Gesichter des Islam – von Reinhard Baumgarten (ARD)

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Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

In einem aktuellen Interview bei der Frankfurter Rundschau bemerkte der Ministerpräsident von Hessen, Volker Bouffier:

Wenn von Islam die Rede ist, erfahren unsere Bürger aus den Medien das in den letzten Jahren in der Regel mit Blut, mit Terror und Tod. Die friedliche Religion des Islam ist nicht das, was unsere Bürger wahrnehmen."

Das ist sicher wahr – und man braucht zur Erklärung auch keine Verschwörungstheorien. Gerade aus der Perspektive der Evolutionspsychologie ist doch klar: Unsere Wahrnehmung wird sehr viel stärker von spektakulären und bedrohlichen Bildern angesprochen als von alltäglichen und ruhigen. Jene unserer Vorfahren, die Berichten von Gefahren höhere Aufmerksamkeit schenkten, steigerten damit ihre Überlebens- und Fortpflanzungschancen. Zu den negativen Effekten dieser Veranlagung gehört heute ein Medien-Wettlauf um Grausamkeiten, der immer mehr Menschen bedrückt. "Blut und Tote steigern die Quote.", lautet so ein bitterer Merksatz, den mir ein Journalist einmal bedrückt anvertraute. Auch Klischees über andere Völker – und besonders deren Männer – werden so verstärkt: Jeder Italiener ein Mafioso, jeder Japaner ein Samurai, jeder Deutsche ein Nazi, jeder Muslim ein Terrorist. Täter (etwa Nazigrößen oder Terrorführer) werden so schnell prominent, ihre Opfer (etwa ermordete Kinder oder die überwiegend muslimischen Opfer islamistischer Extremisten) bleiben dagegen unbekannt. Und es stellt sich die bange Frage…

Können Medien sachlich und dennoch ansprechend über eine Weltreligion informieren?

In seltenen Momenten und mit seltenen Talenten können sie. Dem Islamwissenschaftler und ARD-Korrespondenten Reinhard Baumgarten ist es mit seinem Team gelungen. Die vierteilige Dokumentation "Gesichter des Islam" lief und läuft an den Sonntagen vom 14. November bis 5. Dezember 2010 um 17:30 in der ARD. Es ist einer jener leider seltenen Lichtblicke, in denen deutlich wird, warum sich ein grundfinanziertes Programm, das in die Tiefe geht, sich Zeit nimmt, inhaltlich auszahlen kann. In einem Interview reflektierte Baumgarten dazu:

Wir haben im ARD-Kollegenkreis heftig über die Gestaltung der Sendungen diskutiert. Das war sehr konstruktiv. Wir wollten keine dokufiktionale Produktion mit suggestiven Szenen und basslastiger Musik. Wir wollten keine Chronologie des Islams. Wir wollten, dass unsere "europäisch-westlichen" Fragen von Muslimen beantwortet werden. Es gab unter den Machern Vorurteile, verständlicherweise. Die Wendungen "der Islam ist", oder "der Islam will/sagt/erlaubt" waren häufig zu hören. Das hat sich gewandelt. Die anfängliche Perspektive, die gern von DEM Islam als Sache spricht, entwickelte sich zu einer menschlichen Ebene, auf der Muslime als individuelle Gläubige zu Wort kommen und ihre Religion erklären. Wir haben dabei weder unsere Neugierde noch unsere Skepsis abgelegt, aber doch etliche Vorurteile."

Hier ein Ausschnitt aus einem der Filme, beginnend mit Einblicken in den Islam Indonesiens: 

   

Über die Fernsehbilder hinaus hat mich an dem Projekt jedoch ein bestimmtes Produkt so begeistert, so dass ich es dringend empfehlen möchte: Das Begleitbuch "Gesichter des Islam" von Reinhard Baumgarten im Theiss-Verlag.

Verstehen wir uns dabei nicht falsch: Dieses Buch beschränkt sich weder auf schöne Bilder, noch auf beschauliche Themen. Stattdessen führt es Leserin und Leser an sieben Orte der islamischen Welt:

* Türkei – Säkulares Modell für die islamische Welt

* Indonesien – Lächelnder Islam in Fernost

* Deutschland – Neuer Teil einer alte(rnde)n Gesellschaft

* Spanien – Brücke zwischen Morgen- und Abendland

* Ägypten – Mühsamer Weg ins 21. Jahrhundert

* Saudi-Arabien – Im Konflikt zwischen Tradition und Moderne 

* Iran – Die unvollendete Revolution

Eingebettet in grundlegende Informationen auf dem Stand heutiger Wissenschaft werden so eindrucksvolle Schauplätze besucht und deren wechselvolle Geschichte erzählt. So erfahren wir, wie, wann und warum eine Statue von Jesus am Kreuz in die große Moschee von Cordoba kam, die seit bald 800 Jahren zu einer christlich-katholischen Kirche geworden ist.

Aber das Buch ist mehr als ein kluger Reiseführer. Denn es bevölkert die Schauplätze mit Menschen: Mit Frauen und Männern von der Straße ebenso wie mit Gelehrten und Friedensnobelpreisträgerinnen. Mit Menschen, die den Westen verdammen und solchen, die Dialog und Anerkennung suchen. Mit Menschen, die leben – und ihre Wege suchen, die so unglaublich vielfältiger sind als die Klischees, die wir voneinander haben.

Nein, Baumgarten verschweigt weder Probleme noch Potentiale – sondern er zeigt, Land für Land, beide Seiten auf. Bei abstrakten Betrachtungen bleibt der Band aber nicht stehen, sondern erlaubt uns die Perspektive der Menschen einzunehmen, die miteinander um Lösungen ringen. Die türkische Rapperin, der indonesische Wayang-Puppenspieler, die Moscheeführerin, die evangelische Theologie studierte, der ägyptische Intellektuelle, der für den ersten "Arab Human Development Report" im Namen der UN verantwortlich war und die arabische Welt schockierte – und zum Teil aufrüttelte. Die Terroristen und Unterdrücker werden nicht verschwiegen, aber die Interviewseiten gehören Helden wie der iranischen Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi oder dem Ägypter und Chemie-Nobelpreisträger Ahmed Zeweil. Ein bewegend-reflektiertes Vermächtnis sind auch die Worte des wegen seiner Reformansichten von seiner Frau zwangeschiedenen und nach Europa vertriebenen Literaturwissenschaftlers Nasser Hamid Abu Zaid, der vor wenigen Monaten starb – das Buch enthält das letzte Interview, das der mutige Forscher gab.

Fundstücke befassen sich z.B. mit einem türkisch-osmanischen Vorfahren von Johann Wolfgang von Goethe, der Geschichte der Bibliothek von Alexandria, dem Wirken Atatürks, die Entdeckung und Reise der Null oder dem Sturz der demokratisch gewählten Regierung Mossadegh im Iran des Jahres 1953 durch eine damals kurzsichtig handelnde Politik aus Großbritannien und den USA. Jedes Blättern eine kleine Entdeckungsreise – so macht das Buch immer wieder Freude.

Klar, Illusionen mache ich mir nicht: Solche hochwertigen Produkte werden selten die Quoten oder Verkaufszahlen erreichen, die "Blut-und-Tote"-Titel einsammeln. Aber wer "Gesichter des Islam" in die Hand nimmt, kann sich davon überzeugen, dass auch die Vielfalt unserer Welt spannend, informativ und anregend präsentiert werden kann.

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Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

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