Lehrstühle versus Departmentstruktur

Über soziale und Massenmedien bekomme ich immer einmal wieder Diskussionsbeiträge zur Frage Lehrstühle versus Departmentstruktur mit. Ich finde das Thema spannend, weil es ja in der Tat um eine recht grundlegende Struktur im Wissenschaftsbetrieb geht. Zumindest die Beiträge, die ich bislang gelesen habe, kommen mir aber auch in bestimmter Weise einseitig vor. Ich vermisse Hinweise auf die Nachteile der Abschaffung des Mittelbaus, und auf die Vorteile des Lehrstuhlsystems. Welche der Varianten anhand der Vor- und Nachteile letztlich günstiger ist, darüber lässt sich natürlich diskutieren. Aber die Nachteile des eigenen Vorschlags und Vorteile des Status Quo weitgehend auszublenden ist kein guter Ansatz für Diskussionen.

Junge Akademie für Departments

Das Plädoyer für eine Departmentstruktur kann man insbesondere in diesem Papier der Jungen Akademie (PDF) von 2017 nachlesen (im folgenden JA abgekürzt).

Departments statt Lehrstühle: Moderne Personalstruktur für eine zukunftsfähige Wissenschaft. Debattenbeitrag der AG Wissenschaftspolitik der Jungen Akademie

Mit Departmenstruktur ist dabei gemeint: Die Universität nützt ihre Grundmittel im Bereich Wissenschaftlerstellen ausschließlich (oder weitgehend) für Professorenstellen – unbefristete Stellen und Tenure-Track-Stellen, die in geordneter Weise auf eine Professur hinführen. Mittelbaustellen, deren wissenschaftliche Mitarbeiter einem bestimmten Professor oder einer Professorin weisungsgebunden untergeordnet sind und damit selbst nicht selbstständig forschen, entfallen weitgehend. Verwaltungs- und Servicemitarbeiter sind nicht mehr konkret einem Professor oder einer Professorin zugeordnet, sondern dem Department zugeordnet. Auch weitere Infrastrukturfragen, etwa die Zuteilung von Büro- und Laborplatz, wird departmentweit entschieden. In Reinform gäbe es im Department dann nur noch Professorenstellen; Postdoc- und Doktorandenstellen wären aus Drittmitteln finanziert.

Eine Reihe von Vorteilen liegen auf der Hand: Es gibt insgesamt mehr Professorenstellen, also bessere Chancen für Wissenschaftler/innen, nach der Karriere als Doktorand/in und Postdoc auf einer selbstbestimmten Stelle zu landen. Gremienaufgaben und Lehre verteilen sich ebenfalls auf mehr Schultern (JA S. 5); an der Stelle fehlt mir allerdings das erste Caveat im JA-Papier: mit größerer Professorenzahl dürfte ja auch die Zahl der Lehr-Stunden und damit im deutschen System leider auch recht automatisch die Zahl der Studienplätze steigen. Ob sich die Arbeitsbelastung in der Lehre so am Ende vermindert oder nicht müsste zumindest diskutiert werden. Aus dem gleichen Grund ist die Aussage (JA S. 7), das Betreuungsverhältnis für die Studierende würde sich wesentlich verbessern, problematisch. Da wird in der Einleitung eine Variable konstant gehalten (Studierendenzahl), die sich unter den neuen Verhältnissen durchaus ändern dürfte; erst später rückt der JA-Bericht damit heraus: das sind keine automatischen Vorteile, sondern eine Verbesserung des Betreuungsverhältnisses würde Änderungen im Kapazitätsrecht voraussetzen (JA S. 10). Was das schöne Argument “Department heißt besseres Betreuungsverhältnis!” prompt wieder relativiert. Denn Verbesserungen des Betreuungsverhältnisses kann man natürlich auch ganz ohne Departmentstruktur erhalten, wenn man das Kapazitätsrecht entsprechend anpasst.

Department: Wer hat die Macht?

Stichwort “Die Department-Struktur folgt […] einem international anerkannten Vorbild, das im nordamerikanischen, angelsächsischen und skandinavischen Raum verbreitet ist” (JA S. 3). Irgendwie geht dabei, soweit ich sehen kann, komplett verloren, dass unsere internationalen Kollegen in ihren Departments zum Teil auch nicht glücklich sind. Das klingt im Haupttext des Papiers soweit ich sehen kann gar nicht an, in einigen der Kommentaren zumindest etwas (z.B. S. 26, S. 36ff.).

Was heißt es denn, wenn über wesentliche Ressourcen departmentweit entschieden wird? Dass Akademiker/innen auf einmal komplett kooperativ werden und sich innerhalb ihrer Department-Kommune freundlich und gegenseitig unterstützen? Das wäre dann doch ein sehr idealisiertes Bild. Die Realität sehen wir in den entsprechenden Schilderungen. Es gibt Verteilungskämpfe. Im ungünstigsten Falle zerfällt das Department in konkurrierende Fraktionen. Hier ist eine schöne Schilderung eines amerikanischen Professors: wie er als frischgebackener assistant professor von den beiden Fraktionen seines Departments hofiert wurde. Wie er lernte, dass man bestimmte Departmentmitglieder tunlichst nicht zur selben Partie einladen sollte. Wie die Abstimmungen zum Leitungskommittee des Departments jedes Jahr entlang der Fraktionslinien verliefen. Wie er und Kollegen, die von extern hinzugezogen worden waren um ein besonders zerstrittenes Department zu befrieden, unter Decknamen in einem Hotel untergebracht wurden, damit keine der beiden Department-Parteien heimlich Avancen machen konnte.

Nun gut, Wahlen und Parteien haben wir ja auch im breiteren gesellschaftlichen Leben. Aber dort haben wir eine Balance: über ein bestimmtes Mindestmaß an Ressourcen bestimmt nicht die Mehrheit der Gesellschaft, sondern das Individuum. Je größer das eigene Mindestmaß an Ressourcen, desto größer die Freiheit und Selbstbestimmung des Individuums.

Eine Frage der Selbstbestimmung

Der JA-Vorschlag schränkt diese persönliche Freiheit im Extremfall komplett ein. Wenn alle Ressourcen departmentweit entschieden werden, ist der/die einzelne Professor/in weitgehend vom Department abhängig. Doktorandenstellen gibt es nur noch als departmentweiten Pool (JA S. 13)? Dann muss, wer eine solche Stelle möchte, entsprechend dafür werben bzw. kämpfen. Im Extremfalle helfen noch nicht einmal Drittmittelanträge – in der zusammenfassenden Grafik (JA S. 6) sind selbst die Drittmittel-finanzierten Mitarbeiter/innen nicht mehr einzelnen Professor/innen zugeordnet. Ob sich die Förderorganisatoren auf solche kommunalisierten Projektanträge einließen, ist die Frage; wenn ja (was ich für unrealistisch halte), wäre damit auch die letzte Möglichkeit, an der Departmentmehrheit vorbei “sein eigenes Ding” zu machen, versperrt.

Das Idealbild von den Professor/innen, zu deren Aufgaben in der schönen neuen Departmentwelt “vor allem die inhaltliche Forschung (und weniger die Weisung von MitarbeiterInnen) und die Lehre auch in Kleingruppen wie Seminaren und Praktika” gehört (JA S. 14), blendet nämlich eine gewichtige unschöne Seite komplett aus. Zu den Hauptaufgaben von Professor/innen unter diesen Umständen gehört es, den Kopf über Wasser zu halten – Allianzen zu schmieden, Kompromisse zu schließén, Departmentrichtlinien auszuhandeln, die dafür sorgen, dass man nicht auf einmal ohne Laborräume und ohne eigene Doktoranden dasteht. Dass sich Professor/innen unter diesen Umständen weniger “WissenschaftsmanagerInnen betätigen, sondern als aktiv Forschende” ist alles andere als ein Selbstläufer. Im Gegenteil: dort dürften Professor/innen einen nicht unerheblichen Teil ihrer Zeit für die eigene departmentinterne Lobbyarbeit einplanen müssen.

Systemimmanente Anreize

Jedes System bestimmt durch seine Anreize und Belohnungsmechanismen, wer darin besonders erfolgreich ist. In einer Departmentstruktur wird politisches Geschick ungleich wichtiger als im jetzigen System. Dort bestimmt nicht mehr nur die Forschungsleistung, wer vorankommt, sondern vor allem die Fähigkeit, Koalitionen zu schmieden, die anderen Departmentmitglieder zu überzeugen, Lobbyarbeit bei den Kollegen durchzuführen.

Früher oder später landen damit diejenigen Wissenschaftler/innen an den Schalthebeln, denen diese Art von Machtgewinn und Machterhalt besonders gut liegt. Wer einfach nur seine eigene Forschung machen möchte, hat deutlich schlechtere Karten. Und da die Regeln des Departments nicht in Stein gemeißelt sind, dürften die Lobbyarbeits-Fähigen, die im Department den größten Einfluss haben, früher oder später auch die Regeln so anpassen, dass ihr Einfluss noch weiter wächst.

Neue Ungleichheit

Einen weiteren Aspekt der Department-Dynamik kennen wir ebenfalls aus den USA. Auch da sind selbst innerhalb des Departments einige Professor/innen gleicher als andere: Diejenigen, die gehörige Mengen an Drittmitteln heranschaffen, samt der dazugehörigen “Overheads”, also des Zusatzgeldes, das direkt dem Institut (oder eben dem Department oder Fachbereich oder der Uni) zugute kommt.

Wer im Department mit solchen Geld-Zuflüssen planen muss, wird diejenigen Professor/innen, die das nötige Geld heranschaffen, entsprechend gut behandeln. Die Schattenseite davon haben wir bei verschiedenen Missbrauchs- und Belästigungsskandalen gesehen, wo ein Department dann doch recht zögerlich reagierte wenn es darum ging, Maßnahmen gegen Professor/innen zu treffen, deren Drittmittel für das Department von großer Wichtigkeit waren. Da auch im Kontext mit entsprechenden Fällen in Deutschland einige Stimmen die hierarchische Struktur des Lehrstuhlsystems verantwortlich gemacht und die Departmentstruktur als Gegenmittel angepriesen haben, sind solche Fälle in den USA ein wichtiges Gegenbeispiel. Departmentstrukturen können Dynamiken entwickeln, die bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen mindestens ähnlich schädlich sind wie die lehrstuhlbedingte Hierarchie.

Eine Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit

Wissenschaftsfreiheit besteht nur dort, wo hinreichende Ressourcen vorhanden sind. Durchaus möglich, dass in einigen Unterdisziplinen noch der einzelne Gelehrte fruchtbar forschen kann – wer zum Forschen nicht mehr benötigt als sich selbst, sein Büro, seinen Computer und vielleicht noch ein paar Reisemittel, den wird auch die von der JA vorgeschlagene Departmentstruktur wenig einschränken.

Aber sobald Doktorandenstellen und Laborraum vom Department aus verteilt werden, sieht das anders aus. Dann punkten im ungünstigsten Falle diejenigen, die besonders fähig in der Department-Politik sind und sich mit geeigneter Mehrheit ein besonders großes Stück vom gemeinsamen Kuchen sichern können. Und wer das Department-Politik-Spiel nicht gut mitspielen kann – und solche politischen Fähigkeiten gehören nun einmal nicht automatisch zur Qualifikation der Forschenden – sitzt dann unter Umständen ganz ohne Ressourcen da. Wenn das passiert ist, ist es mit der Wissenschaftsfreiheit dann nicht mehr weit her. Ohne entsprechende Ressourcen sind der- oder demjenigen viele Forschungsrichtungen von vornherein verschlossen.

Nun ist es natürlich in der Tat nicht so. dass jeder Forschende im Namen der Wissenschaftsfreiheit im derzeitigen System beliebige Ressourcen zugeteilt würden. Für größere Vorhaben muss man auch im jetzigen System Drittmittel beantragen und/oder mit anderen Institutionen gemeinsame Sache machen. Aber das jetzige System bietet einen Mittelweg. Klar, wenn er oder sie ein Projekt stemmen möchte, das 50 Wissenschaftler/innen benötigt, muss ein Professor das organisieren. Aber ein Projekt mit einem Doktoranden und einem Postdoc kann ein Lehrstuhlinhaber im jetzigen System oft auch aus seiner eigenen Grundausstattung heraus realisieren, ohne Lobbyarbeit. Und diese Freiheit wird er oder sie im neuen System dann eben nicht mehr haben.

Marginalisierungsmöglichkeiten

Und nachdem in der Department-Diskussion die Probleme mit der hierarchischen Struktur (etwa bei Bullying durch Professor/innen) ebenfalls ins Feld geführt worden sind: da hält die vorgeschlagene Struktur ganz neue Probleme bereit. Nämlich die Möglichkeiten und die Gefahr, dass einzelne Wissenschaftler/innen innerhalb ihres Departments komplett an den Rand gedrängt werden. Das kann durchaus ganz offen geschehen.

Wenn die Department-Mehrheit beispielsweise den Verteilungsschlüssel für Laborraum oder Doktorandenstellen aus allgemein nachvollziehbaren Gründen nach Kriterien ausrichtet – Förderung der Interdisziplinarität, Berücksichtigung bestimmter mehrheitlich beschlossener Forschungsschwerpunkte innerhalb des Departments, vielleicht auch noch verknüpfte Bedingungen wie jene, dass wer eine/n Doktorand/in beschäftigen möchte, hinreichend viel Laborraum nachweisen muss – die dann zufällig/unzufällig darauf hinauslaufen, dass Professor/in X so gut wie keine Doktorandenstellen mehr aus dem Departmentpool bekommt. Wer im eigenen Department so isoliert ist, konnte sich bislang wenigstens noch auf die eigene Grundausstattung zurückziehen. Aber die soll es in der neuen Department-Welt ja nicht mehr geben.

Möglichkeiten zur Mängelwirtschaft

Ebenfalls nicht zu unterschätzen: Wieviel einfacher sich einem Department im Vergleich zu einem Lehrstuhl etwas wegnehmen lässt. Wer seine Mindestausstattung nach Berufungsverhandlungen vertraglich zugesichert bekommen hat, ist auf der sicheren Seite. Pacta sunt servanda. Departmentweit zugesicherte Ressourcen? Falls da jemand bei der Umstellung versucht, im Vertrag mit der Universität eine bestimmte Mindest-Ressourenmenge zugesichert zu bekommen: viel Glück. Departments sind organisatorische Untereinheiten, rechtlich nicht selbstständig. Da dürfte es keine internen Verträge geben. Sondern das Departmentbudget wird Teil der Gesamt-Verfügungsmasse. Falls die Uni sparen muss, wird sie das selbstverständlich auch auf ihre Departments umlegen.

Und dann? Muss das Department halt sehen, wie es mit den reduzierten Ressourcen zurechtkommt. Erhöht das die Konkurrenz innerhalb des Departments? Selbstverständlich. Aber Pech gehabt. Dieses Risiko dürfte in die Departmentstruktur direkt mit eingebaut sein.

Drittmittelstress jetzt auch zuhause!

Überhaupt die personelle Grundausstattung! Stichwort “aktuell[e] Trends in der deutschen Wissenschaftspolitik” (JA S. 13 ff.). Ein aktueller Trend wird dabei komplett ausgespart. Zumindest in meinem weiteren Umfeld (direkt und über soziale Medien) stöhnen so gut wie alle Wissenschaftler über den Aufwand, der getrieben werden muss, um Drittmittel einzuwerben. Das grundlegende Dilemma solcher Antragswirtschat lässt sich zugespitzt formulieren als: “Bitte legen Sie einen Antrag vor, der komplett unerforschtes Neuland erschließt. Ach ja, und bitte legen Sie dazu einen Plan vor, der bis ins Detail überzeugend darlegt, wie Ihre Forschung in den nächsten drei Jahren verlaufen wird.” Dass sich komplettes Neuland und gute Planbarkeit gegenseitig ausschließen, liegt auf der Hand – aber wer das in einem Antrag ehrlich darlegt und eine geforderte detaillierte Verlaufsplanung verweigert, dürfte bei der Antragsstellung kaum erfolgreich sein.

Wie soll innerhalb des Departments über die interne Ressourcenzuweisung entschieden wären? Zu befürchten steht, dass das Antrags-Unwesen auch dort Einzug hält. Zusätzlich zu den üblichen Anträgen kommt auf die Professor/innen dann noch die zusätzliche Freude zu, derartige Ausarbeitungen auch für das eigene Department verfassen zu müssen. Ich sehe auch nicht recht, wie sich das vermeiden ließe. Denn Entscheidungen brauchen Transparenz und Nachvollziehbarkeit – das Department-Kommittee muss nach bestimmten Regeln zuteilen. Die Professor/innen, die eine Doktorandenstelle oder ein Labor brauchen, müssen also in irgendeiner Form darlegen, warum gerade sie diese Ressource brauchen. Das sollte tunlichst schriftlich geschehen, damit alles gut dokumentiert und nachvollziehbar ist. Und schwupps sind wir mit vielen guten Vorsätzen und eigentlich guten Gründen dabei, dass die Professor/innen noch mehr Anträge schreiben dürfen als bislang schon.

Die bisherige personelle Grundausstattung bedeutete, dass der Professor oder die Professorin zumindest über ein Minimum an Ressourcen selbst entscheiden kann, ohne Antragsaufwand. Das dürfte in der zukünftigen Departmentstruktur wegfallen. In diesem Punkt geht die Departmentstruktur in die Gegenrichtung eines “aktuellen Trends” – dass sich nämlich die meisten Wissenschaftler/innen wünschen, weniger Zeit auf Anträge und mehr Zeit auf die eigentliche Forschung verwenden zu können.

Ist ein Department flexibler?

Das JA-Papier wirbt damit, eine Departmentstruktur habe automatisch eine “flexiblere Forschungsdynamik” – es könne “innerhalb des Departments die fachliche Breite erhöht werden und eine dynamische Forschungslandschaft etabliert werden” (S. 5). Auch das bezweifle ich, und zwar aus allgemeinen Erfahrungen mit Gruppenentscheidungen heraus.

“A camel is a horse designed by a committee” lautet eine englische Redensart. Plenums-Entscheidungen in größeren Gruppen tendieren zum Kompromiss, zur Mitte, zum Ausgleich. Ich sehe keinen Grund, warum eine strategische Entscheidung eines ganzen Departments, seine Ressourcen in bestimmter Weise auf Forschungsschwerpunkte zu verteilen, automatisch eine andere soziale Dynamik haben sollte.

Sicher: Auch bei einer solchen Departmentstrategie kann etwas Vernünftiges herauskommen. Vielleicht entscheidet sich ein Department ja sogar dafür, bei seiner Ressourcenverteilung etwas Analoges zu den Freidenker-Fellowships der Volkswagenstiftung einzuführen, also sinngemäß absichtlich eine gezielte Förderung von Forschungsrichtungen, die gerade nicht allgemeinen fachlichen Konsens finden. Nach meinen (beschränkten) Erfahrungen halte ich es allerdings für deutlich wahrscheinlicher, dass bei Strategie-Debatten ein großes Kompromiss-Dachgebilde herauskommt, in dem alle Beteiligten ihre persönlichen Lieblingsthemen irgendwie wiederfinden – und das dann zwangsläufig eher schwammig und breit formuliert ist.

Wirkliches Querdenken fände vermutlich auch in einem Department eher in einem anderen Zusammenhang statt. Dann nämlich, wenn ein/e Einzelne/r beschließt: ist mir egal, ob ich dafür eine breite Mehrheit finde, ich folge meinem eigenen Forschungs-Bauchgefühl und gehe jetzt einfach weitgehend alleine in Forschungsrichtung X. Aber auch da stoßen wir wieder auf das Problem der Grundausstattung. Mit eigenen Doktoranden/Postdoktoranden mag solch ein Alleingang eine realistische Option sein. Aber wenn der/die Einzelne selbst so etwas wie Laborräume und Doktorandenstellen im eigenen Department erst per Konsens einwerben muss, liegt die Schwelle für solche kreativen Alleingänge deutlich höher.

Individuum versus Gemeinschaft

Letztlich ist die Frage Lehrstuhl versus Departmentstruktur das universelle soziale Grundproblem: hie die Bedürfnisse des Individuums, dort die Bedürfnisse der Gemeinschaft, wo ziehen wir die Trennlinie?

Unsere Gesellschaft funktioniert, weil die Trennlinie in den Teilbereichen, in denen diese Frage relevant wird, irgendwo im Mittelbereich verläuft. Individuen haben Freiräume um sich zu entfalten und eigene Wege zu gehen, aber das in einem gesellschaftlichen Rahmen, der durch Konsens bestimmte Randbedingungen vorgibt. Das gilt auf ganz fundamentaler Ebene bei den Rechten (individuelle Grundrechte versus rechtlich verbindliche Regeln für alle) ebenso wie bei den Ressourcen (Eigentumsfreiheit versus Gemeinschaftsausgaben und dafür nötige Besteuerung), und ganz spezifisch in vielen Teilbereichen.

Die Departmentvorschläge der Jungen Akademie wollen die Trennlinie im Wissenschaftsbetrieb vergleichsweise extrem zugunsten der Gemeinschaft verschieben. Das Spektrum der möglichen Organisationsformen reicht ja nun einmal von kompletter Zentralisierung, bei der ein/e Einzelne/r den gesamten Wissenschaftsapparat steuert bis zu kompletter Dezentralisierung in der alle Ressourcen komplett der Gemeinschaft zugeordnet sind und konsens- bzw. mehrheitsorientiert verplant werden. Das jetzige Lehrstuhlsystem hatte eine Mittelstellung. Ja, es gibt darin eine Hierarchie – wer als wissenschaftliche/r Mitarbeiter/in nicht selbst Professor/in ist, darf nicht frei über die eigene Forschungsarbeit entscheiden. Aber die personelle Grundausstattung ist auch ein wichtiges Element von Wissenschaftsfreiheit. Wer eine eigene personelle Grundausstattung hat, kann als Wissenschaftler/in einigermaßen frei die eigene Forschungsrichtung wählen. Wer schon für kleine Forschungsprojekte im eigenen Department Lobbyarbeit betreiben und Kompromisse eingehen muss, ist in seiner Wissenschaftsfreiheit bereits eingeschränkt.

Problemlösungen jenseits der Departmentstruktur

Ich weiß nicht, wie die Departmentdiskussion weitergehen wird, und vor allem nicht, ob etwaige Umsetzungen dann genau dem Muster der Jungen Akademie folgen oder Kompromissversionen umsetzen werden. Ich sehe durchaus Nachteile der derzeitigen “Alleinherrschaft” (so oder ähnlich wird es ja in dieser Debatte nicht selten polemisch formuliert).

Insbesondere bei der Doktorandenbetreuung ist die Abhängigkeit zwischen Doktorand/in und einzelnem/r Betreuer/in ganz sicher problematisch. An dieser Stelle Strukturen zu schaffen, die das Ungleichgewicht geeignet ausgleichen, ist wichtig und sinnvoll. Ein Betreuungs-Kommittee mit mehreren Mitgliedern, wie es an einigen Standorten üblich ist, sollte man durchaus flächendeckend einführen. Auch dass das Recht auf eine eigene Doktorandenstelle in der Grundausstattung eines Lehrstuhls seine Grenzen dort findet, wo es massive Probleme zwischen Betreuer und Doktorand gibt, sehe ich ein – und ja, in solchen Fällen sollte ohne Nachteile für den Doktoranden oder die Doktorandin ein Betreuerwechsel möglich sein. Selbst wenn das heißt, dass der Professor oder die Professorin dann ein paar Jahre die Grundausstattungs-Stelle nicht selbst nutzen kann.

Und selbstverständlich ist die Knappheit der Professorenstellen ein Problem, und ein System mit geeigneten Tenure-Track-Stellen wäre sehr zu begrüßen. Ebenso selbstverständlich muss man diskutieren, wie sich das jetzige Drittmittelsystem, das zusammen mit den Regelungen für die Befristung wissenschaftlicher Stellen zu unakzeptablen Ketten-Kurzzeitverträgen führt und damit insbesondere diejenigen vergrault, die neben der Forschung auch noch eine Familie haben möchten, reformieren lässt.

Das scheint mir aber weniger eine Frage Department vs. Lehrstuhl als eine Frage der Zeitskalen der Förderung zu sein. Bereits jetzt sind beispielsweise Sonderforschungsbereiche (SFBs) der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bis auf eine Laufzeit von 12 Jahren verlängerbar. Das ist bereits dieselbe Größenordnung wie die rund 30 Jahre, die man eine/n Wissenschaftler/in nach der Promotion und ein bis zwei Postdocs bis zur Rente auf einer Dauerstelle finanzieren müsste. Wäre der politische Wille da, könnte man das System entsprechend umbauen: Promotion, Postdocstellen, einige Jahre DFG-finanzierter Tenure Track und bei Erfolg unbefristete DFG-Professur (mit geeigneter Grundausstattung). Wer die Kontrolle behalten möchte, lässt zumindest die Verwendung der Grundausstattung in bestimmten Zeiträumen evaluieren. Nach der Pensionierung läuft die Finanzierung aus; so bleibt der Wettbewerb bestehen, denn um eine neue DFG-Professur müssten sich die Universitäten dann schließlich erst einmal wieder bewerben.

Darüber hinaus kann man auch über weitere Elemente der Departmentstruktur diskutieren. Aber dann eben mit Vor- und Nachteilen. Werden die Nachteile und Gefahren ausgeblendet, könnte sich das insbesondere dann als fatal erweisen, wenn sich Departmentstrukturen in Deutschland tatsächlich durchsetzen würden. Den Regeln und Rahmenbedingungen dürfte eine wichtige Rolle zukommen wenn es darum geht, ob ein Department so funktioniert wie von der Jungen Akademie erhofft oder ob die hier aufgeführten Probleme den Department-Alltag für zahlreiche Mitglieder verderben. Wer sich der Probleme und Gefahren nicht bewusst ist, wird kaum auf den Gedanken kommen, sie bei der Umsetzung angemessen zu berücksichtigen.

Fazit

Das Debattenpapier der Jungen Akademie wirbt damit, Departmentstrukturen seien “moderne Personalstruktur für eine zukunftsfähige Wissenschaft”. Im Kern geht es aber um etwas anderes: darum, eine Wissenschaft zu schaffen, bei der Forscher/innen keine eigene garantierte personelle Grundausstattung haben. Solch eine Struktur wäre aber alles andere als zukunftsfähig, nämlich in mehrerlei Hinsicht eine Gefahr für die Wissenschaftsfreiheit.

Wenn man so einseitig kontra Departmentstruktur formulieren würde wie das Debattenpapier dafür argumentiert, könnte man sagen: Die Departmentstruktur würde Professor/innen nicht mehr Zeit für die Forschung geben, sondern weniger, da das Antragsunwesen um die dann nötige innerdepartmentliche Lobbyarbeit ergänzt wird. Es würde Machtmissbrauchprobleme nicht lösen, sondern ganz neue Möglichkeiten für Machtmissbrauch schaffen. Es wäre nicht automatisch flexibel, sondern würde von der Struktur her an ähnlichen Problemen kranken wie jede Gruppenentscheidung in größeren Gruppen: es gäbe eine eingebaute Tendenz zum Konsens-Kompromiss, der ungewöhnlichen Ideen wenig Chancen lässt. Es würde die Grundausstattung als letzten Rückzugsort für Forschungstätigkeit mit eigenen Ressourcen abschaffen, die Forscher/innen auf diese Weise dem mehrheitsdominierten System eines Department ausliefern und so die Wissenschaftsfreiheit empfindlich beschneiden. Budgetkürzungen im Universitätssystem würden erleichtert. Vorankommen würde nicht mehr, wer besonders gute Wissenschaft betreibt, sondern wer sich in der Departmentpolitik, beim Koalitionen schmieden und bei der Lobbyarbeit besonders geschickt anstellt – und genau solche Menschen würden die Departmentstruktur dann über kurz oder lang prägen.

Sicher können wir über eine Departmentstruktur diskutieren. Aber dann müssen alle Vor- und Nachteile des Lehrstuhlsystems wie des Departmentssystems auf den Tisch kommen.

 

 

 

 

 

 

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich glaube, dass eine Debatte über die Organisation der Wissenschaft in Deutschland längst überfällig ist. Sicher bringt das Lehrstuhl Konzept einige Privilegien mit sich, allerdings muss es auf seine aktuelle Tauglichkeit überprüft werden.
    Mit der Verabschiedung des WissZeitVG wurde der Mittelbau ja faktisch schon abgeschafft. In Kombination mit immer mehr Studierenden, die sich gerne wissenschaftlich betätigen wollen, konkurrieren immer mehr wissenschaftliche Mitarbeiter um eine begrenzte Anzahl an unbefristeten Stellen. Zumindest in den Life Sciences sind allerdings kaum unbefristete Stellen abseits der Professur vorhanden. Der Gedanke, dass große Lehrstühle abgeschafft und dafür kleinere (unbefristete) Departmentprofessuren eingerichtet werden, ist da relativ naheliegend. In der Tat lässt man sich in Deutschland ja auch gerne vom angloamerikanischen Wissenschaftsmodell inspirieren (Bachelor & Master, Fokus auf kompetitive Drittmitteleinwerbung usw.) übernimmt dieses aber nicht konsequent. Das führt zum Beispiel dazu, dass junge Wissenschaftler eben keine Sicherheit haben, irgendwann fest in der Wissenschaft arbeiten zu können. Das tenure track System wurde hierzulande nicht konsequent eingeführt.
    In außeruniversitären (Life Science) Forschungseinrichtungen setzt sich zunehmend die Departmentstruktur durch. In diesen kann man schon jetzt viele im Text beschriebene Nachteile erkennen: Es bilden sich Fraktionen, „mächtige“ Mitglieder des Departments drücken ihre Interessen durch, politisches Talent wird zunehmend wichtiger bei der Besetzung neuer Stellen.
    Prinzipiell finde ich das Argument Wissenschaftsfreiheit in der Diskussion Lehrstuhl/Department spannend. Allerdings muss man hier feststellen, dass die Wissenschaftsfreiheit in der Organisationsstruktur Lehrstuhl ein Privileg des Lehrstuhlinhabers ist. Wenn wir über eine Gefährdung der Wissenschaftsfreiheit sprechen, müssten wir konsequent über den Verlust an Privilegien einiger weniger Wissenschaftler reden. Ob eine Departmentstruktur hingegen in der Lage ist, ein erhöhtes Maß an Wissenschaftsfreiheit zu gewährleisten, muss in der Tat diskutiert werden.
    Die Idee einer tenure track DFG Professur mit genügend Mitteln für 2 unbefristete PostDocs könnte vielleicht ein Kompromiss sein. Dennoch muss auch hier darauf geachtet werden, dass sich nicht zu viel Macht in wenigen Händen sammelt und man damit die klaren Nachteile der Lehrstuhlkonzeption mit übernimmt.

    • Danke für das Beispiel mit den Life-Science-Forschungseinrichtungen!

      Zum Thema Wissenschaftsfreiheit: die Diskussion darüber, für wen die Wissenschaftsfreiheit gilt, gibt es ja schon lange – siehe diesen Blogbeitrag von Jan-Martin Wiarda vom letzten Jahr. Dass Wissenschaftsfreiheit auch Weisungsbindung zulassen muss, halte ich für recht sicher; andernfalls könnten Unternehmen vermutlich nicht mehr zur wissenschaftlichen Forschung beitragen, und größere Projekte (die zwingend Struktur erfordern) ließen sich auch nicht verlässlich organisieren. Die Aufteilung in eine Klasse derer, denen wir volle Wissenschaftsfreiheit zugestehtn (eben den “Grundrechtsträgern”) und denen, die zuarbeiten und damit einen Teil der Entscheidungsbefugnis über die Forschung abgeben, an der sie beteiligt sind, scheint mir unumgänglich zu sein. Darüber, ob die Zahl der Grundrechtsträger derzeit zu sehr beschränkt ist lässt sich dann natürlich wieder reden!

  2. Hallo Markus,

    schön, dass Du das Thema (wieder) aufgreifst, nachdem es bereits etwas ruhiger darum geworden war. Die Beharrungskräfte sind ja ohnehin sehr groß, und zwar nach Einschätzung vieler, die in der Wissenschaftspolitik unterwegs sind, insbesondere aufgrund der enormen Machtfülle der Lehrstuhlinhaber(Innen) in Deutschland, die gern ihre Vorteile behalten wollen. Die ist m.E. menschlich absolut nachvollziehbar, aber für das Wissenschaftssystem wirklich nutzbringend?

    Deshalb möchte ich Dir der Stelle widersprechen, wo Du beklagst, dass es keine Hinweise auf die Vorteile der Lehrstühle und auf die Nachteile der Abschaffung des Mittelbaus gäbe:
    So hat Oliver Günther, der Präsident der Uni Potsdam, durchaus deutlich die Vorteile der Lehrstühle diskutiert, und zwar sogar auf Einladung der JA auf einer von deren Diskussionsveranstaltungen (siehe https://idw-online.de/de/news697351, zu Günthers Argumentation siehe auch: http://www.duz.de/duz-magazin/2018/04/lasst-viele-blumen-bluehen/475).
    Und zumindest einige haben in der Diskussion (allerdings auch nicht direkt in der JA-Veröffentlichung, sondern “nur” zeitnah zu deren Veröffentlichung) darauf hingewiesen, welche Nachteile eine komplette Abschaffung des wissenschaftlichen Mittelbaus hätte (siehe: https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/das-wissenschaftssystem-vom-kopf-auf-die-fuesse-stellen/, dort wird etwa in der Mitte des Beitrages auch mit einer Unterüberschrift diese Frage diskutiert).
    Daran sieht man, die Diskussionen gingen z.T. bereits in die von Dir eingeforderte Richtung. 🙂
    Was die Diskussion noch mehr befördern könnte, wäre jetzt m.E. ein Förderprogramm z.B. einer Stiftung oder auch eines (Landes-)Ministeriums, in dem das systematische “Ausrollen” von Departments(-Modellen) angestoßen und dabei versucht würde, die unbestreitbar auch vorhandenen Nachteile zu vermeiden oder wenigstens zu vermindern.

    Und noch etwas: Da Du die Frage ansprichst, wie denn die Geldflüsse innerhalb von Departments organisiert werden sollten/könnten: Dazu könnte es interessant für Dich sein, die Erfahrungen mit der formelbasierten leistungsorientierten Mittelverteilung in der deutschen Hochschulmedizin zu reflektieren, für die einerseits eine größere Leistungsgerechtigkeitswahrnehmung, andererseits aber z.T. auch vermehrte “Salami-Taktiken” beim Publizieren aufgrund der hohen Gewichtung von Publikationen konstatiert werden (siehe: http://www.researchgate.net/publication/271131149_Welche_Effekte_hat_die_LOM).

    Viele Grüße
    René

    • Hallo René,

      danke für die Links! Die fehlende Abwägung beklage ich für den Kerntext der JA-Stellungnahme. Wer da keine Gegenargumente nennt und diskutiert, läuft Gefahr den Eindruck zu erwecken, die eigene Position vorab nicht genügend kritisch abgeklopft zu haben.

      Dass allein schon die Trägheit in diesem Falle der vermutlich stärkste “Verbündete” des Lehrstuhlsystems ist, ist unbestreitbar. Vor dem Ausrollen eines Förderprogramms müsste meiner Einschätzung nach aber noch eine genauere Diskussion mit konkreteren Vorschlägen dazu stehen, was da eigentlich gefördert werden soll.

      Beste Grüße von

      Markus

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