Verdeckte Asbestprodukte – Putze, Kleber, Spachtel und Ausgleichsmassen.

Manche asbesthaltige Produkte kann man nach dem Augenschein nicht erkennen. Putze, Spachtelmassen, Dünnbettkleber und Ausgleichsmassen, die so genannten verdeckten Asbestprodukte, sind ein nicht zu unterschätzendes Problem. Die Tatsache, dass sie durchaus häufig Asbest enthalten, hat sich noch nicht überall herumgesprochen.

Dabei war die Verwendung von Asbest in den betreffenden Produkten durchaus bekannt. Oder besser, sie hätte bekannt sein können. Es war ja schließlich nichts geheimes, sondern wurde teilweise in den Produktkatalogen offen angepriesen. Die Tatsache ging aber im Windschatten der bekannten Asbestprodukte und der Problematik besonders der leichtgebundenen Asbestprodukte etwas unter. Aber bereits 1986 wurden asbesthaltige Putze in der Asbestfibel erwähnt.

DCONex 2018

Achtung, Asbest! Auch die verdeckten Asbestprodukte stellen eine reale Gefahr dar, wenn sie nicht erkannt werden. Eigenes Foto.

Verdeckte Asbestprodukte – reale Gefahr

Ein weiteres Problem war sicher auch der geringe Asbestgehalt, den manche Materialien hier haben können. Denn während „normale“ Asbestprodukte meist Asbestgehalte von deutlich über 1 Massen% Asbest enthalten, so können die Putze, Spachtelmassen und dergleichen auch deutlich unter 1 Massen% Asbest enthalten. Spachtelmassen, die immerhin im Zeitraum zwischen 1974 und 1981 hergestellt wurden, können noch bis 7 % Asbest enthalten, aber schon die Betonspachtel (Herstellungszeitraum 1966 bis 1994) liegen nur noch bei 0,5 bis 0,7 Massen%.

Man beachte, dass manche Herstellungszeiträume sich durchaus mit dem Asbestverbot überschneiden können. Das bedeutet, dass auch in Gebäuden oder Bauabschnitten, die deutlich nach dem Asbestverbot errichtet wurden, Asbest zu finden sein könnte. Und nicht nur in den genannten Produkten. Abstandshalter, wie sie im Betonbau zum Gießen verwendet werden, können, wenn ich mich nicht täusche, sogar noch bis zum Herstellungsjahr 1996 asbesthaltig sein.

Ein weiteres Problem ist die Verteilung. Oft sind die betreffenden Produkte nicht flächig anzutreffen. Manchmal nur an Reparaturstellen. Manchmal auch, je nach Bauzeitpunkt in verschiedenen Bereichen. Im Winter beispielsweise wurden Putze mit Asbest versetzt, damit sie während der längeren Trockenzeit nicht einfach von der Wand fielen. Dagegen wurde in den im Sommer erbauten Teilen darauf verzichtet.

Die geringen Gehalte und die meist sehr unregelmäßige Verteilung machen die Erkundung dieser Asbestquellen auch nicht unbedingt einfacher. Zumal sie ja oft auch noch zusätzlich verdeckt sind, beispielsweise durch Tapeten und dergleichen. Da sieht man nur eine gleichmäßige Fläche, hinter der sich unterschiedliche Materialien in unterschiedlichen Schichtdicken verbergen können.

Dazu kommen noch verschiedene Instandhaltungsarbeiten, die ebenfalls wieder asbestbelastetes Material in die Gebäude eingebracht haben können. Das zeigt, dass man eigentlich kein Bauteil nach Bauzeitraum, Nutzung oder aus sonst einem Grund vom Asbestverdacht ausschließen kann.

Neue Strategien werden benötigt

Im Gegensatz zu vielen anderen Asbestprodukten wie Brandschutzplatten und Ähnlichem, lassen sich die verdeckten asbesthaltigen Produkte auch kaum zielgerichtet suchen. Ganz besonders, wenn sie, wie so oft, nicht flächig auftreten. Hier hilft dann oft nur eine Beprobung im Raster.

Das bedeutet natürlich, dass man für ein handelsübliches Gebäude eine Menge Proben einkalkulieren muss. Das war einer der Gründe, warum in der neuen VDI 3866 aus dem Jahr 2017 nicht nur Analysemethoden mit sehr geringen Nachweisgrenzen von 0,001 Massen% eingeführt wurden, sondern auch die Möglichkeit, aus bis zu 5 einzelnen Proben eine Mischprobe herzustellen und zu analysieren.

Wenn in der Mischproben kein Asbest nachgewiesen wird, dann heißt das, dass es keinen Hinweis auf die Verwendung von Asbest in dem betreffenden Bauteil oder Gebäude gibt. Damit kann man das betreffende Gebäude aus dem Asbestverdacht nehmen.

Findet sich hingegen in den Mischproben Asbest, so bestätigt dies den Asbestverdacht. Bei einer Probenahme nach dem VDI-GVSS Diskussionspapier können aber eventuell weitere Bauteile aus dem Asbestverdacht genommen werden. Dazu bedarf es aber einer guten Planung der Probenahme.

Von bis zu 5 Einzelproben werden dann eventuell Mischproben hergestellt. Dazu werden jeweils ca. 200 mg der Einzelproben zu einer möglichst homogenen Probe vereint. Das Probenmaterial wird dann bei 400 bis 450 °C verascht, um die organischen Bestandteile zu entfernen (über 450°C wird Asbest instabil), gegebenenfalls mit 10%-iger HCl behandelt und danach gewaschen und getrocknet. Daraus wird anschließend ein Suspensionspräparat hergestellt. Dies ermöglicht, auch sehr niedrige Nachweisgrenzen zu erreichen.

Neue Methoden – neue Fragen

Niedrige Nachweisgrenzen ergeben aber auch eine Reihe neuer Fragestellungen, die dringend beantwortet werden müssen:

Es können zum Beispiel nur sehr wenige positive Befunde bei einer großen Menge Proben auftreten.
Wenn die Mischprobe Asbest in Spuren enthält, aber bei der anschließenden Untersuchung der beteiligten Einzelproben diese asbestfrei bleiben.
Es kommen unregelmäßige, aber häufige Funde von Asbest mit sehr geringen Gehalten vor.

Zumindest der zweite Punkt kommt durchaus vor. Prinzipiell ist dies immer ein Hinweis auf die systematische Verwendung asbesthaltiger Produkte. Da diese allerdings selber oft sehr inhomogen sind, kann es trotz der Homogenisierung der Mischproben zu einer sehr ungleichmäßigen Verteilung der Asbestfasern kommen, so dass die einzelnen Proben im Bereich der jeweiligen Nachweisgrenze liegen.

Im dritten Fall kann es auch sein, dass der Asbestgehalt nicht im Produkt selber seinen Ursprung hat. Es gab auch Fälle, wo ausgerechnet im Beton der Wand Asbest im mineralischen Zuschlag enthalten war, der sich anschließend in den Proben fand. Oft ist auch die Art des gefundenen Asbestes ein Hinweis. Technisch wurde meist Chrysotil verwendet. Findet man stattdessen Amphibolasbeste wie Tremolit, Aktinolith oder ähnliches, so kann dieser ungewollt aus Zuschlagmaterialien stammen. (Kies im Zement, Spuren im Talk etc.).

Der besondere Charme der Suspensionsmethode ist, dass man bei sehr geringen Gehalten unter 0,1 Massen% (und nur da, bei höheren ist es eh sinnlos) auch die Asbestgehalte quantitativ bestimmen kann. Ab 0,1 Massen% Asbest ist ein Material als asbesthaltiger Gefahrstoff einzustufen.

Die Dokumentation der Befunde ist wichtig, auch der negativen, denn diese Gebäude oder Gebäudeteile können aus dem Verdacht genommen werden. Dazu gehört auch die verwendete Analysemethode und die damit zusammenhängende Nachweisgrenze. Das bedeutet, man sollte sich schon bei der Planung der Probenahme über die erwünschten Nachweisgrenzen Gedanken machen. Und auch für Handwerker und Heimwerker stellt sich die Frage, welches Risiko man eingeht.

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die entscheidende Frage steht im letzten Satz:… welches Risiko?
    Ja genau, welches Risiko geht man denn nun ein?

    Wir haben zwar extrem empfindliche Messgeräte, aber damit verschärft sich nur die die Frage, ab welcher Konzentrationen man handeln sollte. Da niemand eine seriöse Untergrenze angeben kann, kommt es zu grotesken Auswüchsen im Alltag. Man sehe sich nur die Bedingungen an, unter denen die Hamburger Stadtreinigung einen asbesthaltigen Blumenkasten entgegennimmt. [1]

    Der Umgang mit bizarr niedrigen (realen oder potentiellen) Asbestkonzentrationen steht in keinem sinnvollen Verhältnis zu anderen Risiken des Alltags: Straßenverkehr, Alkohol, frei verkäufliche Medikamente mit schmalem therapeutischem Fenster, radelnde Schulkinder, die sich einen Scheiß um Verkehrsregeln kümmern etc.
    Angesichts von Risiken, deren Eintreten dramatische Folgen hat und die um Größenordnungen häufiger vorkommen als alle Lungenkarzinome zusammen (darin die Asbestkrebse enthalten) sollte man sich fragen, welchen Nutzen es hat, nach weiteren niedrigen Asbestkonzentrationen zu suchen.
    Hat das Sinn?
    („Hat“, nicht „macht“, aber das nur nebenbei.)

    Matthias

    [¹] Stadtreingung Hamburg zu asbesthaltigen Blumenkästen:
    („angefeuchtet, und in reißfester Folie staubdicht verpackt.“ – https://www.stadtreinigung.hamburg/privatkunden/gebuehren.html)

    • Ich würde das Risiko nicht unterschätzen. Zum einen nehmen die Mesotheliome nicht in dem Maß ab, wie es eigentlich nach so langer Zeit nach dem Asbestverbot zu erwarten wäre. Im Gegenteil. Zum anderen ist Asbest nun einmal ein Gefahrstoff und ist erwiesenermaßen krebsáuslösend. HIer gilt das Minimierungsgebot. Ich halte es für wenig zielführend, es gegen andere Risiken gegenzurechnen.

      Auch das Vorgehen der STadtreinigung bei den Blumenkästen ist weit weniger dramatisch, als es hier durchklingt. Anfeuchten und staubdicht verpacken ist bei Asbest eigentlich standard.

  2. Ich vermute, dass uns die Asbestproblematik noch eine ganze Weile begleiten wird. Eine Ursache ist sicherlich die immer verbreitetere Nutzung von Recyclingmaterial. LAGA-Merkblatt M20, das immer noch eine vielgenutzte Richtlinie für die stoffliche Verwertung von mineralischen Reststoffen (also auch Recyclingbaustoffen) ist, geht mit der Asbestproblematik eher oberflächlich um. Ein Test auf Asbestfasern ist nach meiner Erinnerung nicht zwingend vorgeschrieben, eine Plausibilitätsbetrachtung genügt. Die Zuordnungswerte lassen Asbest im Gegensatz zum kaum vorkommenden Thallium komplett aussen vor. Die Asbestbelastung in wiederaufbereitetem Bauschutt wäre sicher einer eingehenden Untersuchung wert.

    • Die Problematik der Recyclingbaustoffe ist bekannt. Extra dafür wird es die neue VDI 3876 geben. Die sollte eigentlich schon das Entwurfstadium verlassen haben, aber vermutlich sind die Probleme hier doch etwas größer, als man es am Anfang des Jahres zugeben wollte. Ich denke, wir dürfen hier gespannt sein.

  3. Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass Asbestanwendungen wegen ihrem tiefen Asbestgehalt weniger gefährlich sein sollen. Es kommt drauf, was mit dem Material geschieht.
    Unsere Messungen ergaben bei Arbeiten an asbesthaltigem Wandputz mit einem Asbestgehalt von 0.1% eine Belastung der Luft mit 2 Mio Fasern/m3.

    Was die ganze Problematik noch problematischer macht, ist, dass auch viele Farben Asbest enthielten, die Anwendung hat sich nicht auf Putze beschränkt.
    Allgemein kann man sagen, dass Schadstoffdiagnostiker ohne vertiefte Baukenntnisse, bei diesen Anwendungen an ihre Grenzen kommen, weil sie z.B. keine Ahnung haben, dass die Verputzauswahl vom Untergrund abhängt, also z.B. auf der Dämmung in einer Heizkörpernische nicht dasselbe Material ist, wie auf der Wand daneben.

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