Wissenschaftskommunikations-Farce: Der Schmu mit dem “Großteil der Ansteckungen im privaten Bereich”

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… aber nicht einfacher
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Der 22. Oktober ist schon etwas her, aber ich bin gerade erst dazu gekommen, mir die damalige Kommunikation des Robert-Koch-Instituts (RKI, immerhin die zentrale Einrichtung der deutschen Bundesregierung für Krankheitsüberwachung und -prävention) zu den Ansteckungs-Hintergründen und die nachfolgende Berichterstattung näher anzuschauen und bekomme daher gerade erst mit, was für ein deprimierendes Lehrstück in Sachen Wissenschaftskommunikation da gelaufen ist.

Großteil der Ansteckungen im privaten Bereich

Rollen wir die Angelegenheit einmal von hinten auf, vom 22. Oktober 2020 aus. Am Ende standen Berichte, die offenbar vor allem auf einer dpa-Meldung basierten: “RKI macht Großteil der Ansteckungen im privaten Bereich aus” konnte man dort lesen, und dass bei den derzeitigen Ansteckungen, die zu jenem Zeitpunkt vorwiegend um “Feiern, Treffen mit Freunden oder der Familie” gehe. Kurz: “Private Treffen” seien “der Hauptgrund für steigende Infektionszahlen”.

Solche Aussagen aus offiziellem Munde waren zu jener Zeit ja durchaus wichtig. Schließlich wurde damals nach wie vor beispielsweise über die Offenhaltung der Schulen diskutiert, und da gaben die RKI-Aussagen den konsequenten Schule-Offenhaltern durchaus Munition: “Im Vergleich zu privaten Treffen spielten derzeit Ausbrüche an Schulen sowie Infektionen durch die Nutzung von Verkehrsmitteln, am Arbeitsplatz oder nach Übernachtungen in Hotels eine weniger große Rolle.” Die genannten Beiträge beruhen dabei weitgehend auf einer Meldung von dpa-infocom, nämlich dpa:201022-99-38940/5.

Die Tagesschau berichtete ebenfalls, wenn auch über diesen Aspekt nur knapp: Die Behörde spreche “von einer sehr ernsten Corona-Lage, sieht aber bisher keinen Anlass, die bisherige Strategie zu ändern. Die meisten Ansteckungen gibt es im privaten Bereich.” In öffentlichen Verkehrsmitteln, Hotels oder Schulen komme es dagegen vergleichsweise selten zu Neuinfektionen.

Also: Durchaus wichtige Informationen mit Konsequenzen für die damals akut anstehenden politischen Entscheidungen, bekanntgegeben von offizieller Seite – nämlich durch den RKI-Präsidenten Lothar Wieler – und in den Massenmedien entsprechende Meldungen dazu. Auch wenn die Entscheidungsträger*innen nicht auf Medienberichte angewiesen sind, sondern durch entsprechende Mitarbeiter*innen gebrieft werden: Auch da kommen solche Informationen natürlich an und können einen Teil zur Meinungsbildung beitragen.

Die Pressekonferenz vom 22.10.2020

Verfolgen wir die Aussagen einmal zurück. Die entsprechende Pressekonferenz des RKI kann man sich hier selbst ansehen. RKI-Präsident Wieler sagt an, er wolle heute “etwas detaillierter darauf eingehen, wo sich die Menschen mit SARS-CoV2 anstecken”, sagt kurz etwas zu Clustern und Superspreadern, und dann kommt eher nebenbei eine erste wichtige Aussage: die Gesundheitsämter würden zwar versuchen, solche Cluster zurückzuverfolgen, aber das sei nicht in jedem Falle möglich – es gelänge nur für einen Teil der Fälle. Dann zeigt und erklärt Wieler diese Grafik hier:

RKI-Grafik: Ansteckungsverfolgung für Corona-Fälle

(Meine Version hier stammt direkt aus dem RKI-Situationsbericht vom 20.10.2020.) Da sind entsprechende Umfelder dargestellt, in denen es zu Infektions-Ausbrüchen gekommen ist. Wieler ordnet ein: Am Anfang seien relativ viele blaue Flächen zu sehen, Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen sowie Flüchtlingsheimen, außerdem private Haushalte. An der Grafik sei nicht nur zu sehen, wie sich die Gesamtzahl der Ausbrüche ändere, sondern auch, dass sich die Farben änderten – insbesondere die Anzahl der Ausbrüche in privaten Haushalten nehme deutlich zu. Infektionen in Verkehrsmitteln würden jenen Daten zufolge dagegen keine so große Rolle spielen. Die Schlüsse, die er daraus zieht: Es komme im privaten Umfeld zu vielen Ansteckungen, weil wir dort sehr nahe beieinander seien. Aber irgendwie müsse das Virus ja auch in die Haushalte hineingelangen, und da spielten private Feiern und Zusammenkünfte eine wichtige Rolle.

Anschließend geht es weiter mit allgemeineren Aussagen zu den drei wichtigen Strategie-Elementen Eindämmung, Schutz und Milderung. Aber das war es auch schon mit dem, was der RKI-Chef an der Stelle von sich aus zu sagen hatte.

Interessant wird es gleich bei der ersten Nachfrage. Rebecca Beerheide vom Deutschen Ärzteblatt hat ganz offensichtlich den dahinterstehenden Situationsbericht gelesen und fragt entsprechend kritisch nach: Das RKI habe kürzlich publiziert, dass man nur bei einem Viertel der Infektionsorte sagen könne, wo die Infektion überhaupt passiert sei. Auch gäbe es im Diagramm ja den unbestimmten grauen Bereich “weitere”. Woran liege das? Dass sich die Menschen nicht erinnern könnten? Dass von den Gesundheitsämtern unklare Angaben kämen?

Wieler geht bei seiner Antwort zunächst nur auf die grauen Bereiche ein und stimmt zu: ja, genau solche Gründe (schlechte Erinnerung, unklare Angaben) stünden dahinter. Der graue Bereich werde zudem, wie man im Diagramm sehen könne, größer – je mehr Fälle kämen, umso schwieriger wäre es für die Gesundheitsämter, das alles nachzuvollziehen. Dann folgen Informationen darüber, wie das RKI den Gesundheitsämtern Software zur Übermittlung jener Angaben zur Verfügung stelle; nicht alle Gesundheitsämter würden das aber nutzen. Es würde also immer einen entsprechenden Graubereich geben. Es gebe auch viele Einzelfälle, die nicht unter “Ausbrüche” zusammengefasst würden, aber auch jene Menschen müssten sich ja irgendwo angesteckt haben.

Am Ende seiner Antwort auf jene Frage fasst er noch einmal zusammen: Wichtig sei, dass sich das Virus dort ausbreitete, wo die Menschen miteinander interagieren. Deswegen sei auch plausibel, dass es aus U- und S-Bahnen so wenige Fälle gäbe, denn in der Regel würden die Menschen dort ja nicht interagieren. Und deswegen sei es so wichtig, im privaten Bereich vorsichtig zu sein, also da, wo man eng mit Menschen interagiere.

Auch im Online-Ärzteblatt-Bericht über die Pressekonferenz steht dann zwar nach wie vor die Überschrift “Robert Koch-Institut: Private Feiern weiter Pandemietreiber”, aber weiter hinten steht ein Absatz, der besagt:

“Allerdings: Im entsprechenden RKI-Situationsbericht von vorgestern heißt es zu den Orten der Infektion: „Nur etwa ein Viertel der insgesamt gemeldeten COVID-19-Fälle kann einem Ausbruch zugeordnet werden.“ Dies läge auch daran, dass viele Gesundheits­ämter eine andere Software nutzten sowie das sehr spezifische Eintragen der Daten und Orte einer Ansteckung nicht immer eingeübt sei, erklärte Wieler auf Nachfrage.”

Der Vollständigkeit halber: Dass Frau Beerheide über den Situationsbericht auf ihre Nachfrage kam, ist natürlich gut so. Aber auch das Diagramm selbst enthält ja bei genauerer Betrachtung die entsprechenden Informationen. Zu jener Zeit gingen die täglich neu bekannten Fälle ja bereits in die Tausende, mit Zahlen zwischen 4000 und 7000. Dass in diesem Diagramm bei einer Wochen-Zusammenfassung wie hier im Ganzen eine Zahl von weniger als 4000 pro Woche herauskommt zeigt ja bereits direkt, dass nur ein kleiner Teil der Fälle dargestellt ist.

Was sich besser nachverfolgen lässt

Anschließend geht es mit anderen Nachfragen weiter. Die Ansteckungsszenarien werden in einer taz-Nachfrage aufgegriffen, auf die Wielen antwortet, entsprechend jener Daten müsse man in der Tat Maßnahmen verstärken, die Ansteckungen genau in jenem privaten Umfeld verhindern könnten. Eine spätere Nachfrage bezieht sich kritisch darauf, was die Politik überhaupt an sinnvollen “Stellschrauben” habe. Massen im öffentlichen Nahverkehr seien ja offenbar den vorgelegten Daten nach nicht so relevant. Wieler antwortet, die Daten sprächen zwar dafür, dass da nicht viel passiere, aber man müsse trotzdem etwas tun (z.B. Masken tragen).

Am Ende wird es dann noch einmal spannender, mit einer Wortmeldung von Johannes Schmid-Johannsen vom Datenjournalismus-Team des SWR. Schmid-Johannsen lobt das RKI dafür, dass es jetzt in den Situationsberichten endlich Daten zu den Ausbruchskontexten gäbe. Dann kommt die Frage: Sei es nicht logisch und nachvollziehbar, dass private Ausbrüche sich besser nachverfolgen ließen – da Kontaktpersonen ersten Grades dort ja getestet würden. Da sage aber nichts dazu, wie das Virus in die Familie hineingetragen worden wäre. Sei es damit nicht irreführend, die Ansteckungen im privaten Umfeld so zu betonen? Und wie wolle man überhaupt die Quellcluster mit den Mitteln der Kontaktverfolgung besser identifizieren?

Wielers Antwort geht leider auf den Aspekt der besseren Nachverfolgbarkeit bestimmter Ansteckungsumfelder gar nicht richtig ein, sondern sagt nur eher allgemein etwas dazu, dass die Quellcluster-Identifikation eben nicht immer richtig gelinge, und anderseits natürlich auch das Vorwärts-Verfolgen (wer könnte sich noch angesteckt haben und gehöre demnach in Quarantäne?) wichtig sei – wer identifiziert und in Quarantäne geschickt sei, könne dann ja auch keine weiteren Ansteckungen mehr verursachen.

Der einzige SWR-Beitrag, den ich aus jener Zeit gefunden habe, lässt Wieler im O-Ton denn auch nur zu den insgesamt gestiegenen Infektionszahlen zu Wort kommen und weist anschließend allgemein auf Probleme bei der Nachverfolgung hin, das ganze unter der Überschrift “RKI: Die Corona-Situation in Deutschland ist sehr ernst”. Gut so.

Der RKI-Situationsbericht vom 20.10.2020

Bei der Pressekonferenz wurde ja bereits darauf hingewiesen, dass die entsprechenden Daten samt näherer Beschreibung in einem RKI-Situationsbericht sowie im Epidemiologischen Bulletin zu finden seien.

Gehen wir also erst einmal direkt zurück zu den Situationsberichten, ganeur zu dem RKI-Situationsbericht vom 20.10.2020. Dort ist das entscheidende Diagramm auf S. 12 abgebildet, und direkt darunter steht in der Tat:

“In Abbildung 8 sind COVID-19 Fälle dargestellt, die Ausbruchsgeschehen zugeordnet wurden, die 5 oder mehr Fälle enthalten haben. Nur etwa ein Viertel der insgesamt gemeldeten COVID-19 Fälle kann einem Ausbruch zugeordnet werden. Von allen Fällen in Ausbrüchen entfallen ca. 35 % auf kleinere Ausbrüche mit einer Größe von 2-4 Fällen pro Ausbruch (die hier nicht dargestellt sind).”

Sprich: Zur Auswertung wurden nur rund 25% der Fälle herangezogen, in denen sich eine Infektion tatsächlich als Teil eines Ausbruchs identifiziern ließe. Es geht aber noch weiter: Von jenen identifizierten Fällen wurden in dem Diagramm dann noch einmal nur 65% der Fälle eingetragen (warum auch immer), nämlich diejenigen, die zu den größeren Ausbrüchen gehören. Insgesamt repräsentiert das Diagramm also nur 16% der erfassten COVID-19-Fälle. Die restlichen 84% sind dort schlicht abwesend.

Zu den weiteren Hintergründen der Erfassung stehe im Epidemiologischen Bulletin 38/2020 mehr, steht dort noch. Schauen wir also in jenem Epidemiologischen Bulletin nach. Da steht (auf S. 3), wie die Quellenforschung abläuft: “Neu gemeldete COVID-19- Fälle werden hierfür vom Gesundheitsamt eingehend befragt, ob sie innerhalb der 14 Tage vor ihrem Symptombeginn Kontakt zu einem bestätigten Fall hatten und wenn ja, ob sich dieser Kontakt im Haushalt, am Arbeitsplatz oder in einer medizinischen Einrichtung zugetragen hat.”

Spätestens an dieser Stelle sollten natürlich die Alarmglocken läuten. Welche Quellen man auf diese Weise erfassen kann, ist je nach Umgebung durchaus unterschiedlich. Wenn ich mit Bahn oder Bus unterwegs bin, kenne ich so gut wie keine meiner Mitreisenden. Zumindest aus meiner eigenen Erinnerung werde ich also von vornherein so gut wie keine Angaben dazu machen können, ob ich in solch einer Umgebung Kontakt mit einem bestätigten Fall hatte. Im Epidemiologischen Bulletin steht dazu: “In einigen Umfeldern, beispielsweise im Bahnverkehr, lassen sich Ausbrüche nur schwer ermitteln, da in vielen Fällen die Identität eines Kontaktes im Nachhinein nicht mehr nachvollziehbar ist – diese könnten deshalb hier untererfasst sein.” Das ist eher noch milde ausgedrückt. (Und, ach ja: Von der Corona-Warn-App, die ja auch Risikobegegnungen im ÖPNV erfassen würde, ist in dieser Methodik nirgends die Rede.)

Rückschlüsse aus Daten

Daten geben immer nur wieder, was bei den entsprechenden Erfassungen überhaupt erkannt werden konnte. In dieser Hinsicht unterscheiden sich die verschiedenen Infektionsumfelder ganz erheblich. Bei privaten Haushalten ist so gut wie sicher: Wird ein Haushaltsmitglied positiv getestet, dann wissen das in den allermeisten Fällen auch alle anderen Haushaltsmitglieder, vergessen das auch nicht so schnell und können daher bei etwaiger eigener Ansteckung und Befragung direkt angeben, dass sie im eigenen Haushalt Kontakt zu einem bestätigten Fall hatten. Eine Ansteckung im heimischen Bereich zumindest zwischen zwei infizierten Menschen mit Symptomen dürfte sich also zu fast 100% nachverfolgen lassen.

Auch in Alten- oder Pflegeheimen, oder in Flüchtlingsheimen, sollte man davon ausgehen können, dass die Heimleitungen sehr genau schauen und den Überblick behalten, wo es wann zu welchen Infektionen gekommen ist.  Auch in solch einer Situation ist also im Rahmen einer Nachverfolgung vergleichsweise gut nachprüfbar, wer im Heim-Umfeld mit anderen infizierten Personen möglichen Kontakt gehabt haben könnte.

Ganz anders in Bus oder Bahn. Da müssen schon viele günstige Umstände zusammenkommen, damit ein Mensch nach ein bis zwei Wochen rekonstruieren kann, mit wem er gemeinsam Bahn oder Bus gefahren ist, geschweige denn dass jene*r Andere mit SARS-CoV2 infiziert war. Selbst die Corona-Warn-App lässt ja keine so zeitgenauen Rückschlüsse zu: Fand die Begegnung jetzt im ÖPNV statt? Oder doch eher im Supermarkt direkt danach? Oder…? (Und, ach ja: Supermärkte sind ein ähnlich gelagertes Problem.)

Normale Arbeitsstätten dürften irgendwo dazwischen liegen. Wie es da mit dem Datenschutz gehandhabt wird, sprich: Ob Arbeitgeber entsprechende Informationen weitergeben, oder Gesundheitsämter Arbeitsstätteninformationen miteinander abgleichen dürfen, weiß ich nicht.

Bei Schulen wiederum kommt der Umstand hinzu, dass Kinder und Jugendliche öfter einen symptomfreien Verlauf haben als ältere Menschen. Wird SARS-CoV2 über zwei Schüler*innen von einer Familie in die andere getragen, haben wir zwar möglicherweise dann einen Ausbruch in jeder der beiden Familien (deren mögliche Anschluss-Ansteckungen dann wieder dem “privaten Bereich” zugeordnet werden). Aber soweit ich sehen kann, sieht selbst die aktuelle Nationale Teststrategie bei Abwesenheit von Symptomen keine Tests vor, mit denen sich diese Art von Übertragung über asymptomatische Schüler*innen zurückverfolgen ließe. Auch solche Übertragungswege sind daher in dem Diagramm unterrepräsentiert.

All das zusammengenommen heißt: Die Daten, die das RKI hier zeigt, lassen so gut wie keine Rückschlüsse z.B. auf die besondere Wichtigkeit von privaten Haushalten bei SARS-CoV2-Ansteckungen zu, oder auf die Unwichtigkeit des ÖPNV, oder von Schulen. Unter den gemeldeten Cluster-Ansteckungsorten sind rund 30 Mal mehr Fälle in privaten Haushälten als in Verkehrsmitteln. Kann das alleine auf die Schwierigkeit zurückgehen, Ansteckungen in Bahn, Bus etc. nachzuvollziehen? Ich sehe nichts, was dagegenspräche. Eigentlich würde ich mich sogar wundern, wenn es nur 30 Mal schwieriger wäre, mir weitgehend unbekannte Kontaktpersonen in Bus und Bahn ausfindig zu machen, als in meinem eigenen Haushalt auf dem laufenden zu sein, wer (symptomatisch) infiziert ist und wer nicht. (Tatsächlich dürften unter den nicht dargestellten Clustern mit 2-4 Fällen noch deutlich mehr Familien-Ansteckungen sein; ein größeres Zahlenverhältnis scheint mir auch ungleich realistischer, was die Nachverfolgungs-Einfachheit angeht.)

Fazit

Für mich scheint diese Pressekonferenz mit der Berichterstattung darüber daher ein Beispiel für deprimierendes Wissenschaftskommunikations-Versagen in mehrerlei Hinsicht.

Das RKI und Lothar Wieler haben ihre Daten zu den Ansteckungs-Umfeldern in einer Weise vermittelt, die entscheidende und wichtige Einschränkungen nicht hinreichend deutlich kommuniziert – entscheidend, weil sie die Gültigkeit von Rückschlüssen betrafen; wichtig, weil jene Rückschlüsse ja durchaus politisch relevant waren, bzw. wären.

Das fängt bei dem Diagramm selbst an, in dem ja absichtlich keine vollständige Übersicht gegeben wird – wären dort als großes zusätzliches Feld diejenigen Fälle eingezeichnet, über die das Diagramm keine zusätzlichen Informationen liefert (auf Twitter kursierten ein paar entsprechend ergänzte Versionen), wäre ungleich deutlicher gewesen, wieviele vergleichbar wenige Fälle dort überhaupt aufgeschlüsselt sind – und wie problematisch es daher ist, von jenem eher geringen Bruchteil allgemeine Aussagen über die relative Wichtigkeit von Infektions-Umfeldern abzuleiten. Dass es sich selbst bei Wieler da am Ende so anhört, als würde er den vorhandenen grauen Bereich “weitere” mit den nicht nachverfolgten Orten identifizieren, zeigt recht gut, wie leicht es ist, das Diagramm in seiner dortigen Version falsch zu lesen. Zu guter Wissenschaftskommunikation hätte an dieser Stelle dazugehört, auf das Missverständlichkeits-Potenzial aufmerksam zu werden und entsprechend gegenzusteuern.

Bei den darüber berichtenden Journalist*innen lag die Verantwortung dafür, an entscheidender Stelle nachzufragen und die entscheidenden Informationen über die Schwächen der dort kommunizierten Schlüsse zu kommunizieren.

Das hat Rebecca Beerheide vom Ärzteblatt getan, auch wenn ich selbst in ihrem Artikel nicht genügend klar dargestellt finde, dass man die Aussagen des RKI zur relativen Wichtigkeit der Infektionsorte aufgrund der Grenzen der verfügbaren Daten eigentlich gar nicht ernstnehmen sollte. Im verlinkten SWR-Beitrag sind die problematischen RKI-Aussagen gleich ganz weggelassen.

In einer ganzen Reihe anderer Beiträge – oben sind sie verlinkt – steht dagegen die problematisch verallgemeinerte Aussage im Mittelpunkt (bzw. in den Überschriften): Private Feiern sind das Hauptproblem, der Pandemietreiber! Und wieder fühlen sich einige hunderte oder tausende Menschen darin bestätigt, dass ja (a) Nahverkehr, (b) Schule, (c) was auch immer im Vergleich nicht so problematisch wäre – und verhalten sich entsprechend.

Insofern leider ein unschönes Beispiel dafür, wie Wissenschaftskommunikation schiefgehen kann. Selbst bei einem besonders wichtigen Thema mit wichtigen politischen bzw. gesellschaftlichen Konsequenzen.

Die meisten kritischen Einordnungen habe ich übrigens auf Twitter gefunden als das entsprechende Diagramm die Runde machte, beispielsweise unter diesem Tweet hier:

Klicken Sie auf den Tweet (in dieser Darstellung hier: auf das Datum darunter) und schauen Sie sich einige der Kommentare dazu an. Da sind eine Reihe von Kommentator*innen sehr schnell darauf gekommen, wo das Problem liegt.

Auch der NDR-Corona-Podcast, in dem Falle mit Korinna Henning und Christian Drosten, in dem Falle Folge 62 vom 27. Oktober, lieferte die richtigen Informationen. Bereits Henning (als zuständige Redakteurin) erwähnt in ihrer Frage, dass ja sowieso nur sehr wenig an Infektionsquellen nachvollzogen werden könne. Drosten führt das dann näher aus und führt insbesondere die Situation im ÖPNV als ein Beispiel an, in dem man eben so gut wie nicht hoffen kann, in dieser Weise einen Kontakt nachzuvollziehen – und damit einen Ansteckungsort zu erfassen.

Wie gesagt, all das passierte am 22. Oktober und im Anschluss daran. Der Beschreibungstext in den entsprechenden Diagrammen, die jeweils am Dienstag Teil des RKI-Situationsberichts sind, hat sich in den letzten Wochen langsam verbessert: Ab dem 10. November, damals sank die Zahl der erfassten Infektionsorte gerade von einem Viertel auf ein Fünftel, steht dort zusätzlich “[…] und damit fehlen für eine Vielzahl der Fälle Informationen zur Infektionsquelle. Die vorliegenden Daten können demnach nur einen kleinen Ausschnitt der tatsächlichen Übertragungen abbilden.” Am 24. November wurde zusätzlich noch eingeschoben “Es ist zu beachten, dass Clustersituationen in anonymen Menschengruppen (z.B. ÖPNV, Kino, Theater) viel schwerer für das Gesundheitsamt erfassbar sind, als in nicht-anonymen Menschengruppen (Familienfeiern, Schulklassen, Sportverein etc.).”

Und, ach ja: Seit dem Bericht vom 1.12.2020 lässt sich nur noch rund ein Sechstel der bestätigten Fälle einem Cluster zuordnen. Für mehr als 80% der Fälle wissen wir seither nicht mehr, in welchem Umfeld sie sich ereignet haben. Höchste Zeit, die Situation wieder unter Kontrolle zu bekommen – Viola Priesemann und Kolleg*innen haben dazu ja jüngst im Lancet eine Strategie veröffentlicht. Wir fliegen, was die konkrete Rückverfolgung von Infektionsumfeldern angeht, derzeit weitgehend blind. Auch wenn schlechte Wissenschaftskommunikation diesen Umstand leider bisweilen verschleiert.

Nachtrag 29.12.2020: Johannes Schmid-Johannsen wies mich darauf hin, dass der SWR bereits im August kritisch über die Probleme mit der Ursachenforschung berichtet habe:

2. Nachtrag 29.12.2020: Oben stand zweimal bei Hinweisen auf den RKI-Situationsbericht “20.12.2020”, wo “20.10.2020” gemeint war – ist jetzt korrigiert.

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

40 Kommentare

  1. Danke für den Beitrag! Determinismus und monokausale Erklärungen sind auch in der Wissenschaft zu verlockend. Die Wirklichkeit ist meistens komplizierter.

  2. Vielen Dank für diese gute Zusammenfassung der Problematik! Leider stärkt das Ganze nicht gerade mein Vertrauen in das RKI.

    Kleine Anmerkung zur Wichtigkeit des ÖPNV: Es fällt auf, dass in den letzten Wochen insbesondere ländlichere Gegenden (Teile Sachsens, Thüringens, oder Ostbayerns) überdurchschnittlich stark betroffen waren – Gegenden, in denen der ÖPNV tendenziell ziemlich schlecht ausgebaut ist. Großstädte wie Hamburg, Köln oder München hatten dagegen nicht deutlich höhere Zahlen als ihre Umgebungen. Das ist natürlich keine saubere Analyse, könnte aber darauf hindeuten, dass der ÖPNV (in Kombination mit Homeoffice und Masken) tatsächlich eher wenig zur Verbreitung beiträgt.

  3. Man bekommt durch die Vorlauf-Beschreibung etwas den Eindruck, als hätten Medien kaum über das prinzipielle Datenfehl berichtet (als Nachricht oder bewertet). Meiner Ansicht nach ist das nur teilrichtig. Soweit es den massenmedialen Durchsatz betrifft, dessen Quelle regelmäßig die irregeführten und irreführenden dpa-Meldungen sind, stimmt die Kritik (meiner Ansicht nach) – es wurden die Mängel der Informationslage und -darstellung nicht medial transportiert. Davon waren ganz sicher sehr viele Menschen (indirekt) betroffen, vermutlich sogar die große Mehrzahl (aufgrund derivater Informationsaufnahme durch Dritt- oder Viert-Quellen).

    Andererseits gab es sehr wohl etliche journalistische Stücke im In- und Ausland, die sich genau mit diesem Datendefizit befassten. Beispielhaft zu nennen wäre hier in D. die FAZ, die immer wieder mal einige Stücke im Blatt hatte, die deutlich mehr Hintergrundrecherche aufwiesen als der Durchschnitt.

    Siehe hierzu z.B. den Artikel in der FAZ vom 28.10.2020, in dem genau das hier beschriebene Problem deutlich gemacht wird: https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/corona-lockdown-massnahmen-hilft-es-restaurants-zu-schliessen-17023994.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

  4. Die dpa-infocom Meldung dpa:201022-99-38940/5 scheint tatsächlich von sehr vielen Publikationsorganen mehr oder weniger 1:1 abgedruckt worden zu sein (neben den oben verlinkten auch etwa von der Sueddeutschen), wobei die meisten als Einstieg ein Bild des RKI-Präsidenten Lothar Wieler wählten. Hinterfragt wurden die Aussagen in diesen Artikeln nicht. Diese Artikel waren also so etwas wie der Lautsprecher des RKI-Präsidenten. So etwas kann durchaus Sinn machen, wenn das, was der RKI-Präsident sagt, dem kumulierten Wissensstand des RKI entspricht und man das RKI als etwas ähnliches wie den Weltklimarat ( Intergovernmental Panel on Climate Change) betrachtet, welcher ja den aktuellen Wissensstand der Klimawissenschaft wiedergibt.

    Doch leider zeigt sich im Rückblick (nur im Rückblick?), dass ein Vergleich von Weltklimarat mit dem RKI nicht angebracht ist, denn was Lothar Wieler sagte waren zwar politisch relevante Aussagen, aber leider Aussagen, denen die Faktenbasis und Nachvollziehbarkeit weitgehend fehlte. Ganz anders als beim Weltklimarat. Oder nicht?

  5. @Pössel
    Vom RKI wurde sehr klar und mit nachvollziehbaren Gründen kommuniziert, dass und warum die gegebenen Informationen extrem mangelhaft sind und warum bestimmte Zahlen in der Darstellung nicht angegeben sind.

    Wenn Sie diese deutlichen Hinweise absichtlich ignorieren und dem RKI Fehler in der Wissenschaftsmommunikation unterstellen, dann scheinen Sie diese eindeutigen Hinweise weder zur Kenntnis genommen, noch verstanden zu haben.

    • Die Pressekonferenz ist ja verlinkt. Wenn das alles so offensichtlich für Sie ist, dann geben Sie doch bitte mal an, zu welcher Zeit Herr Wieler dort quantitativ sagt, wieviele von den Infektionen nicht zurückverfolgt werden konnten. Und wo er die Probleme mit seinen Rückschlüssen auf die relative Wichtigkeit der einzelnen Bereiche erwähnt.

      Und, ach ja: Von beleidigenden Unterstellungen wie “absichtlich ignorieren” bitte ich Sie, abzusehen. Das ist das Gegenteil von konstruktivem Austausch.

  6. Danke für diese ausführliche Einordnung.
    Abgesehen von der deprimierend “schlechten Kommunikation” (begünstigt durch eine offennsichtliche Hilflosigkeit ob der mangelhafter Datenlagbasis) durch das RKI, wird deutlich, dass das Potenzial eines Vorwärts- und Rückwärtstracking durch Apps und Protokollierung hierzulande komplett verschenkt wurde. überspitzt gesagt, gilt bei uns: Datenschutz vor Gesundheitsschutz.
    Auch ein systematischer, verantwortungsbewusster und gezielter Einsatz von Schnelltests bei potenziellen Superspreadern hätte die Datenlage deutlich verbessert und die Ansteckungsrate veringert, siehe YouTube-Video von Mailab, August 2020.

  7. Besten Dank für die Mühe, die Sie sich gemacht haben.
    Wir sprechen hier ja nur von den erfassten und durch PCR bestätigten Fällen.
    Die Dunkelziffer ist in all den Zahlen nicht berücksichtigt (nach Drosten das 6-8 fache der offiziellen Fälle).
    Selbst wenn man sie nur mit dem Doppelten annimmt, würden durch diese Zahlen nur 10-12% der Ansteckungen aufgeklärt. Das würde ja reichen, wenn dies eine repräsentative Stichprobe des tatsächlichen Infektionsgeschehens wäre. Nur das kann niemand sagen, weil das tatsächliche Infektionsgeschehen mangels großer repräsentativer Studien nicht aufgeklärt wurde. Die Kriterien für den PCR Test sprechen sogar gegen eine Repräsentativität, da Menschen mit sehr schwachen oder keinen Symptomen nur getestet werden, wenn sie Kontakt zu einem offiziellen Fall hatten.
    Man kann Infektionsketten objektiv nachvollziehen, wenn man das Genom der Viren vergleicht.
    Dies wurde an einer Hamburger Schule gemacht. Die Ergebnisse wurden vom Schulsenator nicht veröffentlicht. Auch eine extrem schlechte Kommunikation.

    An einer anderen Schule in Hamburg (Ida Ehre) lies der Rektor, nachdem 22 offizielle Fälle festgestellt wurden, alle Schüler testen – es wurden 55 Fälle. Soviel zu den offiziellen Zahlen.
    Wir haben leider nichts anderes. Doch wenn man die offiziellen Zahlen runterbringt, vermindert man glücklicherweise auch das tatsächliche Infektionsgeschehen, ihrgentwie …. und was dabei wie stark wirkt, bleibt Auslegungssache, da unsere Gesundheitsminister es versäumt hat, laufend repräsentative Studien zum Infektionsgeschehen in Auftrag zu geben.

    • Das sehe ich ähnlich – dass da nicht viel früher größere repräsentative Studien gemacht wurden, wundert mich. Und in der Tat kann man die offiziellen Fallzahlen als einen Indikator verwenden, und wer diese Fallzahlen senkt ist auf einem guten Weg. Aber man darf eben nicht (wie in meinem Beispiel) zuviel hineininterpretieren.

  8. @Pössel @Haarbrücker
    Die oben gezeigte Abb.8 enthält nur Infos über Fälle, die vom Gesundheitsamt einem konkreten Ausbruch zugeordnet werden konnten.
    Damit ist klar zum Ausdruck gebracht worden, dass die Datenlage sehr unklar ist – weil für die meisten Covid-Fälle gar keine Angaben vorhanden sind.
    Dies bedeutet, dass nach wissenschaftlichen Standards korrekte Aussagen nicht möglich sind.
    Zudem verläuft die Covid-Pandemie dynamisch bzw. chaotisch.

    Vom RKI bzw. von Politikern erwartet man aber trotz unklarer Datenlage viele rasche, klare, weitreichende Entscheidungen, die auch noch in die Zukunft gerichtet sind. Zudem sollten die veröffentlichten Informationen bzw. angeordnete Maßnahmen auch für Leute verständlich sein, die mit speziellen wissenschaftlichen Fachbegriffen nicht vertraut sind.

    Kurz gesagt – man braucht vom RKI keine wissenschaftlich korrekten Angaben zu erwarten, sondern es reicht vollkommen aus, wenn allgemeine Informationen so verbreitet werden – dass angeordnete Maßnahmen der Regierungen einigermaßen nachvollziehbar sind.

    Ich finde, dass sowohl das RKI wie auch viele Virologen/Pandemieforscher bisher sehr gute Arbeit geleistet haben. Die meisten Informationen sind allgemein verständlich – und das ist das Wichtigste für die Öffentlichkeit.

    • Falls sich das bereits auf meine Antwort weiter oben bezog: Was Sie hier behaupten, geht doch komplett vorbei an dem, was ich in meinem Blogartikel schrieb. Dass das RKI im Situationsbericht selbst im Text auf die Limitationen hinweist ist doch unumstritten. Der von mir kritisierte Wissenschaftskommunikations-Fail besteht darin, dass in der Pressekonferenz nicht quantitativ auf die Limitationen hingewiesen wurde – und sich das damit vorprogrammierte Missverständnis dann ja auch in eine Reihe von Zeitungsberichten fortgepflanzt hat.

      Es gibt keinen Grund, warum eine klarere Kommunikation der Grenzen nicht ebenso verständlich sein sollte wie die damalige Fehlkommunikation. Fachbegriffe braucht es ja im einen wie im anderen Falle nicht.

      Und an dieser Stelle ist es besonders wichtig, klar zu kommunizieren, da die Botschaft Konsequenzen dafür hat, wie sich Menschen verhalten. Wer denkt, ÖPNV sei sowieso nicht gefährlich, ist im ÖPNV eher einmal leichtsinnig. Allein der Umstand, wie wichtig individuelles Verhalten ist, führt ja bereits das ad absurdum, was Sie oben schreiben: es reiche von Seiten des RKI aus, die “angeordnet[n] Maßnahmen der Regierungen” einigermaßen nachvollziehbar zu machen.

      Im allgemeinen finde ich die Kommunikation des RKI und von Forscher*innen wie Drosten oder Ciesek auch sehr gut. Aber dieses spezielle Beispiel war ein Wissenschaftskommunikations-Fail. Darauf hinzuweisen kann helfen, es in Zukunft besser zu machen.

  9. @ Markus Pössel 29.12.2020, 14:19 Uhr

    Die Wissenschaftskommunikation kann immer weiter optimiert werden.

    Es hilft allerdings kaum weiter, wenn der RKI Chef die triste Datenlage noch mehr beweinen würde. Sie ist nun einmal so, wie sie eben ist. Es steht nicht in seiner Macht, auch nicht in der Macht einer Regierung, derartiges in einer Demokratie schnell zu verändern…

    Für die breite Öffentlichkeit, an die sich Wieler hauptsächlich wendet, wäre eine weitere quantitative (aber auch eine qualitative) Bewertung der Probleme, die sich auf die „quantitativen Limitationen“ in seinen Aussagen beziehen, nicht wirklich aussagekräftig. Er würde sich höchstens einen Auftritt in der ZDF Heute show sichern.

    Vielleicht gelingt es den Mathematikern und den KI Forschern doch noch, zusätzliche Daten (z.B. aus Bewegungsprofilen, Gewohnheiten ….) zu generieren und zusammenzuführen, um wirklich relevante Verhaltensmuster und Örtlichkeiten, die die quantitative und qualitative Ausbreitung der Pandemie fördern, zu erhalten?

    • Ein ganz konkretes Problem der Fehlkommunikation steht ja recht zentral im Haupttext: Dass die Übertragungen hauptsächlich im privaten Bereich stattfänden geben die Daten (aus den dort dargelegten Gründen) schlicht nicht her. Das als pauschale Aussage zu kommunizieren (und man sieht ja an den Medienberichten, dass es genau so aufgenommen und weitergegeben wurde) ist problematisch, eben weil es Menschen in falscher Sicherheit wiegen könnte (etwa wenn jenmand dann im ÖPNV nicht mehr so vorsichtig ist wie vorher). Insofern: Doch, für die breite Öffentlichkeit ist z.B. genau jener Aspekt wichtig. Wir reden hier nicht über Feinheiten, oder über Nice-to-have-Verbesserungen.

  10. Ich stimme der Analyse zu: Das RKI hätte klarer kommunizieren können und müssen.

    Was mir zu sehr untergeht (ja, ich habe gelesen, dass es benannt wird): Solche Fehler oder Ungenauigkeiten wären viel weniger schwerwiegend, wenn es nicht viele Journalisten gäbe, die eben nicht kritisch nachfragen, sondern entweder selber vereinfachen oder derartige Vereinfachungen blind reproduzieren.

    Die Kernfrage dazu ist doch: Warum passiert das? Zeitdruck – schneller als die Konkurrenz, nur eine von 27 Meldungen, die man “raushauen” muss, Rechercheaufwand zu hoch? Thema zu komplex? Dass so vielen nicht klar ist, wie wichtig die Meldungen sind, mag ich ehrlich gesagt nicht so recht glauben, und dass ihnen die Auswirkungen egal sind, ebenso wenig…

    Übrigens: im Artikel wird 2x auf den “RKI-Situationsbericht vom 20.12.2020” verwiesen. Verlinkt (und offensichtlich gemeint) ist der vom 20.10.2020

  11. @ Markus Pössel 29.12.2020, 20:15 Uhr

    Dass die Übertragungen hauptsächlich im „privaten Bereich“ stattfänden, würde ich so interpretieren, dass mein Risiko angesteckt zu werden sehr hoch ist, wenn auch nur ein Familienmitglied infiziert ist. Ich hätte praktisch keine Chance „auszuweichen“.

    Verglichen mit der Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung z.B. im Supermarkt, wenn man mir einer Maske durch die Regale „huscht“ und genug Abstand an der Kasse hält. Vorsichtig zu sein und sich ausreichend zu schützen wird, so meine ich, korrekt und ausreichend in den Medien kommuniziert.

    Im Gegensatz zu den Drohungen der „Weltuntergangspropheten und Bußprediger“ die sich im Schlepptau der Klimawissenschaftler herumtreiben, halte ich die Aussagen der Mediziner, Virologen, Seuchenspezialisten … für ausgesprochen seriös, sachlich, informativ und gut nachvollziehbar.

    • Das Problem an der Interpretation ist, dass Herr Wieler in der spezifischen Pressekonferenz nun einmal keine allgemeinen Betrachtungen angestellt hat, sondern (verkürzt) gesagt hat: Hier sind die Daten, hier ist das Diagramm, wir sehen daraus, dass der private Bereich viel zum Infektionsgeschehen beiträgt, aber z.B. der ÖPNV kaum etwas. Und diese spezifische Schlussweise aus den Daten auf Empfehlungen ist nun einmal falsch. Das habe ich bemängelt.

      Die Parallele mit der Klimawissenschaft und offenbar auch die Gefährlichkeit des Klimawandels schätze ich offenbar deutlich anders als Sie ein, aber darum geht es hier ja nicht. Sondern darum, dass eine ganz bestimmte Argumentationskette in dieser ganz spezifischen Pressekonferenz in der dargelegten Weise problematisch – und damit ein Wissenschaftskommunikations-Fail war.

  12. @ Markus Pössel 29.12.2020, 22:40 Uhr

    Hätte Herr Wieler den Vortrag speziell vor Mathematikern und Statistikern gehalten, hätte er vermutlich anders argumentiert und die fachspezifische „Denke“ berücksichtigt.

    Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, vermute aber dass die Pressekonferenz ganz normal im ZDF, ntv, Phönix, …. für die breite Öffentlichkeit übertragen und auch vorgesehen war.

    Bei den Klimawissenschaftlern kritisiere ich nicht deren Aussagen zur Klimaerwärmung, sondern dass sie sich mit ihren Vorschlägen für eine Problemlösung völlig über die Köpfe aller anderen Wissenschaftler hinwegsetzen, die sehr wohl im Umgang mit der Bewältigung von Klimaproblemen kompetent sind.

    Den Medizinern sind die schlimmen sozialen Implikationen (Arbeitslosigkeit, riesige Kosten….) ihrer Vorschläge bekannt und sie versuchen ernsthaft diese Schäden zu minimieren. Die Einschränkungen wegen der Pandemie sind eher lächerlich, dennoch scheinen die wirtschaftlichen Folgen existenzbedrohend. Wir können einen „Blick in den Abgrund“ werfen.

    Klimawissenschaftler, besonders ihrer „Gefolgschaft“, scheren sich nicht um die sozialen Implikationen. Sie scheinen eher ganz wild auf „schmerzhafte Klimabuße“ aus, nicht auf realistische Problembewältigung.

    Für sie ist alles was das Leben für immer mehr Menschen auf der Welt bequemer oder angenehmer macht „Teufelszeug“. Energie, Verkehr, Industrie, Urlaub, Wohlstand, Wirtschaftsbeziehungen, Sozialleistungen, … alles ist gefährdet. Die ganze Gesellschaft könnte zusammenkrachen wenn erst einmal immer mehr Kräfte der „inneren Selbstzerstörung“ frei werden.

    • Hm. Auch das geht meilenweit vorbei an dem, was ich schrieb. Ob Herr Wieler sinngemäß sagt “diese Daten geben es nicht her zu sagen, wie häufig spezifische Infektionsumfelder sind” oder “aus unseren Daten folgt, dass Ansteckungen im privaten Bereich besonders wichtig, ÖPNV relativ unwichtig sind” darf doch nicht davon abhängen, ob er vor Mathematikern/Statistikern redet oder für das allgemeine Publikum.

      Und die Aussage, dass es hier nicht um Klimawandel geht, scheint bei Ihnen auch nicht angekommen zu sein. Ich denke, wir sollten diesen Teil der Diskussion hier beenden.

  13. Sehr wichtiger Beitrag, denn diese Fehl-Kommunikation hatte ja tatsächlich Folgen: nämlich die, dass niemand verstand, warum Restaurants, Kinos, Hotels plötzlich schließen mussten. Dem Lockdown light mangelte es genau deshalb an Verständnis. Alle Branchen haben gesagt, mein Bereich ist doch gar kein Infektionstreiber, warum muss ich jetzt schließen.

    Es hatte riesige politische Folgen und die hätten vermieden werden können, wenn das Diagramm – wie in dem Text beschrieben – richtig dargestellt worden wäre mit dem riesigen weißen Fleck der nicht bekannten Infektionsumfelder. Meines Erachtens ein Fehler des RKI, auch wenn die dpa mit guter Arbeit das Diagramm hätte bearbeiten können und die Überschrift anders hätte wählen müssen.

  14. Hm, so desolat also die berichteten Daten und Fakten?

    Man ist dazu verleitet, diese ganze Show “lupenreine Fake-News” zu nennen.

    Aus der Not, etwas der Öffentlichkeit erklären zu müssen, redet man sich mit minderwertigem Datenfundament um Kopf und Kragen. Das ist natürlich traurig.

    Abgesehen davon, das ich die gegenwärtige “Corona-Live-Ticker-Show” in den Massenmedien für eine erbärmliche Sünde und verstandeslose Sinn und Hilfesuche. Können Menschen keine Ruhe und Einsamkeit und Ohmnacht mehr ertragen? Müssen sie sich ihre Ängste durch diese Dauershow betäuben?

    Oder andersrum: Muß dieser Terror sein, der uns gerade nicht zur Besinnung kommen lässt? Das tut es vor allem deswegen nicht, weil die Daten eben keine Hand und Fuß haben und nahezu vollkommen Zsusammenhangslos daherkommen. Was primär der Theorie der Seuchenverbreitung natürlich nicht wirklich untermauern kann.

    Ich gehe eh davon aus, das eine Tröpfchenansteckung nur eine Variante der Verbreitung dieser Seuchensymptomatiken ist. Vielleicht nur ein Sonderfall, wobei der Normalfall eben rein neurologisch zustande kommt.

    • Wenn Sie aus diesem einen Beispiel eine Pauschal-Aburteilung als “lupenreine Fake-News” ableiten, machen Sie genau das, worum es hier ging: Überzogene Aussagen auf dünner Datenbasis. Solche übertriebenen (und auch von den Fakten her durchaus zweifelhaften) Einwürfe helfen uns hier nicht weiter – weder unter diesem Blogbeitrag noch allgemein in der Pandemie.

  15. Was ich nicht verstehe, ist, das man erst eine App programmieren musste, die die Menschen auf dem Handy installieren müssen, um Bewegungsprofile und also Verbreitungs-Infortmationen zu erhalten.

    Nach allem, was man so hört, ist eine Seuche ein populationsweites Katastrophen-Ereignis, weshalb es keine Freiwilligkeit bei der Bewegungsnachverfolgung geben sollte.

    Die schlüssigste Lösung wäre demnach, das man die Netzbetreiber dazu zwingt, alle Daten ihrer Netzwerke dergestalt zusammenzuführen, sodass dieses Kontakt-Mosaik daraus hervorght. Die Daten sind ja sowieso da oder werden temporär erhoben (Systembedingt).

    Nur so bekommt man ein halbwegs verlässliches Datenfundament.

    • “verlässliches Datenfundament” wofür? Für die Beurteilung des allgemeinen Mobilitätsverhaltens ist eine personenbezogene Erfassung nicht notwendig und eine Analyse der Aufenthaltswahrscheinlichkeit liefert Google ja zeitnah und öffentlich¹ – aufgeschlüsselt nach Geographie und Örtlichkeiten. Ferner gibt es auch Studien², die sich mit Simulationen befasst haben, in denen die Auswirkung der Veränderungen verschiedener Randbedingungen (Mobilitätsverhalten, Größe potentieller Cluster, R-Wert usw.) untersucht wurden. Mit beidem “bewaffnet” ergeben sich auch ohne personenbezogene Daten hinreichende Argumente für gewisse allgemeine Empfehlungen. (Um Empfehlungen aufgrund einer hinreichenden Datenlage ging es ja im Blog-Artikel.)

      Zum technischen Aspekt: Bei deaktivierter Standortinformation liegen dem Netzbetreiber vermutlich nur die Daten der benutzten Funkzellen vor, die aber keinesfalls eine eindeutige Zuordnung zu konkreten Orten oder GPS-Koordinaten zulassen. Sie wären daher nur sehr eingeschränkt hilfreich für eine Kontaktverfolgung im öffentlichen Bereich.

      Aber selbst wenn dies so wäre, fehlt immer noch die Kopplung von “ist infiziert” zu “benutzt Handy mit der Kennung xy”; diese Information muss ja in irgendeiner Form auf das Handy gelangen – beispielsweise halt durch eine App.

      D.h., man müsste a) alle Netzbetreiber zur Speicherung und Aufbereitung der Nutzungsdaten sowie b) alle Handy-Nutzer zur Eingabe ihres Positiv-Befundes zwingen.
      Selbst wenn man das verfassungskonform gestalten könnte, würde es in der Praxis nur funktionieren, wenn die Einhaltung auch forciert, sprich kontrolliert würde. Angesichts dessen, dass wir es nicht einmal schaffen, bei allen gemeldeten Fällen eine Rückverfolgung durchzuführen, halte ich den Ansatz für wenig realistisch.

      ¹ https://www.google.com/covid19/mobility/
      ² keine Studie, sondern für Laien dargestellt: https://www.youtube.com/watch?v=gxAaO2rsdIs

  16. @berlina
    Das RKI hat immer versucht sachlich, ohne Panik und gut verständlich zu informieren. Aus diesem Grund werden die Maßnahmen gegen Covid vom größten Teil der Bevölkerung mitgetragen – man versteht, um was es geht.

    Viele Restaurants haben enorme Beträge für Hygienekonzepte aufgewendet – und müssen jetzt trotzdem schließen. Dazu gibt es mehrere Gründe. Einer davon ist, dass diese Hygienekonzepte systematisch von ´Spassvögeln´ ignoriert wurden. Wenn absichtlich falsche Kontaktdaten und Pseudonamen wie ´Donald Duck´ angegeben werden – dann können Infektionsquellen nicht mehr erkannt und nachverfolgt werden.

    Auch haben Gruppierungen wie AfD, Neonazis, Querdenker absichtlich Hygienemaßnahmen unterlaufen um für ihre politischen Spielchen neue Anhänger zu werben. Man muss sich darum über eine Zunahme von Infektionen nicht wundern.

    Es scheint von einigen Leuten noch immer nicht verstanden worden zu sein, dass Covid-Infektionen nicht nur bei alten Menschen bzw. bei schweren Verläufen großen Schaden anrichten.
    z.B. wurden mehrere Mitarbeiter der Fa. WEBASTO im Januar mit dem Corona-Virus infiziert. Obwohl diese Leute nur leicht erkrankt waren, sind einige bis heute in ihrer Lebensqualität deutlich beeinträchtigt (Erschöpfungszustände/Müdigkeit, Atemwegsprobleme).

  17. Ich halte die Vorgangsweise der Regierenden der Situation angemessen. Selbst wenn Maßnahmen so eine Art von „Alibi“ sein könnten. Auf keinem Fall wollen sich die Amtsträger vorwerfen lassen, sie betrieben „Mord durch Unterlassung“, was jederzeit leicht von den Juristen konstruiert werden könnte, wenn es irgendwann (nach der Amtszeit) zu einer „politischen Abrechnung“ kommt.

    Sie können nicht die Wirtschaft und uns alle ruinieren, sollten aber dennoch für eine halbwegs gute unauffällige Sterbe Statistik sorgen und das Leben sollte, zumindest auf „Sparflamme“, weiter möglich sein.

    Es scheint sich jedenfalls bei der Pandemie so zu verhalten, dass die Verbreitung am stärksten ist, je länger und je stärker man die Aerosole von Infizierten einatmet.

    Unterbunden werden können Aktivitäten die nicht gerade „lebenswichtig“ sind.

    Natürlich ist es sehr schlimm für die Betroffenen, die brauchen unsere Solidarität. Aber es gibt nun einmal größere Risiken. Z.B. in Gastwirtschaften sitzt man sich längere Zeit gegenüber und bekommt Aerosole ab. Auch in Kinos oder bei Veranstaltungen und in den Öffis ist es so. Auf die Öffis kann man nicht verzichten, weil viele Menschen ihren Arbeitsplatz nicht erreichen könnten.

    Bei Hotels wäre die Kontaktdauer nicht das Problem, aber man weiß nicht wirklich wie es sich z.B. bei der Bettwäsche verhält.

    Wichtig fände ich ein der Situation angepasstes Insolvenzrecht. Damit die an ihrer Situation praktisch schuldlosen kleinen Unternehmer schnellstens wieder durchstarten können. Was auch der Wirtschaft insgesamt gut tun würde.

  18. Bei der Wissenschaftskommunikation (ein unklarer Begriff) wer kommuniziert da mit wem?
    Also nochmal, geht es hier um die Verbreitung von wissenschaftlichen Erkenntnissen in den Medien ?
    Dazu ein aktueller Fall. Vorgestern hatte der Südwestrundfunk den Arzt aus Hamburg eingeladen, der zu Coronabeginn behauptet hatte, „die 100 Coronatoten, die ich untersucht habe, die wären sowieso an ihren Vorerkrankungen gestorben“.

    Er behauptete weiter, dass die Toten alle über 80 Jahre alt gewesen wären und Bewohner eines Pflegeheimes.
    Anmerkung: Die Schlussfolgerung, die daraus zu ziehen ist, dass Corona gar nicht so gefährlich ist wie angenommen.

    Diese Position wiederholte dieser Arzt vorgestern im SWR.
    Und das in einem öffentlich-rechtlichen-Rundfunk. Da ist doch etwas im Argen mit der Pressefreiheit.

    Ist das mit Wissenschaftskommunikation gemeint ?

    • Schade, ich dachte das wäre im Haupttext recht deutlich gewesen: Das RKI kommuniziert in dem hier genauer betrachteten Fall bestimmte Ergebnisse an die Öffentlichkeit, zum einen direkt (Pressekonferenz war ja auf YouTube anschaubar), zum anderen via Massenmedien.

    • @hwied (Zitat):

      “ Vorgestern hatte der Südwestrundfunk den Arzt aus Hamburg eingeladen, der zu Coronabeginn behauptet hatte, „die 100 Coronatoten, die ich untersucht habe, die wären sowieso an ihren Vorerkrankungen gestorben“. Er behauptete weiter, dass die Toten alle über 80 Jahre alt gewesen wären und Bewohner eines Pflegeheimes.
      Anmerkung: Die Schlussfolgerung, die daraus zu ziehen ist, dass Corona gar nicht so gefährlich ist wie angenommen.

      Diese Position wiederholte dieser Arzt vorgestern im SWR. Und das in einem öffentlich-rechtlichen-Rundfunk. “

      Ein Arzt der über 80 oder 100 Corona-Patienten berichtet und der selbst daraus Schlussfolgerungen zieht, der liefert damit nichts anderes als eine Anekdote plus seine eigene Meinung ab. Sein Urteil kann man, kann jeder in Frage ziehen. Und es kann für einen Mediennutzer sogar hilfreich sein, zu wissen, dass es solche Ärzte und solche Urteile gibt.

      Es ist in meinen Augen aber etwas völlig anderes wenn der Präsident des Robert Koch Instituts Massnahmen, die wegen der Corona-Infektion getroffen oder nicht getroffen werden beurteilt, denn dann muss das mehr als eine Anekdote sein. Dann sollten seine Aussagen wissenschaftlich abgestützt sein. Wenn es aber keine belastbaren Daten gibt, dann sollte er lieber gar nichts sagen oder explizit erwähnen, dass er hier nur seinen eigenen Eindruck wiedergebe und dass seine Aussage nichts mit dem RKI zu tun habe.

      Ich schreibe das hier, weil sie scheinbar nicht der einzige Kommentator hier sind, dem offensichtlich der Unterschied zwischen jemandem, der für eine Institution spricht und jemandem, der für sich selbst spricht, nicht klar ist.

  19. Markus Pössel,
    Tut mir leid, ich musste auch im web nachschauen was RKI bedeutet.
    Der interessierte Laie bleibt ein Laie.

    Wenn das RKI das offizielle Organ der Bundesregierung ist, dann ist das schon bedenklich und ihre Kritik ist berechtigt.

    Ein anderes Beispiel. unser Ministerpräsident ruft heute die Leute auf sich impfen zu lassen. Irgendwie ist das daneben, wenn die nächste Nachricht lautet, dass es Engpässe bei der Belieferung mit dem Impfstoff gibt.
    Auch die Schulen werden alleingelassen. Die Kultusministerin räumt Versäumnisse ein, aber es kommen keine Anweisungen wie weiter verfahren werden soll. Mal dumm gefragt, wofür werden die Volksvertreter bezahlt?

  20. Sehr geehrter Herr Pössel,
    vielen Dank auf für diesen Einblick – die Kommentare sind ja bunt und zahlreich.

    Mein Eindruck ist tatsächlich, dass Herr Wieler überfordert ist. Ich habe großes Vertrauen in seine Leitung des RKI, seine öffentlichen Auftritte hingegen irritieren mich häufiger, als es mir lieb ist.

    Ich könnte mir vorstellen, dass ein Satz wie: “Ihr Diagramm stellt gerade mal 16% der zugrundeliegenden Datengesamtheit dar, wollen Sie hieraus wirklich Empfehlungen für die Bevölkerung ableiten?” in einem Vier-Augen-Gespräch Herrn Wieler die Schamesröte ins Gesicht treiben würde.

    Aber hier zeigt sich eben doch auch ein ganz anderes Problem: Der gesunde Menschenverstand setzt immer wieder aus. Wer sich einmal die Situation in einem Reisezug anschaut – und sich da aktuell reintraut – sollte seinen Sinnen vertrauen: Wenn Sie Ihren Nachbarn riechen können, die Wurstsemmel des Mitreisenden drei Reihen weiter auch, das AfterShave eines Vorbeieilenden noch einige Zeit Ihre Nase belästigt – wie mag es wohl um den Luftaustausch bestellt sein?
    Sicher “interagieren” wir im ÖPNV bzw. ÖPV nicht so intensiv wie im privaten Umfeld, wir haben aber im Zweifel über einen längeren Zeitraum die gleiche Luftmenge zur Verfügung – wer hier glaubt, Masken würden einen wirksamen Schutz darstellen……

    Kurz gesagt, ich bin der Meinung, dass unsere Experten wie Herr Wieler neben der hier sachkundig vorgetragenen und gerechtfertigten Kritik auch Dank verdienen und wir Alle mit kritischem Auge und wachem Kopf selber dafür Sorge tragen sollten, uns und unsere Mitmenschen bestmöglich zu schützen.

  21. Das Robert-Koch-Institut lieferte, was die Politik bestellt hat
    Gemäss Nach einem Jahr Corona stellen sich Fragen zur Rolle des RKI ist das RKI keine unabhängige wissenschaftliche Institution wie viele annehmen, sondern eine Bundesbehörde, die nicht unabhängig sei, sondern von der Politik kontrolliert werde und als Sprachrohr der Bundespolitiker diene.
    Das RKI habe die Pandemie kleingeredet, als auch Bundesgesundheitsminister Spahn die Pandemie kleingeredet habe und es habe später dann auf Bestellung von Bundespolitikern Horrorszenarien geliefert, als die Politik die Restriktionen verlängern wollte. Zitat:

    Ein kürzlich publik gewordenes Dokument lässt den Schluss zu, dass das RKI lieferte, was die Politik bestellt hatte. Laut Recherchen der «Welt am Sonntag» suchte das Bundesinnenministerium Ende März 2020 Argumente, um den damaligen Lockdown zu verlängern. Markus Kerber, Staatssekretär im Ministerium, fragte unter anderem beim RKI an, ob man ein möglichst drastisches Bild der drohenden Gefahren zeichnen könne. In seinem Schreiben an mehrere Professoren spricht er von RKI-Chef Wieler als «Freund und Nachbar».
    Wenige Tage später übersandten Mitarbeiter des RKI und anderer wissenschaftlicher Institute dem Ministerium das gewünschte Material. Sie entwarfen verheerende Szenarien und warnten vor mehr als einer Million Corona-Toten in Deutschland.

    Persönliche Einschätzung: Eine Einrichtung wie das RKI , das nach aussen vorgibt, im Dienste der Wissenschaft zu arbeiten, in Wirklichkeit aber politisch gelenkt ist würde ich keiner Bevölkerung keines Landes wünschen. Insbesondere aber nicht der deutschen Bevölkerung.

    • Das ist ja gerade basierend auf dem WELT-Artikel mit seiner Diskrepanz zwischen Anschuldigungen und Skandal-Behauptung einerseits und fehlender Begründung, worauf die Beschuldigungen beruhen, andererseits. Die wenigen Zitatschnipsel, die ich bislang von der WELT aus den E-Mails gesehen habe, auf denen der Artikel beruht, geben nicht im Ansatz her, was da hineininterpretiert wird. Insofern weiß ich jetzt auch bei dieser Beschreibung aus 2. Hand (denn das ist ja offenbar: NZZ formuliert mit eigenen Worten, was die WELT vorher mit eigenen Worten formuliert hat): Ist “ob man ein möglichst drastisches Bild der drohenden Gefahr zeichnen könne” jetzt ein negatives Framing des normalen Vorgangs anzufragen, wie denn ein Worst-Case-Szenario aussähe? (Genau so, nämlich als Anfrage nach einem Worst-Case-Szenario, wird ja das, was da vorgegangen ist, in anderen zweiter-Hand-Presseberichten beschrieben.) Insofern: Ich hätte gerne eine Begründung, worauf diese Anschuldigungen beruhen. Da die WELT die entsprechenden E-Mails hat, sollte sie aufzeigen, woraus sie ihre Schlüsse zieht. Dass sie das offenbar bislang nicht getan hat, halte ich für höchst problematisch, auch handwerklich-journalistisch.

      • Ja, bewiesen ist nichts. Aber das Gesamtbild spricht dafür, dass das RKI das liefert, was die Politik im Moment gerade von ihm erwartet.

        Oder etwas eingängiger formuliert: Wenn der Minister Corona mit einer Grippe vergleicht, dann macht das auch das RKI (anstatt umgekehrt) und wenn der Minister Gründe für verschärfte Massnahmen braucht, dann liefert das RKI diese.

        Seltsam nur: Christian Drosten hat Corona nie auf die gleiche Stufe wie die Grippe gestellt, das RKI zu Beginn schon.

        • Ich sehe im Gesamtbild nichts, was dafür spräche. Solche doch recht gewichtigen Anschuldigungen sollten Sie selbst wenn Sie sie nur in einem Blogkommentar und damit eher informell aufstellen, doch begründen. Wo beispielsweise setzt das RKI Corona mit einer Grippe gleich? Sie beziehen sich hoffentlich nicht auf diese erfundene Aussage hier?

          • Die Information dazu dass das RKI zu Beginn Corona auf die gleiche Stufe gestellt hat wie Grippe habe ich von tagesschau.de

            Wann hat Spahn was gesagt?

            23. Januar: Spahn betont in den tagesthemen, anders als bei der großen SARS-Epidemie in Asien 2003 funktioniere der Austausch der internationalen Gemeinschaft. Und auch China gehe transparenter mit der Lage um als vor einigen Jahren. Daher könne man sich besser vorbereiten. Es sei wichtig, die Krankheit einzuordnen. Spahn verwies in diesem Zusammenhang auf die Grippe, an der in Deutschland jedes Jahr bis zu 20.000 Menschen sterben. “Auch das ist eben ein Risiko, das wir jeden Tag haben.” Bei der neuen Lungenkrankheit sei das Infektionsgeschehen im Vergleich dazu milder.

            28. Januar: Spahn mahnt zur “wachsamen Gelassenheit”. Man sei gut vorbereitet. Die Pläne für solche Fälle funktionierten: Kontaktpersonen von Infizierten würden ermittelt und isoliert. Die Gefahr durch das neue Virus für die Gesundheit der Menschen bleibe weiterhin gering, sagte Spahn unter Berufung auf das Robert Koch-Institut (RKI).

            Fazit: Zuerst sagt Spahn Corona und Grippe seien auf gleichem Gefahrenniveau. Kurz darauf kann sich Spahn dann auf das RKI beziehen, die das gleiche sagt. Das ist doch kein Zufall.

          • Wie gesagt, Spahn und das RKI sprechen Ende Januar 2020 von geringer Gefahr durch das Virus während Christian Drosten im Interview vom 30.1.2020 durchblicken lässt, dass Corona eine Pandemie verursachen könnte und das mit durchaus ernsthaften Folgen. Allerdings hält er die Chancen dafür das durch Massnahmen zu verhindern für gering. Zu keiner Zeit aber spricht er davon, Corona sei vergleichbar mit Grippe wie das Spahn am 23.Januar tat. Auch stimmt seine Einschätzung nicht mit derjenigen von Spahn und dem RKI vom 28.Januar überein (Zitat):

            Die Gefahr durch das neue Virus für die Gesundheit der Menschen bleibe weiterhin gering, sagte Spahn unter Berufung auf das Robert Koch-Institut (RKI).

          • Naja vorsichtig, jetzt verschieben Sie ja die Torpfosten doch ganz beträchtlich. Das ist in so einer Diskussion kein statthaftes Vorgehen. Ich war skeptisch gegenüber Behauptung gewesen, “Wenn der Minister Corona mit einer Grippe vergleicht, dann macht das auch das RKI (anstatt umgekehrt)”. Dann liefern Sie doch bitte einen entsprechenden Beleg für diese Behauptung. Dafür, dass Spahn Corona ganz am Anfang mit der Grippe verglichen hat, haben Sie jetzt ein Zitat geliefert. Wann hat das RKI Corona daraufhin in derselben Weise mit der Grippe verglichen? Den Baustein sind Sie bislang schuldig geblieben. Ganz abgesehen von dem Übergang von Korrelation zu Kausalzusammenhang, der dann noch auf einem anderen Blatt steht.

            Ich sehe bislang keinen Beleg für Ihre Behauptung, das RKI hätte sich bei einer Sacheinschätzung an eine vorangehenden Spahn-Aussage angepasst. Und für eine solche schwere Anschuldigung sollte der Beleg schon sehr gut und spezifisch sein.

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