SETI-Forscher „unterhalten“ sich 20 Minuten lang mit Buckelwal „Twain“

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“Whale-SETI: Groundbreaking Encounter With Humpback Whales Reveals Potential For Nonhuman Intelligence communication” – „Wal-SETI: Bahnbrechende Begegnung mit Buckelwalen zeigt Potenzial für Kommunikation mit nichtmenschlicher Intelligenz“. So lautet der Titel der Pressemitteilung zur Publikation eines ForscherInnen-Teams der University of California, Davis, des SETI Instituts und der Alaska Whale Foundation, die gerade Schlagzeilen machte.

SETI (Search for Extraterrestrial Intelligence) beschäftigt sich mit den Möglichkeiten der Kommunikation mit potentiellen außerirdischen Intelligenzen. Da Wale eine für viele Menschen sehr fremdartig erscheinende Intelligenz in den irdischen Ozeanen sind, wurden sie früh als mögliche Trainingspartner für noch viel fremdartigere extraterrestrische Intelligenzen betrachtet. Zunächst kamen in Gefangenschaft lebende Delphine zum Einsatz – dabei war der Psychologe John Lilly mit dem Versuch, Großen Tümmlern (Tursiops truncatus) Englisch beizubringen, gescheitert.
Mittlerweile ist bekannt, dass Wale eigene Sprachen haben, die mit immer größeren Rechner-Kapazitäten und besseren Hydrophonen im Freiland immer besser erforschbar werden. Allerdings können sie zwar unter Stimmmelodien nachahmen, aber eine menschliche Laute aufgrund ihrer Kehlanatomie nicht formen. Nur Sprachen mit Klick-Lauten könnten manche Walarten möglicherweise „sprechen“, solche sind aber nur bei wenigen sehr alten Kulturen Afrikas bekannt.

In vorliegenden Fall hatte ein Team um Brenda McCowan vor Alaska mit der Buckelwal-Kuh „Twain“ eine längere Kommunikation. Buckelwale (Megaptera novaeangliae) sind wohl die einzigen Bartenwale mit sehr komplexen Lautfolgen. Bullen setzen „Gesänge“ ein, um Weibchen für sich zu gewinnen, sie müssen das „Singen“ erst erlernen. Die Gesänge variieren von Jahr zu Jahr, ein neuer Gesang wird dann von anderen Individuen kopiert, zunächst im eigenen Bestand, später auch in anderen. Bei der Analyse von Liedersequenzen aus über 9.300 Strophen von Buckelwalen des Südpazifiks konnten Forschende nachweisen, wie sich deren Gesang stetig entwickelt und verändert. Die Walbullen müssen also laufend neu lernen. Die Gesänge sind aus einem Repertoire von wiederholten Strophen aufgebaut, deren Kombination ein Lied von durchschnittlich zehn Minuten Dauer ergibt, es gibt aber auch längere und kürzere. Alle Walbullen eines Bestands singen dieselben Lieder mit der gleichen Versabfolge – es sei denn, sie ein Bulle denkt sich etwas Neues aus. Dann hören ihm die anderen Bullen zu und geben seinen Song Vers für Vers wieder – bis wieder ein Wal eine neue Idee hat. Dieses Lernen einer Kommunikation nach spezifischen Regeln ähnelt dem menschlichen Spracherwerb, das Lernen und Lehren innerhalb einer größeren Gruppe entspricht unserem Verständnis von Kultur.

Buckelwal (Wikipedia: Humpback whale; Whale, Megaptera novaeangliae. Modified from public domain source (https://www.flickr.com/photos/51647007@N08/5077889241/) by en:User:Jdforrester and en:User:Ed g2s))

Neben den Paarungs-Gesängen, also kontinuierlichen Gesangsrufen, haben diese Wale auch kürzere „Nicht-Gesangsrufe“. In einer Studie von 2021 zeichneten BioakustikerInnen 600 solcher Nicht-Gesangsrufe über einen Zeitraum von 11 Tagen auf, vor allem „Whup“- und „Grumble“-Rufe.

Diese „Sprachbegabung“ zeichnet sich auch im Gehirn dieser Wale ab: Buckelwal-Gehirne haben einen großen auditorischen Cortex und weitere Merkmale, die auf ihr stark entwickeltes Sozialerhalten hinweisen.

Seit Roger Paynes Beschreibung der Buckelwal-Gesänge (Payne und McVay, 1971; Fournet und Szabo, 2013; Fournet et al., 2015) und der Entdeckung komplexer Sprachen bei Zahnwalen sind auch bei immer mehr anderen Tieren nichtmenschliche Intelligenz mit komplexer sozialer Kommunikation beschrieben worden, bei Raben, Elefanten und sogar bei den wirbellosen Oktopussen. Diese Suche, so schreibt McGowan, hat nicht nur neue Ergebnisse für eine mögliche Kommunikation mit außerirdischen Intelligenzen erbracht, sondern auch neue Perspektiven ins Tier-Mensch-Verhältnis.

Twain sagt „Hallo“

Bei der Analyse von Buckelwal-Lauten konnten die Forscher Sequenzen als Begrüßung identifizieren und dieses Wissen jetzt anwenden: Das Team aus Wal- und SETI-ForscherInnen zeichnete vor Alaska die Rufe einer Gruppe Buckelwale auf und sendeten dann am nächsten Tag einen „Whup-Call“ – eine Art Begrüßungsruf – über einen Unterwasserlautsprecher aus. Das tiefe „Whup“ ist ein häufiger Buckelwal-Ruf: Es dient als Kontaktruf zwischen Mutter-Kalb-Paaren. Außerdem „whuppen“ Buckelwale auch beim Fressen.
Die 38-jährige Buckelwal-Kuh Twain näherte sich daraufhin dem Boot, umkreiste es und reagierte auf die Rufe. Daraus ergab sich ein 20-minütiger Austausch, wobei Twain auf die von Menschen gesendeten Walrufe antwortete. Dieser Austausch von Calls sei interaktiv gewesen, erzählten die Forscher, weil sie den aufgezeichneten Ruf in unterschiedlichen Abständen abgespielt hätten und Twain jeweils im gleichen Rhythmus geantwortet habe. „Wir glauben, dass dies der erste derartige kommunikative Austausch zwischen Menschen und Buckelwalen in der ‚Buckelsprache‘ ist“, erklärte Dr. Brenda McCowan, Hauptautorin der Studie.

Weitere Teammitglieder und Co-Autoren des Papiers sind Dr. Josie Hubbard, Lisa Walker und Jodi Frediani mit Spezialisierungen auf tierische Intelligenz, Buckelwal-Gesangsanalyse sowie Fotografie und Verhalten von Buckelwalen. Sie ergänzen die Bioakustik mit Kontext.
Mehr zu den Aufnahmen, dem genauen Ablauf und den Spektrogrammen und weitere Infos gibt es in der frei zugänglichen Publikation.

„Buckelwale sind äußerst intelligent, verfügen über komplexe soziale Systeme, stellen Werkzeuge her – Netze aus Blasen, um Fische zu fangen – und kommunizieren intensiv sowohl mit Liedern als auch mit sozialen Rufen“, erklärt Co-Autor Dr. Fred Sharpe von der Alaska Whale Foundation gegenüber der Presse. Neben der akustischen Kommunikation hat Twain auch Luftblasen-Ringe produziert – in Anwesenheit von und möglicherweise sogar für die Menschen. Dazu erscheint demnächst ein zweiter Artikel des Teams.

Bei der Analyse dieses Austauschs und anderer Wal-Lautfolgen kommt die Mathematik der Informationstheorie zur Quantifizierung der kommunikativen Komplexität zur Anwendung. Damit kann z. B. die in einer empfangenen Nachricht eingebettete Regelstruktur analysiert werden. Eine Regelstruktur ist eines der wichtigen Elemente einer Sprache. So kann man die Existenz einer komplexen Kommunikation per Sprache nachweisen, ohne die Inhalte verstanden zu haben. Darum sind bei den meisten Wal-Sprachen bisher nur Begrüßungen und Kenn-Rufe für Individuen, Gruppen und Bestände bekannt, jedoch noch keine weiteren Inhalte. Um die Bedeutung von Lauten zu verstehen, wird auch, falls möglich, das Verhalten und die Beziehung der Wale zueinander dokumentiert.

“A group of 15 whales bubble net fishing near Juneau, Alaska” (Wikipedia; Evadb; Edit by jjron. – Own work. Humpback whales in North Pass between Lincoln Island and Shelter Island in the Lynn Canal north of Juneau, Alaska. This is a group of 15 whales that were bubble net fishing on 18 August 2007.)

SETI-Institut

Das 1984 gegründete SETI-Institut ist eine gemeinnützige, interdisziplinäre Forschungs- und Bildungsorganisation, mit dem Ziel, nach dem Verständnis der Ursprünge und Verbreitung von Leben und Intelligenz im Universum zu suchen und dies auch öffentlich zu kommunizieren. Die Forschung umfasst Physik und Biologie und nutzt dabei Datenanalysen, maschinelles Lernen und fortschrittliche Signalerkennungstechnologien. Das SETI-Institut arbeitet und forscht mit Industrie, Wissenschaft und Regierungsbehörden zusammen, darunter die NASA und die National Science Foundation.

Ähnlich wie bei der Untersuchung extremer irdischer Landschaften als Stellvertreter für außerirdische Ökosysteme, nutzt das Wal-SETI-Team intelligente, terrestrische, nichtmenschliche Kommunikationssysteme wie Wale, um Filter zu entwickeln, die auf alle empfangenen außerirdischen Signale angewendet werden können.

Aufgrund der aktuellen Einschränkungen der Technologie ist eine wichtige Annahme bei der Suche nach außerirdischer Intelligenz, dass Außerirdische daran interessiert sein werden, Kontakt aufzunehmen und so menschliche Empfänger ins Visier zu nehmen. Diese wichtige Annahme wird sicherlich durch das Verhalten der Buckelwale gestützt“, sagte Dr. Laurance Doyle vom SETI-Institut, Mitautor der Studie.

Ich persönlich halte diese Annahme und Verallgemeinerung für naiv und anthropozentrisch. Auch auf der Erde gibt es intelligente Lebensformen, die nicht zwangsläufig um Kontakt bemüht sind. Viele Walarten wie etwa die meist sehr scheuen Schnabelwale oder die ignoranten Finnwale sind keinesfalls neugierig auf Menschen. Und der Buckelwal schwamm im offenen Meer vor Alaska auf das Boot zu, weil er vertraute Töne hörte. Ob er auch ohne das Buckelwal-Hallo gekommen wäre, ist nicht bekannt.

Interessant ist diese 20-minütige Konversation auf jeden Fall und ich bin sehr gespannt, mit welchen Walen so etwas als nächstes gelingt. Oder ob wir jemals mehr von den Inhalten der Wal-Gespräche verstehen werden.

Dieses Video von 2018 erklärt, wie SETI Tiere erforscht, die Buckelwale kommen darin ausführlich vor:

Quellen

Brenda McCowan, Josephine Hubbard, Lisa Walker, Fred Sharpe, Jodi, Frediani and Laurance Doyle (2023): “Interactive Bioacoustic Playback as a Tool for Detecting and Exploring Nonhuman Intelligence: “Conversing” with an Alaskan Humpback Whale. PeerJ 11: e16349; doi: 10.7717/peerj.16349

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Auf dem Science-Blog „Meertext“ schreibe ich über meine Lieblingsthemen: Biologie, Zoologie, Paläontologie und das Meer. Wale, Fische und andere Meeresgetüme. Tot oder lebendig. Fossile Meere, heutige Meere und Meere der Zukunft. Die Erforschung, nachhaltige Nutzung und den Schutz der Ozeane. Auf der Erde und anderen Welten. Ich berichte regelmäßig über Forschung und Wissenschaft, hinterfrage Publikationen und Statements und publiziere eigene Erlebnisse und Ergebnisse. Außerdem schreibe ich über ausgewählte Ausstellungen, Vorträge, Bücher, Filme und Events zu den Themen. Mehr über meine Arbeit als Biologin und Journalistin gibt´s auf meiner Homepage “Meertext”.

11 Kommentare

  1. Eine witzige Parallele: bis ins Hochmittelalter haben die Mönche ihre Gesänge wie die Wale weitergegeben: ein Mönch hat etwas verändert oder neu erfunden, daraufhin haben die anderen es so lange nachgesungen, bis sie es auch drauf hatten. Das Erlernen sämtlicher Mönchsgesänge hat damals ca. 10 Jahre gedauert, unter den Klöstern hat man sich über wandernde Mönche ausgetauscht (ob es das auch bei den Walen gibt?). Erst die Entwicklung der Notenschrift (Guido v. Arrezzo) im 11. Jhdt. nuZ hat die Sache vereinfacht und beschleunigt.

    • @aristius fuscus: Interessant. Mir kommt es so vor, dass Sprache bei Menschen und anderen Arten insgesamt so weitergegeben wird. Genau das Erlernen und ggf. Ergänzen einer gemeinsamen Kommunikation/Vokalisierung macht den Kulturbegriff aus.

  2. 1949 war Lorenz’ Bestseller erschienen: “Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen”.
    Nur als Anregung.

    • @Newman: Lorenz hat mit seiner Verhaltensforschung definitiv eine Zeitenwende eingeleitet, gerade gegenüber kleineren, unscheinbaren Wesen wie den Bienen. Damit war er ein Visionär.
      Eine ältere Kollegin erzählte mal, wie begeistert sie und ihre StudienkollegInnen von der Forschung in Seewiesen waren, wie andächtig sie den Forschern dort lauschten.

  3. Natürlich ist die Annahme naiv, dass die andere Seite ebenfalls kommunizieren will, damit ein Informationsaustausch gelingt. Aber sie ist eine notwendige Voraussetzung für jegliche Kommunikation, die wir kennen. Und vermutlich ähnlich grundlegend notwendig für ein theoretisches “Gespräch” mit extraterrestrischen Lebens, wie deren Existenz als solche.

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