Warum repressive Drogenpolitik nicht funktioniert

Interview mit dem Rechtswissenschaftler Jan Fährmann, Teil 2

Jan Fährmann ist Wissenschaftler und Referent an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. Neben der Polizei- und Sicherheitsforschung beschäftigt er sich auch mit Forschungen im Betäubungsmittelstrafrecht und mit Drogenpolitik. So hat er sich bereits mit der Geschichte der Drogenpolitik, dem neuen Psychoaktive-Substanzen-Gesetz sowie mit stoffungebundenen Süchten beschäftigt. In Teil 1 des Interviews (Mit Drogenpolitik wird Sozial- und Migrationspolitik gemacht) ging es um die historischen Hintergründe der heutigen Drogenpolitik.

Frage: Was am Besitz oder Konsum von Drogen ist überhaupt verboten? Was ist hier das zu schützende Gut? Warum mischt der Staat sich hier ins Leben der Bürgerinnen und Bürger ein?

Jan Fährmann: Man kann sich darüber streiten, was genau verboten ist. Gerichtsfest sicher ist nur, dass der Konsum selbst nicht verboten ist. Der Besitz, das Sich-Beschaffen oder Inverkehrbringen der Substanzen ist aber verboten. Das ist sehr weit gefasst. Es gibt aber Streitfälle.

Umstritten ist beispielsweise, wie die chemische Überprüfung einer Substanz zu beurteilen ist – das sogenannte Drugchecking – die dazu dient, gefährliche Stoffe für die Konsumenten erkennbar zu machen. Gilt das juristisch als Verschaffen einer Gelegenheit oder nur als Überprüfung und Vernichtung?

Ziel der Verbote war und ist, den Verkehr so weit wie möglich zu unterbinden. Es soll die Gesundheit geschützt werden, indem problematischer Konsum verboten wird. Sinnvolle Ausnahmen wie in der pharmakologischen Forschung oder Medizin sollten aber erlaubt bleiben.

Frage: Wenn die Gesundheit das zu schützende Gut ist, müsste der Staat dann nicht noch viel weiter eingreifen, etwa mit dem Verbot gesundheitsschädlicher Nahrungsmittel?

Jan Fährmann: Wenn man dieses Ziel teilt und denkt, dass ein Verbot funktioniert, dann könnte man sich durchaus fragen, ob stark zuckerhaltige Lebensmittel oder Alkohol – man denke auch an damit zusammenhängende Unfälle – verbieten sollte.

Sollen wir aber einen Gesundheitsstaat schaffen? Einen Staat, der uns vorschreibt, wann wir was essen, wie viel Sport wir machen müssen? Das ließe sich mit dem Gedanken der Autonomie nicht vereinbaren, sondern ließe sich höchstens auf einige wenige Substanzen anwenden. Mit Blick auf die Drogenpolitik muss man sich aber fragen, ob das funktionieren würde.

Frage: Jetzt haben wir gesehen, was der Sinn der Drogenverbote ist. Ziehen wir Bilanz: Welche der Ziele der heutigen Drogenpolitik werden in der Praxis erreicht?

Jan Fährmann: Viel deutet darauf hin, dass der Konsum durch Verbote nicht zurückgeht. Das sehen wir etwa im Vergleich mit Ländern wie den Niederlanden oder Portugal, wo Cannabis erlaubt ist oder nur als Ordnungswidrigkeit gilt. Der Konsum scheint also unabhängig vom Verbot zu sein.

Verbote haben aber auch negative Auswirkungen. So werden Menschen in die kriminelle Ecke gedrängt und wenden sich darum von Hilfsmöglichkeiten ab, weil sie eine strafrechtliche Verfolgung befürchten müssen. Diese Menschen werden gesellschaftlich ausgeschlossen und durch eine Inhaftierung ggf. auch von wirksamen Hilfsmaßnahmen abgeschnitten.

Frage: Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?

Jan Fährmann: Ja, denken wir noch einmal an das Drugchecking. So wurde im Zusammenhang mit der Love Parade in Berlin in den 1990ern von der Charité und dem Verein Eve and Rave ein Programm durchgeführt, um auf gefährliche Substanzen hinzuweisen. Zusammen mit dem Drogentest gab es auch Aufklärung über Gesundheitsrisiken und Hinweise auf Hilfsangebote.

Die Staatsanwaltschaft hat schließlich sowohl die Räume des Vereins als auch der Klinik durchsucht und Anklage erhoben. Letztlich wurden aber alle Beteiligten freigesprochen. Wer Drogenkonsumenten Hilfe anbietet, setzt sich oft der Gefahr aus, selbst verfolgt zu werden.

Frage: Und was bedeutet das in der Praxis für die Konsumenten?

Jan Fährmann: Tatsächlich kann der Konsum durch polizeiliches Auftreten gefährlicher werden. Beispielsweise können bei einer Überdosis die Bekannten eines Drogenkonsumenten Angst haben, dass die Polizei mitkommt, wenn sie den Notarzt rufen. Deshalb kam es bereits zu Todesfällen.

Durch die Ausgrenzung kommen manche Betroffene auch gar nicht mehr auf den Gedanken, sich Hilfe zu holen. Das sieht man auch am restriktivsten Bundesland, nämlich Bayern. Dort kommen mit Abstand die meisten Drogentoten vor. Das liegt meiner Meinung nach auch an der Vernachlässigung von präventiven Ansätzen, die durch die repressiven Maßnahmen erschwert werden.

Frage: Was heißt das konkret?

Jan Fährmann: Durch den hohen polizeilichen Verfolgungsdruck, beispielsweise bei den Opiaten, greifen Betroffene bisweilen auf gefährlichere Substanzen zurück. Das könnte dann das Schmerzmittel Fentanyl sein. Das gibt es beispielsweise als Pflaster mit etwa zehn- bis zwanzigmal so großer Wirkung als andere Opiate wie Heroin.

Fentanyl wird etwa als Schmerzmittel zur Behandlung schwerkranker alter Menschen eingesetzt. So durchsuchten dann einige suchtkranke Drogenkonsumenten die Mülleimer von Krankenhäusern oder Altenheimen nach den Pflastern und kochten oder lutschen diese aus, um an den Wirkstoff zu kommen. Die Anwendung der so gewonnenen Substanzen ist dann sehr gefährlich, da sich die Dosierung schwer abschätzen lässt. Daher starben viele Drogenkonsumenten.

Frage: Hat denn die Polizei als alte gesellschaftliche Institution ein eigenes Interesse an der Verfolgung von Drogenkriminalität?

Jan Fährmann: Es gibt immer wieder Anlässe, bei denen die Polizei ein Interesse an der Verfolgung von Drogenkriminalität hat. Beispielsweise dann, wenn es um Mittel für neue Stellen geht. Dann kann es vorkommen, dass man verschärft an Schulen nach Cannabis sucht, und auf einmal hat man viele Fälle, die für eine Ausweitung der Stellen sprechen.

Aus der Politik und der Polizei gibt es inzwischen aber auch die Forderung, solche Taten weniger zu verfolgen. Man sieht mehr und mehr, wie groß der Aufwand für die Polizei und die Strafjustiz ist.

Frage: Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?

Jan Fährmann: Ja, das konnte man im Görlitzer Park in Berlin sehen. Dort haben die ehemaligen Senatoren Heilmann und Henkel vor einigen Jahren eine sehr restriktive Politik betrieben. Es gab hohe Polizeiaufgebote. Es stellte sich aber heraus, dass das aber überhaupt nichts gebracht hat. Ich war selbst davon überrascht, wie wirkungslos die Maßnahmen waren.

Es ist nicht einmal zu einer größeren Verhaftung oder Sicherstellung von Mitteln gekommen, weil die Dealer aufgepasst haben und die Substanzen rechtzeitig weggeschmissen haben oder schlicht weggerannt sind. In gewissen Bereichen bringen die Maßnahmen nichts oder ist der Aufwand zu groß. Darum setzen sich inzwischen sogar einige Gewerkschaften oder Interessenverbände der Polizei für einen liberaleren Umgang mit Drogen ein.

Hinweis: Dieser Beitrag erscheint parallel auf Telepolis – Magazin für Netzkultur. Der Kontakt mit Jan Fährmann kam über eine Tagung im Zusammenhang mit der Ausstellung „altered states – Substanzen in der zeitgenössischen Kunst“ im Kunstpalais der Stadt Erlangen zustande.

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Stephan Schleim ist studierter Philosoph, Psychologe und promovierter Kognitionswissenschaftler. Seit 2009 ist er an der Universität Groningen in den Niederlanden, zurzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Der Autor schreibt auch für zahlreiche andere Medien. Die Diskussionen hier sind frei und werden nicht moderiert. Gehen Sie respektvoll miteinander um, orientieren Sie sich am Thema der Blogbeiträge und vermeiden Sie Wiederholungen. Beim Gedankenaustausch darf es auch mal heiß hergehen, jedoch nicht beleidigend werden, vor allem nie unter die Gürtellinie gehen.

26 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Behauptung: Je nach Art der Droge hat eine Liberalisierung ganz andere Auswirkungen, eine Legalisierung von Cannabis kann nicht mit der Legalisierung von Opioiden verglichen werden. Grund: Regelmässiger Konsum von Drogen wie Alkohol, Nikotin, Cannabis ist unabhängig von der Legalisierung weit verbreitet und gehört für viele zum Lebensstil, auch eine Reduktion des Konsums und ein Ausstieg ist bei diesen Drogen möglich. Bei Opioidkonsum besteht dagegen eine starke Abhängigkeit. Opiatabhängige können nur bei geregelter medizinischer Abgabe der Droge ein halbwegs normales Leben führen und nicht bei freier Selbstmedikation.
    Bei den zum Lebensstil gehörenden Drogen wie Alkohol, Nikotin, Cannabis spielt die Peer-Group und die Akzeptanz und Verbreitung im sozialen Umfeld eine grosse Rolle. Der Umgang mit diesen Lifestyledtogen muss individuell und kulturell gelernt werden. Die Legalisierung von Cannabis in mehreren US-Staaten zeigt das gut ( siehe LESSONS LEARNED
    FROM MARIJUANA
    LEGALIZATION IN FOUR U.S. STATES AND D.C.
    )Der Konsum von Cannabis dehnt sich auf neue Gesellschaftskreise aus (nicht mehr nur Jugendliche) und das Cannabis-Business boomt ungemein mit Zunahme de Cannabiskonsums in absoluten Mengen. Zu den negativen Auswirkungen gehören mehr Verkehrsunfälle wegen Cannabis wegen seiner Langzeitwirkung (According to AAA, Washington experienced a doubling in drugged-driving fatalities in the years following legalization (Johnson, 2016).) mehr positive Urintests bei Arbeitern und Angestellten mit negativen Auswirkungen auf die Arbeitsproduktivität, etc. Die Cannabis Legalisierung hat in den betreffenden US-Staaten also den Konsum erhöht und verbreitet und diese Staaten befinden sich in Bezug zu Cannabis in einem Zustand wie vielleicht Frankreich in Bezug zu Alkohol in den 1960 bis 1980er Jahren, als es in Frankreich europaweit am meisten Leberspezialisten gab.

  2. Danke, guter Artikel, nur muss man Unterscheiden zwischen chemiche Ubstanzen, die hochgradig abhäning machen und Naturdrogen, wie Cannabis..
    Cannabis soll legal werden. Und Morphium und deren Derivate weiter unter strenge Kontrolle bleiben.
    Cannabis ist vor Morphinen in der Medizin einzusetzen. Und THC/ CDB Rezeptoren im Gehirn besitzen wir alle.
    Hochpotrnte Neuroleptika und Psychopharmaka sind ebenfalls unter BTM zu stellen.
    Ich konsumiere gern Cannabis, bevorzugt Indika Sorten, die befreien mich vor Schmerzrn, Übelkeit und garantieren mir absolute Asthmafreiheit.
    Ich habe mich oft gefragt, wie kann Konsum straffrei bleiben, aber Beschaffung, und Besitz strafbar. Für mich ergibt sich eine Frage: wie werden die Drogen in Körper trasferiert.
    Ich bin für liberale Drogenpolitik. Unter Kontrolle und Jugendschutz.
    Lieber gesunde Natur, als legale Mitteln sich die Leber und das Gehirn auszutragen.
    Alkohol ist sehr gutes Mittel sich die Leber und das Gehirn kaputt zu machen. Und von Benzodiazepinsbhäningkeit möchte ich erst garnicht reden.
    Bitte, setzen Sie sich für legalisierung und entkriminalisierung von Cannabis.
    Und vor den Diskoteken gehöhren mobile Drogrnlabors. Es ist besser zu kontrollieren, was die Jugendluche in sich reinwerfen, anstatt danach teuere Behsndlungen zu bezahlen.
    Und Morphium und deren Derivate gehöhrn in die palliativ Medizin. Ich kenne jemandrn der sogar Lithium zur sich genommen hat, einfach so!!! Entzug ist nich schön anzusehen…Danke

  3. Hallo Olga Herb,
    Mohnkapseln mit Morphium sind ebenfalls eine Naturdroge.
    Morphin-Rezeptoren im Gehirn besitzen wir alle.
    Der Knollenblätterpilz ist ebenfalls auf ganz natürliche Weise tödlich.
    —–
    Zur Schädigung:
    Cannabis zu rauchen ist viel schädlicher, als Cannabis zu schlucken.
    —–
    Zur Prohibition:
    Durch das Verbot des Drogenhandels werden die Infrastrukturen des illegalen Drogenhandels überhaupt erst finanziert.

  4. Im Interview werden die Unterschiede zwischen Repression (womit wohl Verbote und Bestrafung gemeint ist) und Beeinflussung/Nudging verwischt. Man liest dazu: „Sollen wir aber einen Gesundheitsstaat schaffen? Einen Staat, der uns vorschreibt, wann wir was essen, wie viel Sport wir machen müssen?“
    Doch: Ernährungsempfehlungen und gar Steuern/Abgaben auf fetthaltige Speisen und zuckerhaltige Getränke gibt es schon lange, bezugsweise sie wurden in vielen Ländern diskutiert und teilweise auch eingeführt wie man in Sugary drink tax. Frankreich beispielsweise kennt seit 2012 eine solche Abgabe. Tabaksteuern und hohe Preise für Hochpozentiges wiederum haben die meisten Ländern. Es gibt sogar Druck auf die Bevölkerung mehr Sport zu treiben beispielsweise über die Höhe der Gesunheitsversicherungsprämien in Abhängigkeit von der sportlichen Aktivität.
    Zu den Versuchen, das Konsumverhalten zu beeinflussen gehört auch Werbung beziehungsweise das Verbot von Werbung (2016 erliess Littauen ein Komplettverbot für Alkoholwerbung als Reaktion auf den hohen Alkoholkonsum im Lande).
    Mir scheint: Jedes Land muss daran interessiert sein, Suchtverhaltwn und Alkoholkonsum einzudämmen und als Meghoden kommen Steuern, Abgaben, Werbeverbote und soziale Ächtung in Frage. Auch Verbote wie das Verbot am Arbeitsplatz oder in öffentlichen Gebäuden zu rauchen gehören in den Werkzeugkasten. Verbote des Drogenhandels dagegen sind problematisch, wenn es nicht gelingt dieses Verbot auch total durchzusetzen und sich damit eine kriminelle Szene ausbilden kann.

  5. Mexiko mit seiner hohen Drogenkriminalität hätte mit einer Legalisierung aller Drogen im eigenen Land wenig gewonnen, denn die Haupteinnahmequelle für die Drogenclans sind die Exporte in die USA und die würden auch nach völliger Freigabe des heimischen Konsums, weiterhin bestehen bleiben und die gleichen enormen Gewinne abwerfen (19-29 Miliarden Dollar pro Jahr) wie bis anhin. Also müsste die USA die über die mexikanische Grenze geschmuggelten Drogen (Methamphetamine: 24 %; Pulverisiertes Kokain: 24.1%, Crack Kokain: 13.1%; Heroin: 9.8%; Oxycodone: 4.6 %; Andere: 3%) zum Konsum freigeben. Allerdings würde eine reine Drogenliberalisierung mit einem unkontrollierten Markt den Drogenkonsum in den USA weder reduzieren noch sicherer machen. Er würde allerdings dem Handel eindämmen und die Gewinne in den Keller sacken lassen, so dass Mexiko damit von der Drogenkriminalität und einem eigentlichen Drogenkrieg (47.515 Todesopfer bis 2011, im Wahlkampf 2018 100 getötete Lokalpolitiker) befreit würde.
    Die richtige Lösung für die USA wäre die Abgabe von Drogen an Konsumenten durch staatliche Stellen, verbunden mit einer Kontrolle des Gesundheitszustands der Drogenkonsumenten. Heute werden in den USA täglich Überdosisopfer von Opioden mit Naloxon (ein Blocker für Opiode) zurück ins Leben geholt, hin und wieder geschieht das sogar mehrmals pro Tag für den gleichen Betroffenen. Das US-Gesundheitssystem bekämpft also die die Exzesse des Drogenkonsums anstatt den Drogenkonsum in geordnete Bahnen zu überführen.

    Jedes fortgeschrittene Land sollte eine ganze Batterie von Massnahmen einsetzen, um den Drogenkonsum seiner Bevölkerung zu senken, wobei man bei Jugendlichen beispielsweise jugendliche Langeweile, Frust und Identitätsfindungsprobleme im Auge haben muss. Eigentliche Drogenverbote mit einer Kriminalisierung von Konsum und Handel sind dabei im allgemeinen nicht die besten Methoden.
    Die Site Commonly Used Illegal Drugs ordnet die in den USA illegal konsumierten Drogen ( marihuana, Heroin, Kokain, Amphetamin, Metampetamin und Party Drogen) in Wirkgruppen ein. Hier eine gekürzte Wiedergabe:
    Cannabinoide: Akute Effekte: Euphorie; Entspannung; verlangsamte Reaktionszeit; verzerrte Sinneswahrnehmung; gestörtes Gleichgewicht und Koordination; erhöhte Herzfrequenz und Appetit; gestörtes Lernen, Gedächtnis; Angst; Panikattacken; Psychose
    Opioids: Akute Effekte: Euphorie; Schläfrigkeit; gestörte Koordination; Schwindel; Verwirrung; Übelkeit; Beruhigung; Schweregefühl im Körper; verlangsamtes oder verlangsamtes Atmen
    Stimulantien (Kokain,Amphetamin,etc.): Akute Effekte: Erhöhte Herzfrequenz, Blutdruck, Körpertemperatur, Stoffwechsel; Gefühle der Begeisterung; erhöhte Energie, geistige Wachsamkeit; Zittern; verminderter Appetit; Reizbarkeit; Angst; Panik; Paranoia; gewalttätiges Verhalten; Psychose
    Party-Drogen:
    MDMA – leichte halluzinogene Effekte; erhöhte taktile Sensibilität, empathische Gefühle; verminderte Hemmung; Angst; Schüttelfrost; Schwitzen; Zähne zusammenpressen; Muskelkrämpfe
    Flunitrazepam – Sedierung; Muskelentspannung; Verwirrung; Gedächtnisverlust; Schwindel; Koordinationsstörungen
    GHB – Schläfrigkeit; Übelkeit; Kopfschmerzen; Desorientierung; Koordinationsverlust; Gedächtnisverlust
    Dissoziativ wirkende Drogen (Ketamin, etc): Acute Effects: Feelings of being separate from one’s body and environment; impaired motor function
    Halluzinogene: Akute Effekte: Veränderte Wahrnehmungs- und Gefühlszustände; Halluzinationen; Übelkeit

  6. Reine Repression ist eben auch der Versuch, sich um Ursachen herumzudrücken, Langeweile u.ä., bei Jugendlichen, sind vielleicht ein Grund, unterschlagen aber gerade bei härteren Drogenkarrieren zwei viel wesentlichere- familiäre Traumatisierung und süchtige Eltern, beides nicht selten Hand in Hand.
    Bei Erwachsenen spielt der Zustand der Arbeitswelt eine wichtige Rolle.

  7. @DH: Ja, es gibt viele Gründe Drogen zu nehmen. Bei den sozial akzeptierten Drogen (Alkohol,Cannabis, Tabak,Party-Drogen) spielt aber gerade das soziale Umfeld eine entscheidende Rolle und wenn sich im Kollegenkreis die Einstellung zu Drogen oder zum Alkoholkonsum ändert, ändert sich auch der Konsum. Der Alkoholkonsum in Europa beispielsweise ist stark zurückgegangen und nur noch in Russland und den ehemaligen Ostblockländern sehr hoch. Ganz einfach darum, weil diese Länder noch nicht dem jahrzehntealten kulturellen gegen Alkoholkonsum gerichteten Einfluss ausgesetzt waren, der hier in Westeuropa wirksam war und der den Alkoholkonsum deutlich gesenkt hat.

    Drogenkonsum gibt es zudem auch ohne Traumatisierung, Stress und psychische Probleme, auch wenn Depressivitiät zweifellos statistisch mit erhöhtem Drogenkonsum verbunden ist. Ein Grund für Drogenkonsum ist allein schon das Erlebnis. Ein Grund warum erlebnishungrige Jugendliche einsteigen. Dazu kommt der Wunsch mit der Gleichaltrigengruppe (Peer-Group) mitzuhalten und mitzumachen. Auch die Verfügbarkeit von Drogen spielt eine Rolle. Genauso wie die Süssigkeiten an der Supermarktkasse die Kinder und ihre Eltern ansprechen, so sprechen frei verfügbare Drogen – wenn dazu noch in einem angenehmen Umfeld präsentiert – sehr viele an.
    Diese Einflüsse wirken auf alle, auch auf solche mit psychischen, familiären und Beziehungs-Problemen – nur dass diejenigen mit solchen Problemen mehr vom Drogenkonsum “profitieren” und eher zum wiederholten Konsum neigen, der dann in der Sucht enden kann.

    Die NIH-Website listet unter Preventing Drug Use among Children and Adolescents; What are risk factors and protective factors? folgende Faktoren auf:
    Auf Indivuenebene: frühes aggressives Verhalten ist ein Risikofaktor, hohe Selbskontrolle ein Schutzfaktor
    Auf Familienebene: Vernachlässignung ist ein Risikofaktor, elterliche Kontrolle ein Schutzfaktor
    Auf Gleichaltrigenebene: Drogenmissbrauch ist ein Risikofaktor; akademische Kompetenz ein Schutzfaktor
    Auf Schulebene: Drogenverfügbarkeit ist ein Risikofaktor; Antidrogen-Regelungen ein Schutzfaktor
    auf Gemeinschaftsebene: Armut ist ein Risikofaktor; Zusammenhalt in der Gemeinschaft ein Schutzfaktor

  8. Das Beispiel Görlitzer Park zeigt, dass der Staat vor der Problematik DROGEN längst kapituliert hat und den GangsterSyndikaten Freiräume für ihre weitere Expansion anbietet. Drogen werden legalisiert, weil man das Problem nicht mehr beherrscht ! Sogesehen wird diese Gesellschaft Schritt für Schritt weiter gesetzliche Positionen aufgeben und von diesen kriminellen Kartellen(Mafia) unterwandert werden.
    Meine Vision: Drogenabhängige Politiker wählen einen drogenabhängigen Präsidenten. Dieser drogenabhängige Präsident wird von drogenabhängigen Militärs und drogenabhängigen Wirtschaftsbossen beraten.Und drogenabhängige Techniker an den Atomkraftwerken und Abschußeinrichtungen für Atomraketen bekommen erste Halluzinationen und Sinnestäuschungen…
    Mit welcher wirksamen Droge kann man dieser zum Teil schon wahren Realität noch entfliehen ?

  9. @Martin Holzherr
    “Drogenkonsum gibt es zudem auch ohne Traumatisierung, Stress und psychische Probleme, ”
    Ohne Zweifel, auch sonst stimme ich weitgehend zu, v.a. dem hier:

    “nur dass diejenigen mit solchen Problemen mehr vom Drogenkonsum “profitieren” und eher zum wiederholten Konsum neigen, der dann in der Sucht enden kann.”
    Aber auch in den erlebnisorientierten Konsumbereichen gibt es erhebliche Gefahren, die jenseits des Suchtbereichs liegen.
    Ich hab mal das Stichwort der “versüchtelten Gesellschaft” gelesen, will sagen, der Konsum von Drogen ohne Suchtentwicklung, der oft mehrere Drogen umfaßt, führt zwar nicht zu einer Explosion der Zahl der Süchtigen. Dennoch gibt es massive Auswirkungen auf das zwischenmenschliche Verhalten, auf die Klarheit im Kopf usw usw, auch in den Tageszeiten, wo die betreffenden Leute gerade nüchtern sind.
    Hinzu kommen die bewußt vernachlässigten Folgen von energydrinks, exzessivem Koffeinkonsums usw.

  10. @DH: Zu ihrer Liste kommt noch der Arzneimittelmissbrauch, der gerade bei älteren Leuten recht gross ist (Schlaf-,Schmerzmittel).
    Allerdings: Es gibt auch viele Leute, die auf Drogen (fast) vollkommen verzichten und die gar nicht in Versuchung kommen. Diese sind im Leben und in der Karriere allein durch den Verzicht im Vorteil gegenüber den Süchtigen. Die Sucht schädigt und hemmt vor allem die Süchtigen selbst, weniger die Gesellschaft insgesamt. In den USA werden Arbeitnehmer von vielen Firmen regelmässig auf Drogen getestet und sie verlieren oft den Job, wenn die FIrma fündig wird. Dennoch sind Drogen ein gesamtgesellschaftliches Problem, weil das (familäre, kollegiale) Umfeld des Süchtigen mitbeinträchtigt wird. Drogenkonsum und Sucht zerreisst Ehen und Freundschaften, führt zur Verwahrlosung von Kindern und ist mit Lebenskrisen verbunden, die nicht selten zum Suizid führen.
    Jede Gesellschaft, die das Wohl aller Bürger anstrebt muss deshalb Anstrengungen unternehmen um die Drogensucht und auch die Verwendung von “recreational” (Freizeit, Entspannungs) drugs einzudämmen.

  11. Der NYT-Artikel Drug Testing Poses Quandary for Employers berichtet über Entlassungen nach positivem Drogentest, wobei es scheinbar auch Fälle gibt, bei denen die Betreffenden (Gefeurten) die Drogen sogar vom Art verschrieben bekamen (übersetzt von DeepL):
    Ihr Arbeitgeber, Dura Automotive Systems, hatte die Politik in seinem ausgedehnten Werk hier geändert, um auf bestimmte verschreibungspflichtige und illegale Medikamente zu testen. Die Medikamente, die Frau Bates gegen Rückenschmerzen einnahm – Hydrocodon, ein von ihrem Arzt verschriebenes Betäubungsmittel – waren unter vielen, die das Unternehmen, das Autoteile herstellt, plötzlich für unsicher hielt.

    “Ich denke nicht, dass es so enden sollte, wie es war”, sagte Mrs. Bates, eine Fließbandarbeiterin, die Dura wegen Diskriminierung und Verletzung der Privatsphäre verklagt hat. “Du sagst jemandem, dass du deinen Job verloren hast, weil du verschreibungspflichtige Medikamente nimmst und er sagt: “Ja, richtig. ”

    Bemerkung: Hydrocodon ist ein Opiod wie es seit ein paar Jahren häufig in den USA verschrieben wurde. Nicht wenige dieser Patienten entwickelten später eine Opiatsucht.

  12. Repressive Drogenpolitik funktioniert doch – siehe Singapur,Bangladesch, Indonesien etc…

  13. @Golzower (Zitat): Repressive Drogenpolitik funktioniert doch – siehe Singapur,Bangladesch, Indonesien etc…
    Ja, repressive Drogenpolitik kann wirken. Aber nur mit Infiltration der Händlerszene durch die Polizei (verdeckte Fahndung) und nur mit harten Strafen. In Europa schwierig durchzusetzen.
    Der Guardian-Artikel Singapore’s policy keeps drugs at bay von Michael Teo verteidigt den singapurischen Ansatz. Singapur kennt die Todesstrafe für Dealer und geht auch sonst sehr rabiat gegen Dealer vor. Zudem ist Singapurs Drogenpolitik nicht nur repressiv, sondern umfasst auch Aufklärungskampagnen (an Schulen), Erziehungscamps und Rehabilitationsprogramme für die Konsumenten.
    Die Resultate können sich sehen lassen (Zitat, google translate):
    Laut dem World Drug Report 2008 des Büros der Vereinten Nationen für Drogen und Kriminalität sind 8,2% der britischen Bevölkerung Cannabisabhängige; in Singapur sind es 0,005%. Bei Ecstasy sind es 1,8 % für das Vereinigte Königreich und 0,003 % für Singapur, bei Opiaten wie Heroin, Opium und Morphium 0,9 % für das Vereinigte Königreich und 0,005 % für Singapur.
    Doch die Resultate sind frappieren

  14. Die britische Site Cannabis Addiction Facts and How to get Treatment korrigiert noch einen weitverbreiteten Mythos: den nämlich, dass sich keinerlei Abhängigkeiten von Cannabis entwickle.
    Doch es gibt psychische Abhängige und die Site kommt sogar mit statistischen Daten:
    – 11% der Cannabis-Konsumenten werden abhängig
    – 14 Millionen Briten konsumierten schon mal Cannabis.
    – 30% aller Suchtbehandlungen in der EU betreffen Cannabiskonsumenten
    – Konsumenten mit 10-jährigem Cannabisgebrauch versuchten im Durchschnitt 7 Mal aufzuhören bevor sie selber eine therapeutische Behandlung einleiteten.

    Unter den Langzeitwirkungen listet die Site folgendes auf: Kurzzeitgedächtnis auch Jahre nach Ende des Konsums reduziert, bei Konsumbeginn vor dem 15. Lebensjahr um das Doppelte erhöhte Wahrscheinlichkeit der Entwicklung einer Psychose, erhöhtes caridovaskuläres Risiko und grosse mentale Barrieren dauerhaft auf Cannabis zu verzichten.

  15. @Golzower: Drogen & Kriminalität

    Die heutigen Gesetze machen Drogenkonsum erst zur Drogenkriminalität. Das beschäftigt Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichte, die sich sonst mit anderen Dingen beschäftigen könnten; zudem verschlingt das Steuergelder, auch für die Menschen, die deswegen im Gefängnis sitzen; an die verlorenen Lebensjahre erst gar nicht zu denken.

    Vor allem aber erzeugt die Illegalität überhaupt erst einen für die von Ihnen genannten Kriminellen sehr lukrativen Schwarzmarkt. International ist das am “War Against Drugs” (leider) gut zu sehen, den uns Präsident Nixon beschert hat.

    Fakt ist doch, dass (1) sehr viele Mittel, die weniger gesundheitsgefährlich sind als Alkohol oder Tabak, verboten sind; eben aufgrund der im Interview genannten sozialen wie politischen Vorgänge/Vorurteile. Und dass (2) viele gefährliche Substanzen (etwa Amphetamin, Kokain, Chrystal Meth) auch in gutbürgerlichen Kreisen konsumiert werden, weil das dort eben zum guten Ton gehört.

    P.S. Falls Sie ein Netflix-Abo haben, können Sie das am Beispiel Amphetamin in einer neuen Doku anschaulich dargestellt sehen.

    P.P.S. Und hier schreibt übrigens jemand, der keine der genannten Substanzen jemals konsumiert hat und auch sonst keinen Eigenbelang hat, außer einer besseren Gesellschaft.

  16. Konzeptionell einfache Lösungen wie eine repressive Drogenpolitik oder eine völlig liberalisierte Drogenpolitik (keine illegalen Drogen) funktionieren sehr wohl – jedoch nur unter bestimmten Rahmenbedingungen. In Singapur, wo bereits das Ausspucken eines Kaugummis, bestraft wird und wo Dealern die Todesstrafe blüht, funktioniert ein repressives Drogen-Regime, in Deutschland aber, wo Dealer nach einer Einvernehmung am nächsten Tag vielleicht wieder auf freien Fuss gesetzt werden, funktioniert eine repressive Drogenpolitik nicht – weil die Rahmenbedingungen fehlen.
    Auch heute gibt es sowohl in fortgeschrittenen Ländern als auch in autokratisch Regierten die Tendenz zu einfachen Lösungen. Dafür gibt es viele Beispiele aus sehr viel verschiedenartigen Gebieten. Vor 5 Jahren las ich noch in der täglich von mir gelesenen Zeitung, die Meinung, China könne seine Seidenstrasse allein schon wegen dem Terrorismus in Xinjang (der Provinz mit ursprünglich 80% Uiguren, heute weniger als 50% wegen den zugewanderten Han-Chinesen) nicht realisieren. Heute herrscht in Xinjang ein totales Überwachungsregime mit WiFi-Sniffern, Videokameras überall und regelmässigen Hausbesuchen bei den Uiguren durch die Polizei sowie einem eigentlichen Blockwartsystem, welches Uiguren verpflichtet, verdächtige Nachbarn zu melden. Resultat: Der Terrorismus kann die Seidenstrasse nicht mehr in Gefahr bringen. Ein Beispiel für eine einfach Lösung in einem fortgeschritten Staat ist das Prostitutionsverbot in Schweden – etwas was es in den USA übrigens in den meisten Staaten gibt. Es ist also nicht so, dass heute etwa in den fortgeschrittenen Staaten mit weniger Verboten gearbeitet wird, es sind nur andere Bereiche, die neu restriktiv angegangen werden – halt die Gebiete, die gerade in der öffentlichen Dikussion sind.
    Repressive Massnahmen sind oft sehr rigoros und haben auch schwerwiegende Folgen. Das zeigt beispielsweise Indonesien, in dem nicht nur Drogendealer, sondern auch Drogenkonsumenten von der Polizei liquidiert werden. In den USA wiederum sind 0.5% der Gefängnisinsassen Pädophile und es gibt auch innerhalb der Gefängisse für diese kaum Schutz wie der Artikel Former Convicts Reveal What Really Happens To Pedophiles In Prison zeigt.
    Repression ist auch oft dann wenn sie als legal und vom Staat durchgesetzt daherkommt, recht brutal. Das gilt auch für Schweden. Allerdings ist die Prostitution wohl am erfindungsreichsten, wenn es darum geht dem Gesetz zu entkommen wie der Artikel Swedish Sex Workers Are Using Airbnb to Get Around the Law zeigt.

  17. @Martin Holzherr
    Die Frage ist auch, wie lange Repression funktioniert und wie sehr sie noch von klügeren Strategien lebt, die in den vorherigen Jahrzehnten umgesetzt wurden.
    Irgendwann kommt der Punkt, wo überzogene Repression nicht mehr funktioniert, eine vernünftige Mehrheit für eine Änderung sorgt, sich die Befürworter der Repression aber gerne mit dem Mythos umgeben, man hätte nur noch länger unterdrücken müssen, dann hätte es geklappt (gilt bei vielen Themen).
    In der Arbeitswelt stimme ich Ihnen z.T. zu, Drogen können sehr schädlich sein. Andere Teile der Arbeitswelt aber würden über Nacht zusammenbrechen, würden sich Arbeitnehmer und -Geber nicht den ganzen Tag mit Fremdstoffen zuknallen, gerade in Deutschland, das berüchtigt ist für seine oft miesen Arbeitsklimata .
    Die Zerstörungen, die durch Sucht und suchtähnliches Verhalten entstehen, sind immens, in der Tat.

  18. @DH: Repression und repressive Massnahmen gibt es nicht nur im Drogenbereich. Für mich herrscht dann (polizeiliche, staatliche) Repression, wenn man etwas grundsätzlich unterbinden will, man dazu den Polizei- und Justizapparat einsetzt und die Gesellschaft in Alarm versetzt und womöglich auch Private noch als Wächter verwendet. Häufig stehen Ideale hinter dem Ziel der Repression – etwa die drogenfreie Gesellschaft. Hir im Westen stehen die Zeichen aber schon längere Zeit eher auf Drogenliberalisierung als auf Drogenrepression. Dafür gibt es ein neues Repressionsfeld wie das kürzlich installierte Prostitutionsverbot in Schweden zeigt, einem Verbot, das viele nur für einen Vorläufer eines gesamteuropäischen Prostitutionsverbots sehen. Auch beim Prostitutionsverbot geht es um ein Ideal: das Ideal, dass Sex nicht käuflich und damit auch Frauen nicht käuflich sind. Im Zeichen der Gleichstellung darf es gemäss diesem Ideal nicht mehr sein, dass Frauen in diese Rolle gedrängt werden oder so gesehen werden.
    Ich zähle das Prostitutionsverbot zu den repressiven Massnahmen, weil es einen ganzen Lebensbereich unter gesellschaftliche Kontrolle bringen will. Ich selbst interpretiere Prostitution als Ausdruck eines weit stärkeren sexuellen Bedürfnisses beim Mann als bei der Frau. Die Folgen dieser Assymmetrie waren früher nicht nur Prostitution im engeren Sinn, sondern auch, dass etwa Victor Hugo (der französische Nationaldichter) sein Leben lang neben einer Frau auch eine Mätresse hatte.
    Wenn ein Staat (oder bald einmal Europa) die Prostitution verbieten will, dann will er wohl auch solche Verbindungen wie zwischen Victor Hugo und seiner Mätresse verbiete, denn auch das verstösst gegen ein Gleichheitsgebot.

    Mit dem was ich hier geschrieben habe, scheine ich selbst ein repressives System abzulehnen – auch ein repressives Drogenregime. Ja, ich lehne Repression dann ab, wenn sie total ist und beispielsweise im Drohenbereich selbst Alkoholkonsum zu speziellen gesellschaftlichen Anlässen verbieten will. Ein totales Drogenverbot ist wie ein totales Sex-aussehalb-der-Ehe Verbot nicht mit einer nur halbwegs liberalen Gesellschaft vereinbar. Trotzdem muss die Gesellschaft ihre Mitglieder so beeinflussen, dass sie möglichst wenig Drogen konsumieren.

  19. Die Überschrift müsste eigentlich lauten: Warum repressive Drogenpolitik in Deutschland nicht funktioniert und Jan Fährmann bewegt sich in seinen Aussagen praktisch nur auf deutschen Gefilden, in der deutschen Gesetzgebung und der heutigen Praxis wie Gesetze durchgesetzt werden. Dabei fällt auf, dass er nicht einmal reflektiert ob in Deutschland die Drogengesetze richtig angewendet werden. Um ein Beispiel zu geben. Er schreibt in Bezug auf das Drugchecking anlässlich der LoveParade 1990 in Berlin: Die Staatsanwaltschaft hat schließlich sowohl die Räume des Vereins als auch der Klinik durchsucht und Anklage erhoben. Letztlich wurden aber alle Beteiligten freigesprochen. Wer Drogenkonsumenten Hilfe anbietet, setzt sich oft der Gefahr aus, selbst verfolgt zu werden.
    Trotz Freispruch der Drogenprüfer durch das Gericht, kommt er zum Schluss, Hilfe für Drogenkonsumenten sei mit der Gefahr der Strafverfolgung verbunden. Wer so argumentiert könnte ebenso gut argumentieren, man solle ja nicht recherchierender Journalist werden, denn der Quellenschutz werde druch die Staatsanwaltsanschaft immer wieder in Frage gestellt.
    Diese Haltung Jan Fährmanns zieht sich durch beide Interviews. Es geht um die Praxis der Strafverfolgung in Deutschland unabhängig davon ob sie rechtens ist oder nicht und eine Lösung all der damit verbundenen Probleme wäre dann die völlige Liberalisierung.
    Er argumentiert auch im Fall des Görlitzer Parks mit praktischen Problemen der Durchsetzung der Gesetze (Zitat): Es ist nicht einmal zu einer größeren Verhaftung oder Sicherstellung von Mitteln gekommen, weil die Dealer aufgepasst haben und die Substanzen rechtzeitig weggeschmissen haben oder schlicht weggerannt sind. In gewissen Bereichen bringen die Maßnahmen nichts oder ist der Aufwand zu groß.
    Wenn aber der Aufwand als zu gross eingeschätzt wird (hei, wir haben nicht genügend Polizisten und Fahnder um uns um solchen Kinderscheiss zu kümmern), dann ist eben schon heute die repressive Drogenpolitik gar nicht so repressiv. Sie scheut den für die Durchsetzung nötigen Aufwand.

    Das heisst natürlich nicht, dass eine harte, aufwendige, repressive Drogenpolitik nicht grundsätzlich problematisch sein kann. Dazu sagt Jan Fahrmann aber wenig. Ich kann mir sogar gut vorstellen, dass Jan Fahrmann eine Prostiutionsverbot in Deutschland gut finden würde, wenn man es mit “vernünftigem” Aufwand durchsetzen könnte.

    In Bezug auf die Liberalisierung bringt er ein paar gute Argumente: Ja, Liberalisierung muss nicht in jedem Fall zu Mehrkonsum führen und Liberalisierung erlaubt bessere Hilfe für die Betroffenen. Doch es gibt ganz verschiedene Formen der Liberalisierung, nicht nur die totale Freigabe für Konsumenten und Händler zusammen mit der Erlaubnis in jedem Kiosk und Coffee-Shop Kokain, Heroin, Meth und Cannabis kaufen und grossflächig Werbung damit machen zu können. Für harte Drogen fwie Heroin und Meth wäre in meinen Augen die Abgabe durch medizinisches Fachpersonal sinnvoll und selbst für Cannabis würde ich die Form der Legalisierung wie sie in den US-Bundesstaaten und Kanada geschieht, in Frage stellen, denn dort ist ein boomender Markt für Cannabis entstanden mit Milliardenumsätzen und Werbung allüberal. Das Resultat ist eine enorme Ausweitung des Konsum. Wachstumsbereich sind vor allem Cannabiszusätze in Nahrungsmitteln, in verschiedenen Arzneimitteln, Badezusätzen, usw, und so fort.
    Hier ein kurzer Abschnitt aus dem verlinkten Artikel (übersetzt von DeepL):
    Es gibt 9.397 aktive Lizenzen für Marihuana-Unternehmen in den USA, so Ed Keating, Chief Data Officer für Cannabiz Media, der Marihuana-Lizenzen verfolgt. Dazu gehören Kultivatoren, Hersteller, Einzelhändler, Apotheken, Distributoren, Lieferanten und Testlabore.

    Mehr als 100.000 Menschen arbeiten rund um die Cannabispflanze und diese Zahl wird laut BDS Analytics wachsen. Die Branche beschäftigte im Jahr 2017 121.000 Mitarbeiter. Wenn Marihuana seinen Wachstumskurs fortsetzt, könnte die Zahl der Arbeiter in diesem Bereich laut BDS Analytics bis 2021 292.000 erreichen.

    Mit Sicherheit kann man sagen, dass die gesundheitlichen Folgen dieses Mehrkonsums weit teurer zu stehen kommen als alle Gewinne aus dem Marihuana-Geschäft zusammen. Zwar sind es vielleicht weniger als 20% der Marihuana-Konsumenten (10% der Langfristkonsumenten leiden unter Flashbacks, deutlich mehr entwicklen ernsthafte Lernschwierigkeiten und Gedächtnisprobleme), die ernsthafte Schäden erleiden, aber bei Millionen von Konsumenten sind das dann doch weit mehr als im ganzen Sektor beschäftigt sind.

  20. @Martin Holzherr
    Repressive Elemente wird es natürlich auch bei einer Liberalisierung noch geben.
    Das Prostitutionsverbot ist ein schönes Beispiel, insbesondere die logische Erweiterung auf das Thema der “Mätresse”. In der Tat, da geht es um bigotte Moral und nicht um Menschlichkeit, das Verbot der Prostitution geht in erster Linie auf Kosten der Schwächsten, den Zwangsprostituierten (ZP).
    In Schweden wurde die Prostitution halbiert (bessere Zahlen behaupten auch die Befürworter des Verbots nicht), also auch die Zahl der ZP.
    Auf Deutschland übertragen: Schätzungen zufolge gibt es hier ca.200 000 ZP, eine Halbierung würde also bedeuten, dauerhaft mit ca.100 000 ZP zu leben, die dafür aber tiefer in den Untergrund abgedrängt würden als bisher und es noch schwerer hätten.
    Das ist den Verbotsbefürwortern aber egal, obwohl man mit herkömmlichen Polzeimethoden eine Quote erreichen könnte, die weit unter 100 000 liegen würde, bei weiterer Legalität der Prostitution insgesamt.

  21. Heute lese ich in der Presse, dass arabische Clans den Drogenhandel in Berlin fest im Griff haben.
    Berliner Zeitung: Die Macht arabischer Clans ist ungebrochen. Und die Polizei macht wenig Hoffnung, dass sich dieser Zustand ändert.
    Was nutzt uns also die Diskussion über repressive Drogenpoltik, wenn der Staat indirekt zugibt, dass er dieses Problem nicht (mehr) in den Griff bekommt. Die Macht der Drogenhändler ist die Ohnmacht der Gesellschaft die sich aus diesen Brennpunkten zurückzieht und einer Parallelgesellschaft legale Freiräume für kriminelle Geschäfte gibt. Vielleicht sollte man besser über diese Ursachen diskutieren…

  22. @Golzower
    Diese Clans verbinden Kriminalität mit einer Art territorialem Anspruch, sie betreiben ihre Geschäfte nicht einfach nur in der “Unterwelt”, wie bisher üblich, sondern lehnen auch die Gesellschaftsordnung an sich ab, betrachten sich als “Herrscher” von Berlin.
    Dahinter steckt mehr als nur die Bekämpfung von Kriminellen, und da traut sich wohl keiner ran. Ist halt einfacher, einen absurden Aufwand zu betreiben, um kleine Cannabis-User zu verfolgen, als sich mit einem Problem zu befassen, daß auch kulturelle Wurzeln und noch dazu was mit Migration zu tun hat.

  23. @Golzower,DH: Ein weiteres Drogenproblem in Berlin ist der Konsum in Clubs. Es werden die üblichen Party-Drogen (MDMA,Kokain, Amphetamine, Cannabis) geschluckt aber auch etwa GBH (Gammahydroxybuttersäure, “Vergewaltigungsdroge”). Immer wieder kommt es auch zu Überdosierungen und hin und wieder zu Todesfällen.

    Mir scheint, wenn die Berliner Polizei und Politik bereits beschlossen hat, dass sie das duldet, dann ist es wohl doch besser, wenn sie in solchen Clubs die zirkulierenden Drogen mindestens prüft (mit mitgebrachten Testsets). Jetzt wird einfach weggeschaut und das Risiko ist das Problem der Konsumenten.

  24. @Martin Holzherr
    GBH ist kein Problem des Konsums, sondern einer kriminellen Handlung, bei der Drogen nur zu Hilfe genommen werden.
    Die Polizei kann keine Unterstützung beim Konsum leisten, in den meisten Bundesländern aber muß die Polizei dennoch mit viel Aufwand eine Anzeige schreiben, auch bei tolerierten Mengen. Vielleicht sollte das abgeschafft werden, um die Polizei zu entlasten.

  25. Zu Warum repressive Drogenpolitik nicht funktioniert kann sich derartiges Gequatsche – ‘Man kann sich darüber streiten, was genau verboten ist. Gerichtsfest sicher ist nur, dass der Konsum selbst nicht verboten ist. Der Besitz, das Sich-Beschaffen oder Inverkehrbringen der Substanzen ist aber verboten. Das ist sehr weit gefasst. Es gibt aber Streitfälle.’ + ‘Viel deutet darauf hin, dass der Konsum durch Verbote nicht zurückgeht.’ + ‘Es ist nicht einmal zu einer größeren Verhaftung oder Sicherstellung von Mitteln gekommen, weil die Dealer aufgepasst haben und die Substanzen rechtzeitig weggeschmissen haben oder schlicht weggerannt sind. In gewissen Bereichen bringen die Maßnahmen nichts oder ist der Aufwand zu groß.’ gespart werden.

    Wenn der Wille zur Anwendung des Strafrechts nicht da ist.

    Es ist ganz einfach, wenn derart verbraucht wird, geht es in den Knast, ohne Strafaussetzung und mit einem Minimum an Strafmaß, danach wird die Szene sofort ruhiger, Verkäufer dürfen gesondert rangenommen werden, per Strafrecht, so dass sich es auch hier recht schnell einpegeln wird.


    Die eigentlich Frage ist, ob Drogenkonsum verboten werden sollte.
    Aus liberaler Sicht lautet hier die Antwort : Nein.

    Es sei denn, dieser Konsum wird gesellschaftsgefährdend, dann muss der Staat eingreifen, wenn ihm am seinen Fortkommen gelegen ist.

    Es darf hier, insbesondere aus liberaler Sicht, i.p. Folgerichtigkeit besser gedacht und bestimmt werden, die Gesetze betreffend.

    Der Maßstab ist hier der gesellschaftliche Selbst-Erhalt.

    MFG
    Dr. Webbaer (der ein strikter Gegner von Drogenkonsum ist, der über sog. Kulturdrogen mit gesellschaftlich überschaubarer Schädlichkeit hinausgeht, THC-Haltiges könnte hier die Grenze sein, dies ist sozusagen so gefährlich, sich in der Folge ergebende Verblödung der “User” könnte als nachgewiesen gelten, dass es aber noch tolerabel wäre, dies wäre dann die Grenze)

Schreibe einen Kommentar