Fachbuch zu evolutionärer Religionsforschung: The Biological Evolution of Religious Mind and Behavior

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Bisher haben Deutschland und Europa in der Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen eine eher nachgeordnete Rolle gespielt – zumal einige der besten europäischen Forscher dazu in den USA angeworben wurden. Auch mit der internationalen Delmenhorst-Konferenz zur "Biology of Religion", die der Soziobiologe Eckart Voland und der Ethnologe Wulf Schievenhövel am Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK) ausrichteten, begann sich das zu ändern. Aus dieser Konferenz ist ein Fachbuch hervor gegangen: The Biological Evolution of Religious Mind and Behavior (BERMB), das der Springer-Wissenschaftsverlag nun in seiner "Frontiers Collection" herausgebracht hat. Es versammelt 19 Studien völlig unterschiedlicher Bereichen, die dennoch ein sich zunehmend präzisierendes Bild der Evolution von Religiosität und Religionen zeichnen. 

Voland, E., Schiefenhövel, W. (Eds.): The Biological Evolution of Religious Mind and Behavior. Springer 2009

The Biological Evolution of Religious Mind and Behavior

Series: The Frontiers Collection

Voland, Eckart; Schiefenhövel, Wulf (Eds.)

2009, X, 304 p. 13 illus., Hardcover

ISBN: 978-3-642-00127-7

Online version available

Table of Contents

1 Introduction by Wulf Schiefenhövel and Eckart Voland

2 Evaluating the Evolutionary Status of Religiosity and Religiousness by Eckart Voland

3 Gods, Gains, and Genes by Rüdiger Vaas

4 How Some Major Components of Religion Could Have Evolved by Natural Selection? by Jay R. Feierman

5 The Correlated History of Social Organization, Morality, and Religion by David C. Lahti

6 Is There a Particular Role for Ideational Aspects of Religions in Human Behavioral Ecology by Jürgen Kunz

7 Talk and Tradition: Why the Least Interesting Components of Religion May Be the Most Evolutionarily Important by Craig T. Palmer, Ryan M. Ellsworth, and Lyle B. Steadman

8 The Reproductive Benefits of Religious Affiliation by Michael Blume

9 The African Interregnum: The “Where,” “When,” and “Why” of the Evolution of Religion by Matt Rossano

10 Explaining the Inexplicable: Traditional and Syncretistic Religiosity in Melanesia by Wulf Schiefenhövel

11 Authoritarianism, Religiousness, and Conservatism: Is “Obedience to Authority” the Explanation for Their Clustering, Universality and Evolution? by Thomas J. Bouchard, Jr.

12 Cognitive Foundations in the Development of a Religious Mind by Rebekah A. Richert and Erin I. Smith

13 Religious Belief and Neurocognitive Processes of the Self by Shihui Han

14 Neurologic Constraints on Evolutionary Theories of Religion by Erica Harris and Patrick McNamara

15 On Shared Psychological Mechanisms of Religiousness and Delusional Beliefs by Martin Brüne

16 Cognitive Foundations of Religiosity by Ulrich Frey

17 The Religious System as Adaptive: Cognitive Flexibility, Displays, and Acceptance by Benjamin Grant Purzycki and Richard Sosis

18 The Evolution of Evolutionary Theories of Religion by Wolfgang Achtner

19 Evolutionary Perspectives on Religion – What They Can and What They Cannot Explain (Yet) by Detlef Fetchenhauer

Normalerweise stellt man ja fest, ein Buch sei "für Fachleute" geschrieben. Bei BERMB würde ich jedoch eher formulieren: Dieses Buch dürfte in den nächsten Jahren Fachleute "machen". Wer sich auf die sehr intensiven Arbeiten konzentriert einlässt, befindet sich mit an der Spitze der derzeitigen Forschungsdiskussionen in einem dynamischen Wissenschaftsfeld.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

18 Kommentare

  1. Ja, absolut!

    Lieber Martin,

    Deine Beobachtung stimmt da absolut: Im Bereich dieser extrem interdisziplinären Forschung kommt dem Internet eine tragende Rolle zu. In spezialisierten Blogosphären (v.a. im englischsprachigen Raum) werden die Befunde der verschiedensten beteiligten Disziplinen (wie Psychologie, Biologie, Soziologie, Archäologie, Religionswissenschaft, Theologie(n) und Philosophie(n) etc.) miteinander vernetzt, kritisch-konstruktiv diskutiert und weiter entwickelt. Damit eröffnen sich auch jüngeren Forschern einzigartige Chancen. Und indem Interessierte mit-diskutieren, fragen, verlinken, aber auch Produkte (wie themenbezogene Bücher & Zeitschriften) nachfragen, entwickeln sie den Wissenschaftsbereich weiter.

    Ich gehe so weit zu behaupten, dass es den heutigen Stand der Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen ohne das Internet nicht gäbe.

    Herzliche Grüße!

  2. Sehr interessant

    Ich muss zugeben, dass mich dieses Thema auf eine Art fasziniert, die ich gerade nicht näher präzisieren kann. Vielleicht werde ich mir dieses Buch mal zulegen, wenn ich Gelegenheit dazu habe.

  3. @ Sören

    Danke, das ist sehr ermutigend! Ob “Gott, Gene und Gehirn” oder eben BERMB, jedes gekaufte und erst Recht gelesene Buch fördert direkt ein Stück Wissenschaft bzw. hier konkret Evolutionsforschung.

  4. Danke

    Super, dass Voland die Verlinkung ermöglichte. Da neigt sich die Waage Richtung Adaption. Und die Schwierigkeit der Byproduct-These kommt auch klar raus.
    Na ja, fertig entschieden ist ja noch nichts. Und mit letzterer könnte man ja auch gut leben – wenn man byproduct nicht mit zufälligem Abfallprodukt verwechselt, wie das manche wohl tun.
    Das Kapitel von Fetchenhauer bekam ich mal auf andere Weise als Kopie. Da kann es ja noch Streit geben.
    Das ganze Buch – das kann ich mir wohl nicht antun oder eintun: soooo viel Englisch, schade.

    Basty

  5. @ Basty: Englisch

    Lieber Basty,

    vielen Dank für Dein Interesse! Ja, es ist schon so, dass ein Großteil der neuesten Forschungsliteratur zum Thema in Englisch vorliegt. Das liegt zum Einen daran, dass die Forschungen sehr international sind (und damit Englisch die Lingua franca ist), aber auch daran, dass es in Deutschland, Österreich und der Schweiz einfach noch zu wenige Forscher auf dem Gebiet gibt.

    In “Gott, Gene und Gehirn” haben Rüdiger Vaas und ich den Forschungsstand ja schon einmal ins Deutsche übersetzt:
    http://www.chronologs.de/…shop.de/artikel/969531

    Wenn die Nachfrage gut genug ist, lassen sich da sicher auch in Zukunft wieder deutsche Bücher auflegen. Auf die Käufer kommt es an! 🙂

  6. Neues Fachbuch

    Es ist schon bemerkenswert, dass ein “Fachbuch” zur biologischen Evolution eines bestimmten humanen Verhaltensmerkmals fast ganz ohne Evolutionsbiologen auskommt.

    Es ist ja richtig, dass alle Fähigkeiten und Eigenschaften ihren evolutionären Ursprung haben, wie könnte es auch anders sein. Aber die Mechanismen der evolutiven Entwicklungen sind für die einzelnen Eigenschaften doch recht unterschiedlich.

    So gibt es für die Fähigkeit, an Geister und personale Gottheiten glauben zu können, offenbar keinen bestimmten Satz an Genen, womit sich die Frage nach der Vererbbarkeit der Gläubigkeit stellt. Wenn man sich etwa die heutige Verbreitung der Eigenschaft “Religiosität” im oben genannten Sinne anschaut, so scheint nur ein bestimmter Anteil der Menschheit diese Eigenschaft (noch?) zu besitzen.

    Das ist erstaunlich, würde man doch vermuten, dass in grauer Vorzeit praktisch alle Menschen an Geister glaubten, allein schon aufgrund fehlender Erkenntnisse über die wahren Ursachen von Naturerscheinungen. Und die Erkenntnis, dass es fast immer einen engen Zusammenhang von Ursache und Wirkung gibt, ist doch das, was den Menschen von seinen tierischen Vorfahren grundlegend unterscheidet.

    Also ist die besagte Eigenschaft entweder durch Genfluß zum Teil wieder verloren gegangen, oder es gab keinen wie auch immer gearteten Selektionsdruck mehr, so dass die Varianten, die diese Eigenschaft nicht besaßen, sich erfolgreich vermehren konnten.

    Wenn es denn wirklich jemals eine Selektion in Richtung “Religiosität” gegeben hat, dann kann man aus heutiger Sicht die noch vorhandene “Religiosität” eigentlich nur als einen Atavismus bezeichnen, ein Relikt aus unserer evolutionären Vergangenheit. So wie Sie, lieber Michael Blume, es für die Xenophobie kürzlich festgestellt haben. In prähistorischen Zeiten war es gewiss sinnvoll und nützlich, für alle unerklärlichen Erscheinungen eine übernatürliche Erklärung parat zu haben und über religiös motivierte Rituale die Gemeinschaft zu stabilisieren. Aber heute, so scheint mir, erweist sich religiöser Glaube immer mehr als ein Hemmnis für den Zusammenhalt einer pluralistischen Gesellschaft.

  7. @ Balanus

    Herzlichen Dank für Ihren Beitrag!

    Ja, das ist ein dynamisch expandierendes Feld, zu dem Biologen (wie David Sloan Wilson oder, eher unbeabsichtigt, Richard Dawkins) ebenso beitragen wie Vertreter verschiedenster anderer Richtungen. Das Gleiche gilt ja auch für andere Zweige der neuen, interdisziplinären Evolutionsforschung, z.B. im Bereich der Literatur. Den deutschen Übersichtsband “Gott, Gene und Gehirn.” zu diesem Forschungsbereich habe ich übrigens gemeinsam mit dem Biologen Rüdiger Vaas veröffentlicht:
    http://www.chronologs.de/…shop.de/artikel/969531

    Zu Ihren Annahmen: Sie haben völlig Recht, wenn Religiosität ein Atavismus wäre, so müßten wir für die frühen Zeiten und ggf. verwandte Spezies stärkere Formen vorfinden – das Gegenteil ist der Fall: Religiosität begann sehr einfach und entwickelt sich seitdem biologisch und kulturell dynamisch.

    Eine partielle Heritabilität (Vererbbarkeit) hat sich z.B. analog zu Musikalität oder Intelligenz bei Zwillingsstudien gezeigt, siehe Beitrag dazu hier:
    http://www.chronologs.de/…-der-verhaltensgenetik

    Vor allem aber zeigt sich klar, dass sich religiöse Menschen (auch) heute durchschnittlich deutlich erfolgreicher vermehren als säkulare – die Evolution geht also sichtbar weiter. Ich finde es erstaunlich, dass sich in wenigen Jahrzehntausenden eine so starke Veranlagung durchsetzen konnte, die sich sogar bei entschieden Nichtreligiösen z.B. in Ritual- und Bestattungsverhalten zeigt. Einen kostenlosen Überblicksartikel aus Gehirn & Geist dazu können Sie hier einsehen:
    http://www.chronologs.de/…eist.de/artikel/982255

    Über Ihr weiteres Interesse würde ich mich sehr freuen!

  8. @ Michael Blume

    Lieber Michael Blume,

    zunächst Danke für Ihre Antwort. Dieses Thema interessiert mich schon seit längerem; und unbelastet durch Faktenwissen habe ich auch schon eine feste Meinung dazu.

    “Sie haben völlig Recht, wenn Religiosität ein Atavismus wäre, so müßten wir für die frühen Zeiten und ggf. verwandte Spezies stärkere Formen vorfinden – das Gegenteil ist der Fall: Religiosität begann sehr einfach und entwickelt sich seitdem biologisch und kulturell dynamisch.”

    Wollen Sie damit sagen, dass über die vorzeitliche Verbreitung der Religiosität (also 50.000 bis 200.000 Jahre zurück) belastbare Daten vorliegen?

    Sicherlich kamen zunächst nur wenige Individuen auf die Idee, unerklärliche Naturphänomene durch übernatürliche Kräfte zu erklären. Erst mussten ja die genetischen Voraussetzungen und die daraus resultierenden Hirnstrukturen vorhanden sein. In einer kleinen Population könnten sich solche Gene dann durch Zufall verbreitet haben (Gendrift). Später hatten glaubensstarke Horden vielleicht Vorteile gegenüber glaubensschwachen. Etwa durch erhöhte Kampfbereitschaft im Vertrauen auf den Beistand höherer Mächte, oder aufgrund der Erfolge in der Voodoo-Medizin. Wie auch immer, die genetisch bedingte Glaubensfähigkeit hat sich im Laufe der Zeit jedenfalls global verbreitet.

    Die Frage ist nun, wie groß der Anteil dieser Glaubensfähigkeit in den prähistorischen Populationen jeweils war. Die Skeptiker sind auf jeden Fall nicht ausgestorben. Entweder, weil deren Ahnen noch nie die passende genetische Ausstattung besaßen (dann hätte sich die ursprüngliche, nicht mutierte Variante ebenfalls erfolgreich fortgepflanzt), oder weil in jeder neuen Generation Menschen geboren werden, deren diesbezügliche
    Genausstattung defekt ist (quasi als Folge der evolutiv notwendigen genetischen Variabilität).

    Vermutlich hatten die Skeptiker – ungeachtet ihrer Zahl – in früheren Zeiten einen besonders schwachen Stand gegen die übermächtige Glaubensfraktion. Schließlich waren die wahren Ursachen der rätselhaften Naturereignisse noch unbekannt. Infolgedessen gibt es heute praktisch keine Gesellschaft, die nicht religiös geprägt wäre. Dennoch hat es die Skeptiker, wie gesagt, immer gegeben, gewissermaßen als genetische Variante.

    Erst in den letzten Jahrhunderten ist es den Skeptikern gelungen, ein konsistentes physikalisches Weltbild zu etablieren, welches den Glauben an sich überflüssig macht beziehungsweise im Konflikt mit den Glaubensinhalten steht. Man könnte meinen, dass die Glaubensbegabten angesichts dieser säkularen “Bedrohung” als Gegenreaktion ihre Reproduktion hochgefahren hätten. Womit wir zu der alles entscheidenden Frage kommen:

    Mit welcher Frequenz vererbt sich die Glaubensfähigkeit, wenn beide Elternteile gläubig sind?

    Weitere Fragen wären:

    Wie erklärt sich der rapide Rückgang der Religiosität in den europäischen Ländern während der vergangenen 250 Jahren?

    Wieso ist in wirtschaftlich erfolgreichen Nationen (ohne Bodenschätze) die Religiosität geringer verbreitet als in wirtschaftlich schwachen Ländern?

    Meine These ist: Bei einem Großteil der als religiös eingestuften Menschen ist die Religiosität nicht genetisch bedingt, sondern beruht (a) auf kulturellen Gepflogenheiten und/oder (b) auf mangelndem Wissen (= fehlende Aufklärung).

    Danke für die Hinweise und Links. Über Glauben und Gene wurde in Ihrem Blog ja bereits ausführlich diskutiert. Ohne diese Beiträge nun alle gelesen zu haben, hier meine dezidierte Meinung dazu:

    Die fehlende willentliche Beeinflussbarkeit des tief empfundenen Glaubens (bzw. Nicht-Glaubens) an eine personale, an der Welt interessierten Gottheit, spricht für eine genetische Basierung der Glaubensfähigkeit. Diese Fähigkeit ist im jungen, noch unreifen Gehirn am stärksten ausgeprägt und lässt mit zunehmenden Alter und wachsender Ratio bzw. wachsendem Wissen in der Regel nach. Bei vielen Menschen persistiert der kindliche Glaube jedoch und gerät somit potentiell in Konflikt mit der gereiften Ratio. Als einziger Ausweg erscheint die Rationalisierung des Glaubens, womit der an sich kindliche Glaube auf ein intellektuell höheres Niveau gehoben wird.

    Im Übrigen könnte man die ontogenetische Entwicklung der Glaubensfähigkeit von fehlend (im Fetus) über stark (Kind) nach schwach bis fehlend (Erwachsene) als “Rekapitulation” der phylogenetischen Entwicklung sehen (Vormensch, Frühmensch, Jetztmensch). In diesem Sinne ist tiefer Glaube beim Jetztmenschen eine atavistische Besonderheit.

    (Nachbemerkung: Wenn tiefgläubige Eltern eine Menge Kinder kriegen, sind sie in der Regel noch relativ jung, so dass wir über die zukünftige Glaubensstärke dieser jungen Eltern nur spekulieren können).

  9. @ Balanus

    Herzlichen Dank für Ihren interessanten Beitrag und die spannenden Gedanken! In vielen Gebieten würde ich Ihnen zustimmen, in einigen aber nicht.

    Zur “Datenlage” im Bezug schon auf steinzeitliche Religiosität darf ich z.B. auf das o.g. sehr gute Kapitel von Matt Rosano hinweisen, der die expandierende Menge paläoarchäologischer Funde (Bestattungen, Figurinen etc.) evolutionspsychologisch einordnet. Für die Ihrerseits vermuteten “Kämpfe” gibt es z.B. bisher null Hinweise. Sehr eindrucksvoll ist auch die derzeitige Eiszeit-Ausstellung in Stuttgart:
    http://www.chronologs.de/…n-von-kunst-und-kultur

    Klar ist natürlich: Evolutionsforschung ist immer historische Rekonstruktion, wobei wir den heutigen Menschen beobachten können und damit reale Daten haben, von denen Saurierforscher oder auch Experten für frühe Hominiden nur träumen können. 😉

    Zum Zweiten möchte ich auf eine Dissonanz in Ihren sonst sehr guten Ausführungen hinweisen. Sie erläutern, dass die Religion(en) in moderner Zeit “überflüssig” würden und verwechseln damit m.E. die Ebene der wissenschaftlichen Erklärung (für die man auch m.E. Mythologien tatsächlich nicht mehr benötigt) und die Lebensführung (da sieht es schon anders aus). Gebildet-säkulare Populationen implodieren weltweit, nur die religiösen Minderheiten (auch in den gebildeten Schichten) widersetzen sich dem Geburtenrückgang – geben ihre Gene erfolgreicher weiter. Daneben gibt es auch noch Gemeinschaften wie orthodoxe Juden, Amische oder Hutterer, die sich Ansprüchen der Säkularisierung oder Rationalisierung widersetzen und demografisch exponentiell expandieren. Sie halten also gerade nicht die Religion, sondern große Teile der Wissenschaft für entbehrlich – und sind reproduktiv erfolgreich:
    http://www.chronologs.de/…n-16-jahren-verdoppelt

    Schließlich möchte ich noch anmerken, dass Ihre Vermutung zu Skeptis als “Variation” insofern bewahrheiten könnte, als sich Hinweise zu einer balancierten Evolution (mit Glockenkurve wie z.B. beim Vogelflug) verdichten. Allerdings stehen die diesbezüglichen Überlegungen noch am Anfang, ich hoffe, bis Jahresende erste Publikationen dazu verlinken zu können.

    Was das Miteinander biologischer und kultureller Evolution angeht: Mich interessieren aus der Perspektive der Evolutionsforschung natürlich vor allem die langfristigen Prozesse. Aber wenn Sie sich für die kurzfristigen Folgen interessieren, sind vielleicht die Arbeiten von Eric Kaufmann für Sie interessant, der das Ende der europäischen Säkularisierungswelle aus demografischen Gründen etwa um 2040 verortet:
    http://www.scilogs.eu/…aphy-in-political-studies

    Kultur ist m.E. immer auf genetische Grundlagen angewiesen, zumal die bereits erwähnten Zwillingsstudien oder auch der Hirnforschung für Religiosität keinen anderen Befund aufweisen als für Musikalität oder Sprachfähigkeit.

    Und warum auch sollte die Evolution sich in Richtung Wissenschaftlichkeit orientieren? Derzeit tut sie das ganz offenkundig nicht, sondern “belohnt” insgesamt vergemeinschafteten, religiösen Glauben. Ob und was dies z.B. philosophisch oder theologisch bedeuten könnte beleuchten in obigem Buch z.B. Eckhard Voland, Rüdiger Vaas und Wolfgang Achtner.

    Herzlichen Dank für Ihr lebendiges Interesse!

  10. @ Michael Blume

    Mein Interesse ist eher oberflächlicher Natur. Ich denke gern über die Bedeutung der Religionen nach und finde die Evolutionsbiologie spannend, insbesondere mit Blick auf die religiös motivierte Ablehnung der Evolution. Und dann macht es mir natürlich Spass, Evolutionspsychologen zu kritisieren, die sich allzuweit aus dem Fenster lehnen, wenn es um den vermuteten Selektionswert von bestimmten Verhaltensmerkmalen geht (ganz generell gesprochen).

    Zur “Datenlage” im Bezug schon auf steinzeitliche Religiosität darf ich z.B. auf das o.g. sehr gute Kapitel von Matt Rosano hinweisen, der die expandierende Menge paläoarchäologischer Funde (Bestattungen, Figurinen etc.) evolutionspsychologisch einordnet.

    Das sagt ja nichts aus über die anteilsmäßige Verbreitung der genetisch bedingten Religiosität – und nur auf die kommt es evolutionstheoretisch an. Wenn eine starke Verbreitung vermutet wird, dann stützt das meine These, dass es bis in die Neuzeit hinein keine wesentliche Zunahme dieser starken Form der Religiosität gegeben hat – eher im Gegenteil. Um noch einmal darauf hinzuweisen: Die Aufklärung konnte nur jene Menschen säkularisieren, die genetisch nicht auf Religion festgelegt waren. Es gab also schon vor der Aufklärung eine große Menge an latenten Skeptikern. In vorindustriellen Gesellschaften, wo man heute noch eine hohe Religiosität (und hohe Geburtenraten) feststellt, dürfte das ähnlich sein (aber das ist Spekulation).

    Für die Ihrerseits vermuteten “Kämpfe” gibt es z.B. bisher null Hinweise.

    Bereits Schimpansen können Kriege führen. Und wenn man sich die bekannte Menschheitsgeschichte anschaut, liegt es nahe anzunehmen, dass auch in der Vorzeit Kämpfe zwischen rivalisierenden Gruppen stattgefunden haben. Ich halte es für sehr plausibel, dass psychotrope Substanzen sowohl bei der Etablierung religiöser Praktiken als auch bei der Förderung der Kampfesbereitschaft eine tragende Rolle gespielt haben. Außerdem ist es immer leichter, für “höhere” Ziele in die Schlacht zu ziehen (ist vielleicht eine negative Begleiterscheinung der starken Religiosität).

    Evolutionsforschung ist immer historische Rekonstruktion, wobei wir den heutigen Menschen beobachten können und damit reale Daten haben,…

    Völlig richtig. Entscheidend ist dabei, dass man die “realen Daten” richtig deutet bzw. deuten kann.

    Nehmen wir zum Beispiel die formale positive Korrelation von Geburtenrate und Kirchenbesuchshäufigkeit. Sagt diese Korrelation wirklich etwas aus über den Kausalzusammenhang von genetisch bedingter Religiosität und dem Reproduktionserfolg? Trägt eine höhere Geburtenrate der Religiösen tatsächlich zur weiteren Verbreitung der genetisch bedingten Religiosität bei oder bewirkt sie nur, dass diese Form der Religiosität nicht ausstirbt? Wie ist überhaupt der Zusammenhang von genetisch bedingter Religiosität mit der Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft oder der schlichten Teilnahme an religiösen Ritualen? Man hört und liest ja öfter von Menschen, die fest an einen personalen Gott glauben, aber mit der Kirche absolut nichts am Hut haben. Und vice versa.

    Ohne eine aussagekräftige Längsschnittstudie, die über Jahrzehnte hinweg die Prävalenz der starken Variante der Religiosität verfolgt, wird man wohl kaum valide Aussagen zur aktuellen evolutionären Ausbreitung der Religiosität machen können. Wobei man auch nicht übersehen darf, dass vom religiösen Nachwuchs vielleicht nur jeder Zweite ebenfalls religiös wird (gen-bedingt, wohlgemerkt), während umgekehrt vielleicht nur jeder Zehnte oder Zwanzigste des säkularen Nachwuchses zufällig Träger des bewussten Genmusters für Religiösität wird.

    An dieser Stelle sei noch einmal angemerkt, dass es bei der Evolution nur um genetische Veränderungen geht, Kirchenbesuche und sonstige Rituale können, müssen aber nicht mit der genetischen Ausstattung zusammenhängen. Und es kann nur deshalb um diese genetisch fixierte Form der Religiosität gehen, weil nur diese starke Form wirklich resistent ist gegen jede Art von Aufklärung. Nur Menschen, die mit diesem Genmuster geboren werden, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit zeitlebens tiefgläubig bleiben.

    Dabei fällt mir ein: Was sagen eigentlich die Vertreter der diversen Religionsgemeinschaften zu der These, dass ihre Begabung zur Religiosität und damit auch ihr Gottesglaube einer Reihe von vorgeschichtlichen Zufällen zu verdanken ist, weil genetische Veränderungen nunmal nur rein zufällig auftreten können?

    Sie erläutern, dass die Religion(en) in moderner Zeit “überflüssig” würden und verwechseln damit m.E. die Ebene der wissenschaftlichen Erklärung (für die man auch m.E. Mythologien tatsächlich nicht mehr benötigt) und die Lebensführung (da sieht es schon anders aus). Gebildet-säkulare Populationen implodieren weltweit, nur die religiösen Minderheiten (auch in den gebildeten Schichten) widersetzen sich dem Geburtenrückgang – geben ihre Gene erfolgreicher weiter.

    Für die Entstehung und Verbreitung der Religionen gibt es, wenn ich das richtig verstanden habe, im Wesentlichen genetische und sozio-kulturelle Ursachen. Für die Persistenz der Religionen kann man ebenfalls diese beiden Faktoren verantwortlich machen. Allerdings mit dem Unterschied, dass säkulare moderne Gesellschaften auch ohne all die verschiedenen, miteinander konkurrierenden Religionen “funktionieren” können, vielleicht sogar besser. Der genetische Faktor ist aber weiterhin präsent und wirksam. Zu welchem Anteil, ist halt die noch unbeantwortete Frage. In religiösen, gebildeten, aufgeklärten Schichten ist dieser Genfaktor vermutlich weitaus weniger häufig anzutreffen, als man meinen möchte. Verbreitet ist hier wohl eher eine “weiche” oder moderate Religiosität, bei der Wissenschaft und Glaube einigermaßen vereinbar sind.

    Daneben gibt es auch noch Gemeinschaften wie orthodoxe Juden, Amische oder Hutterer, die sich Ansprüchen der Säkularisierung oder Rationalisierung widersetzen und demografisch exponentiell expandieren. Sie halten also gerade nicht die Religion, sondern große Teile der Wissenschaft für entbehrlich …

    Vielleicht beobachten wir hier die beginnende Entwicklung einer verhaltensbiologisch definierten Unterart von H. sapiens. Ich beobachte solche Entwicklungen durchaus mit gewisser Sorge. Andererseits, wir können heute ja gar nicht beurteilen, was aus evolutionärer Sicht das Beste für unsere Spezies ist.

    Und warum auch sollte die Evolution sich in Richtung Wissenschaftlichkeit orientieren?

    Die Neugierde und der Wissensdrang sind ebenfalls genetisch basiert. Der menschliche Forschungsdrang hat in den vergangenen 300 Jahren eine explosionsartige Zunahme der weltweiten Individuenzahl ermöglicht, Wissenschaft war also der Auslöser für den gigantischen Reproduktionserfolg der menschlichen Spezies. Das könnte in Zukunft zu Ereignissen führen, die die Bevölkerungszahl wieder auf das für das Gesamtökosystem erträgliche Maß zurückführen, zumal, wenn die Religiösen sich – dank der Wissenschaft – munter weiter vermehren.

  11. @ Banalus

    Danke auch nochmal für den Kommentar! Es sind jetzt so viele Themen und Fragen angesprochen, die (groß-)teils auch schon in anderen Posts (und Buchkapiteln) diskutiert wurden, dass ich es zeitlich beim besten Willen nicht schaffe, auf das alles in der gebotenen Ausführlichkeit einzugehen. Schon allein unsere jeweilige Verwendung des Begriffes Evolution wäre m.E. debattierbar. Aber angesichts der Vielzahl der Anfragen wären dann doch zu viele Verweise auf ältere, aber auch einige neuere Posts bzw. Kapitel fällig.

    Aber ich würde mich sehr freuen, wenn Sie sich weiter einlesen und wir uns auch in Zukunft hin und wieder über konkrete Fragestellungen austauschen könnten! Man merkt an vielen Stellen gar nicht, dass Ihr Interesse nur “oberflächlicher Natur” sein soll! Bleiben Sie mit dran! 🙂

  12. @ Michael Blume: Evolution

    Lieber Herr Blume, nachdem ich kurz in Ihren Blog von Dezember 2007 (Glaube und Zölibat….) reingesehen habe, verstehe ich absolut, dass Sie jetzt nicht schon wieder eine Neuauflage der alten Diskussionen möchten, zumal Sie ja auch noch einen Job haben (hätte ich damals schon mitgelesen, hätte ich wahrscheinlich nichts zum neuen Fachbuch angemerkt).

    Ich habe hier meinen methodischen Bedenken zur evolutionspsychologischen Forschung über die biologische Evolution der Religiosität Ausdruck gegeben, Sie haben sie interessiert zur Kenntnis genommen – dafür danke ich 🙂

    Eine abschließende Bemerkung noch zur Evolution, weil Sie schreiben, dass allein schon unsere jeweilige Verwendung dieses Begriffs debattierbar wäre.

    In der Tat hatte ich hier und da den Eindruck, dass Sie Evolution sagen und kulturelle Entwicklung meinen. Ich jedenfalls bezog mich stets auf die biologische (oder, für mitlesende Sprachpuristen: biotische) Evolution (gemäß dem Titel des Fachbuchs). Für die biologische Evolution gibt es zwar keine allgemeingültige Definition, aber es geht eindeutig immer um die Evolution der Lebensformen im Sinne Darwins.

    Nochmals herzlichen Dank für Ihre Antworten.

  13. Vielen Dank!

    Lieber Balanus,

    vielen Dank für den freundlichen Post! Ja, der Dialog über Wissenschaft im Internet ist noch Neuland und man läuft da leicht Gefahr, immer wieder die gleichen oder unergiebige Diskussionen zu führen. Andererseits erlebe ich die Anregungen, Ideen, Fragen, Links und “Begegnungen” hier im Netz als einen echten Gewinn, auch für das Forschen und Publizieren. Und Kommentatoren wie Sie gehören sicherlich zu den erfreulich-ermutigenden Beispielen! Ich heiße übrigens Michael. *Hand-ausstreck*

    Herzliche Grüße, gerne bis bald auf mehr!

    PS: Zu biologischer, kultureller bzw. biokultureller Evolution hatte ich schon lange einen Beitrag geplant, den ich in den kommenden Wochen hoffe endlich einlösen zu können. Dann können wir auch dies gerne diskutieren! 🙂

  14. Fachbuch II

    Lieber Michael, nach einigem Stöbern in Ihren Blogs melde ich mich noch einmal kurz zu Wort. Doch vorab: Ich heiße Balanus 😉 *Hand-ergreif* 🙂

    “…immer wieder die gleichen oder unergiebige Diskussionen…”

    In der Tat wurden die meisten meiner kritischen Fragen zur biologischen Evolution der Religiosität bereits von anderen gestellt, wenn auch nicht immer zufriedenstellend beantwortet… 😉

    Hier noch ein paar Gedanken zum Thema (ohne die Diskussion jetzt neu beleben zu wollen – Sie werden ja wohl noch öfter zur evolutionären Religionstheorie schreiben :-).

    Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Sie einerseits zwar großen Wert auf Wissenschaftlichkeit legen, andererseits aber in der Evolution einen aufsteigenden und sinnstiftenden Prozess zu sehen scheinen. So, um es mal etwas überspitzt zu sagen, als sei die Evolution ein Werkzeug Gottes, damit der Mensch evolviere und Gott erkenne (den Eindruck hatte ich übrigens schon, bevor ich mitgekriegt habe, dass Sie ev. Christ sind; es liegt einfach an der Art, wie Sie über den “evolutionären Erfolg” der Religiosität reden und sich dabei auf die Familiengröße in religiösen Gemeinschaften beziehen).

    In Ihrem aktuellen Fachbuchartikel erwähnen Sie Emma Wedgewood und Charles Darwin. Über die seitherige Entwicklung der Religiosität in Britannien schreiben Sie aber nichts. Deshalb freue ich mich, hier zwei zusammenhängende Studien nennen zu können, die sich genau damit beschäftigen.

    Zunächst ein Auszug aus dem Abstract von Voas und Crockett (Religion in Britain: Neither Believing nor Belonging. Sociology 39, 2005: 11-28):

    […] The roles of period, cohort and age effects on religious change are considered; the conclusion is that decline is generational. In relation to the rates at which religion is transmitted from parents to children, the results suggest that only about half of parental religiosity is successfully transmitted, while absence of religion is almost always passed on.Transmission is just as weak for believing as for belonging.

    Und hier das Abstract aus: Crockett und Voas (2006) Generations of Decline: Religious Change in 20th-Century Britain. Journal for the Scientific Study of Religion 45(4):567–584:

    This article analyzes the best available evidence from the major British social surveys to describe and explain the continuous decline of religion throughout the 20th century. This decline is overwhelmingly generational in nature rather than a product of particular periods such as World War II or the 1960s. Measures of religious affiliation, regular attendance at worship, and religious belief show nearly identical rates of intergenerational decline. Decline has not been offset by any positive age effects in an aging society: Britons do not get more religious as they get older. The intergenerational decline follows clear patterns of transmission of parental religious characteristics to children. Two potential modulators of decline are identified and investigated: immigration of people who are more religious than the existing population and higher fertility rates among the religiously active population. Of these only the former appears of importance. The nonwhite ethnic minority immigrant population is far more religious than the white population; however, the rates of intergenerational decline (between immigrant parents and native-born children) are almost as high as for the white population, leading to an intergenerational convergence of levels of religiosity. Although ethnic minority populations tend to be more religious and have higher fertility rates, there is no differential fertility by religiosity among the population as a whole.

    Man darf gespannt sein, wie’s dort in 30 Jahren aussieht… 😉

    Zum Abschluss noch ein Themen-Vorschlag (falls Ihnen mal die Ideen ausgehen sollten) 😉

    Der Däne Helmuth Nyborg glaubt herausgefunden zu haben, dass der IQ amerikanischer Atheisten um 5.89 Punkte höher liegt als der von Angehörigen dogmatischer Glaubensrichtungen. Die Studie basiert auf den repräsentativen Daten der National Longitudinal Study of Youth (NLSY97) und bezieht sich nur auf Weiße im Alter zwischen 12 und 17.

    Müssen wir annehmen, dass mit dem Reproduktionserfolg der dogmatischen Konfessionen die durchschnittliche Intelligenz der US-amerikanischen Bevölkerung sinkt?

  15. @ Balanus

    Lieber Balanus,

    danke für Ihren Kommentar, auf den ich gerne eingehe.

    Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Sie einerseits zwar großen Wert auf Wissenschaftlichkeit legen, andererseits aber in der Evolution einen aufsteigenden und sinnstiftenden Prozess zu sehen scheinen. So, um es mal etwas überspitzt zu sagen, als sei die Evolution ein Werkzeug Gottes, damit der Mensch evolviere und Gott erkenne (den Eindruck hatte ich übrigens schon, bevor ich mitgekriegt habe, dass Sie ev. Christ sind; es liegt einfach an der Art, wie Sie über den “evolutionären Erfolg” der Religiosität reden und sich dabei auf die Familiengröße in religiösen Gemeinschaften beziehen).

    Tjaja, wenn einem die Befunde nicht passen, dann rufe man gegen unliebsame Wissenschaftler die atheistische Glaubens-Inquisition an, ja!? 😉

    Ernsthaft, meine Position ist da ganz eindeutig: Da Evolutionsforschung immer empirisch und historisch orientiert ist, kann sie keine abschließenden Aussagen zu letzten Zielen, Sinnstiftung o.ä. geben – diese also weder beweisen noch widerlegen. Es ist also für Philosophien und Theologien je völlig möglich, dazu Glaubensaussagen zu machen (das Universum ist sinnlos, Gott offenbart sich durch die Evolution usw. usf.), solange nicht behauptet wird, diese ergäben sich zwingend aus der empirischen Wissenschaft. Das Evolutionsgeschehen lässt sich mithin atheistisch, agnostisch oder theistisch deuten, siehe z.B. hier:
    http://www.chronologs.de/…im-licht-der-evolution

    Zu “Religiosität in Europa”: Meine Perspektive ist ja eher die längerfristige. Aber der US-Politikwissenschaftler Eric Kaufmann hat sich auf die kurzfristigen Auswirkungen des Zusammenhangs Religion-Demografie spezialisiert. Das demografische Ende des Säkularisierungstals in Europa verortet Eric ca. 2040, siehe hier:
    http://www.scilogs.eu/…aphy-in-political-studies

    Zum Abschluss noch ein Themen-Vorschlag (falls Ihnen mal die Ideen ausgehen sollten) 😉

    Der Däne Helmuth Nyborg glaubt herausgefunden zu haben, dass der IQ amerikanischer Atheisten um 5.89 Punkte höher liegt als der von Angehörigen dogmatischer Glaubensrichtungen. Die Studie basiert auf den repräsentativen Daten der National Longitudinal Study of Youth (NLSY97) und bezieht sich nur auf Weiße im Alter zwischen 12 und 17.

    Vielen Dank! Auch diese Debatte freilich gab es hier schon mehrfach. So darf ich darauf verweisen, dass selbst in diesen IQ-Studien (zu denen ich ernsthafte Anfragen habe) z.B. Juden regelmäßig besser als Atheisten abschnitten (was ja auch Sarrazin meinte bejubeln zu müssen), und also häufig Intelligenz, Religiosität und Kinderreichtum verbinden. Für eine vertiefte Debatte des Themas siehe gerne auch hier:
    http://www.chronologs.de/…on-iq-und-religiosit-t

    Vielen Dank wieder für die anregenden Fragen, gerne wieder! 🙂

  16. Lieber Michael, ich freue mich natürlich, dass Sie auf meinen letzten Post kurz eingegangen sind, obwohl wir die Diskussion nicht neu aufleben lassen wollen 🙂

    Ich habe ja viel mehr Zeit als Sie und werde so lange schreiben, wie Sie mich zum Widerspruch reizen – Sie haben’s also in der Hand… 😉

    Da Evolutionsforschung immer empirisch und historisch orientiert ist, kann sie keine abschließenden Aussagen zu letzten Zielen, Sinnstiftung o.ä. geben – diese also weder beweisen noch widerlegen.

    Nach meinem Verständnis stellt sich für den Evoultionsforscher nicht das Problem, zu letzten Zielen etwas aussagen, beweisen oder widerlegen zu müssen – wenn er denn streng naturalistisch arbeitet und keine zusätzlichen Annahmen macht, die außerhalb der Natur liegen.

    Irgendwo hier in Blogs ist ja (sinngemäß) die These vertreten worden, man könne werktags eine Proteinstruktur analysieren und dennoch sonntags an die Transsubstantion glauben. Klar, wenn man Wissenschaft als Handwerk betrachtet, spielt es kein Rolle, was ein Wissenschaftler darüber hinaus so denkt, welches Weltbild er hat. Meistens klappt die Trennung ja ganz gut. Bei der Evolutionsforschung aber, denke ich, macht es schon einen Unterschied, ob ich an einen höheren Sinn in der Evolution glaube oder gar einen Schöpfungsplan zugrunde lege, oder eben nicht. Hier erscheint mir die Gleichzeitigkeit von naturalistischem und theistischem Denken praktisch unmöglich zu sein (aber das Thema hatten Sie auch schon durch…).

    Das Evolutionsgeschehen lässt sich mithin atheistisch, agnostisch oder theistisch deuten….

    Hmm… Die atheistische oder besser agnostische “Deutung” entspräche dann wohl der naturalistischen Sicht und mithin dem, was in der scientific community Arbeitsgrundlage ist. Wenn heutzutage in einer evolutionsbiologischen Arbeit eine theistische Deutung anklingt, dann stellt sich gleich die Frage nach ihrer wissenschaftlichen Relevanz. In meinen Augen macht es schon einen Unterschied, ob ich Daten und Fakten rein naturalistisch “deute” oder einen Schöpfungsplan in Betracht ziehe. Selbst wenn die unterbreiteten Fakten als solche unzweifelhaft sind.

    …wenn einem die Befunde nicht passen…

    Ich mache keinen Hehl daraus, dass mir die Vorstellung, die derzeitige Säkularisierung vieler Gesellschaften sei nur vorübergehend, nicht behagt. Das erklärt sich aus meiner Biographie. Ich hatte eben nicht das Glück wie Sie, in einer konfessionsfreien Familie bzw. Umgebung aufzuwachsen.

    Doch gottseidank 😉 haben Sie bislang außer einer höheren Reproduktionsrate in religösen Familien keine Hinweise darauf gefunden, dass daraus eine höhere Religiosität in den Folgegenerationen resultiert (gemeint ist natürlich die dogmatische Religiosität, nicht die liberale). Somit bleiben Voraussagen über kurz- oder langfristige Veränderungen ziemlich spekulativ.

    Aber der US-Politikwissenschaftler Eric Kaufmann hat sich auf die kurzfristigen Auswirkungen des Zusammenhangs Religion-Demografie spezialisiert. Das demografische Ende des Säkularisierungstals in Europa verortet Eric ca. 2040,…

    Diese Prognose scheint ja zumindest für Britannien ziemlich gewagt zu sein (siehe die von mir zitierten Studien) .

    Bildung, Beten, Babys – Zum komplexen Zusammenhang von IQ und Religiosität – 129(!) zum Teil heftige Kommentare… Respekt!

    Da habe ich mit meinem Themenvorschlag IQ/Religion ja voll ins Schwarze getroffen 😉

    Wäre in der rechten Seitenspalte mehr gestanden als “Bildung, Beten…”, hätte ich mir den Vorschlag gespart. Die Literatur war ohnehin nur ein Zufallsfund in der ISI-Datenbank (Schlagwörter: religion AND evolution), den ich aber nichtsdestotrotz irgendwie passend fand. Wie ich inzwischen dank Wiki weiß, ist Nyborg der meistzitierte Psychologe Dänemarks – und ziemlich umstritten, hat er u.a. doch festgestellt, dass Frauen im Durchschnitt etwas weniger intelligent sind als Männer. Obwohl solche Statistiken für den Einzelnen völlig ohne Belang sind, werden vergleichende Aussagen zur Intelligenz verschiedener Gruppen (hinsichtlich Geschlecht, Ethnie, Religion etc.) meist heftig kritisiert.

    Das zeigt, dass den Menschen die Intelligenz mindestens ebenso heilig ist wie die Religiosität. Und eines haben beide ja gemeinsam: Beides kann man schlecht messen und wird nur zum Teil direkt vererbt. Wobei mir eine Aussage in Nyborgs Artikel neu war: Er sagt bzw. zitiert, dass die Erblichkeit der Intelligenz (wohl gemessen als g-Faktor) von 0,20 in der frühen Kindheit bis 0,80 im höheren Erwachsenalter reicht. Ich könnte mir vorstellen, dass es mit der Erblichkeit der Religiosität genauso verhält: Erst bei einem älteren Erwachsenen wird erkennbar, ob seine Religiosität primär auf seiner genetischen Ausstattung beruht oder doch mehr kulturell bedingt ist.

    Alles in allem sehr komplexe Zusammenhänge – es gibt noch viel zu erforschen.

    Herzliche Grüße

    (falls ich irgendwelchen Unsinn geschrieben habe, lassen Sie es ruhig einfach so stehen… 🙂

  17. @ Balanus

    Lieben Dank für den Kommentar!

    Die empirischer Forschung m.E. angemessene Haltung nennt sich methodologischer Agnostizismus – das Beschränken also auf Beobachtungen, die grundsätzlich intersubjektiv überprüfbar sind. Allerdings ist das natürlich in keiner Weise eine zwingende Weltanschauung – ich kenne z.B. viele Atheisten, die dennoch hervorragende Wissenschaftler sind. Und das Gleiche gilt natürlich auch für Theisten. Zum Thema “Evolutionärer Theismus” gab es freilich schon Posts und dass die Evolutionstheorie mit Gottesglauben vereinbar ist, hat unlängst sogar Richard Dawkins anerkannt – gerne gibt es in Zukunft wieder einmal einen eigenen Beitrag.

    Gerade aber auch im Hinblick auf Ihre Diskussionsfreude zu Themen wie Säkularisierung etc. habe ich gerade einen neuen Post mit noch ganz frischen Forschungsthemen eingestellt, hier:
    http://www.chronologs.de/…gibt-es-noch-atheisten

    Vielleicht finden Sie in den neu publizierten Texten oder Thesen etwas finden, dass sich diskursiv vertiefen ließe. Darauf würde ich mich freuen!

    Beste Grüße!

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