Mit Drogenpolitik wird Sozial- und Migrationspolitik gemacht

Interview mit dem Rechtswissenschaftler Jan Fährmann

Jan Fährmann ist Wissenschaftler und Referent an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. Neben der Polizei- und Sicherheitsforschung beschäftigt er sich auch mit Forschungen im Betäubungsmittelstrafrecht und mit Drogenpolitik. So hat er sich bereits mit der Geschichte der Drogenpolitik, dem neuen Psychoaktive-Substanzen-Gesetz sowie mit stoffungebundenen Süchten beschäftigt.

Frage: Herr Fährmann, Sie haben sich intensiv mit der internationalen und deutschen Drogenpolitik beschäftigt. Was ist überhaupt eine Droge?

Jan Fährmann: Es ist schwierig, den Begriff Droge zu bestimmen. Es gibt darüber unterschiedliche Ansichten.

Vielfach wird am Suchtpotenzial angeknüpft. Oder daran, dass Substanzen eine psychoaktive Wirkung haben. Das setzt nach naturwissenschaftlicher Definition voraus, dass ein Stoff die Blut-Gehirn-Schranke überwinden kann.

Frage: Und was ist für das Betäubungsmittelgesetz maßgeblich?

Jan Fährmann: Hier steht die Rauschwirkung im Vordergrund. Allgemeiner geht es aber auch um ein Gesundheitsrisiko und darum, ob die jeweiligen Stoffe in der Gesellschaft als Problem angesehen werden.

Beispielsweise wirkt auch Kaffee psychoaktiv und hat ein gewisses Suchtpotenzial. Das wird in der heutigen Gesellschaft aber nicht als problematisch eingestuft. Daher ist etwa Kaffee auch nicht in das Betäubungsmittelgesetz aufgenommen worden, obwohl es früher Debatten über ein Verbot davon gab.

Frage: Suchtpotenzial und Gesundheitsrisiko – das gilt aber streng genommen nicht nur für Substanzen.

Jan Fährmann: Stimmt. In der Fachliteratur wurden vereinzelt schon Internetanwendungen wie Facebook oder World of Warcraft diskutiert. Deren Suchtpotenzial spielt insbesondere in Südkorea eine große Rolle. Daher beschäftigt sich heute auch vermehrt die Bundesregierung mit der Frage, wie mit entsprechenden Risiken umzugehen ist.

Frage: Aber ist es denn vorstellbar, dass der Konsum von Online-Spielen gesetzlich reguliert wird?

Jan Fährmann: Regulierung muss ja nicht gleich ein Verbot sein. Warnhinweise oder die Aufklärung über Risiken wären auch denkbar. Aufgrund des globalen Zugriffs auf das Internet kann eine Regulierung aber eigentlich nur funktionieren, wenn Hersteller und staatliche Stellen zusammenarbeiten.

Der Rechtswissenschaftler Jan Fährmann, Experte für Polizeiforschung und Drogenpolitik. Foto: privat.

Der Gedanke wirft aber auch komplexe rechtswissenschaftliche Fragen auf: Gilt ein Gesetz überhaupt für den Anbieter, wenn die Server im Ausland stehen? Bräuchte man völkerrechtliche Verträge, da ein Nationalstaat im Alleingang wohl nicht sehr weit käme?

Frage: Bleiben wir aber bei der heutigen Gesetzeslage und damit den Substanzen. Drogen waren nicht immer verboten. Warum sind sie es heute?

Jan Fährmann: Das war und ist ein Prozess, der von viele Faktoren abhängt. Den Gedanken, den Konsum von Substanzen zu regulieren, gab es schon länger. Ursprünglich ging es aber um Selbstregulation, weil Menschen festgestellt haben, dass gewisse Formen des Konsums nicht gut für sie waren.

Das Aufkommen der heutigen strafrechtlichen Verbote hat unterschiedliche Gründe. Bis 1912 gab es so gut wie keine staatliche Regulierung. Dann kamen erste völkerrechtliche Verträge über den Drogenhandel zustande.

Frage: Wenn sich das Jahr so konkret festmachen lässt, dann wird es dafür doch bestimmte Gründe geben.

Jan Fährmann: Ja. Opium und Kokain waren damals für den Welthandel sehr attraktiv. Unter anderem haben sich England, Frankreich und die Preußen sehr aktiv daran beteiligt. Salopp könnte man sagen, dass das damals die größten Drogendealer der Welt waren.

Allerdings gab es aber zunehmend einen problematischen Konsum. Menschen wurden süchtig und hatten die Substanzen nicht mehr unter Kontrolle. Dies ist aber nicht zwingend nur auf die Substanz zurückzuführen. Gerade in verarmten Bevölkerungsschichten kam es zu einem problematischen Konsum.

Im Konsum spiegelten sich also vielfach andere Probleme wider. Auch wurde nicht über Risiken aufgeklärt und wurden die Substanzen als völlig harmlos dargestellt.

Frage: Also wurden Opium und Kokain als erstes verboten?

Jan Fährmann: Interessanterweise gab es ursprünglich eher Bestrebungen, Branntwein, Kaffee oder Tee zu regulieren. Cannabis, Kokain oder Opium waren in der Diskussion um Verbote erst einmal nicht prägend. Viele Staaten hatten eben ein Interesse daran, dass der Markt offenbleibt.

Ein einschlägiges Beispiel hierfür sind die Opiumkriege des 19. Jahrhunderts: Als China wegen großer Suchtprobleme ein Opimumverbot einführte, erklärte England – später auch Frankreich – China den Krieg. Da China verlor, musste es Opium einführen lassen.

Frage: Besteht auf staatlicher Seite heute noch ein Bewusstsein dafür, dass die Staaten früher selbst Drogendealer waren?

Jan Fährmann: In den heutigen Debatten werden die Substanzen oft als gefährlich und schlecht angesehen. Über historische Hintergründe denkt man dabei kaum nach. Die Opiumkriege wurden übrigens von vielen anderen Staaten, darunter den USA, sehr negativ aufgefasst.

Frage: Wie kam es dann aber zu dem Umdenken, das zu den ersten Verboten führte?

Jan Fährmann: Das lag an den völkerrechtlichen Verträgen auf Betreiben der USA, die 1912 geschlossen wurden. Die gängige moralische Haltung in den Vereinigten Staaten war mit dem Kontrollverlust unter Drogen nicht zu vereinbaren. Drogenkonsum wurde als Schwäche angesehen. Allein deshalb wurde der Ruf nach Regulierung stark. Dass Opiate so eine große Rolle gespielt haben, lag auch an deren negativen Effekten.

Ein weniger bekannter Hintergrund dieses Vorgehens war aber auch der Wunsch, gegen chinesische Einwanderer im eigenen Land vorzugehen. Diese hatten als billige Arbeitskräfte am Eisenbahnbau mitgeholfen, man wollte sie danach aber wieder aus dem Land haben. Die Wahl war also eher zufällig und orientierte sich keinesfalls am konkreten Risiko der Substanz.

Frage: Drogenpolitik als Migrationspolitik? Wo ist da der Zusammenhang?

Jan Fährmann: Opium wurde damals in den USA vor allem von Chinesen konsumiert. Dagegen richteten sich die Gesetze. Aus heutiger Sicht verwundert die Offenheit, mit der sich das in Gesetzestexten nachvollziehen lässt. Anfangs blieb der Opiumkonsum sogar für die einheimische Bevölkerung noch erlaubt.

An diesem Beispiel sieht man, dass die Drogenpolitik sehr vielschichtig sein kann und wichtige Faktoren manchmal eher emotionaler als rationaler Natur sind. In der wissenschaftlichen Literatur wird auch der Standpunkt vertreten, dass sich das Verbot von Cannabis in ähnlicher Weise wie beim Opium vor allem gegen mexikanische Einwanderer und afro-amerikanische Bevölkerungsteile richtete.

Später haben die Vereinigten Staaten dann auch auf andere Länder Druck ausgeübt, Drogen stärker zu regulieren.

Frage: Entsprachen diese Regelungen schon dem heutigen Betäubungsmittelgesetz?

Jan Fährmann: Die Strafen aufgrund der ersten völkerrechtlichen Vereinbarungen waren noch nicht so hoch. Es ging meist um kurze Gefängnisstrafen. Später gab es neue Verträge mit höheren Strafforderungen und einer Ausdehnung der Verbotsliste, etwa auf Kokain und Cannabinoide.

Später, in den 1970er Jahren, hatte wieder unter Einfluss der Amerikaner der War on Drugs weltweite Auswirkungen. Dennoch blieb ein Spielraum dafür, wie man mit den Substanzen umgehen kann. Das sieht man etwa in den Niederlanden oder in Portugal.

Frage: Und wie ist die Situation in Deutschland?

Jan Fährmann: Auch in Deutschland hat sich in den letzten Jahrzehnten einiges verändert. Von den ganz starren Verboten hat man allmählich abgelassen, zum Beispiel mit einem Spritzentauschprogramm oder dem Konsumraum. Damit hilft man suchtkranken Menschen, indem man eine für sie sicherere Umgebung schafft.

Bekanntermaßen geht das aber noch nicht so weit, dass man hierzulande die strafrechtlichen Aspekte abschaffen würde. Beim letzten UNGASS-Treffen, auf dem die völkerrechtlichen Regelungen zum Umgang mit Drogen besprochen wurden, setzte sich Deutschland aber für die Abschaffung der Todesstrafe im Zusammenhang mit Drogenkriminalität ein.

Im weltweiten Vergleich ist Deutschland eher progressiv. Allerdings haben viele europäische Länder bereits einen ganz anderen Umgang mit Drogen, sodass Deutschland im Vergleich dazu noch viele wirksame Hilfsmaßnahmen für suchtkranke Menschen unterbindet.

Frage: Haben sich Menschen, allen voran die Konsumenten selbst, nicht gewehrt, als im 20. Jahrhundert die Drogenverbote eingeführt wurden?

Jan Fährmann: Natürlich ist das repressive Vorgehen von den Konsumenten kritisiert worden. Das ist in der öffentlichen Diskussion aber schnell untergegangen, weil die Substanzen dämonisiert wurden. Beispielsweise ist damals wahrheitswidrig verbreitet worden, dass Cannabis eine Einstiegsdroge sei und letztlich zum Heroinkonsum führe.

Außerdem spielten auch gesellschaftliche Konflikte eine Rolle, etwa dass man die 68er oder die Hippies ausgrenzen wollte, bei denen Cannabis- oder LSD-Konsum verbreitet war. Es ging also auch um Gesellschaftsmodelle, die aufeinanderprallten.

Frage: Und wie hat sich die öffentliche Meinung wieder geändert?

Jan Fährmann: Es gab auch Widerstand aus den Bereichen der Suchthilfe oder anderer Menschen, die suchtkranken Menschen helfen wollten. Von denen wurden Informationen über das Drogenelend bis hin zu Todesfällen in die Öffentlichkeit transportiert.

Ein besonders anschauliches Beispiel hierfür war auch der Film “Die Kinder vom Bahnhof Zoo” von 1981. Dadurch kam das Elend junger opiatabhängiger Menschen in Berlin ans Tageslicht, bei dem Drogensucht mit Prostitution und Todesfällen einherging. Da es sogar schon um Zwölf- bis Dreizehnjährige ging, hat man gemerkt, dass man mit Mitteln des Strafrechts nicht weiterkommt.

Frage: Weil also Kinder starben oder in die Prostitution gingen, merkte man, dass man allein mit dem repressiven Ansatz nicht weiterkommt?

Jan Fährmann: Ja, das hat insgesamt aber sehr lange gedauert. So waren viele der Ansätze, die man heute verfolgt, etwa das Spritzentauschprogramm, am Anfang kriminalisiert. Da musste erst ein gesellschaftliches Umdenken stattfinden.

Bremen liefert hierfür ein anschauliches Beispiel: Es gab eine Initiative, die einen Spritzenautomaten in den Boden einbetonierte. Die Stadt wollte diesen entfernen lassen und ging bis hin zur Strafandrohung. Dann kam aber die Welt-AIDS-Hilfe nach Bremen und der Bürgermeister hat den Automaten mit Stolz gezeigt. Danach durfte er stehenbleiben.

Frage: Wie kam es aber zu dem Missverständnis über Cannabis als Einstiegsdroge. Kann man sich über so etwas rein zufällig irren?

Jan Fährmann: Das muss man sich im Einzelfall anschauen. Ich kann mir aber vorstellen, dass bestehende Vorurteile bewusst aufgegriffen und befeuert wurden, wo sich die Drogenverbote gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen richteten, wie etwa die 68er oder Hippies. Nicht auszuschließen ist aber auch eine ideologische Verblendung oder schlicht Fehlinformationen.

Da Drogen so dämonisiert wurden, wollen sich viele Politiker und Politikerinnen nicht die „Finger an dem Thema verbrennen“, indem sie sich relativierend äußern. Man merkt beispielsweise bei Politikern von CDU/CSU einen großen Unterschied zwischen dem, was man nach außen trägt, also zum Wähler hin, und wie man sich in Fachgesprächen mit der Suchthilfe oder Drogenbeauftragten gibt. Es geht scheinbar darum, eine bestimmte Meinung der eigenen Klientel zu bedienen.

Frage: Wird also mit Drogenpolitik Wahlkampf gemacht?

Jan Fährmann: Das kommt immer wieder vor, allerdings von unterschiedlichen politischen Lagern. Von den Befürwortern einer Verbotspolitik wird immer wieder stark auf den Kinder- und Jugendschutz Bezug genommen, ohne dass dabei berücksichtigt wird, dass trotz Verbots zahlreiche Kinder und Jugendliche leichten Zugang zu Drogen haben.

Die Debatte ist vielfach von starken Emotionen geprägt, orientiert sich aber oft nicht an Fakten und berücksichtigt auch meistens nicht, dass es in der Suchthilfe vielfach Ansätze gibt, die akzeptieren, dass Drogen konsumiert werden, und die sehr erfolgreich sind.

Im zweiten Teil des Interviews wird es darum gehen, ob eine repressive Drogenpolitik in der Praxis funktioniert.

Hinweis: Dieser Beitrag erscheint parallel auf Telepolis – Magazin für Netzkultur. Der Kontakt mit Jan Fährmann kam über eine Tagung im Zusammenhang mit der Ausstellung „altered states – Substanzen in der zeitgenössischen Kunst“ im Kunstpalais der Stadt Erlangen zustande.

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Stephan Schleim ist studierter Philosoph, Psychologe und promovierter Kognitionswissenschaftler. Seit 2009 ist er an der Universität Groningen in den Niederlanden, zurzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Der Autor schreibt auch für zahlreiche andere Medien. Die Diskussionen hier sind frei und werden nicht moderiert. Gehen Sie respektvoll miteinander um, orientieren Sie sich am Thema der Blogbeiträge und vermeiden Sie Wiederholungen. Beim Gedankenaustausch darf es auch mal heiß hergehen, jedoch nicht beleidigend werden, vor allem nie unter die Gürtellinie gehen.

41 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Chinas Opiumverbot ist jedenfalls gut nachvollziehbar, denn der zunehmende Opiumkonsum in China schädigte nicht nur die Gesundheit der Konsumenten, sondern schwächte auch die Gesellschaft. Ein Land voller Opiumsüchtiger war andererseits für die Kolonialreiche Grossbritannien und Frankreich ein Geschenk, denn damit gab es kaum noch Widerstand gegen ihre Herrschaft.
    Auch die Opioidsucht im US-Rustbelt führt nicht nur zu gesundheitlichen Problemen, sondern ist sowohl Symptom als auch Ursache für einen gesellschaftlichen Zusammenbruch. Es ist ja kein Zufall, dass im US-Rustbelt nicht nur der Drogentod zugenommen hat, sondern auch sonstige Suizide zunehmen. Die ehemaligen Industriearbeiter der USA sind auch die Bevölkerungsgruppe, in der die Lebenserwartung gesunken ist, während sie bei fast allen andern US-Gesellschaftsgruppen zugenommen hat oder mindestens gleich geblieben ist.
    Opiatartige Substanzen bilden innerhalb der Drogenmittel überhaupt eine eigene Klasse, denn wer einmal Konsument geworden ist, kommt kaum noch davon weg. Länder, die Opiatsüchtige Clean machen wollen, scheitern regelmässig und provozieren Berge an Drogentoten, Länder, die Opiate oder opiatartige Ersatzmittel abgeben wiederum, müssen das meist bis ans Lebensende der Konsumenten durchziehen.
    Folgerung: Der Einstieg in die Opiatsucht sollte verhindert werden, denn einen Ausstieg gibt es meist nur über den Sarg.

    Island ist das erste Land, dem es gelungen ist den Konsum von Drogen (fast alle Arten von Drohen) durch Jugendliche radikal zu reduzieren – durch Förderung von Freizeitaktivitäten. Analysen hatten nämlich ergeben, dass Langeweile und jugendlicher Frust ein häufiger Grund für den Drogenkonsum ist. Seither sorgen Freizeitprogramme in Island dafür, dass Langeweile und Frust viel weniger aufkommt.
    Der Atlantic-Artikel How Iceland Got Teens to Say No to Drugs gibt Auskunft darüber.

  2. Wie ist das denn mit den “Teufel Alkohol”? Dieser ist psychoaktiv und kann süchtig machen. Und es gab in den USA die Prohibition und in Schweden wurde der Konsum stark reguliert.

  3. “etwa dass man die 68er oder die Hippies ausgrenzen wollte, bei denen Cannabis- oder LSD-Konsum verbreitet war. Es ging also auch um Gesellschaftsmodelle, die aufeinanderprallten.”
    Interessant. In dem Zusammenhang stellt sich die Frage, warum es bisher zwar teilweise Verbote, aber kaum eine ernsthafte Verfolgung der neueren, sogenannten “Designerdrogen” gibt, bzw. der neueren Akzeptanz des Kokain-und Amphetamin-Konsums.
    In Teilen der “Finanz-Eliten” ist es nicht erst seit den 80ern ein offenes Geheminis, daß Drogenkonsum selbstverständlicher Teil des Geschäftsmodells ist.
    Die Polizei hat gewisse Muster, wen sie etwa aus dem Verkehr zieht und auf mögliches Mitführen von Cannabis-Produkten kontrolliert. Warum aber führt sie keinerlei Kontrollen in Banken-und Finanzvierteln durch?

  4. @Dh (Zitat): In Teilen der “Finanz-Eliten” ist es nicht erst seit den 80ern ein offenes Geheminis, daß Drogenkonsum selbstverständlicher Teil des Geschäftsmodells ist.
    Kokainkonsum überwiegt in hippen und reichen Städten und ist nicht mehr auf Banker beschränkt. Momentan ist Barcelona gemäss Abwasseranalyse Nr. 1, Zürich Nr. 2, auch Antwerpen und London liegen weit vorne. Mit Kokain belohnt man sich (immer wieder) während Ectasy mehr zum Partyfeiern dient.
    Doch Kokain und Ectasy sind nicht ungefährlich und enden immer wieder mit dem vorzeitigen Tod. Nicht wenige wollen aber die Grenzen überschreiten – auch die Grenze vom Leben zum Tod,

  5. Wenn man alle Drogen legalisieren würde, dann würde der Preis der Drogen stark sinken, und ihre Qualität würde besser werden.
    Die gesamte Infrastruktur des illegalen Drogenhandels würde dann aus Geldmangel zusammen brechen.
    Das Einfangen und Einsperren von Personen, die am illegalen Drogenhandel beteiligt sind, würde dann ebenfalls entfallen.
    Kleinkriminalität und Prostitution würden dann ebenfalls durch die niedrigeren Preise für Drogen stark verringert werden.
    Wenn jemand sich selbst unbedingt mit Drogen aus der Welt oder aus dem Leben entfernen will, dann ist das sein persönliches Grundrecht.

  6. @Karl Bednarik (Zitat) : Wenn jemand sich selbst unbedingt mit Drogen aus der Welt oder aus dem Leben entfernen will, dann ist das sein persönliches Grundrecht. Doch der Staat und die Gesellschaft wollen auf diese Entscheidung ( sich das Leben zu nehmen) Einfluss nehmen.
    Die meisten europäischen Länder wollen ja sogar den Alkohol- und Tabakkonsum reduzieren ( mit eigens dazu ins Leben gerufenen Behörden und Ämtern) und es gib von Steuerzahler bezahlte Kampagnen gegen Alkohol und Tabak und gerade jetzt einen erbitterten Streit innerhalb dieser Behörden ob man auch gegen das elektrische Rauchen vorgehen sollte. Im Übrigen haben solche Kampagnen und hat die gesellschaftliche Ächtung gewisser Drogen durchaus Wirkung: der Alkohol- und Tabakkonsum in Europa und den USA ist deutlich zurückgegangen.
    Wichtig: Legalisierung und gesellschaftliche Ächtung von Drogenkonsum kann es gleichzeitig geben. Das direkte Verbot von Drogen muss nicht einmal die wirksamste Methode der Einschränkung des Drogfnkonsums sein.

  7. MH
    Die Ächtung von Drogen ist aus zweierlei Gründen sinnvoll, erstens wird im Straßenverkehr die Tüchtigkeit der Teilnehmer vorausgesetzt und zweitens wird in einem Sozialstaat die vorzeitige Arbeitsunfähigkeit für die Gemeinschaft zur Belastung.

  8. @Lennart: Viele Drogen zerrütten auch Familien und Beziehungen und gefährden Karriere und Gesundheit (Cannabiskonsum erhöht das Risiko für Psychosen).

    Wer den Drogenkonsum liberalisieren will, betont dadegen oft das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen(wenn er ein Liberaler ist) oder das Recht einer Subkultur auf ihre bevorzugten Drogen (oft in linksalternativen Kreisen).
    Aus Sicht einer Gesellschaft, die Leid, Krankheit und Rückzug aus der Gesellschaft (z.b. der Arbeit) möglichst verhindern will, geht es darum, den Drogenkonsum zurückzudrängen, wobei Verbote nicht unbedingt die grösste Wirkung erzielen. Wirksamer ist wohl etwas ähnliches wie die „Politische Korrektheit“, etwas, was man Verhaltenskorrektheit nennen könnte, was bedeutet, dass Drogenkonsum nicht als normales Verhalten akzeptiert wird und ein Gastgeber beispielsweise darauf achtet, dass seine Gäste sich nicht besaufen, bekiffen oder sich sonstwelchen dyonischen und bachantischen Ausschweifungen hingeben – mindestens nicht in seiner Gesellschaft.

  9. MH
    gut Ihr Hinweis auf den sozialen Aspekt. Interessant ist auch eine Statistik zu Depressionen in Europa. Island und Irland haben die höchste Zahl , Deutschland liegt im Mittelfeld, Slowenien bildet das Schlusslicht mit 50 % weniger Depressionen.
    Das mit Irland verstehe ich nicht, weil der Alkoholkonsum etwa dem des deutschen entspricht. Also scheint es keine Korrelation zwischen Alkohol und Depressionen zu geben ?Vielleicht trinken die viel Poteen (schwarz gebrannter Schnaps) ?

  10. @Lennart (Zitat): Das mit Irland verstehe ich nicht, weil der Alkoholkonsum etwa dem des deutschen entspricht. Also scheint es keine Korrelation zwischen Alkohol und Depressionen zu geben.
    Nun, Alkohol konsumiert ja fast die ganze Bevölkerung und die Menge wird stark durch kulturelle Faktoren beeinflusst (im Münchner Bierzelt trinken alle, ob nun depressiv oder nicht). Wenn Depressive häufiger trinken, beeinflusst das die Gesamtmenge an getrunkenem Alkohol nur dann signifikant, wenn es sehr viele Depressive gibt. Gemäss Wikipedia (Epidemiology of depression) gilt aber:
    Die Schätzungen der Lebenszeitprävalenz reichen von 3% in Japan bis zu 17% in den USA. Epidemiologische Daten zeigen höhere Depressionsraten im Nahen Osten, Nordafrika und Russland als in anderen Ländern[3] In den meisten Ländern liegt die Zahl der Menschen, die während ihres Lebens an Depressionen leiden würden, im Bereich von 8-12%.

    Fazit: Fast alle (hier im Westen) trinken Jahr für Jahr, Tag für Tag Alkohol, aber depressiv werden weniger als 20% irgendwann in ihrem Leben. Selbst wenn alle gerade Depressiven sehr viel mehr tränken als der Durchschnitt, hätte das nur wenig Einfluss auf die konsumierte Gesamtmenge an Alkohol.

    Alkohol scheint übrigens selbst in den Mengen wie er in Deutschland getrunken wird, gesundheitsschädlich zu sein. Nach einer australischen Studie würde ein Minderkonsum von 3 Liter reinem Alkohol und Kopf pro Jahr (Deutschland 10,7 l pro Jahr), die Krebsrate um 12% reduzieren.

  11. @Martin Holzherr
    Tod, schlimm genug. Die weit häufigere Folge aber dürften andere Beeinträchtigungen sein. So könnte ich mir schon vorstellen, daß der heutige Hang zur Gleichförmigkeit auch mit den Designerdrogen zusammenhängt, genauso wie der Hang zum Entweder-oder-Denken.
    Beides trifft man auffällig häufig bei denen an, die in den 90er Jahren in ihren Zwanzigern waren. Leute, die viel in der Technoszene unterwegs waren, dem seinerzeit häufigsten Ort für den Konsum von Designerdrogen, haben denn auch häufig berichtet vom Gefühl, daß alle eins und gleich sind, daß es keine Unterschiede in den Persönlichkeiten mehr gibt, u.ä.
    Eine interessante Parallele zu den Zwanziger Jahren. Wie im Artikel erwähnt, waren harte Drogen seinerzeit legal, zehn Jahre später gab es einen zunehmenden Hang zum Schwarz-Weiß-Denken und zur Gleichförmigkeit, der noch deutlich stärker war als heute.
    Oder es ist umgekehrt, die Tendenz zur Selbstverdummung führt zum erhöhten Konsum bestimmter Arten von Drogen, bzw. zu deren Erfindung.
    Oder es ist beides parallel zueinender, sich gegenseitig verstärkend.

  12. Karl Bednarik,
    ich bin entsetzt über Ihren Kommentar.
    Vielleicht belesen Sie sich doch nochmal über den Opiumkrieg, die Absinth-Epidemie in Frankreich zu Beginn des 20. Jh. , die Alkoholplage im London des 18. Jh. oder die jahrhundertelange schleichende Vernichtung der männlichen russischen und ukrainischen Bevölkerung mittels Alkohol.

  13. Hallo Gudea,
    wenn die gesamte Infrastruktur des illegalen Drogenhandels zusammen bricht, dann wäre das schon alleine ein Nutzen für die Gesellschaft.
    Auch die Kleinkriminalität und die Prostitution der Drogenkonsumenten wird hauptsächlich von der Infrastruktur des illegalen Drogenhandels verursacht.
    Das führt sogar zu der Anwerbung von neuen Drogenkonsumenten.
    Wenn das Einfangen und Einsperren von Personen, die am illegalen Drogenhandel beteiligt sind, wegfällt, dann erspart sich die Gesellschaft eine Menge an Geld und Arbeitszeit.
    —–
    Ich sehe in den Supermärkten ganze Regale voller billiger und legaler Schnäpse, und dennoch funktioniert unsere Gesellschaft sehr gut.
    Die Prohibition in den Vereinigten Staaten führte zu einer Vermehrung der schweren Verbrechen, weil durch die Prohibition eine Infrastruktur des illegalen Alkoholhandels finanzierbar wurde.
    Mit freundlichen Grüßen, Karl Bednarik.

  14. @Lennart

    “Sozialstaat und Sinnvoll”

    Dieses Wort Sozial ist zum kotzen, wo der Sinn des Lebens im nun “freiheitlichen” Wettbewerb nach möglichst hohem Gewinn ausgebeutet und unterdrückt wird – “Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.” Marie von Ebner-Eschenbach

  15. Hallo hto,
    einige dieser Sklaven haben ein Bewusstsein ihrer Situation erlangt, und verabschieden sich dann auf ganz unterschiedliche Weise aus dem völlig sinnlosen Konkurrenzkampf.
    In freiheitlichen Gesellschaften sind zumindest einige Arten dieses Aussteigens erlaubt.
    Natürlich kann man auch ohne die Verwendung von Drogen sehr gut aus dem Konkurrenzkampf aussteigen.

  16. Es geht doch wieder nur um die Symptomatik, bzw. um den Erhalt der “normalen” Symptomatik.
    Wenn dieses StaatsUNwesen die Drogen WEITER legalisiert, OHNE eine wirklich-wahrhaftige Befriedung und … der imperialistisch-erpresserischen Problematiken, dann ist das nur eine weitere Funktionalisierung der systemrationalen Verkommenheit in bewustseinsbetäubter …

  17. hto
    Sozialstaat ist besser als kein Sozialstaat. Man sollte nicht in Extremen denken.
    Im Augenblick wird der Sozialstaat unterhöhlt, durch hohe Mieten, hohe Krankheitskosten.
    Aber ein Vorbild a la USA ist noch schlechter.

  18. @Bednarik

    Ohne Geld, bzw. die entsprechenden materialistischen “Absicherungen”, ist der Ausstieg mehr als nur illusorisch!!!

  19. @Karl Bednark (Zitat): Ich sehe in den Supermärkten ganze Regale voller billiger und legaler Schnäpse, und dennoch funktioniert unsere Gesellschaft sehr gut. Die Gesellschaft funktioniert auch mit Alkokohl, aber etwa 2 bis 5% der Bevölkerung wird Alkohol zum Verhängnis (früher waren es mehr).
    Konsequenzen: Es gibt keinen Alkohol für Minderjährige, es gibt teilweise Werbeverbote und Schule, Staat und Medien raten vom Alkoholkonsum ab. Mit anderen Worten: Die deutsche Gesellschaft ist nach mehrhundertjähriger Erfahrung mit Alkohol zum Schluss gekommen, dass Alkohol zwar erlaubt ist, aber nicht für alle und dass der Konsum tendenziell zurückgedrängt werden soll.

    In einigen Jahrzehnten wird man in Deutschland ganz ähnlich über den Cannabiskonsum denken. Dieser wurde in vielen US-Staaten und Kanada gerade legalisiert und Deutschland könnten folgen. Doch es ist inzwischen erwiesen, dass Jugendliche, die viel Cannabis konsumieren in ihren kognitiven Entwicklung zurückbleiben (möglicher Abbruch der Lehre, des Studiums) und deutlich häufiger einen psychotischen Schub erleiden als der Rest der Bevölkerung. Das weiss man heute, bis die Gesellschaft aber daraus die Konsequenzen zieht kann es noch eine Weile dauern.

  20. Es gibt keine “Welt-AIDS-Hilfe”. Was ist hier konkret gemeint? UNAIDS? IAS?

  21. Hallo hto, sanfte Evolution statt radikale Revolution.
    Nur ein paar ungenaue Beispiele, um aus dem Konkurrenzkampf auszusteigen:
    Man begnügt sich mit untergeordneten Positionen, und verzichtet auf Karriere und beruflichen Aufstieg.
    Mit ungefähr fünfzig Prozent der Anstrengung, bekommt man noch immer ungefähr achtzig Prozent des Gehalts.
    Man kauft die neuesten Geräte erst, wenn sie mehr als fünf Jahre alt sind.
    Denn dann kosten diese Geräte weniger als die Hälfte, weil die Karriere-Leute die neuesten Geräte sofort kaufen.
    Womöglich sind gebrauchte Geräte noch billiger.
    Man verschenkt nicht mehr benötigte Gegenstände an Hilfsorganisationen.
    Man verschenkt sein Wissen an Wikipedia.
    Man ärgert sich nicht über den Kapitalismus, sondern man höhlt ihn langsam aus.
    Man gönnt den Karriere-Leuten ihre kleinen Erfolge, und ihre wesentlich größeren Anstrengungen.
    Man genießt seine körperliche und seelische Ruhe.

  22. Korrektur, denn dieser Satz ist doppeldeutig:
    Man verschenkt nicht mehr benötigte Gegenstände an Hilfsorganisationen.
    Besser ist:
    Man verschenkt Gegenstände, die man nicht mehr benötigt, an Hilfsorganisationen.

  23. @Bednarik

    Nicht Ja, nicht Nein – Das ist keine Evolution gegen die menschenUNwürdige Hierarchie, das ist die Einstellung “Nach mir die Sintflut”, sollen doch andere den Kreislauf des geistigen Stillstandes seit der “Vertreibung aus dem Paradies” beenden!?

  24. hto
    “Nach mir die Sintflut”, so kann man es sehen. Aber nicht jeder Mensch sieht die Zusammenhänge so übergreifend wie Sie. Die meisten richten sich ihr Leben ein um zu überleben. Und man kann niemanden daraus einen Vorwurf machen.
    Die die Zusammenhänge erkennen, die haben drei Möglichkeigten.
    1. So weiter machen wie bisher, hat ja eh keine Auswirkungen wenn ich als Rufer in der wüste auftrete.
    2. Sich sozial engagieren oder politisch engagieren und Einfluss nehmen
    3. Aussteigen und irgendwo in tibet den Seelenfrieden finden.
    Dass Sie Ihre Maximalforderung (Minimalforderung ?) so konsequent verfolgen, das ehrt Sie.

  25. @Lennart

    zu 3.: Da ist Selbstmord die bessere Lösung gegen stumpfsinnige / heuchlerische Illusionen des “Aussteigens” – den “Seelenfrieden” gibt es nicht einzeln, denn Mensch bedeutet Verantwortungsbewusstsein zu Vernunft von und für ALLE!

  26. @Schleim und Fährmann

    Die DROGE GESCHÄFT und damit der Glaube Mensch könnte nicht OHNE …, ist das Hauptproblem / die Ursache, denn hier wird nicht nur die Blut-Gehirnschranke überwunden!

  27. Die Gesellschaft und der Einzelne
    @Karl Bednark (Zitat): Ich sehe in den Supermärkten ganze Regale voller billiger und legaler Schnäpse, und dennoch funktioniert unsere Gesellschaft sehr gut.
    Kriminialität+Korruption, Krieg, Drogenkonsum und suizidale Subkulturen sind alle kompatibel mit einer mehr oder weniger gut funktionierenden Gesellschaft. Weil es nämlich immer Individuen und Gruppen gibt, die die Gesellschaft führen wollen oder die eine wichtige Funktion innerhalb der Gesellschaft anstreben. Wenn da Leute sich mit Drogen selbst schädigen oder Suizid begehen, so sind einige der ambitionierten Personen, die wichtige Aufgaben in der Gesellschaft übernehmen wollen, gar nicht traurig darüber – erhöht es doch ihre eigenen Chancen ans Ruder zu kommen zumal es dann viele Bürger gibt, die auf einen “Aufräumer” warten.
    In der utilitaristischen Sicht aber, in der man möglichst vielen Bürgern ein glückliches und erfülltes Leben schaffen will, gibt es weniger gute und bessere Gesellschaften und Gesellschaftsstrukturen. Und die Geschichte ist voller Gesellschaften, in der grosse Teile der Bevölkerung ihr Leben in einer Art Sucht- oder Dämmerzustand verbrachten oder in der sie keine Familie gründen oder keinen legalen Sex haben konnten.
    Der Kommentator Gudea schreibt oben dazu: Absinth-Epidemie in Frankreich zu Beginn des 20. Jh. , die Alkoholplage im London des 18. Jh. oder die jahrhundertelange schleichende Vernichtung der männlichen russischen und ukrainischen Bevölkerung mittels Alkohol
    Ja, in Russland ist heute noch der Alkoholkonsum in der männlichen Bevölkerung so stark verbreitet, dass damit auch die im internationlen Vergleich tiefe Lebenserwartung (70.0 Jahre) des Durchschnittsrussen und die noch tiefere Lebenserwartung des männlichen Russen erklärt ist. Dazu liest man in Why Russian Men Don’t Live as Long (übersetzt von DeepL):
    Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Russe stirbt, bevor er 55 wird, beträgt 25 Prozent.

    Die Lebenserwartung Russlands ist im Vergleich zu anderen entwickelten Ländern außergewöhnlich niedrig. Während amerikanische Männer eine 1:11 Chance haben, vor ihrem 55. Geburtstag zu sterben, stehen die Chancen in Russland bei 1:4.

    Der Hauptgrund, den zwei große Studien nahe legen, ist Wodka.

    Doch Putin kann mit dieser Tatsache prächtig leben. Er hat sogar die Wodka-Preise wieder reduziert nachdem sie unter Gorbatschov erhöht wurden. In einem gewissen Sinn funktioniert die russische Gesellschaft gar nicht schlecht, obwohl es aus der Sicht von Leuten wie Jeremy Bentham eine denkbar schlechte Gesellschaft ist. Sagt Bentham doch: Der zu maximierende Nutzen ist die Summe aller Freuden, die sich aus einer Handlung ergeben, abzüglich des Leidens aller an der Handlung Beteiligten. Utilitarismus ist eine Version von Folgerichtigkeit, die besagt, dass die Folgen jeder Handlung der einzige Maßstab für Recht und Unrecht sind. Im Gegensatz zu anderen Formen von Folgerichtigkeit, wie dem Egoismus, berücksichtigt der Utilitarismus die Interessen aller Wesen gleichermaßen.

    Es gibt natürlich Zyniker, die sagen, Saufen sei doch auch eine schöne Art das Leben zu verbringen. Allerdings vergessen solche Leute, dass darunter ganze Familien leiden und viele Kinder für ihr Leben negativ geprägt werden.

    Folgerung: Alle Menschen und die meisten Tieren zeigen Tendenzen zur Sucht. Die Folgen dieser Neigung sollten minimiert werden um das Leben für die Mehrheit glücklicher und erfüllter zu machen.

  28. MH
    …..bezüglich Utilitarismus….berücksichtigt die Interessen aller gleichermaßen.

    Das hört sich überzeugend an, aber eben nur in der Philosophie.
    Die englische Außenpolitik ist dem Grundsatz gefolgt, was England nützt , ist richtig. Afrika wurde im Sinne von Kolonialpolitik eingeteilt, Grenzen quer durch die Stämme gezogen und Stämme, die sich bekriegten zu einem Land vereinigt. Die Folgen sind bis heute spürbar. Und ohne das Joch der Engländer gibt es nur eine Richtung: Back to the jungle.
    Utilitarismus ist Egoismus ohne Moral, weil der Nutzen beim Stärkeren liegt.

  29. Im Gegensatz zum klassischen oder positiven Utilitarismus, welcher
    die Maximierung von Glück in den Vordergrund stellt, wird im negativen
    Utilitarismus der Minimierung von Leid ein größeres Gewicht gegeben.
    Das Leid ist eine Intensive Größe wie zum Beispiel die Konzentration einer
    Substanz, und keine Extensive Größe, wie zum Beispiel eine Substanzmenge.
    Daher hat ein Mensch mit starkem Leid den ethischen Vorrang vor einer
    großen Anzahl von Menschen mit schwachem Leid, obwohl die letzteren
    rein rechnerisch auf eine größere Gesamtmenge von Leid kommen würden.
    —–
    Es gibt Menschen, die den Kapitalismus für richtig halten, und es gibt Menschen, die den Kapitalismus für falsch halten.
    In beiden Gruppen dieser Menschen lässt sich ein großer Anteil der Menschen nicht von seiner Meinung abbringen.
    Zum Beispiel, weil ihnen das von ihnen gewählte System Vorteile bringt, oder bringen könnte, oder sie das vermuten.
    Deshalb vermeide ich allzu große Anstrengungen, bei den Versuchen, irgend jemand zu irgend etwas zu missionieren.
    Ich selbst lasse mich ja auch kaum jemals von meiner Meinung abbringen.

  30. @Bednarik

    “Es gibt Menschen, die den Kapitalismus …”

    Ob es nun eine bewusste oder … Entscheidung ist, die westliche Welt hat ihre “Werteordnung” auf den Normen des christlichen Denkens aufgebaut, was den Gegnern des Kapitalismus in zweifelsfreier Eindeutigkeit recht gibt, denn die Wahrheit des Christentums ist eine sozialistische Ideologie!!!

    So haben wir nun nicht nur den “Tanz um das goldene Kalb”, sondern auch den “Tanz um den heißen Brei” (Verdrehungen und Auslassungen nach systemrationaler Interessen- und Bildungslage) – der Kreislauf des geistigen Stillstandes seit der “Vertreibung aus dem Paradies” ( unser erster und bisher einzige geistige Evolutionssprung).

  31. @Bednarik

    Missionierung zu zweifelsfrei-eindeutiger / unkorrumpierbarer Wahrheit und Vernunft!!! 😎

  32. Hallo hto,
    zweifelsfreie Wahrheiten sind unwahrscheinlich, weil die Informationen niemals hundertprozentig sicher sein können.
    Die Vernunft setzt selbst keine primären Ziele, denn sie dient nur zum Erreichen der Ziele, indem sie aus den angeborenen primären Zielen und den Umgebungsbedingungen die Folgeziele entwirft.

  33. @Bednarik

    Zweifelsfreie Wahrheit und Vernunft, wenn Grundbedingungen zweifelsfrei / unkorrumpierbar!!!

  34. Der Opiumkrieg ist einer meiner besten Einstiegsthemen, wenn ich die Einheimischen hier in Deutschland als migrierter Chinese über die jüngere Chinesische Geschichte aufklären möchte. Aber bisher bin ich noch nie auf die Idee gekommen, die westlichen Kolonialmächte von damals salopp “als die größten Drogendealer der Welt” zu bezeichnen. Allein dafür hat sich das Interview für mich gelohnt.

    Noch einige historische Ergänzungen: Der erste Opiumkrieg (es gab zwei) startete nicht direkt durch die Erlassung des Opiumverbots. Wie schon im Interview besprochen führt eine Kriminalisierung von Substanzen lediglich dazu, dass der Handel damit in den Untergrund bzw. die organisierte Kriminalität abgleitet und das war im China des 19. Jahrhunderts nicht anders. Die eigentliche Eskalation geschah erst, als der Staatsbeamte Lin Zexu (林則徐), der in der heutigen Volksrepublik einen Heldenstatus genießt, die wahrscheinlich größte und erfolgreichste Drogenrazzia der Menschheitsgeschichte an der East India Trading Company in Canton (Guangzhou) durchführte und dabei über 20.000 Kisten Opium beschlagnahmte, das anschließend im Cantoner Hafenbecken chemisch (durch Zugabe von Löschkalk in Wasser) vernichtet wurde.

    Nach Angabe von Wikipedia entsprachen die 20.000 Kisten einer Masse von etwa 1400 Tonnen. Zu einer direkten Kriegserklärung kam es auch danach nicht. Die Briten sandten lediglich eine Flotte von Kriegsschiffen um Reparationen zu fordern. Die dadurch provozierten Kampfhandlungen entblößten die chinesische Unterlegenheit gegenüber dem technologischen Fortschritts der Royal Navy und ihrer Schießpulverwaffen und führten zu den Verträgen, die unter anderem Hong Kong der britischen Kontrolle übergab. Die von Herrn Fährmann genannten Kriegserklärungen von England und Frankreich folgten erst im zweiten Opiumkrieg, als die westlichen Mächte die Schwäche Chinas bereits vor Augen geführt bekamen, wie eine Meute Haie, die Blut im Wasser wittern.

    Bezüglich der Verbreitung der Opiumsucht gebe ich Herrn Martin Holzherr völlig recht. Die dadurch geschwächte chinesische Gesellschaft war für die westlichen Mächte ein gefundenes Fressen. Aus einer historischen Schätzung heraus, die ich leider nur aus zweiter Quelle habe, waren bei einer Bevölkerung von damals etwa 100 Millionen Menschen in China etwa 2 Millionen opiumabhängig und natürlich handelte es sich bei diesen 2 Millionen meist um den erwachsenen, männlichen und arbeitendenTeil der Bevölkerung. Aufgrund dieses historischen Hintergrunds hat China einer der strengsten Drogengesetze auf der Welt, besonders im Bezug auf Opioide. Der Besitz schon größerer Mengen, die einen Verdacht auf Dealertum (und sei es nur kleiner Straßenhandel) zulassen, wird mit der Todesstrafe quittiert.

    Was ich jedoch gerade im Bezug auf den Opiumkrieg auch noch erwähnenswert finde, sind die Umstände, welche die East India Trading Company überhaupt dazu veranlasste, ihren Opiumschmuggel nach China zu lenken: Handelspolitik.
    Bevor die Briten ihre große Drogenkampagne starteten, waren sie im Rahmen der bilateralen Handelsbeziehungen zu China nämlich immer im Nachteil gewesen. Die Chinesen hatten begehrte Exportartikel wie Seide, Porzellan und Tee, lehnten jedoch britische Importprodukte kategorisch ab und forderten stattdessen die Bezahlung in harter Silberwährung. Dies führte bei den Briten zu einer negativen Handelsbilanz, einer Silberverknappung und entsprechenden negativen Konsequenzen bei ihrer Volkswirtschaft, eine Situation die dem Exportweltmeister Deutschland oder genauer gesagt den Ländern, die unter der germanischen Exportweltmeisterschaft zu leiden haben, eigentlich bekannt vorkommen dürfte.

  35. @Xiaolei Mu: Danke

    Herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit für diesen ausführlichen Kommentar genommen habe, den ich gerne als Ergänzung zum Interview ansehe. Ich werde Herrn Fährmann ausdrücklich auf Ihre Ergänzung aufmerksam machen.

    P.S. Aus der Wissenschaftsgeschichte ist mir schon bekannt, dass die tatsächlichen historischen Sachverhalte doch immer komplexer sind und mehr Facetten haben, als wir uns das für eine überschaubare Darstellung wünschen.

    P.P.S. Einer meiner Lieblingsromane überhaupt ist übrigens Malraux’ La Condition humaine, der den sog. Boxeraufstand in China behandelt und in dem Opium auch eine bedeutende Rolle spielt.

  36. Ist das denn bei Ihnen, Herr Schleim, angekommen, dass ‘Droge’ schlicht ‘trocken’ bedeutet?!

    MFG
    Dr. Webbaer

  37. @Webbär: Trockenes

    Für einen anderen Artikel hatte ich gerade noch einmal ausformuliert, dass “Droge” vom niederländischen “droog” kommt und ursprünglich wohl getrocknete Kolinialwaren bezeichnete. Die findet man heute immer noch in der “Drogerie”.

    Ist es beim Webbären aber angekommen, dass die Herkunft eines Wortes nicht mit dessen heutiger Bedeutung zu verwechseln ist? (Manchmal nennt man dies den: genealogischen Fehlschluss.)

  38. @Stephan Schleim

    Das ehrt mich, dass Sie sogar Herrn Fährmann auf meinen Kommentar aufmerksam machen möchten. Zugegeben, einiges was ich ergänzt habe, lässt sich auch schnell beim Wikipedia Artikel über die Opiumkriege nachschlagen, aber ich habe auch einiges aus den Tiefen meines Gedächtnisses gekramt, was ich aus chinesischen Schultextbüchern zu dem Thema gelesen habe, die natürlich auch mit starken patriotischen Tendenzen geschrieben worden sind.

    Die exakte Methode wie das Opium vernichtet wurde, wird in all den westlichen Quellen, die mir bisher untergekommen sind, immer missverständlich als “verbrennen” übersetzt, was in Rahmen einer strikt wörtlichen Übersetzung zwar korrekt ist, jedoch beim nicht-chinesischen Leser den falschen Eindruck erweckt, dass echtes Feuer bei der ganzen Sache eine Rolle gespielt hätte. Tatsächlich ist es so, dass auch die chemische Zerstörung des Opiums über eine hochalkalische Lösung (genauer Calciumoxid in Wasser ergibt Calciumhydroxid, was als Kalklöschung bezeichnet wird) im chinesischen über das Schriftzeichen von verbrennen ausgedrückt wird. Vielleicht liegt die Schriftzeichenwahl an der stark exothermen Reaktion, aber das sind so Kleinigkeiten, die erst beim Lesen einer Quelle in der jeweiligen Sprache klar werden. Vielleicht ist es auch ein Beispiel dafür, wie Geschichtsschreibung von ein bisschen mehr Naturwissenschaft profitieren kann.

    Bezüglich Ihres Romantipps ‘La Condition humaine’, ich habe es nicht gekannt, aber die Prämisse klingt auf alle Fälle interessant und das China der 1920er Jahre ist eine sogar für chinesische Geschichtsverhältnisse sehr chaotische Zeit gewesen. Kommt auf meine viel zu lange Buchliste.

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