Der Flugsaurier Scaphognathus ist Fossil des Jahres 2021

Das diesjährige Fossil des Jahres ist der Flugsaurier Scaphognathus crassirostris, der, ebenso wie der Titelträger des letzten Jahres, nur aus dem Solnhofener Plattenkalk bekannt ist. Die beiden teilen sich also weitgehend Lebensraum und das Zeitalter.

Gut erhalten im Solnhofener Plattenkalk

Scaphognathus crassirostris, sein Name bedeutet soviel wie Wannenkiefer mit großer Schnauze, ist ein kleiner Flugsaurier mit langem Schwanz, der im Oberjura in der Gegend lebte, die heute durch den Solnhofener Plattenkalk nachgezeichnet wird. Namensgebend war sein großer Kiefer mit 18 Zähnen im oberen sowie 10 im Unterkiefer. Zuerst beschrieben wurde die Art von Georg August Goldfuß 1831.

Damals, im Oberjura war das Klima hier tropisch, es gab Inseln, umgeben von Schwammriffen und dazwischen größere Bereiche mit Lagunen. Es sind diese ehemaligen Lagunen, in die feiner Kalkschlamm transportiert wurde, der heute als Solnhofener Plattenkalk bekannt ist. Der relativ hohe Salzgehalt der Lagunen war vermutlich sehr lebensfeindlich, sodass Lebewesen, die hier versanken, kaum von größeren Aasfressern gestört und rasch von dem feinen Kalkschlamm bedeckt wurden. Das erklärt ihre extrem gute Erhaltung.

Rekonstruktion von Scaphognathus crassirostris. Dmitry Bogdanov creator QS:P170,Q39957193 (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:ScaphognDB.jpg), „ScaphognDB“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode

Viele Fossilien, wie auch schon beim Archaeopterix, zeigen nicht nur ein fast vollständiges Skelett im Verbund, sondern meist auch noch gute Erhaltung von feinen, sonst kaum erhaltungsfähigen Strukturen wie z.B. Weichteilen, Federn oder Haaren.

Von Scaphognathus wurden bisher nur drei Exemplare gefunden. Das Typusexemplar von Goldfuß, heute als das Bonner Exemplar bekannt, war vermutlich ausgewachsen und zeigte eine Flügelspannweite von ca. 90 cm. Ein weiteres Exemplar starb vermutlich als Jungtier und hatte nur knapp einen halben Meter Flügelspannweite.

In seiner Erstbeschreibung 1831 von Scaphognathus crassirostris fiel Goldfuß bereits eine Behaarung des Tieres auf. Er hatte haarähnliche Strukturen vor allem im Nackenbereich und auf den Flughäuten gefunden. Das deute schon damals auf eine mögliche Warmblütigkeit der eigentlich zu den Echsen gehörenden Tiere an. Goldfuß beschrieb die Behaarung als eine Art Mähne. Wurde dies zunächst noch akzeptiert, begannen Paläontologen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts diese Sichtweise zunehmend anzuzweifeln. Reptilien sollten ihrer Meinung nach unbehaart sein. Erst als im 20. Jahrhundert zunächst weitere behaarte Flugsaurier gefunden wurden, konnte diese Kontroverse beigelegt werden. Allerdings war die Arbeit von Georg August Goldfuß da bereits weitgehend in Vergessenheit geraten. Mittlerweile geht man allgemein von deiner Warmblütigkeit bei Flugsauriern aus.

Goldfuß nahm auch bereits an, dass sich der kleine Flugsaurier mit dem verhältnismäßig mächtigen Schnabel vermutlich von Fischen und/oder Insekten ernährte und zum selbständigen Flug imstande war.

Die bereits von Goldfuß beschriebenen Haare sind keine Haare, wie wir sie von uns Säugetieren her kennen. Sie werden auch als Pycnofasern bezeichnet. 2018 konnte man diese haarartigen Strukturen und Weichteilerhaltung bei dem Bonner Exemplar mithilfe neuer fotografischer Methoden wie Reflectance Transformation Imaging sowie UV-Licht endgültig nachweisen und damit Goldfuß letztlich bestätigen [Jäger et al. 2018].

Abguss des Bonner Exemplars. Tim Evanson (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Scaphognathus_crassirostris_cast_-_Pterosaurs_Flight_in_the_Age_of_Dinosaurs.jpg), „Scaphognathus crassirostris cast – Pterosaurs Flight in the Age of Dinosaurs“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/legalcode

Pionier der Paläo-Art

Die oben genannte gute Erhaltung ist auch im Falle unseres Flugsauriers bemerkenswert. Sie ermöglichte es dem Erstbeschreiber, dem Bonner Georg August Goldfuß, bereits 1831 als Erstes eine Behaarung bei Sauriern nachzuweisen. Goldfuß ließ noch kolorierte Lithografien des lebenden Tieres in seinem Lebensraum von Christian Hohe anfertigen und fügte sie seinen Veröffentlichungen bei. Das war eine echte Pioniertat. Bis zu dem Zeitpunkt hatte noch kaum jemand eine künstlerische Darstellung von ausgestorbenen Tieren in wissenschaftlichen Veröffentlichungen eingefügt und seine Rekonstruktion wissenschaftlich begründet. Heute gehört die Rekonstruktion fast schon zum Standard, aber damals war es revolutionär. Es machte längst ausgestorbene Arten für die Menschen viel besser vorstellbar.

Heute ist diese als Paläo-Art bekannte Darstellungstechnik gut in der Popkultur und Wissenschaftskommunikation verankert, nicht zuletzt seit den Filmen des „Jurassic Park“ Franchise.

Bei aller Pionierleistung darf man aber auch nicht vergessen, dass Goldfuß mit diesem kleinen Flugsaurier überhaupt erst die 4. Flugsaurierart beschrieb. Es war also noch kaum etwas bekannt über diese neue ausgestorbene Tiergruppe und demnach noch vieles nicht mehr als Spekulation. Zumal auch die meisten Fossilien komplexer Lebewesen meist alles andere als vollständig sind.

Und so ging es auch Goldfuß. Er beschrieb Scaphognathus crassirostris noch als kurzschwänzigen Flugsaurier der Gattung Pterodactylus, weil seinem Exemplar ausgerechnet der Schwanzbereich fehlte und man noch keine langschwänzigen Flugsaurier kannte. Außerdem schrieb er ihm fälschlicherweise 5 Finger zu. Kein Flugsaurier hat mehr als 4 Finger.

Erst 1861 stellte der Zoologe Johann Andreas Wagner das Exemplar in die neue Gattung Scaphognathus.

Ausstellungsorte

Das sogenannte Bonner Exemplar, also dasjenige, dass Goldfuß selber präpariert und auf das er sich in seiner Erstbeschreibung bezieht, ist heute im Naturkundemuseum der Universität Bonn zu besichtigen. Diese Sammlung trägt heute seinen Namen und feiert als Goldfuß-Museum in diesem Jahr sein 200-jähriges Bestehen.

Schon Goldfuß fertigte von seinem Exemplar zahlreiche Abgüsse an und sendete sie an weitere Museen in Europa.

Die anderen beiden Originalfossilien sind im Museum am Löwentor in Stuttgart und im Fossilien-und-Steindruck-Museum in Gunzenhausen aufbewahrt.

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

2 Kommentare

  1. Beim Anblick des Flugsauriers sage ich nur, Schade, dass es dieses schöne Tier nicht mehr gibt. Und wenn die anderen Lebewesen vor 150 Millionen Jahre genauso aufregend waren, dann muss die Erde phantastischer ausgesehen haben als heute.
    Ein schöner Artikel der nach mehr verlangt.

  2. Schade, dass man aus den Überresten solcher Flugsaurier nicht mehr die DNA gewinnen kann. So lange hält sie leider nicht.

    Warum schade? Nun, mit heutigen Techniken könnte wohl unter anderem herausfinden was aus den Pycnofasern in den heutigen Vögeln geworden ist – wobei die heutigen Vögel nicht direkt verwandt zu sein scheinen mit Scaphognathus, was sich ja schon daran erkennen lässt, dass Scaphognathus offensichtlich von einem 4-Beiner abstammt, die modernen Vögel aber von 2-Beinern.

    Noch besser wäre es natürlich Scaphognathus wieder auferstehen zu lassen.

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