Brohm-Badry iGrow Motivationsstrategie

iGrow – die Motivationsstrategie

Michaela Brohm-Badry

Erfolgreich sein meint, es soll das „er-folgen“, was wir uns für unser Leben vorstellen. Manchmal klappt das, ein anderes Mal setzen wir uns immer wieder die gleichen Ziele und scheitern. Der folgende Beitrag skizziert die Motivationsstrategie iGrow, die zyklisch, als aufschwingende Erfolgsspirale gedacht werden kann.

Im Grunde sind Menschen aktive Lebewesen, die sich entwickeln und wachsen wollen. Und zwar ein Leben lang und ganzheitlich als Mensch, also kognitiv, emotional und motivational. Stillstand ist bei gesunden Menschen weder aus neuronaler noch aus psychologischer oder lerntheoretischer Perspektive denkbar.

Deshalb ist es dem Menschen eigen, sich Ziele zu setzen. Warum aber erreichen wir dennoch manchmal unsere Entwicklungsziele nicht? Wahrscheinlich weil wir

  • die falschen Ziele ansteuern oder
  • die falsche Strategie wählen.

Wir wollen etwas, was nicht stimmig mit der eigenen Person ist oder zu radikale Änderungen: zu viel, zu schwer, zu schnell. Die hier vorgeschlagene Strategie geht von uns selbst, als Person, aus und propagiert eine allmähliche Annäherung an unser bestmögliches Selbst. Ich habe sie iGrow genannte, ein Akronym für

Identity

Go for it!

Reward

Open mindedness

Wellbeing

iGrow© ist zyklisch, und als aufschwingende Erfolgsspirale gedacht, da die erreichten Erfolge unser Selbstbild und unsere Annahmen über uns selbst (Selbstwirksamkeitserwartungen) positiv beeinflussen und somit ermöglichen, auf dem Weg weiter zu gehen.


Michaela Brohm-Badry iGrow Motivationsstrategie

Abb.1: iGrow-Motivationsstrategie (Brohm-Badry)

Identität

Das Manko von Zielplanungen scheint primär in der falschen Basis zu liegen: Wir setzen uns hin und schreiben auf, was wir erreichen wollen, statt uns zu überlegen, wer wir sind und sein wollen. Im Grunde liegt der Kern unserer Motivation nämlich nicht im Ziel selbst, sondern in unserer Identität – und da zentral in unseren Glaubenssätzen und unseren Selbstwirksamkeitserwartungen. „Ich war schon immer ziemlich faul“ ist keine besonders günstige Grundannahme über sich selbst, um das Ziel „Ich laufe täglich 45 Minuten“ zu erreichen. Unsere Glaubenssätze lähmen in diesem Fall unsere Aktivität; das Ziel ist nicht stimmig mit der eigenen Person.

Statt uns demnach auf die Ziele selbst zu fokussieren, sollten wir zunächst uns selbst möglichst gut kennen: Was sind meine Charakterstärken? Was mag/liebe ich? Was sind meine Glaubenssätze über mich selbst? Gute, wissenschaftlich belegte Testverfahren helfen dabei (z. B. auf der Website der Universität Zürich. Die Ergebnisse werden direkt zurückgemeldet).

Ob Mut, Kreativität oder Neugier, ob Sinn für das Schöne oder Lernbereitschaft, ob Perspektivübernahme oder Enthusiasmus: Kennen wir unsere Stärken, so ist das ungeheuer hilfreich, um unsere Ziele zu erreichen, denn mit dieser Selbstgewissheit gehen wir in den zweiten Schritt: uns Gedanken über unser ideales zukünftiges Ich zu machen. Welche Art von Mensch möchte ich sein. In welche Richtung möchte ich mich entwickeln?

Angloamerikanische Motivationsforscher thematisieren in diesem Zusammenhang in letzter Zeit immer häufiger das „best possible self“ oder „future self“ und die entsprechende Übung ist einfach: Nimm dir eine ruhige Auszeit, um in aller Ruhe aufzuschreiben, wie sich dein bestmögliches, zukünftiges Ich in allen relevanten Bereichen entwickeln könnte: in Beruf/Weiterbildung, Beziehungen, Hobbies, Finanzen und Lernen, in Gesundheit, Fitness und Wohlbefinden.

Je genauer deine Ausführungen sind, desto einfach wird es, sich diese Entwicklungen vorzustellen. Wer und wie ist mein bestmögliches Ich? „Ich bin ein aktiver Mensch“ „Ich bin Musiker/in“, „Ich bin kreativ und innovativ“ „ich liebe es, etwas zu organisieren“ „Ich bin Läufer/in“, „Ich bin ein wissbegieriger, motivierter, engagierter… Mensch“ usw. trifft den inneren Kern unserer Identität. „Ich bin“, „Ich liebe“, „Ich mag“ „In meinem tiefsten Innersten weiß ich, dass ich… bin“ sind ein guter Anfang. Studien haben gezeigt, dass diese Übung, häufiger wiederholt, die Motivation nachhaltig steigern.

 Go for It! – Los geht’s

Aus diesem derzeitigen und zukünftigen Ich werden dann im dritten Schritt die Ziele abgeleitet. Ein Mensch der beispielsweise Neugier oder Lernwille als Charakterstärke erkannt hat oder in sich verstärken will, wählt Ziele, die mit dieser Stärke einher gehen: Das Laufen im immer gleichen Park oder Viertel wird ihn schnell langweilen. Trail Running über unbefestigte, unbekannte Wald-, Wiesen- oder Schotter Wege querfeldein entspricht seinem Entdeckungsdrang.

Solche Ziele sind stimmig mit der eigenen Person; wir nutzen was wir sind oder sein wollen (s.o.). Ziele sollten darüber hinaus ein hin-zu beschreiben, kein weg-von und sich auf möglichst konkrete Handlungen beziehen, nicht auf Endergebnisse. Denn Handlungen verändern durch das Verhalten selbst die Identität, weil jede erfolgreich vollbrachte Handlung die positive Selbstannahme, also Selbstwirksamkeitserwartung für die nächste Handlung stimuliert: „Ich habe das geschafft und schaffe das auch wieder“.

Nicht von ungefähr geht der kanadische Psychologe Albert Bandura davon aus, dass „gemachte Erfahrungen“, also erfolgreich Geschafftes die Selbstwirksamkeitserwartung substanziell steigern: Haben wir eine Situation erfolgreich gemeistert und führen das auf uns selbst zurück („Ich kann das!“; „Ich habe viel dafür gearbeitet, mich gut vorbereitet!“), trauen wir uns bei nächster Gelegenheit eine ähnliche oder sogar noch schwierigere Lösung zu.

Damit wir uns diese wichtigen Erfolgserlebnisse verschaffen, sollten die Handlungsziele möglichst niedrigschwellig erreichbar sein – also zunächst klein. Zehn Minuten laufen gehen zu wollen ist wesentlich erfolgswahrscheinlicher als sich vorzunehmen, aus dem Stand täglich eine Stunde zu laufen. Nach und nach können die Zeitspannen dann durch kleine Erhöhungen spektakulär anwachsen.

In der nächsten Zeit wird also jede Gelegenheit genutzt, um sich selbst zu zeigen, dass man auf dem Weg ist, der Mensch zu werden, der man sein möchte (s.o.: Ich bin ein aktiver Mensch und nutze jede Gelegenheit, um…. Ich bin kreativ… , also nutze ich jede Gelegenheit …). Und was unser zukünftiges, bestmögliches Ich betrifft, sind kleine Handlungen in die richtige Richtung – also einfach durch Aktivität deutlich wahrnehmbar anzunehmen, dass wir auf dem Weg dahin sind, sowieso die bestmögliche Handlungsoption.

Reward – Belohnung

Das menschliche Gehirn wird durch Belohnungen konditioniert. Uns selbst zu belohnen meint nicht, uns permanent etwas zu gönnen, zu kaufen. Uns selbst zu belohnen meint vielmehr, wahrzunehmen, dass wir gerade gut gehandelt haben. So provoziert jede erfolgreich abgeschlossene Handlung selbstbelohnende Gedanken. Wir sind demnach nicht allein auf das Lob als Belohnungen durch anderer angewiesen, sondern haben das körpereigene Belohnungssystem in uns: Während einer Handlung wird der motivierende Neurotransmitter Dopamin ausgeschüttet, bei erfolgreichem Abschluss die „Glückshormone“ Serotonin und Oxytocin.

Um deren Produktion zu stimulieren, können wir uns selbst auf günstiges Verhalten hin reflektieren. Immer wenn es uns gelingt oder gelungen ist, uns einen kleinen Schritt in die richtige Richtung zu bewegen, können wir uns diesen Schritt bewusst machen und im Selbstgespräch oder Gespräch mit dem Partner/der Partnerin aussprechen (“Ich habe heute viel gelernt. Ich bin ein wissbegieriger Mensch!”, “Ich laufe! Ich bin ein Läufer!” „Ich übe! Ich bin Musiker!“). Schon diese bewusste Wahrnehmung wird unbewusst als Belohnung registriert und stimuliert die nächste Handlung in dieser Richtung: Ich bin auf dem richtigen Weg!

Open mindedness

Tendenziell unterscheiden wir zwei Bewusstseinszustände, die auch für das Lernen hoch relevant sind: Die Open-mindedness, also Offenheit für neue Erfahrungen, Neugierdeverhalten, Offenheit für neue Inhalte, Natur, Musik, Architektur, Geschichte, neue Menschen, Kulturen, Bauwerke, Politik, Literatur usw. oder die Verschlossenheit – einen Zustand der „closed mindedness“ oder des „fixed Mindset“, des „das war schon immer so“, „das geht nicht“ , „kann ich nicht“.

Open mindedness korreliert hochgradig mit psychischer Gesundheit, Lernfreude und Wohlbefinden, das „Zu-Sein“ eher mit psychischen Belastungen wie Burn-Out, Depression und Angst. Wer erfolgreich seine selbst gesteckten Ziele verwirklicht (Schritt 1 bis 3), stärkt seine Offenheit, sein open mindset also, und damit sein Wohlbefinden, seine Lern- und Lebensfreude. Möglichst offen zu sein und zu bleiben ist ein wichtiger Schritt im Zyklus der Motivation.

Wellbeing und Mental Health

Wohlbefinden und psychische Gesundheit wachsen nicht auf selbstzerstörerischer Basis fehlgeleiteter, zu radikaler Ziele und falscher Strategien. Sie sind vielmehr Ausdruck einer mit sich selbst stimmigen Entwicklung sowie der wohlbefindlichen Balance von Anspannung und Entspannung, Stress und Ruhe. Fremdbestimmung und damit einher gehende mangelnde Autonomie schwächen die Motivation und das Wohlbefinden gleichermaßen. Eine stimmige Entwicklung unseres Selbst ist durch die Fokussierung auf stimmige Ziele und eigenes Wohlbefinden möglich.

Bei all der Motivation ist das eigene Wohlbefinden der innere Gradmesser um Phasen der Entspannung immer wieder in den Zyklus einzustreuen: Zeiten der Ruhe, Vertiefung, ziellosen Spannungslosigkeit und ausreichender Schlaf sind Phasen des Selbstschutzes und der Selbstachtung. Einige Hotelketten weltweit sind in letzter Zeit dazu über gegangen, Handynutzung in Spas und Lobbies zu verbieten oder den Hotelgästen Geschenke zu machen, wenn sie für einige Stunden ihr Handy in „sichere Kisten“ einschließen lassen, die nur die Hotelmitarbeiter öffnen können. Ruhe ist existenziell im Zyklus der Motivation.

Literatur

Brohm-Badry: Das Gute Glück. Wie wir es finden und behalten können. Ecowin/Salzburg, im Druck.

charakterstaerken.org: Website der Universität Zürich.

Niemiec, R. M. (2014). Mindfulness and character strengths: A practical guide to flourishing. Cambridge, MA: Hogrefe.

Park, N., Peterson, C., & Seligman, M. E. P. (2004). Strengths of character and well-being. Journal of Social & Clinical Psychology, 23, 603–619.

Peterson, C., Park, N., Hall, N., & Seligman, M. E. P. (2009). Zest and work. Journal of Organizational Behavior, 30, 161-172.

Peterson, C., Ruch, W., Beermann, U., Park, N., & Seligman, M. E. P. (2007). Strengths of character, orientations to happiness, and life satisfaction. The Journal of Positive Psychology, 2, 149–156.

Seligman, Martin (2011). Flourish. A Visionary New Understanding of Happiness and Well-being.

Autorenseiten Brohm-Badry / Universität Trier

Foto: Shotshop.com

Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry ist Professorin für Empirische Lehr-Lern-Forschung sowie Dekanin an der Universität Trier. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Motivation, Positive Psychologie, Leistung. Im Kern geht es somit um Konzepte, Strategien und Effekte positiver Energetisierung von Mensch und Organisation. Sie ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Positiv-Psychologische Forschung (DGPPF).

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich habe ein Problem mit dem Begriff “Positive Psychologie”.Psychologie, richtig angewendet und praktiziert, sollte ja an sich apriori positiv sein, da sie die Ursachen der psychischen Störungen zu lösen versucht (Stressbewältigung,Ängste,falsche Glaubensmuster etc.).Sie bietet diese Strategien/Konzepte also automatisch mit an bzw. wendet sie an. Wenn ich auf die Esoterik Szene schaue ,so wird dieser Begriff
    hier vermehrt gebraucht,wohl auch um eine zusätzliche Qualität der angebotenen Dienstleistung zu suggerieren.Da gibt es Coachs, NLP-Experten, Hypnotiseure, Schamanen,Heiler etc.,die “positive Psychologie” anbieten. Für mich im übrigen ein alter Wein in neuen Schläuchen, denn schon Buddha stellte vor über 2000 Jahren fest: “Was du denkst, bist du”. Oder Jesus:”Wenn euer Glaube auch nur so groß ist wie ein Senfkorn…”

  2. “Positive Psychologie” ist ein Fachbegriff. Sie untersucht auf wissenschaftlicher Grundlage, wie sich Menschen, Organisationen und Gesellschaften bestmöglich entwickeln. Sie ist eine Ergänzung zur klinischen Psychologie.

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