Halloween und Allerheiligen – Die evolutionären Hintergründe der Heiligenverehrung

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Für die Radioshow morgen früh haben mir Sven Oswald und Daniel Finger von RBB Zweiaufeins ein naheliegendes Thema gestellt: Den Feiertag Allerheiligen (1. November), der durch Halloween (31. Oktober) eingeleitet wird. Was hat es mit diesen Festen auf sich?

Hier wieder das Radiointerview zum Anhören oder Runterladen:

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Religion wird aus der Perspektive der Evolutionsforschung (meist) definiert als "Glauben an überempirische Akteure" wie Ahnen, Geister, Außerirdische, Engel oder Gottheiten. Wie aber auch Statuen, Berge und Tiere zum (geglaubten) Wohnsitz solcher höheren Wesenheiten werden können, so selbstverständlich – und vielleicht gar am häufigsten – auch Menschen. Menschen können, manchmal sogar gegen ihren Willen, beispielsweise als Kinder, Verkörperungen (Inkarnationen) oder Erwählte von Gottheiten und (Tier-)Geistern gelten, aber auch als bedeutende Wiedergeborene oder von der Wahrheit Erleuchtete und Gesegnete. Wo dies geschieht, setzt unmittelbar eine "Hagiographie" (Heiligenlegende) ein: Rund um das Leben der Verehrten werden immer mehr und fantastischere Erzählungen überliefert, wogegen weniger passende Stellen unterdrückt oder umgedeutet werden. Die Bestattung von Toten bei Homo sapiens und Homo neanderthalensis gilt als frühestes Zeichen menschlicher (Vor-)Religiosität und verweist auf die Verehrung (auch) menschlicher, überempirischer Akteure von den Anfängen der Religiosität. Heute gibt es keine einzige bedeutendere, religiöse Tradition, die nicht tote (und auch oft noch lebende) Menschen als Inkarnationen oder Boten überempirischer Akteure verehren würde.

Bild aus "Homo religiosus" – Gehirn & Geist 4/2009 (kostenloser Download)

Märtyrer- und Heiligenverehrung im frühen Christentum

Als sich das frühe Christentum durch Missionserfolg und Kinderreichtum im römischen Reich und darüber hinaus ausbreitete, stand mit Jesus Christus bereits ein Mensch als Gottes Sohn, Messias und gerechter Leidender im Mittelpunkt des Glaubens. Die "Nachfolge" bestand in einer glaubwürdigen Lebensführung – und so setzte bald eine Verehrung von Frauen und Männern ein, die sich in den Gemeinden und über sie hinaus religiös engagierten und von denen nicht wenige aufgrund ihres Glaubens als Märtyrer (griechisch = Zeugen) ermordet wurden. Zumal sie regional, nach Lebenssituationen, Berufen u.v.m. so unterschiedlich waren, schienen sie den Glaubenden oft näher als der abstrakter-unsichtbare Gott und wurden als Fürsprecher und Vermittler zu Ihm angerufen. Oft wurde ihnen an besonderen Tagen gedacht – etwa am Jahrestag besonderer Wunder oder ihres Todes. Bald gab es ganze Heiligenkalender und in vielen Regionen wird – zum Teil bis heute – der Namenstag gefeiert, der einen Christen mit "seinem" (Namens-)Heiligen verbindet.

Schon ab dem 4. Jahrhundert nach Christus findet sich in den östlichen Kirchen am 1. Sonntag nach Pfingsten ein "Herrentag aller Heiligen". In der christlich-orthodoxen Tradition spielt die Heiligenverehrung bis heute eine bedeutende Rolle, hier beispielsweise Impressionen zur Verehrung des Heiligen Johannes (John) Maximovitch von Shanghai und San Francisco (1966 – 1994).

In der katholischen Kirche setzte Papst Gregor IV. um 835 den Festtag des 1. November als "Allerheiligen" zur Verehrung aller Heiligen fest – auch derjenigen, die "nur Gott kennt". Bald fügte die Tradition am 2. November den allgemeinen Totengedenktag "Allerseelen" hinzu.

Laut der evangelisch-lutherischen Tradition schlug Martin Luther am Vortag zu Allerheiligen (31. Oktober) 1517 seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg – weswegen dieser Tag als Reformationstag gefeiert wird. Luther und die meisten Reformatoren kritisier(t)en den Reliquien- und Heiligenkult, da nur Gott angebetet werden solle und letztlich auch nur Er über die Heiligkeit von Menschen wissen und entscheiden könne. Dennoch darf und soll laut Augsburger Bekenntnis der Heiligen gedacht werden, und der 1. November wird auch in vielen evangelischen Kirchen als "Gedenktag der Heiligen" begangen, moderne Märtyrer wie der von den Nazis hingerichtete Pfarrer Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945) erfahren heute auch in vielen evangelischen Kirchen große Verehrung.

Der Vorabend von Allerheiligen (31. Oktober) wurde als "All Hallows Eve" aber auch zum irischen "Halloween", in dem die Mächte des Todes dargestellt und verspottet wurden, damit die Heiligen sie bannen würden. Der frühe, (evolutionäre) Religionswissenschaftler Sir James Frazer (1854 – 1941) machte die These populär, wonach es sich bei Halloween um eine christliche Übernahme des "keltischen Samhain-Festes" gehandelt habe. Heute gilt eine solche direkte Herleitung jedoch als nicht (mehr) haltbar. Gesichert ist, dass es zum Winteranfang quer durch Europa sehr viele regionale Winter-, Geister-, Nacht-, Todes-, Bann- und Spottrituale gab, die dann auch in die Halloweenbräuche einflössen und -fließen. Denn über irische Einwanderer breitete sich Halloween im 19. Jahrhundert schnell in den USA aus und wird seit Ende des 20. Jahrhunderts auch in Kontinentaleuropa und darüber hinaus immer häufiger gefeiert. Der Widerstand gerade auch evangelischer Kirchen gegen das Fest hat seinen Vormarsch allenfalls bremsen, nicht aber aufhalten können. (Wie ich auch in der eigenen Familie feststellen muss… 😉 )    

Heute feiert (fast) jedes Kind und mancher (auch "nichtreligiöse") Erwachsene "Heilige"…

…etwa am Todes- und Namenstag des Heiligen Nikolaus von Myra (6. Dezember) oder am Todestag des Heiligen Valentin (Valentinstag, 14. Februar), der für das Recht auf Liebe und Ehe in den Tod gegangen sein soll. Im römisch-katholischen Märtyrerverzeichnis Martyrologicum Romanum sind, Stand 2004, 6650 christliche Heilige und Selige notiert, davon ein knappes Drittel Frauen. Und das Miteinander aus Halloween, Allerheiligen und Allerseelen dürfte auch in absehbarer Zukunft unsere Kultur(en) weiter prägen.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

6 Kommentare

  1. Vor ein paar Tagen war in WDR5 eine Sendung über die “Schmuck-Maria” im Kölner Dom, eine Statue, der viele Menschen Schmuckstücke, aber auch andere Gaben spenden. Interessant dabei: Einmal jährlich pilgern Roma aus ganz Europa zu dieser Marienfigur – und zwar nicht nur Katholiken, sondern zum Teil auch Muslime (Maria kommt im Koran ja auch vor). Außerdem wurde eine Frau interviewt, die eine keltische Göttin verehrt – und zwar in dieser Marienfigur. Vor allem das letzte Beispiel zeigt, wie sich ein Bildnis zum Teil aus seinem religiösen Kontext lösen und selbst zum Träger einer – wie heißt das noch gleich? – mehr und mehr eigenständigen über-empirischen Persönlichkeit werden kann.

  2. @Wiebe

    Vielen Dank, Frank – der Hinweis auf Maria ist in der Tat sehr geeignet! In dieser Verehrung fließen in der Tat sehr viele auch vorchristliche Traditionen zusammen. So wird sie heute in Ephesos verehrt, das noch in der Antike mit dem riesigen Artemis-Tempel eines der Sieben Weltwunder und den wohl bedeutendsten Muttergottheit-Kult seiner Zeit beherbergte. Noch in der Apostelgeschichte wird der Apostel von den Silberschmieden angegriffen, die um ihr Artemis-Bilder-Geschäft fürchten. Heute pilgern täglich Tausende Christen und Muslime zum vermeintlichen Sterbehaus der Maria in Ephesos…

  3. “Religionswissenschaftler der Herzen” 🙂
    Tolle Radiostimme, Herr Blume! Sie kommen sehr gut rüber.
    Franz von Assisi..aha…mein Namenspatron…

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