umgebung. Es geht um Druckausgleich – wer zu wenig Gegendruck erzeugt, wird zermalmt, wer zu viel erzeugt, explodiert. Was nicht überleben kann, stirbt – Artikel 1 im Grundgesetz des Universums ist so selbstverständlich, dass er oft überlesen wird. Machen Sie in Ihrem Leben je etwas Anderes, als Kräfte aufzunehmen und weiterzuleiten, Gleichgewicht zu suchen, wie ein Luftmolekül in einem Ballon?

    Sieht zumindest so aus, wenn man sich die Dinge anguckt. Ob etwas dran ist, wie viel dran ist, muss seriöse Wissenschaft rausfinden. Ich bin nur Spinner, ich denke wirres Zeug und belästige vernünftige Leute damit, weil einer von einer Million Spinnern manchmal aus Versehen was sieht, was die Vernünftigen aufgrund fehlerhafter Vernunft nicht erkennen. Mein Job ist getan.

  2. Natürlich liegen Wissenschaft und Religion ganz nahe beieinander: sie bündeln sich, das kann man bei Hawking nachlesen, zur sogenannten Singularität: dort gelten dann die “uns bekannten Gesetze der Physik” nicht mehr. Dass sie aber sonst immer gelten, ficht die Wahrheit um diese großartigen wissenschaftlichen Leistungen nicht an – sie liegen ja alle hinterm “Ereignishoroziont”, wenn das hier stimmt: https://www.nationalgeographic.de/wissenschaft/leben-wir-einem-schwarzen-loch.

  3. @Paul S.: “„Spiritualität“ bedeutet im Wesentlichen, Gefühle mit sehr viel Strom drauf.”

    Meine Erfahrung: “Drüben” ist es nur “ein Gefühl” in dem alles steckt – Nur wegen unserer Konfusion sind es hier viele Gefühle, was wir/Mensch mit dem richtigen Leben “ebenbildlich” zu einem fusionieren sollten. 👊😃👍

  4. @Markus Termin: “Dass sie aber sonst immer gelten, ficht die Wahrheit um diese großartigen wissenschaftlichen Leistungen nicht an”

    Ja genau, für das Leben hinter dem Ereignishorizont unseres holographischen Universums, brauchen wir allerdings ein stärkeres Bewusstsein, was wir derzeit aber mal wieder im Gegenteil beweisen.

  5. Susanne M. Hoffmann schrieb (05. Mai 2022):
    > […] Heino Falcke […] Vortrag […] relativ flott zur Physik
    > […] Krümmung von Raum und Zeit durch Massen, das unterschiedlich schnelle “Ticken” von Lichtuhren

    Dazu mehrere Lichtuhren anzuschleppen ist etwa so lahm wie die Kamelle vom Hasen und den zwei Igeln.

    Ein anspruchsvolles, SciLog-kommentierendes Publikum lässt sich für die (relativistische) Physik doch flotter anhand einer einzelnen Lichtuhr begeistern,
    deren zwei Spiegel horizontal parallel und vertikal auseinander gehalten werden und abwechselnd “ticken” bzw. “aufblitzen”;
    der untere Spiegel dabei aber (trotzdem, oder richtiger: deshalb) schneller, d.h. mit größerer Frequenz, “tickt” bzw. “blitzt” als der obere.
    D.h., dass der untere Spiegel in gleicher Dauer i.A. mehr “Ticks” bzw. “Blitze” anzeigt, als der obere.

    p.s.
    > […] Sie können das Sonnensystem mit Luft füllen und das Objekt wäre ein Schwarzes Loch.

    Oder (schon eher): heiße Luft.

    • Heiße Luft ist, lieber Herr Wappler, wie üblich Ihre Spiegelfechterei. Abgesehen von den üblichen Taschenspielertricks mit den eingebauten mathematischen (und sogar recht simplen) Fehlern (siehe bei SciLogs wirklich umfassend ausdiskutiert bei “Relativ Einfach” bei Pössel “Relativität der Gleichzeitigkeit”) besteht ein grundsätzliches Argument, auf dass Sie nie Antwort wissen: dass nämlich die “Zeit”, die Sie zu messen vorgeben mit “Lichtuhren”, bereits gemessen und vordefiniert ist. Da gibt es nichts zu messen. Zeit ist wird (wie ich es sehe, falsch) definiert durch Meter/Sekunde. Da beißt die Maus wieder keinen Faden ab.

  6. Herr Wappler, es geht um ein Buch und dessen Präsentation in Planetarien – nicht um die Physik, sondern um eine Performance, mit der ein Astrophysiker auf Tournee ist.

    Sie können weiterhin SciLogs kommentieren, anstatt in die Welt echter Menschen zu treten, aber dann verkneifen Sie sich bitte Kommentare zu den Inhalten, die Sie offenbar nicht interessieren. Das ist am Thema vorbei. Danke.

    • Sie sind hier Hausherrin. Freilich ist das ein merkwürdiges Wissenschaftsverständnis, da muss ich Herrn Wappler verteitigen: wenn Sie in der Lage sind, als Fachfrau zwischen “Physik” und “Performance” zu trennen und substantielle Unterschiede in der Betrachtung zulassen, dann unterschätzen Sie ihr Laienpublikum, das es tatsächlich sehr genau wissen will und auch für umstrittene Details sehr sensibel sein kann und sollte.

      Auf diese Weise schleichen sich dann unsinnige Aussagen in die allgemeine Sicht ein, wie “Alles ist relativ” usw. – oder die absurde Idee, Michelson & Morley hätten den Äther widerlegt, etc.

  7. Die Spiritualität gehört zum Menschen. Ein wichtiger Satz.
    Der Rückgang von Spiritualität ist eine Folge davon, dass wir in den Städten den Sternenhimmel nicht mehr sehen. Wir können in den Planetarien einen ersten Eindruck gewinnen und in Büchern die aktuelle Forschung nachlesen.
    Wir können mit dem Astro – Programm Redshift eine Reise durch den Raum unternehmen aber der Eindruck einer klaren Winternacht oder der Sternenhimmel über dem Mittelmeer der ist eben unvergleichlich.
    Die Bibel sagt nicht viel über den Sternenhimmel.Genesis:“ Und Gott schuf den Himmel und die Erde.“
    Oder so: Jesaja 42,6
    So spricht Gott, der HERR, der die Himmel schafft und ausbreitet, der die Erde macht und ihr Gewächs, der dem Volk, so darauf ist, den Odem gibt, und den Geist denen, die darauf gehen:

    Die Wissenschaft bietet dagegen sehr viel neues Wissen über das Alter, die Entstehung, die Masse, die physikalischen Gesetze, die das Weltall formen.

    Das alles steht aber nicht im Widerspruch zur Bibel . Der Big Bang ist sogar so etwas wie eine kleine Schöpfung. Und die Schwarzen Löcher sind so etwas wie der Kleine Untergang der sichtbaren Welt.

  8. Susanne M. Hoffmann schrieb (07.05.2022, 21:37 Uhr):
    > […] verkneifen Sie sich bitte Kommentare zu den Inhalten, die Sie offenbar nicht interessieren.

    Die Inhalte des obigen SciLog-Beitrags, die mich so sehr interessieren, dass ich sie in meinem vorausgegangenen Kommentar (06.05.2022, 10:07 Uhr) kommentiert habe, sind dort ausdrücklich zitiert (und im obigen SciLog-Beitrag noch immer unverändert auffindbar). Andere Inhalte habe ich dort nicht kommentiert.

    > Sie können weiterhin SciLogs kommentieren, anstatt in die Welt echter Menschen zu treten, […]

    Danke. Ich stehe auch gern für einen SciLogs-Gastbeitrag über den (offenbar auch von H. Falcke gebrauchten) Begriff der “Schnelligkeit des Tickens einer Uhr” (alias “Gangrate”) zur Verfügung.

  9. Markus Termin schrieb (09.05.2022, 08:50 Uhr):
    > […] dass nämlich die “Zeit”, die Sie zu messen vorgeben mit “Lichtuhren”, bereits gemessen und vordefiniert ist. Da gibt es nichts zu messen.

    Diese Aussage, wie zitiert, ist mir völlig unbegreiflich; und ich bitte anhand des folgenden Beispiels deshalb dringend um Erläuterung:

    Am Sonntag, d. 29.05.2022, soll die 21. Etappe des “Giro d’Italia 2022” stattfinden;
    also eine Etappe eines (insgesamt mehrwöchigen) Fahrradrennes, und zwar ein (auf deutsch so genanntes) Einzelzeitfahren, in bzw. um Verona;
    vgl. https://www.giroditalia.it/en/tappe/stage-21-giro-ditalia-2022-verona-cronometro-delle-colline-veronesi-tissot-itt/

    Wenn dabei alles so ausgeht, wie schon bei den meisten vorausgegangenen Einzelzeitfahren (was ich auch für das am 29.05.2022 erwarte und der Einfachheit halber im Folgenden annehme),
    dann wird es dabei genau einen Sieger geben, und genau einen Zweit-Platzierten.

    Jedem dieser beiden Fahrradfahrer wird dabei eine bestimmte Dauer zugeschrieben sein;
    nämlich (genaugenommen) jeweils die Dauer der Rennstrecke während sie vom betreffenden Fahrradfahrer befahren wurde.

    Symbolisieren wir die Werte dieser beiden Dauern als
    τ^CourseGIRO22E21_Sieger bzw.
    τ^CourseGIRO22E21_Zweiter.

    (Erfahrungen aus vorausgegangenen Einzelzeitfahren und hinsichtlich der geplanten Rennstrecke lassen erwarten, dass diese Dauern beide ungefähr den Wert “eine kappe halbe Stunde” haben werden.)

    Die Regeln der Fahrradsports insbesondere hinsichtlich Einzelzeitfahren (bzw. “die Versuchsanordnung”) garantieren außerdem zusammen mit der o.g. Annahme, dass das Verhältnis

    (τ^CourseGIRO22E21_Zweiter / τ^CourseGIRO22E21_Sieger)

    eine reelle Zahl größer als 1 ist.
    Aber welchen Wert hat dieses Verältnis genau, bzw. mindestens mit Genauigkeit (d.h. einschl. Richtigkeit und Präzision) von 10^{-4} ?
    Gibt es “da” nichts mehr zu messen ??

    p.s.
    > […] (siehe bei SciLogs wirklich umfassend ausdiskutiert bei “Relativ Einfach” bei Pössel “Relativität der Gleichzeitigkeit”)

    Welcher Kommentar (oder SciLog-Beitrag) käme denn dort als “Abschluss der betreffenden umfassenden Diskussion” in Frage ??
    (Ich erinnere mich jedenfalls nicht, dass meine Auffassung dessen, wovon in der (S)RT überhaupt zu sagen ist: “Diese und jene waren gleichzeitig.” bzw. “Diese und jene andere waren nicht gleichzeitig.” auch nur ansatzweise diskutiert worden wären. … &.)

    • Frank Wappler schrieb (11.05.2022, 15:01 Uhr):
      > […] Fahrradrennes
      Sollte sein: “Fahrradrennens”.

      > […] kappe
      Sollte sein: “knappe”.

      > […] Die Regeln der Fahrradsports insbesondere hinsichtlich Einzelzeitfahren (bzw. “die Versuchsanordnung”) garantieren […]
      Sollte sein: “Die Regeln der Fahrradsports insbesondere hinsichtlich Einzelzeitfahren (bzw. “die Versuchsanordnung”) und die zugrundeliegende Definition der dafür eingesetzten Messgröße “Dauer” garantieren …” .

      > […] wären
      Sollte sein: “wäre”.

    • Lieber Herr Wappler,

      beide Radfahrer bewegen sich in Metern/Sekunde (oder einer beliebigen anderen Maßeinheit) – einer kommt früher an, der andere später. Obwohl es Unsinn ist, werden aktuell sowohl der Meter als auch die Sekunde durch einen (willkürlich festgelegten) Wert der Lichtgeschwindigkeit im Vakuum definiert (respektive Schwingung irgendeines Atoms, was dasselbe ist, denn auch das schwingt “pro Sekunde”). (Willkürlich deswegen, weil auch dieser Wert niemals “gleich” gemessen worden ist.)

      Zwar ist die Fahrzeit der Radler unterschiedlich, aber gemessen wird dennoch in Meter/Sekunde (oder, wie gesagt, einer beliebige andere Maßeinheit). Und dies ist auch nicht zu ändern durch irgendwelche Experimente mit Lichtlaufzeiten u.ä. – denn diese Laufzeiten können jeweils nur nach vorhergehender Streckenfestlegung (jeweils hin- und zurück, in der Praxis hätten wir also ein Quadrat oder Rechteck) “gefunden” werden – und sind, so “c” feststeht, vorab definiert. Was jedoch vorab feststeht und definiert ist, kann nicht gemessen werden, sondern nur justiert, aufgefunden. Ob das, was dabei aufgefunden wird, “wahre” Werte sind, ist mit den Mitteln eines dogmatischen Systems, wie es heute die experimentelle Physik darstellt, nicht auffindbar. Dasselbe gilt übrigens für die Zeilinger-Versuche: die scheinbar instantane Ausrichtung polarisierter “Teilchen” ist nur instantan (gleichzeitig) im Rahmen der Theorien, die mit begrenzten zulässigen “Höchstgeschwindigkeiten” arbeiten. Fällt das weg, weicht auch “Einsteins Spuk”, über den sich scientistisch orientierte Esoteriker so freuen.

      Ich selbst habe daran keine Freude, sondern wünschte mir eine ehrliche, Einstein-freie Physik, die endlich unseren Horizont öffnet und erweitert.

      Wie Sie selbst so grandios ausgeführt haben (bei Bäker), ist es nicht möglich, eine Größe (“c”) zu messen, wenn dieselbe Größe (hier “c”) per Definition die Grundbedingung des Systems der Messung ist. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Ein sehr einfacher, aber fataler und zivilisationshemmender Irrtum, mehr nicht.

      Ist doch jetzt gar nicht so schwer? Mit freundlichen Grüßen!

      • Markus Termin schrieb (12.05.2022, 13:51 Uhr):
        > […] beide Radfahrer bewegen sich in Metern/Sekunde (oder einer beliebigen anderen Maßeinheit) – einer kommt früher an, der andere später. […]

        Diese Beschreibung ist hinsichtlich Radrennen im Allgemeinen zwar durchaus gebräuchlich bis zutreffend;
        und war insbesondere am 12.05.2022, in der 6. Etappe des Giro2022 (“Radrennen Palmi-Scalea, über 192 km”), mit der folgenden (auf ihre Weise durchaus beeindruckenden) Manifestation verbunden:
        https://bicyclingaustralia.com.au/wp-content/uploads/2022/05/0D5D43B4-5B52-4917-B6C2-833AEFE7E134.jpeg

        > Zwar ist die Fahrzeit der Radler unterschiedlich […]

        Eine solche Schlussfolgerung ergibt sich bei [[Einzelzeitfahren]] ggf. aber aus anderen Betrachtungen als bei “einfachen Wettrennen” (wie im oben verlinkten Bild: “Arnaud Demare vor Caleb Ewan”).

        Mein vorausgegangener Kommentar (11.05.2022, 15:01 Uhr) beschäftigte sich ja ausdrücklich mit Einzelzeitfahren; und zwar ausdrücklich, um eine ganz bestimmte vorgelegte Aussage (Markus Termin; 09.05.2022, 08:50 Uhr) sehr konkret in Frage zu stellen:

        »[…] dass nämlich die “Zeit”, die Sie zu messen vorgeben mit “Lichtuhren”, bereits gemessen und vordefiniert ist. Da gibt es nichts zu messen.«

        Nun kann ich zwar keinen konkreten Versuch erkennen, auf meine konkrete, Einzelzeitfahen betreffende Frage einzugehen;
        aber so lange dabei die beanstandete Aussage auch nicht konkret wiederholt wird (womöglich war sie ja gar nicht so konkret verstanden und gemeint, wie ich sie genommen hatte), nehme ich das mal hin.

        > Was jedoch vorab feststeht und definiert ist, kann nicht gemessen werden, sondern nur justiert, aufgefunden. […]

        Sogar bei dieser Aussage kommt “es” (“mein Zustimmen oder Ablehnen”) darauf an, ob mit “messen”

        – “(schlicht) die Anwendung einer festgesetzten Messoperation auf gegebene Beobachtungsdaten” gemeint wäre (und das meine ich nämlich i.A. mit “messen”); oder

        – “die Anwendung einer festgesetzten Messoperation auf gegebene Beobachtungsdaten, aber unter der Bedingung, dass der (Mess-)Wertebereich dieser Messoperation mindestens zwei verschiedene Werte enthält” (so dass das Vorhaben gerechtfertigt erscheinen könnte, “Ergebnis-offen messen” zu wollen. Ich betrachte das aber lediglich als einen Spezialfall des “Messens”.).

        Dass wir darüber hinaus einig wären, ob und wie diese zitierte Aussage konkret auf Messoperationen anwendbar ist, in denen Wahrnehmungen von Signalfronten wesentlich sind (um hinsichtlich Koinzidenz oder Nicht-Koinzidenz beurteilt zu werden), erscheint mir auch immer unwahrscheinlicher — denn sonst sollten wir ja beide hin- und wieder mal das Wort “Signalfront” gebrauchen.

  10. Markus Termin,
    als Ergänzung, weil die Lichtgeschwindigkeit zur Berechnung eines Schwarzen Loches die Voraussetzung ist.
    Die Lichtgeschwindigkeit ist eben nicht nur eine festgelegte Größe, sie kann über die Kräfte bei der magnetischen und elektrischen Feldkonstante gemessen werden. Magnetische Feldkonstante / elektrische Feldkonstante = Quadrat der Lichtgeschwindigkeit.
    Die Lichtgeschwindigkeit ist eine universelle Größe in der Physik.

    • Das ist falsch. Auch für die “elektrische Feldkonstante” sind Meter und Sekunde vordefiniert. Es ist immer derselbe, eigentlich sehr einfache Fehler. Schauen Sie sich mal die Formel der elektrischen Feldkonstante an. Mit freundlichen Grüßen.

  11. Nachtrag zu Markus Termin,
    Die gesamte Elektrotechnik ist seit Maxwell ein abgeschlossenes Wissenschaftsgebiet. Darin ist c eine absolute Naturkonstante .
    Das c auch eine Geschwindigkeit darstellt ist in der Elektrotechnik zweitrangig.

    • Das ist eben das Problem, dass gewisse Leute glauben, es mit einem “abgeschlossenen Wissensgebiet” zu tun zu haben, während entscheidende Fragen ungelöst und unbeantwortet sind und sich Theorien widersprechen. So geht es – wie ich meine – wirklich nicht. “Schwarze Löcher” sind – wie ich es sehe – eine reine Fantasie, die angeblichen Fotos Wunschprojektionen und Auswahl der “passenden” Messwerte. Man nennt es “selection bias”. Mit freundlichen Grüßen!

      • Nu is’ aber gut. Die Meinung ist bekannt, entspricht nicht der naturwissenschaftlichen.

        Naturwisssenschaft macht Modelle – es ist niemals abgeschlossenes Wissen, sondern ein Bild von der Realität. Stellen Sie sich das als eine Art Schattenprojektion vor. Wir haben aus dem Schatten ein Bild gemacht, mit dem wir bisher zutreffende Vorhersagen machen können. Das ist der einzige Anspruch der Naturwissenschaft, denn sie ist die Dienerin der Ingenieurwissenschaft, die unsere Welt stetig zu verbessern bestrebt ist. Naturwissenschaft beschreibt nur. Ingenieure verändern sie.

        Es ist uns egal, für wie real Sie oder irgendwer Schwarze Löcher halten. Sicher ist – egal, wie real sie sind – dass das, was auch immer es ist, mit der derzeitigen Physik kompatibel ist. Ihr Inneres ist der Naturwissenschaft egal, weil nicht beschreibbar und die Wirkung, die dieses Etwas auf den umgebenden Raum hat, genügt unserem Weltbild. Das wird beobachtet, d.h. auch in diesen Extremsituationen funktioniert unser Weltbild. Das ist gut, weil es für die Ingenieure, denen wir dienen, bedeutet, dass die Alltagsphysik erst recht korrekt ist.

        • Ein bemerkenswertes Statement: dass die Naturwissenschaft Dienerin der Ingenieure ist und nicht umgekehrt, wurde in dieser Deutlichkeit meines Wissens noch nicht ausgedrückt. Danke dafür. Die Ingenieure können jedoch – z.B. beim GPS – mit “euren” Theorien gar nichts anfangen; dasselbe gilt für Weltraumnavigation – läuft alles nach Newton.

          In der Welt der Philosophie ist es anders: unserem “Weltbild” genügt ein blinder Fleck innerhalb des Wissens niemals – und “wir” sind niemandes Diener. Dass die “Ingenieurswissenschaft” – die sowieso keine Wissenschaft ist, den atomare Overkill zur Verbesserung unserer Lebensverhältnisse geschaffen hat, die Umweltverschmutzung und Vergiftung von Wasser, Luft und Erde (fracking) kann man – wie es es sehe – nicht als “Verbesserung” verbuchen, es sei denn, man ist sehr merkwürdig drauf. Mit freundlichen Grüßen und schönes WE

          • Natur war zuerst da (und brachte u.a. Menschen hervor) – dann kam der entwickelte Mensch (z.B. Ingenieure) und baute sie nach, d.h. schaute von ihr ab, wie etwas funktioniert (manchmal mit Naturgesetzen, manchmal Ideen, manchmal praktische Umsetzungstipps). Das ist eine Binsenweisheit, aber gut, dass es nun auch mal deutlich festgestellt wurde. In praxi ist es freilich ein Tango, weil die Naturwissenschaft, um weiter forschen zu können …; neue Erkenntnisse zu produzieren, auf die Ingenieurwissenschaft zurückgreift. Gerade die Astronomie öffnet ein Labor, dass bei der Entwicklung neuer Materialien und neuer Methoden (= Techniken und Technologien) nützlich ist. Hier arbeiten also Naturwissenschaft und Ingenieurwissenschaft Hand in Hand: Die NaWi hat eine Frage, wie etwas in der Natur funktioniert, die IngWi hat Geräte, die dafür nicht hinreichen – also entwickelt die NaWi zusammen mit der IngWi die Geräte/ Methoden, um die Fragestellungen zu beantworten und das so generierte Wissen (über die Natur und wie sie funktioniert) triggert wieder zurück in den Werkzeugkoffer der IngWi: kein Wettlauf, kein Streit und kein Kampf, sondern ein Tango, wo beide miteinander ringen und keiner je siegt oder verliert, sondern man gemeinsam etwas Schönes generiert.

            GPS würde nach Newton nicht funktionieren. Die Tatsache, dass hier die Gravitationslehre der ART benutzt werden und es mit “nur” Newton nicht die richtigen Ergebnisse liefert, zeigt eben genau die Richtigkeit der ART in unserer Alltagsphysik.