L’Arête des Cosmiques – eine besondere Gratwanderung

Arête des Cosmiques

Die Besteigung der Aiguille du Midi auf dem Cosmiques-Grat etwa 3800 m über dem Meer ist nicht nur eine kurze, atemberaubende Akklimatisierungstour, sie ist auch eine der Zauberpforten mit transformierenden Eigenschaften für Alpinismus-Aspiranten. Wieso?

Vallée Blanche
Im Reich des ewigen Schnees, mehr als 3000 Meter über dem Meeresspiegel: Vallée Blanche, das “weiße Tal”. Blick von der französischen Grenze in Richtung Italien mit Biwak-Zelten und Dent du Géant, dem 4013 Meter hohen “Zahn des Giganten”.

 

“Oft ist der erste Schritt in die Welt der hohen Berge ein Schlüsselerlebnis. Die Überquerung des Cosmique-Grates ist das Tor in den Garten, von dem wir bereits vorher wissen, dass wir nicht intakt zurückkommen werden. Lichter, Granit, Gesimse: Alle Elemente sind da bei dieser wunderbaren Überschreitung … “

Treffend zitiert Bergfotograf Mario Colonel für die Beschreibung der Arête des Cosmiques den Bergführer Kim Bodin.

Im vergangenen Herbst trafen wir den sympathischen Fotografen persönlich, und er schenkte uns eines seiner Foto-Poster. Das Motiv: L’Arête des Cosmiques. Ein Grund mehr, dieses wunderbare Szenario auch einmal selbst und aus der Nähe zu erleben. Damit ist dies ein weiteres Beispiel für die große Wirkung kleiner Geschenke, wie schon das preisverdächtige virale Marketing von Spektrum der Wissenschaft zeigen konnte.

Licht und Schatten

Als wir kurz nach 7 Uhr in Chamonix an der Talstation Aiguille-du-Midi-Bahn auf die zweite Seilbahn warten, verstecken sich die Berge jedoch weitgehend hinter den Wolken. Zusätzlich wird unser Abenteuer überschattet von einem aktuellen Lawinenunglück am Mont Blanc du Tacul. Ein riesiger Gletscherbruch löste hier in den frühen Morgenstunden eine Lawine aus, die einen Teil des Normalweges auf den Mont Blanc und mehrere Bergsteiger unter sich begrub.

Ein Mitarbeiter des Bergrettungsdienstes bittet um Meidung des Gebietes, denn die Bergungsarbeiten sind noch in vollem Gang. Später erfahren wir, dass zwei Italiener unter den Eismassen gestorben sind. Ihr Bergführer konnte per Hubschrauber gerettet und schwer unterkühlt ins Krankenhaus nach Annecy gebracht werden. Angesichts der unkalkulierbaren Macht der Natur wird uns einmal mehr die Fragilität der menschlichen Existenz bewusst.

Kurz vor 8 Uhr verlassen wir die Gipfelstation der Aiguille-du-Midi-Bahn durch einen Eistunnel in Richtung Süden. Wir finden uns plötzlich in gleißendem Sonnenlicht und über den Wolken wieder.

Angeseilt und mit Steigeisen, Eispickel und Helm ausstaffiert geht es nun über die Barriere, welche die Touristen vor dem schmalen Grat warnt und schützt, der in das Reich zwischen Himmel und Erde führt. Hunderte Menschen aus aller Welt werden täglich dank dieses Wunderwerks der Technik auf jene seltsame Insel der Zivilisation in rund 3800 m Höhe befördert. Hinweisschilder gibt es auf Französisch, Englisch und Japanisch. Viele kommen in Jeans und Sandalen zu diesem exklusiven Foto-Shooting.

Der kosmische Grat

Arête des Cosmiques

Wir marschieren über die Vallée Blanche, das “weiße Tal”, einem riesigen Hochplateau-Gletscher im italienisch-französischen Grenzgebiet, in Richtung Réfuge des Cosmiques. Diese Hütte wurde in den 1930er Jahren aufgrund einer Anregung des französischen Physikers Louis Leprince-Ringuet erbaut, der hier die 1912 vom österreichischen Physiker Viktor Franz Hess mithilfe von Ballonfahrten entdeckte Kosmische Strahlung erforschen wollte. Bis in die 1990er Jahre diente die Cosmiques-Hütte unter anderem zur Messung der Luftverschmutzung, bis sie schließlich nach einem Brand neu errichtet und heute vom Bergführerverein Chamonix als wichtiger Stützpunkt auf dem Weg zum höchsten Gipfel der Alpen, dem Mont Blanc (4810 m), betrieben wird.

Etwa zwanzig Minuten später stehen wir am Fuße unseres Grates knapp oberhalb der Simond-Hütte – einem kleinen Winterraum für die Zeiten, in denen die benachbarte Cosmiques-Hütte nicht bewirtschaftet wird. Die Steigeisen brauchen wir nun nicht mehr, denn ab jetzt geht es über wunderschöne Granitblöcke dem strahlend blauen Himmel entgegen.

Arête des Cosmiques - Start
Auf geht’s!

Wir sind zu dritt und kommen zügig und sicher voran. Bald erreichen wir die Abseilstelle an der ersten größeren Bergzinne, auf Französisch “gendarme” genannt. Hier überholen wir einige Seilschaften und sprechen kurz mit einem Bergführer.

Angesichts der beeindruckenden Lawine auf der gegenüberliegenden Seite am Mont Blanc du Tacul fragen wir ihn, ob er diesen Weg mit seinen Kunden auch in Zukunft gehen würde? “Ja”, meint er. Der Mont Blanc ist ein wichtiges Geschäft, doch kein Weg ist einfach oder gefahrenlos. Die Routen mit weniger unkalkulierbarem Risiko verlangen ein höheres technisches Können und mehr Ausdauer. Diese Voraussetzungen sind zumindest bei den Beiden, die er heute führt, ganz offensichtlich nicht gegeben.

Über einige Schneepassagen geht es weiter bis zu der als Schlüsselstelle bezeichneten Kletterpassage, einer leichten Kletterei an einer kurzen, jedoch fast senkrechten Granitplatte entlang. Ich denke an die ersten Alpinisten und was sie mit ihren dicken Bergstiefeln alles bewerkstelligt haben.

Zur Erleichterung für ihre Kundschaft haben die Bergführer an dieser Passage teilweise Tritte in den Stein gehauen. Auch Steigeisen helfen bei der Überwindung, was im Fels dieser häufig und ganzjährig begangenen Route unübersehbare Spuren hinterlassen hat.

Kletterpassage - Arête des Cosmiques
Imposante, wenn auch leichte Kletterpassage (4b/4c) entlang eines Granitrisses – in Bergstiefeln. Unzählige Steigeisen haben eine weiße Trasse im roten Fels markiert.

Wenn die Luft dünner wird…

Der letzte Teil der Strecke ist nordseitig exponiert. Entsprechend kühl und luftig geht es hier zu. Wer nicht schwindelfrei ist, sollte sich dieses Erlebnis vielleicht besser ersparen. Der Blick nach unten führt direkt über eine etwa 1000 m steile Wand. Wir klettern jetzt über Felsblöcke, die zum Teil noch vereist sind. Die Luft zum Atmen ist in rund 3800 Metern Höhe schon spürbar knapper, vor allem bei körperlicher Anstrengung. Dafür gibt es nun umso mehr Luft unter den Schuhen.

Mit Ausnahme der Tibeter und vielleicht noch einiger anderer Bergvölker in den Anden sind Menschen nicht genetisch an das Leben in dünner Höhenluft angepasst. Die Akklimatisierung sollte daher langsam und bei Vorerkrankungen oder anderen Risikofaktoren nicht ohne vorherige Rücksprache mit einem Arzt erfolgen. Für bestimmte Herz-Kreislauferkrankungen kann schon ein Aufenthalt in Höhen ab 2000 Metern riskant sein. Bei Eignung und bereits erfolgter, langsamer Akklimatisierung ist der Cosmiques-Grat jedoch eine hervorragende Akklimatisierungstour zur Anpassung an noch höhere Ziele.

Auch für Gesunde droht bei mangelnder Adaptation an Höhen über 2500 m die Gefahr der Höhenkrankheit nach frühestens vier bis sechs Stunden mit typischen Symptomen wie Kopfschmerzen, Verwirrung und Sinnestäuschungen. Diese Erkrankung ist von der erreichten Höhe und der Geschwindigkeit des Aufstiegs abhängig und kann zum gefürchteten Höhenhirnödem und Höhenlungenödem führen.

Frauen, jüngere Leute unter 46 Jahren und Menschen, die an Migräne leiden, sind besonders gefährdet. Fehlende Fitness ist dagegen kein Risikofaktor, wohl aber für allgemeine Erschöpfung. Bei Verzicht auf weiteren Höhengewinn und körperliche Schonung verschwinden die Symptome meist wieder in den nächsten ein bis zwei Tagen.

Für unseren Hochtour-Novizen in der Seilschaft ist es trotz guter Akklimatisierung ein atemberaubendes Ereignis, wenn auch eher im übertragenen Sinne. Tags darauf ist er noch so von den Tiefblicken überwältigt, dass er einen Ruhetag zur Entspannung seines Kopfes einfordert. Erwartungsgemäß nutzt er den Tag nach diesem ersten hochalpinen Erfolgserlebnis jedoch auch, um steigeisenfeste Bergschuhe zu kaufen.

Arête des Cosmiques - Grandes Jorasses
Schneepassage an einem der zahlreichen Gendarmen vorbei. Im Hintergrund ragen die Grandes Jorasses aus dem Bergmeer heraus.

Ein magischer Zoo

Beim Blick nach oben rückt die Aussichtsterrasse immer näher und damit auch das Klicken der Fotoapparate aus aller Welt, das nur von den Bauarbeiten an der Plattform übertönt wird. In Zukunft werden Adrenalin-Junkies die 3842 Meter hohe Felsspitze auf einem sechs Millionen Euro teuren, gläsernen Skywalk umrunden können. Ab 2014 gibt es dann für Zahlungskräftige auch ohne bergsteigerische Anstrengungen den Nervenkitzel, rund 1000 Meter über dem Abgrund zu stehen.

Es ist ein wenig wie im Zoo. Offenbar sind wir eine interessante Subspezies kletternder Bergaffen. Für 50 Euro Eintritt ist das in dieser Höhe wohl nicht zu viel verlangt. Also geben wir unser Bestes. Was für ein Spektakel!

Im Hintergrund glänzt in scheinbar stoischer Ruhe der Mont Blanc, davor präsentiert der Mont Blanc du Tacul (4248 m) nach wie vor seine zahlreichen monströsen Eiszähne und die immer noch frische Lawine. Am südlichen Ende der Vallée Blanche ragt ein mit 4013 Metern hier nicht unbedingt hoher, aufgrund seiner Form jedoch recht imposanter Felszahn über dem Meer aus Eis, Steinen und Schnee hervor: die Dent du Géant, auf Deutsch der Zahn des Giganten. Südöstlich davon fallen vor allem die berühmt-berüchtigten Grandes Jorasses auf, deren fast senkrechte, 1000 Meter hohe Nordwand mit ihrer 800 m langen Eismauer namens Linceul (auf Deutsch: Leichentuch), schon einige ambitionierte Bergsteigerleben (heraus)gefordert hat.

Im Gegensatz zu den vom Aussterben bedrohten Berggorillas und ihren Zoogefährten steigen wir kurze Zeit später über eine kleine Leiter und ein Geländer zurück in das Reich der zivilisierten Menschheit. Nicht einmal drei Stunden sind seit unserer morgendlichen Seilbahnfahrt vergangen, doch eines ist klar: Diese Gratwanderung in dünner Luft hat uns verändert. Sie hat uns sensibler für die Wahrnehmung etwas ganz Wesentlichen gemacht – der Magie der eigenen Balance.

Arête des Cosmiques à la Mario Colonel
Hommage an Mario Colonel: Cosmique-Grat mit dem “Gendarme”, der auch ein Traumziel für ambitionierte Kletterer ist.

Zurück in die Zivilisation

Ein Sprichwort in Tibet besagt, dass ein spiritueller Lehrer mindestens drei Täler entfernt leben soll. Diese Täler sollen durch hohe Berge getrennt sein, so dass der Besuch des Lehrers mehrere Tage harter Arbeit erfordert. Nur durch diese Distanz ist eine Inspiration möglich. Wenn wir das Göttliche im Äußeren suchen, werden wir es kaum in uns selbst finden.

Selbst wenn unsere Tour diesmal kurz und technisch eher einfach war, ist unser Weg weder leicht noch schnell. Doch wenn wir durch unsere Abenteuer auch unsere Mitmenschen ein wenig an den Erlebnissen und Erkenntnissen in diesem magischen Raum zwischen Himmel und Erde teilhaben lassen können, ist unsere Mission bereits jetzt mehr als erfüllt. Glück ist einfach, doch immer auch eine Frage des Respekts gegenüber sich selbst und der Natur.

Arête des Cosmiques - Panorama von der Aussichtsplattform der Midi-Bahn
Blick von der Aussichtsterrasse der Aiguille-du-Midi-Bahn auf den Cosmiques-Grat am 13. August 2013. Mont Blanc du Tacul mit frischer Lawine, im Hintergrund der Mont Blanc.

 

Quelle / weiterführende Literatur:

  • Philippe Batoux: Mont Blanc: Les plus belles courses (2012). Éditions Glénat. ISBN 978-2-7234-8386-5 (französische Ausgabe).
  • Philippe Batoux: Mont Blanc: The Finest Routes. Übersetzt von Paul Henderson (2013) Vertebrate Publishing. Verlag Cordee. ISBN1906148643, 216 Seiten (englische Ausgabe).
  • Mario Colonel: Mont Blanc (2008). Mario Colonel Editions. ISBN 978-2-9531900-0, 207 Seiten. Preisgekrönter Fotoband (Banff Mountain festival 2008) mit Texten auf Französisch und Englisch.
  • Kai Schommer, Peter Bärtsch: Basiswissen für die höhenmedizinische Beratung, DÄ 49/2011

 

Karin Schumacher

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggt als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

5 Kommentare

  1. Wow! – Ein sehr eindrucksvoller Bericht.
    Interessant vor allem auch deshalb, weil es um eine real Gratwanderung geht und nicht um den Versuch, sich zwischen zwei verschiedenen Polen zu bewegen, was man sonst oft darunter versteht.

  2. Glück

    Glück ist einfach, doch immer auch eine Frage des Respekts gegenüber sich selbst und der Natur.

    …ist das zu mögen, was man tut, und nicht das zu tun, was man mag.

    MFG
    Dr. W

  3. Wow, würde mir selber nicht zutrauen solch eine Bergtour zu machen. Da bleibe ich lieber bei den guten alten Wanderwege und genieße die Berglandschaft aus einer etwas sicheren Perspektive. Aber habt echt tolle Bilder.

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