Dem mittelalterlichen Bergbau auf der Spur

Vor langer, langer Zeit trieb ein Bauer einen Stier, den er auf dem Markt gekauft hatte, über den Alpenhauptkamm vom Zillertal ins Ahrntal. Der Bauer hatte seine liebe Not mit dem bösartigen Tier. Kaum hatte er es mit dem Stock gebändigt, riss es sich los und stürmte vom Weg. In seiner Wut hatte der Stier ein großes Loch mit seinen Hörnern in den Boden gegraben. Er hatte dabei einige Brocken seltsamen Gesteins zu Tage gebracht. Der Bauer, nun neugierig geworden, sammelte einige der glänzenden Brocken auf. Ein örtlicher Schmied bestätigte ihm, das es sich zwar nicht um Gold (wie im Zillertal gefunden), aber doch um ein wertvolles Gut handelte, nämlich um Kupfererz. So, oder so ähnlich, wurde einer Sage nach die Kupfererzlagerstätte von Prettau, im hintersten Ahrntal gelegen, einst entdeckt. Laut einer anderen Version der Sage, starben, nachdem sie an einer bestimmten Quelle ihren Durst gestillt hatten, Mensch und Tier plötzlich, vergiftet durch die Quelle. Als man daraufhin das Wasser untersuchte fand man darin (giftiges) Kupfervitriol.

Sagen beiseite, moderne Forschung lässt eher vermuten, dass bereits in prähistorischen Zeiten Kupfererz an den oberflächlichen Ausbissen der örtlichen Erzgänge gesammelt wurde. Historisch sicher belegen lassen sich eine mittelalterliche Abbautätigkeit. Das Kupfer von Prettau wurde nämlich im Jahre 1426 dazu benutzt um zwei Bronze-Kanonen zu gießen.

Die Erzlagerstätte von Prettau ist an metamorphen “Grüngestein”, geologisch gesehen Prasinite und Amphibolite, gebunden, die als linsenförmige Körper in den Kalkschiefern der Bündner Schiefer (eine tektonische Decke des Tauernfensters) auftreten. Bei den Amphibolit-Körpern handelt es sich um umgewandelte Reste von magmatische Intrusionen in den ehemaligen, kalkigen, Sedimenten des Ozeanbodens. In der Lagerstätte ist gediegenes Kupfer sehr selten, meistens handelt es sich um diffus verteilte, schicht- oder gangförmig auftretende Kupfer/Eisensulfide – wie Chalkopyrit, Chalkosin, Sphalerit, Pyrit – die zusammen mit Oxide/Hydroxide wie Hämatit und Magnetit – auftreten. Die Entstehung dieser Lagerstätte ist nicht restlos erklärt. Entweder handelt es sich um die fossilen Reste von hydrothermalen Feldern, wie sie auch noch heute in der Tiefsee gefunden werden können, oder Grundwasser hat die Mineralien im Laufe der Zeit an bestimmten Stellen angereichert.

Ausbiss von vererztem Grüngestein, die rechteckige Grube im Felsen sind Reste einer mittelalterlichen Probegrabung.

Das Bergwerk von Prettau war im Mittelalter wegen seines Kupfers weit über die Landesgrenzen von Tirol hinaus bekannt und auch später Teil des Fugger-Imperiums. Um 1530 waren die oberflächlich leicht erreichbaren Ausbisse, auf ungefähr 2.000m Seehöhe gelegen, längst erschöpft und man folgte den Erz in den Berg hinein.

Pinge, also eine Grube die durch den Abbau des Erzgesteins entstanden ist.

Der 500 Meter lange St. Christoph Stollen (auf 514m Seehöhe gelegen) wurde 1585 begonnen und erreichte 18 Jahre später das Erz. Am 1068m langen St. Nikolaus Stollen arbeitete man sogar (mit Unterbrechungen) 70 Jahre lang. Der Vortrieb mit Hammer und Schlägel war auf wenige mm je Arbeitsschicht, vielleicht maximal einen halben cm pro Tag, beschränkt. Die Gesteine bei Prettau sind durchwegs sehr hart, was man auch an den Stollenmundlöchern erkennn kann. In harten, standfesten Gestein erhielt ein Stollen, der in Handvortrieb geschlagen wurde, ein eher rechteckiges Profil, mit ebener Firstfläche (die Decke des Stollens) und mehr oder wenige geradlinigen oder nur leicht gekrümmten Ulmen (die Seitenwände des Stollens). Erst im Jahre 1637 wurden in den Prettauer Stollen die Schießtechnik, die Sprengung mit Schwarzpulver, eingeführt.

Mittelalterlicher Stollen mit typischen Querschnitt.

Typisch für ein Bergbaugebiet sind auch die Quellen und Grubenwässer, die mit Mineralien übersättigt sind, und aus denen rostrote Eisen- und grünliche Kupfermineralablagerungen ausgefällt werden.

Mit der Entdeckung der großen Kupferlagerstätten in Südamerika im 19. und 20. Jahrhunderts verlor das Bergwerk rasch an Bedeutung. Der mühsame Stollenvortrieb in den Bergen konnte nicht mit dem billigen Kupfer aus den großen Tagebauen in Amerika mithalten. Die letzten größeren Investitionen in die Infrastruktur wurden 1880 getätigt, mit dem Bau einer Schmelzhütte und den Abbau von Pyrit für die Schwefelgewinnung, allerdings verzögerten diese Bestrebungen die Schließung des Bergwerkes nur um einige Jahre. Die Prettauer Grube wurde schließlich 1893 geschlossen. Ein Gedicht von 1894 fasst wehmütig die Geschichte des Bergbaus zusammen:

Vierhundert Jahr hat das Bergwerk geblüht
Viel Menschen haben sich drum bemüht.
Die einen mit fleißiger kräftiger Hand
die andern mit Wissen und scharfen Verstand.
Das Kupfer das beste gewesen ist
Vom Uralgebirg bis zur spanischen Küst;
Hat in’s Tahl gebracht gar reichen Segen,
Verkehr ist gewesen mit Schlitten und Wägen.
Da kam von Amerika Kupfer zu viel,
Sie gewinnen es dort ja mit leichtem Spiel.
Das hat uns zu Grund g’ richt in kurzer Zeit,
Mir ist um Mensch und Bergwerk leid.

In den Jahren 1957 bis 1971 wurde nochmals versucht mit Pyritabbau und einer kleinen Belegschaft den Minenbetrieb wieder aufzunehmen.  1970 wurden die Umweltauflagen verschärft, die ungeklärten Minenabwässer sollten aufbereitet werden, und die Betreiberfirma schloss darauhin endgültig das Bergwerk um 1971, Investitionen jeglicher Art waren zu diesen Zeitpunkt völlig unrentabel geworden.
Das Schürfrecht wurde 1982 noch einmal an eine Privatperson vergeben, die Hobbymäßig geringere Kupfermengen gewann, interessanterweise mittels der so genannten Kupferzementanlage. Das Grundwasser des Bergwerks ist durch mikrobielle Tätigkeit an Kupferionen übersättigt, durch Einlegen weniger edler Metalle (z.B. Eisen) scheidet sich  elementares Kupfer in Form von Kupferschlamm ab. Die so gewonnen Mengen waren, und sind, allerdings sehr bescheiden. In den 80′ Jahren wurde die Gründung eines Museum zur Bergbaugeschichte in Erwägung gezogen, 1996 war es schließlich soweit, mit der Eröffnung des “Schaubergwerk Prettau” und der Herrichtung der erhaltenen Anlagen als Schaustollen und Lehrpfade.

Veröffentlicht von

David Bressan ist freiberuflicher Geologe hauptsächlich in, oder wenn wieder mal ein Tunnel gegraben wird unter den Alpen unterwegs. Während des Studiums der Erdwissenschaften in Innsbruck, bei dem es auch um Gletscherschwankungen in den vergangen Jahrhunderten ging, kam das Interesse für Geschichte dazu. Hobbymäßig begann er daher über die Geschichte der Geologie zu bloggen.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das ist alles sehr interessant. Könnte man nicht durch die Untersuchung der Pflanzen, die an einer Lagestelle wachsen feststellen, welche Metalle da zu finden sind, anstatt Stollen zu graben?

    • Danke, sehr interessant. Laut Volkskundlern ist dieser Sagetyp, wo Tiere verborgene Schätze finden, sehr verbreitet. Es hängt wohl auch damit zusammen, das Prospektoren wohl ihre Arbeitsgeheimnisse behielten, und das einfache Volk daher die Entdeckung von kostbaren Erz irgendwie magisch-mythisch zu erklären versuchte.

  2. Zuerst, die Beiträge des Blog sind sehr interessant. Ich schreibe aus dem Mansfelder Land wo der Kupferschieferabbau über 800 Jahre existierte.
    Angeblich sollen zwei wandernde Bergleute aus Goslar um 1200 im Feuer eines Meilers das Kupfererz entdeckt haben.Es gibt aber auch zuverlässige Nachweise, das schon vor über 5000 Jahren im Mansfelder Land Kupfer gewonnen und verarbeitet wurde. Unbekannt ist jedoch, warum erst um 1200 die Kupfergewinnung wieder aufgenommen wurde.

    • Viele Bergbaugebiete gehen auf das 13. Jhd. zurück, hat vielleicht auch gesellschaftliche Gründe, zahlreiche Stadtgründungen und vielleicht größere Nachfrage für Metalle ?

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