Rote Kobolde über Amerika

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Manche Phänomene sind uns oft so vertraut, dass wir sie manchmal nicht als außergewöhnlich wahrnehmen. Und doch bergen sie in sich manchmal etwas neues und unbekanntes. Da wären zum Beispiel Gewitter. Die sind uns ja allen doch recht vertraut, möchte man meinen. Das sprichwörtliche Donnerwetter, eben wie Blitz und Donner. Mag es unseren Vorfahren noch wie göttlicher Zorn der verschiedenen Gottheiten erschienen sein, aber heute sollte sich da doch eigentlich nichts mehr hinter verbergen.

Im Prinzip ist das so ja auch richtig. Anekdotenhafte Überlieferungen berichten schon seit 1730 von seltsamen Lichphänomenen. Und schon die frühen Kampfpiloten, die sich mit ihren Maschinen in große Höhen wagten und von dieser Perspektive konnten sie Lichterscheinungen über Gewitterwolken beobachten, die uns Bodenbewohnenden verborgen blieben. Und, zumindest will es die Überlieferung so wissen, Angst hatten, darob verspottet zu werden.

Offiziell wurden  erst 1989 zum ersten mal fotografisch festgehalten. Seit dem wurden eine ganze Reihe seltsame leuchtende Entladungen in großer Höhe über Gewitterwolken. Einige Jahre nach der ersten Aufnahme wurden sie englisch Sprites genannt, zu deutsch Kobolde.

Seit ihrer “Entdeckung” im Jahre 1989 wurden aus Flugzeugen, aber eben auch aus dem Orbit zahlreiche Aufnahmen der Kobolde gemacht, so dass man mittlerweile einen regelrechten Koboldzoo kennt.

Am bekanntesten sind aber die so genannten “roten Kobolde” (red sprites). Zu diesen gehören auch die beiden Kobolde, die am 10. August 2015 von der ISS aus über den USA bzw. Zentralamerika gesichtet wurden.

Red Sprites Above the U.S. and Central America
Ein roter Kobold über den USA. Caption by M. Justin Wilkinson, Texas State University, Jacobs Contract at NASA-JSC.

Dieser rote Kobold über den USA ereignete sich vermutlich irgendwo über den Staaten Missouri oder Illinois. Im Vordergrund sind die Lichter der Städte Dallas und Houston gut zu erkennen. Die Raumstation befand sich zum Zeitpunkt der Aufnahme über dem nordwestlichen Mexiko, über 2000 Kilometer von dem beobachteten Gewitter entfernt. Im Hintergrund kann man ein weiteres faszinierendes Phänomen der Atmosphäre sehen. Airglow oder Nachthimmelsleuchten. Die Atome der in der Ionosphäre werden durch die Ultraviolettstrahlung der Sonne dissoziiert. Bei der Rekombination wird dann Licht im sichtbaren Bereich des Spektrums ausgestrahlt.

Red Sprites Above the U.S. and Central America
Ein roter Kobold über der Küste von El Salvador. Caption by M. Justin Wilkinson, Texas State University, Jacobs Contract at NASA-JSC.

Die untere Aufnahme erfolgte 2 Minuten und 58 Sekunden nach der ersten. Die ISS befand sich jetzt irgendwo über Acapulco. Das Gewitter ereignete sich über der Küste El Salvadors und war mit klapp 1100 Kilometern viel näher am Beobachter. Daher kann man auf dieser Aufnahme auch viele Details besser erkennen. Auch hier ist das Nachthimmelsleuchten gut zu erkennen.

Man kann auf den beiden Bildern gut erkennen, wie hoch die Ausläufer der roten Kobolde über die Gewitterwolken reichen. Rote Kobolde treten in Höhen um 50 bis 90 Kilometern auf. Rote Kobolde hängen zwar mit den Gewittern zusammen, aber sie sind keine Blitze. Ihnen fehlen die enormen Temperaturen, die bei Blitzentladungen gewöhnlich auftreten.  Sie ähneln als Plasmaphänomen wohl eher den handelsüblichen Leuchtstoffröhren.

Gunnar Ries

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

3 Kommentare

  1. Zitat:
    Dieser rote Kobold über den USA ereignete sich vermutlich irgendwo über den Staaten Missouri oder Illinois.

    -> Na, es könnte auch über/an den Great-Lakes stattgefunden haben. Die Richtung stimmt und auch die Entferung (so über den Daumen und Google Earth abgeschätzt – anhand der Erdkrümmung). Zwischen Texas und den Great Lakes gibt es nicht mehr besonders große Städte, die Licht machten, ausserdem sie sowieso mit der Erdkrümmung verschwänden – nicht aber das Gewitter. Und das Gewitter sieht aus, als würde es fast schon hinter der Krümmung verschwinden. Es kann also noch weiter entfernt sein.

    Das würde aber bedeuten, dass der Abstand nicht 2000 km seien, sondern über 2500 km. (bei mir auf Google Earth ~2700 km).

  2. Zitat:
    “Mag es unseren Vorfahren noch wie göttlicher Zorn der verschiedenen Gottheiten erschienen sein, aber heute sollte sich da doch eigentlich nichts mehr hinter verbergen.

    Im Prinzip ist das so ja auch richtig. …”

    -> Das irritiert mich jetzt aber. Stimmt was mit dem “Prinzip ” nicht?

    • Soll denn was mit dem Prinzip nicht stimmen? Immerhin konnten 1989 ja neue Phänomene im Zusammenhang mit Gewittern photographisch belegt werden. Hat sich also gezeigt, das so ein gutes altes Donnerwetter doch noch Überraschungen enthalten kann, oder? Mit anderen Worten: Es lohnt sich immer, neugierig zu bleiben.

      Was die Entfernungen angeht, so würde ich nicht streiten. Das ist grob und über den Daumen gepeilt. Wer will, kann dazu gerne noch was ausarbeiten.

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