ROSETTA: Update des Kometenkernmodells

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Raumfahrt aus der Froschperspektive
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Auf Basis neuen Bildmaterials hat das Team der Wissenschaftler, die für die OSIRIS-Wissenschaftskamera zuständig sind, ein Update des Modells der Form des Nukleus herausgebracht. Dieses liegt auch als anaglyphe Version vor, die mit rot/blauen bzw. rot/grünen 3D-Brillen betrachtet werden kann. Das Ding ist wirklich ein Stiefel oder eine Socke, und zwar eine rechte. Ferse, Sohle, Zehen, Spann, Schaft mit Knöchel und Wade, alles da. Das Modell zeigt in der Tat einen flachen Krater über dem Fußrücken in Höhe des dritten und vierten Zehs, den man in meiner Nachbearbeitung einer NavCam-Aufnahme auch ausmachen konnte. Dieser Krater ist in der Animation bei flachem Lichteinfall am besten erkennen. Sehr bemerkenswert finde ich, wie platt die Sohle ist: Nicht nur in der Grundform, sondern auch wegen der Abwesenheit von Verkraterung und Einbrüchen. Diese Seite muss wehen ihrer großen, ebenen Fläche eine hohe Wärmeaufnahme haben – falls die Sonne in der Nähe des Perihels während der Rotation wirklich senkrecht auf die Fußsohle scheinen wird, was ich natürlich nicht weiß. Wo mögen wohl die Jets herauskommen? Wären  das die Krater, die man sieht, wenn man vom großen und vom kleinen Zeh außen am Fuß entlang in Richtung Ferse wandert? Ich bin sehr gespannt darauf, was die Naherkundung des Kometen ergeben wird.

Rotierende Ansiucht des Kometenkern-Formmodells in anaglypher Ansicht, Quelle: ESA/Rosetta/MPS for OSIRIS Team MPS/UPD/LAM/IAA/SSO/INTA/UPM/DASP/IDA

 

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten Meinungen sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

7 Kommentare

  1. Tolles Bild. Die richtige Stelle für das Andocken von Philae zu finden dürfte zugleich schwierig (eindeutig “gefährlichen Stellen” sind noch nicht auszumachen) und wichtig (Landung über Materialauswurfstelle wohl unerwünscht) sein.

    • Wenn die Rotationsachse wirklich so liegt, wie hier gezeigt, dann scheint es mir so, natürlich unter allen möglichen Vorbehalten, als wäre ein guter Ort zur Landung links am Fußgelenk.

      Nicht nur gibt es, wenn man die ganze Strecke den linken Teil des Stiefelschafts bis hintunter zu Sohle betrachtet, dort ein offenbar recht ausgedehntes, großes Stück Oberfläche. Zudem kann ich dort auf Anhieb keine großen Unebenheiten, Einbrüche, Krater oder Klippen sehen. Man könnte dort fast genau in der Rotationsachse landen und hätte am wenigsten Probleme mit Zentrifugalkräften.

      Aus wissenschaftlicher Sicht wäre diese Stelle interessant, weil man wirklich im Übergangsgebiet zwischen den zwei Elementen ist, falls es sich wirklich um ein Contact Binary handelt.

    • Zum Glück beim Versuch die Erde zu betreten abgehackt. Es scheint doch noch Engel zu geben, die die Erde beschützen.

  2. Puh, Glück gehabt!

    Die Fuß-Topographie ist wirklich praktisch um über Lokalisationen auf der Oberfläche zu reden, wesentlich intuitiver als es jedes Koordinatennetz je sein könnte.

  3. Man darf gespannt sein, ob sich die beiden Komponenten deutlich in der Dichte unterscheiden. ‘Floss’ hier durch die Fliehkraft mit der Zeit dichteres, plastisch verformbares Material nach außen und bildete die kleinere Komponenete…? Die ‘Brücke’ zwischen den Komponenten suggeriert imho solch ein Szenario.

    Aber auch nach einer sanften Kollision zweier Körper, die dann aneinander haften bleiben, wären (rotationsbedingte?) Fließprozesse denkbar, die der ‘Brücke’ zwischen den Komponenten ihr jetziges Aussehen gegeben haben könnten.

    • Gunnar,

      Man sollte einfach mal gegenüber stellen, welche Kräfte man hat und von welcher Größenordnung die sind.

      Was hält den Kern zusammen? Die Schwerkraft von einigen Millionstel g. Vamn der Waals-Kräfte? Vielleicht noch chemische Bindungskräfte in der Schale des Kerns. Und wie groß sind die Fliehkäfte? Auch maximal einige Millionstel g, in der Nähe des Rotationsache sogar fast Null.

      Von einigen Asteroiden mit kurzen Rotationsperioden naher dem kritischen Wert ist bekannt, dass sie einen Äquatorwulst ausbilden. Da liegt es daran, das Oberflächenmaterial aufgrund der hohen Fliehkräfte mobil werden kann. Um die nur noch geringe Differenz zwischen Schwerkraft und Fliehkraft zu überwinden, genügen kleine Kräfte, beispielsweise elektrostatische. Die mobilisierten Stücke werden von der Rotationsachse weg wandern und sammeln sich am Wulst, in einer Staubscheibe, einem Ring oder einem Mond. Von Fließen kann man da nicht wirklich sprechen.

      Aber hier haben wir einen Kometen. Da ist die mittlere Dichte deutlich geringer als bei einem Asteroiden (wahrscheinlich – das werden wir bald herausbekommen). Hinzu kommt der Massenauswurf während der Aktivitätsphase. Was bei einem Jet herauskommt, kann nicht auf der Oberfläche landen – so langsam kann die Auswurfgeschwindigkeit gar nicht sein. Aber vielleicht wird umliegendes Oberflächenmaterial von der Austrittsstelle aus weggeschoben und sammelt sich anderswo an.

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