Ein persönlicher Nachruf auf Peter Bümlein (1945 – 2010), OB a.D. von Filderstadt

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Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Gestern erhielt ich die Nachricht, dass unser ehemaliger Oberbürgermeister, Dr. Peter Bümlein, gestorben ist. Auch wenn ihn wahrscheinlich die meisten Leserinnen und Leser des Blogs nie kennengelernt haben: Bitte erlauben Sie mir, an einen außergewöhnlichen Kommunalpolitiker hier mit ein paar persönlichen Worten zu erinnern.

Peter Bümlein errang 1983 in einem Aufsehen erregenden Wahlkampf in zwei Wahlgängen gegen den Amtsinhaber Karl Feßler das Amt des Oberbürgermeisters von Filderstadt. Mich interessierte das damals noch nicht wirklich – ich war noch in der Grundschule. Aber erfreulicherweise wurde Peter Bümlein bald so beliebt, dass er zwei Mal wiedergewählt wurde und insgesamt 24 Jahre im Amt blieb. Und zu den Projekten, die er besonders antrieb, gehörte die Bürgerbeteiligung und die Einrichtung eines Jugendgemeinderates. So lernten wir uns kennen – und ich werde nie vergessen, dass er uns 14 – 17-Jährige bei der Eröffnungssitzung doch einfach bat, ihn “Peter” zu nennen, wir würden uns doch untereinander auch alle Duzen. Und dabei mit einem Seitenblick auf die anwesenden, erwachsenen Gemeinderäte schmunzelte…

Peter war Sozialdemokrat, vor allem aber Oberbürgermeister. Er vermittelte, dass es keine Schande ist, zu Angelegenheiten vor Ort unterschiedliche Meinungen zu haben – sondern dass es eine Schande ist, gar keine zu haben. Der OB liebte die streitbare Debatte – ein intelligenter Gegner war ihm eigentlich lieber als ein dumpfer Verbündeter -, aber nach den hitzigsten Debatten musste man doch eine Cola (Jugendgemeinderat) oder auch ein Bier (Gemeinderat) zusammen zischen können. Er war gläubiger Christ, worüber er, zum Augenrollen mancher Genossen, auch gerne sprach – aber er war es auf eine sympathische, tolerante und vor allem selbstironische Weise. Und er interessierte sich intensiv für den interreligiösen Dialog, sprach bei der Gründungsversammlung der Christlich-Islamischen Gesellschaft Region Stuttgart und unterstützte auch danach jedes Projekt und Vorhaben. Wir Bürgerinnen und Bürger strömten zu seinen Neujahrsansprachen, die im Stil durchaus an Predigten angelegt waren – aber eben gelungen aufgelockert durch rhetorisches Augenzwinkern und dezente Hinweise auf die eigene Fehlbarkeit. Da wurde viel gelacht, quer durch alle Ortsteile und politischen Lager.

Nachdem ich zum Stadtrat gewählt worden war, Siezten wir uns wieder – aus Respekt. Er wollte nicht paternalistisch rüberkommen und ich nicht anbiedernd – schließlich hat ein Gemeinderat auch Kontrollfunktion. Es waren schöne Jahre, an der Seite auch starker Gemeinderäte wie Peter Alderath und Fritz Roth, die inzwischen ebenfalls von uns gegangen sind. Gemeinsam kämpften wir zum Beispiel für die FILharmonie – und als sich OB Bümlein gerade die bleibende Anerkennung der Kunstszene erworben hatte, schaffte er sich ein Schweinchen als Haustier an und nannte es Caruso. Und schmunzelte wieder…

In 2005 schwänzte ich einmal auf Bitten meiner Tochter ausnahmsweise eine Ausschußsitzung. Wir unternahmen zu dritt (genauer: zu dreieinhalbt, ihr Bruder war unterwegs) einen Abendausflug nach Tübingen und als ich die Kleine am nächsten Morgen fragte, was ihr denn besonders gefallen habe, war ihre Antwort: “Papa war da!” Noch in der gleichen Woche bat ich um einen Termin beim OB, der mich zunächst davon abhalten wollte, mein Amt abzugeben. Aber als ich ihm den Hintergrund erzählt hatte, verstand er sofort – selbst Vater zweier Töchter. Er sorgte dafür, dass ich geräuschlos und in Ehren entpflichtet wurde, um Zeit für meine Kinder zu haben, solange sie Kinder sind. “Und später fragen die Sie, wann Sie endlich wieder eine Sitzung haben!” Er frotzelte gerne, besonders gerne über Christdemokraten – aber er sprach nie schlecht über Familie. Im Gegensatz zu manchen “Karriere-Beratern” hatte er, von Mensch zu Mensch, sofort verstanden.

Und dann bekamen wir seltsamerweise doch noch einmal miteinander zu tun – diesmal beruflich. Am Stuttgarter Flughafen auf dem heutigen US-Airfield und in der Markung der Stadt Filderstadt wurden Gebeine jüdischer NS-Opfer gefunden und es galt, zwischen Land, Bund, US-Army und Stadt eine würdige Lösung, Wiederbestattung und Betreuung der Angehörigen zu vermitteln. OB Dr. Peter Bümlein und sein hervorragend aufgestelltes Team – sein PR Jens Theobald, der Stadtarchivar Nikolaus Back u.v.m.- stellten sich ihrem großen Teil der Aufgabe mit Verantwortungsgefühl, Engagement und Feingefühl. Peter Bümlein kümmerte sich auch persönlich, ohne sich oder die Stadt – trotz überregionaler Medienanfragen – in den Vordergrund zu drängen. Filderstadt wurde auch hier – und auch dank ihm – seiner Verantwortung für die Opfer, deren Angehörige und einem respektvollen Umgang mit Geschichte gerecht.

2007 kandidierte Bümlein nicht mehr für eine weitere Amtszeit, blieb aber noch in der Versammlung der Region Stuttgart und leitete die Filderwasserversorgung. Wir begegneten uns vor ein paar Monaten noch einmal auf einem Ortsfest und er frotzelte, dass er als studierter Naturwissenschaftler unbedingt “Gott, Gene und Gehirn” lesen wolle, “das steht ja schon in der Filder-Zeitung und der Stadtbibliothek”. Ich entgegnete ihm, wenn es ihm gefallen habe, bekomme er gerne ein signiertes Exemplar. Wir lachten, schüttelten Hände und zogen unserer Wege. Nie hätte ich geglaubt, dass dies unsere letzte Begegnung sein würde. Ob ich ihm ein Exemplar geschuldet habe, werde ich wohl nie mehr erfahren.

Peter Bümlein starb, drei Wochen nach seinem Vorgänger im Amt, am Samstag.

Meine Gedanken sind bei seiner Familie, seiner Frau, seinen – erwachsenen – Kindern. Und auch sonst gibt es natürlich unzählige Personen, die ihn besser kannten, mit ihm mehr zu tun hatten, mit ihm viel öfter stritten und lachten. Für andere war er Ehemann, Vater, Kollege, Freund. Für mich bleibt er – ein Vorbild.

Nachtrag Ostern 2012 – Die Grabstätte von Dr. Peter Bümlein


 

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

8 Kommentare

  1. Es ist nicht unbedingt erstaunlich, daß Herr Bümlein mir bisher völlig unbekannt war. Aber ich bin froh, daß Du hier über ihn berichtest. In der Kommunalpolitik klug, freundlich und anständig sein ist vielleicht wichtiger und bestimmt besser, als in der Weltpolitik bestensfalls so làlà sein.

  2. @Claudia

    Vielen Dank! Ja, viele Menschen scheinen zu glauben: Politik ist, was im Fernsehen passiert. Aber in Wirklichkeit galt und gilt doch: Politik ist, was (und wen) ich anfassen kann. Ohne lebendige Kommunen gibt es keine Demokratie und in den kommunalen Verwaltungen und Parlamenten wirken unheimlich viele gute und engagierte Leute teilweise über Jahre und Jahrzehnte. (Und das Gleiche gilt m.E. auch für Kirchen und Religionsgemeinschaften: Es sind doch wesentlich die Menschen vor Ort, die über die “Qualität” des Verkündeten Rechenschaft geben – oft viel mehr als abstrakte Lehren und Prinzipien.) Klar, Überzeugungen sind auch in der Kommunalpolitik wichtig, aber da werden Lösungen auch oft über Parteigrenzen hinweg gefunden. OB Bümlein hat nicht nur eine insgesamt erfolgreiche Politik gestaltet – sondern auch viele Menschen berührt. Danke, dass dies Dein Interesse gefunden hat!

  3. @ Blume

    “Es sind doch wesentlich die Menschen vor Ort, die über die “Qualität” des Verkündeten Rechenschaft geben – oft viel mehr als abstrakte Lehren und Prinzipien.)”

    Ich sehe das nicht ganz so. Die Geschichte lehrt, daß es auch integere Menschen in einem falschen System gibt. Nicht mißverstehen! Die Gesellschaftsform, die wir heute haben, ist die beste von denen, die wir sonst erleben mußten. Aber es ist ein Vorrecht der Jugend zu rebellieren. Zugegeben noch wirr, aber notwendig, um Verkrustungen aufzubrechen. Diese Jugend aber vergreist -sie ist faktisch nicht mehr existent. Da gibt es keinen Ruck mehr in der Gesellschaft, der zwar oft beschworen, aber ausbleibt, wenn das System und damit der Mensch, der dieses System ja geschaffen hat, nicht mehr hinterfragt wird. Wir leben heute in einer Zeit, wo alles auf -und damit untergeht. Oder um es mit Nietzsche zu sagen:

    „Aber da unten – da redet alles, da wird alles überhört. Man mag seine Weisheit mit Glocken einläuten: die Krämer auf dem Markte werden sie mit Pfennigen überklingeln!

    Alles bei ihnen redet, niemand weiß mehr zu verstehn. Alles fällt ins Wasser, nichts fällt mehr in tiefe Brunnen.

    Alles bei ihnen redet, nichts gerät mehr und kommt zu Ende. Alles gackert, aber wer will noch still auf dem Neste sitzen und Eier brüten?

    Alles bei ihnen redet, alles wird zerredet. Und was gestern noch zu hart war für die Zeit selber und ihren Zahn: heute hängt es zerschabt und zernagt aus den Mäulern der Heutigen.

    Alles bei ihnen redet, alles wird verraten. Und was einst Geheimnis hieß und Heimlichkeit tiefer Seelen, heute gehört es den Gassen-Trompetern und andern Schmetterlingen.“

  4. @Dietmar Hilsebein

    Und wann genau war es denn besser? Wo und wann war es denn wunderbar und tiefsinnig und großartig?

    Es ist so leicht, Klagen und Untergangslieder anzustimmen – und schon immer war “die heutige Jugend” angeblich eine Enttäuschung. Sehe ich anders. Jammern ist leicht, viel schwerer aber auch lohnender ist es, die Ärmel hochzukrempeln und anzupacken. Es wäre falsch zu sagen, dass OB Bümlein dies allein getan hätte. Viel besser: Er motivierte viele (auch Jüngere, z.B. uns Jugendräte), selbst etwas zu tun. Humor und Optimismus gehören dazu.

  5. @ Blume

    “Jammern ist leicht, viel schwerer aber auch lohnender ist es, die Ärmel hochzukrempeln und anzupacken.”

    Das klingt so ein bißchen nach Trümmerfrau. So ist es aber nicht. Heute geht es nicht mehr darum, Trümmer wegzutragen. Das Vorrecht der Jugend in der Antike bis in die Neuzeit war immer, das Establishment zu hinterfragen. Die Frage, die mich mir stelle, ist, ob es der Jugend auch gelingt, wenn sie weich gebettet ist?

  6. @Dietmar Hilsebein

    Ja, nur sollten wir deswegen wirklich hoffen, dass es der Jugend schlecht geht? Dass die Beharrungskräfte an Gewicht gewinnen, liegt m.E. nicht zuletzt am Fehlen junger Leute – und dafür sind die heutigen Jugendlichen nun wirklich nicht verantwortlich. In einer unterjüngenden Gesellschaft schrumpfen die Generationen, die sich von Veränderungen etwas erhoffen.

    In Filderstadt wurde unter OB Bümlein ein Jugendgemeinderat eingeführt, aus dem inzwischen einige Impulse und auch junge Gemeinderäte hervor gegangen sind. Sicher kein Königsweg, aber doch ein konstruktiver, zukunftsgewandter Impuls.

  7. Traurige Nachrichten

    Hallo Michael,

    ich habe gerade in den Online-Traueranzeigen der Stuttgarter Zeitung lesen müssen, dass Herr Dr. Bümlein gestorben ist. Ich habe ihn damals in unserer parallelen Jugendgemeinderatszeit kennengelernt.(Ich war im Jugendgemeinderat von Kirchheim unter Teck, der damals ganz neu war. Wir hatten guten Kontakt zu euch und von euren Erfahrungen sehr profitiert.)

    Vielen Dank für deinen schönen Nachruf. Ich habe ihn in guter Erinnerung an Herrn Dr. Bümlein gelesen.

    LG
    Daniela

  8. @Daniela

    Vielen Dank für die freundlichen Worte! Ich erinnere mich gerne an unsere Jugendgemeinderats-Begegnungen und war auch neulich einmal wieder zu einem Vortrag vor dem JGR Kirchheim.

    Danke, dass Du mit uns an Peter Bümlein gedacht hast.

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