Sexuelle Belästigung in der Wissenschaft: Updates zu Geoff Marcy

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… aber nicht einfacher
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Ich hatte vor ein paar Tagen bereits aus Anlass des Falles des prominenten Astronomen Geoff Marcy zur sexuellen Belästigung in der Wissenschaft gebloggt. Der Fall hat natürlich auch unter den Astronominnen und Astronomen in meinem Bekanntenkreis für Diskussionen gesorgt. Einige Male wurde dieser Webcomic gepostet, der – wenn auch in einem anderen Zusammenhang, nämlich dem von Conventions – recht prägnant zusammenfasst, warum es für diejenigen, die belästigt wurden, keine so klare Entscheidung ist, sich zu Wort zu melden oder nicht:

Harassment
Dank an Jim C. Hines für die Erlaubnis, den Cartoon hier zu verwenden.

Erschreckend am Fall Geoff Marcy ist, dass dort lange Zeit – die ersten Vorfälle, von denen geredet wird, liegen 30 Jahre zurück, diejenigen, um die es in den uni-internen Untersuchungen geht, umfassen 10 Jahre – offenbar ein ähnliches Muster abgelaufen ist, wie es der Cartoon zeichnet.

Einige Unterschiede zu dem Cartoon gibt es im Fall Geoff Marcy glücklicherweise doch. Dadurch, dass die Universität in einer internen Untersuchung zu dem Schluss kam, dass in der Tat sexuelle Belästigung vorlag, und dass Geoff Marcy sich – wenn auch mit der Einschränkung, er akzeptiere nicht alle Beschuldigungen – entschuldigt hat, ist es ja auch sehr schwer geworden, vollständig beiseite zu wischen, dass da etwas passiert ist. Aber mal sehen, ob nicht doch noch von Twitter-Mob und Hexenjagd die Rede sein wird, jetzt, wo Marcy zurücktritt bzw. zurückgetreten ist.

Dass die Universität Berkeley Marcy nicht stärker sanktionierte, nachdem sie die Verfehlungen festgestellt hatte, war ja von einer ganzen Reihe von Astronominnen und Astronomen kritisiert worden (siehe z.B. dieser New York Times- und dieser Forbes-Beitrag sowie dieser offene Brief) – unter anderem mit der Frage, was ein Professor denn noch an unschönen Dingen tun muss, bis er/sie gefeuert wird.

Abstrakt vs. persönlich

Für mich mit am verstörendsten waren die entsprechenden Postings auf Facebook von zwei Astronominnen, die ich vom eigenen Institut bzw. als Gastwissenschaftlerin kenne: Ja, sexuelle Belästigung sei ihnen (mit anderen Kollegen als Geoff Marcy) auch schon passiert. Zum Teil mehrmals. In einigen Teilen der Community, so die Aussager, sei es fast die Regel, solche Erfahrungen zu machen.

Ich musste als Kontrast sofort an die Auszüge aus dem offiziellen Lehrgang der Universität Berkeley denken, die der Biologe Michael Eisen in einem Blogbeitrag zu Geoff Marcy gepostet hatte. In diesem Lehrgang, den auch Geoff Marcy wohl besucht hat oder zumindest hätte besuchen müssen, wird die Situation, an deren Beispiel sexuelle Belästigung durchgesprochen werden soll, durch offenbar locker-witzig gemeinte Fantasienamen im Gegenteil ins Unreale gezogen – konkret geht es um die Studentin “Ms. Suzie Scholar”, die ihren Dozenten “Dr. Randy Risktaker” zu einem Date drängt.

Das lenkt gerade davon ab, dass für so gut wie alle Kollegen gelten dürfte, was eine der erwähnten Astronominnen auf Facebook schrieb: Jeder von uns kennt, eventuell allerdings ohne es zu wissen, mindestens eine belästigende und eine belästigte Person persönlich.

…und immer wieder: Was tun?

Bleibt die Frage, was sich ändern muss, um sexuelle Belästigung wirksam einzudämmen. Ich hatte dazu ja in einem Kommentar zu meinem früheren Blogbeitrag schon etwas geschrieben: Viel wäre gewonnen, wenn insgesamt ein Klima geschaffen würde, das klar macht, was Belästigungen sind und dass sie unerwünscht sind. Aufklärung darüber, dass es z.B. nicht in Ordnung ist, dass ein Professor einer von ihm betreuten Studentin (oder eine Professorin einem Studenten!) im Labor eine Rückenmassage gibt und was derlei Vorkommnisse mehr sind, wäre bereits für sich genommen schon hilfreich. Dann würde sich jemand wie Geoff Marcy in entsprechender Situation nicht mehr herausreden können, er habe ja gar nicht gewusst, dass solches Verhalten als Belästigung gewertet würde. (Allerdings dazu: siehe ganz unten in diesem Abschnitt.)

Zweitens der Umgang mit Beschuldigungen – zum einen, um die oben im Cartoon gezeigte Zwickmühle zu vermeiden, zum anderen, um Falschbeschuldigungen zu vermeiden: Wenn, wie im Falle Geoff Marcy, einiges von dem, was da passiert, vor Zeugen stattfindet, haben wir es noch vergleichsweise einfach. Wenn die Umgangskultur sich so wandelt, dass jemand, der so etwas sieht, zumindest mal etwas sagt – zunächst natürlich ganz unmittelbar, zu den Betroffenen – und, siehe oben, allen klar ist, dass so etwas nicht geht, wäre schon viel gewonnen.

Und, ganz klar: Sobald Zeugen im Spiel sind, besteht die Möglichkeit, gerichtlich vorzugehen – obwohl ich durchaus verstehen kann, wenn die Belästigten die Angelegenheit ob der zusätzlichen Belastung durch größere Öffentlichkeit lieber intern geklärt sehen. Auch die Entscheidung, die Belastung trotzdem auf sich zu nehmen, dürfte dadurch beeinflusst werden, was der/die Betroffene aus dem eigenen Umfeld an Unterstützung bzw. Signalen erhält.

Dann blieben freilich noch die deutlich schwierigeren Fälle übrig, wo Belästigende/r und Belästigte/r unter sich waren und danach Aussage gegen Aussage steht. Bei Einzelfällen ist da eventuell in der Tat nichts zu machen – außer, dass man den Betroffenden Unterstützung bietet, dass es eine Akzeptanz z.B. für den Betreuerwechsel ohne explizit angegebenen Grund gibt (weil allen klar ist, was dahinterstecken kann), und dass man das Arbeitsfeld so umgestaltet (offene Büros etc.) dass jemand, der sich mit einem/r bestimmten Professor/in alleine unwohl fühlt zwanglose Möglichkeit hat, potenziell unangenehme Situationen zu vermeiden.

Und auch in solchen Situationen wäre wichtig, dass jemand aus der Hierarchie mit dem betreffenden Professor/der betreffenden Professorin spricht. Und zwar nicht so, wie das vermutlich jetzt manchmal (hoffentlich nicht: oft?) läuft, mit einem verständnisvollen, kameradschaftlichen/augenzwinkernden “wir wissen doch beide, dass das nur Hysterie ist”, sondern eher mit: “Geoff, ich kann aus deiner Aussage und der Aussage der Studentin nicht beurteilen, was wirklich vorgefallen ist. Natürlich gibt es Missverständnisse. Aber du als Professor bist da in der Verantwortung, und [erklärt Situationen, in denen der Betreffende in Zukunft vorsichtiger sein und sein Verhalten ändern muss].”

So etwas lässt sich bewerkstelligen, auch ohne dem/der Belästigenden Schuld zu unterstellen – aber wenn der/diejenige schuldig sein sollte, signalisiert es trotzdem: Vorsicht, nochmal kommt der/diejenige damit wahrscheinlich nicht mehr durch. Gerade in punkto mit-etwas-durchkommen ist wichtig, dass dokumentiert wird. Beim ersten und vielleicht noch beim zweiten Fall, in dem Studierende entsprechenden Ombudsleuten vertraulich von Belästigungen berichten, mag die Lage noch unklar sein, insbesondere wenn dann Aussage gegen Aussage steht.

Wenn, wie bei Geoff Marcy der Fall, sich dasselbe Muster immer wieder wiederholt, mit immer anderen (und nicht untereinander verbundenen) Belästigten, dann sollte Falschbeschuldigung mit hinreichender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen und die Grundlage dafür da sein, entsprechende Schritte zu unternehmen – aber das funktioniert natürlich nur, wenn die Belästigten das Gefühl haben, sie können sich den Ombudsleuten anvertrauen. Auch wenn die ihnen dann, solange es sich noch um Einzelfälle handelt, eventuell sagen müssen, dass die Beweislage noch nicht reicht, um einschneidendere Schritte zu unternehmen.

All das hat aber nur eine Chance auf Erfolg, solange der/die Urheber/in dabei nicht den Eindruck bekommt, irgendwie doch immer wieder unbeschadet durchzukommen. Leider scheint genau das bei Geoff Marcy jahrelang der Fall gewesen zu sein. Die Gespräche und Ermahnungen von denen der Chronicle of Higher Education hier berichtet, und in denen Marcy ausdrücklich auf die Probleme mit seinem damaligen Verhalten hingewiesen wurde, datieren auf das Jahr 2004.

 

 

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

1 Kommentar

  1. Ich habe mich schon gefragt, ob es als erste Maßnahme vielleicht etwas bringen könnte, zu jedem Treffen mit einer belästigenden Lehrperson (o.ä.) eine “Anstandsdame” (gern auch einen “Anstandsherrn”) mitzunehmen. Oder besser gleich zwei. Das wäre zwar vielleicht mühsam, daher auch sicher nicht auf Dauer für jede Studentin / jeden Studenten zumutbar, könnte aber dem betreffenden Professor (oder sonstigen Machthaber) klar machen, dass er Vertrauen verloren hat. Dass er sich nicht beliebige Frechheiten herausnehmen kann, weil Zeugen da sind.
    Das ist sicher keine endgültige Lösung, könnte aber bis zum Erreichen einer solchen vielleicht mancher verzweifelten Studentin das Leben erleichtern. Oder habe ich was übersehen?