Wirtschaft vom Menschen her denken – Poor Economics von Abhijit Banerjee und Esther Duflo

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Mein Weg von einer (sehr interessanten) Bankausbildung zum Finanzassisten zur Religionswissenschaft führte über ein kurzes Zwischenspiel in der Volkswirtschaft. Zusammen mit mehreren Hundert anderen Studierenden lauschte ich in einem Hörsaal der Universität Tübingen einem sehr bekannten Professor, der anhand von Nutzenfunktionen von Kuchen und Eis vorrechnete, welche Mengen optimal zu konsumieren wären. Zufällig (!?) hatte ich jedoch just eine Biographie von Franz von Assisi gelesen, der das größte Glück beim Wiederaufbau eines verfallenen Kirchleins und der Zuwendung zu Armen und Leprakranken empfand. So wagte ich schließlich eine Meldung, erwähnte dieses Beispiel und fragte Professor Joachim Starbatty, woher denn die Nutzenfunktionen der Menschen stammten – für den einen läge Glück in Eis und Kuchen, für den anderen im Dienst an Gott und Mitmenschen. Die Ikone (später bei der AfD und dann Alfa, Nachtrag Blume 2016) war über diese offensichtlich ungebührliche Antwort erbost und gab mir eine klare Antwort: “Wenn Sie DAS wissen wollen, dann studieren Sie besser nicht Volkswirtschaft, sondern Religionswissenschaft!”

Innerhalb von zwei Wochen befolgte ich diesen Rat, für den ich mich auch später bei Prof. Starbatty persönlich bedankte. Die Faszination für wirtschaftliche Zusammenhänge wird mich sicher durch das Leben begleiten, doch erschienen (und erscheinen) mir die noch vorherrschenden, vor-evolutionären (Menschen-)Modelle in der Ökonomie noch immer als unterkomplex und ideologiebehaftet.

An dieses Ereignis musste ich wieder denken, als ich “Poor Economics” von Abhijit Banerjee und Esther Duflo in die Hände bekam. Beide sind mehrfach ausgezeichnete Ökonomie-Professoren am MIT – und beide begründeten 2003 das Abdul Latif Jameel Poverty Action Lab (J-PAL), das etwas “ganz einfaches” tut: Es überprüft ökonomische Entwicklungspolitiken empirisch und experimentell. “Poor Economics” hat daher eine zweifache Bedeutung: Es beschreibt das ökonomische Verhalten der Armen (definiert als Menschen mit einem Einkommen von weniger als einem Dollar pro Tag) – und die Armseligkeit der populären, ökonomischen Theorien, die kaum in der Lage sind, dieses Verhalten zu erklären und wirksame Vorschläge zur Bekämpfung der Armut zu entwickeln.

Wer sich auf dieses Buch einlässt, sollte sich auf Schocks gefasst machen: So auf Familienväter, die kaum genug zu Essen auftreiben können, aber auf einem Fernseher mit Satellitenschüssel bestehen. Was aus unseren warmen Sesseln als empörendes Fehlverhalten erscheint, erklärt sich vor dem Hintergrund gerade von Langeweile und Perspektivlosigkeit: Das Fernsehen als Traummaschine und Statussymbol für die ganze Familie. Und übrigens auch ein Weg, um mittels neuer Vorbilder Geburtenraten zu senken, wie Banerjee & Duflo an den Auswirkungen brasilianischer Telenovelas ebenso verdeutlichen.

Weitere Aha-Erlebnisse betreffen die Bildungssysteme: Eltern in Armenvierteln, die keinen gesteigerten Gewinn aus Bildungsanstrengungen erkennen können – und unbewusst Recht von Lehrern bekommen, die sich angesichts verbreiteten Elends auf wenige Talente konzentrieren und große Teile ihrer Klassen aufgeben. Krankenschwestern, die kaum noch zum Dienst erscheinen, weil sie ohnehin nicht “anbieten” können, was selbst ernannte “Doktoren” und Wunderheiler ihren Kunden versprechen. Menschen, die Impfprogramme nicht zu enden führen, weil die Wege zu weit sind und sie keine Impf-Effekte erkennen können. Mikrokreditprogramme, die in vielem erfolgreich sind, aber leider gerade “kein” Risikokapital zur Verfügung stellen können. Wähler, die Vorbehalte gegen weibliche Kandidaten haben – bis durch Quoten durchgesetzte Frauen diese Vorurteile widerleg(t)en. Aber auch immer wieder: Kleine Änderungen, die große Auswirkungen auf den Erfolg von Entwicklungsprogrammen haben. Und immer wieder ein Aha-Effekt: Wir wohlhabenderen Menschen treffen vielfach “bessere” Entscheidungen nur deswegen, weil wir bereits über Institutionen verfügen, die uns zur guten Ernährung von Kindern anhalten, für gute Bildungsabschlüsse belohnen, vor falschen “Doktoren” schützen und das Gefühl vermitteln, mit unseren Entscheidungen auch wirklich unser Schicksal beeinflussen zu können.

Die Kernbotschaft von Banerjee und Duflo ist: Wer das ökonomische Verhalten von Menschen verstehen will, muss aus dem Elfenbeinturm abstrakter Theorien herabsteigen (von den Autoren süffisant als Angebots- und Nachfrage-Wallahs verspottet) und stattdessen konkrete Lebensumstände anschauen, Menschen befragen und nicht zuletzt empirisch und experimentell forschen. “Poor Economics” ist daher nicht nur ein außerordentlich interessantes Buch für alle, die sich für Entwicklungspolitik interessieren – sondern eigentlich Pflichtlektüre für alle, die theoretisch über “den Menschen” nachdenken wollen.

Nachtrag 14.10.2019: Ich höre, dass Abhijit Banerjee & Esther Duflo einen Nobelpreis erhalten haben! Wenn sich dies bestätigt, so halte ich dies für eine herausragend gute Nobelpreisentscheidung, danke & gratuliere allen, die an der Reform der Ökonomie arbeiten!

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

12 Kommentare

  1. Neues Modell?

    Nun haben Sie ja doch nicht bis Montag mit dem nächsten Post gewartet, Dr. Blume. Danke für den Lesehinweis! Aber welches Menschenmodell würden Sie den Ökonomen denn empfehlen?

  2. @Kasslerin

    Doch, Montag erscheint ein neuer Blogartikel – aber “Poor Economics” hat mir so zugesagt, dass ich einfach eine Blog-Empfehlung verfassen musste! 🙂

    Als “Menschenmodell” würde ich (auch) Ökonomen ein einziges empfehlen: Den Homo sapiens, in all der Vielfalt, Emotionalität und auch Widersprüchlichkeit, die die Evolution mit und in uns hervorbrachte.

    Klar – Modelle benötigen Vereinfachungen, doch wird es dann problematisch, wenn diese Vereinfachungen wiederum für die Realität gehalten werden. Dass zum Beispiel auch Börsenprofis von Emotionen, Gerüchten, Gier, Herdentrieb u.ä. beeinflusst werden, kann ja derzeit jede(r) sehen.

    Viele Ökonomen wissen das natürlich auch und es gibt noch junge, aber bereits blühende Zweige experimenteller und evolutionärer Ökonomie. Wegweisend hat ja auch bereits der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek in diese Richtung gedacht, der jedoch leider von vielen seiner heutigen “Schüler” nur noch sehr verkürzt verstanden wird. Dabei schrieb er z.B. über neurobiologische und evolutionäre Erkenntnistheorie, evolutionäre Religionstheorien etc. Jahrzehnte, bevor andere auf ähnliche Spuren kamen.
    https://scilogs.spektrum.de/…des-glaubens/fa-von-hayek

    Als weiteres Beispiel möchte ich die Spieltheorie benennen, die ebenfalls in Ökonomie und Evolutionsforschung empirisch und experimentell fruchtbar angewendet wird.
    https://scilogs.spektrum.de/…rschung-auch-zur-religion

    Es wird sicher auch noch einige Zeit brauchen, aber der Zug ist unterwegs und ich hoffe, dass sich die Ökonomie mit den anderen Bereichen der Evolutionsforschung vernetzen und verbinden wird. Dadurch wird sie m.E. zwar komplexer, aber konkreter, weniger ideologisch und wieder glaubwürdiger.

  3. Psychologie und Wirtschaft

    “So auf Familienväter, die kaum genug zu Essen auftreiben können, aber auf einem Fernseher mit Satellitenschüssel bestehen.”

    Dieses Verhalten soll gar nicht so ungewöhnlich sein. Auch auch hier sollen hartz IV-Epfänger oft teuere Plasmafernseher usw. besitzen. Man sollte sich schlicht zurückhalten mit dem, was man von anderen Leute erwartet.

    Welche Güter man vor anderen Bevorzugt, das ist einzig und allein eine Sache der individuellen Präferenz. Insofern halte ich die Volkswirtschaft mit ihrem Ansatz auch absolut auf den richtigen Zweig. Welche Präferenzen ein Individuum hat, das kann nur die Psychologie klären, dazu ist ein Volkswirt nicht kompetent. Aber wie er Rationalitätstheoretisch mit diesen Präferenzen umgehen sollte, das man schon in der mathematischen Theorie entwickeln.

    “Wir wohlhabenderen Menschen treffen vielfach “bessere” Entscheidungen nur deswegen, weil wir bereits über Institutionen verfügen, die uns zur guten Ernährung von Kindern anhalten, für gute Bildungsabschlüsse belohnen, vor falschen “Doktoren” schützen und das Gefühl vermitteln, mit unseren Entscheidungen auch wirklich unser Schicksal beeinflussen zu können.”

    Daran zweifle ich. Wir haben sehr wohl einige Leute, die trotz aller vermeidlicher Aufklärung dennoch zu Wunderheilern gehen und erlernte Hilflosigkeit scheint es auch in diesen Breiten zu geben.

  4. @Name

    Exakt. Deswegen liegen Generalisierungen über das vermeintliche Verhalten “der Armen” auch so oft daneben. Schon z.B. religiös-kulturelle Prägungen können enorme Unterschiede machen, wie wir hier erst neulich z.B. im Hinblick auf die Akzeptanz der Geburt von Mädchen diskutierten.
    https://scilogs.spektrum.de/…s-versus-kindesaussetzung

    Volkswirtschaftstheorien, die meinen, sich mit all dem nicht befassen zu müssen und dies unverbunden auslagern zu können, kommen m.E. zu völlig unrealistischen Modellen von Marktgeschehen, Entwicklungsprojekten usw.

    Leicht widersprechen würde ich jedoch im Hinblick auf die Betonung von Psychologie, die m.E. wieder auf die individuellen Nutzenfunktionen abzielt. Tatsächlich aber waren und sind wir unaufgebbar soziale Wesen, werden permanent beeinflusst und beeinflussen permanent. Die “Nutzenfunktion von Eis” stellt sich z.B. alleine, in einer Gruppe von Eis-schleckenden Freunden oder aber von höhnischen Gegnern je völlig unterschiedlich dar. Der Ansatz vom nur individuell zu betrachtenden und entscheidenden Käufer scheint mir selbst in westlichen Wohlstandsgesellschaften eine allzu grobe Vereinfachung zu sein – und erst Recht in den oft kollektiveren Zusammenhängen von Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern. Aber auch Börsenparkette sind ja geradezu ideale Studiengebiete eben nicht für völlig individuelle Entscheider, sondern für Stimmungen, Rudel- und Herdenverhalten…

  5. Kosten/Nutzen-Analyse und Setting

    Danke, für diesen Lesetipp. Das hört sich ja nach einem sehr interessanten Buch an. Ich möchte noch was an der Kosten/Nutzen-Analyse am Beispiel AIDS zeigen. Dieses Beispiel stammt von der Wirtschaftswissenschaftlerin Emily Oster: In den USA ist das langfristige Nutzen/Kosten-Verhältnis für einen Mann Kondome zu benutzen und geschützten Geschlechtsverkehr zu haben, viel größer als für einen Mann in einem wirtschaftlichen armen Entwicklungsland. Der Unterschied in den Lebenserwartungen eines HIV-Infizierten und unbehandelten Mannes zu einem HIV-Negativen ist relativ groß in den USA, aber relativ klein in einem armen Entwicklungsland(denn dort gibt es noch viele andere Gründe die die Lebensspanne begrenzen.) Nicht nur, sind vermutlich die relative Kosten ein Kondom zu besorgen in dem Entwicklungsland höher, sondern gleichzeitig ist auch der Nutzen für den Mann in dem Entwicklungsland kleiner, weil die Lebenserwartung wesentlich geringer ist. (Der Zähler ist größer und der Nenner kleiner.)Wenn Du als HIV-Negativer nur fünf Jahre länger lebst als ein HIV-Positiver und von mehr Lebensqualität haben wir noch nicht gesprochen (zumal das Bestehen auf Kondome auch weniger Sex bedeuten kann)dann erklärt das auch, aus ihrer Sicht, warum dort viele Männern ihr Verhalten nicht so schnell ändern. Zusätzlich spielen da auch noch kulturelle und religiöse Aspekte eine Rolle(die vermutlich größere), von denen man als Außenstehender gar nicht weiß. Deshalb ist es natürlich immer wichtig die Motive der Handelnden zu ergründen um zur Lösung eines solchen Problems zu kommen. Ich begrüße daher einen empirisch/experimentellen Ansatz.

  6. @Joe

    Ja, das Buch hat meine Erwartungen deutlich übertroffen. Und ich glaube, es würde auch Dir bestimmt sehr gut gefallen!

    Am von Dir geschilderten, beklemmenden Beispiel von HIV ist wohl leider etwas dran. Banerjee & Duflo erkundeten zum Beispiel auch das Sexualverhalten von jungen Kenianerinnen. Sie stellten fest, dass für viele befragte Jugendliche kaum Perspektiven zu erkennen waren – außer der Hoffnung, einen wohlhabenden Mann zu bekommen. Entsprechend hatten ältere, wohlhabendere Männer es mit Versprechungen dort oft leicht und konnten Druck auf zögerliche Opfer aufbauen, auch wenn den Betroffenen durchaus klar war, dass die Risiken hoch und die “Erfolgsaussichten” gering waren.

    Verhütungsaufklärung und moralisierende Programme a la “Habt besser keinen Sex vor der Ehe!” zielten an der beklemmenden Lebensrealität dieser Frauen also völlig vorbei und bewirkten wenig bis nichts, konkrete Förderung und das Aufzeigen von Perspektiven erreichten viel mehr. Doch, viele Leute sollten dieses Buch lesen!

  7. Mein ehemaliger…

    VWL-Professor hat immer recht einleuchtend erklärt, dass auch scheinbar altruistische Handlungen wie etwa das Spenden an eine wohltätige Organisation, im Prinzip über eine Nutzenfunktion abgebildet werden können. Die 100 Euro, die man spendet, sind dann eben der Wert, den das Gefühl “ich habe dieser Organisation geholfen” für einen hat – und da Menschen unterschiedliche Präferenzen gegenüber der Wohlfahrt haben, lassen sich auch unterschiedliche Spendenhöhen gut ins Modell einfügen. Der homo oeconomicus entscheidet halt immer rational – basierend auf seinen jeweiligen Werten und nicht rational im rein monetären Sinn. So gesehen sehe ich ökonomische Standard-Modelle durch altruistisches Handeln im Prinzip nicht gefährdet, allenfalls von der monetären Fixierung muss man wegkommen (diesbezüglich ist die VWL ja aber schon seit Jahren auf einem guten Weg)… Wenn man sich das prä-lutherische Modell der Werk- und Tatengerechtigkeit vor Augen führt, lässt sich vermutlich auch religiöses Handeln ziemlich gut mit Nutzenfunktionen abbilden (sobald man von der Werkgerechtigkeit abrückt, wird es natürlich schwieriger)…

    Dass man übrigens in manchen Ländern mit hoher Arbeitslosigkeit und entsprechend begrenzter möglicher Aktivität lieber hungert (natürlich nicht auf Dauer), um einen Ablenkung versprechenden Fernseher zu finanzieren, ist keine so irrationale Entscheidung, wie es auf den ersten Blick scheint. Irgendwas in dieser Richtung gab es neulich auch in der Presse zu lesen, ich finde nur auf Anhieb den Artikel nicht wieder…

  8. @Christian

    Klar, aber wenn wir keine Angaben darüber haben, woher die Nutzenfunktionen eigentlich kommen und auch keine nachvollziehbare Definition von “rational”, dann sind die Modelle irreparabel von jeder Realität abgekoppelt. Es gibt dann auch keine empirisch überprüfbaren Hypothesen mehr, weil ich ja jede Motivation einfach nachträglich einrechnen kann. Kurz: Das Ganze wird zu Glasperlenspielen ohne Erkenntniswert.

    Der Kaiser ist ziemlich nackt. Aber erfreulicherweise merken das ja immer mehr Ökonomen auch selbst, das Fach wird sich sicher (evolutionär) entwickeln.

  9. Ökonomie – ein sinnvolles Fach

    Ähnlich wie Christian Reinboth (und wie es von Michael Blume schon in mehreren Kommentaren angedeutet wurde) muss ich eine Lanze brechen für die Volkswirtschaftslehre. Ich halte VWL nach wie vor für ein besonders unterschätztes Fach, das viel Allgemeinwissen vermitteln kann und das sich auch wunderbar mit anderen Disziplinen kombinieren läßt.

    Schon in der Universität wurde bei den Nutzenfunktionen gelehrt, dass z.B. altruistisches Verhalten nicht im Gegensatz zur persönlichen Nutzenmaximierung stehen muss. Außerdem bleibt man dort nicht stehen, sondern untersucht das Verhalten von Menschen bei gleichzeitiger Aktion anderer – die erwähnte Spieltheorie. Sie zeigt auch sehr schnell auf, dass eben nicht jeder nur an sich denken kann, wenn am Ende das gesellschaftlich Sinnvolle herauskommen soll. Im Gegenteil, das klassische Beispiel “Gefangenendilemma” zeigt doch gerade, wie wichtig Kooperation ist (oder zumindest Bestrafung von Regelverstößen).

    “Armselige Ökonomen” sind aus meiner Sicht diejenigen, die ihr Weltbild tatsächlich aus 2-3 Basismodellen zusammensetzen – welche bereits bei den weiteren Ausführungen des jeweiligen Autors eingeschränkt und hinterfragt werden. Solche Leute treiben mit der Wissenschaft Schindluder.

    Um einen (durchaus schiefen) Vergleich zu machen: Man stelle sich vor, die Interpretation und Forschung rund um die Bibel werde verboten. Es gelte allein, was in wenigen ausgesuchten Textstellen zu lesen sei. Weder darf man fragen, unter welchen Rahmenbedingungen die Empfehlungen in diesen Texten entstanden sind, noch darf man die Anweisungen irgendwie verfeinern oder hinterfragen, um sie an die neuen Zeiten anzupassen. Solche Leute nenne ich verblendet oder Fanatiker. Weder gereichen sie dem zu Ehre, dessen Lehre sie angeblich verkünden; noch können sie in irgendeinem seriösen Diskurs einen vernünftigen Beitrag leisten. In dem Sinne: Man misstraue allen Ökonomen, die so handeln, aber verdamme nicht die Ökonomie deswegen.

  10. @Kunar

    Zustimmung zu Deinem Plädoyer – zumal ich in diesem Beitrag ja auch ein Buch zweier Ökonomen empfehle! 🙂 In der engen Dogmatik der damaligen Homo oeconomicus-Schule wäre ich dagegen wohl erstickt…

    In Sachen Spieltheorie rennst Du bei mir offene Türen ein, sie hat ja sogar schon eine eigene (noch nicht ganz volle 😉 ) Kategorie.
    https://scilogs.spektrum.de/…des-glaubens/spieltheorie

    Ganz entscheidend finde ich Deinen ersten Absatz: Ich halte VWL nach wie vor für ein besonders unterschätztes Fach, das viel Allgemeinwissen vermitteln kann und das sich auch wunderbar mit anderen Disziplinen kombinieren läßt.

    Genau in dieser interdisziplinären Weiterentwicklung sehe ich die Aufgabe und Chance seriöser Volkswirtschaft. Enge Dogmatiker mit religiösen Fundamentalisten zu vergleichen ist zwar ein origineller Vorschlag, aber irgendwie ist wohl was dran… 😉

  11. Pingback:Warum der Rationalismus evolutionäre Prozesse nicht ersetzen und nicht einmal verstehen kann › Natur des Glaubens › SciLogs - Wissenschaftsblogs

Schreibe einen Kommentar