Die öffentliche Röntgenlichtmaschine
Unter dem Titel Die Lichtmaschine – Zu Besuch beim teuersten Experiment Deutschlands veröffentlichte Spiegel-Online kürzlich einen lesenswerten Beitrag über meine Arbeitgeberin, die European XFEL GmbH. Es ist immer schön, etwas Faszination an der eigenen Arbeit in den Medien wiederzufinden. Der Artikel ist uns durchaus wohl gesonnen und gibt etwas von der Motivation wieder, die uns antreibt.
Selbstverständlich müssen wir es uns auch gefallen lassen, dass eine Investition öffentlicher Gelder kritisch hinterfragt wird. Wir müssen uns der in diesem Artikel anklingenden Frage stellen, ob die Baukosten von etwa 1,2 Milliarden Euro angemessen sind. Dennoch wirkt die Kritik in diesem Artikel am Thema vorbei. Eine Twitter-Freundin drückt es so aus:
Ich fand den Artikel ja ziemlich schlecht. Autor hat mE nicht verstanden, was so einzigartig am XFEL ist u wie großinvestionsprojekte gehen
— @drehumdiebolzen@social.cologne (@drehumdiebolzen) 3. April 2017
und weiter
z.B. diesen Absatz fand ich schwer erträglich. Überhaupt immer wieder die suggestion,das viele Geld könne buchstäblich i d Sand gesetzt sein pic.twitter.com/fB2NOsCWBA
— @drehumdiebolzen@social.cologne (@drehumdiebolzen) 3. April 2017
Ist es so? Könnte das Geld in den Sand gesetzt sein? Die Zahlen sind hier etwas unfair wiedergegeben: 17,6 Milliarden sind nicht etwa die Kosten für Großforschung, es ist der Gesamtetat des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). 13% davon werden für Großforschung eingesetzt. Diese Zahl relativiert sich nochmal, wenn wir bedenken, dass die Universitäten, die einen großen Teil der Forschungslandschaft in Deutschland ausmachen, hier nicht mitgerechnet sind. Universitäten werden aus den Landeshaushalten finanziert.
13% der Ausgaben des BMBF, das sind ungefähr 0,7% des Bundeshaushalts, gibt der Steuerzahler Bund also für große Forschungseinrichtungen aus. Das kann man für zu viel halten, keine Frage. Dafür ist es aber hilfreich, die richtigen Verhältnisse zu nennen.
Kritisch sehe ich diese Frage auch in Verbindung mit einem weiteren Feature dieser Reportage: Die Personifizierung der Wissenschaft. Es ist ein verbreiteter Ansatz in populären Wissenschafts-Darstellungen, die Geschichten einzelner Menschen zu erzählen. Das Individuum soll nicht in der Masse verschwinden. Der Autor erzählt die Geschichten meiner Kollegen Adrian Mancuso und Harald Sinn.
Natürlich wäre der European XFEL nicht dasselbe ohne diese beiden Wissenschaftler. So ist es durchaus nachvollziehbar, die beiden als handelnde Personen vorzustellen. In der Gesamtschau entsteht dadurch aber der Eindruck, Erfolg oder Misserfolg des ganzen Milliarden-Projekts würde an wenigen Personen hängen. Nur wenige würden im Erfolgsfall profitieren. Das ist zum Glück nicht der Fall.
Die Nutzung einer Röntgenanlage, wie Synchrotron-Strahlungsquellen oder Freie-Elektronen-Laser stehen grundsätzlich allen Forscherinnen und Forschern weltweit offen. Es gibt nicht nur eine Hand voll Experimente, wie der Artikel nahelegt. Es gibt eine Hand voll Experimentier-Stationen, die alle für eine Vielzahl von Experimenten geeignet sind. Selbst wenn also das hervorgehobene Projekt nicht funktionieren sollte, werden viele andere Experimente stattfinden. Manche ähnlich ambitioniert, manche konservativer.
Welche Experimente versucht werden, entscheiden nicht die Betreibenden einer Forschungsanlage allein. Es gibt Gremien aus etablierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die die Experiment-Anträge lesen und bewerten werden. Diese Gremien geben Empfehlungen ab, welches Experiment zum Zuge kommen soll. Dazu bewerten sie, wie innovativ und wissenschaftlich interessant Experiment-Vorschläge sind. Nur die best bewerteten Experiment bekommen dann Strahlzeit an einer neuen Röntgenquelle.
Es ist wichtig, in großen Forschungseinrichtungen eigene Forschung zu betreiben. Nur so können wir den Standard liefern, den externe Nutzerinnen und Nutzer erwarten. Wichtiger ist aber die Aufgabe, intensive Röntgenstrahlung für die Wissenschaft zur Verfügung zu stellen. Das wird der European XFEL leisten, selbst wenn das eine oder andere Experiment nicht so funktionieren sollte, wie wir uns das wünschen.
Eine Groß-Forschungsanlage ist nicht nur öffentlich finanziert. Sie ist auch öffentlich in dem Sinne, dass sie allen zur Verfügung steht.
Grossforschungsanlange wie das LHC oder der European XFEL kommen über die gewonnenen Erkenntnisse letztlich der ganzen Menschheit zu gute. Bezahlen tun aber vor allem die Staaten, die die Anlagen erstellen und betreiben (beim XFEL trägt Deutschland 58% der Kosten). Dass solche Grossforschung nun zunehmend auch in Europa betrieben wird, finde ich ein sehr gutes Zeichen. Denn es bedeutet, dass Europa seine Verantwortung für die Welt wahrnimmt und entsprechend seiner Bedeutung und Grösse etwas zum Fortschritt beiträgt. Das ist neu. Bisher haben die Europäer vor allem die Forscher beigesteuert, die unsere Welt bestimmende Forschung und Technologie aber wurde in den USA betrieben und entwickelt. Und ohne die in den USA entwickelte Computertechnologie, Molekularbiologie (DNA-Entdeckung und -Erforschung (Human Genom Project)) und Weltraumtechnologie (z.B. GPS) sähe unsere Welt ganz anders aus – nämlich viel rückständiger. Dass jetzt auch die Europäer zunehmend eigene bedeutende Forschungsstätten besitzen und betreiben, das finde ich ohne jeden Vorbehalt gut. Hier habe ich also eine andere Meinung als der Spiegel, der regelmässig die Ausgaben für nicht direkt verwertbare Forschung und Technologie (z.B. Weltraumtechnologie, Teilchenforschung etc.) kritisiert und dessen Redakteure und Schreiber wohl meinen, damit den Willen und die Meinung der Leser und deutschen Bürger auszudrücken.
Die Kosten klingen angesichts der Leistung gerechtfertigt.