Sexuelle Belästigung in der Wissenschaft

Ich habe gerade den Buzzfeed-Artikel über Exoplanetenjäger Geoff Marcy und den Anschuldigungen gegen Marcy wegen sexueller Belästigung gelesen (und wurde gleich an diesen TAZ-Artikel erinnert, indem es darum ging, dass Buzzfeed außer Katzenbildern und dergleichen eben immer häufiger investigativen Journalismus bringt). Ich habe auch Marcys Entschuldigungsbrief an die astronomische Community gelesen. Aufmerksam geworden war ich auf den Fall via Twitter, und sehe auf meinem Twitter-Feed wiederum keine Hexenjagd, sondern Kommentare, wie ich sie von einem Spektrum vernünftiger Kollegen plus Umfeld erwarten würde: Äußerungen, dass das ein trauriger Fall bzw. hässliche Neuigkeiten seien; den Hinweis auf eine Petition via Google-Dokument, die den vier Frauen, die sich offiziell über Marcy beschwert haben, Unterstützung zusagen; eine Reihe, die bemängeln, Marcy habe nur einen “slap on the wrist” bekommen, die Marcy wegen seiner ihrer Ansicht nach halbherzigen Entschuldigung kritisieren (“shame on you”) und, ja, auch eine Kollegin ,die sich fragt, warum Marcy für solches Fehlverhalten nicht gefeuert wird. Oder aber kritisch/sarkastisch an die Adresse von Berkeley, wo Marcy lehrt: “When a clickbait journalism site lends more support than your college.” Derzeit läuft die weitere Diskussion insbesondere unter dem Hashtag #astroSH.

Habe ich das Zeug zum Forscher/zur Forscherin?

Ich will hier nicht näher auf den konkreten Fall Marcy eingehen – wir werden sehen, was davon in den nächsten Tagen noch zu hören ist. Stattdessen soll es darum gehen, was die Art von sexueller Belästigung, um die es hier geht – gerade in der Wissenschaft so fiese macht.

Forschung ist alles andere als einfach. Gerade wer es richtig macht, hat tagtäglich mit Probleme zu tun, die sich nicht so einfach lösen lassen – und manche lassen sich mit den verfügbaren Methoden gar nicht lösen. Im Gegensatz zu Aufgabenzetteln an der Universität, Hausaufgaben in der Schule oder Klausuraufgaben hier wie dort gibt es eben keine Garantie, dass sich die Aufgabe, die da vor einem liegt, überhaupt lösen lässt, geschweige denn in vertretbarer Zeit. Dass sich junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in dieser Situation fragen, ob sie der Forschung überhaupt gewachsen sind, ob es an ihren mangelnden Fähigkeiten und Qualitäten liegt, wenn die Fortschritte länger auf sich warten lassen als erhofft, ist nur natürlich.

Das “imposter syndrome”, das schleichende Gefühl, dass man eigentlich bei weitem nicht so gut ist, wie die Kollegen denken, ist einigermaßen weit verbreitet – und kommt durchaus auch bei denen vor, die sich währenddessen oder im nachhinein als exzellente Forscher erweisen. Man kann sich auch als Peter Higgs (Stichwort Higgs-Boson und Physik-Nobelpreisträger 2013) eine “underlying incompetence” attestieren. Mit anderen Worten: Man kann nicht einfach sagen, hej, dann lasst die Wackelkandidaten und unsicheren Gesellen und Gesellinnen doch einfach ziehen. Dadurch verliert die Wissenschaft etwas, was sie sich nicht leisten kann zu verlieren.

Hürden bei der Wissenschafts-Selbstverortung

Wie gesagt: Die Unsicherheits-Erfahrung dürften die meisten jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler machen. Und in solcher Situation ist es Gift, wenn einem z.B. das widerfährt, was diese (US-amerikanische) Wissenschaftlerin hier beschreibt: der Besuch auf der ersten großen Konferenz, die Unsicherheit, wie man dort hineinpasst, das eigene Poster (sprich: eine Zusammenfassung der eigenen Arbeit in Posterform; typische Präsentationsmethode für “Konferenz-Anfänger”, die noch keinen richtigen Fachvortrag auf der Konferenz halten), der Postdoktorand, der Interesse an der Arbeit zeigt und viele interessierte Fragen stellt, als Konsequenz das Gefühl “Hej, ich werde ja hier tatsächlich als Wissenschaftler/in akzeptiert!” – und dann der Moment, wo eben jener Postdoktorand, die Hand auf dem Knie der Studentin, klarmacht, dass es ihm eigentlich doch nur darum geht, sein Gegenüber ins Bett zu bekommen.

Geht es um den eigenen Betreuer, ist die Situation noch unfairer, denn dessen Unterstützung braucht man schließlich, um die eigene Doktor-(Master-/Bachelor-)arbeit erfolgreich abzuschließen; Doktorvater oder Doktormutter sind die wichtigsten Fürsprecher, wenn es um den ersten Job als Postdoktorand (also auf befristeter Stelle nach Abschluss der Doktorarbeit) geht. Bekommt die Studentin dann vom Betreuer ungewollte Küsse oder Rückenmassagen oder wird gar begrapscht, dann ist sie eben nicht genau so frei, sich zu wehren, wie in einer Situation ohne dieses Machtgefälle: Gefährdet sie mit einer Beschwerde, gar noch einer offiziellen, eventuell ihre ganze weitere Karriere? Auch bei Studentinnen im Grundstudium (um die es im Fall Marcy geht) dürften durchaus Überlegungen eine Rolle spielen, ob man nicht die eigene Karriere erheblich behindert, wenn man sich über ein wichtiges Fakultätsmitglied beschwert.

Den Schilderungen von Astronominnen auf dem “Women in Astronomy”-Blog nach (z.B. hier) werden weibliche Studierende im günstigen Falle von ihren älteren Kolleginnen dezent gewarnt, doch besser nicht Professor XYZ als Betreuer zu wählen. Sanktionen gibt es wohl nur selten.

Was tun?

Eigentlich sollte selbstverständlich sein, wie man sich selbst in den betreffenden Situationen verhält. Das gilt natürlich gleichermaßen für Frauen wie für Männer, Frauen wie Männern gegenüber. In einem richtigen Abhängigkeitsverhältnis – Studierende und Professor/in, Doktorand/in und Betreuer/in, Postdoktorand/in und Chef/in – wo die Notwendigkeit von Hilfestellung, die Macht durch Bewertungen, Benotungen und Empfehlungen eine wichtige Rolle spielen, haben romantische und sexuelle Beziehungen nichts verloren, ebenso wenig all die Dinge, die in dieser Liste hier stehen (“serial harasser’s playbook”). Solche Abhängigkeitsverhältnisse sind Vertrauensverhältnisse, und es ist schlicht ein Unding, solches Vertrauen zu missbrauchen. Ein wichtiger Teil des Wissenschaftler-Jobs ist es, junge Kolleg/innen an die Forschung und an die weiteren Karrierestufen heranzuführen. Wer das zugunsten eigener Triebe vernachlässigt, der macht schlicht seinen Job schlecht – und ja, das sollte in ernsten Fällen ganz allgemein ein Grund zur Kündigung sein, genau so wie bei anderen Arten und Weisen, den eigenen Job schlecht zu erledigen.

Im restlichen Wissenschaftsbetrieb gilt: Sicher spielen Freundschaften (oder auch mehr) zwischen Kollegen auch in der Astronomie eine durchaus positive Rolle. In meinem Bekanntenkreis gibt es eine Reihe glücklicher Astronomenpaare. Die sollen sich natürlich auch finden dürfen, aber sobald dabei irgendwelche Hierarchiegefälle im Spiel sind, ist Vorsicht angesagt. Wer immer dabei höher in der Hierarchie steht, steht in der Verantwortung, dass der/die andere dabei nicht in seinem/ihrem Recht beschnitten wird, professionell, nämlich als Wissenschaftler/in behandelt zu werden. Auch wenn mein eigenes Single-Dasein schon lange zurückliegt: Mir ist klar, dass die Zeichen und Signale bei solchen Interaktionen oft alles andere als eindeutig sind, und auch, dass Astronom/innen (Physiker/innen, Mathematiker/innen) vermutlich eher unterdurchschnittlich gut darin sind, die Zeichen zu lesen, wie weit das Interesse des/der jeweils anderen geht. Tja, das ist dann eben so – trotzdem bleibt, wer immer in der Hierarchie höher steht, verantwortlich: im Zweifelsfall für das Recht auf Professionalität.

Für die meisten dürfte zumindest dieses eigene Verhalten selbstverständlich sein; schwieriger wird es, wenn es um das Fehlverhalten anderer Personen geht. Da muss man dann im Zweifelsfall mal den Kollegen oder die Kollegin ansprechen und aussagen, dass ein bestimmtes Verhalten unangebracht war. Und wenn man mit einer Beschwerde konfrontiert wird, muss man die ernstnehmen – nicht blind Instinkten wie “aber Kollege XYZ würde so etwas doch nie tun, das muss ein Missverständnis sein!” folgen, sondern den/die Beschwerdeführer/in darüber informieren, was es für Möglichkeiten gibt und ggf. auch die Gleichstellungsbeauftragten hinzuziehen, die es ja an fast allen Instituten und Institutionen geben dürfte.

Dann fängt, zugegeben, der wirklich schwierige Teil an, denn die Schilderungen dessen, was passiert ist, dürften in der Regel differieren. Einerseits den/die Belästigte/n ernstzunehmen, andererseits der Unschuldvermutung für den/die Beschuldigte/n Rechnung zu tragen, ist nicht einfach. Aus meiner Sicht ist ein wichtiges Element, dem/der Beschuldigten dabei unabhängig von der aktuellen Schuldfrage klar zu vermitteln, wo die Grenzen liegen und was von Studierenden/Mitarbeitern/… im allgemeinen bereits als unangenehm und als Belästigung gewertet wird. Das ist ein wichtiger Schritt, um zu vermeiden, dass sich die Belästigungen wiederholen – beim ersten Mal mag der/die Beschuldigte noch einigermaßen überzeugend behaupten können (und zwar selbst dann, wenn es wahrheitswidrig ist), dass er/sie ja nicht gewusst hätte, dass das betreffende Verhalten schon eine Belästigung darstelle. Für Serien-Belästiger wird solches Herausreden zunehmend schwieriger, und das ist gut so. (John Asher Johnson schreibt in diesem Blogartikel, das Verhalten von Marcy sei unter den Astronomen der betreffenden Community seit Jahren ein offenes Geheimnis gewesen – das ist erschreckend.)

Ich hoffe (!), dass derartige Vorfälle selten sind – mit hoher Dunkelquote ist das schwer zu beurteilen. Aber es sollte klar sein, dass die Wissenschaft geeignete Umgangsformen entwickeln muss, um solches Fehlverhalten einzuschränken und zu sanktionieren. Andernfalls besteht die Gefahr, dass betroffene Wissenschaftler/innen in höchst unfairer Weise behindert, im schlimmsten Falle ganz aus der Forschung gedrängt werden.

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

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  1. Leider wird sexuelle Belästigung – und Fehlverhalten ganz allgemein – in der Arbeitswelt zu gerne unter den Teppich gekehrt. Die Folgen: Die Opfer werden weiter gedemütigt, und die Täter kommen nicht nur ungestraft davon, sondern können weitermachen …

    Wann wacht unsere Gesellschaft endlich auf?

    Danke für den Beitrag, Markus!

  2. Die impliziten Abhängigkeiten, die du als “Machtgefälle” bezeichnest, sind die absolute Regel; deren Missbrauch vermutlich ebenfalls.
    Eigentlich hat man sich mit allem und jedem irgendwie gut zu stellen, auch wenn man die entsprechenden Laute vlt. nicht ausstehen kann.
    Beispiel: Ist es sinnvoll, als Nachwuchswissenschaftler* ein Angebot z.B. auf eine Postdoc-Stelle abzulehnen, weil man von anderen z.B. Doktoranden weiß, dass in dieser Arbeitsgruppe Ansätze von Work-Life-Balance nicht gern gesehen werden? (Oder, wie aus Anlass des Blogposts; weil z.B. der Gruppenleiter bekant dafür sei, weibliche Gruppenmitglieder zu belästigen.)
    Darf man das dann, den wahren Grund der Ablehung, dem Gruppenleiter sagen? Ich denke nicht. Man muss sich irgendetwas anderes erzählen. Man weiß nämlich nicht, ob er nochmal Reviewer eines Papers oder eines Forschungsantrags sein wird.
    Auf Ebene von Student und Betreuer wäre das Äquivalent, dass man ja vlt. noch einmal ein Empfehlungsschreiben bräucht. Auch dann neigt wohl die Mehrheit eher dazu den Mund zu halten, als auf Missstände aufmerksam zu machen.
    Mir fällt dazu ein, dass sich ein Betreuer despektierlich (nahe an der sexuellen Ebene) über eine Studentin in einem Praktikumsversuch geäußert hatte. Wem sollte man das als Student melden? Und wenn man es tut, hat derjenige mit ernsthaften Konsequenzen zu rechnen? Wohl eher nicht.
    Sanktionen gegen Lehrpersonal der Unis wäre auch aus anderen Gründen angebracht: Als Student wird peinlich genau auf alle möglichen Deadlines geachtet; wenn man nicht pünktlich seine Abschlussarbeit abgibt, ist man durchgefallen. Wenn allerdings die Fristen zur Korrektur, die häufig sogar in Prüfungsordnungen festgeschrieben sind (zumindest für Abschlussarbeiten) von den Korrektoren überzogen werden, passiert genau gar nichts. Vielleicht ein böse E-Mail vom Dekan, aber sonst?
    Welche Selbstverwaltung an Unis, bestehend aus Kommissionen besetzt mit Lehrstuhlinhabern, würde Sanktionen gegen potentiell die eigenen Mitglieder einführen?
    Es gibt das soziologische Phänomen des Korpsgeistes (z.B. bei Polizei oder Armee), ich glaube, es gibt dies auch im akademischen Bereich.
    Mich würde mal interessieren, ob es dazu Forschung gibt oder ob sich kein etablierter Wissenschaftler traut, einen Antrag zu schreiben, potentielles (z.B. durch Unwillen zur Veränderung) Fehlverhalten etablierter Wissenschaftler zu untersuchen.

    *Auch so ein Treppenwitz: Leute zwischen 30 und 40 zählen als “Nachwuchs”

  3. Zu einem Abhängigkeitsverhältnis gehören immer zwei, nämlich auch derjenige, der sich abhängig macht. Einem selbstbewussten Subjekt wird dies in einem funktionierenden Markt kaum passieren. Fragen wie: “Gefährdet sie mit einer Beschwerde, gar noch einer offiziellen, eventuell ihre ganze weitere Karriere?” spielen dann keine Rolle. Auf lange Sicht sind es auch meistens die Speichellecker und Angsthasen, die ihre Karriere gefährden, weil sie ohne detaillierte Anweisungen nichts zustande bringen und deshalb zu nichts zu gebrauchen sind.

    Das korrekte Nichtopferverhalten ist sehr einfach: gewollte Annäherungn erwidern (oder selbst initiieren), ungewollte deutlich zurückweisen und Belästigungen danach sofort eskalieren. Wer stattdessen versucht, mit Unterwerfungsgesten “Karriere” zu machen, hat es nicht besser verdient.

    • Ein funktionierender Markt ist in der Theorie doch eigentlich dadurch bestimmt, das die Handelspartner gleich stark sind, was in der Realität selten vorkommt.

    • Diese Einschätzung halte ich für komplett realitätsfremd. Die Abhängigkeiten sind fast unvermeidbar. Wer eine Bachelor-/Master-/Doktorarbeit schreibt, ist objektiv abhängig von Betreuer/Betreuerin; da kann noch soviel Selbstbewusstsein auch nichts ändern. Wer sich auf Postdoc-Stellen bewirbt, ist objektiv abhängig von Empfehlungsbriefen.

      Seltene Ausnahmen mag es geben – Forscher, die schon als Studenten so gut sind, dass sie auch ohne Betreuung Weltklassearbeit leisten, oder die schon bei ihrer Doktorarbeit so tolle Fachartikel veröffentlichen, dass ihr nächster Job garantiert ist, auch ohne Empfehlungsbrief. Aber das sind absolute Ausnahmen. All denen, die nicht zu diesen Ausnahmen zählen, weismachen zu wollen, mit Selbstbewusstsein ließe sich das schon geraderücken (mit der Implikation: wenn’s nicht läuft, sind *sie* schuld) oder sie gar als “Speichellecker” oder “Angsthasen” zu titulieren ist eine der unangenehmsten Mischungen aus Weltfremdheit und Überheblichkeit, die mir in letzter Zeit über den Weg gelaufen ist.

      • Wer Brötchen kauft, ist abhängig vom Bäcker — stimmt irgendwie, ist aber irrelevant, weil der Bäcker frei über seine Brötchen verfügt und der Käufer frei über sein Geld und weil jede Seite genügend Alternativen bietet. Über Abhängigkeiten können wir reden, wo dies aufgrund äußerer Zwänge nicht der Fall ist. Wenn aber ein erwachsener Mensch mit dem Fuß aufstampft, unbedingt Doktor werden muss und sich damit jeden Verhandlungsspielraum nimmt, dann ist Mitleid deplatziert. Der Text oben zeigt ja nur eine Variante des Mimimi, das aus Akademikerkreisen oft, vom Prekariat auf der anderen Seite der Vapiano-Theke hingegen kaum zu hören ist. Wenn ich begabt genug bin für Abitur, Studium, und Wissenschaft, dann muss ich schlechte Arbeitsbedingungen nicht ertragen. Tue ich es dennoch, weil ich mir davon einen späteren Vorteil erhoffe, liegt die Verantwortung für diese Entscheidung bei mir.

        • Herrgott, geht’s noch schiefer mit dem Vergleich? Wenn ich mit einem Bäcker nicht zufrieden bin, gehe ich halt zum nächsten. Und der nächste Bäcker wird ziemlich genau niemals fragen, was mich denn am vorigen Bäcker gestört hat, geschweige denn daraus Konsequenzen ziehen. Beim Betreuerwechsel bzw. wenn der Empfehlungsbrief fehlt ist das anders.

          Und woher kommt diese unangenehme Haltung, andere Menschen unbedingt kleinreden zu müssen? Wenn jemand sich für die Wissenschaft begeistert, Wissenschaftler/in werden will und dafür bereit ist, viel zu investieren, dann ist es ja wohl sinnvoll, wenn die Gesellschaft das ermutigt. Gilt ja analog genau so auch in nichtakademischen Bereichen – wenn z.B. jemand seinen Meister machen will. In beiden Fällen übrigens in der Regel eine Mischung aus erhofftem eigenen Vorteil und dem Willen, etwas über die eigene Person hinaus sinnvolles zu tun, würde ich denken.

          Wiederum in beiden Fällen ist es auch für die Gesellschaft im ganzen nützlich, da faire Bedingungen zu schaffen. Dafür zu sorgen, dass niemand, der sich auf diese Weise verbessern will, belästigt, missbraucht, über den Tisch gezogen wird. Genauso macht die Gesellschaft das ja auch in anderen Bereichen. Und wenn es mit solchen fairen Rahmenbedingungen in einem bestimmten Bereich nicht klappt, dann ist es sinnvoll, darauf hinzuweisen. Dann wie Sie mit Kleinreden und naiver Schuldzuweisung an die Betroffenen zu reagieren – klar, kann man machen. Ist aber ein Schritt zurück und trägt in seiner eigenen kleinen Art zum Problem bei.

          • Ich rede Menschen nicht klein, sondern groß: ich gehe davon aus, dass Erwachsene ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen können und wollen. Die OMG-mein-Prof-hat-gehustet-was-soll-ich-jetzt-tun-Fraktion mag es geben. Das sind aber keine Erfolgsmenschen, eben weil sie nicht in der Lage sind, ihre ureigensten Interessen selbtbewusst zu vertreten. Sie lernen’s auch nicht, wenn man ihnen jede Lerngelegenheit erspart.

            Dass es schwierig sein kann, sich in hierarchischen Strukturen durchzusetzen, leugne ich nicht. Es handelt sich jedoch um eine Fertigkeit, die man lernen kann und lernen muss. Ängstliches Einknicken vor ausgeübtem oder schlimmer noch, nur befürchtetem Druck ist keine sinnvolle Handlungsoption. Wo es um mehr geht als um den persönlichen Traum von Lehrstuhl und Nobelpreis, wird das explizit gelehrt und trainiert. Manager lernen, nein zu sagen (https://www.chacocanyon.com/essays/sayingno.shtml) explizit zu sagen, dass sie sich keinem Druck beugen, sondern nur vernünftigen Argumenten (Fisher and Ury, Getting to Yes).

          • Wie gesagt: Sie ignorieren, was da (weitgehend unabhängig vom Selbstbewusstsein!) an Machtgefälle vorliegt – siehe meine Kommentare oben.

            Außerdem reden Sie das, was da passiert, weiterhin in unangenehmer Weise klein: Alle Beschwerden wegen sexueller Belästigung sind “Mimimi”, wenn der Professor der jungen Studentin zur ungewollten Massage unter’s Hemd greift ist das dasselbe, als ob der Professor nur “gehustet” hätte. Warum alles überzeichnen und ins Lächerliche ziehen – was haben Sie davon? Der unangenehme Eindruck, den Sie damit vermutlich nicht auf mich sondern auch auf viele andere Leser machen, ist ja hoffentlich nicht gewollt (und ja, natürlich überlege ich, ob Sie mich hier trollen, halte es bislang aber noch für sinnvoller, zu antworten).

            “Erfolgsmenschen” ist wieder so eine Übervereinfachung. Es gibt verschiedene Faktoren für Erfolg, z.B. bei einer wissenschaftlichen Karriere, und ich sehe keinen Grund zu der Annahme, dass die alle korreliert werden. Sprich: Wer möchte, dass diejenigen Menschen in der Wissenschaft bleiben, die den direkten Forschungsfähigkeiten nach besonders geeignet sind, wäre dumm, würde er/sie anderen Selektionskriterien (z.B. “hat genug Selbstbewusstsein, um sexuelle Belästigung einfach so wegzustecken”) zuviel Einfluss geben.

  4. Ist es sinnvoll, als Nachwuchswissenschaftler* ein Angebot z.B. auf eine Postdoc-Stelle abzulehnen, weil man von anderen z.B. Doktoranden weiß, dass in dieser Arbeitsgruppe Ansätze von Work-Life-Balance nicht gern gesehen werden?

    Selbstverständlich. Welchen Grund könnte es geben, im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte gegen die eigenen Interessen zu handeln?

    • …vielleicht dann doch nochmal den Text weiterlesen, aus dem Sie hier zitieren? Weil da ziemlich direkt (und aus meiner Sicht zutreffend) steht, dass nicht wirklich klar ist, mit welchem Verhalten man seinen eigenen Interessen mehr nützt oder mehr schadet?

      • Na und? Wen ich morgens aus dem Haus gehe, ist auch nicht klar, ob ich abends zurückkehren werde. Von erwachsenen Menschen darf man erwarten, dass sie sich von den (hierzulande äußerst geringen) Risiken des Lebens nicht paralysieren lassen, Entscheidungen treffen und die Konsequenzen ihrer Entscheidungen tragen. Das war über genügend viele Jahre kein Problem, um unsere Spezies zur Krone der Schö^H^H^H^HEvolution zu machen.

        • Sorry, aber das ist nicht nur weltfremd und menschenfeindlich, sondern auch unlogisch. Warum weigern Sie sich so standhaft, dass Fehlverhalten dieser Art sanktioniert wird? *Dass* wir Fehlverhalten sanktionieren, ist doch ein Hauptgrund, dass das Risiko im Vergleich zu, sagen wir, vor hundert Jahren in der Tat gesunken ist. Warum soll jemand, der belästigt wurde, diese komplett unintendierte und ungewollte Neben-Konsequenz einer Entscheidung tragen, die ganz andere Ziele und Hintergründe hatte – aber der- oder diejenige, der/die belästigt hat, nicht die Konsequenz des eigenen Fehlverhaltens (sprich: von Entscheidungen, die direkt zu dem Schaden geführt haben, um den es geht)?

          • Selbstverständlich soll Fehlverhalten sanktioniert werden. Was als Fehlverhalten gilt und wie es zu sanktionieren ist, regeln Gesetze und Verordnungen. Zuständig sind Behörden und Justiz, die unterschiedslos alle Menschen anrufen können. Wer das aus niederen Beweggründen nicht tut, möge sich bitte nicht beklagen. Die Furcht, einen Karriereplan korrigieren zu müssen, ist ein niederer Beweggrund.

            Nächster Konkurrent der Wissenschaft um hochbegabte Absolventen sind Unternehmensberatungen. Warum hört man von dort nicht so viel Mimimi?

          • Nur um einmal den Widerspruch zwischen den beiden Herren zu beschreiben:

            -> Der eine meint, dass da welche ohne eigene Schuld in ein Abhängigkeitsverhältnis geraten und der Abhängige es vielleicht gar mit einem Frotteuer (das Fachwort) zu tun bekommt, den er seiner Karriere wegen kaum ablehnen kann, und so erpressbar (wiederum das Fachwort) wird – und idF nur als Opfer verstanden werden kann und Kritiker mit anderer Sicht auf diesen Zusammenhang womöglich Schweine (“menschenfeindlich”) sind.

            -> Der andere meint, dass es grundsätzlich der individuellen Verantwortung obliegt sich einem Erpresser zu verweigern, wenn es droht, dass Nachteile entstehen könnten oder besondere Vorteile nicht, dass sozusagen ein üblicher Schadensfall des Lebens entstanden ist, wenn ein derartiger Erpresser mit Potential emergiert.

            Tja, wer hat Recht? – Hier trennt sich die Spreu vom Weizen, woll?

            MFG
            Dr. W

          • @Sven Türpe: Alles, was nicht den Gesetzen widerspricht, soll geduldet werden? Sorry, aber so bekommen Sie *keine* Organisation dazu, gut zu laufen. Der gesetzliche Rahmen ist allenfalls die äußere Grenze für Verhalten, das einer Organisation schadet. Ich wäre ja z.B. als Ladenbesitzer schön dumm, wenn ich keine Strukturen schaffen würde, die meine Mitarbeiter effektiv zusammenarbeiten lassen, Konflikte vermeiden und sicherstellen, dass mein Geschäft glatt läuft – sonder mich stattdessen zurücklehnen und sagen würde “Achgott, solange sie nichts von mir stehlen, sollen die doch tun, was sie wollen.”

            Niedrige Beweggründe kenne ich übrigens noch zum Mord. Ich traue Wikipedia mal zu, dass sie die entsprechende BGH-Aussage richtig wiedergeben: Motive, die nach allgemeiner sittlicher Anschauung auf tiefster Stufe stehen und deshalb besonders verwerflich, ja verachtenswert sind. Warum “ich will Wissenschaftler werden, mein Leben mit Forschung verbringen, herausfinden, wie die Welt funktioniert” in diese Kategorie fallen sollte, erschließt sich mir nicht. Und Ihre Art, die Betroffenen (interessanterweise ja nicht die Belästiger) auf diese und andere Art bei jeder sich bietenden Gelegenheit herabzusetzen und abzuwatschen finde ich ekelerregend.

  5. Wenn der Professor der Studentin unters Hemd greift, hat er sich eine Ohrfeige und eine Anzeige verdient. Das Mimimi fängt dort an, wo jemand diese Notwendigkeit gegen eine (wenn auch falsche) Hoffnung auf Karriere durch Anpassung abwägt, statt die notwendigen Schritte zu ergreifen. Daran ändert sich auch nichts, wenn man sich ein Machtgefälle hindenkt, wo es in Wirklichkeit nur ein Vertragsverhältnis gibt. Als erwachsener Mensch muss ich entscheiden, was ich mit mir machen lasse; als Akademiker in Europa habe ich die allerbesten Voraussetzungen dafür. Treffe ich auf unerfreuliche Bedingungen im Einzelfall, so kann ich auf eine angenehmere Umgebung ausweichen. Sind Bedingungen systematisch schlecht, so kann ich mich mit anderen zusammenschließen. Im Umkehrschluss: wo weder die Leute weglaufen noch eine Gewerkschaft kämpft, gibt es wahrscheinlich auch kein großes Problem.

    • Zumal der Erpresser (Erpressung liegt schon vor, die ist strafbar) den Erpressten dazu bringt zu kooperieren und der Kooperierende so ebenfalls Erpressungspotential in die Hand bekommt.
      Kurzum, es findet so sittlich höchst verwerfliche Kooperation statt und der so Erpresste steht sittlich gar nicht gut da. [1]

      MFG
      Dr. W (der in diesen Zusammenhängen zur Berücksichtigung spieltheoretischer Erkenntnisse anregt)

      [1]
      Vielleicht erpresst ja auch das ehemalige Opfer beizeiten zurück, wer weiß das schon, oder es wird schlicht auf Kosten Dritter kooperiert.

      • Was sind denn das für fiese Prioritäten? Und diejenigen Menschen, die keine Alarmanlage haben, würden Sie am liebsten wahrscheinlich auch wegen Anstiftung zum Einbruch drankriegen?

        Überhaupt haben diejenigen, die da belästigt werden, herzlich wenig “Erpressungspotential in die Hand” bekommen – das sieht man ja in den Fällen, wo sie sich beschweren. Sofort sind viele Kollegen da, die abwiegeln, Gründe finden, warum die Belästigte eigentlich selbst schuld ist und so weiter. Oder, was jetzt gerade bei Geoff Marcy passiert: Dessen Fachbereichsleiter hat gerade sinngemäß geäußert, vor allem tue ihm jetzt Geoff Marcy leid, denn der habe es bei dieser Sache am schwersten. Am schwersten! Und Ihnen fällt auch nichts besseres ein, den Belästigten mal schnell vorsorglich zu unterstellen, dass sie selbst Mittäter sind, zumindest Kollaborateure, womöglich ja auch selbst Straftaten begehen.

        All das nicht etwa auf eine konkrete Situation bezogen sondern, soweit ich sehen kann, alleine daraus geschlossen, dass jemand belästigt wurde und – vermutlich in der Regel ironischerweise genau wegen solcher und ähnlicher vorhersehbar täterfreundlichen Reaktionen! – sich nicht getraut hat, den Täter damit zu konfrontieren.

        • Lieber Herr Pössel, es wurde weiter oben ganz allgemein erläutert: Die einen glauben bevorzugt den Angaben der Frau, andere den Angaben des Mannes, wobei Letztgenanntes selten bis sehr selten geworden ist, dankenswerterweise, und richtig müsste es sein sich jeden Fall genau anzuschauen, korrekt.

          Denn es kann bei angeblichem sexuellen Missbrauch in Nicht-Abhängigkeitsverhältnissen, zumindest ein direktes Abhängigkeitsverhältnis liegt für den Doktoranden nicht vor, der kann sich ja u.a. wehren, die drei geschilderten grundsätzlichen Varianten geben.

          Herr Türpe ist übrigens ganz nett.
          Sie natürlich auch, vielen Dank für Ihre Nachricht und für Ihren Artikel.

          MFG
          Dr. W (der sich beispielsweise auch, wie vielleicht andere, über die Doktorarbeit der bundesdeutschen Mutti, die zwar sprechen, aber nicht reden kann, beömmelt, insbesondere über die Umstände; der zudem auch eigene grundsätzliche Erfahrungen zu diesem Thema gesammelt hat)

    • Ohrfeige und Anzeige: Klingt erstmal gut, ist aber in der Praxis schwierig. Erstmal steht Aussage gegen Aussage. Wird die Sache im Institut diskutiert, finden sich beim jetzigen Klima wahrscheinlich genügend (männliche) Fakultätsmitglieder, die selbst die Beschwerde für Mimimi halten, die Frau soll sich doch bitte nicht so anstellen, überhaupt war das ja alles nur ein Missverständnis und Professor X wollte doch nur nett sein, das war von ihm bestimmt nicht bös gemeint, die eigentliche Übeltäterin ist die Studentin, wieso hat die so hysterisch reagiert, und am Ende ist das einzige, was für die Studentin dabei herauskommt, eine Geldstrafe wegen der Ohrfeige und in der Tat keine andere Möglichkeit, als wegzugehen. Dass viele Belästigte unter solchen Bedingungen auf Anzeige und Ohrfeige verzichten, kann man ihnen nicht verdenken.

      Und: Doch, die Leute laufen weg. Das ist ein Teil des Ausgangspunkts der Diskussion: Dass aufgrund solcher Vorfälle eine Reihe von (vornehmlich weiblichen) Studierenden die Astronomie bzw. andere Wissenschaften verlassen. Dass das für die Wissenschaft als Ganze nicht gut ist und daher Handlungsbedarf besteht.

      Zusammenschließen: Genau. Wobei es nicht eine Gewerkschaft sein muss; es geht ja im wesentlichen nicht um Arbeitgeber vs. Arbeitnehmer, sondern darum, wie man in der wissenschaftlichen Community zusammen agieren kann, damit solchen Belästigungen – und insbesondere bekannte Serien-Belästigern – ein Riegel vorgeschoben werden kann. Genau das passiert doch gerade.

      • “Und: Doch, die Leute laufen weg. Das ist ein Teil des Ausgangspunkts der Diskussion: Dass aufgrund solcher Vorfälle eine Reihe von (vornehmlich weiblichen) Studierenden die Astronomie bzw. andere Wissenschaften verlassen.”

        Sind tatsächlich Astronomie- u.a. Naturwissenschaftslehrkräfte die größeren Belästiger im Vergleich z.B. zu Musikprofessoren, die mehr und mehr Zulauf weiblicher Studierender haben ?

        • Weiß ich nicht, und darum stelle ich solche Vergleiche zwischen den Fächern auch gar nicht erst auf. Mir geht es um konkrete Fälle, in denen Astronomiestudentinnen oder weibliche Postdoktoranden ihre bereits begonnene (und zum Teil auch mit Erfolg einigermaßen weit durchlaufende) Wissenschaftlaufbahn abbrechen, weil sie sexuelle Belästigung erfahren haben – insbesondere, wenn sie den Eindruck haben, dass nicht dagegen vorgegangen und das Geschehene kleingeredet wird.

      • Ohrfeige und Anzeige: Klingt erstmal gut, ist aber in der Praxis schwierig. Erstmal steht Aussage gegen Aussage. Wird die Sache im Institut diskutiert, finden sich beim jetzigen Klima wahrscheinlich genügend (männliche) Fakultätsmitglieder, die selbst die Beschwerde für Mimimi halten (…)

        Muss so nicht sein. Es könnte stattdessen auch im Institut “der Bär tanzen”, im schlimmsten Fall meldet sich eine weitere Person mit ähnlicher Anklage.
        Dass Männer hier zusammenhalten, heutzutage, hmm, glauben Sie dran?

        • Klar, muss so nicht sein. War in der Vergangenheit, den Schilderungen derer nach die es versucht haben, aber recht oft so. Siehe den aktuellen Fall und die E-Mail des Dekans des Fachbereichs, die hier zitiert wird: Kein Wort davon, dass das für diejenigen hart ist, die Marcy belästigt hat. Stattdessen die Aussage, Marcy sei ja nun wohl derjenige, den dies am härtesten getroffen hätte, und man möge ihm Verständnis entgegenbringen.

          Dass die Männer zusammenhalten im Sinne von: Jeder weiss, was los ist, und trotzdem stärkt jeder dem anderen den Rücken? Glaube ich nicht. Dass eine ganze Reihe von Männern das Geschehen durch dieselbe Art von Brille sehen, ähnliche Prioritäten setzen, die tendenziell Belästiger bevorteilen und Belästigte benachteiligen, glaube ich nach wie vor. Siehe dieses Beispiel.

  6. Danke, Markus, für diese realistische Beschreibung des Problems der sexuellen Belästigung in einem hochgradig subjektiven Abhängigkeitsverhältnis und Vertrauensverhältnis. Arbeitsverhältnisse im Wissenschaftsbereich sind in den allermeisten Fällen derartige Abhängigkeitsverhältnisse und es ist unglaublich schwierig, sich gegen sexuelle Belästigung zu wehren. Die fängt nämlich meist latent an und bewegt sich in einer großen Grauzone. Und ist keinesfalls so deutlich geregelt.
    Ältere Frauen mögen irgendwann gelernt haben, damit umzugehen, jüngere Frauen sind solchen Situationen überwiegend hilflos ausgeliefert.
    @Sven Türpe: Falls Sie in einem wissenschaftlichen Bereich arbeiten, wo Sie sich den angenehmsten Platz aussuchen können: Herzlichen Glückwunsch.
    In der Regel ist das so nicht der Fall.
    Ihre Bemerkungen zum Problemfeld der sexuellen Belästigung sind unerträglich simplifizierend, beschränkt und realitätsfern. Ein Schlag ins Gesicht der Betroffenen.
    Den Psychoterror, den so manche/r Wissenschaftler/in erlebt, als “Mimimi” abzutun ist nochmals extra kaltschnäuzig. Schon menschenverachtend.

    • Ich beuge mich keinem Druck, ich beuge mich nur vernünftigen Argumenten. Verbales Posing (“kaltschnäuzig”, “menschenverachtend”, “unerträglich”, und so weiter) halte ich für belanglos.

      In der Sache geht es darum, welches Framing wir der Diskussion zugrunde legen. Ich betrachte die Angelegenheit im weiteren Kontext und sehe deshalb nur kleine Unannehmlichkeiten. Wir reden hier über die Teilnehmerinnen eines Rattenrennens um herausgehobene Positionen unter den Privilegiertesten der Privilegierten dieses Planeten. Wer diesen Kontext ausblendet, dem mag das Problem größer erscheinen. Dies könnte man menschenverachtend nennen, fallen damit doch all jene unter den Tisch, die nie eine Chance bekommen, an einer Universität über die beste Reaktion auf Belästigungen nachdenken zu dürfen.

      • Ich verkneife mir mal Kommentare zu Immunisierungsstrategien gegen externen Input und gegen das dazulernen und springe direkt zu Ihrem zweiten Absatz.

        Der hat aus meiner Sicht einen durchaus interessanten Hintergrund. Sollte man gegen die lokale Obdachlosenhilfe angehen, weil es den Menschen in anderen Ländern noch schlechter geht? Sollte man Leute an den Pranger stellen, die für den lokalen Kindergarten spenden, während weniger privilegierte Kinder anderswo das Geld viel nötiger brauchen? Oder wie in diesem Falle: Sollte man Probleme mit sexueller Belästigung in der Wissenschaft kleinreden, weil es deutlich weniger privilegierte Menschen mit viel größeren Problemen gibt? Peter Singer und andere haben zu diesen Themen ja durchaus etwas zu sagen.

        Meine Ansicht (ob der Komplexität natürlich schlecht beweisbar) ist, dass es netto in so gut wie allen Fällen schadet, unterschiedliche Problembereiche in dieser Weise gegeneinander auszuspielen. Wer sexuelle Belästigung sowieso nicht so schlimm findet, wird sich von Ihrer Haltung bestärkt fühlen; wer etwas gegen das Problem tun möchte, wird aber – gerade bei so aggressivem Ton – kaum innehalten und sich sagen “Richtig, ich sollte mich stattdessen lieber um ernstere Probleme weniger privilegierter Menschen kümmern.” Schon insofern hat das, was Sie hier tun, netto negative Folgen.

        Umgekehrt ist mein Eindruck, dass, wer sich erstmal lokaler Probleme annimmt (auch wenn die, global gesehen, privilegiertere Menschen betreffen) und dabei allgemein positive Verhaltensweisen ausübt (in andere hineinversetzen, nicht die eigenen subjektiven Maßstäbe von “wichtig/unwichtig/sollen sich nicht so anstellen” anwendet, um anderer Leute Probleme kleinzureden, sich generell Gedanken zu Gerechtigkeit, Ungerechtigkeit und Privilegien macht) anschließend auch in anderen Problembereichen eher geneigt und bereit ist, gerechter zu handeln und Probleme anzugehen.

        Wie sehen Sie das? Glauben Sie, dass Ihre aggressive Kritik und Ihr Störfeuer hier irgendwelche positiven Folgen haben? Wenn ja, welche und warum?

  7. @Sven Türpe: Ihre Antwort auf meinen Post ist überaus faszinierend. Sie empfehlen selbst als Abwehrmittel gegen unwillkommene sexuelle Belästigung eine Ohrfeige. Meine verbale Ohrfeige auf Ihren nicht sachkundigen Post hingegen betrachten Sie als offenbar nicht “vernünftig” und “belanglos”. Das nenne ich mal stringente Logik (Sarkasmusschild).

    • Genau, spielen wir das doch einfach mal durch. Wir stehen vor der Frage, wer sich wem unterwirft oder ob wir eine andere Lösung finden. Ich bin renitent. Was nun?

      • Ich glaube, wenn wir erstmal an dem Punkt sind, wo Gesicht verlieren oder nicht und “wer unterwirft sich wem” im Vordergrund stehen, wird’s mit den konstruktiven Lösungen schwer.

        Im Falle der Belästigung wären wir dann in der Tat an dem Punkt angelangt, wo die Uni-Leitung über Zwangsmaßnahmen nachdenken muss und wo dann je nach Situation und Veranlagungen auch juristische Schritte greifen. Im Falle von Blogkommentaren müsste ich als Blogger ab einem bestimmten Punkt entscheiden, ob ich Sie sperre bzw. Ihre Kommentare nicht freischalte. Bislang ist dieser Punkt meiner Einschätzung nach noch nicht erreicht; die (unscharfe) Grenze liegt im Bereich unsachlicher persönlicher Angriffe einerseits, einem Mangel an Mehrwert für die Mitlesenden andererseits.

        Aber wie gesagt: Wenn’s erstmal soweit ist, ist eine gemeinsame konstruktive Lösung sowieso kaum noch möglich. Das ist auch ein Grund, warum ich Kommentare wie Ihre, die (was folgt sind meine subjektiven Eindrücke): von Anfang an markig daherkommen, durch beleidigende Vereinfachungen (“Mimimi” usw.) polarisieren, jedes Nachgeben von vornherein als persönliche Schmach stilisieren (“Ich beuge mich keinem Druck[!]”) so unangenehm finde. Damit senden Sie zumindest mir (und meiner Einschätzung nach auch vielen, vielleicht den meisten Lesern hier) das Signal, dass Sie von vornherein die Brücken hinter sich verbrennen um sich bloß um Gottes Willen nicht von irgendetwas überzeugen zu lassen, was Ihrer jetzigen Meinung widerspricht. Und so etwas ist in einer Welt, die so komplex ist, dass es kaum jemanden geben dürfte, der nicht noch gewinnbringend dazulernen könnte, für sich genommen sehr dummes Verhalten. (Ich sage absichtlich “für sich genommen”, weil ich nicht weiß, was bei Ihnen da noch an Erfahrungen oder Erlebnissen dahintersteckt, die ich nicht kenne. Vielleicht können Sie ja zum jetzigen Zeitpunkt gar nicht anders; das wäre in der Tat traurig.)

        • Vollständig lautete meine Ansage: »Ich beuge mich keinem Druck, nur vernünftigen Argumenten.« Das habe ich mir nicht selbst ausgedacht, sondern diese Einstellung empfehlen Fisher und Ury als Grundlage erfolgreicher Verhandlungen. Ich lese mir gerne noch ein paar Runden Posing durch, aber es beeindruckt mich wirklich nicht und wir kommen damit keinen Schritt weiter.

          Um voranzukommen, schlage ich vor:

          (1) Wir einigen uns als Arbeitsgrundlage vorläufig darauf, dass erwachsene Menschen die Regeln für ihren Umgang miteinander selbst aushandeln.

          (2) Auf dieser Basis diskutieren wir, wer welche Möglichkeiten hat und welchen Zwängen unterliegt.

          Für andere Vorschläge bin ich offen.

        • OK, der nachgereichte Quellenhinweis lässt zumindest dieses Zitat in anderem Licht erscheinen. Einfach so, ohne Kontext, schien es mir mit seinem Pathos in das allgemeine Muster Ihres Verhaltens zu passen, aber da habe ich mich dann geirrt.

          Zu Ihren Vorschlägen: Meinen Sie bei (1) nur Individuen (sprich: in diesem Falle jedes Paar von Belästigender/m und Belästigte/r) oder auch das Aushandeln zwischen Gruppen?

          Ergänzender Vorschlag: Wäre es möglich, dass Sie dann einfach, solange wir hier diskutieren, alle Unterstellungen/Seitenhiebe wie “Posing”-Vorwürfe und ähnliches unterlassen, und wir uns tatsächlich erstmal nur auf die Sachebene konzentrieren?

          • Ich werde auf kommunikatives Fehlverhalten dann nicht hinweisen, wenn ich es nicht beobachte oder nach Art und Umfang für vernachlässigbar halte. Die widerspruchslose Hinnahme verbaler Erniedrigungen, wie wir sie aus der Shitstormkultur des Twittermobs kennen (aktuelle Fallstudie: https://twitter.com/sirenabergman/status/654599549147852800), möchte ich hingegen nicht zusichern. Wie man in den Wald hineinruft …

          • OK, wenn damit zumindest impliziert ist, dass Sie die Aggressivität herunterfahren und sich Seitenhiebe verkneifen, ist das doch schonmal ein Anfang.

            Dann schauen wir dochmal, ob wir in der Sachdiskussion weiterkommen oder zumindest genauer herausarbeiten können, wo und warum unsere Einschätzungen zum Teil soweit auseinanderliegen.

            Wie gesagt, zu Ihren Vorschlägen weiter oben: Meinen Sie bei (1) nur Individuen (sprich: in diesem Falle jedes Paar von Belästigender/m und Belästigte/r) oder auch das Aushandeln zwischen Gruppen?

  8. ich verstehe das Problem nicht oder so ähnlich.
    das Wissenschaftssystem, wie es in D ist und mit anderen bin ich für Äußerungen zu unvertraut, ist prinzipiell hierarchisch und funktional feudal. Abhängigkeitsverhältnisse sind systembedingt und wahrscheinlich erwünscht – wenn auch nicht von allen, aber das ist selbst bei Geschwindigkeisbegrenzungen der Fall…
    Wer sich so ein System einlässt und darin profitieren will um irgendwann davon zu profitieren wird sich der Realität stellen müssen, dass nicht nur explizite Leistungen (z.B. Publikationen) zu erbringen sind, sondern eben auch andere – sprich, der Preis, den man zahlen muss ist im Regelfall höher, als was auf dem Preisschild steht. Das ist in einer Karriere bei einer Bank, einem Versicherer oder der öffentlichen Verwaltung auch nicht unbedingt anders. Konkret ist das fast überall der Standardfall, nur die Kostenforderungen variieren, orientieren sich aber am erwartbaren Output.
    Das ist etwa so, wie wenn jemand einen Corps eintritt um von den Seilschaften zu profitieren, den Initiationsschwachsinn des Corps aber nicht.
    Selbstredend soll das kein Verhalten, welches die gegeben Abhängigkeiten nutzt, wie sie eben angelegt sind, entschuldigen, nur halte ich es für naiv, regelhaft von charakterstarken Menschen auszugehen. Und normalen Leuten ihre Normalität, auch moralische Normalität vorzuhalten ist doch sehr billig. Da kann man Besseres fordern!
    Und vielleicht noch für den Perspektivwechsel, würden die Anwürfe von einem männlichen Studenten vorgetragen, gegen eine Professorin, was wäre dann?
    Und angenommen, die Professorin würde ebenfalls konsequenzenlos aus der Sache herauskommen, wie dem Vernehmen nach männliche Professoren, wovon ich jedenfalls ausgehe. Worum geht es dann wohl noch, um irgendwelche Leute, die das tun, was ihnen ein System zu tun erlaubt oder geht es um das System, welches bauartbedingtes Verhalten generiert.
    Und wenn es nun eben ein männlicher Studierender wäre, der sich beschwert und dann erhoften seiner Karriere verlustigt geht, hielte sich dann das Mitgefühl nicht ebenfalls in Grenzen? Weil, wenn nicht, dann müsste man doch auch bei all denen, deren Karriere fachwahlbedingt, Mangels Burschenschaft, usw. eher schleppend verläuft auch skandalisieren, dass hier zu tun wäre, weil ungerecht, ausbeuterisch usw.
    Und wenn man dann schon so weit ist, wer will dann noch die Misiere der Geistes- und Sozialwissenschaften sowie der bildenden und tönenden Künste und Künstler/innen in einem Wirtschaftssystem, das diesen skeptisch gegenübersteht, diskutieren.
    Herr Pössel, Sie machen sich das zu einfach, auch mit Ihrem aktuell letzten Post (12. Oktober 2015 20:52).
    Ich wünschte mir einen Vorschlag, wie die diskutierte Problematik systemisch angegangen werden könnte, um Übergriffe, wie Falschbeschuldigungen zu vermeiden. Was schlagen Sie vor?

    • Hierarchisch ja, feudal der Struktur nach eher nicht. Dass man sich mit fortschreitender Karriere immer mehr von den Vorgesetzten emanzipiert ist, ganz im Gegensatz zum Feudalismus, eingebaut und gewollt.

      Und ich denke nicht, dass es denen, die sich auf das System einlassen, vor allem darum geht, selbst einmal Macht über andere zu bekommen, sondern vor allem darum, selbst forschen und Wissenschaft betreiben zu können. Also gerade nicht wie bei jemandem, der einem Corps beitritt, um von Seilschaften zu profitieren, sondern eher wie bei jemandem, der eine Ausbildung beginnt, um später einmal selbst Geselle und dann Meister zu werden.

      Den Perspektivwechsel habe ich oben in den Haupttext ja auch schon eingebaut. Daher rede ich im obigen Text weitgehend von “der/dem Beschuldigten” und so weiter. Dafür, wie man damit umgeht, halte ich es nämlich für ziemlich egal, welchen Geschlechts die betreffenden sind. Mitgefühl hätte ich (hoffentlich) in beiden Fällen.

      Dass das Ausnutzen des bestehenden Machtgefälles “normal” sei und ich denjenigen, die andere Belästigen, ihre “Normalität” vorwerfen würde, halte ich für falsch. Ich würde denken, dass bereits viel gewonnen wäre, wenn insgesamt ein Klima geschaffen würde, das klar macht, was Belästigungen sind und dass sie unerwünscht wird. Alleine Aufklärung darüber, dass es z.B. nicht in Ordnung ist, dass ein Professor einer von ihm betreuten Studentin (oder eine Professorin einem Studenten!) im Labor eine Rückenmassage gibt und was derlei Vorkommnisse mehr sind, wäre schon hilfreich. Dann würde sich jemand wie Geoff Marcy in entsprechender Situation nämlich nicht mehr herausreden können, er habe ja gar nicht gewusst, dass solches Verhalten als Belästigung gewertet würde.

      Zweitens der Umgang mit Beschuldigungen, und da ist der Punkt, den Sie ansprechen, sehr wichtig: Wie vermeidet man Falschbeschuldigungen? Ein Rest Unsicherheit wird da sicher bleiben, aber bei den Fällen, um die es geht, geschah das Ganze ja zum Teil schlicht vor Zeugen. Wenn die Umgangskultur sich so wandelt, dass jemand, der so etwas sieht, zumindest mal etwas sagt – zunächst natürlich ganz unmittelbar, zu den Betroffenen – und, siehe oben, allen klar ist, dass so etwas nicht geht, wäre schon viel gewonnen.

      Dann blieben allenfalls noch die schwierigen Fälle übrig, wo Belästigende/r und Belästigte/r alleine sind und Aussage gegen Aussage steht. Bei Einzelfällen ist da eventuell in der Tat nichts zu machen – außer, dass man den Betroffenden Unterstützung bietet, dass es eine Akzeptanz z.B. für den Betreuerwechsel ohne explizit angegebenen Grund gibt (weil allen klar ist, was dahinterstecken kann), dass man das Arbeitsfeld so umgestaltet (offene Büros etc.) dass jemand, der sich mit einem/r bestimmten Professor/in alleine unwohl fühlt zwanglose Möglichkeit hat, die betreffenden Situationen zu vermeiden.

      Und auch in solchen Situationen wäre wichtig, dass jemand aus der Hierarchie mit dem betreffenden Professor/der betreffenden Professorin spricht. Und zwar nicht so, wie das vermutlich jetzt manchmal (oft?) läuft, mit einem verständnisvollen, kameradschaftlichen “herrje, Studentierende verstehen solche Dinge manchmal miß”, sondern eher mit: “Geoff, ich kann aus deiner Aussage und der Aussage der Studentin nicht beurteilen, was wirklich vorgefallen ist. Natürlich gibt es Missverständnisse. Aber du als Professor bist da in der Verantwortung, und [erklärt Situationen, in denen der Betreffende in Zukunft vorsichtiger sein und sein Verhalten ändern sollte].” So etwas lässt sich bewerkstelligen, auch ohne dem Belästigenden Schuld zu unterstellen – aber wenn der/diejenige schuldig sein sollte, signalisiert es trotzdem: Vorsicht, nochmal kommt der/diejenige damit wahrscheinlich nicht mehr durch.

      Und als letztes ist wichtig, dass dokumentiert wird. Beim ersten und vielleicht noch beim zweiten Fall, in dem Studierende entsprechenden Ombudsleuten vertraulich von Belästigungen berichten, mag die Lage noch unklar sein, insbesondere wenn dann Aussage gegen Aussage steht. Wenn, wie bei Geoff Marcy der Fall, sich dasselbe Muster immer wieder wiederholt, mit immer anderen (und nicht untereinander verbundenen) Belästigten, dann sollte Falschbeschuldigung mit hinreichender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen und die Grundlage dafür da sein, entsprechende Schritte zu unternehmen – aber das funktioniert nur, wenn die Belästigten das Gefühl haben, sie können sich den Ombudsleuten anvertrauen. Auch wenn die ihnen dann, solange es sich noch um Einzelfälle handelt, eventuell sagen müssen, dass die Beweislage noch nicht reicht, um einschneidendere Schritte zu unternehmen.

  9. Feudal ist das Geben und Nehmen. Auch in einem feudalen System ist ein Herzog gegenüber seinem König emanzipierter als ein Baron, nur so zum Vergleich. Feudal bedeutet letztlich: Rat und Tat gegen Hülle und Fülle. Ein wechselseitiges Tauschverhältnis bei krasser Abhängigkeit einer Seite von der Anderen.
    Das Menschen dazu neigen Vorteile auch dann zu nutzen, wenn dieses für andere Nachteilig ist, ist normal. In systemisch angelegten Abhängigkeitsverhältnissen ist das erstrecht nicht verwunderlich. Ein kurzes Beispiel: In Geistes- uns Sozialwissenschaften sind mir dann von Doktoreltern auch Aussagen bekannt wie: Wenn Sie das jetzt so schreiben, dann müssen Sie sich jemand anderes als Doktorvater/-mutter suchen.
    Es handelt sich um einseitige Abhängigkeitsverhältnisse mit den hierbei normalen Nebeneffekten.
    Dass solche Effekte nicht zwingend moralische Überlegenheit belegen und einwandfrei sind ist augenfällig, sie treten jedoch als Regelfall auf und sind daher als normal anzusehen.
    Es ist ein wenig so, wie wenn jemand bei der Mafia eintritt und sich dann über deren ethische Standards beschwert – einerseits nachvollziehbar, andererseits reichlich naiv.

    Was Macht angeht, Sie missverstehen und ich unterstelle Ihnen hierbei Absicht und absichtliche Verkürzung!
    Ich schrieb von in einem System zu Profitieren (aufzusteigen) um von dem System zu profitieren. Wenn Sie anschließend die Ausbildungskarte spielen, ist das nur die halbe Wahrheit und damit eine ganze Lüge 😉
    Einkommen, Arbeitsbedingungen, Status und weitgehende Unabhängigkeit sind etwas mehr, als nur Wissenserwerb. Ginge es nicht um diese anderen Punkte, gäbe es gar keine Rattenrennen. Es geht um die knappen Ressourcen und darum, wer sie ausbeuten darf – selbstredend kann man das watteweich formulieren, aber wozu euphemistisch werden?

    Persönlich halte ich von Ombudsleuten überhaupt nichts. Die Deutsche Rechtstradition hat hierfür Gerichte, unsere nördlichen Nachbarn nicht, die Arbeiten mit Ombudsleuten. Ich bevorzuge Gerichte der Transparenz und vergleichbar institutionalisierten Unabhängigkeit wegen.
    In solchen Angelegenheiten wieder auf interne Hausregelungen zurückzugreifen erinnert wieder an lokales Landrecht eines feudalen Winkels.
    Ferner wird es der Situation eines Opfers nicht gerecht, wenn es scheel angesehen würde, weil es nicht auf Hausregelungen zurückgreift sondern sich in die Obhut des Rechtsstaates begibt, der auch für Universitäten bindend ist – wie gesagt, Ihre Argumentation in diesem Punkt ist fern republikanischer Rechtstradition, sie ist feudal.
    Schließlich warne ich davor, us-amerikanische Prüderie-Regelungen importieren zu wollen, um solche Übergriffe besser in den Griff zu bekommen – das sorgt nur für noch mehr Unfug, Verlogenheit und persönliche Ächtungen.

    Nach meinem Dafürhalten wäre es wäre deutlich angemessener vom vermeintlichen Opfer zu erwarten, dass es unverzüglich laut sein Missfallen zu verstehen gibt und den Rechtsweg zu beschreiten – im zivilen Leben erwarten wir das ebenfalls. So gibt es etwa Gerichtsurteile, die den Umstand, dass das vermeintliche Opfer einer Vergewaltigung eben keines war, weil seine Gegenwehr “nicht erheblich” war.
    Es kann auch von einer angehenden Wissenschaftlerin oder einem angehenden Wissenschaftler erwartet werden, ihre/seine körperliche Integrität und sexuelle Selbstbestimmung zu verteidigen, wie man das von pubertierenden Minderjährigen auch erwartet. Dazu gehört auch, den Umgang zu wechseln, wenn dieser nicht geeignet ist, sich elementare Spielregeln zu halten. Hier vermeintliche Besonderheiten des Ausbildungsverhältnissen zu ersinnen ist nur ein Versuch die zugrundeliegenden Karriereerwägungen solcher Abhängigkeitsverhältnisse zu kaschieren. Was als Gründe des Nichtwehrens wiederum ein fragwürdiges Licht auf die Prioritätenordnung betroffener Leute wirft. Deswegen sagte ich bereits Eingangs: die Kosten sind immer höher, als der ausgeschriebene Preis. Mündige Bürger/innen wissen das.
    Kurz und gut, mir ist bekannt, dass die akademische Welt voll ist mit absurdesten Narrativen (Selbstverständnis, Realitätsverleugnung, Eskapismus, usw.) die nur dazu da sind, die kognitive Dissonanz akademischer Akteure und möglichst gering zu halten. Meiner Verwunderung hierüber kann ich garnicht stark genug Ausdruck verleihen.

    • Es ist für mich schwierig, Sie als Diskussionspartner ernstzunehmen, weil Ihr Kommentar – ähnlich wie bei Sven Türpe – so unnötig aggressiv ist. Das zeigt sich insbesondere in Ihrer Bereitwilligkeit, mir bei dem, was Sie als Missverständnis bezeichnen, sofort “Absicht” zu unterstellen; wenn ich aus Ihrer Sicht etwas weglasse, was wichtig war, ist das bei Ihnen gleich “Lüge”. Und auch im weiteren Text lassen Sie ja keine Gelegenheit aus, am besten gleich alle Akademiker mit unvorteilhaften Vergleichen nach unten zu ziehen. Wieder wie bei Sven Türpe – durch aggressiven Stil gleich alle Brücken hinter sich verbrennen. Wer zumindest in Betracht zieht, aufgrund von Argumenten und seien es nur einzelne Aspekte der eigenen Meinung ändern zu müssen, tritt meiner Erfahrung anders auf. Ob das schon Trollerei ist oder “nur” Verbohrtheit, kann ich nicht einschätzen.

      Sei’s drum, und sei es auch nur “for the record” und für diejenigen Mitleser, die tatsächlich an den Argumenten interessiert sind:

      Meiner Erfahrung nach funktioniert das akademische System in der Regel recht gut, und sind Missbräuche der (im System klar gegebenen) Hierarchie ganz klar die Ausnahme. Wem das Einkommen und die damit verbundenen Aspekte des Status am wichtigsten sind, geht sowieso in die Wirtschaft; zu Arbeitsbedingungen gehört ganz klar angenehme Arbeitsatmosphäre, und die gibt es meiner bisherigen Erfahrung nach vor allem in denjenigen Instituten, in denen keine jeder-für-sich-Ellenbogenatmosphäre herrscht, sondern kollegialer Umgang, inklusive gemeinsamer Anstrengungen, für alle (inklusive Studierende/Doktoranden) gute Bedingungen zu schaffen.

      Zur Rolle des Rechts: Meiner Erfahrung im akademischen Bereich, aber auch allgemein im Leben überschätzen Sie, was die Gerichtsbarkeit leisten kann. Gerichte sollten immer nur die letzte Möglichkeit sein, wenn die Menschen es nicht schaffen, die Dinge untereinander zu regeln. Zur Verantwortung mündiger Bürger/innen gehört auch, in ihrem Umfeld so zu wirken, dass Streitigkeiten nur im Ausnahmefall vor Gericht enden. Wobei ich Ihnen zustimme: Wer, weil er/sie in einer Notsituation keinen Ausweg sieht, den Rechtsweg wählt, sollte nicht scheel angeschaut werden. Wer es in leitender Position (sei es als Prof, als Meister, als Abteilungsleiter oder ähnliches) daran scheitert, Arbeitsbedingungen inklusive Arbeitsatmosphäre zu schaffen, in der Missbräuche und Belästigungen weitgehend verhindert werden, dem sollte man schon kritisch auf die Finger schauen. Und der/diejenige sollte sich auch nicht mit “aber dafür gibt es doch Gerichte!” aus der Verantwortung stehlen.

  10. lustiges ad hominem
    Ich verbuche Ihren implizit geäußerten Wunsch nach harmonischer Konversation als fachbedingt. Aus Geistes- und Sozialwissenschaften kommend, bin ich einen anderen Ton gewohnt und pflege diesen. Hierüber habe ich mich des Duktus, der unter Juristen gebräuchlich ist enthalten.
    Ihre Ausführungen zur akademischen Welt entsprechen meinen, auch berufsbedingten, Erfahrungen hierzu allenfalls peripher.
    Ferner operieren Sie aus einer vorverurteilenden Argumentation heraus, das ist für eine konstuktive Auseinandersetzung unglücklich und provoziert vielleicht auch einen Tonfall, den Sie als agressiv empfinden.
    Gerichte sind der zivilisierte Weg und der zivilisatorische Mindeststandard zur Konfliktbewältigung. Insbesondere bei Straftaten sind diese der bessere Weg. Ihre diesbezüglichen Ausführungen offenbaren Ihre Distanz und Unkenntnis zu diesem Thema. Besten Dank dafür.

    • Sorry, aber: Nein. Ich rede seit Jahren regelmäßig und bei verschiedenen Gelegenheiten mit Geisteswissenschaftlern, Sozialwissenschaftlern, Naturwissenschaftlern, Theologen, Technikwissenschaftlern usw. von verschiedenen Universitäten und Instituten. Ich habe nirgends dort die Erfahrung gemacht, dass Unterstellungen und das reflexhafte Springen von der Unklarheit oder der Unterschiedlichkeit von Ansichten zu Beschuldigungen – jedes Missverständnis böse Absicht! jede aus meiner Sicht falsche Aussage eine Lüge! – unter diesen Menschen, geschweige denn pauschal in den Geistes- und Sozialwissenschaften, üblicher Umgangston wären.

      Ich finde es ja schade (insbesondere auch für Sie), wenn Sie in anderer Weise wissenschaftlich sozialisiert wurden. Da scheint es ja einige schlimme Ecken in der Akademie zu geben. Aber bitte verallgemeinern Sie Ihre persönlichen Erfahrungen nicht über Ihren Horizont hinaus.

      Zu der vorverurteilenden Argumentation, die Sie bei mir ausmachen: Was meinen Sie damit konkret? Geoff Marcy ganz spezifisch? Bei meinen allgemeineren Überlegungen dazu, wie man mit Situationen umgehen kann, in denen sich jemand sexuell belästigt fühlt, versuche ich eigentlich, alle möglichen Konstellationen und Fälle mit zu berücksichtigen. Auch wenn der Ausgangspunkt, nämlich der konkrete Anlass, ein Fall ist, in dem die offizielle Untersuchung bereits zu einer Schlussfolgerung gekommen ist, dass Marcy sexuell belästigt hat.

      Zu den Gerichten: Der zivilisatorische Mindeststandard ja, der zivilisierte Weg generell nein. Bei klaren Straftaten ja, in der Grauzone je nach Schweregrad ja oder nein. Wenn alle Konfikte, die im Alltag aufkommen, vor Gericht landeten, würde unser juristisches System zusammenbrechen. Eine ganze Reihe dessen, was z.B. an Nachbarschaftsstreitigkeiten vor Gericht landet und wertvolle Ressourcen bindet, würde ich aus genau diesem Grunde nicht als zivilisiert bezeichnen.

  11. @Sven Türpe, Patches: Markus Pössel hat einen recht subjektiven Beitrag geschrieben über „Sexuelle Belästigung in der Wissenschaft“.
    Ich habe seinen Beitrag nicht als vollständige Abhandlung dieses Themas verstanden, sondern vielmehr als Aufforderung, das Problem im Auge zu behalten und ernst zu nehmen. Außerdem bezieht er sich auch einen bestimmten Vorgang, es geht also um eine Fallstudie.
    Sven Türpe kommentiert u. a., dass auch Männer sexuell belästigt werden können und beklagt, dass dies nicht im Beitrag vorkam.
    Warum schrieben Sie dann nicht einfach selbst einen Beitrag zur sexuellen Belästigung von Männern in der Wissenschaft und prangern dies an? Das ist ein unbestreitbarer Fakt.
    Stattdessen führen Sie diesen Umstand an, um die sexueller Belästigung von Frauen zu relativieren.
    Verquere Logik. Und der Intention des Beitrags diametral entgegengesetzt.
    Außerdem ist Ihre Rechtsauffassung bestenfalls naiv. Gerade bei der sexuellen Belästigung gibt es eben nicht nur Schwarz und Weiß, sondern einen riesengroßen Graubereich, das macht es ja so schwierig.

    Sehen wir uns doch einmal die juristische Situation an:

    Patches und Sven Türpe postulieren sinngemäß, dass ein vermeintliches Opfer als erwachsener Mensch sich selbst zu wehren habe. Tut es dies nicht, sei es selbst (mit) schuld an der sexuellen Belästigung.
    Die juristische Antwort darauf ist:
    Dies ist eine Umkehr der Beweislast, die der in Deutschland üblichen juristischen Auffassung absolut widerspricht und nicht zulässig ist.
    U. a. wird dadurch die Straftat bagatellisiert, was nach juristischer Auffassung als nicht angemessen gilt. Psychologen werten eine Bagatellisierung noch deutlich schwerer, denn sie begutachten, bewerten und therapieren, was das Opfer dadurch erleidet.

    Zur sexuellen Belästigung gibt es bereits unzählige Studien in Europa.
    Grundlegende Aspekte dazu sind:
    1. Die Gleichheit zwischen einem männlichen Wissenschaftler in höherer Position und einer jüngeren Wissenschaftlerin (Studentin, Doktorandin) ist NICHT gegeben.
    2. Es geht bei sexueller Belästigung nicht zwangsläufig um sexuelles Begehren, sondern vielmehr meist um Machtausübung.

    Eine aktuelle Studie dazu ist z. B. die „Expertise zu sexueller Belästigung an Hochschulen“
    vom 05.08.2015: „Studierende sind nicht ausreichend vor sexueller Belästigung geschützt. Zu diesem Schluss kommt eine Rechtsexpertise im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. […]“.
    http://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/Aktuelles/DE/2015/20150813_Expertise_sex_Bel_Hochschulen.html

    Hier ist ein Interview mit einer Expertin des Frauennotrufs, die noch einmal deutlich sagt: Junge Frauen können sich nicht einfach wehren, sondern brauchen besonderen Schutz. Und: Unter Akademikern kommt es häufig zu Gewalt.
    http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/585398/Bei-Akademikern-ist-es-besonders-schlimm

    Die wissenschaftlich fundierte Einschätzung dieser Studien bzw. Einrichtungen ist für mich überzeugend und deckt sich vollständig mit meinem Erfahrungshorizont sowie vielen Gesprächen und Erlebnissen mit anderen Frauen.

    Wenn Sie nun immer noch nicht überzeugt sind, dass Markus´ Beitrag richtig und wichtig ist, sondern sich vielleicht im nächsten Kommentar noch abfällig über Gender-Studien u. ä äußern, spricht das für Sie. Oder vielmehr gegen Sie.
    Da hat sich kürzlich ja erst Herr Kutschera ganz wunderbar die Finger verbrannt und sich vollständig blamiert.

    • Patches und Sven Türpe postulieren sinngemäß, dass ein vermeintliches Opfer als erwachsener Mensch sich selbst zu wehren habe. Tut es dies nicht, sei es selbst (mit) schuld an der sexuellen Belästigung.
      Die juristische Antwort darauf ist:
      Dies ist eine Umkehr der Beweislast, die der in Deutschland üblichen juristischen Auffassung absolut widerspricht und nicht zulässig ist.

      Negativ. – Wo liegt denn hier eine Umkehr der Beweislast vor? – Tss, tss…

      Üblich ist es beim Vorliegen des Verdachts auf eine Straftat Strafanzeige zu erstatten, also bspw. bei Erpressung oder (sexueller) Nötigung.
      Geschieht dies nicht, ist dies direkt problematisch; dem Erpressten wird dann sicherlich von der Rechtspflege zugute gehalten eben erpresst worden zu sein, aber korrekt ist dieses Vorgehen keinesfalls.
      Zumal die Behauptung erpresst worden zu sein auch eine gute Schutzbehauptung darstellt.
      Letztlich kommt es ja regelmäßig unter den geschilderten Bedingungen zum gewünschten Abschluss, insofern könnte auch vermutet werden, dass Kooperation vorliegt.

      Wie bereits erklärt: Es gibt grundsätzlich Erpressung/Nötigung, Bestechung/Verführung und Absprache – hier darf unterschieden werden.
      Kommt es irregulär zum akademischen Abschluss, ist übrigens neben dem wissenschaftlichen Ethos auch die Allgemeinheit der Gelackmeierte.

      MFG
      Dr. W

    • Da hat sich kürzlich ja erst Herr Kutschera ganz wunderbar die Finger verbrannt und sich vollständig blamiert.

      Schreiben Sie gerne für wen Kutschera sich ‘die Finger verbrannt’ und sich ‘vollständig blamiert’ hat, die nahegelegte Allgemeingültigkeit dieser Behauptung spricht gegen Sie; es macht schon (für einige >:-> ) Sinn Kreationismus, Homäopathie und Gender Studies kritisch bis sehr kritisch anzugehen.

    • Ihre Lesekompetenz lässt zu wünschen übrig.
      Ich schrieb:
      [quote]Nach meinem Dafürhalten wäre es wäre deutlich angemessener vom vermeintlichen Opfer zu erwarten, dass es unverzüglich laut sein Missfallen zu verstehen gibt und den Rechtsweg zu beschreiten – im zivilen Leben erwarten wir das ebenfalls. So gibt es etwa Gerichtsurteile, die den Umstand, dass das vermeintliche Opfer einer Vergewaltigung eben keines war, weil seine Gegenwehr “nicht erheblich” war.[/quote]
      Wenn Sie so wollen, ist das hier ein Schwenk aus der der richterrechtlichen Gegenwart in Deutschland.
      Die Sache mit dem Bedarf “erheblicher Gegenwehr” ist n.m.D. durchaus problematisch. Erstrecht, weil das auch bei alkoholisierten “Opfern” erwartet wird, jedenfalls, solange diese nicht erheblich alkoholisiert wurden.
      Wer dann eben nicht direkt den Rechtsweg beschreitet sondern weitermacht, im Umfeld des Vorfalls verkehrt und darin weiterhin mit (vermeintlichen) Tätern kooperiert, setzt sich dem Verdacht aus, aus der Sache Kapital schlagen zu wollen, erstrecht, wenn das nicht öffentlich verhandelt wird, damit außerhalb öffentlichter Kontrolle stattfindet und nach “gütlichen” Lösungen gesucht wird, innerhalb eines Subsystems…

      Wahrscheinlich ist es angeklungen, ich schreibe es dennoch aus:
      Die hier vom Blogger vertretene Ansicht sowie Ihre Stütze dessen sind selbstredend legitim, wie quasi jede Meinung das ist.
      Ihre argumentative Absicherung ist jedoch dürftig, um nicht zu sagen unzureichend.

      Gender-Geblubber interessiert mich nicht die Bohne, da es zumindest mir in diesem Faden nicht um Weltanschauungen geht, sondern um die legale Handhabung eines konkreten Phänomens, das unabhängig seines tatsächlichen Verlaufs, generell geeignet ist, Leid zu verursachen und erheblichen Schaden zuzufügen. Schadensbegrenzung, Transparenz und die Absenkung der Chance auf Wiederholung sind mir als Zielmarken ausreichend.

    • Junge Männer sind ebenfalls häufig nicht in der Lage, sich unmittelbar und nur aus eigener Kraft gegen die Zumutungen der Wissenschaftsorgane und ihrer Funktionäre zu wehren. In diesem Rahmen geführt, läuft die Diskussion aber nur darauf hinaus, über die relativ prekären Verhältnisse eines relativen, weil wissenschaftlichen Prekariats zu lamentieren. Ich vertrete die These, dass dieser Rahmen zu eng gewählt ist und zu viel Kontext ausblendet. Bleibt die Diskussion auf die Verhältnisse innerhalb der Wissenschaft verengt, unterlassen wir die Auseinandersetzung mit relevanten Faktoren: erstens mit dem weitaus leiseren Wehklagen aus anderen leistungs- und karriereorientierten Systemen, das einer Erklärung bedarf, sowie zweitens der Vielzahl von Alternativen, die sich am oberen Ende der Wohlstands- und Privilegienskala bietet, wo das Thema insgesamt angesiedelt ist. Ich beharre darauf, dass als Diskussionsgrundlage mindestens eine gute Begründung für die Nichtberücksichtigung dieser Aspekte erforderlich ist.

      • Zu jungen Männern in der Wissenschaft: Deswegen habe ich in meinem Blogbeitrag ja auch ausdrücklich – bis auf den Bezug auf die aktuellen Beispiele im Fall Geoff Marcy – von Frauen und Männern als Belästigten und Belästigern gleichermaßen geschrieben.

        Zur Beschränkung der Diskussion auf die Wissenschaft: Das war in diesem Falle zum einen der Anlass, zum anderen ist Wissenschaft natürlich dasjenige Gebiet, in dem ich selbst tätig bin. Dass jede/r erstmal in seiner eigenen Community tut, was er/sie kann, liegt nahe. Ich bin sehr dafür, dass andere in anderen leistungs- und karriereorientierten Systemen dasselbe tun, und dass man sich austauscht und voneinander lernt ist auch positiv. Aber mich interessiert in dieser konkreten Lage in der Tat erst einmal, wie ich mein eigenes Umfeld so gestalten kann, dass sexuelle Belästigung keine Chance oder zumindest möglichst geringe Chancen hat. Allgemeinere Aspekte und Lösungsansätze sind da ausdrücklich erwünscht, aber vermutlich gibt es auch sinnvolle Maßnahmen, die sich vom Wissenschaftsbetrieb nicht so ohne weiteres auf andere Bereiche übertragen lassen, und umgekehrt.

        Zum oberen Ende der Wohlstands- und Privilegienskala: Ich glaube gar nicht, dass wir da ganz am oberen Ende sind. Diejenigen, die aus privilegierteren Elternhäusern kommen (und somit einerseits die Unterstützung von selbst studien- bzw. karriereerfahrenen Eltern, Geschwistern haben, außerdem die Möglichkeit zu “Auszeiten” in stressiger Lage und zuguterletzt vermutlich im Durchschnitt ein höheres Selbstbewusstsein), dürften bei sexueller Belästigung noch die besseren Karten haben. Ich bekomme das derzeit vor allem in Diskussionen mit Astronom/innen in den USA mit, die gleich zu mehreren unterrepräsentierten Minderheiten gehören (z.B. eben schwarz sind).

        Außerdem, wie Ihnen oben ja auch schon geantwortet: Mir geht es auch darum, was die Wissenschaft verliert, wenn sie durch ungenügenden Umgang mit sexueller Belästigung bestimmte Menschen vertreibt. Nicht nur um den Schaden derer, die da vertrieben werden.

        Zu der Sachdiskussion, die Sie oben anfingen: Meinen Sie bei (1) nur Individuen (sprich: in diesem Falle jedes Paar von Belästigender/m und Belästigte/r) oder auch das Aushandeln zwischen Gruppen?

        • Berechtigt selbstbewusstes Auftreten ist einer von vielen Aspekten des persönlichen Erfolgs, das sehe ich auch so. Zum Glück handelt es sich um eine erlernbare Fähigkeit. Gleichwohl gehen Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen ins Rennen, um welche Spitzenpositionen auch immer, und nur wenige erreichen, wovon sie anfangs träumten.

          Der Wissenschaft (dem Geschäft, dem Sport, der Kunst, …) geht dabei nichts verloren. Jedes dieser Systeme bietet um Größenordnungen weniger Spitzenpositionen als Bewerber um diese Positionen. Eine radikale Auslese ist unvermeidlich, bei der auch Nebensächlichkeiten und Zufälle eine Rolle spielen, unter anderem eben das individuelle Durchsetzungsvermögen.

          Sich zu wehren ist zumutbar. Sich zu widersetzen, das haben wir sogar den Grenzsoldaten der DDR abverlangt, die echter Unterdrückung ausgesetzt waren.

          • Selbstverständlich geht der Wissenschaft etwas verloren, und zwar bei jeder Nebensächlichkeit und jedem Zufall, die/der dafür sorgt, dass nicht nur nach dem Potenzial, gute Forschung zu gewährleisten, ausgewählt wird, sondern nach davon unabhängigen Kriterien.

            Im Umkehrschluss: Wo wir dafür sorgen, dass die Rolle von Nebensächlichkeiten und Zufall kleiner wird, gewinnt die Wissenschaft. In diesem Falle: Wo Maßnahmen getroffen werden, dass sexuelle Belästigung weniger potenziell gute Forscher/innen vergrault, profitiert die Wissenschaft.

            Der Vergleich mit den Grenzsoldaten ist so schief, dass ich keinen Sinn darin sehe. Unterdrückung ja, aber auch auf der anderen Seite der Wagschale ein so schwerwiegender Umstand, nämlich ein Tötungsdelikt, dass kein direkter Vergleich möglich ist.

            Und ich frage noch ein weiteres Mal zu der Sachdiskussion, die Sie oben anfingen: Meinen Sie bei (1) nur Individuen (sprich: in diesem Falle jedes Paar von Belästigender/m und Belästigte/r) oder auch das Aushandeln zwischen Gruppen?

  12. mit obigem Beitrag meinte ich natürlich “Bettina Wurche (meertext)”.
    Die Lesekompetenz von Dr. Webbaer ist im juristischen Duktus: erheblich.

  13. Fassen wir erst einmal zusammen:

    Ich empfehle Betroffenen, was ihnen auch andere empfehlen (Beispiel 1: http://www.sueddeutsche.de/karriere/sexuelle-belaestigung-am-arbeitsplatz-meist-ist-es-in-wirklichkeit-ein-machtspiel-1.2376169, Beispiel 2: https://www.unibas.ch/de/Studium/Beratung/Soziales-Gesundheit/Sexuelle-Belaestigung.html), nämlich sich deutlich erkennbar zu wehren. Als Gegenrede lese ich allerlei vage Ausflüchte: Dies sei aber schwer und es könne der “Karriere” schaden. Außerdem sei es schlecht für die Wissenschaft, benähmen sich Wissenschaftlerinnen wie selbstbewusste Subjekte, die schlechten Bedingungen den Rücken kehren. (Wäre es für die Wissenschaft besser systematisch, Duckmäuser und Speichellecker zu befördern?) Dass man von anderen, unter echter Unterdrückung handelnden und mit systematischer Propaganda Eingeschüchterten richtiges Handeln verlangen kann, wird ohne Begründung als belanglos abqualifiziert.

    Wollen wir wirklich weiterdiskutieren? Wir können natürlich über Gruppen reden. Ich fürchte jedoch, das erhöht nur die Komplexität ohne Nutzen für die Diskussion. Wir hätten dann zunächst allerlei Begriffe und Verhältnisse zu klären. Beispielsweise steht die oben gestreifte Vorstellung von der individuellen Mehrfachdiskriminierung auf tönernen Füßen, denn Diskriminierung ist in statistisch diskriminierten Gruppen ein nichtdistributives Merkmal. Wer zu einer diskriminierten Gruppe gehört, ist nicht automatisch persönlich diskriminiert. So finden wir beispielsweise in den Vereinigten Staaten eine traditionelle und anhaltende Rassendiskriminierung, gleichzeitig jedoch Angehörige der diskriminierten Gruppen in höchsten Staatsämtern (Barack Obama, Condoleezza Rice, Colin Powell).

    • Zu Ihrer Frage: Nein, wenn Sie immer noch (und ich muss inzwischen annehmen: mit voller Absicht) aggressive und herabsetzende Formulierungen (Duckmäuser, Speichellecker, Ausflüchte…) wählen, dann sehe ich in der Tat keinen Sinn darin zu versuchen, mit Ihnen weiter zu diskutieren. Tschüss!