Trauma: Wenn die Bilder nicht verschwinden wollen

Flucht, Terror, Krankheit – Manche Menschen können mit der gleichen traumatischen Erfahrung besser umgehen als andere. Entscheidend dafür scheint die Fähigkeit zu sein, die eigenen Erinnerungen zu bändigen.

von Ann-Kristin Meyer

November 2015, das Bataclan Theater in Paris. 89 Menschen sterben bei den Terroranschlägen auf ein Konzert und umliegende Cafés. Noch heute ruft das Beschriebene bei einigen von uns Bilder an niedergelegte Blumenkränze und Polizeifahrzeuge hervor. Für andere, die Zeugen, ruft es unwillentlich lebhafte traumatische Erinnerungen hervor. Manche Überlebende werden noch immer verfolgt von den Erinnerungen an diesen Abend. Sie haben eine posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS, entwickelt und müssen die Erlebnisse gedanklich immer wieder durchleben. Aber nicht bei allen Betroffenen entwickelt sich solch ein Krankheitsbild. Wie kann es sein, dass Menschen ähnliche Erfahrungen gemacht haben, die Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden aber so unterschiedlich sind? Wenn nicht die Schwere eines traumatischen Ereignisses entscheidend ist, was ist es dann?

Eine kürzlich erschienene Studie französischer WissenschaftlerInnen versucht diese Frage zu beantworten und legt nahe, dass eine „kaputte Bremse“ das Problem sein könnte. Sie untersuchten dazu 102 Überlebende dieser Anschläge und stellten fest: Die eine Hälfte der Augenzeugen ist in ihrem Alltag nicht durch das Erlebte beeinträchtigt, die andere wird hingegen bis heute von den furchtbaren Erinnerungen verfolgt.

Um herauszufinden, woran das liegt, untersuchten sie mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT), ob sich ihre Gehirnmechanismen unterscheiden, während sie die sogenannte Think/No-Think Aufgabe durchlaufen. Zu Beginn lernen die ProbandInnen Wort-Bild Paare auswendig. Die Idee ist, dass sie nach dieser Lernphase automatisch an das Bild denken müssen, wenn Sie das Wort sehen. Dies kann dann dazu führen, dass sie etwa beim Anblick des Wortes Gefallen ganz automatisch an das Bild eines großen grauen Elefanten denken müssen – so wie man bei dem Wort Bataclan womöglich unwillentlich an die Bilder der Terroranschläge denken muss.

In einer zweiten Phase werden den ProbandInnen nur noch die Wörter gezeigt, manche davon in grün, andere in rot. Erscheint ein grünes Wort, müssen die TeilnehmerInnen beispielsweise die Erinnerung an den Elefanten abrufen. Kommt ein rotes Wort, sollen die TeilnehmerInnen die Erinnerung an das gelernte Bild unterdrücken. Sie müssen ihre Gedanken also aktiv kontrollieren und sich nur auf das Wort fokussieren. In einem späteren Gedächtnistest wird dann überprüft, ob die unterdrückten Erinnerungen schlechter abgerufen werden können als sogenannte Kontrollerinnerungen. Die wurden zwar gelernt, aber weder unterdrückt noch abgerufen. Die Ergebnisse zeigten: Der Gruppe, die keine PTBS entwickelt hatte, fiel es schwerer die unterdrückten Bilder abzurufen. Die Gruppe, die bis heute unter einem Trauma leidet, konnte sich nach wie vor gut an die unterdrückten Bilder erinnern, ihr war ein willentliches Vergessen nicht gelungen.

Eine Auswertung der fMRT-Bilder beider Gruppen bestätigte zuvor gezeigte Ergebnisse: Bei allen war während des Unterdrückens der rechte präfrontale Kortex aktiver, eine Region verantwortlich für Kontrollprozesse. Zudem waren Areale weniger aktiv, die für den Abruf von Erinnerungen bedeutend sind, darunter der Hippocampus. Es gab jedoch einen wesentlichen Unterschied bei den Gesunden gegenüber den Traumatisierten: Bei ihnen war die Verschaltung zwischen den beiden Regionen stärker und besonders dann höher, wenn sie Erinnerungen erfolgreich unterdrückten. Hier hemmt die Kontrollregion die Regionen, die für das Reaktivieren von Erinnerungen zuständig sind. Bei den Traumatisierten war diese Form von top-down Kontrolle nicht zu sehen.

Die Studie zeigt somit, dass das erfolgreiche Unterdrücken von Erinnerungen durchaus eine adaptive Bewältigungsstrategie nach einem Trauma darstellen kann. Sie birgt jedoch eine Gefahr: Bei Menschen, denen diese Erinnerungskontrolle nicht gelingt, kann sie die Symptome sogar verstärken. Wenn sie nicht in der Lage sind, die Erinnerung im Zaum zu halten, rufen sie sie ganz unfreiwillig erneut ab und stärken sie dadurch noch. Diesen beeinträchtigten Kontrollmechanismus vergleichen die ForscherInnen mit einer kaputten Bremse: Tritt man sie mit voller Kraft, führt das nicht zum gewünschten Anhalten, sondern zu einem Unfall – oder dem erneuten Durchleben einer traumatischen Erinnerung.

Ähnliche Schlüsse zog schon eine Studie 2018, die Geflüchtete nach ihrer Flucht untersucht hatte. Auch hier gelang es nur einem Teil der Geflüchteten, die Erinnerungen zu kontrollieren und deren Spuren im Gehirn zu regulieren. Die anderen, die eine PTBS entwickelt hatten, waren dazu nicht in der Lage. Ihre Erinnerungen tauchen jedes Mal aufs Neue auf.

Ist ein willentliches Vergessen möglich?

Trotz dieser Ergebnisse gab es in den letzten Jahren immer wieder Diskussionen um die Frage, ob willentliches Vergessen möglich ist, und ob es förderlich sein kann. Eine aktuelle Metaanalyse unserer Forschungsgruppe geht diesen Fragen nun ganz systematisch auf den Grund. In dieser Metaanalyse – einer Analyse von Analysen – wurden die Ergebnisse von 25 Einzelstudien aus den letzten 20 Jahre zusammengefasst und ausgewertet. Auch hier nutzte man jeweils die Think/No-Think Aufgabe, um herauszufinden, ob sowohl gesunde Personen als auch Betroffene von PTBS, Depressionen, Angststörungen oder anderen psychischen Erkrankungen ihre Erinnerungen unterdrücken und somit vergessen konnten.

Dabei zeigte sich über alle Studien hinweg: Gesunde konnten weniger unterdrückte Erinnerungen abrufen. Sie waren also in der Lage, die gelernten Erinnerungen zu unterdrücken und schließlich zu vergessen. Anders dagegen bei den Betroffenen von Depression oder weiteren psychischen Erkrankungen. Sie konnten sich an die unterdrückten Bilder ebenso gut erinnern wie an alle anderen. Ihnen gelang es demnach nicht, die Erinnerungen zu kontrollieren und loszuwerden. Es scheint also tatsächlich möglich, Gedächtnisinhalte aktiv zu steuern und zu vergessen. Jedoch gelingt das vor allem gesunden Menschen.

Stellt sich also die Frage: Führt die Unfähigkeit, Gedanken und Erinnerungen aktiv zu bändigen, dazu, dass Menschen an einer Depression oder PTBS erkranken – oder ist sie vielmehr eine Konsequenz der Krankheit? Bislang hat man darauf noch keine Antwort. Dafür wäre eine Studie nötig, die die Betroffenen sowohl vor als auch nach traumatischen Erfahrungen untersucht. Trotzdem helfen die bisherigen Erkenntnisse dabei, individuelle Behandlungsstrategien zu entwickeln und zu erklären, warum eine Traumatherapie bei manchen Menschen weniger erfolgreich ist als bei anderen.

Ein Ergebnis weckt dabei besondere Hoffnung. Es scheint möglich, diese Kontrollprozesse zu trainieren. Je häufiger man den Elefanten unterdrückt, desto besser wird man darin, aktiv zu vergessen. Vielleicht führt das in Zukunft auch dazu, dass mehr Menschen bei dem Wort Bataclan wieder an ausgelassene Konzerte denken können.

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Ann-Kristin Meyer hat ihren Bachelor in Cognitive Science („Was ist das denn?") und ihren Master in Social, Cognitive, and Affective Neuroscience („Und was macht man damit?") erworben. Nun promoviert sie in Leipzig am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften („Das macht man damit!"). Sie interessiert sich für etwas, das beeinflusst, wie wir uns fühlen, wie wir Entscheidungen treffen, wie wir uns selbst sehen und wie wir uns die Zukunft ausmalen, ja, wer wir sind: Unsere Erinnerungen. In ihrer Forschung versucht Ann-Kristin der Frage auf den Grund zu gehen, ob wir ungewollte Erinnerungen aktiv vergessen können. Um die Erinnerungsspuren im Gehirn zu verfolgen, nutzt sie Verhaltensexperimente und bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie, kurz MRT.

8 Kommentare

  1. PTBS entgeht man also durch Verdrängung traumatischer Ereignisse – nicht durch Verarbeitung. Eigentlich logisch und zu erwarten, denn Ereignisse verarbeiten oder gar erneut vor dem inneren Auge abspielen, bedeutet diesen Ereignissen mehr Bedeutung zugestehen. Wenn die Ereignisse negativ sind gibt man durch die Beschäftigung mit ihnen, Negativem im eigenen Leben mehr Bedeutung.
    Das gilt ganz allgemein und ist nicht auf posttraumatische Belastungsstörungen beschränkt.

    Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an Aussagen von Personen mit perfektem episodischen Gedächtnis. Mehr als eine dieser Personen erlebte diese Gabe als Belastung, weil das perfekte Gedächtnis eben auch bedeutete, dass negative Erlebnisse nicht im Nebel der Vergangenheit entschwanden sondern so präsent blieben als wären sie gestern passiert.

    Positiv Denken bedeutet wohl letztlich zwei Dinge: 1) dem was jetzt und in naher Zukunft passiert mehr Bedeutung zumessen als dem Vergangenen 2) glauben, dass man positiv überrascht werden kann 3) gutem mehr Wert, auch mehr Erinnerungswert geben als schlechtem

    • ​​​​​Ja und nein. Ganz so weit wie Sie würden die Studien in ihrer Interpretation nicht gehen. Die Studien zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen einem funktionierenden Unterdrückungsmechanismus und psychischer Gesundheit. Daraus kann man leider weder direkt schließen, dass man mit Verdrängung einer PTBS entgeht, noch dass Verarbeitung keine gute Bewältigungsstrategie ist.
      Wie oben beschrieben, kann z.B. fehlgeschlagene Unterdrückung negative Erinnerungen verstärken. Es ist wichtig negative Erfahrungen in das eigene Selbstbild zu integrieren, aber nicht adaptiv sich ungewollt an jede unangenehme Situation erinnern zu müssen. Wie Sie schon sagen, kann Vergessen kann nicht nur Fluch, sondern auch Segen sein.
      Dem Fazit im Bezug auf positives Denken möchte ich aber sehr gerne zustimmen.

  2. Ein interessantes/wichtiges posting. Manchmal hatte ich jedoch Schwierigkeiten den Text gleich zu verstehen. Das Kursive sind Zitate.

    Dann werden nur noch die Wörter gezeigt. Grünes Wort = das Bild abrufen. Rotes Wort = das Bild unterdrücken. [..] Gedanken also aktiv kontrollieren und sich nur auf das Wort (bzw. die Farbe) fokussieren (konzentrieren).

    In einem späteren Gedächtnistest wird dann überprüft, ob die unterdrückten Erinnerungen (also rotes Wort) schlechter abgerufen werden können als sogenannte Kontrollerinnerungen (damit müssten dann die grünen Wörter gemeint sein). Die wurden zwar gelernt, aber weder unterdrückt noch abgerufen. Beides sind doch aber, gewissermaßen, Kontrollerinnerungen.

    Der Gruppe, die keine PTBS entwickelt hatte, fiel es schwerer die unterdrückten Bilder abzurufen (sich wieder daran zu erinnern – da sie ihnen nicht so wichtig waren). Die Gruppe, die bis heute unter einem Trauma leidet, konnte sich nach wie vor gut an die unterdrückten Bilder erinnern, ihr war ein willentliches Vergessen nicht gelungen (“logisch“ – gewissermaßen).

    Bei Bei ihnen war die Verschaltung [..] sollte es besser heißen *Bei den Gesunden [..]*. Geht zwar aus dem übernächsten Satz Bei den Traumatisierten war diese Form von top-down Kontrolle nicht zu sehen hervor, kann aber erst mal zu Fehlassoziationen führen.

    Die Studie zeigt somit, dass das erfolgreiche Unterdrücken von Erinnerungen durchaus eine adaptive Bewältigungsstrategie nach einem Trauma darstellen kann. Sie birgt jedoch eine Gefahr: Bei Menschen, denen diese Erinnerungskontrolle nicht gelingt, kann sie die Symptome sogar verstärken. Wenn sie nicht in der Lage sind, die Erinnerung im Zaum zu halten, rufen sie sie ganz unfreiwillig erneut ab und stärken sie dadurch noch. Das stimmt. Andererseits kann man die Bewältigungsstrategie aber auch als (Art) Verdrängung sehen. Meint: Die Ursachen/Zusammenhänge, die den (hier z.B.) Bataclan Anschlag ausgelöst haben, werden nicht tiefer bedacht – und (vereinfacht gesagt) alles geht weiter wie gehabt.

    Gewünschten Anhalten. Ja – schon (sich nicht von den unschönen Ereignissen krank/handlungsunfähig machen lassen). Aber eben auch nicht verdrängen, beschönigen, relativieren.

    Willentliches Vergessen. Vergessen ist ein unglücklich gewählter Ausdruck. Womit ich aber nicht sagen will, dass Sie Unschönes einfach vergessen wollen – statt eine Wiederholung möglichst zu verhindern.

    Es scheint also tatsächlich möglich, Gedächtnisinhalte aktiv zu steuern und zu vergessen. Jedoch gelingt das vor allem gesunden Menschen. Gedächtnisinhalte aktiv zu steuern (i.S.v. sich über unschöne Ereignisse Gedanken machen bzw. wie man sie reduzieren kann) ist selbstverständlich gut. Und Vergessen ist insf. auch OK, als dass man sich nicht über jede Kleinigkeit (jeden “Pups“) Gedanken machen muss (und darüber wichtigere Dinge vernachlässigen). Allerdings gehen darüber was wichtig und weniger wichtig ist die Meinungen auseinander.

    Stellt sich also die Frage: Führt die Unfähigkeit, Gedanken und Erinnerungen aktiv zu bändigen, dazu, dass Menschen an einer Depression oder PTBS erkranken – oder ist sie vielmehr eine Konsequenz der Krankheit? Henne oder Ei? Ereignisse lösen Reaktionen aus – die psychisch krank machen können (infolge z.B. einer ausgeprägt sensiblen Veranlagung). Es kommt aber auch auf den Grad/die Dauer der “Krankheit“ an. Dass eine Krankheit schlimmer werden kann (PTBS z.B.) – also Konsequenz einer anfangs verständlichen “K.“ wird – stimmt natürlich auch. In der Regel aber sind äußere Einflüsse die Ursache.

    Bei Bataclan an ausgelassene Konzerte denken halte ich für “falsch“. Es gibt jedoch Ereignisse, die Anlass zu Optimismus geben.

  3. “Entscheidend dafür scheint die Fähigkeit zu sein, die eigenen Erinnerungen zu bändigen.”

    Aus Erfahrung weiß ich, daß in dieser Welt- und “Werteordnung” die Mittel zur Bewusstseinsbetäubung im Nachhinein entscheidend sind.

  4. “Willentliches Vergessen”
    Wenn man sich mit Meditation befasst kann man erkennen, dass sie die Gedanken eigentlich nicht beeinflussen können. Diese kommen aus dem Unterbewusstsein ohne bzw. trotz ihres Willens, lassen sich also von ihm nicht beeindrucken. Es sind hier neuronale Muster entstanden, die nicht vom Verstand(Willen) überschrieben werden können. Nehmen sie als Beispiel Phobiker (Angst vor Spinnen/Angst vor Menschen etc.) Diese Menschen erkenne ihre Probleme, können diese aber nicht mit ihrem WILLEN lösen geschweige denn vergessen. Sie können also nur “Verdrängen”, um mit S. Freud zu sprechen.

  5. @Querdenker

    Phobien sind ein ungeeignetes Beispiel, denn dagegen kann man Erfahrungen machen die durch neue Vernetzung das Problem lösen.

  6. Zu hto:
    Ein Trauma, griechisch: Wunde, ist in Gefühl absoluter Hilflosigkeit. Dazu gehört eine dementsprechende furchtbare Erfahrung . Diese Wunde kann immer wieder angetriggert werden. Bsp.: Den Bombardierungen der Städte im zweiten Weltkrieg ging langanhaltendes Sirenengeheul voraus. Hatte eine Person durch eine solche Bombardierung ein Trauma bekommen, so könnte späterhin ein Sirenengeheul(Trigger) bei ihr dieses Trauma wieder auslösen (Retraumatisierung) , was vielfach geschehen ist. Durch neue Erfahrungen von Sicherheit kann ein solches Trauma – ähnlich wie bei den Phobien, bearbeitet werden. Das Traumagedächtnis , so meine Ansicht , kann nicht aktiv durch den Willen unterdrückt werden denn die Amygdala wird immer wieder mit entsprechenden Gefühlen auf Trigger reagieren (Analog der Phobie)

  7. @Querdenker

    Phobien können gänzlich wegtrainiert werden, Traumata bleiben stets “triggerbar”, besonders bei marginalisierten Menschen.

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