Froh zu sein: Über Dreck, Gold, Glück und was wirklich wichtig ist

 

Michaela Brohm-Badry

Menschen haben spezifische Charakterstärken, die wesentlich zum Wohlbefinden beitragen. Fünf dieser 24 Stärken machen uns besonders glücklich und gelten in der Forschung als “happiness strength”. Wir können diese  “Glücksstärken” anvisieren und somit unser Stärkenprofil wandeln oder beflügeln

“Mit 18” sang Marius Müller-Westernhagen,
Mit 18 rannt’ ich in Düsseldorf rum –
War Sänger in ‘ner Rock ‘n Roll-Band
Meine Mutter nahm mir das immer krumm
Ich sollt’ was Seriöses werden
Wir verdienten 400 Mark pro Auftritt – für ‘ne Rolling Stones Kopie
Die Gitarren verstimmt – doch es ging tierisch los
Und wir hielten uns für Genies.”

Und dann beschreibt Westernhagen bereits 1978, was die Wohlbefindensforschung heute belegen kann:
“Ich hab ein Luxus-Auto und ich hab ne tolle Wohnung.
Doch was mir fehlt, das ist ne richtige Dröhnung.
Ich möcht zurück auf die Straße
möcht wieder singen, nicht schön, sondern geil und laut
Denn Gold find’ man bekanntlich im Dreck
Und Straßen sind aus Dreck gebaut.”

Es geht bei der “richtigen Dröhnung” (Glück) nicht um Geld und Luxus-Autos, es geht um Begeisterung, um Engagement (“Gig beim Hühner-Hugo”). Und um einiges mehr.

Die Forschung im Kontext des Wohlbefindens unterscheidet 24 Charakterstärken, von denen fünf als “happiness strength” gelten. Die 24 Charakterstärken sind:

Weisheit und Wissen

  • Neugier/Interesse an der Welt
  • Liebe zum Lernen
  • Urteilsvermögen
  • Einfallsreichtum
  • Soziale Intelligenz/Persönliche Intelligenz/Emotionale Intelligenz
  • Perspektive

Mut

  • Tapferkeit
  • Ausdauer
  • Integrität

Menschlichkeit und Liebe

  • Freundlichkeit
  • Lieben/Bindungsfähigkeit

Gerechtigkeit

  • Gemeinschaftssinn/Teamarbeit
  • Fairness
  • Führungsvermögen

Mäßigung

  • Selbstkontrolle
  • Besonnenheit
  • Demut

Transzendenz

  • Wertschätzung von Schönheit
  • Dankbarkeit
  • Hoffnung
  • Spiritualität
  • Vergebung
  • Humor
  • Begeisterung/Enthusiasmus/Tatendrang (vgl. Seligman 2011)

Brohm-Badry Glück

Die stärkste Vorhersagekraft für Glück – auch im internationalen Vergleich bestätigt – haben die fünf “happiness strength”:

  • Begeisterung/Enthusiasmus (Zest): Begeisterungsfähige Menschen streben mit viel Energie nach einem Ziel.
  • Hoffnung: Hoffnungsvolle Menschen sind positiv gegenüber der Zukunft eingestellt und gehen davon aus, einen positiven Einfluss auf die Zukunft zu haben.
  • Dankbarkeit: Dankbare Menschen sind sich der guten Dinge bewusst, die sie in ihrem Leben haben und drücken diese Dankbarkeit auch aus.
  • Liebe: Menschen mit ausgeprägter Fähigkeit zu Lieben wertschätzen Beziehungen sehr und prägen diese durch gegenseitiges Geben und Nehmen (“Ja an Mädchen hat es uns nie gemangelt – auch ohne dickes Konto”)
  • Neugierde: Neugierige Menschen interessieren sich für viele Dinge und Themen im Alltag, stellen Fragen und finden zahlreiche Themen und Inhalte faszinierend.
  • Dicht gefolgt von “Humor”: Humorvolle Menschen lieben es zu lachen und andere zum Lachen zu bringen. Sie versuchen verschiedene Situationen von einer leichteren Seite her zu betrachten (in Anlehnung an charakterstaerken.org).

Geld macht nicht richtig glücklich, Auto macht nicht froh und das Boot langfristig wohl auch nicht. (“Jetzt sitz ich hier, bin etabliert – und schreib auf teurem Papier. Ein Lied über meine Vergangenheit – damit ich den Frust verlier”). Echtes Glück im Neuen Jahr finden wir, wenn wir begeistert, voller Hoffnung, dankbar, liebend, neugierig der Welt begegnen und diese Stärken in uns fördern. Und humorvoll natürlich.

Es gibt Tage, da reißt man im Flugzeug das Plastikförmchen mit der Salatsoße auf und kleckert sich die Jacke dreckig. Wenig später schüttet einem die Stewardess schwungvoll den Weißwein in den Ausschnitt und entschuldigt sich mit den von echter Reue zeugenden Worten: “Na wenigstens war’s Weißwein!”. Ganz klar war sie enthusiastisch, dankbar und humorvoll. Gold find’ man bekanntlich im Dreck. 😉

Literatur

charakterstaerken.org: Website der Universität Zürich

Niemiec, R. M. (2014). Mindfulness and character strengths: A practical guide to flourishing. Cambridge, MA: Hogrefe.

Park, N., Peterson, C., & Seligman, M. E. P. (2004). Strengths of character and well-being. Journal of Social & Clinical Psychology, 23, 603–619.

Peterson, C., Park, N., Hall, N., & Seligman, M. E. P. (2009). Zest and work. Journal of Organizational Behavior, 30, 161-172.

Peterson, C., Ruch, W., Beermann, U., Park, N., & Seligman, M. E. P. (2007). Strengths of character, orientations to happiness, and life satisfaction. The Journal of Positive Psychology, 2, 149–156.

Seligman, Martin (2011). Flourish. A Visionary New Understanding of Happiness and Well-being.

Fotos: Shotshop.com

Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry ist Professorin für Empirische Lehr-Lern-Forschung sowie Dekanin an der Universität Trier. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Motivation, Positive Psychologie, Leistung. Im Kern geht es somit um Konzepte, Strategien und Effekte positiver Energetisierung von Mensch und Organisation. Sie ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Positiv-Psychologische Forschung (DGPPF).

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Diese Auflistungen sind alle gut durchdacht, aber mir kommt das zu “verkopft” vor.
    Die Menschen, mit denen ich täglich zu tuen habe, die suchen nicht den täglichen “Kick”, die sind froh, wenn das Geld reicht und dass die Kinder gesund sind und keinen Scheiß machen.
    So denken kann man nur, wenn man sich den Luxus erlauben kann, frei zu entscheiden. Wer kann das schon. Wer Familie hat, hat Verpflichtungen.
    Dann fehlt mir eine Eintelung nach Menschentypen.
    Ein Phlegmatiker such die Ruhe und nicht den Kick.
    Einem Choleriker kann man nichts recht machen, der trägt den Kick in sich.
    Der Melancholiker , für den sollte man sich allerdings Gedanken machen.
    Der Sanguiniker, der sieht die Welt gelassen , den sollten wir als Vorbild nehmen.

  2. Was fehlt ist, daß wir in einem Land leben, in dem eine große Zahl Menschen ständig nach dem Gegenteil des Genannten strebt, weil das in der Realität erfolgversprechender ist, oder einfach nur, um andere auf ihr niedriges Niveau herunter zu ziehen.
    Wenn der Deutsche sich entscheiden kann, ob es allen und ihm selber besser gehen soll, oder ob es allen gleich schlecht gehen soll, wird er sich grundsätzlich für Letzteres entscheiden.

  3. DH,
    man kann natürlich auch ohne Geld glücklich werden. Wer bezahlt dann aber die Miete?
    Also, ich studiere in der Großstadt die Gesichter der Menschen, die mir entgegenkommen.
    Und das Ergebnis ist ernüchternd. Wenn ich in Italien durch eine Straße gehe, so hat selbst eine gebrechliche Alte noch ein Lächeln im Gesicht.

  4. @hmann
    Da sind wir uns durchaus einig. Geld ist natürlich wichtig, nur frage ich mich gerade deshalb öfter, warum so viele Mitmenschen enorme Energien frei haben, um Anderen irendwie schaden zu können, zumal ich bei diesem Verhalten keinen Unterschied zwischen Arbeitnehmern und Leuten erkennen kann, die mehr Freizeit haben.
    Die Mentalität des Runterziehens findet sich in allen Gruppen und Schichten wieder, in der Arbeitswelt genauso wie in allen anderen Bereichen.
    Sie sprechen mit Italien ein gutes Beispiel an, eine ganz andere Grundhaltung im zwischenmenschlichen Verhalten, bei anderen Defiziten, die es dort natürlich auch gibt.
    In Deutschland überwacht man sich gegenseitig, manche Orte und Städte ausgenommen, damit es dem Anderen nur ja nicht “zu gut geht”.

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