Vom Glück der Offenohrigkeit – ein musikpsychologisches Plädoyer

Michaela Brohm-Badry

“Happy New Ears” wünschte der amerikanische Komponist John Cage seinen Freunden zum Jahreswechsel. Und dieser Wunsch erfüllt sich durch seine erstaunliche Musik.

“Happy New Ears” erinnert aber auch an das musikpsychologische Phänomen der “Offenohrigkeit” – ein Zustand, in dem kleine Kinder leben; eine innere Freiheit, jegliche Art von Musik und Klängen zu mögen oder zu lieben. Nur leider endete dieser Zustand bei den meisten von uns irgendwann, so dass wir im Alter von 8-10 Jahren begannen, Musikpräferenzen auszubilden und Nichtzugehöriges abzuwerten.

Ob Klassische Musik oder Jazz/Blues, ob Pop, Soul/Funk, Latin oder Hard Rock, ob Hip-Hop, New Age, elektronische Musik oder Volksmusik – irgendwelche Vorlieben grenzen den Hör-Radius ein. Die In-Group-Bildung der Musikhörenden, sozusagen.

Dabei ist gerade unsere Jahrtausende alte europäische Musikkultur so unglaublich vielfältig und die Einengung auf wenige Stile geht mit hohen Verlusten an musikästhetischem Genuss einher. Die Wiedererweckung der Offenohrigkeit würde uns vermutlich bereichern und wir werden sehen, dass diese Wiedererweckung der offenen Ohren eventuell auch möglich ist. Doch stimmen wir uns zunächst, zur Weihnachtszeit, etwas klanglich ein, indem wir einen Blick auf den großen Reichtum der europäischen Musikgeschichte zwischen dem ersten “Kyrie” und dem tausend Jahre späteren “Jauchzet, frohlocket” werfen:

  • Mittelalter (ca. 600-1500): Bei der Antiken Musik wissen wir heute nicht mehr, wie sie klang. Erst mit dem Mittelalter beginnt die Musikaufzeichnung: Der schlichte Gregorianische Choral ist die älteste, heute noch reproduzierbare Musik Europas. Benannt ist er nach Papst Gregor, welcher der Sage nach um 600 n. Chr. ein System entwickeln ließ, mit dem (seine?) Musik aufgezeichnet werden konnte. Die Neumen – ab etwa dem Jahr Tausend auf Linien – waren geboren, und so hören wir heute noch das einstimmige “Kyrie”, “Gloria” oder “Alleluja” fast genauso wie vor über 1400 Jahren.
  • Parallel zu dieser frühchristlichen Musik entwickeln Gaukler und Spielleute eine heidnische, instrumental begleitete Liedkultur, die in der Blütezeit des Rittertums um 1200 im hohen oder niederen Minnesang, den Gesängen Walther von der Vogelweides und der Urschrift der Carmina Burana gipfelt: O, Furtuna!
  • Mehrstimmig und immer schöner wird es dann in den Gesängen der Ars Antiqua (ca. 1230-1325) und Ars Nova (14. Jhd.), die ihren Ausgangspunkt in der Kathedrale Notre Dame hatte – der große Raum musste ja klanglich gefüllt werden. Mit Guillaume de Machaut (1300-1377) brachte die Zeit einen wundervollen Komponisten und Dichter hervor, dessen einfühlsame, isorhythmischen Gesänge (gleichrhythmisch durch alle Stimmen geführt) noch heute die Tränen der Rührung in die Augen treiben.
  • Über die hohe Schule der Niederländer (Willaert, Orlando di Lasso) wandert der Fokus der musikgeschichtlichen Entwicklung zu Beginn der Neuzeit nach Italien.

Violin silhouette made from music notes on background with glowing sparks.

  • Neuzeit (ca. ab 1500): Renaissance und Humanismus bahnen hier ihren Weg. Der Mensch rückt in den Mittelpunkt philosophischer Betrachtungen und musikästhetischer Kunstwerke.
  • Und so dauert es bis zum Barock (ca. 1570-1770) nicht mehr lange, bis die erste, manche sagen auch “die einzige” – na zumindest eine der ergreifendsten Opern komponiert wird: Claudio Monteverdi (1567-1643) lässt seinen Orfeo (1607) erstmals herzerweichend beben, als er vom tödlichen Schlangenbiss seiner Euridice hört. Und auch bei seinem Kampf gegen wilde Tiere und die Unterwelt vertont Monteverdi das Innere des Helden – so wird Orfeos Seele hörbar und die Musik tonmalerisch-psychologisch. Was sie bis heute noch oft ist.
  • Es folgen die großen Komponisten des Barock mit phänomenalen Instrumentalkonzerten, Sonaten, Concerti grossi: Vivaldis Solokonzerte, Händels Orchestermusik, Scarlattis Cembalosonaten, Purcells Vokalwerken. Und schließlich Johann Sebastian Bach (1685-1750). Bach. Bach. Da kann ich nur schweigen. Vielleicht nur soviel: “Nicht Bach, Meer sollte er heißen” (Beethoven). Oder das hier: Die Stille der Welt vor Bach. Und dann schließlich: “Jauchzet, frohlocket! Auf, preiset die Tage! Jauchzet, frohlocket!” Was für ein Geschenk für Offenohrige!

Und anscheinend haben sich einige Menschen die offenen Ohren für klassische Musik bewahrt, weil sie Teil ihrer Persönlichkeitsdisposition ist: So weisen die Musikpsychologen Linnemann et al (2014) nach, dass bei jungen Erwachsenen höhere Präferenzen für klassische Musik (β 22, p < .001) und Jazz/Blues (β 24, p < .001) mit höheren Ausprägungen auf der Persönlichkeitsdimension “Offenheit für Erfahrungen” (Big Five) einhergehen. Außerdem zeigte sich der Trend, dass “mit steigender Ausprägung auf der Persönlichkeitsdimension “Offenheit für Erfahrungen” alle (10) Musikstile (außer Hip-Hop und Volksmusik) positiver bewertet wurden” (ebd. S. 211). Zudem fanden die Forscher, dass ein positiver, gleichgerichteter Zusammenhang zwischen “Offenheit für Erfahrungen” und Musikeinsatz zur “Verstärkung von Gefühlen” und dem “Hervorrufen von Gefühlen” bestehe, z. B. zur Aktivierung, zum Aggressionsabbau um “besser arbeiten zu können” oder zur Entspannung (ebd. S. 211). Schließlich hörten sie auch durchschnittlich täglich länger Musik (β 12, p < .001). Alles in allem also hören offene Menschen in dieser Studie verschiedenartigere und mehr Musik und genießen sie zudem auch emotionaler.

Was aber nun, wenn diese “Offenheit für Erfahrungen” nicht gerade unsere stärkste Stärke ist? Dann bleibt ja immer noch die Möglichkeit, sich während des (zufälligen) Musikhörens der Musik wirklich bewusst zu werden. “Das ist etwas Anderes, als nur den zur Kenntnis genommenen Ideen zuzustimmen”, schreibt Erich Fromm bezogen auf einen anderen Kontext. “Bewusstwerden bedeutet, für etwas wach zu werden, das man gefühlt oder gespürt hat. Es ist ein Prozess, der eine belebende und kraftgebende Wirkung hat, weil es ein innerer aktiver Prozess ist und kein passiver Vorgang des Hörens, Übereinstimmens oder Widersprechens“ (Fromm 1992, S. 63). Das Aktive daran ist die Fokussierung, die Wahrnehmung.

Und für dieses “wach werden” für das, was man beim Musikhören gefühlt oder gespürt hat, ist ja in der Weihnachtszeit überall Gelegenheit. In diesem Sinne eine belebende, kraftgebende, klangvolle Weihnachtszeit mit Happy New Ears.

Literatur

Fromm, Erich: Humanismus als reale Utopie. Beltz: Basel/Weinheim 1992

Linnemann, Alexandra, Thoma, Myriam V., Nater Urs M.: Offenheit für Erfahrungen als Indikator für Offenohrigkeit im jungen Erwachsenenalter? Individuelle Unterschiede und Stabilität der Musikpräferenz. In: Musikpsychologie Bd. 24. 198-222, Göttingen 2014

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Foto: ©Shotshop

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry ist Professorin für Empirische Lehr-Lern-Forschung sowie Dekanin an der Universität Trier. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Motivation, Positive Psychologie, Leistung. Im Kern geht es somit um Konzepte, Strategien und Effekte positiver Energetisierung von Mensch und Organisation. Sie ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Positiv-Psychologische Forschung (DGPPF).

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Herzlichen Dank für diesen musikalischen Beitrag, die Musik kommt ja sonst hier im Scienceblog etwas kurz. Übrigens kann man sich die Ohren durchaus auch wieder selbst öffnen, mir ist das vor ein paar Jahren für die Neue Musik gelungen. Nachdem ich bis zum Alter von ca. 18 viel davon gehört habe, verschwand sie dann für fast 30 Jahre wieder vom Schirm, jetzt habe ich sie wieder entdeckt und es eröffnet sich eine komplett andere Welt -es gibt ja so viel davon.
    Eine kleine Nörgelei muss ich aber doch anbringen: wenn Sie schreiben, dass wir heute nicht mehr wissen, wie die Musik der Antike klang, ist das in dem Zusammenhang nicht ganz richtig. Wir wissen es sicher nicht genau, aber das trifft auch auf Barockmusik zu -die Gelehrten streiten sich ja immer noch über den Klang der Bachtrompete. Eine Vorstellung haben wir aber durchaus von der antiken Musik, die haben Musik nämlich auch niedergeschrieben. Dafür wurden Buchstaben benutzt, wobei auch hier schon Striche herangezogen wurden, um Töne ausserhalb des mittleren Bereichs zu kennzeichnen.
    Voi einigen Jahrzehnten hat eine Gruppe französischer Musikarchäologen einmal eine CD mit den Fragmenten altgriechischer Musik veröffentlicht. Es waren nur sehr kurze Abschnitte (das meiste ist in der Tat verlorengegangen), aber es hat doch für ca. 40 Minuten gereicht. Inzwischen hat man noch etwas mehr ausgegraben.

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