Rakete überflog Japan – Nichts Neues?

Ins Arsenal der Provokationen des nordkoreanischen Regimes gehören demonstrative Starts von Raketen. Die am 28.8.2017 (29.8.2017 05:58 lokale Zeit) von einem Ort nahe der Westküste Nordkoreas gestartete Rakete überflog Japan und stürzte weit außerhalb des japanischen Hoheitsgebiets in den pazifischen Ozean. Der Überflug des japanischen Archipels erfolgte dabei offenbar über der Tsugaru-Straße zwischen der Hauptinsel Honshuu und der nördlichen Insel Hokkaido (siehe z.B. die Karte in diesem Artikel in der New York Times vom 28.8.2017). Die maximale Flughöhe lag dabei Berichten zufolge bei 340 Meilen (550 km).

Ich vermute, dieser Kurs der Rakete war mit Vorbedacht gewählt. Zum einen wurde der Überflug von zu Japan gehörenden Landmassen weitgehend vermieden. Zum anderen gibt es für den Überflug startender Raketen an dieser Stelle Präzedenzfälle, und zwar Hunderte, verteilt über einen Zeitraum von mittlerweile mehr als 50 Jahren.

Dabei handelt es sich um Raketen der UdSSR bzw. Russlands. Starts vom Weltraumbahnhof Baikonur gehen zumeist zunächst in eine kreisförmige Parkbahn mit einer Inklination von etwa 51.5 Grad. Baikonur liegt bei 45.6 Grad nördlicher Breite. Um eine Inklination von 51.5 Grad zu erreichen, muss in etwa ost-nord-östlicher Richtung gestartet werden.

Die folgenden Grafiken wurden auf Basis von Ergebnissen einer numerischen Simulation des Starts einer Proton M / Breeze M erstellt. Sie zeigen:

  1. Der Verlauf der Flughöhe der Rakete und der abgeworfenen Erst-, Zweit- und Drittstufen sowie der Nutzlastverkleidung. Die Nutzlastverkleidung wird kurz nach dem Zünden der Drittstufe angeworfen und fällt in etwa am gleichen Ort wie die kurz zuvor abgetrennte, ausgebrannte Zweitstufe zu Boden. Die Drittstufe erreicht noch keine stabile Bahn, aber sie fliegt schon Tausende Kilometer weit.
  2. Die Subspur und die Landezonen der Stufen über einer Karte von Nordostasien Wie man sieht, vermeidet die gewählte Bahnneigung weitgehend den Überflug mongolischen Territoriums. Sie kreuzt allerdings den Nordosten Chinas und dann das japanische Archipel in etwa an derselben Stelle wie auch die nordkoreanische Hwasong-12, allerdings in viel geringerer Höhe.
  3. Der Kartenausschnitt mit dem japanischen Archipel ist in der dritten Grafik vergrößert gezeigt.
Bahnhöhe über Entfernung vom Startort, hier numerisch simuliert für einen typischen Proton-M-Start von Baikonur

Credit: Michael Khan / Bahnhöhe über Entfernung vom Startort, hier numerisch simuliert für einen typischen Proton-M-Start von Baikonur

Subspur eines typischen Starts von Baikonur in eine niedrige Bahn um die Erde mit einer Inklination von 51.5 Grad, hier numerisch simuliert am Beispiel des Starts der Proton M / Breeze M, die am 14.3.2016 die europäisch-russische Marsmission ExoMars 2016 startete

Credit: Michael Khan / Subspur eines typischen Starts von Baikonur in eine niedrige Bahn um die Erde mit einer Inklination von 51.5 Grad, hier numerisch simuliert am Beispiel des Starts der Proton M / Breeze M, die am 14.3.2016 die europäisch-russische Marsmission ExoMars 2016 startete

Teil der Subspur nahe Japan eines typischen Starts von Baikonur in eine niedrige Bahn um die Erde mit einer Inklination von 51.5 Grad, hier hier numerisch simuliert am Beispiel des Starts der Proton M / Breeze M, die am 14.3.2016 die europäisch-russische Marsmission ExoMars 2016 startete

Credit: Michael Khan / Teil der Subspur nahe Japan eines typischen Starts von Baikonur in eine niedrige Bahn um die Erde mit einer Inklination von 51.5 Grad, hier hier numerisch simuliert am Beispiel des Starts der Proton M / Breeze M, die am 14.3.2016 die europäisch-russische Marsmission ExoMars 2016 startete

Wenn die Brennphase der dritten Stufe der Proton (bzw. der Block I-Stufe der Sojus-Rakete, deren Aufstiegstrajektorie sehr ähnlich ist) nominal erfolgt, ist selbst dann noch alles in Ordnung, wenn die obendrauf sitzende Oberstufe nach dem Ausbrennen der Drittstufe nicht agetrennt werden kann oder nicht zündet. Dann würde das ganze Gespann der blau gestrichelten Bahn folgen und in den Pazifik stürzen.

Anders wäre es, wenn die Drittstufe mitten in ihrer Brennphase versagt und danach aufgrund eines Folgeproblems nicht gesprengt werden kann. Dann stürzt sie bereits deutlich früher ab, aber immer noch entlang ihrer Subspur. Je nach Eintrittszeit des Versagens wären dann also China oder Japan gefährdet. Dazu ist es zwar noch nicht gekommen, aber es ist durchaus ein denkbares Szenario.

Sie Starts von Raketen über japanische Territorium hinweg sind eben nicht nur seltene Ausnahmen, sondern sie sind häufige Ereignisse – fast schon die Regel für Starts aus Baikonur.

Sollten also Sanktionen gegen Nordkorea ergriffen werden, könnte das dortige Regime sich also auf die vielfachen Präzedenzfälle berufen – vermutlich war das mit ein Grund, warum die Hwasong-12-Rakete gerade in diese Trajektorie geschossen wurde. Formal betrachtet, haben sie ja 28.8. nichts anderes getan als die Sowjets und Russen bereits bei Hunderten von Starts davor.

Das wäre allerdings eine fadenscheinige Ausrede. Die einstufige Hwasong-12 ist eindeutig und ausschließlich eine Boden-Boden-Rakete; sie eignet sich überhaupt nicht für Satellitenstarts. Es ist klar, dass es sich um nichts anderes als eine Drohgebärde handelte. Aber Fadenscheinigkeit hat in der politischen Debatte noch nie von der Verwendung einer Behauptung abgeschreckt.

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die jüngsten Raketentests Nordkoreas haben sehr viel Medienecho ausgelöst – und obwohl so viel geschrieben wurde, blieb der technisch/organisatorische Hintergrund weitgehend im Unklaren und im Bereich der Spekulation. So wurde behauptet, die Nordkoreaner hätten die Raketentechnologie unmöglich allein meistern können und die Raketen seien womöglich sogar über dunkle Kanäle von der Ukraine nach Nordkorea gelangt. Und dieses Unwissen, diese Spekulationen gibt es trotz jahrzehntelanger, vom Westen, insbesondere den USA genau beobachteten Raketenentwicklung in Nordkorea.
    Es scheint also auch heute noch, im Zeitalter des Internets mit seinen unzähligen weltweit geteilten Informationsquellen, viele Dinge zu geben, die man zwar deutlich sieht, über deren Herkunft und Geschichte man aber recht wenig weiss.

    • Ergänzung: In North Korea’s Missile Success Is Linked to Ukrainian Plant, Investigators Say liest man zur Ukraine-Nordkorea-Connection (übersetzt von google translate mit kleineren Korrekturen durch mich):

      Nordkoreas Erfolg beim Testen einer interkontinentalen ballistischen Rakete, die in der Lage ist, die Vereinigten Staaten zu erreichen, wurde durch Schwarzmarktkäufe von starken Raketentriebwerken vermutlich von einer ukrainischen Fabrik mit historischen Bindungen zum russischen Raketenprogramm ermöglicht, so eine Expertenanalyse, die am Montag veröffentlicht wurde und gemäss klassifizierten Beurteilungen von amerikanischen Geheimdiensten.

  2. Wie hoch war die Flughöhe beim Überqueren Japans bzw. der Tsugaru-Straße? Falls die Höhe bei etwa 550 km lag, flog die Rakete (wie andere russische Raketen schon vorher) dann nicht außerhalb des allgemein angenommenen japanischen Luftraums?

    • Da war, wenn die Grafik im verlinkten NY-Times-Artikel korrekt ist, gerade der Scheitelpunkt erreicht, also 550 km und damit drei Mal so hoch wie russische Raketen beim Start an derselben Stelle.

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