Verschwörungsfragen 27: Thorsten Trautwein zum Erben der Zeitzeugen

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Evolutionsgeschichte der Religion(en)
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Nur noch wenige Menschen können von ihren Erfahrungen und Erlebnissen während des Zweiten Weltkriegs berichten. Nur noch wenige Überlebende der Schoah von der Vernichtungswut und vom Antisemitismus der Nationalsozialisten erzählen. Wie die Erinnerungen dieser Zeitzeugen dennoch bewahrt werden können – hierzu erreichen mich oft besorgte Fragen von engagierten Bürgerinnen und Bürgern.

Einer, der seine Geschichte erzählt hat und dafür sogar viele Male nach Deutschland reiste, ist Mordechai Papirblatt. Er hat die Schoah und das Konzentrationslage Auschwitz überlebt. Heute kann er aus gesundheitlichen Gründen seien Wohnung nicht mehr verlassen. Dass seine Geschichte und die vieler weiterer Zeitzeugen der Schoah auch weiterhin gehört wird, ist das Anliegen des Projekts Papierblatt, von dem uns Schuldekan Thorsten Trautwein in dieser Folge berichtet.

Die Podcastfolge ist wie immer auf Podigee, Deezer, iTunes, Spotify und YouTube zu finden.

Den Text der Folge ist wie immer auch als PDF abrufbar.

Und hier als Fließtext:

In meiner Arbeit merke ich es täglich: Es wachsen Generationen heran, denen nicht mehr die Großeltern und Zeitzeugen aus eigener Erfahrung von Krieg, Vernichtung und den Schrecken des Nationalsozialismus berichten können. Immer mehr Kinder stammen von Zugewanderten ab, die erst in den glücklicheren Jahrzehnten der Bundesrepublik zu uns kamen. Sie alle erfahren oftmals erst in der Schule aus Büchern und Lehrfilmen von der Gewalt- und Terrorherrschaft der Nazis.

Wir brauchen also eine Erinnerungskultur auch für die Zeit nach den Zeitzeugen. Diese Jahre bilden die letzte Chance, um gemeinsam zu überlegen: Wie kann die Geschichte auch für kommende Generationen erlebbar gestaltet werden? Welche neuen Formen muss Erinnern annehmen?

Das Projekt Papierblatt und Thorsten Trautwein als einem wichtigen Projektpartner haben sich genau diese Fragen gemeinsam mit Zeitzeugen gestellt. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, Berichte der letzten Überlebenden der Schoah für die Nachkommenden zu sammeln, zu sichern und crossmedial zur Verfügung zu stellen.

Durch die Aufzeichnung von Zeitzeugenberichten soll jedoch nicht nur an die Schrecken des Nationalsozialismus erinnert werden. Viel wichtiger ist es den Projektpartnern, kommenden Generationen die Möglichkeit zu geben, lebendiges Judentum kennenzulernen, aus der Vergangenheit zu lernen und sich der eigenen Verantwortung für die gemeinsame Gegenwart und Zukunft gewahr zu werden. Es geht hier nicht darum, sich ein schlechtes Gewissen machen zu lassen, sondern genau umgekehrt für unsere gemeinsame Zukunft zu lernen: Was können wir alle zu einem friedlichen, pluralistischen und freiheitlichen Miteinander beitragen?

Thorsten Trautwein ist Schuldekan in Calw und setzt sich leidenschaftlich für das Projekt Papierblatt ein – und er ist der zweite Gast, der in unserer Rubrik „Freshe Stimmen“ zu Wort kommt. Obwohl das Staatsministerium eigentlich kein Förderministerium ist, war es mir eine Ehre, dieses Projekt auch finanziell voranzubringen.

Hören wir also Dekan Trautwein über den Zeitzeugen Mordechai Papirblatt, dessen Erinnerungen nun dank des Projekts in Buch- und Webform in deutscher Sprache veröffentlicht vorliegen.

Besucht man Mordechai Papirblat in seiner Wohnung bei Tel Aviv, so begegnet einem ein sympathischer, humorvoller und redegewandter älterer Herr. An der Wand seiner Wohnung hängen Bilder, die ihn mit seiner Frau Sima zeigen, daneben befinden sich Bilder seiner Kinder und deren Familien mit Enkel und Urenkel. Er erzählt von seiner Arbeit bei einer israelischen Tageszeitung, bei der er 42 Jahre lang beschäftigt war. Der heute 97-Jährige blickt auf ein langes Leben zurück.

Unübersehbar sind jedoch die fünf Ziffern auf seinem linken Unterarm: 46794. Sie erinnern ihn täglich an eine andere Wirklichkeit seines Lebens. Es ist seine Häftlingsnummer, die ihm in Auschwitz eintätowiert wurde.

Mordechai Papirblat hat den Holocaust überlebt. 1945 begann er damit, seine Erinnerungen aufzuschreiben. 1947 vollendete er sein Manuskript. Der damals 24- Jährige lebte mittlerweile in Tel Aviv, wo er ein neues Leben begonnen hatte. Mit der Niederschrift seiner Geschichte wollte er sein altes Leben abschließen. So verschloss er die über 500 handgeschriebenen Seiten in einem Umschlag, den er in seinem Schrank verwahrt hielt. Erst als er im Ruhestand war, fast 50 Jahre später, holte er das mittlerweile vergilbte Kuvert hervor und übergab es seinem Sohn mit den Worten: „Das ist meine Geschichte. Mach etwas damit.“ Zum ersten Mal erfuhrder Sohn die Geschichte seines Vaters im Zusammenhang und Detail.

Was Mordechais Sohn Shlomo damals zu lesen bekam, war der erschütternde Bericht über den Holocaust in Polen wie ihn sein Vater Mordechai Papirblat erlebt und überlebt hat.

Mordechai schrieb über den deutschen Angriff auf Warschau, über seine Zeit im Warschauer Ghetto, von seiner Flucht und vom Leben bei Verwandten auf dem Land, vom Tod seiner Eltern und von der Trennung von seinen Geschwistern. Er beschrieb, wie sich die Schlinge der Verfolgung immer enger um die Juden gelegt hat, wie ihnen der Besitz abgenommen wurde und sie sich schließlich in einem Ghetto einfinden mussten. Es folgte die Deportation nach Auschwitz, wo er im Stammlager, in Birkenau und im Außenlager Neu-Dachs rund 900 Tage lang zur Zwangsarbeit gezwungen wurde. Gewalt, Hunger, Erniedrigung, Angst und die Ermordung Unschuldiger waren seine täglichen Begleiter. Mehrmals hing sein Leben am seidenen Faden. Und warum das alles? Nur, weil er Jude ist. Als die Rote Armee in Richtung Auschwitz vorrückte, wurden die Marschfähigen auf den so genannten Todesmarsch geschickt, von dem Mordechai schließlich fliehen konnte. Mit der Rückkehr in seine Geburtsstadt Radom endeten seine Aufzeichnungen.

Shlomo Papirblat veröffentlichte das Manuskript 1995 als Buch in hebräischer Sprache. 2020, also 25 Jahre nach der hebräischen Ausgabe, erscheint es unter dem Titel „900 Tage in Auschwitz. Tagebuch eines Holocaust- Überlebenden“ nun erstmals in deutscher Sprache.

Mordechais exakte Wahrnehmung, sein präzises Gedächtnis und sein sprachliches Geschick führten zu einem einzigartigen Dokument. Das Buch enthält genaue Zeit-, Orts- und Personenangaben sowie Bezüge zu Ereignissen der politischen Geschichte. Diese Angaben helfen, das individuelle Ergehen von Mordechai Papirblat in das große Ganze des Zweiten Weltkriegs einzuordnen sowie in die Entwicklung des Holocaust von der Ausgrenzung, Entrechtung und Verfolgung bis hin zur Vernichtung der Juden in Polen. Es ist jedoch kein historisches Sachbuch, das mit wissenschaftlicher Distanz und abwägend über einen vergangenen Gegenstand berichtet. Es ist vielmehr ein im Rückblick verfasstes Tagebuch, in dem der Autor seine persönlichen Begegnungen, Beobachtungen, Erlebnisse sowie seine Empfindungen und Wertungen zur Sprache bringt. Was man zu lesen bekommt, gibt einen starken Eindruck von den unfassbaren Geschehnissen, die Mordechai Papirblat erleben musste. Er beschreibt die ganze Finsternis des nationalsozialistischen Terrors. Ein Terrorsystem, in dem unterdrückte Häftlinge selbst zu Tätern gegenüber anderen Häftlingen wurden und in dem es normal war, rücksichtslos auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein. Doch scheinen im Meer der Finsternis immer wieder Lichter der Mitmenschlichkeit auf. Er schildert, wie sich Häftlinge gegenseitig unterstützten und sich mit Liedern und Humor Mut machten. Immer wieder wird die Kraft und Orientierung sichtbar, die er in seinem jüdischen Glauben gewann. Die Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit des KZ-Alltags wird deutlich, wenn Mordechai Papirblat von den Menschen, Begegnungen und Ereignissen erzählt, die zu seinem Überleben beigetragen haben.

Auf die erste Veröffentlichung seines Buches im Jahre 1995 hin wurde Mordechai in Israel zu Vorträgen eingeladen. So erzählte er seine Lebensgeschichte vor Jugendlichen in Schulen und vor Erwachsenen an Universitäten, beim Militär, in Firmen und in Kibbuzim. 2015 und 2017 war er in Deutschland. Auch hier hat er vor Erwachsenen und Schulklassen aus seinem Leben erzählt. Über 20 Jahre lang hat er als Zeitzeuge des Holocaust Rede und Antwort gestanden. Mittlerweile ist es ihm aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich, das Haus für Vorträge zu verlassen.

Um das Erbe von Mordechai Papirblat und von anderen jüdischen Überlebenden des Holocaust in Erinnerung zu halten, wurde 2016 die digitale Plattform www.papierblatt.de gegründet. Sie trägt ihren Namen in Anlehnung an Mordechai Papirblat. Er ist der einzige Überlebende mit diesem Namen. Alle anderen wurden im Holocaust ermordet. Darum sagt er: „Mein Name ist ein Denkmal.“ Ein Denkmal für die Überlebenden und für die Ermordeten möchte auch die digitale Plattform www.papierblatt.de sein. Mordechai sagt, der Name Papirblat komme daher, dass seine Vorfahren Journalisten und Schreiber waren, die Informationen auf einem Blatt Papier festgehalten und weitergegeben haben. Genau diese Absicht verfolgt auch die digitale Plattform.

Die Homepage ist frei zugänglich und enthält Videoberichte von Zeitzeugen. Diese Videoberichte können über eine Stichwort-Suchfunktion erschlossen und verglichen werden. Zudem gibt es eine eigene Rubrik mit Materialien für den schulischen Unterricht und didaktische Hilfestellungen für Lehrkräfte sowie eine Rubrik mit Fachbeiträgen aus wissenschaftlicher Perspektive. Eine weitere Rubrik ist exemplarisch dem Leben von Mordechai Papirblat gewidmet. Sie enthält zwei seiner Videoberichte und zahlreiche Zusatzmaterialien, unter anderem zu seinem Buch. Eine ausführliche Biografie erzählt sein ganzes Leben und stellt es mit zahlreichen Hintergrundinformationen in den größeren zeitgeschichtlichen Horizont.

Über diesen crossmedialen Zugang aus digitaler Plattform und Printmedien soll die Stimme der Zeitzeugen weiterhin hörbar bleiben und für heutige Jugendliche und Erwachsene erschlossen werden. In Zeiten zunehmender Unkenntnis über den Holocaust und schroffer werdender Auseinandersetzungen eröffnen die Berichte der Zeitzeugen einen wertvollen Zugang zu der schweren Thematik des Holocaust, wie auch des Antisemitismus.

Doch was ist das Besondere eines Zeitzeugenberichts?

a) Einem Zeitzeugen zuzuhören ist zunächst ein Vorrecht, das darin besteht, einem Menschen begegnen zu dürfen, der etwas Außergewöhnliches als Augenzeuge erlebt hat, das mir unbekannt ist.

b) Wenn ein Mensch aus seinem eigenen Leben erzählt, bekommt Geschichte ein Gesicht und einen Namen. Sie wird persönlich, real und damit lebensrelevant.

c) Das Erzählen und Zuhören geschieht in der Begegnung von Mensch zu Mensch, in der eine Beziehung entsteht. Eine Beziehung zum Erzähler sowie zu seinen Erlebnissen und Erfahrungen. Dabei gewinnt der Zuhörende Respekt und er entwickelt Empathie gegenüber dem Erzähler und gegenüber seinen Erlebnissen.

d) Bei einem Zeitzeugenbericht wird auch Geschichte vermittelt, doch geht es in erster Linie nicht um die historisch bedeutsamen Ereignisse an sich, um Daten oder Zahlen, sondern darum, wie sich historische Sachverhalte im Leben individueller Menschen auswirken.

e) Viele Texte, Bilder, Filme usw., die wir über den Holocaust haben, stammen von den Tätern selbst. Wenn wir den Holocaust mit Hilfe dieser Materialien betrachten, sehen wir ihn, wie ihn die Täter gesehen haben bzw. wie sie wollten, dass er gesehen werden soll. Die rückblickende Perspektive der Opfer erweitert, ergänzt und korrigiert die Perspektive der Täter.

Zeitzeugenberichte haben eine Bedeutung für die Zeitzeugen selbst.

a) Der Zeitzeuge wird als Individuum mit seiner Geschichte ernst genommen und gewürdigt. Andere nehmen sich Zeit, um ihm zuzuhören. Damit erhält er seine menschliche Würde und Bedeutung zurück, die ihm als Opfer des nationalsozialistischen Antisemitismus genommen wurde.

b) Gerade die Begegnung mit der jüngeren deutschen Generation und deren Offenheit für die Geschichte der Zeitzeugen tut den Zeitzeugen gut und macht ihnen Mut für die Zukunft.

c) Den Zeitzeugen ist die Erinnerung an das Geschehene wichtig. Wenn sie ihre Geschichte erzählen können, tragen sie aktiv zur Erinnerung bei und können selbst dem Vergessen entgegenwirken.

Als ich Mordechai gefragt habe, was er als seine „Mission“, als seinen Auftrag als Zeitzeuge versteht, sagte er „Zu erzählen! Nur zu erzählen und Fragen zu beantworten.“ Er tut das ohne moralischen Appell. Was seine Zuhörer damit machten, sei ihre Sache. Die Freiheit, die er seinen Zuhörern lässt, ist beachtlich.

Zeitzeugenberichte haben eine eigene Qualität.

a) Die Zeitzeugenberichte sind die persönlichen Geschichten der Lebenden, nicht der Ermordeten. Sie sind eine spezifische Perspektive auf die Geschehnisse des Holocaust, die andere Perspektiven ergänzen.

b) »Wir sind weder Historiker noch Philosophen, sondern Zeugen«, sagt der Holocaust-Überlebende Primo Levi. Zeitzeugenberichte sind subjektive Wahrnehmungen und persönliche Erinnerungen, nicht selten individuelle Plausibilisierungen und Interpretationen erlebter Geschichte.

c) Das menschliche Gedächtnis arbeitet nicht objektiv, sondern ist von Überzeugungen, Lebenserfahrungen, Emotionen, erworbenem Wissen, Verdrängung usw. beeinflusst. Gedächtnisinhalte werden mit anderen Informationen abgeglichen und durch das wiederholte Erzählen geschliffen.

Wo uns historische Unstimmigkeiten oder Fehler im Buch von Mordechai Papirblat aufgefallen sind, haben wir darauf hingewiesen.

Mit der digitalen Plattform, dem Buch von Mordechai Papirblat und mit anderen Büchern, die in der „Edition Papierblatt“ erscheinen, wollen wir die Erinnerung an das Vergangene wachhalten. Wir, die Projektpartner Frank Clesle, Timo Roller und Thorsten Trautwein, wollen damit einerseits die Erinnerung an die Überlebenden und Ermordeten wachhalten und über den Holocaust aufklären. Wir wollen andererseits sensibel machen für die Gefahr, die vom Antisemitismus aller Zeiten ausgeht. Antisemitismus in jeder Form beschädigt die Würde und Freiheit von Menschen und somit immer auch unsere Demokratie und Gesellschaft. Für die schrecklichen Geschehnisse von damals sind wir nicht verantwortlich, wohl aber für das, was heute geschieht! Möge uns die Zivilcourage der Menschen ermutigen, die durch ihren persönlichen Einsatz das Überleben von Mordechai Papirblat ermöglicht haben. Und mögen wir die menschliche Würde nie vergessen, mit der Gott den Menschen – ja, alle Menschen – geschaffen hat!

Das Buch von Mordechai Papirblat „900 Tage in Auschwitz. Tagebuch eines Holocaust-Überlebenden“ ist 2020 erschienen. Es kostet 14,95 EUR und kann im Buchhandel oder über die Homepage www.papierblatt.de bezogen werden.

Quellen:

Papirblatt, Mordechai (2020): 900 Tage in Auschwitz. Tagebuch eines Holocaust-Überlebenden, Edition Papierblatt Band 1, Morija


Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

7 Kommentare

  1. Wir stehen an einer Zeitenwende. Die überlebenden Opfer wie Täter sterben weg.
    Deshalb wäre es sinnvoll , den Besuch von Gedenkstätten seitens der Schulen in den Lehrplan verpflichend aufzunehmen.
    Tipp: Besuchen Sie das Mahnmal für den Holocaust in Bratislava.
    Erst dort habe ich begriffen, was die Nazigreuel angerichtet haben.

  2. Das sehe ich genauso. Ich selbst habe Sachsenhausen, Buchenwald und Dachau besucht. Man muss erst gesehen und mitgefühlt haben, bevor man begreift.

  3. Jugendlich sind noch gar nicht reif genug für einen KZ Besuch.Oft machen sie Witze.Aber es kann auch psychische Schäden zur Folge haben.
    So berichtete eine polnische Zietung vor ein paar Jahren das ein deutscher Mann einen NERVENZUSAMMENBRUCH bekam,seinen Pass zerstörte und nie mehr nach Deutschland wollte.

    • Vielen Dank für die Überlegungen, @Kowalski.

      Ja, ein KZ-Besuch durch Jugendliche sollte pädagogisch gut vorbereitet und begleitet sein. Auch ich habe Auschwitz als Teilnehmer einer Reise der Jungen Union in auch körperlich heftiger Erinnerung – und denke doch, dass es wichtig ist, sich der Geschichte zu stellen. Ihr Beispiel eines psychischen Ausnahmezustands bezog sich ja auf einen Erwachsenen.

      Im Grundsatz plädiere ich jedoch dafür, mit Jugendlichen eher lokale Gedenkstätten zu besuchen und sich an Gedenkprojekten wie Papierblatt.de zu beteiligen. Denn zu begreifen ist: Die Schoah fand nicht nur „woanders“, sondern mitten in einem zivilisierten Land statt. Wir Heutigen tragen daran keine Schuld, doch übernehmen wir lernend Verantwortung für uns selbst und für andere.

  4. Wir waren in der 8. Klasse im Rahmen eines zweitägigen obligatorischen Schulausfluges in Weimar und Buchenwald. Übernachtet haben wir in einer ehemaligen SS-Kaserne im Eingangsbereich. Ich konnte es nicht ertragen, mich in denselben Zimmern zu bewegen wie diese Unmenschen, deren “Werk” wir uns tags zuvor angesehen haben, und dort gar noch schlafen zu sollen. Ich musste mich in dieser Nacht pausenlos übergeben und habe kein Auge zugetan. Und trotzdem war es gut und wichtig. Wenn man mit den Geschehnissen so unmittelbar konfrontiert wird, ist dies prägend.
    Heute dreht sich mir erneut der Magen herum, wenn ich – wie vergangenes Wochenende – grölende Nazihorden mit Reichs- und Reichskriegsflaggen im Sturm auf den Bundestag beobachten muss.
    Wenn man bei oder nach einem solchen Erlebnis (Besuch einer KZ-Gedenkstätte) als Jugendlicher “Witze” macht, wie @Kowalski befürchtet, muss man Elternhaus und Schule ernsthaft hinterfragen. Denn spätestens ab 14 Jahren sollten Empathie und Geschichtsbewusstsein weit genug ausgebildet sein, um das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte nicht in’s Lächerliche zu ziehen.

    • Zustimmung, @Sandy. Ein erheblicher Teil des Erschreckens geht ja m.E. darauf zurück, dass nicht einfach „Menschen“, sondern „Menschen wie wir“ diese Verbrechen begingen: Auch gebildete Mitteleuropäer, vor allem weiße Männer.

      Den Versuch, diese Erkenntnis auf allerhand Weise abzuwehren, zu verdrängen, „Jugendlichen zu ersparen“ kann ich daher sozialpsychologisch verstehen. Ich halte es allerdings für falsch, denn die Schoah „ist“ geschehen – und jedes ernsthaft aufgeklärte Menschenbild sollte sich daran prüfen lassen. Verdrängen löst ja den Schrecken nicht – und niemand ist heute tiefer im sog. „Schuldkult“ verstrickt wie eben jene AntisemitInnen, die zu feige zur Übernahme von Verantwortung sind…

    • Wir haben uns in der Schule sehr intensiv mit dem 3. Reich und dem Holocaust auseinandergestzt, weil unsere Schule in der 9. an einem regelmässigen Schüleraustausch mit Israelis und parallel mit Palestinensern teilgenommen hat (und vermutlich auch noch teilnimmt).
      Daher war die Wirkung im KZ auf uns Schüler körperlich nicht ganz so intensiv, wir waren ja sehr gut vorbereitet. Trotzdem war man da sehr klein mit Hut sozusagen. Yad Vashem ging mir persönlich noch näher, aber das kann ja bei jedem anders sein.

      Und das war sicher nicht falsch .. wie lange soll man den warten? Oder den Holocaust ganz verschweigen? Das ist sicher die schlimmst “pädagogische” Lösung.

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