Intelligenzforschung unter der Lupe. Klüger als wir? von Thomas Grüter

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Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Nachdem mich sein Buch über Verschwörungstheorien sehr beeindruckt hatte, entschied ich mich, auch die Neuerscheinung “Klüger als wir? Auf dem Weg zur Hyperintelligenz” von Thomas Grüter zu lesen. Dabei stand ich der populären Intelligenzforschung sehr skeptisch gegenüber. Intelligenz erschien mir kaum definiert, stand in eher negativem Verhältnis zu Fortpflanzungserfolg und wurde seit Jahrzehnten pseudo-wissenschaftlich gegen Nichteuropäer und Frauen sowie neuerdings wieder von Thilo Sarrazin gegen Muslime angeführt.

Nach der Lektüre des hervorragenden Grüter-Buches weiß ich nun: Ich hätte noch viel skeptischer sein sollen. In angenehm sachlichen Ton und gerade dadurch mit argumentativer Wucht zerlegt der Arzt und Neurowissenschaftler die populären, pseudo-wissenschaftlichen Annahmen über “Intelligenz” – und zeigt auf, wieviel die Wissenschaft gerade hier noch zu leisten hat.

IQ und IQ-Tests – schwach definiert, aber popularisiert

Schon im Einstiegskapitel “Intelligenz – und wie man sie misst” zeigt Grüter mit informativem Humor auf, wie vielfältig der Begriff “Intelligenz” gebraucht wird – und wie schwach er definiert ist. Tatsächlich gibt es unter den Intelligenzforschern keinerlei einheitliche Definition dafür. Manche verwenden sie für bestimmte, kognitive Funktionen, andere beziehen auch Wahrnehmungs- und Gedächtnisfunktionen ein und wieder andere verkünden gar “emotionale Intelligenz”, “soziale Intelligenz”, “Körperintelligenz” oder “kulinarische Intelligenz”.

Die Geschichte des Intelligenzquotienten (IQ) und der berühmten Tests lässt einen staunend zurück: Sie begann ursprünglich als eine Messung von Bildungserfolg zu Lebensalter (daher der Begriff “Quotient” – das Alter diente als Teiler) und wurde erst später auch auf die Erwachsenenwelt ausgedehnt. Und: Bis heute werden unzählige IQ-Tests erstellt und diese “geeicht”, so dass sie im Mittel stets 100 erreichen. Die auch von Sarrazin verwendeten, internationalen IQ-Tabellen sind also schon deswegen nicht vereinbar, weil sie oft völlig unterschiedliche Definitionen und Testverfahren verwenden.

Die selbsternannte Intelligenzgesellschaft

In Kapitel 2 kann Grüter so aufzeigen, dass es sich bei “Intelligenz” wesentlich um eine Selbstbeweihräucherung von Wissenschaftlern und Gesellschaften handelt: Wir schreiben unsere wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Erfolge unserer vermeintlich höheren Intelligenz zu (ohne genau sagen zu können, was diese sei) – und schließen dann messerscharf, dass also ärmere Menschen weniger intelligent (und wert) sein müssten. Entsprechend will jede(r) unbedingt als “intelligent” gelten – Statusangst macht uns zu Herdentieren.

Hier hätte Grüter meines Erachtens sogar noch ein wenig schärfer sein können, haben doch Ulrich und Johannes Frey in “Fallstricke. Die häufigsten Denkfehler in Alltag und Wissenschaft” bereits eindrucksvoll aufgezeigt, wie gefeierte Wissenschaftler über Jahrzehnte hinweg Schindluder mit Schädelmessungen und IQ-Tests getrieben und unter anderem Nichteuropäern und Frauen pauschal niedrigere Intelligenz attestiert hatten. Die Intelligenzforschung diente von Anfang an dem bewussten und unbewussten Versuch, die Privilegien weißer Akademiker abzusichern und andere Menschen mit pseudo-biologischen Argumenten für minderwertig (oder, wie z.B. auch wieder Sarrazin schreibt: dysgenisch) zu erklären. Wissenschaftliche Standards wurden und werden dabei grob verletzt.

Auch die Versuche, über hohe IQ-Werte unter aschkenasischen Juden eine genetische Selektion pro Intelligenz abzuleiten, entlarvt Grüter als schwach bis pseudo-wissenschaftlich. Denn streng religiöse Juden vermitteln aufgrund ihrer spezifischen, religiös-kulturellen Traditionen von Kind auf – übrigens ganz genau so wie es z.B. evangelische Pfarrfamilien tun – eine aktive Wertschätzung von Schrift-, Auswendig- und Sprachenlernen sowie komplexer Argumentation. Dass Kinder aus solchen Familien bei entsprechenden IQ-Tests also überdurchschnittlich gut abschneiden und viele Hochleister im Bereich Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur hervorbringen braucht keinerlei genetischen Zusatzannahmen.

Kein Intelligenzmodul

Im schön bebilderten dritten Kapitel zu den anatomischen und funktionellen Grundlagen von Intelligenz zeigt Grüter, wie komplex und vielfältig sich Intelligenz in verschiedenen Gehirnregionen und im für Vergleiche interessanten Tierreich ausprägt. Es gibt eben so wenig ein einzelnes Intelligenzmodul wie es ein einzelnes Gottesmodul gibt.

Und da Intelligenz weder eindeutig definiert noch seine Funktion geklärt ist, erweisen sich die bisher vorliegenden Hypothesen zur Evolution von Intelligenz (Kapitel 4) auch als stark spekulativ und schwach belegt. Wie will man auch die Geschichte eines Merkmals entschlüsseln, das und dessen Funktion nur schemenhaft bezeichnet sind?

Intelligenzsteigerung durch genetische Manipulationen, Medikamente oder Implantate

In den folgenden drei Kapiteln spielt Grüter seine Erfahrungen und Kenntnisse als Arzt überzeugend aus, indem er die Wandersagen genetisch “verbesserter” Tiere, vermeintlich intelligenzfördernder Substanzen (wie z.B. Amphetamine, Modafinil etc.) und technologischer Wunderwerkzeuge samt künstlicher Intelligenz (KI) sachlich präsentiert – und dann erdet. Dabei ist ihm die Sympathie für neugierige und auch mutige Forschung ebenso anzumerken wie die Ablehnung jener überehrgeiziger und oft schlicht geldgieriger Wissenschaftler und Unternehmen, die mit Andeutungen und unhaltbaren Heilsversprechungen Aufmerksamkeit erzeugen, Menschen Geld aus der Tasche ziehen – und sogar deren Gesundheit gefährden.

Hinzu kommen dann auch noch Selbsttäuschungen – und in meiner persönlichen Lieblingsstelle des Buches zeigt Grüter auf, woher manche Verheißungen etwa von Transhumanisten stammen, die seit Jahrzehnten auf Unsterblichkeit etwa durch Cybertechnologie oder den “Upload” von Gehirnen in Computerhardware hoffen:

“Sie (Pattie Mae) hatte so viele Leute wie möglich gesucht, die öffentlich die Möglichkeit der Übertragung des eigenen Bewußtseins auf Sizilium vorhergesagt hatten, und die Daten ihrer Vorhersagen mit ihrem Lebensalter verglichen. Es war nicht allzu überraschend, dass sie sich durchgehend mit der Zeit deckten, in der sie selbst 70 werden würden.”

Sie nahmen also an, dass sie sich in den Computer retten könnten, bevor ihr körperlicher und geistiger Zerfall einsetzte. Das war ganz sicher kein Zufall. (S. 286)

Dass Grüter diese Kapitel auch mit ein paar immer als solchen kenntlich gemachten, humorvollen und erstaunlich gut geschriebenen Science-Fiction-Szenen würzt, setzt dem Ganzen die Krone auf. Meines Erachtens wären schon alleine diese drei Kapitel den gesamten Buchpreis samt Lesezeit wert gewesen!

Was bleibt?

Grüter vermittelt die Faszination der Intelligenzforschung ebenso wie ihre oft grotesken Missbräuche und Übertreibungen. Er plädiert keinesfalls für einen Stop einschlägiger Studien oder Debatten, wohl aber für eine aufgeklärtere und kritischere Arbeit, Diskussion und Öffentlichkeit. Wer sich beispielsweise über den Mißbrauch von Intelligenzforschung durch Rassisten oder Pharmakonzerne aufregt sollte sich zugleich doch auch selbst fragen, warum die Öffentlichkeit einschließlich der weiteren Wissenschaften dieses Feld nicht kundiger betrachtet und bestellt. Und warum wir – gerade auch als Wissenschaftler – “Intelligenz” zur Tugend verklären, ohne sie überhaupt definieren zu können.

Schließlich kann ich Grüters Fazit also nur zustimmen, als er im Hinblick auf die anstehenden Probleme etwa des Klimawandels, Rohstoffmangels und Hungers schließt (S. 297):

Ich glaube nicht, dass es den Menschen an Intelligenz fehlt, um diese Herausforderungen zu meistern. Vielmehr brauchen sie Vernunft, Gelassenheit, Weisheit und Augenmaß.

Ob Grüters Buch intelligenter macht, wage ich nicht zu beurteilen. Aber klüger macht es auf jeden Fall!

(Und ich freue mich schon auf den nächsten Band aus der Feder dieses Autors! Tongue out)

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

6 Kommentare

  1. Dr. Grüter

    Nach der ersten Rezi bestellte ich das Buch über Verschwörungstheorien. Es ist tatsächlich Spitze!!

    Zwei Bücher hat er ja laut seiner Domain noch geschrieben: Eines über Magisches Denken (?) und eines über Weltuntergangs-Faszination. Werden Sie diese hier auch noch vorstellen, Dr. Blume!? Bitte!! ^_^

  2. @Kasslerin

    Ja, die beiden noch ausstehenden Grüters-Bücher möchte ich auf jeden Fall in den kommenden Wochen auch noch lesen und besprechen. Wenn er das Niveau der beiden Bücher hält, werde ich nicht zögern zu schreiben, dass wir es hier mit einem der besten, deutschsprachigen Wissenschaftsautoren zu tun haben. Die dichte, sachliche und mit sanftem Humor gestaltete Schreibe, die platz- und damit zeitsparende Konzentration und vor allem die umfassende, faire Recherche halte ich für vorbildlich. Freue mich schon auf die nächsten Bände – und hoffe, dass in Zukunft weitere folgen.

  3. intelligenz

    als erstes eine frage: sind biokurven eigentlich real? wenn ja, dann wundert es mich, dass diese wohl anscheinend keinen einfluß darauf ausüben, WANN ein intelligenztest durchgeführt wird….(also zunächst geistige biokurve messen, und den termin für den iq test festlegen. hat da schon mal jemand von gehört? und wenn dem so ist, müssten ja erst einmal gemeinsame normen gefunden werden, an welchem punkt der geistigen biokurve denn nun gemessen wird. hab ich auch noch nie was von gehört) ….kommen daher, die so weit voneinander abweichenden iq-werte bei den einzelnen individuen heraus, und ist das vielleicht gewollt? alles unter der prämisse, dass es tatsächlich biokurven gibt, natürlich….

  4. ps: damit man “angeblich” “dümmere” gegen “intelligentere” menschen ausspielen kann, wir haben ja auch noch nicht genug komponenten, wo die menschen aufeinander gehetzt werden….ironiemodus aus….

  5. Was an diesem Buch stört, ist der durchgängige Gebrauch des generischen Maskulinums und das Auslassen der Geschlechterdimension der Intelligenzforschung. Ein Autor, der so klug und kritisch das Verhältnis von “Intelligenz” und sozialen Gegebenheiten und menschlichen Eitelkeiten diskutiert, unter sollte zumindest in der Sprache darauf achten, dass auch Frauen Forscherinnen, Wissenschaftlerinnen, Genies sind. Sprache schafft schließlich Wirklichkeit und er möchte doch mit Sprache (seinem Buch) die Wirklichkeit mit beeinflussen.

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