Christian Wolf zu Neurotheologie – Hirnforscher erkunden den Glauben

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

In der aktuellen Gehirn & Geist-Ausgabe (Titelthema "Wege zur Weisheit") (S. 77) rezensierte der Philosoph und Wissenschaftsjournalist Dr. Christian Wolf die erweiterte Neuauflage meiner Dissertation: "Neurotheologie – Hirnforscher erkunden den Glauben." Die Rezension, die ich im Folgenden wiedergebe, ist auch hier als pdf kostenfrei abrufbar.

Neurotheologie - Hirnforscher erkunden den Glauben. Dr. Michael Blume, tectum 2009 (erweiterte Neuauflage)

Blume, M. (2009): Neurotheologie – Hirnforscher erkunden den Glauben. Marburg, Tectum

Rezension Christian Wolf:

Gott im Oberstübchen – Die Neurobiologie des Glaubens und ihre Fehlschlüsse

Glaube als Symptom der Schläfenlappenepilepsie? Religion als »Reproduktionsvorteil«? Die neuro- und evolutionsbiologischen Wurzeln dieser Phänomene diskutieren Wissenschaftler seit Jahren. Nachdem der von Michael Blume mitverfasste Band »Gott, Gene und Gehirn« in Fachkreisen Anerkennung fand, erscheint nun seine um zwei Kapitel ergänzte Dissertation als Buch.

Der Religionswissenschaftler sichtet darin zunächst die Verdienste und Irrtümer von Neurotheologen der ersten Stunde. Zu jenen Wissenschaftlern, die neuro- und evolutionsbiologische Befunde überinterpretierten, zählen laut Blume der Biologe und Religionskritiker Richard Dawkins sowie Michael Persinger von der Sudbury University in Ontario, Kanada.

Der Psychologe rief bei seinen Versuchspersonen spirituelle Erfahrungen hervor, indem er ihren Schläfenlappen elektromagnetisch stimulierte, und erklärte die Existenz Gottes daraufhin zu einer Illusion des Gehirns. Nicht nur war dieser Schluss logisch unzulässig, sondern darüber hinaus ergab eine Wiederholung des Experiments, dass die mystischen Gefühle auch bei einigen Kontrollpersonen auftraten, denen man weismachte, sie seien ebenfalls den Magnetfeldern ausgesetzt worden.

Blume selbst fühlt sich methodisch dem Agnostizismus verpflichtet – dementsprechend enthält er sich hier einer Meinung zur Frage nach der Existenz Gottes. Die meiste Aufmerksamkeit widmet er dem Neurobiologen Andrew Newberg, der jede (und damit auch jede religiöse) Erfahrung für eine Konstruktion des Gehirns hält. Doch bedeute dies laut Newberg gerade nicht, dass man sie deshalb als bloße Illusion abtun könne, denn sonst müsste das zum Beispiel auch für das Verspeisen eines Apfelkuchens gelten. Im Gegenteil: Mystische oder spirituelle Erfahrungen eröffneten den Zugang zu einer höheren Realität. Doch diese Annahmen seien nicht beweisbar, kritisiert Blume. Gleichzeitig reduziere Newberg den Ort der Religiosität auf das Gehirn. Mystische Erfahrungen wie das Gefühl des Einsseins mit der Welt erkläre der US-Forscher damit, dass etwa bei der Meditation der obere Scheitellappen weniger aktiv sei – eine Region, die an der Orientierung im Raum beteiligt ist. Obwohl Newberg spirituelle Erfahrungen auf diese Weise neurobiologisch erklärt, glaubt er, dass sie gleichsam das Tor zu einer höheren Wirklichkeit bilden.

Dass diese Kinderkrankheiten der Neurotheologie heute größtenteils überwunden sind, zeigt Blume in den abschließenden beiden Kapiteln. Aktuelle Ansätze berücksichtigen beispielsweise, wie komplex religiöse Erfahrungen sind: Weder lassen sie sich nur einer bestimmten Hirnregion zuschreiben noch dürfe man sie überhaupt als Produkt eines einzelnen Gehirns verstehen – vielmehr seien sie von der Gesellschaft geprägt.

So schimmert im letzten Kapitel durch, dass Blume Glaube und Religion evolutionsbiologisch herleitet: aus dem Überlebensvorteil derer, die an eine höhere Macht glauben. Diese Meinung muss man nicht teilen, um die gut geschriebene Doktorarbeit dennoch zu schätzen.

Christian Wolf in: Gehirn und Geist November 2009 "Wege zur Weisheit", S. 77

Gehirn & Geist 11-2009 Wege zur Weisheit

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

18 Kommentare

  1. Nahtoderfahrung

    Lieber Michael,

    ich habe mich von einem anderen Kommentator hier ein wenig von seinem Interesse an Nahtoderfahrungen anstecken lassen. Bei den sog. Out-of- Body-Erfahrungen ist ja immer die Rede von “Schweben im Raum” usw. Nun entdeckte ich ein Buch in welchem beschrieben wird, dass man durch Stimulierung des Gehirns, dieses Phänomen bewusst herbeiführen kann. Siehe hier:
    http://books.google.com/…page&q=&f=false

    In der Rezension Deines Buches heißt es:
    “Mystische Erfahrungen wie das Gefühl des Einsseins mit der Welt erkläre der US-Forscher damit, dass etwa bei der Meditation der obere Scheitellappen weniger aktiv sei – eine Region, die an der Orientierung im Raum beteiligt ist. Obwohl Newberg spirituelle Erfahrungen auf diese Weise neurobiologisch erklärt, glaubt er, dass sie gleichsam das Tor zu einer höheren Wirklichkeit bilden.”
    Ist damit dasselbe “Tor zu einer höheren Wirklichkeit” gemeint, wie oben?

  2. Sehr interessant

    Klingt ziemlich spannend, zumal das Thema auch irgendwie auf die eine oder andere funktionelle Synapse meines Gehirns gestoßen ist, was man vom Thema des letzten Blogartikels nicht behaupten kann, der geistert immer noch ziellos umher.

    Im Übrigen hast Du etwas geschafft, was 13 Jahre Religionsunterricht in der Schule nicht zu leisten vermochten: ich kann mich für das Thema Religion begeistern. Herzlichen Glückwunsch dazu!

    Vielleicht könntest Du mir den Begriff Neuroethologie noch was mehr erläutern: spielt Ethik da auch mit rein? Nach der ausführlichen Diskussion mit Edgar Dahl zu meinem letzten Artikel könnte eine Horizonterweiterung nicht schaden^^.

  3. Gehirn: Gehörgang des Gotteswortes

    Hallo Herr Dr. Blume,

    wenn wir, wie Christian Wolf Ihre Arbeit auswertet, die Kinderkrankheiten der Neurobiologie vom Gott im Kopf hinter uns lassen, erscheint dieser als ein Konstrukt, um eine höhere Wahrheit wahrzunehmen.

    Doch hat uns Gott den Kopf gegeben, um nur auf vergeisterte Weise persönliche, spiritelle Wahrheiten zu hören, gestrige Wahrheiten nachzubeten um dadurch mehr Kinder in die Welt zu setzen, in meditativer Versenkung Eins zu werden und mystische Erfahrunge zu machen, die nicht vermittelbar sind oder kann der Kopf mehr?

    Ich denke, wenn das Organ, das uns zur religiösen Suche nach eine höheren ahrheit antreibt, dort das “schöpferische” Wort/eine schöpferische Vernunft nachdenken lässt, wo Gehirn & Geist von einer Weisheit als (nur) “menschlicher” Lebenserfahrung schreibt, kann der Kopf zum Gehörorgan des Gotteswortes werden, um das es den Vätern des christlichen Glaubens ging. Und das sie in menschlicher Gestalt der Welt vermittelten.

    Gerhard Mentzel

  4. @ Mona

    Vielen Dank für Deine Nachfrage! Und, wie es der Zufall will: Gerade auch das aktuelle Gehirn & Geist-Heft hat genau dazu einen Beitrag! Siehe hier:
    http://www.gehirn-und-geist.de/artikel/1011012

    Ich kann gerade auch diese Ausgabe nur empfehlen! 🙂

    Die Erfahrung, die Newberg meinte, war jedoch keine Out-of-Body-Erfahrung, sondern eine der Entgrenzung und des Einswerdens mit allem Sein. Er nennt das das Absolute Einssein und bringt Argumente dafür hervor, warum es sich dabei tatsächlich um eine Einsicht in eine (ggf. “höhere”) Realität handeln könne. Sein Entwurf ist also monistisch (= die ganze Realität aus einem Guss), von einem Leib-Seele-Dualismus geht er ausdrücklich nicht aus.

    Herzliche Grüße!

  5. @ Sören

    Lieber Sören,

    das war ein wirklich ermutigender Kommentar! Wow, danke dafür!

    Im Übrigen hast Du etwas geschafft, was 13 Jahre Religionsunterricht in der Schule nicht zu leisten vermochten: ich kann mich für das Thema Religion begeistern. Herzlichen Glückwunsch dazu!

    Das freut mich wirklich sehr! Wobei es mir, wie Du vielleicht gemerkt hast, gar nicht darum geht, Leute zu irgendetwas zu bekehren. Mir geht es um die Faszination des Phänomens im Rahmen der Evolutionsforschung und diese Neugier auf besseres Verstehen können m.E. Atheisten, Agnostiker und Glaubende wunderbar teilen.

    Vielleicht könntest Du mir den Begriff Neuroethologie noch was mehr erläutern: spielt Ethik da auch mit rein?

    Ja, leider. Der Begriff wurde 1984 geprägt und hat von Anfang an zwei Ebenen vermischt: 1. Die neurobiologische Beschreibung religiöser Erfahrungen und 2. Die philosophische Deutung der Befunde (z.B. als Gotteswiderlegung oder Gottesbeweis). Eine der Hauptaufgaben meiner Diss war es, diese beiden Aspekte – die je für sich durchaus interessant sind – sorgsam auseinander zu differenzieren. Erfreulicherweise haben sich diese “Kinderkrankheiten” inzwischen ein Stück weit ausgewachsen und die “Neurotheologen” spalten sich zunehmend in empirisch forschende (evolutions-)biologische oder aber philosophisch-theologische Arbeiten auf. Persönlich habe ich es als sehr gute Übung empfunden, diese Aspekte Theorie für Theorie auseinander zu klamüsern und freue mich sehr, dass sich doch recht viele Menschen für die Thematik zu interessieren scheinen.

    Beste Grüße!

  6. @Mona

    Prof. Dr. Küng hat schon vor Jahrzehnten darauf hingeweisen, dass der Tod unumkehrbar ist – und Nahtod-Erlebnisse (NTEs) möglicherweise wissenschaftlich erklärt werden können.
    Wer von NTEs erzählen kann, war also nicht tot.

    Mit dieser Meinung war er als Theologe(!!!) schon deutlich weiter, als es manche Mediziner, Neurologen und Philosophen heute sind. Z.B. Werden im Rahmen von ´The AWARE study´ Bilder so in Operationsräumen plaziert, dass man sie nur erkennen kann, wenn man sich im Rahmen eines Außerkörperlichen Erlebnisses (OBEs) darüber schwebend befindet. => allein dieser Versuch zeigt, dass diese ´Wissenschaftler´ bis heute keine Ahnung davon haben, worum es bei NTEs/OBEs geht.

    Unser Gehirn denkt immer voraus bzw. erstellt Simulationen für die nächste Zukunft. Mit dieser Strategie können wir überlebenswichtig schnell auf aktuelle Ereignisse reagieren.

    NTEs/OBEs sind selbstbeobachtbare Gehirnfunktionen; d.h. das Gehirn konzentiert sich so stark darauf, dass man sein eigenes Gehirn live bei der Arbeit beobachten kann.
    Bei OBEs wird eine Simulation der als aktuell empfundenen Realität erstellt – und bei NTEs wird das episoische Gedächtnis ganz/teilweise/auf- bzw. absteigend durchsucht und die gefundenen Inhalt neu bewertet, bevor sie ins Bewusstsein kommen.

    Wie leicht Erinnerungen verändert werden, können Sie in dem Buch ´Falsche Erinnerungen – die Sünden des Gedächtnisses´, von Dr. Kühnel und Prof. Dr. Markowitch nachlesen, welches vor kurzem auf den Markt kam.

    NTEs/OBEs sind also keine spirituelle Erfahrung – allerdings können sie zu einer solchen Empfindung führen.

  7. Neurotheologie

    Zunächst einmal meine Anerkennung zu dieser positiven Rezension Ihres Buches, lieber Michael!

    Im aktuellen Science findet sich ein Essay von Elizabeth Culotta über den Ursprung der Religion. Ein Abschnitt ist überschrieben mit: “Born believers?” (da wird u.a. auch Kelemen zitiert :). Da kann ich Vieles gut nachvollziehen. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass die ontogenetische Hirnreifung Hinweise auf die phylogenetische Hirnentwicklung liefern kann – oder anders gesagt: Wenn wir die evolutiven Entwicklungen nachzeichnen wollen, sollten wir auch die ontologischen Prozesse im Blick haben.

    Ich finde es zum Beispiel sehr bemerkenswert, dass die anatomische Reifung des dorsalen Frontalcortex bis zu 20 Jahre dauern kann, dass also erst beim Erwachsenen eine umfassende Kontrolle der Gefühle und des Verhaltens möglich ist (deshalb sind Kinder der Virtual Reality mehr ausgeliefert). Das hat sicher wenig oder nichts mit der nicht willentlich beeinflussbaren Entscheidung für oder gegen Religiosität beim jungen Menschen zu tun. Aber die räumliche Nähe des präfrontalen Cortex zu jenen Hirnbereichen, die mit Gottesvorstellungen und Sozialverhalten assoziiert sind, ist schon frappierend.

    Wäre es nicht denkbar, dass unter dem steuernden Einfluss der Gene bestimmte Hirnareale unterschiedliche Strukturen ausbilden, die bei dem Einen zu familienorientiertem Sozialverhalten und Religiosität führen und bei dem Anderen zu familienfeindlichem Individualismus und Areligiosität? Natürlich gibt es zwischen diesen beiden Extremformen jede Menge Zwischenstufen, aber es geht hier ja nur um ein modellhaftes Prinzip hinsichtlich individueller Entwicklungsmöglichkeiten. So gibt es sicherlich keinen einfachen Zusammenhang zwischen der genetischen Bedingtheit des Glaubenkönnens bzw. Nicht-Glaubenkönnens und dem ebenfalls genetisch verankerten Fortpflanzungswunsch.

    PS: Im Buch behandeln Sie ja auch die Evolution des Atheismus und Agnostizismus. Dieses Thema wurde bislang sträflich vernachlässig. Dabei sind diese Entwicklungen für die Zukunft der Menschheit von allergrößter Bedeutung, wie wir alle wissen… 😉

  8. Interesse geweckt, nicht bekehrt

    Natürlich meinte ich das auch in dem Sinne, dass ich mich für die Thematik interessiere. Der neurobiologische Blickwinkel gefällt mir wirklich sehr, etwas was in der Schule völlig fehlte…

    Du hast mich also nicht bekehrt oder missioniert, sondern tatsächlich – wie es auch Deine Abicht war – mein Interesse geweckt für die unterschiedlichen Zweige in diesem Bereich.

  9. @ Balanus

    Lieber Balanus,

    vielen Dank für Ermutigung und Beitrag! Ja, über die Rezension habe ich mich auch sehr gefreut, zumal Dr. Wolf als Philosoph und Wissenschaftsjournalist sicher keinen unkritischen Blick auf das Thema hatte. Da war und bin ich mehr als erfreut (und ein bißchen verlegen gegenüber dem Verlag, bei dem ich mich lange gegen die Idee einer erweiterten Neuauflage wehrte, weil ich dachte, dass das doch keinen interessiere…)

    Ja, den Culotta-Artikel fand ich auch sehr gut, zumal aus der evolutions- und kognitionspsychologischen Ecke unglaublich viele Befunde kommen, die die grundlegenden Module, die sich dann zu Religiosität bündel(te)n, aufzeigen.

    In “Gott, Gene und Gehirn” haben Rüdiger Vaas und ich dem Thema zwei Hauptkapitel gewidmet, hier im Blog finden Sie z.B. Arbeiten des Kollegen Jesse Bering (übrigens ein erklärter Atheist, der dennoch Wegweisendes zum Erfolg des Merkmals Religiosität erkundet hat):
    http://www.chronologs.de/…3-28/gott-im-kopf-wozu

    Beste Grüße!

  10. @Sören

    Danke, Sören! An Lob sind wir Schwaben ja nun nicht so gewöhnt…

    Das ermutigt schon sehr und ich würde mich natürlich freuen, wenn Du mit Begeisterung am Thema dran bleibst! Und es z.B. durch den Kauf eines guten Buches (muss ja keines von meinen sein) förderst, vertiefst, diskutierst, vielleicht selber einmal etwas schreibst. Denn (nur) so entwickelt sich m.E. Wissenschaft weiter.

    Beste Grüße!

  11. Meditation – Denkmodell

    Meditations-Erlebnisse als Ergebnis einer selbstbeobachtbaren Gehirnfunktion erklärt (Denkmodell):

    Meditierende Menschen berichten manchmal von einem dabei erlebten, mit Lichtwahrnehmungen verbundenen Glücksgefühl; in einem Zustand allumfassenden Verstehens (Einssein) bei vollkommener Geborgenheit.

    Im folgenden soll -passend zum Blogthema- eine mögliche theoretische Eklärung für diese Phänomene vorgestellt werden; welche nur auf Gehirnaktivitäten aufbaut.

    Etwa ab dem Alter von 1,5 Jahren, sobald wir unsere Umwelt mit Wörtern beschreiben und eine eigene Identität entwickeln, werden unsere persönlichen Erfahrungen benannt. Normalerweise können wir uns später daher nur an Bekanntes (= Benanntes) erinnern. (Stichwort: Infantile Amnesie)

    Werden dann im Rahmen einer Meditationsübung alle bekannten(!) Erfahrungen aus dem Bewusstsein verdrängt – dann bleiben nur noch die unbenannten Erfahrungen übrig; mit denen sich das Gehirn bei der Meditation beschäftigen kann => d.h. Erlebnisse aus der Zeit vor dem Identitäts- und Spracherwerb.

    Weil aber alle Erfahrungen beim Erinnern mit dem aktuellen Selbstbild abgeglichen werden, bevor sie ins Bewusstsein kommen, führt dies dazu, dass z.B. frühkindliche Erfahrungen eines Babys, mit dem Erwachsenen-Verstand bewertet, ins Bewusstsein kommen. Bei der Erfahrung, mit einem liebevollen Lichtwesen in vollkommener Harmonie verbunden zu sein – könnte es sich um Erinnerungen an die eigene Mutter handeln (oder um andere Personen, die sich um das Baby kümmerten).
    Man kann dies im Rahmen der sogenannten Nahtod-Erlebnisse erklären.

  12. Das dritte Auge @KRichard

    Bei der Meditation verdrängt man seine bekannten Erfahrungen nicht, man blendet sie höchstens aus. Den Geist entleeren bedeutet, dass man sich nicht in etwas hineinsteigert, sich also von der “Grübelsucht” befreit, um die Dinge so zu sehen wie sie sind.
    Einssein mit der Welt kann man auch ohne Meditation erreichen, z.B. beim Hören von Musik. Ich weiß jetzt nicht ob es sich hier um eine Erinnerung an die früheste Kindheit oder gar an die Zeit im Mutterleib handelt.
    Die von Ihnen erwähnten Lichtwahrnehmungen erinnern mich eher an das dritte Auge( drei Videos):

    http://www.youtube.com/watch?v=7Qh3xz1lbho

    http://www.youtube.com/…h?v=i5Op290QK48&NR=1

    http://www.youtube.com/…h?v=G4MV91WoYjA&NR=1

  13. Was hält man in Meditations-Kreisen eigentlich von Wolf Singers Vorstellungen über die neuronalen Prozesse beim Meditieren?

    Wenn ich was von W. Singer lese, finde ich das fast immer recht schlüssig und gut nachvollziehbar. So wie hier in der FAZ vom 29.04.08:

    http://www.faz.net/…9~ATpl~Ecommon~Scontent.html

  14. @Mona: Unklarheit

    Ich habe mich leider ungenau ausgedrückt. Selbstverständlich gibt es unterschiedliche Formen von Meditation. Aber Lichterscheinungen werden meist nur von buddhistischen Mönchen im Rahmen tiefster meditativer Versenkung beschrieben.

    Man hat Mönche neurologisch vermessen und dabei eine mit höchster Aufmerksamkeit verbundene Gamma-Wellen-Aktivität festgestellt.
    Der Hirnforscher Prof.Dr. Wolf Singer hat gemeinsam mit dem Mönch Matthieu Ricard ein Buch zu diesem Thema veröffentlicht: ´Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog´. (Dessen Inhalt ich aber nicht kenne, da ich es nicht gelesen habe.)

    Aus einem Interview mit dem Titel ´Das Geheimnis der Gamma-Oszillation´, veröffentlicht im P.M. Magazin 01/2009 stammt das folgende Zitat: “… Möglicherweise lässt sich durch Meditation ein Zustand herstellen, der die Signatur einer Lösung hat und zugleich frei von Gedanken ist: Ich bringe das Gehirn in einen sehr wachen, aufmerksamen Zustand – aber ohne Inhalte. …”

    Das ist es, was ich mit meinem Denkmodell angesprochen habe.

  15. @Mona Meditation Denkmodell

    Mir ist noch etwas eingefallen:
    Bisher waren die Meditierenden zufrieden, wenn sie zu dem Status des ´Lichterlebnis´ gekommen sind weil dieses Erlebnis so schön ist.
    Wenn sie aber diesen Zustand ebenfalls auch aus ihren Gedanken verdrängen würden, dann müssten sie danach zu einem umgekehrten ´Tunnelerlebnis´ kommen (so wie es von Nahtod-erfahrungen bekannt ist) und dabei bzw. danach Geräusche hören (weil beim Fetus der Gehörsinn vor/mit dem Sehsinn arbeitet).
    => auf diese Weise könnte man sowohl beweisen, dass es sich beim Lichterlebnis um frühkindliche Erfahrungen handelt. Wenn man den Zustand der Geräusche erreicht, könnte man auch noch nachweisen, dass man sich auch an diese Erlebnisse erinnert.

  16. @Balanus: Wolf Singer

    Was Herr Singer über Meditation sagte kann ich größtenteils bestätigen. Die Zen-Meditation eignet sich für derartige Experimente anscheinend besonders gut, da hier eine erhöhte Aufmerksamkeit trainiert wird. Noch besser würde sich vielleicht Meditation in Bewegung, also Kampfkunst eignen. Denn hier wird klar, “dass Meditation vielmehr ein hochaktiver Zustand ist. Das ist etwas völlig anderes als ein Zustand der Entspannung.”

    Soviel ich weiß vertritt Herr Singer ja die Auffassung, dass wir keinen freien Willen haben (Determinismus). Sicher ist vieles schon genetisch festgelegt, auch gibt es, aufgrund von Genommutationen, Menschen, die z.B. eine besonders aggressive Neigung haben (XYY-Konstitution). Werden solche Leute zum Verbrecher, können sie evtl. als begrenzt schuldfähig angesehen werden. Anders verhält es sich m.E. mit normalen Menschen, hier kann man die Prämisse ändern, zumindest in einem gewissen Rahmen. Mir widerstrebt die Auffassung nur ein Gen-und Instinktgesteuertes Wesen zu sein. Wenn es so wäre, könnten wir doch einen Teil unserer Kultur einfach in die Tonne treten.

  17. @KRichard: Lichterlebnis

    In der Zen-Meditation werden Lichterscheinungen und sonstige paranormale Dinge nicht als Ziel der Meditation angesehen, sondern sie werden als “Maya”, als Illusion betrachtet, die es zu überwinden gilt. Ist der Schleier der Maya behoben, wird die Täuschung erkannt. Nur so kann man auf dem Weg zur Erleuchtung weiterschreiten. Man darf Meditation aber auch nicht überschätzen, ich glaube nicht, dass man damit bis zu einer Art Nahtoderlebnis vordringen kann, zumindest nicht wenn man seinen Verstand behalten will.

  18. @Mona – Free Will

    Soviel ich weiß vertritt Herr Singer ja die Auffassung, dass wir keinen freien Willen haben (Determinismus).

    Nun, ich denke, Singer geht es vor allem darum, deutlich zu machen, dass es auch im menschlichen Gehirn mit rechten Dingen zugeht (also rein deterministisch, nicht dualistisch). Vermutlich sieht auch Singer die Freiheit des Willens in der Selbst-Determiniertheit. Je mehr selbstdeterminiert (je weniger fremdbestimmt), desto freier ist der Mensch.

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