Asbest in der Lunge – wie gefährlich ist Chrysotil?

Das Asbest gefährlich ist und schwere Lungenkrankheiten verursacht, das hat sich ja mittlerweile herumgesprochen. Dabei wird aber immer noch oft zwischen den „bösen“ Amphibolasbesten wie Krokydolith und Amosit und dem angeblich weniger schlimmen Serpentinasbest Chrysotil unterschieden.

Das Deutsche Mesotheliomregister am Institut für Pathologie der Ruhr Universität Bochum verfügt über einen vermutlich einzigartigen Datensatz der Asbestkonzentration der Lunge von Menschen, die über einen längeren Zeitraum, hier 4 bis 21 Jahre, erhoben wurden. Dies ermöglicht sehr genau, die Biopersistenz der Asbestfasern im menschlichen Gewebe zu bestimmen.

Chrysotile 1

Chrysotil oder Faserserpentin. Man kann die faserige Struktur durch die vollkommene Spaltbarkeit gut erkennen. Die feinen Fasern machen das Mineral so gefährlich. Eurico Zimbres (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Chrysotile_1.jpg), „Chrysotile 1“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5/legalcode

Von der Wunderfaser zum Schadstoff

Asbest hat eine interessante Karriere von einer so genannten „Wunderfaser“ und einem gesuchten Rohstoff hin zu einem gefährlichen Schadstoff hingelegt. Denn neben seinen durchaus faszinierenden technischen Eigenschaften gesellt sich eine, die eindeutig weniger schön ist, und die schließlich auch 1993 in Deutschland und 2005 zu einem europaweitem Verwendungsverbot geführt hat. Die faserförmigen Minerale verbreiten sich leicht in der Luft, wo sie von Menschen schließlich eingeatmet werden. Dort gelangen sie in die Lunge und führen zu krankhaften Veränderungen bis hin zum gefürchteten Mesotheliom.

Oft wird bei Asbest zwischen den Amphibolasbesten wie Amosit und Krokydolith auf der einen Seite und dem Serpentinasbest Chrysotil auf der anderen unterschieden. Manchen Leuten scheint Chrysotil als der weniger gefährliche Asbest. Diese Einschätzung ist mit großer Sicherheit ein gefährlicher Irrtum, wie eine Arbeitsgruppe um Inke Feder und Andrea Tannapfel von der Ruhr Universität Bochum zeigen konnten.

Biopersitente Fasern

Hierbei wurden Daten des Deutschen Mesotheliom-Registers am Pathologischen Institut der Bochumer Ruhr Universität ausgewertet, welche die Asbestkonzentration in den Lungen von Asbest exponierten Menschen über längere Zeiträume belegen. Die Lungen wurden im Abstand von 4 bis 21 Jahren nach Ende der Asbestexposition mehrfach beprobt. Diese Proben wurden anschließend mit Hilfe von Elektronenmikroskopen auf Asbest untersucht. Die Untersuchung der Gewebeproben war auch nötig, weil asbestbedingte Lungenfibrosen sich in Röntgenbildern nur schwer von anderen Fibrosen unterscheiden lassen.

Es konnten auch lange nach dem Ende des Asbestkontaktes der betroffenen Menschen immer noch erhebliche Asbestfaserkonzentrationen im Gewebe nachgewiesen werden. Darunter nicht nur die Amphibolasbeste, sondern auch immer wieder hohe Gehalte an Chrysotil. Bemerkenswert auch, dass über den langen Zeitraum der Beobachtung die Asbestgehalte im Lungengewebe der Betroffenen stabil blieben. Es fand also kein Abbau statt. Asbest ist über längere Zeiträume biopersistent.

Die lange Nachweisbarkeit auch von Chrysotil beendet die Debatte darum, ob dieser möglicherweise weniger gefährlich und besser vom Körper abbaubar sei als die Amphibolasbeste. Chrysotil oder Weißasbest ist die am meisten verwendete Asbestform und ist in den meisten asbesthaltigen Produkten zu finden.

Auswirkungen auf die Lunge

Die lange Verweilzeit der Mineralfasern in der Lunge ist der Grund, warum die Fasern Krankheiten auslösen. Asbeste zeigen eine sehr gute Spaltbarkeit. Dadurch können sie sich ein sehr feine Fasern aufspalten, die sehr lange in der Luft bleiben und dort von Menschen eingeatmet werden. Bedingt durch ihre geringe Größe können diese Fasern dann sehr tief in die Lunge und in die Lungenbläschen eindringen. Die Immunzellen können sie dort nicht abbauen, so dass sich chronische Entzündungen und schließlich Tumore bilden können. Das Mesotheliom gilt als typischer asbestbedingter Tumor, aber auch andere Krebserkrankungen werden mit Asbest in Verbindung gebracht. Dabei kann der Ausbruch der Krankheit durchaus 10 bis 40 Jahre auch dem Ende der Asbestexposition erfolgen.

Inke Feder, Iris Tischoff, Anja Theile, Inge Schmitz, Rolf Merget, Andrea Tannapfel: The asbestos fibre burden in human lungs – new insights into the chrysotile debate, in: European Respiratory Journal, 2017, DOI: 10.1183/13993003.02534-2016

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Asbest hat eine lange Karriere hinter sich – obwohl die Asbestose bereits 1900 als asbestbedingte Krankheit beschrieben wurde. In der Wikipedia liest man noch:”Weltweit steigt die Asbest-Produktion an, ebenso wie der Verbrauch.” Doch jetzt, im Jahre 2017, erlässt sogar Kanada ein umfassendes Asbestverbot. Damit dürfte der Trend gebrochen sein und selbst in Indien und China der Asbestverbrauch bald schon zurückgehen.
    Warum aber hat Kanada so lange zugewartet? Die naheliegenste Erklärung ist die, dass Kanada vor allem ein Förderland ist. Dort liegen Asbestminen, die ihre Produkte aber nicht nach Kanada selbst, sondern beispielsweise nach Indien oder China liefern. Ähnlich verhält es sich ja auch mit Öl und Erdgas. Es gibt Länder wie Norwegen, die selbst ehrgeizige Dekarbonisierungsziele haben, aber gleichzeitig von der Erdölförderung leben. NorwegerInnen brauchen selber immer weniger Erdöl, zumal Norwegen das Land mit dem höchsten Anteil von Elektrofahrzeugen ist, sie exportieren aber gerne möglichst viel von ihrem selbst geförderten Erdöl in die weite Welt.
    Das Wissen das sich Deutschland über die asbestbedingten Krankheiten angeeignet hat, kann es wohl noch viele Jahrzehnte einsetzen, wenn auch immer weniger im eigenen Land, wo es seit 1993 verboten ist, als vielmehr in Indien und China, wo es heute noch rege verwendet wird. Auch im Jahre 2050 wird es somit noch asbestbedingte Krankheiten geben, jedoch nicht mehr in Deutschland, sondern in Indien und China. Das zeigt, dass Asbest nicht nur eine lange Karriere hinter sich hat, sondern auch noch eine lange Karriere als Auslöser von asbestbedingten Krankheiten vor sich hat.

    • Dieser Meinung über die Gefährlichkeit von Chrysotil konnte man auch hier in Deutschland immer wieder begegnen. Und die Rolle, die ausgerechnet Kanada in Bezug auf die Asbestverbote spielt, ist durchaus diskussionswürdig.

      Ob es 2050 in Deutschland keine asbestbedingten Lungenkrankheiten gibt, möchte ich durchaus bezweifeln. Zur Zeit ist der größte Teil des jemals im portierten Asbests immer noch verbaut. Darunter auch die so genannten verdeckten Asbestprodukte wie Putze und Spachtelmassen. Es wird also zumindest auf absehbare Zeit immer wieder Personen geben, die unabsichtlich mit Asbest in Kontakt kommen können. Abgesehen davon kommen natürlich diejenigen immer noch in Kontakt mit Asbest, die sich um die Entsorgung oder die Analytik kümmern.

      • Asbestbedingte Krankheiten betreffen in der Regel bei der Arbeit asbestexponierte Personen und eventuell noch ihre Angehörigen. Dies zu:

        “Es wird also zumindest auf absehbare Zeit immer wieder Personen geben, die unabsichtlich mit Asbest in Kontakt kommen können. Abgesehen davon kommen natürlich diejenigen immer noch in Kontakt mit Asbest, die sich um die Entsorgung oder die Analytik kümmern.”

        Personen, die sich heute oder später um Entsorgung oder Analytik kümmern, sollten eigentlich geeignete Schutzmassnahmen ergreifen. Ich denke Neuerkrankungen wird es in Deutschland deshalb nur noch sehr wenige geben.

  2. Ergänzung: In Kanada galt bis vor kurzem (Zitat):“Regarding exports and imports, Canada’s long-standing position is that “safe and controlled use” of the mineral poses little risk to human health.”
    Doch es gibt auch in Kanada Asbestbetroffene – entweder, weil die Ansicht, es gebe einen sicheren Umgang mit Asbest nicht zutrifft oder aber weil auch in Kanada entsprechende Arbeitsvorschriften nicht eingehalten wurden.

    Bezüglich Chrystotil schreibt die kanadische Regierung in einem ihrer Informationsblätter:“Chrysotile is different from the amphiboles both structurally and chemically. It is generally accepted that chrysotile asbestos is less potent and does less damage to the lungs than the amphiboles.”

    “If asbestos fibres are enclosed or tightly bound in a product, for example in asbestos siding or asbestos floor tiles, there are no significant health risks. Asbestos poses health risks only when fibres are present in the air that people breathe.”

    Die Meinung Chrystoil sei weniger gefährlich als die anderen Asbestfasern wird also sogar hier in einem Informationsblatt der kanadischen Regierung vertreten.

  3. Ich bin da weit weniger optimistisch. Klar, es werden Sicherheitsmaßnahmen ergriffen. Das Problem ist aber deswegen nicht aus der Welt. Und gerade die verdeckten Asbetsanwendungen können immer wieder überraschend Menschen Asbest aussetzen.

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