30 Jahre Aufmerksamkeitsstörung ADHS

Verbreitung, Drogen und Therapien geben uns Rätsel auf

Auch dreißig Jahre nach der Kodifizierung der sogenannten Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) gibt es viele offene Fragen. Wussten Sie etwa, dass die Störung in Deutschland bei ca. 6,5% der Jungen, jedoch nur bei ca. 2% der Mädchen diagnostiziert wird? Oder dass eine Diagnose in Bayern, Rheinland-Pfalz oder Thüringen um mehr als 50% wahrscheinlicher ist (ca. 5 bis 5,5%) als etwa in Bremen, Hamburg, Hessen oder Schleswig-Holstein (ca. 2 bis 3,5%)?

In den südöstlichen Bundesländern und Rheinland-Pfalz wurde im Untersuchungszeitraum ADHS am häufigsten diagnostiziert (oben). In der Ansicht nach Kreisen werden aber auch innerhalb der Bundesländer teils erhebliche Unterschiede deutlich (unten). Dass die Abbildungen von links nach rechts blauer werden, spiegelt den Trend wider, dass die Häufigkeit von ADHS-Diagnosen im Zeitraum von 2008 bis 2011 im Mittel von 3,7% auf 4,4% stieg. Quelle: Hering R, Schulz Mandy, Wuppermann A, Bätzing-Feigenbaum J. (20014). DOI: 10.20364/VA-14.09

Auch das Alter bei der Einschulung der Kinder hat einen großen Einfluss. Verwunderlich ist ebenfalls, dass Expertinnen und Experten die Häufigkeit von ADHS in den USA auf fast 10% schätzen, in Großbritannien aber kaum mehr als 2% der Kinder die Diagnose erhalten. Oder dass Molekularpsychiaterinnen und -Psychiater die Störung zwar für stark erblich halten (76% Erblichkeit), trotz groß angelegter Studien seit Jahrzehnten aber nicht die verantwortlichen Gene finden.

Doch nicht nur auf der Ebene der Daten gibt es offene Fragen. Auch grundlegende Herausforderungen bleiben ungelöst: Ist ADHS eine Gehirnerkrankung? Eine psychische Störung? Eine normale Reaktion auf eine sich verändernde Umwelt? Eine Medikalisierung von Moralvorstellungen? Ein Freifahrtschein zum Drogenkonsum von Kindern wie Jugendlichen – und in zunehmendem Maße auch von Erwachsenen?

Starker Medikamentenkonsum

Inzwischen konsumieren rund 23% der Deutschen (Männer: 20%, Frauen: 26%) mindestens wöchentlich Psychopharmaka, vor allem Schmerzmittel und Antidepressiva. In den USA führt Schmerzmittelabhängigkeit sogar zu wirtschaftlichen Problemen (“Opioid-Epidemie” wirkt sich auf US-Wirtschaft aus). Medikamentenkonsum für die Arbeit ist auch hier ein bekanntes Phänomen (Eine Million dopt regelmäßig am Arbeitsplatz).

Von ADHS sind insbesondere Kinder und Jugendliche betroffen, doch in zunehmendem Maße auch Erwachsene. Grund genug, das Phänomen in einer zweiteiligen Artikelserie näher zu untersuchen. Dabei muss es auch um die molekularbiologische Psychiatrie gehen.

Anstieg der ADHS-Forschung

Ein Blick in die Forschungsdatenbanken offenbart, dass es an Wissen jedenfalls nicht mangelt: In diesem Jahr dürften zum ersten Mal mehr als 3.000 Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften zum Thema ADHS erscheinen, also mehr als acht pro Tag. Insgesamt listet das Web of Science fast 35.000 Publikationen. Diese Fülle kann niemand mehr überblicken.

Die jährliche Anzahl der Publikationen zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (blau) stieg laut ISI Web of Science bis 2007 exponentiell an. Danach setzte sich das Wachstum auf hohem Niveau linear fort. Heute erscheinen täglich mehr als acht Publikationen. Dabei spiegelt die Datenbank auch nur einen Teil der Wissenschaft wider. Zum Vergleich sind die Kurven für ADS (rot) und eine andere Entwicklungsstörung aus dem selben Kapitel wie ADHS im DSM-5 (gelb; Developmental Coordination Disorder) gezeigt.

Aber gehen wir erst noch einen Schritt zurück: Was ist ADHS überhaupt? Und seit wann wird diese Diagnose gestellt?

Geschichte der ADHS

Eine historische Überblicksarbeit von einem Team um die Neuropsychologen Lara und Oliver Tucha von der Universität Groningen beginnt bei dem schottischen Arzt Alexander Crichton, der im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert durch Europa reiste. In einer Abhandlung aus dem Jahr 1798 schrieb er über Störungen der Aufmerksamkeit. Gerne wird auch der deutsche Zappelphilipp von Heinrich Hoffmann (1809-1894), also die Figur eines Kinderbuchs, als früher Beleg für ADHS angesehen.

Der Zappelphilipp aus Heinrich Hoffmanns Kinderbuch “Struwwelpeter” von 1844 hörte nicht auf seine Eltern und gilt heute als altes Beispiel der ADHS. Die Quellenlage ist hierfür jedoch reichlich dünn.

Wie die Tuchas und ihre Kolleginnen und Kollegen diskutieren, passen die älteren Beschreibungen aber nicht nahtlos zu den heutigen Kategorien oder ist die Quellenlage schlicht zu dünn. Ein weiteres Beispiel hierfür sind die Fallstudien des britischen Kinderarztes George Frederic Still (1868-1941). Bei diesen liegt der Schwerpunkt auf abweichendem Moralverhalten, auch wenn viele der beschriebenen Kinder Symptome der heutigen ADHS aufwiesen.

Erwachen aus der “Schlafkrankheit”

Nach der Epidemie der Europäischen Schlafkrankheit (Encephalitis lethargica) von etwa 1915 bis 1927 – siehe Oliver Sacks’ Buch “Awakenings” oder den darauf beruhenden Film mit Robert De Niro und Robin Williams (deutsch: “Zeit des Erwachens”) –, rückten Gehirntheorien in den Vordergrund. Manche Problemkinder zeigten nämlich Verhaltensweisen, die den Symptomen mancher Überlebender der Gehirnentzündung (Encephalitis) ähnelten. Dazu kam, dass der 1937 von dem amerikanischen Psychiater Charles Bradley veröffentlichte Versuch, solche Kinder mit Amphetamin (also “Speed”) zu behandeln, vielversprechend war.

So und dank des wenig später entdeckten Methylphenidats (Ritalin® u.a.), das bis heute die Vorzugsdroge zur Behandlung von ADHS ist, setzte sich die Kategorie der MBD durch: Dies stand erst für “Minimal Brain Damage”, später in etwas abgemilderter Form und in Reaktion auf Kritik für “Minimal Brain Dysfunction”.

Über Drogen und Medikamente

Eine angebrachte Nebenbemerkung zum Wort “Droge”: Abgeleitet vom niederländischen droog stand dieses ursprünglich für getrocknete Güter. Trockenkräuter können Sie noch heute in der Drogerie kaufen. Im Niederländischen unterscheidet man, ähnlich wie im Deutschen, inzwischen aber drugs (sprich: drügs) von geneesmiddelen (nicht Genuss-, sondern Genesungsmittel, also Medikamente). Doch diese Unterscheidung ist ein soziales Konstrukt.

Die Verwendung des englischen drug ist besser, da unvoreingenommener. Im Deutschen sollte man eher zwischen medizinischen und nichtmedizinischen Drogen unterscheiden. Irreführend ist der gesetzliche Begriff des Betäubungsmittels, da viele der regulierten Mittel überhaupt nicht betäuben, sondern aufputschen oder Halluzinationen verursachen. Wie dem auch sei, Amphetamin und Methylphenidat sind je nach Sprachgebrauch Drogen, Stimulanzien, Psychopharmaka oder schlicht Medikamente, abhängig davon, für welche Zwecke wir sie gebrauchen.

Vermuteter Gehirnschaden

Kommen wir zurück zur MBD: Interessanterweise gingen Fachleute davon aus, dass Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten nichts Geringeres haben als einen Hirnschaden, wenn auch einen minimalen. Das stellte man aber nicht im Gehirn fest, sondern im – raten Sie es – Verhalten! Den Gehirnschaden dachte man sich dazu. Gefunden hat man ihn nie. Bis heute.

Das ist auch mit Blick auf das in unserer Zeit dominierende molekularbiologische Paradigma der Psychiatrie bedeutend. Dieses versteht ADHS wahlweise als Neurotransmitterstörung (“Botenstoffe” im Gehirn, vor allem Dopamin, Noradrenalin und Serotonin), Störung von Gehirnnetzwerken oder eine Kombination von beidem. Wir werden später darauf zurückkommen.

Geburtsstunde der ADHS

Nachdem die Gehirnstörung ohne auffindbare Gehirnstörung zunehmend in die Kritik geriet, kam man über den Umweg der hyperkinetischen Störung der Kindheit (1968) schließlich auf die Aufmerksamkeitsstörung (ADS) mit oder ohne Hyperaktivität, nämlich in der dritten Auflage des Diagnosehandbuchs DSM der Amerikanischen Psychiatrie von 1980. In deren Überarbeitung von 1987 hieß es dann schließlich: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS.

Es ist hier nicht so wichtig, auf Unterschiede der Überarbeitungen von 1994, 2000 oder 2013 einzugehen. Zwar wird in Deutschland und anderen Ländern statt dem DSM das ICD der Weltgesundheitsorganisation verwendet, das strengere Kriterien anlegt. Doch richtet sich die Forschung wegen des amerikanischen Einflusses vor allem nach dem DSM; und auch der Psychiatrie-Teil der nächsten Auflage des ICD wird wohl stärker an die Kriterien aus Übersee angepasst.

Was ist ADHS eigentlich?

So oder so – die ADHS ist durch überbordende motorische Aktivität, Impulsivität und mangelnde Aufmerksamkeit charakterisiert. Konkret müssen nach DSM-5, der neuesten Auflage von 2013, mindestens sechs von neun Kriterien für Aufmerksamkeitsprobleme und/oder mindestens sechs von neun für Hyperaktivität und Impulsivität vorliegen. Diese müssen sich in mindestens zwei Umgebungen äußern, etwa zuhause, in der Schule oder bei Freunden, und das Funktionieren einschränken.

Beispiele für die Kriterien sind: häufig keine Aufmerksamkeit für Details zu haben oder Schludrigkeitsfehler zu machen; häufige Schwierigkeiten beim Aufrechterhalten der Aufmerksamkeit für Aufgaben oder beim Spielen; den Eindruck zu erwecken, man höre nicht zu, wenn man angesprochen wird; häufig mit Händen oder Füßen zu zappeln oder auf dem Sitz herumzurutschen; häufig aufzustehen, wenn man sitzen bleiben muss; häufig herumzurennen oder zu klettern, wenn das unangemessen ist. “Hinweis!”, heißt es ergänzend beim letztgenannten Kriterium: Bei Jugendlichen könne schon ein Gefühl der Unruhe ausschlaggebend sein.

Eine Frage des Alters

Von besonderem Interesse ist noch das Kriterium über den Anfang der Symptome. Bis zum DSM-IV-TR von 2000 hieß es, einige der Symptome hätten schon vor dem Alter von sieben Jahren vorliegen müssen. Damit hatte man also gerade noch den Schulanfang abgedeckt. Will heißen: Traten nicht spätestens in den ersten ein bis zwei Schuljahren solche Probleme auf, dann konnte man später keine “echte” ADHS mehr diagnostizieren.

Dies führte zu prozeduralen Schwierigkeiten, da sich in der Forschung immer mehr die Ansicht durchsetzt, die Störung würde bei etwa der Hälfte der Betroffenen auch im Erwachsenenalter fortbestehen. Wenn sich aber erst Erwachsene an eine Ärztin oder einen Psychologen wendeten, wie zuverlässig konnten sie sich noch an ihre frühste Kindheit erinnern?

Ein Forschungsteam – mit freundlicher Unterstützung der Pharmaindustrie (hier konkret: Abbott, Bristol-Myres Squibb, Eli Lilly, Janssen-Cilag, McNeil, Novartis, Pfizer und Shire), die von aufgeweichten Kriterien profitiert – stellte zudem fest, dass sich die mutmaßlichen Patienten im höheren Alter unabhängig vom Anfangszeitpunkt der Symptome in psychologischen Messungen nicht voneinander unterschieden. Dementsprechend empfahlen sie, das Alter von 7 auf 12 anzuheben.

Altersgrenze angehoben

So geschah es dann auch im DSM-5. Fairerweise sollte man ergänzen, dass beide Altersgrenzen willkürlich gezogen waren. Doch so viel ist klar: je höher das Eingangsalter, desto mehr Menschen kann man potenziell die Diagnose geben. Formal gab und gib es aber sowieso die Möglichkeit, die Störung auch ohne vollständiges Vorliegen der Kriterien festzustellen. Das nennt sich dann “anders spezifizierte” oder “nicht spezifizierte” ADHS.

Dennoch wundert mich, dass man sich überhaupt mit solchen Altersgrenzen abmüht. Vielleicht ist dies der Tatsache geschuldet, dass man ADHS jetzt als “neuronale Entwicklungsstörung” ansieht. Unter dieser Prämisse wäre es komisch, hätte jemand erst mit 25, 30 oder gar 40 die Probleme. Dann ist die Gehirnentwicklung ja bereits abgeschlossen.

Doch kritisch nachgefragt: Wenn jemand solche Probleme mit der Aufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität hat, die das tägliche Funktionieren einschränken, und wenn man dies sowieso als Störung definiert, wie man es 1987 mit ADHS getan hat – wieso spielt dann das Alter der ersten Symptome eine entscheidende Rolle? Sollte man dieses Kriterium nicht konsequenterweise aufgeben? Die Pharmaindustrie würde es freuen, doch darum geht es hier nicht. Dann müsste man für ADHS aber ein anderes Kapitel im DSM finden, weil dann die Idee der Entwicklungsstörung nicht mehr plausibel wäre.

Denken im Schneckentempo

Eine Anekdote am Rande sind die (bisher fehlgeschlagenen) Versuche einiger Forscherinnen und Forscher, eine dritte Variante – also neben Aufmerksamkeitsmangel und Hyperaktivität/Impulsivität – der ADHS anerkennen zu lassen: “Sluggish Cognitive Tempo”, zu deutsch vielleicht “gedankliche Trägheit”. Diese angebliche Störung hat nicht nur eine sehr ausführliche Wikipedia-Seite in mehreren Sprachen, sondern auch eine Sonderausgabe der “Zeitschrift für Abnormale Kinderpsychologie”, die sich ausschließlich damit beschäftigt.

Typische Symptome sind etwa, sich langsam beziehungsweise im Schneckentempo (von engl. slug = Schnecke) zu bewegen, in den leeren Raum zu starren oder in langweiligen Situationen nur mit Mühe aufpassen zu können. Sie dürfen selbst raten, was als Behandlungsmethode empfohlen wird; und wer solche Studien finanzierte.

Da sich bisher nur wenige mit dem Namen der Störung anfreunden konnten, kursiert jetzt der Vorschlag der “Konzentrationsdefizitstörung”, kurz KDS. Vielleicht findet sich im DSM-5.1 oder spätestens 6.0 eine Aufmerksamkeits-oder-Konzentrationsdefizit-und/oder-Hyperaktivitäts-(und nicht zu vergessen Impulsivitäts-)-Störung, also AKDHIS. Wer hat die nicht?

Alter bei der Einschulung entscheidend

Noch ein letzter kritischer Punkt zur “echten” ADHS: Man hatte bereits international festgestellt, dass die Wahrscheinlichkeit einer Diagnose mit dem Alter bei der Einschulung zusammenhing. Amelie Wuppermann von der Ludwig-Maximilians-Universität München und Kollegen haben diesen Zusammenhang jetzt auch für Deutschland belegt.

Bei Kindern, die im Monat vor dem Einschulungsstichtag geboren waren, also besonders jung in die Schule kamen, waren ADHS-Diagnosen im Mittel um ca. einen Prozentpunkt höher als bei den Kindern im Monat danach. Für Medikamentenverschreibungen fand man einen ähnlichen Zusammenhang.

Der Zickzackverlauf verdeutlicht einen Zusammenhang zwischen Häufigkeit der ADHS-Diagnosen und dem Einschulungsalter. Betrachten wir etwa die im Juni 2001 geborenen Schülerinnen und Schüler (blauer Punkt rechts der Linie 6/2001): Diese kamen 2010, für das die Daten gezeigt sind, in die 4. Klasse und waren darin die Jüngsten. Die im Juli desselben Jahres Geborenen wurden erst ein Jahr später eingeschult und zählten dort zu den Ältesten. Bei der Juni-Gruppe wurde ADHS in 5,9% der Fälle diagnostiziert; in der Juli-Gruppe nur in 4,2%. Quelle: Wuppermann A, Schwandt H, Hering R, Schulz M, Bätzing-Feigenbaum J. (2015). DOI: 10.20364/VA-15.11

Wenn man bedenkt, dass die mittlere Häufigkeit für Jungen und Mädchen zusammen bei ca. 5% liegt, dann ist das ein beachtlicher Unterschied: Das Risiko einer Diagnose ist also um rund 20% erhöht, wenn man minimal einen Tag, maximal zwei Monate älter ist als diejenigen, die erst im nächsten Jahr eingeschult werden.

“ADHS gibt es nicht”

Aus dieser oder der vorherigen Kritik abzuleiten, es gebe keine ADHS, ist müßig. Dennoch sei hier das Fazit von Lydia Furman, Professorin für Kinderheilkunde an den Universitätskliniken in Cleveland, Ohio, zitiert: “ADHD is unlikely to exist as an identifiable disease.” Ein Grund dafür sei, dass die Diagnosekriterien nicht den medizinischen Standards entsprächen. Dem fügt sie aber hinzu, dass die Probleme Symptome anderer behandelbarer medizinischer, emotionaler oder psychosozialer Umstände bei Kindern sein könnten.

Wie dem auch sei: Die ADHS ist schon rein formal ein soziales Konstrukt, weil sie eben von Fachleuten am Konferenztisch definiert wird und dabei verschiedenste Interessen mitspielen (“Es gibt keine Depressionen”). Damit ist mitnichten behauptet, dass die Probleme der Betroffenen nur eingebildet seien. Die ADHS-Diagnose und ihre Folgen sind schlicht die Art und Weise, wie unsere Gesellschaft heutzutage mit diesen Problemen umgeht: Sie versteht sie als medizinische Entität, die mit Methoden der Psychologie oder Psychiatrie behandelt werden kann.

Allumfassende Medizin

Das fällt Fachleuten kaum noch auf, weil sie dazu ausgebildet werden, die Welt so zu sehen. Die offizielle WHO-Definition von Gesundheit – vollständiges körperliches, psychisches und soziales Wohlbefinden – ist so weit gefasst, dass sie alle Bereiche des Lebens einschließt und eigentlich nichts mehr ausschließt.

So verstanden, kann selbst ein Streit mit dem Nachbarn als medizinisches Problem verstanden werden; zweifellos hinterlässt dieser auch Spuren im Gehirn und gibt es für diesen eine genetische Prädisposition, wie für so gut wie alle Aspekte der Persönlichkeit. Sie können sich einen Namen dafür ausdenken. Vielleicht Nachbarschaftsstreitereistörung, NSS?

“Aber die Erblichkeit!”

Ein Beispiel für dieses medizinische Denken ist, wie Marcel Romanos, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Würzburg, auf ADHS-Skeptiker reagiert: Die Störung sei doch zu 70 bis 80% erblich! Diese Antwort ist auf so viele Weisen falsch, dass man sich wünschen würde, sie käme nicht von einem Medizinprofessor.

Erstens ist für die Unterscheidung, ob etwas eine Krankheit ist oder nicht, die Frage der Erblichkeit nicht entscheidend. Eine braune Augenfarbe ist stark genetisch determiniert, doch keine Krankheit; Karies nach zehnjährigem Colakonsum ohne Zähneputzen oder posttraumatischer Stress nach fünfjährigem Grabenkrieg mit täglichen Granateinschlägen ist eine Erkrankung beziehungsweise Störung, auch wenn sie nicht genetisch verursacht sind. Dass bei der Anfälligkeit für die Probleme auch Gene eine Rolle spielen, wie für so gut wie alles, steht dahin.

Erblichkeit – missverstandenes Konstrukt

Zweitens sollte man am besten ganz aufhören, von Erblichkeit zu reden. Dieses Konstrukt lädt, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur zu Missverständnissen ein. Keinesfalls ist damit gesagt, dass ADHS zu 70 bis 80 Prozent genetisch determiniert ist, auch wenn es die meisten so verstehen. Es geht schlicht um die Erklärung phänotypischer Varianz (Unterschiede) durch genotypische Varianz – die aber wiederum selbst Eigenschaft der Umwelt ist.

Das hört sich kompliziert an, kann man aber mit einem einfachen Beispiel verdeutlichen: Erblichkeit ist allgemein definiert als die Varianz des Genotyps dividiert durch die Varianz des Phänotyps. Stellen wir uns jetzt vor, in einem totalitaristischen Staat werden alle Schulen, alle Familien, überhaupt alle Umgebungen so gleich wie möglich gemacht. Ein extremes Beispiel wäre Aldous Huxleys “Brave New World”, in dem Kinder vom Staat gezüchtet und aufgezogen werden.

Gleichmachende Umwelt

Durch Vereinheitlichung der Umwelt – es gäbe keinen Unterschied mehr zwischen Privatschulen und Brandpunktschulen, zwischen Elternhäusern mit gut sortierten Bibliotheken und solchen von Analphabeten – würden auch die Unterschiede der Intelligenz der Kinder geringer, also die Varianz des Phänotyps. Da dieser Wert im Nenner der Gleichung steht und kleiner wird, würde die Erblichkeit von Intelligenz im Beispiel höher ausfallen. Dabei wurde aber die Umwelt angepasst und am Genotyp gar nichts geändert!

Man kann es auch anders verstehen: Wenn die Umwelt immer gleicher wird, dann ist es selbstverständlich, dass die Unterschiede im Phänotyp, die es dann noch gibt, stärker durch genetische Unterschiede bedingt sind. Worauf sollten Unterschiede denn sonst noch beruhen können? Damit ist gezeigt, dass das Erblichkeitsmaß selbst von der Umwelt abhängt, in der es erhoben wurde. Es dennoch als Maß für genetische Determination zu verstehen, ist wissenschaftlich fehlerhaftes Wunschdenken.

Wenn Fachleute sich irren

Was auf Wikipedia konsequenterweise als häufiges Missverständnis geführt wird, passiert sogar führenden Experten auf dem Gebiet der Verhaltensgenetik. So erklärte etwa Martin Reuter, Professor für Biologische Psychologie in Bonn, einem breiten Publikum, eine Erblichkeit von 0,7 für Depressionen bedeute, “dass das Auftreten einer Depression zu 70 Prozent genetisch bedingt ist und nur zu 30 Prozent von der Umwelt beeinflusst wird.”

Solche Zahlen sind vielleicht nützlich, wenn man für einen Forschungszweig Eindruck schinden will, der seit Jahrzehnten viel verspricht – aber praktisch nichts liefert. Die Darstellung Reuters ist aber grundlegend falsch. Unabhängig davon tendiert der Informationswert von Erblichkeitsschätzungen gegen null. Daher sprechen sich auch immer mehr Forscherinnen und Forscher gegen die Verwendung von Erblichkeitsschätzungen aus.

In den Worten von David Moore und David Shenk von den Universitäten in Claremont beziehungsweise Iowa: “Der Begriff ‘Erblichkeit’, wie er heute in der humanen Verhaltensgenetik verwendet wird, ist einer der am meisten irreführenden in der Wissenschaftsgeschichte. Im Gegensatz zur verbreiteten Meinung, sagt uns das Maß der Erblichkeit einer Eigenschaft nicht, wie ‘genetisch erblich’ diese Eigenschaft ist.”

Probleme mit Zwillingsstudien

Drittens unterliegen die Zwillingsstudien, die häufig solchen Schätzwerten zugrundeliegen, prinzipiellen Einschränkungen. Beispielsweise wird in der Regel vorausgesetzt, dass die Umwelten der Zwillingspaare (eineiig gegenüber zweieiig) identisch sind. Gemessene Unterschiede des Phänotyps werden dann auf Unterschiede in der genetischen Übereinkunft zurückgeführt – eben 100% (eineiig) gegenüber im Mittel 50% (zweieiig). Diese Annahme stimmt aber schon allein deshalb nicht, weil eineiige Zwillinge eine andere Beziehung zueinander und zu ihrer Umwelt haben als andere Geschwister.

Ein Forscherteam um Roar Fosse, Psychologe an der Abteilung für Psychische Gesundheit und Sucht der Vestre Viken Kliniken in Drammen, Norwegen, wagte die Probe für das Beispiel der Schizophrenie: Für diese wird eine ähnlich hohe Erblichkeit wie für ADHS angenommen, nämlich ca. 80%.

Die Forscher testeten nun, ob die Erfahrungen auf den Gebieten des Mobbings, sexuellen Missbrauchs, körperlicher Misshandlung, emotionaler Vernachlässigung und allgemeinen Traumas, also die Umwelterfahrungen, für eineiige Zwillinge ähnlicher waren als für zweieiige.

Eigenheiten von Zwillingswelten

Ihre Daten zeigen, dass dies für alle fünf Kategorien gilt; eine hätte bereits gereicht, um Zwillingsstudien in Schwierigkeiten zu bringen! Damit ist eine ihrer Grundvoraussetzungen mehrfach verletzt und lassen sich Effekte von Genetik und Umwelt mit ihnen nicht trennen, wie dies meist angenommen wird.

Wenn also beispielsweise ein eineiiger Zwilling sexuell misshandelt worden war, dann war es sein Zwilling mit größerer Wahrscheinlichkeit auch, als bei zweieiigen der Fall gewesen wäre. Die Ähnlichkeit der Umwelt ist für die ersteren somit höher als für die letzteren Zwillingspaare; die Umwelt behandelt sie sozusagen anders, abhängig von ihrer genetischen Ähnlichkeit.

Das sind Fakten, die dem international in der psychiatrischen Forschung vorherrschenden molekularbiologischen Ansatz diametral entgegenstehen. Die hohen Erblichkeitswerte bilden zusammen mit dem Hype um die Neurowissenschaften den Heiligen Gral. Darum sucht man immer weiter nach den Genen, Gehirnstrukturen und -Funktionen, obwohl seit Jahrzehnten Studie um Studie nichts Bedeutendes findet. Darin wird es im zweiten Teil der Serie noch ausführlicher gehen.

Hinweis: Dieser Beitrag erscheint parallel auf Telepolis – Magazin für Netzkultur.

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Menschen-Bilder: Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft Stephan Schleim blickt über den Tellerrand von Psychologie sowie Hirnforschung und diskutiert, was die Forschungsergebnisse eigentlich bedeuten. Besondere Aufmerksamkeit erhält dabei die Frage, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft zueinander verhalten. Stephan Schleim hat an den Universitäten Mainz und Frankfurt u.a. Philosophie, Informatik und Psychologie studiert (Magister Artium, 2005). Nach einem Praktikum am Max Planck-Institut für Hirnforschung und einem Forschungsbesuch am California Institute of Technology ging er an die Universitätskliniken Frankfurt und Bonn, wo er mit der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) moralische und juristische Entscheidungen untersuchte. Sein ausgeprägtes theoretisches und ethisches Interesse führte zu mehreren Publikationen im Bereich der Neurophilosophie und Neuroethik. Am Institut für Kognitionswissenschaft in Osnabrück wurde er 2009 mit seiner Doktorarbeit "Norms and the Brain" promoviert. Seit Oktober 2009 war er Forscher in der Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, seit 2010 als Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Vom Oktober 2012 bis März 2013 war er Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist Stephan Schleim Associate Professor in Groningen. Der Forscher und Autor ist auch als Wissenschaftsjournalist aktiv, veröffentlicht in verschiedenen deutschsprachigen Medien mit Übersetzungen ins Italienische, Niederländische und Portugiesische. 2008 erschien sein erstes Buch "Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung", 2011 sein Buch "Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert." Ausgewählte Beiträge erscheinen auch auf Telepolis – Magazin für Netzkultur, für das Stephan Schleim seit vielen Jahren schreibt.

27 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. ADHS,
    es ist schon lustig, da gibt man den Kindern Kraftnahrung mit Zucker im Überfluss, dann noch Phosphate in den Wurstwaren im Überfluss, sperrt die Kinder in der Schule ein, nimmt ihnen den Lebensraum für eine ausreichende Bewegung
    und wundert sich dann, dass die Kinder überaktiv sind.

    Ich kann mich gut daran erinnern, in einem Dorf, da mussten die Kinder vor der Schule den Kuhstall ausmisten.
    Die waren hinterher nicht überaktiv, die saßen ganz friedlich auf ihrer Bank.

  2. Die Hysterie als häufige Diagnose zur Zeit Freuds war ein Vorläufer der heutigen Medikalisierung abweichenden Verhaltens mit Krankheitsbildern wie ADHS, Burn Out, Chronique Fatigue Syndrom. Und klar sind Verhaltensauffälligkeiten und Abweichungen der Grundstimmung vom “Normal” viel schwieriger aetiologisch zuzuordnen als etwa Hauterkrankungen, denn die Psyche ist noch weit mehr als etwa die Haut Ausdruck auch von sozialen und gesellschaftlichen Einflüssen. Genetische Einflüsse gibt es aber sicher auch. Mit Studien an eineigen Zwillingen, die in gleichen oder unterschiedlichen Umgebungen aufwachsen, aber auch mit Gen-Assoziationsstudien können in seltenen Fällen gar “harte” Aussagen über die genetische Bedingtheit einer Krankheit gemacht werden, viel häufiger aber erhält man einfach nur eine gewisse Korrelation von Genen mit Phänotypen. Das liefert dann Stoff für weitere Forschungen, aber kaum je für die medizinische Praxis.

    Ein Bedürfnis nach Diagnosen wie ADHS gibt es wohl vor allem wegen den erwünschten Konsequenzen einer solchen Diagnose: Die betroffenen Kinder erhalten Therapien und ihr Umfeld erhält eine Erklärung für ansonsten störendes/verstörendes Verhalten.

  3. Langer Text, interessant, Anmerkungen :

    A) Zwillingsstudien sind besonders relevant, wenn die (eineiigen) Zwillinge früh getrennt worden und anders sozialisiert worden sind, idealerweise ohne voneinander Kenntnis zu haben.

    B) ADHS ist eine Art Sammelkrankheit, sofern es eine Krankheit ist, oder Sammelstörung, sofern es eine Störung ist.
    Dies klang hier gut:
    ‘ADHD is unlikely to exist as an identifiable disease.’ [Lydia Furman]

    C) Ob es ADHS “gibt”, hängt von der Menge ab, in diesem Fall von der wissenschaftlich maßgeblichen; also, ob es sinnhaft ist eine derartige Krankheit oder Störung in den diesbezüglichen Nachschlagewerken zu definieren, zu kanonisieren.

    D) Dr. Webbaer hält die “Zivilisationskrankheit” ADHS für nicht (belastbar) definierbar und insofern für nicht vorhanden, für nicht existent, im konstruktivistischen Sinne.


    Insofern könnte diese Sache meta-wissenschaftlich, in concreto : philosophisch beobachtet bleibend, auch schmunzelnd, sozusagen weggehüstelt werden, wäre da nicht die Medikation.

    Drogen sind problematisch und die Alternative bestünde darin schlicht gegenüber dem ‘Zappelphilipp’ Toleranz walten zu lassen, ihn nicht pathologisieren zu suchen, ihn in seiner Aktivität als dem üblichen Spektrum grob entsprechend als normal anzunehmen.

    MFG
    Dr. Webbaer (sozusagen die Ruhe in Person, im Output allerdings schon ein wenig unruhiger, sich u.a. auch an der Menge ein wenig reibend, ist ja auch Sanguiniker, hätte ADHS auch nicht gerne diagnostiziert, weil dann für ihn klar erkennbar modisch oder gar politisch induziert)

  4. @ Stephan Schleim:Danke für diesen Artikel, er enthielt einiges, das ich noch nicht wusste, wie z. B. die Abhandlung von Crichton. Ergänzend dazu: im 19. Jahrhundert wurde das Verhaltensphänomen in verschiedenen medizinischen Fachblättern erwähnt, u.a. von den Kinderärzten Prichard und Haslam in London. Damals sprach man von „moralisch kranken Kindern“.
    In Deutschland beschrieben es 1932 die an der Charité tätigen Kinderärzte Kramer und Pollnow, sie nannten es eine “hyperkinetische Erkrankung im Kindesalter”. Parallel dazu wurde es auch McD – minimale cerebrale Dysfunction – genannt. Der Begriff HKS (Hyperkinetisches Syndrom) hielt sich relativ lange, erschien so auch im DSM und wurde erst in den 80er Jahren dank der Forschungen der kanadischen Kinderpsychiaterin Virginia Douglas durch ADHS ersetzt.
    Da Sie Charles Bradley erwähnen: er kam durch Zufall zur Entdeckung, dass das Verhalten medikamentös zu beeinflusssen ist: bei den Kinder, die er behandelte, wurde eine Pneumoencephalografie gemacht, die Ventrikel wurden dazu mit Luft gefüllt, weshalb die Kinder unter starken Kopfschmerze litten. Man gab ihnen deshalb Benzedrin, wodurch sich bei einigen Kindern das Verhalten auffallend änderte und sie deutlich besser leistungen im Unterricht zeigten.
    Ritalin wurde von einem Chemiker, Leandro Pannizzon als Stimulans entwickelt, nicht zur Behandlung von ADHS, und man wunderte sich, wieso die betroffenen Kinder ausgerechnet mit Stimulanzien zur Ruhe gebracht werden können, während Sedativa die gegenteilige Wirkung hatten.

    Auch wenn Gegenteiliges behauptet wird: alle Bemühungen, das Verhalten zu therapieren, sind kontraproduktiv. Oder, um es mit einer Analogie zu beschreiben: In einer Welt, in der männliches Verhalten und Mann zu sein als das Nonplusultra gelten, scheinen Behandlungen der weiblichen Gruppe, diesen Mitgliedern zwar zu helfen, sich männlich zu verhalten, aber ob man das als Hilfe bezeichnen kann, ist doch wohl fraglich.
    Zur Verbreitung: Die Daten sind nach wie vor unterschiedlich, auch weil trotz DSM und ICD die Kriterien nicht eindeutig sind und die Ursache nach wie vor nicht bekannt ist und die Altersangaben irrelevant sind – man hat es oder man hat es nicht. Alle, bei denen es erst spät auftritt oder bei denen es sich „auswächst“, gehören nicht dazu.
    In den vergangenen Jahren wurden verschiedene Studien zur Neurotransmitteranomalie (Dopamin) durchgeführt. Bekannt geworden sind die Untersuchungen von den Krauses, in denen sich zeigte, dass bei Betroffenen im Striatum eine erhöhte Dichte der Dopamintransporter der Fall ist, die durch Ritalin reduziert wird. Dadurch dockt der Transmitter an den Rezeptoren länger an, weshalb er in dopaminergen Bereichen länger zur Verfügung steht.
    Der Expertenstreit dreht sich derzeit um die Henne-Ei-Frage: Was ist Ursache, was ist Folge? Bedingen Umwelteinflüsse und Erziehung diese Anomalie oder ist die Anomalie als Störung der Informationsverarbeitung einer der Faktoren, der zur Entstehung von ADHS beiträgt?

    Sie wissen, dass ich eine andere Auffassung vertrete – was nicht ganz einfach war, nachdem ich jahrelang die Hypothese vertreten habe, das Verhalten sei erblich bedingt und nicht heilbar. Erblich bedingt dürfte stimmen, in der Linie meines Vaters kommt es gehäuft vor. Geheilt muss es nicht werden, im Gegenteil, denn es ist keine Krankheit, sondern das komplementäre Gegenstück (im Denken) zum normalen Denken und Verhalten. Da sich die Forschung einseitig nur mit dem Verhalten beschäftigt, das Denken bzw. Unterschiede im Denken aber bisher nicht untersucht wurden und werden – sieht man von Untersuchungen ab, in denen die ‚normale‘ Art der Aufmerksamkeit als Maßstab genommen wird – , kann man diesen Unterschied auch nicht feststellen.
    Da einige Jahre vor mir eine Mathematikerin, Inge Schwank, zur selben Entdeckung gekommen war wie ich, allerdings ohne dass sie sich mit ADHS beschäftigt hätte, sehen unsere Zahlen anders aus: es gibt erheblich mehr von meinesgleichen, schätzungsweise ein Viertel aller Menschen gehören zu meiner Gruppe, die meisten allerdings ohne die ADHS-Ausprägung. Schwank nennt unsere Art zu denken eine Begabung und meinte einmal, in die höheren Bereiche der Mathematik könne man nur mit einem gehirn bzw. einem Denken wie dem unseren kommen … Kreativität, ;-).
    Ich bin auch nur deshalb darauf gekommen,
    – weil ich selber betroffen bin,
    – drei meiner Kinder betroffen sind,
    – im Februar 1999 an der Humboldt-Universität zu Berlin ein Kongress zum Thema stattfand, in dem es um die Frage ging, ob man es mit einer Störung zu tun habe, oder ob ADHS ein Kreativitätszeichen sei
    – ich neben einer Selbsthilfegruppe für Eltern dieser Kinder auch einen Arbeitskreis zum Thema leitete
    – ich im Herbst 1999 an einer Fortbildung teilgenommen habe, in der es zunächst u.a. um die üblichen Fragen ging: Wann sind wir selber bereit, Hilfe von anderen anzunehmen, und wann lehnen wir sie ab? Wie reagieren wir, wenn man uns ‚gute Ratschläge‘ gibt?
    – und weil mir und den anderen Teilnehmern eine Grafik mit dem Kanizsa-Dreieck präsentiert wurde mit der Frage, was wir spontan auf den ersten Blick sehen – und sich herausstellte, dass, wer zur normalen Gruppe gehört, nur auf die Frage antwortet und auf die Grafik reagiert, während Meinesgleichen unbewusst einen Zweck mitdenkt und auf diesen hin antwortet.

    Trice, 03.08.2017, 15.43 Uhr

  5. Als Betroffener von ADS (mein Sohn hat ADHS) finde ich die Sicht des Artikel spannend. Er belegt aber in keiner Weise einen “Irrtum” der Psychologie in dieser Frage. Die These müsste schon anständig falsifiziert werden. Ich weiß natürlich, dass persönliche Betroffenheit kein Beleg für irgendwas ist. Aber eines kann ich gewiss sagen: Ich was schon im Grundschulalter anders als andere Kinder (man sagte zu solchen Kindern “Träumer” oder ähnliches). Dies war akademisch extrem hemmend und sozial nicht immer einfach. Damals gab es weder Diagnose noch Therapie. Da hieß es einfach: anstrengen! Der Leidensdruck ergibt m.E. die Krankheit. Ist dieser hoch genug und mit messbaren Symptomen verbunden, rechtfertigt dies meist eine Behandlung. Ich hätte im Leben vieles leichter gehabt, auch wenn ich es zum Akademiker gebracht habe. Mein Sohn soll nicht ähnliche Qualen durchleben. Er wird lege artis behandelt.

  6. @Anonym: Betroffenensicht

    Vielen Dank für Ihre Betroffenensicht.

    Was ist denn Ihrer Meinung nach “die psychologische These”? Es gibt ja auch innerhalb der Psychologie verschiedene Sichtweisen darauf.

    Ich persönlich würde etwa kontrollieren, ob die Probleme nur in einem Kontext bestehen oder nicht; wer z.B. in der Schule nicht aufpassen kann aber zwölf Stunden ununterbrochen mit voller Aufmerksamkeit Counterstrike spielt, der hat meiner Meinung nach keine Aufmerksamkeitsstörung, vielleicht aber ein Motivationsproblem.

    Ich will nicht bestreiten, dass Sie mit entsprechender Therapie besser funktioniert hätten; aber wir würden wahrscheinlich alle mit Amphetamin oder Methylphenidat besser funktionieren… oder mit dem richtigen Coaching. Je nachdem, auf welches “Funktionieren” es ankommt.

    In solchen Fällen könnte man den Kontext ändern (im Sinne von: die Umwelt anpassen) oder den Kontext ändern (im Sinne von: sich eine andere Umwelt suchen). Wenn das Problem über mehrere Kontexte bestehen bleibt, bin ich eher geneigt, das Problem im Individuum zu verorten.

  7. @ Anonym / Stephan Schleim: Aufmerksamkeit

    Inzwischen nennt man das “hypoaktiv”. Diese Form kommt vor allem bei Mädchen / Frauen vor, weshalb man von einem unzutreffenden Geschlechterverhältnis ausgeht, also meint, es gebe mehr männliche als weibliche Betroffene. Dieses Bild hat sich erst mit der Umbennenung von HKS in ADHS gewandelt, woran u.a. in Deutschland Dr. Helga Simchen ihren Anteil hatte.

    Das trifft zu. Diese Auffassung wird u.a. auch von Prof. Ludger Tebartz von Elst vertreten.

    Zur Aufmerksamkeit: Interessant ist ja, dass es bis heute keine allgemein anerkannte Definition von Aufmerksamkeit und auch keine Kriterien gibt.
    Ich habe damals mit Unterstützung von Frau Schwank Aufmerksamkeit über ihre Funktion definiert:
    In den 70er Jahren gab es in der Psychologie heftige Diskussionen zur Frage der Form von Gedächtnisinhalten. Vom Tisch ist das Thema nicht, aber geeinigt hat man sich vorläufig darauf, dass die Inhalte unseres Gedächtnisses Propositinen und Bilder sind.
    Unter einer Proposition (als kleinster Wissenseinheit) versteht man eine Argument-Prädikat-Relation*, und bei allen nicht betroffenen Menschen richtet sich die Aufmerksamkeit auf diese Form der Beziehung , auf die Prädikate. Wenn etwas, das man sich merken und an das man sich erinnern will, gedächtnisrelevant werden soll, dann sind es nicht die Einzelheiten, die Details, an die man sich zuerst erinnert, sondern an den Zusammenhang zwischen diesen Einzelheiten in dieser abstrakten Form. Schwank spricht deshalb vom prädikativen Denken der Mehrheit.

    Bei Menschen mit ADHS (und bei der funktionalen Gruppe ganz allgemein) richtet sich die Aufmerksamkeit auf eine andere Art von Relation: auf Funktionen. Eine Funktion stellt die beziehung her zwischen Elementen der Definitionsmenge (was ist wichtig?) einer Grundmenge (mit welchen Umständen hat man es aktuell zu tun?) und mindesten bzw. höchstens einem Element einer Zielmenge (Worauf kommt es an, was soll herauskommen, worum geht es?). Diese Art der Beziehung ist für Meinesgleichen gedächtnisrelevant.
    Wenn im Unterricht ein bestimmter Stoff behandelt wird, dann geht es meist darum, den Schülern Beziehungsverhältnisse zu vermitteln: “Das ist…, das hat.., das wird gemacht, usw”. Wenn ein ADHS-Schüler dies im Unterricht noch einigermaßen verstanden hat, er es daheim aber nicht mehr ‘zusammenbekommt’, dann liegt das daran, dass er keine Funktion zu einer Zielmenge hat herstellen können, die im Gedächtnis geblieben wäre.
    Das hat also nichts mit mangelnder Aufmerksamkeit zu tun, sondern mit ungeeigneter Didaktik.

    Die Frage ist, was man erreichen möchte: Will man diese Kinder und Erwachsenen an die Art der nicht betroffenen Mehrheit adaptieren, um sie ‘gleich’ zu machen, sind medikamentöse Behandlung, Neurofeedback, Verhaltens-, Ergo-, bzw. sogenannte multimodale Therapien angesagt.
    Möchte man die Kinder in ihrer Eigenart fördern und ihnen helfen ihre Fähigkeit zum komplexen Problemlösen, zum blitzschnellen Erfassen von komplexen Sachverhalten, und ihre Fähigkeit exponentiell antizipieren zu können entwickeln, dann sind die soeben genannten Maßnahmen kontraproduktiv.
    Zum Glück haben wir Ritalin nur bei einem unserer Kinder für eine kurze Zeit eingesetzt, sodass wir ihnen diese Fähigkeiten nicht genommen haben. Sie wären heute nicht da, wo sie jetzt sind, sie würden nicht schneller denken können als andere und vor allem nicht mit ihren weitreichenden Entscheidungen richtig liegen.

    * Proposition als Argument-Prädikat-Relation:
    Im Satz “Der Bleistift hat eine Mine aus Graphit” ist das “hat-ein” das Prädikat, Bleistift und Mine aus Graphit sind die Argumente.
    Im Satz “Mit Bleistift darf man keine amtlichen Schriftstücke unterschreiben” wurde zwischen dem Bleistift als Element einer Definitionsmenge (Bleistifte, Kugelschreiber) und dem Element (Unterschrift) einer Zielmenge (amtliche Schriftstücke) eine Funktion hergestellt.

    Bei einem Vergleich zwischen Bleistiften und Kugelschreiber, entspricht der erste propositionale Satz dem allgemeinen verständnis dessen, worauf man seine Aufmerksamkeit richtet, nämlich auf die statische Eigenschaft.
    Die zweite Antwort entspricht nicht der Forderung für einen Vergleich der Stifte, weil sich die Aufmerksamkeit nicht auf deren statische, invariante Details und die Art ihrer Beziehung, sondern auf die Funktion der Stifte gerichtet hat.

    Trice 04. August 2017 11.39 Uhr

  8. omg – die Zitate vergessen, sorry, 🙁

    Ich was schon im Grundschulalter anders als andere Kinder (man sagte zu solchen Kindern “Träumer” oder ähnliches)

    Inzwischen nennt man das “hypoaktiv”. Diese Form kommt vor allem bei Mädchen / Frauen vor, weshalb man von einem unzutreffenden Geschlechterverhältnis ausgeht, also meint, es gebe mehr männliche als weibliche Betroffene. Dieses Bild hat sich erst mit der Umbenennung von HKS in ADHS gewandelt, woran u.a. in Deutschland Dr. Helga Simchen ihren Anteil hatte.

    Der Leidensdruck ergibt m.E. die Krankheit.

    Das trifft zu. Diese Auffassung wird u.a. auch von Prof. Ludger Tebartz von Elst vertreten.

    @ Dr. Webbaer: ADHS ist keine Art Sammelkrankheit, sondern nicht einordenbar, weil man nicht weiß, wodurch es verursacht wird und man, um es diagnostizieren zu können, halt entsprechende Kriterien formuliert wie Unaufmerksamkeit, Impulsivität, Hyperaktivität. Und da es weder eine Definition von Aufmerksamkeit gibt und niemand eine Ahnung hat, wie das menschliche Gehirn arbeitet, fehlt die Vergleichsmöglichkeit.

  9. Wenn ich den Text richtig verstehe, scheint ADHS in den breiteren Kreis des gerade zu pandemisch auftretenden FNSWE-Syndroms (Funktioniert-nicht-so-wie-erwünscht) zu gehören.

  10. Ich bin via telepolis auf Ihren Artikel aufmerksam geworden. Und möchte – gegen jede Statistik nur ein Einzelschicksal beschreiben, welches mehr den kranken Charakter des Systems, welches ADHS diagnostizieren will beleuchtet als den Menschen, der mit dieser Diagnose leben soll.
    Der Sohn einer Freundin von mir geht in die Grundschule in einer sehr bürgerlichen Gegend. Die Familie selber hat einen migrantischen Hintergrund, ist auf Grund konkreter Fluchterfahrungen und dem nicht willkommenen Ankommen in Deutschland traumatisiert. Beide sprechen fliessend deutsch. In der Schule wird das Kind von seinen Mitschülern, die zumeist deutlich jünger sind wie er, gemobbt. Der Stress nimmt zu, die Klassenlehrerin, die Schulsozialarbeiterin sind mit der Situation überfordert, das Kind beginnt, sich einzunässen, wird stärker gemobbt. Das Kind reagiert agressiv. Das Einnässen stellt sich als guter Fluchtweg aus der Schule heraus: du musst nach Hause!
    Die Schule schaltet das Jugendamt ein, die Mutter sucht einen Arzt auf – “gibt es ein Medikament gegen das Einnässen?” – “Klar doch, wir haben da ja Ritalin in der Schublade”. Eine Untersuchung, ob andere Therapien vor der medikamentösen in Frage kommen, bleibt aus.
    Haben wir: ein Kind nimmt Ritalin, damit es sich nicht einnässt, eine Schule, die sich Sorgen um das Kindeswohl macht, ein Jugendamt, welches Gewalt von Seiten der Mutter befürchtet (Ich kenne die Familie sehr gut, und kann das mit Sicherheit ausschliessen).
    Und nun kommt die Maschine so richtig in Fahrt: der Arzt, der die fällige Untersuchung versäumt hatte, will sie schnellst möglich nachholen – da hat er ja den Kollegen aus der Studienzeit, der das macht. Dieser hat den Kollegen aus der Studienzeit, der dann auch das Kind nach seiner Art therapieren kann. Die von der Lebhaftigkeit und Fantasiefülle des Kindes (“ADHS”) überforderte Schule ist den Jungen los – er kommt in eine andere Einrichtung. Dem Kindeswohl schadet ein Arztwechsel – das wäre unkooperativ und könnte möglicherweise beim Familiengericht und einer Pflegefamilie enden.
    Und so ist diese Familie in einem Umfeld angekommen, in dem alle davon leben, dass diese Familie als krank bezeichnet wird. Aber die Umweltstrukturen, die wirklich für die Entwicklung dieser Familie verantwortlich sind: eine Schule, in der man ruhig sitzen muss, keine Ideen entwickeln, nicht toben darf – ein Land, welches Menschen ständig in der Angst, abgeschoben zu werden, hält – ein medizinisches System, welches aus Seilschaften besteht, das “ADHS” – Diagnosen als Geschäfstmodell benutzt – ein Jugendamt, welches dem Kindeswohl dienen will und in seinen eigenen Formmalismen erstickt – werden nicht zum Thema, geschweige denn verändert.
    Dies schreibe ich nur, um zu zeigen, dass all die Statisitk, wenn sie dann im Leben ankommt, mitunter verheerende Konsequenzen hat und nebenbei mal ganze Familien zerstört. Von den Auswirkungen im „Lebenslauf“ bei der Berufswahl und so rede ich noch gar nicht – das kommt vermutlich auch noch.

  11. @ Stephan Schleim /much ado about nothing?

    Ich habe mir gestern kurz die Kommentare auf Telepolis angeschaut – immerhin über 500, aber nichts Erhellendes darunter. Imgrunde nichts Verwunderliches, denn das Thema ist ‘ausgelutscht’: seit mindestens 20 Jahren tut sich auf diesem Sektor nichts Neues mehr. Ob sich neben dem Laktophilin-sowieso-Gen ein weiteres findet, das eins der Symptome auslöst .. wen interessiert’s?
    Unterschiedliche Hirnstrukturen haben sich durchgehend nicht bestätigen lassen. Im EEG kann man allenfalls feststellen, dass, es Unterschiede, was die Vigilanz betrifft, gibt, aber nicht, worauf sie zurückzuführen sind. mesungen des Blutdurchflusses misst zeigen ebenfalls nur die Unterschiede, nicht die Ursache(n).
    Und auch wenn es niemand hören will: Mit den Mitteln der empirischen Wissenschaften werden sie sich nicht finden lassen. Da aber nur Untersuchung mit ausgeprägter Empirie eine Chance auf Veröffentlichung haben, erhält man, was der Fall ist: Stagnation.

    Bei Behandlungsmethoden ist es dasselbe Lied: Medikamentös ist MPH nach wie vor am ‘wirksamsten’, will man das vermeintlich gestörte Verhalten an das vermeintlich normale anpassen – d.h.: Ritalin, Medikinet oder Concerta.
    Bei Neurofeedback wird die Blickrichtung entsprechend fokussiert, für die Kinder unendlich mühsam und anstrengend, wie auch andere Methoden zur Lenkung der Blickrichtung.
    An Verhaltenstherapien scheint Döpfners THOP nach wie vor das Mittel der Wahl zu sein – hoffen wir mal, dass Eltern keine anderen Hobbies haben, wenn sie das konsequent durchziehen wollen. Und die Selbstinstruktions-Methoden sind, wie könnte es anders sein, ebenfalls an der Art und Weise ausgerichtet, wie normales Denken funktioniert: “Achte auf statische, invariante Details, stelle Beziehungen zwischen ihnen her, gehe Schritt für Schritt vor, usw.”
    Ähnlich die Vorschläge von Lauth und Schlottke, wobei ich interessant fand, wie Lauth einmal Aufmerksamkeit anhand einer Aufgabe erklärte, die an den Matching Familiar Figures Test (MFF) erinnerte: ein Symbol ist vorgegeben, und unter sechs weiteren, von denen fünf in je einem Detail von der Vorgabe abweichen, ist das sechste, identische, herauszufinden … wieder die Beachtung invarianter Details und der Art ihrer Beziehung, auf die dabei geachtet werden muss, darauf muss sich die Aufmerksamkeit richten, wenn sie als normal gelten soll.

    Dass sich mit dieser vermeintlichen Störung Geld verdienen lässt, ist klar – und da bisher nicht bekannt ist, was es mit dem abweichenden Verhalten und Denken auf sich hat, ist das Thema ein Markt für ‘alternative’ Heilmittel – ob man diese Indigokinder mit Homöopathie, Bioresonanz, Bachblüten behandelt – man kann natürlich auch Engel rufen oder Almprojekte durchführen -, oder ob man die Ursache in den Sternen sucht: Alles findet seine Abnehmer, und nahezu für alles gibt es positives Feedback.

    Bleibt noch, die Schuld bei den Eltern, der Gesellschaft, der Umwelt zu suchen – entweder ihre Erziehung ist zu permissiv oder sie ist autoritär oder das Kind wird nicht hinreichend geliebt, weil es nicht so ist – wie @Paul Stefan schreibt – wie man es sich erwartet.
    Reizüberflutung ist allerdings auch sehr beliebt als Auslöser, Nahrungsmittel dagegen sind vom Tisch.

    Der langen Rede kurzer Sinn: 30 Jahre ADHS und nichts Neues hat sich getan. Der Streit, ob heilbare Störung oder nicht heilbare Krankheit wird weiterhin toben, er hilft vor allen Dingen denen, die daran verdienen, aber in der Sache ändert sich nichts und wird es auch nicht, solange man die Ursache dort sucht, wo sie mit Sicherheit nicht zu finden ist. Und inzwischen kommt es darauf wohl auch nicht mehr an, denn glücklich macht die Devise der Borg: Ihr werdet assimiliert, Widerstand ist zwecklos.

    Abkürzungen: MPH – Methylphenidat-Hydrochlorid
    THOP -Therapieprogramm bei Hyperaktivem und Oppositionellem Problemverhalten

    Trice, 06. August 2017, 10.32 Uhr

  12. @Trice: Störung oder Talent

    Ich kenne mich da zu wenig aus und habe daher keine Fachmeinung dazu. In der Diskussion im Telepolis-Forum haben sich aber einige Leserinnen und Leser (“Betroffene”) gemeldet, die Ihren Standpunkt stützen. Wo ich mitdiskutiert habe, habe ich auch auf Ihre Untersuchungen verwiesen.

    Es gibt ja eine ähnliche Bewegung bei den Autisten, jedenfalls der Subgruppe der sogenannten “Asperger”: Wir sind anders, nicht krank; seht unsere Talente! Stichwort: Neurodiversity.

    Nicht ganz konsequent ist es dann allerdings, doch auf Psychotherapie zu beharren (dann müsste man eher ins Coaching) oder gar auf dem Schwerstbehindertenausweis, mit dem man eben bestimmte Privilegien bekommt. Mir sind solche Fälle persönlich bekannt.

    Aber ja – diese Menschen haben es meiner Erfahrung nach schon so schwer, warum sollten sie nicht auch einmal irgendwo Vorteile haben?!

  13. @Trice: Im Westen nichts Neues

    Da haben sich unsere Kommentare überschnitten…

    Sie sagen jetzt: much ado about nothing. Aber das ist doch gerade der “Witz” der Sache: Obwohl die Forschung seit Jahrzehnten nicht das vorherrschende Paradigma stützt, geht es immer so weiter.

    Wenn das nicht einen Artikel wert ist, was dann?

  14. @anonym: Probleme mit den Behörden

    Vielen Dank erst einmal, dass Sie diese Erfahrung hier teilen.

    Ich glaube Ihnen. Ich glaube (hoffe) aber auch, dass dies eher Einzelfälle sind und nicht die Regel; aber solche Fälle gibt es mit Sicherheit.

    Ich bin auch einige Male in meinem Leben mit Behörden aneinander geraten. Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem man so etwas widerspruchslos schluckte. Durch komische Erfahrungen mit dem BAFöG-Amt schaute ich ein erstes Mal in ein Gesetz und bekam Recht. Heute habe ich auch einige Dinge vor Gericht ausgefochten (Verwaltungsgericht); einige entscheidende Male bekam ich Recht, andere Male nicht.

    Heute würde ich sagen: Wo es geht, sollte man es auf der menschlichen Ebene versuchen. Es auf dem juristischen Weg durchzusetzen, kostet viel Kraft und Geduld und ist schwer, wenn man es selbst macht (will sagen: kein Anwalt ist).

    Die Menschen in den Behörden haben viel Macht, Sie schreiben es ja selbst, und nicht alle verwenden diese Macht im Guten, sei es aus Schlampigkeit, Unfähigkeit oder gar aus Böswilligkeit. In einem Beschwerdeverfahren mit dem Arbeitsamt bekam ich schlicht Recht, weil ich, wie mir der Sachbearbeiter am Telefon sagte, “ihm keine Märchen erzählt habe” (sprich: nicht gelogen habe). Ich hätte gerne vor Gericht bewiesen, dass er Fehler gemacht hat, aber so weit kam es dann ja nicht. Da ging es aber “nur” um ein paarhundert Euro und ich hatte Ersparnisse. Nicht jeder ist in so einer guten Lage.

    Ich kenne mich in Ihrem Fall nicht aus; aber meine Empfehlung wäre: Sich Hilfe von anderen Institutionen suchen. Gibt es Selbsthilfegruppen? Kommen vielleicht Kirchen in Frage? Kann man sich strategisch von jemandem mit juristischem Sachverstand beraten lassen, ohne das der Behörde gleich aufzutischen? Denn dann wird es schnell “ernst”. Wichtig ist auch, alles gut zu dokumentieren, Zeugen mit in Gespräche zu nehmen, hinterher Notizen zu machen, sollte es doch zu einem Ernstfall kommen.

    Falls hier sonst niemand hilft, schreiben Sie es noch einmal ins Telepolis-Forum. Da ist viel los und geben andere manchmal hilfreiche Tipps.

  15. @ anonym

    Einzelschicksale interessieren nicht, da haben Sie recht. Die Menge der diversen Einzelschicksale zeigt aber, wie wenig man bisher weiß, wie ungenau die Diagnosekriterien derzeit sind, auch wenn Wissenschaftler des Zentralen ADHS-Netzwerkes Anderes behaupten: ADHS im Kindes-Jugendlichen- und Erwachsenenalters könne genauso zuverlässig diagnostiziert werden, wie andere psychische Störungen (sic!) auch.

    Dagegen gab die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie 2013 ein Memorandum heraus, in dem es heißt: “Zu den Ursachen zählen sicherlich vielfältige Belastungen und der dadurch oft entstehende Druck auf die Kinder und ihre Familien.” Dies trifft wohl auch auf die von Ihnen genannte Familie zu.

    Tragisch daran ist, dass bisher keine Abgrenzung zwischen Verhaltensweisen psychisch kranker oder traumatisierter Kinder einerseits und von AHS betroffenen Kindern andererseits erfolgt ist.

    Ich hatte bereits die Arbeit von Kramer und Pollock erwähnt, die Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren beschrieben: ” Bei der Bewegungsunruhe, die wir meinen, ist die kindliche Persönlichkeit offensichtlich nicht eine handelnde; die Gegenstände der Umwelt werden nur als Objekte benutzt an denen sich Bewegungstendenzen verwirklichen können, sie interessieren nur, solange sie als Reize wirken; sie locken aber nicht als Gegenstände mit bestimmten objektiven Funktionen. Ihr Verhalten wird überwiegend von dem Bedürfnis beherrscht, immer wieder allerlei Dinge anzufassen, allerlei bewegliche Dinge anzuschleppen, und den Platz und die Lage transportabler Dinge zu ändern, ohne daß damit ein Zweck erreicht wird oder daß man ein Motiv erkennen kann. Hantierungen an Wasserhahn und Lichtschalter wurden schon erwähnt. Sie lassen sich beliebig ergänzen; Türen werden an den Angeln hin und her bewegt, die Tasten des Klaviers planlos angeschlagen, Schlüssel werden im Schlüsselloch herumgedreht, ohne daß dabei in sinnvoller Weise ein Auf- oder Zuschließen beabsichtigt wird(…). Sie klettern auf Tische, Schränke, Konsolen, um (..) Sachen herunterzunehmen. In fast allen Fällen, die wir beobachteten, fand sich eine ausgesprochene Vorliebe für das Zerreißen von Papier und für sinnlose Kritzeleien mit dem Schreibstift. (…) Oft wird berichtet, daß sie nie gehen, sondern immer nur laufen, und daß ihr Laufen nicht zielgerichtet sei …usw.usf.” (S.9f)

    Auch wenn es auffallend ist, dies ist ein völlig anderes Verhalten als das eines gestörten oder traumatisierten Kindes.

    Beschrieben wird dieses Verhalten auch von Wilhelm Busch in den Geschichten von Julchen Knopp:

    Wohl getan ist dieses nun, Julchen kann was andres tun, 🙂

    Quellen:

    Rothenberger, A., Neumärker, KJ. (2005). Wissenschaftsgeschichte der ADHS – Kramer-Pollnow im Spiegel der Zeit. Darmstadt: Steinkopff

    Trice, 06. August 2017, 13.04 Uhr

  16. @ Stephan Schleim: Störung vs. komplementäre Art

    Danke, dass Sie in Telepolis auf meine Untersuchungen hingewiesen haben. Es stimmt schon, dass es Viele gibt, die im Verhalten ebenfalls keine Störung sehen, was allerdings nicht viel hilft. Denn auch wenn inzwischen Minderheiten in den gesellschaftlichen und politischen Diskussionen mitmischen, ist es dennoch die Mehrheit, die die Norm bestimmt – auch die des Verhaltens, des Denkens, der Aufmerksamkeit, usw. Auch der Druck in Richtung Inklusion ist da keine Hilfe, weil das, was mit ADHS bezeichnet wird, nach wie vor als Behinderung gilt, nur dass betroffene jetzt offiziell ‘teilhaben’ dürfen, was sie allerdings auch vorher schon getan haben.

    Es geht nicht einmal darum, ob es sich um Talent bzw. Kreativität handelt. Das war damals für mich der Anlass, mit zwei Sozialpädagoginnen, eine Lehrerin und dem Leiter der Erziehungsberatungsstelle sowie einigen Eltern eine Arbeitsgemeinschaft zu bilden, die den Zweck haben sollte, in der Öffentlichkeit auf die Talente und Fähigkeiten dieser Kinder und Erwachsenen hinzuweisen und sie publik zu machen. Dass es dann anders kam, weil ich durch Zufall auf die richtige Erklärung stieß, damit hat niemand gerechnet, und ich schon gar nicht.

    Es mag inkonsequent erscheinen, wenn ich dennoch in schlimmeren Fällen für die Einnahme von MPH plädiere: da ich die Gesellschaft nicht und die Wissenschaft nicht zu einem Umdenken bewegen kann, betroffene Kinder aber dieses Schlsystem überleben müssen, wenn sie im Leben nicht scheitern sollen, sind Ritalin und Co – vorübergehend gegeben – das kleinere Übel.

    —–

    Ja, genau das ist der “Witz” an der Sache: Man macht weiter wie bisher, auch wenn die Forschung das Paradigma nicht stützt (scheint, als habe Kuhn Unrecht..?). Das ist nicht nur einen Artikel, es war mir auch ein Buch wert: “ADHS-ein wissenschaftliches Fiasko”

    Off topic: Meine Antwort an “anonym” scheint im Nirwana verschwunden zu sein, aber sie jetzt noch einmal zu schreiben, freut mich nicht, denn ich hatte einen längeren Text zitiert und diesen jetzt noch einmal zu schreiben, dazu fehlt mir momentan die Lust, :-(.
    Zuvor klappte schon das captcha nicht, es wird offenbar wieder gebastelt.

    Trice, 06.August 2017, 13.37 Uhr

  17. @ Kommentatorenfreundin ‘Trice’ :

    Auf jeden Fall vielen Dank für Ihre Nachrichten zum Thema, Sie erklären sich ja zusammen mit Teilen Ihres Nachwuchses für betroffen, sind vom Fach, der Schreibär dieser Zeilen nicht, er ist ja auch eine Kunstfigur und seine “Dienstmeinungen” unterscheiden sich schon “ein wenig” vom laienhaft-dilettantisch hier Beigetragenen, sie sind wesentlich konformer, auch um nicht anzuecken.
    An Aufmerksamkeit mangelt es ihm aber selbst als Kunstfigur nicht, insofern kann bei ihm “ADHS” kaum diagnostiziert werden, wobei sich der Sanguiniker natürlich schon ein wenig exponiert.
    Sie selbst leiden erkennbar auch nicht an einem Mangel an (eigener) Aufmerksamkeit. [1]
    Also : schwierig, Herr Stefan war so freundlich mit ‘FNSWE-Syndrom (Funktioniert-nicht-so-wie-erwünscht)’ zu ergänzen, “ADHS” meinend.
    Die Homosexualität, dies nur für Vergleichszwecke angemerkt, gilt ja heutzutage sinnhafterweise auch nicht als Krankheit oder Störung (auch wenn dbzgl. per se nicht-reproduktives Verhalten schon ein wenig auffällt, auch philosophisch irgendwie nicht ganz OK zu sein scheint).

    MFG + schöne Woche,
    Dr. Webbaer

    [1]
    Vielleicht sind Sie gar nicht betroffen?

  18. Bonuskommentar hierzu :

    In der Diskussion im Telepolis-Forum haben sich aber einige Leserinnen und Leser (“Betroffene”) gemeldet, die Ihren Standpunkt stützen.

    Interessant wären auch Beiträge von denjenigen, die nicht wie gemeint betroffen sind, aber welche kennen, die dies augenscheinlich sind oder sich explizit als betroffen erklärt haben.
    Also, hier hat Dr. Webbaer einige Erfahrungen gesammelt, als vermutlich Nicht-Betroffener, und hier mangelt es offensichtlich allgemein an Toleranz gegenüber den “Betroffenen” (sofern sie wirklich wie gemeint betroffen sind und nicht nur ein wenig anders sind).
    Der Schreiber dieser Zeilen hatte nie ernsthafte Probleme im Umgang mit diesen “Betroffenen”, manchmal hat er sich allerdings gefragt, ob sie nicht in oder an ihrer Umgebung leiden; bei einigen war z.B. relativ klar, dass sie innerfamiliär leiden, also bspw. vom Vater “bearbeitet” werden oder worden sind.

    Asperger spielt in einer anderen Liga, autistische Tendenzen, die darauf hindeuten, dass sich die eigene Persönlichkeit nicht oder nur unzureichend entwickelt hat, ist ganz anscheinend Störung oder Krankheit.

  19. Dr. Webbaer,
    indirekt betroffen,
    Als ehemaliger Lehrer glaube ich zu wissen, worum es hier geht. Es geht um auffällige Kinder.
    Die haben im Laufe der Jahrzehnte tatsächlich pro Schulklasse zugenommen. Während es in den 70iger Jahren einer pro Klasse war, sind die bis 2010 auf vier pro Klasse gestiegen.
    Ich hatte vorher den Begriff ADHS noch nie gehört und auch nie benützt.
    Als Krankheit habe ich das Phänomen der Hyperaktivität nie betrachtet, weil die Ursachen auf der Hand liegen.
    Falsche Lebensführung. Falsche Ernährung, zu wenig Bewegung, keine Möglichkeit die Aktivität abzubauen.Eine andere Ursache ist das Fehlen von Spielkameraden, durch die vielen Einzelkinder. Die haben früher ihre Aktivität und aggresivität untereinander selbst abbauen können. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die Bräuche in vielen Dörfern, wo sich die jungen Männer regelmäßig getroffen haben um sich gegenseitig zu prügeln. Das ist jetzt kriminalisiert worden, wofür ich kein Verständnis habe.

    Medikamente, die Ruhigstellung bewirken kenne ich nicht. Man gibt einem solchen Kind die Möglichkeit die Aktivität auszuleben. Sportvereine sind sinnvoll.
    Wenn jemandem dieser Beitrag zu trivial vorkommen sollte, dann bitte ich nicht um Entschuldigung.

  20. trice,
    ….ratlos,
    so kommt mir die Diskussion vor, wo doch die Gesellschaft als Ganzes auf den Prüfstand gehört.
    Wer spricht von den schlimmen Videospielen, wo eines ausreicht, um das “Seelenkostüm” eines Menschen für das ganze Leben zu prägen.
    ADHS ist zwar sinnvoll, damit man weiß , worüber man spricht, aber es lenkt vom eigentlichen Problem ab, unserer Gesellschaft und ihrer Kinderfeindlichkeit, in Form von Mißachtung von Kinderinteressen.
    Bei uns werden immer noch “Spielstraßen” gebaut, um keine Kinderspielplätze ausweisen zu müssen. Bei uns werden Spielplätze direkt an den vielbefahrenen Straßen gebaut. Die Kinder atmen dort die Autoabgase ein . Ein Verkehrspolizist darf aus diesem Grunde nur 2 Stunden den Verkehr regeln.
    Für Kinder gelten solche Bedenken nicht.

  21. @ Kommentatorenfreund ‘bote17’ :

    Wenn jemandem dieser Beitrag zu trivial vorkommen sollte, dann bitte ich nicht um Entschuldigung.

    Wird hiermit entschuldigt, Dr. W, selbst aus einer alten Pädagogenfamilie stammend, wenn auch selbst nur sporadisch pädagogisch tätig geworden, kann bestätigen, dass A) Jungen in ihrem Ausübungs-Drang schon gelegentlich ein wenig übergriffig werden und B) es diesbezüglich insbesondere auch weibliche Lehrer “versacken”, wenn sie hier pathologisieren bis kriminalisieren.

    Das Pathologische findet sich hier womöglich zuvörderst in der weiblichen Lehrerschaft.
    Es ist insofern ein Bonmot, dass weibliche Lehrer oft diesbezüglich die Schnauze halten sollten, solange sie nicht selbst gebärt haben.
    Auch weibliche Lehrer dürfen gebären, dies ist auch ihre Aufgabe, es ergibt sich hier sozusagen -den allgemeinen Bestandserhalt meinend- eine Pflicht.
    Eine Pflicht, die rekursiv ist für das Leben.

    Nicht unwitzig, wenn auf Verlautbarung der Art Gender Studies geschaut wird, auf derartige sittliche Niedriegkeit. aber für die Gesellschaft lebensnotwendig.

    Es war insofern, in alter Pädagogenfamilie, auch stets ein Gag, wenn junge Frauen Familien beraten haben.


    Es stellt sich, gerade auch vor diesem Hintergrund, vor dem Hintergrund der zunehmenden Feminisierung der pädagogischen Grundausbildung, die Frage, wer hier eigentlich das Problem ist.

    MFG + schöne Woche noch,
    Dr. Webbaer

  22. @ Kommentatorenfreund ‘bote17’ :

    Wenn jemandem dieser Beitrag zu trivial vorkommen sollte, dann bitte ich nicht um Entschuldigung.

    Wird hiermit entschuldigt, Dr. W, selbst aus einer alten Pädagogenfamilie stammend, wenn auch selbst nur sporadisch pädagogisch tätig geworden, kann bestätigen, dass A) Jungen in ihrem Ausübungs-Drang schon gelegentlich ein wenig übergriffig werden und B) es diesbezüglich insbesondere auch weibliche Lehrer “versacken”, wenn sie hier pathologisieren bis kriminalisieren.

    Das Pathologische findet sich hier womöglich zuvörderst in der weiblichen Lehrerschaft.
    Es ist insofern ein Bonmot, dass weibliche Lehrer oft diesbezüglich die Schnauze halten sollten, solange sie nicht selbst gebärt haben.
    Auch weibliche Lehrer dürfen gebären, dies ist auch ihre Aufgabe, es ergibt sich hier sozusagen -den allgemeinen Bestandserhalt meinend- eine Pflicht.
    Eine Pflicht, die rekursiv ist für das Leben.

    Nicht unwitzig, wenn auf Verlautbarung der Art Gender Studies geschaut wird, auf derartige sittliche Niedriegkeit. aber für die Gesellschaft lebensnotwendig.

    Es war insofern, in alter Pädagogenfamilie, auch stets ein Gag, wenn junge Frauen Familien beraten haben.


    Es stellt sich, gerade auch vor diesem Hintergrund, vor dem Hintergrund der zunehmenden Feminisierung der pädagogischen Grundausbildung, die Frage, wer hier eigentlich das Problem ist.

    MFG + schöne Woche noch,
    Dr. Webbaer

    PS:
    Zweiter Versuch, in der BRD sind womöglich heutzutage bestimmte Zensur-Kräfte am Werke…

  23. @Dr.Webbaer

    Sie selbst leiden erkennbar auch nicht an einem Mangel an (eigener) Aufmerksamkeit. Vielleicht sind Sie gar nicht betroffen?

    Sehen Sie, das ist das Problem mit dem Begriff “Aufmerksamkeit” und der Behauptung einer Aufmerksamkeitsstörung: Definiert ist der Begriff, man bekommt keine Erklärung, was mit Aufmerksamkeit gemeint ist – oder mit ihrem Mangel -, aber man weiß selbstverständlich, dass Meinesgleichen an einer Aufmerksamkeitsstörung leidet.

    Wenn man also meint, dass jemand an einer Störung der Aufmerksamkeit leidet, dann sollte er erst einmal definieren -nein, nicht was Aufmerksamkeit ist, sondern worauf sie sich richten sollte.
    Das haben Schwank und ich beschrieben: die korrekte, richtige Aufmerksamkeit fokussiert auf einen zentralen Sachverhalt und richtet sich auf dessen (invariante) Details und auf die Art ihrer Beziehungen. Das geschieht automatisch, man muss es den Leuten nicht sagen. Bei ADHSlern funktioniert das aber nicht automatisch so, denn unsere Art der Aufmerksamkeit richtet sich auf Bewegungen, auf Wirkungsweisen, auf Zwecke. Das ist bisher nicht erkannt worden.
    Es ist also nicht so, dass wir tatsächlich nicht aufmerksam wären oder sein könnten, wir setzen nur andere Prioritäten, die von der Mehrheit als unwesentlich angesehen werden und weshalb unsere Art aufmerksamzu sein, fehlinterpretiert wird.

    Eine Logopädin berichtete einmal folgenden Fall: Sie fragte das ADHS-Kind: “wer sitzt in der Klasse neben dir?”, und erhält die Antwort: “Du, der Junge kann ganz toll schreiben.” Sie wiederholt die Frage und erhält nun die Antwort: “Also der Junge, der ist immer sauer, weißt du, der Tisch der hat doch eine Mitte, die nicht so lang gewht, sondern so, zwischen ihm und mir, und er ist immer sauer, wenn ich mit dem Arm auf seine Seite komme.” Die Logopädin erklärt das Verhalten des Kindes als typische Unaufmerksamkeit: das Kind habe nur: “..sitzt neben dir..” verarbeitet, der Rest sei seiner Aufmerksamkeit entgangen.
    Nichts könnte falscher sein als diese Interpretation. Was hat sie gefragt und was will sie vermutlich wissen? Sie fragte, wer sitzt in der Klasse neben dir … und wissen, will sie vermutlich den Namen des Kindes. Danach hat sie aber nicht gefragt, sie fragte nicht: Wie heißt das Kind, das neben dir sitzt?
    Ezwas, dass man wissen muss: Wer ADHS hat, denkt immer und ausnahmslos einen Zweck mit. Wenn die Frau fragt, wer neben dem Kind sitzt, welchen Zweck kann dann die Frage haben? Aus den Antworten des Kindes geht eindeutig hervor, dass sie den Banknachbarn des Kindes nicht kennt, was also soll sie mit dem Namen eines Jungen anfangen, das sie nicht kennt?
    Anderserseit ist das Kind bei ihr in Therapie, weil es etwas nicht kann, was andere Kinder können. Sie fragt nach dem Banknachbarn – was kann der, was das Kind vermutlich nicht kann? Antwort: Der Junge kann ganz toll schreiben. Da die Frage wiederholt wird, ist klar, dass dies nicht ist, was sie wissen will. Störung des Sozialverhaltens gehört ebenfalls zu den ADHS-Symptomen, also : “Der Junge ist immer sauer, weil..”

    Mit anderen Worten: das Kind hat die Frage sehr genau verstanden, es hat ihr nur enen Zweck unterlegt, den sie nicht hatte. So gesehen hat nicht das Kind, sondern die Logopädin eine Aufmerksamkeitsstörung, weil sie den Antworten des Kindes nicht genau zugehört hat – zudem hat sie eine uneindeutige, zweckfrei Frage gestellt. Mich hätte ja die Begründung interessiert, die sie abgegeben hätte, wenn man gefragt hätte, warum sie denn den Namen des Banknachbarn wissen will – und warum sie denn nicht gleich danach gefragt hat.

    Diese Uneindeutigkeit bei Hinweisen, Aussagen, Fragen Aufforderungen usw. , die bereitet mir und Meinesgleichen Probleme – nicht, weil wir unaufmerksam wären, sondern weil nicht klar ist, worauf die Leute eigentlich hinauswollen. Und für uns ist es jedes Mal ein Rätsel, wie von der normal ‘aufmerksamen’ Mehrheit auf dieser Minimalbasis Urteile und Entscheidungen getroffen, Schlussfolgerungen gezogen werden, ohne dass auffällt, dass wesentliche Teile fehlen.

    Sehen Sie, und das ist schon das ganze Problem. Ich stehe auch jedes Mal wieder wie der Ochse vor dem neuen Scheunentor, wenn so ein Satz kommt, dem jedweder Zweck zu fehlen scheint – und wenn man nachfragt, zur Antwort erhält: Darum kümmern wir uns, wenn es soweit ist.

  24. Liebe ‘Trice’,
    hierzu :

    Es ist also nicht so, dass wir tatsächlich nicht aufmerksam wären oder sein könnten, wir setzen nur andere Prioritäten, die von der Mehrheit als unwesentlich angesehen werden und weshalb unsere Art aufmerksam []zu sein, fehlinterpretiert wird.

    …macht der Webbaer genau so, er interessiert sich gerade auch für das Verdeckte, er wirkt insofern auf andere womöglich und zumindest gelegentlich : verwirrt.
    Allerdings kann er auch “Dienstmeinung”, also angepasstes Auftreten meinend, sogar recht gut, wenn er will.
    Insgesamt, und Ihr Kommentatorenfreund kennt Sie ja schon länger, erlaubt sich die Fern-Diagnose, dass Sie schlicht nur verständig sind – und “Dienstmeinungen” eher abhold.

    Was ist insofern mit “ADHS” gemeint?
    A: Das Unvermögen “Dienstmeinung” oder allgemein angepasstes Verhalten, sozusagen auf Zuruf, beizubringen.
    Gell?!
    Ansonsten sind die derart “betroffenen” Leutz ganz normal, wenn auch sozusagen per se unangepasst.
    Allerdings kennt Dr. W auch welche, die wirklich irritiert sind, durchaus i.p. “ADHS” diagnostiziert werden könnten.
    Diese gilt es aus seiner Sicht schlicht auszuhalten, weder zu pathologisieren, noch der Medikation (auf die Sie anscheinend stehen) zuzuführen; diese Gesellschaft darf toleranter werden.

    BTW, Leutz wie Donald J. Trump, Boris Johnson, Nigel Farage und wie sie alle heißen, sind ja auch nicht normal, sondern partiell exaltiert, ein Wort, eine Adjektivierung, die nicht genutzt worden wäre, hätten sie “es” nicht geschafft, ansonsten hieße es womöglich ebenfalls : “ADHS”.

    MFG + schöne Woche,
    Dr. Webbaer

    PS: Selbst das CAPTCHA scheint hier nicht mehr zuverlässig zu funktionieren, lol.

  25. @Dr. Webbaer

    momentan funktioniert so Einiges nicht, ich bin auf Umwegen ‘reingekommen, irgendwo scheint ein Server ausgefallen zu sein.

    Zum Thema: Sie haben recht, wenn Sie mit dem “Verdeckten” das Hinterfragen des Offensichtlichen meinen. Das ist aber nur ein sehr kleiner Teil des eigentlichen Problems, das u.a. darin besteht, dass man sich aussuchen oder ändern kann, was man beachten will oder nicht – es geschieht spontan, durchgängig und gehört zur genetischen Ausstattung, sprich: Anlage.
    Derzeit scheint unter den Begriff ADHS alles und jedes zu fallen, das in der ein oder anderen Weise nicht der Norm entspricht – entweder direkt oder als Komorbidität. Vor ein paar Jahren wurde auf einem Symposium einmal aufgelisstet, was so alles darunter fallen kann:
    Neurodermitis, Rheuma, Diabetes mellitus, Mucoviszidose, Anfallsleiden(Absencen) Gilles-da-la-Tourette-Syndrom, Lernstörungen, oppositionelles Verhalten, Angststörungen, Depressionen, Einnässen, Hörstörungen, Sehstörungen Schilddrüsenüberfunktion, atopische Erkrankungen.
    Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen, und ich meine, all das findet man auch, wenn man die Gruppe normaler Menschen untersucht. Hier nach einer Erklärung des Phänomens zu suchen, ist brotlose Kunst.

    Der von mir des öfteren erwähnte Prof. Dietrich Dörner wurde in den 80er Jahren sehr bekannt durch seine Untersuchungen zum komplexen Problemlösen. Darin beschrieb er das Denken und Verhalten seiner Versuchsteilnehmer: für die Mehrheit stellte er fest, dass sie auf Zustände fokussierten, deren Details und beachteten und sie zueinander in Beziehung setzten, und daraufhin ihr Handeln planten – und alle, die so vorgingen, fuhren damit nach anfänglichen Erfolgen die Dinge gnadenlos an die Wand. Eine Minderheit beobachtete dagegen die Vorgänge, griff dann vorsichtig ein, um die Folgen abschätzen zu können, und planten erst dann ihr Handeln, behielten aber alles, was sich parallel tat, im Blick. Dörner und sein Team versuchten damals herauszufinden, wie diese Minderheit gedacht haben könnte. Ich hatte ihn damals, nachdem ich sein Buch gelesen hatte, angeschrieben, denn mir waren die Parallelen zur Art der Aufmerksamkeit der Minderheit und der der Art der ADHSler aufgefallen – sie waren identisch. Ich bekam damals keine Antwort, Dörner erinnerte sich später aber an meinen Brief.

    Einige Jahre später untersuchten Schwank und ihr Team Schüler, um herauszufinden, wie sie im Umgang mit einem ihnen unbekannten didaktischen Material an dieses zur Lösung von Aufgaben herangingen und wie sie Algorithmen entwickeln. In ihrer Erstveröffentlichung schrieb sie:
    “some of these pupils started as it could be foreseen: Thea begin their work on the solution by analyzing the given problem, struturing it and trying to build up aconceptual framework in which they build in their preknowledge about previous problems and their solutions (…). Different from this behavior is the following (…): Pupils following this strategy are goal-orientated but they start with a first solution before they have completely structured their ideas; they develope their ideas in a dialog with the material; they analyze partial solutions to find the complete solution by modifying them.” *

    Das Letztere war, wonach Dörner und sein Team damals bei ihrer Minderheit gesucht hatten. Weitere Untersuchungen, die Schwank machte, zeigten, dass dieses Vorgehen keine Strategie ist, sondern andere Ursachen haben muss. Denn die Schüler gingen an Aufgaben spontan immer zuerst in dieser Weise heran, waren aber durchaus in der Lage, ihre Strategien zu wechseln, wenn sich eine andere als erfolgreicher erwies. Die spontane Sicht auf das Problem, die Art, in der es wahrgenommen wurde, ließ sich dagegen nicht ändern.
    Da die Wahrnehmung der Minderheit sich als zielorientiert beschreiben ließ, nannte Schwank diese Art die funktionale Art logischen Denkens.
    Als ich sie das erste Mal anrief und fragte, ob wie wisse, dass das, was sie funktionale Art des Denkens nennt, in der gesellschaft mit ADHS bezeichnet wird, sagte sie: “Wenn das zutrifft, das wäre ja der Hammer!” – Es trifft zu, wir haben es untersucht.
    Was wir noch nicht geklärt haben: Es gibt funktionale Menschen mit und solche ohne ADHS, wir wissen nur noch nicht, was sie unterscheidet. Es gibt aber auch die totale und die partielle Funktion – vielleicht liegt da die Lösung.

    Und ja, Leutz wie Trump, Johnson, Farage gehören zur funktionalen Gruppe, Trump mit ADHS, bei den beiden anderen bin ich nicht sicher.
    Einstein gehört dazu – er beschrieb sein Vorgehen bei der Suche nach dem Lösungsweg für die Relativitätstheorie so, wie auch die Minderheiten-Gruppe vorgegangen ist. Churchill gehört dazu, Bismarck, Wilhelm der II., Helmut Schmidt, Gerhard Schröder … die meisten allerdings ohne die ADHS-Variante.

    Witzig auch: die beiden Kanzler, die zu Meinesgleichen gehörten, wurden von der Bevölkerung und ihrer Partei ‘abgesagt’ – die ‘normalen’, die kein Händchen für den Umgang mit komplexen Problemen haben (ausgenommen vielleicht Adenauer), die werden dagegen wiedergewählt.
    Man muss hat denken und handeln wie die Mehrheit, wenn man an der Macht bleiben will 😉

    Falss Sie zur funktionalen Gruppe ohne ADHS gehören: Schwank bezeichnet diese Art des Denkens als Begabung, 🙂

    *Quelle:

    Schwank Inge (1986) “Proceedings of the 10th Conference for Psychology of Mathematics Education,University of London. “(S. 195)

    • @ liebe ‘Trice’ :

      Pupils following this strategy are goal-orientated but they start with a first solution before they have completely structured their ideas; they develope their ideas in a dialog with the material; they analyze partial solutions to find the complete solution by modifying them.

      Genau so geht Dr. Webbaer vor.
      Er kann allerdings auch anders, nämlich sich in sozusagen normale Leutz hineindenken, hier empathisch werden, andere können dies womoeglich nicht, dies wäre dann -bei bestimmter Aktivität- “ADHS”, woll?!

      MFG
      Dr. Webbaer (der nicht vergessen will Ihnen für Ihr Output, dann Input, zu danken – von der Psychologie hält er allerdings insgesamt wenig)

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