Wissenschaftler auf Abwegen: Die EPSC 2018 – Nachbetrachtungen

Immer wieder treibt es im September blasse Gestalten aus ihren Kellerlaboren und schlecht klimatisierten Büros zu einer Tagung, um ihrem Präsentationsdrang Entlastung zu verschaffen. Genau, schon wieder Zeit für eine EPSC (European Planetary Science Conference). Was einst als regionale Ausgabe der großen LPSC, jedes Jahr in Houston, gedacht war, hat sich mittlerweile zu einer eigenständigen Tagung mit Strahlkraft auch über Europa hinaus entwickelt. Da die EPSC eine Wanderveranstaltung ist, hat jede auch einen regionalen Touch. In den letzten Jahren war sie in London (2013), Cascais/Lissabon (2014), Nantes (2015), Pasadena (2016) (aber das ist ja gar nicht in Europa! Stimmt, war aber halt trotzdem so) und 2017 dann in Riga. Da kam man gerade auch mit Kollegen aus den Ostseeanrainern in Kontakt. Dieses Jahr fand die Tagung allerdings gleich um die Ecke in Berlin statt. Dennoch, auch ohne den Exotik-Faktor hat sich der Trip gelohnt.

Natürlich war ich nicht zum Spaß dort, sondern beruflich (was jetzt nicht heißen soll, dass mir meine Arbeit keinen Spaß macht). Deshalb hatten erst mal Sitzungen mit Bezug zu meiner Arbeit (Merkur & BepiColombo) Vorrang. Falls es die Zeit erlaubte, nutzte ich die Gelegenheit natürlich, meinen Horizont zu erweitern. Natürlich setzte sich meine Pechsträhne fort, viele gute Vorträge in den anderen Sessions zu verpassen. Dennoch, auch so eine recht gehaltvolle Tagung.

Wie schon früher dieses Jahr in Maryland, geht es momentan in der Community darum, die Kontinuität in der Forschung zu bewahren. Also die Kenntnisse (vor allem von MESSENGER) als Basis für die wissenschaftliche Vorbereitung der anstehenden BepiColombo Mission zu verwenden. Ein Kern an Leuten tauscht sich also regelmäßig aus.

Das war dann bereits am Montag. Und da war ich mit meinem Vortrag als erster in der langen Session dran (zitter, schlotter). Und zwar in der Session Mercury Science and future exploration, die eben ganz im Zeichen der bevorstehenden BepiColombo Mission stand. Da im Oktober natürlich alles perfekt ablaufen wird, sollte die Sonde gegen 2025 in eine Umlaufbahn um den innersten Planeten treten. Die Vorträge der Session fanden in einem deutlich zu kleinen Raum –  einem normalen kleineren Vorlesungsaal – statt. Ich war gleich ganz am Anfang der Session fällig, was den gewöhnlich Vorteil hat, dass man den Stress gleich am Anfang der Woche los ist. Nachteil: jede Tagung muss erst mal in die Gänge kommen, die Feinheiten vor Ort (Technik vor allem) müssen sich erst einpendeln. So musste ich als erster mit Laserpointer und Mikro gleichzeitig kämpfen, was der allgemeinen Verständlichkeit doch eher zum Nachteil gereichte.

Kollegen zeigen Präsenz (Eigenes Foto).

Thematisch ging es in meinem Vortrag (10 Minuten) eben um die Anwendung der Daten aus früheren Missionen und Studien für unser kleines Instrument an Bord von BepiColombo, dem Infrarot-Spektrometer MERTIS. Die Daten (zackelige Linien), welche so ab der ersten Vorbeiflüge an der Venus, spätestens aber aus dem Orbit ab 2025 eintreffen, müssen interpretiert werden. Dazu braucht man Laborspektren. Das ist genau meine Arbeit, und basierend eben auf den vorhandenen Daten köcheln wir synthetische Gesteine zusammen und messen deren Spektren. Mein Vortrag war ein Bericht der laufenden Arbeit – wie eigentlich der meisten Präsentationen auf der Tagung. Mal wieder kam danach keine Frage (schnüff). Auf der ersten Postersession am Dienstag gab es dann noch zwei Poster unserer Arbeitsgruppe zum Thema.

Zusätzlich zu meinem Meisterstück gab es dann eine Serie an Vorträgen, die zeigen, wie vielfältig die Wissenschaft um den innersten Planeten ist. Zum Beispiel unsere Kollegen von der TU Dortmund, Wohlfarth et al. mit Modellierungen des Space Weatherings, das auf dem Merkur einen gewaltigen Einfluss auf die Oberfläche haben dürfte (und damit auf die spektralen Eigenschaften…)  Updates über die mysteriösen Hollows. Neues von Klima et al. über die Kohlenstoff-Vorkommen. Und erste Planungen für die Venus-Vorbeiflüge 2020 und 21. Und noch vieles Mehr.

Neben dem wissenschaftlichen Teil gab es auch neues über den Verlauf der Mission kurz vor bis kurz nach dem Start von Joe Zender et al. Soweit ist alles im Lot & in der Zeit (daumendrück). Und dann Emily Baldwin et al. von der ESTEC über die geplante Öffentlichkeitsarbeit. Beginnend mit einer Übersicht, wie sich die Medienlandschaft (z.B. soziale Medien) während der Flugphase der Rosetta-Mission verändert hatte. Basierend darauf wird der Public Outreach für die BepiColombo Mission vorbereitet, die eben auch 7 Jahre bis zum Eintritt in den Orbit dauert. So wird unter anderem der sehr erfolgreiche Einsatz von Comicfiguren in der Öffentlichkeitsarbeit der Rosetta-Mission wird mit BepiColombo in erweiterter Form (wie kurze Zeichentrickfilme) weitergeführt werden. Am Dienstag gab es dann noch eine Pressekonferenz zum Thema.

Was fiel mir dann, bei all diesen Einschränkungen, noch so auf? Laborsimulationen von Eis, generell schwierig, sind im Kommen. Das äußere Sonnensystem, aber auch die Polkappen von Mars, sowie Kometen sind da mehr als genug Grund. Zum Beispiel auch ein visuell schön gemachter Beitrag von meinen im schottischen Stirling (wo sich inzwischen einiges in Richtung Planetary Sciences tut) tätigen Kollegen Erika Kaufmann und Axel Hagermann über Laborsimulationen von Kometen.

Wie so oft, war die Session zum Thema Impakte und Schockeffekte sehr interessant. Der Berliner Kollege Hamann et al. demonstrierte, wie man mit Laserstrahlen Gestein verdampft (auch visuell sehr beeindruckend). Dann eine Reihe an Vorträgen einer Arbeitsgruppe unter der Leitung meines in Helsinki tätigen tschechischen Kollegen Kohout. Auch hier wurden im Labor die Auswirkungen straken Impaktschocks simuliert. Und zwar mit einer Technik namens ‘Spherical Shock Experiments’. Dabei wurde eine sorgfältig polierte Kugel aus Tscheljabinsk mit Sprengstofflinsen ummantelt, und diese gezündet. Die dabei erreichten Drücke und Temperaturen im inneren der Gesteinskugel sind sehr hoch, man erhält konzentrische Ringe an Material mit verschiedenen Schockstufen in der Probe. Sieht beeindruckend aus. Allerdings waren genauere Details über die Technik laut einer Vortragenden Top Secret! (hört man auch nicht oft in der Planetologie). Das liegt wahrscheinlich da dran, dass die angewandte Methode wohl recht nah mit einer gewissen nicht-zivilen Technik verwandt ist, bei welcher sphärische Schockwellen mit spaltbarem Material recht starke Explosionswirkungen erzeugen.

Ein Vortrag (den ich natürlich verpasst habe….) der es gar zu einer Pressemitteilung brachte, war Realistic modeling of water transport to terrestrial planets by combining long-term dynamics and collision physics von Burger et al. (Wien & Tübingen). Da geht es darum, wie eigentlich Wasser auf die terrestrischen Planeten des inneren Sonnensystems kam. Die Modelle der Gruppe erlauben einen Eintrag durch Hit-and-Run Kollisionen, Streifschüsse zwischen Planetesimalen, wie sie im jungen Sonnensystem der Debris-Disk Phase üblich waren. Und da kann ich sogar eines meiner älteren Paper einbringen. Denn wenn man die Infrarotspektren von manchen jungen Sonnensystemen, die in dieser Phase sind, mit Laborspektren eben von experimentell geschockten, wasserhaltigen kohligen Chondriten vergleicht, so gibt es schon Ähnlichkeiten. Leider ist nur ein früher Abtrakt frei zugänglich, so der Vergleichsteil noch nicht ganz so weit war.

Hier kann noch ein abgenudelter Scherz eingefügt werden (Eigenes Foto).

Das waren dann schon wieder meine unkohärenten Eindrücke der EPSC. Gab natürlich noch viel mehr, der zwischenmenschliche Faktor einer Tagung ist natürlich auch wichtig. Man trifft die alten Kollegen, und auch die neue Generation an wissbegierigen, noch idealistischen Jungforschern.  So müssen ältere Jungwissenschaftler wie ich hilflos mit ansehen, wie die jüngeren Generationen nachrücken. Im guten wie im schlechten, so war der alternative Titel dieses Eintrags denn auch

EPSC 2018 – Invasion der Weltraum-Hipster

Gut, die meisten Exemplare der auf der Tagung gesichteten Spezies gehören wohl dem Biotop der TU Berlin an, auf dessen Campus die Tagung stattfand. Obwohl der hohe Anteil an Alu-Mac Books auch auf eine erhöhte Komponente unter den Tagungsteilnehmern hindeutet. (Geständnis: der Beitrag wurde auch auf einem solchen geschrieben).

Fazit dann: Die Tagung fand im Hauptgebäude der TU Berlin statt. Attraktiv gelegen an der Straße des 17.Juni. Der Bau selber hatte ein gewisses abgewetztes 90er-Feeling, irgendwie scheinen alle größeren Uni-Gebäude in dieser Zeit hängen geblieben zu sein. Und der Ort war eher ein Nachteil, vor allem die Poster-Session (wovon es gar drei gab) war dann doch etwas zu sehr verteilt. Andererseits bot die verwinkelte Natur des Gebäudes viele Nischen als praktische Rückzugsmöglichkeit. Da konnte man sich mit Kollegen zum schmieden großer Zukunftspläne zurückziehen. Oder einfach chillen.

Die Hinterseite ist wirklich schöner (Eigenes Foto).

Alternativ konnte man sozio-kulturelle Spekulationen basierend auf Fachschaftsaushängen betreiben. Generell scheint die TU ein recht aktiver Ort zu sein, tatsächlich marschierte am ersten Tag ein Aktivist mit Megaphon in die Eingangshalle. Nach hektischen herumfrickeln mit dem Lautsprecher und einer soliden Rückkoppelung verlies der scheiternde Aktivist das Gebäude allerdings fluchtartig, weshalb ich nicht weiß ob ich hier Zeuge einer mal wieder scheiternden Revolution war.

Allerdings ist das mit geeigneten Orten für eine recht große Tagung so ein Problem, gerade finanziell. Da war die Tagungen in Riga (Konferenzhotel), Nantes und Cascais (Tagungszentrum) schon kompakter. Die Organisation lief nach leichten Anlaufschwierigkeiten aber recht gut, wie von der EPSC gewohnt. Und das Wetter war prima, ein nicht ganz zu unterschätzender Faktor. Getwittert wurde übrigens auch fleißig, der Hashtag #EPSC2018 scheint mir sogar ein paar Tage ganz ordentlich getrendtet zu sein, wohl auch dank der Aktivität vom Scilog-Kollegen Karl Urban.

Die nächste Tagung wird dann wohl im November in Chile sein. Und dann wieder die LPSC, in der fernen Zukunft des Jahres 2019. Und die Nummer 50 wird wirklich interessant werden.

 

Mein Interesse an Planetologie und Raumforschung begann schon recht früh. Entweder mit der Apollo/Sojus Mission 1975. Spätestens aber mit dem Start der Voyager-Sonden 1977, ich erinnere mich noch wie ich mir mein Leben in der fernen Zukunft des Jahres 1989 vorzustellen versuchte, wenn eine der Sonden an Neptun vorbeifliegen würde. Studiert habe ich dann Mineralogie in Tübingen (gibt es nicht mehr als eigenständiges Studienfach). Anstatt meinen Kommilitonen in die gängigen Richtungen wie Keramikforschung zu folgen, nahm ich meinen Mut zusammen und organisierte eine Diplomarbeit über Isotopenanalysen von Impaktgestein aus dem Nördlinger Ries Einschlagkrater. Dem folgte dann eine Doktorarbeit über primitive Meteorite in Münster. Nach 10 Jahren als PostDoc in verschiedenen Ecken der Welt arbeite wieder am Institut für Planetologie in Münster, an Labormessungen für die ESA/JAXA Raumsonde BepiColombo, die demnächst zum Merkur aufbrechen wird. Mein ganzes Arbeitsleben drehte sich bisher um die Untersuchung extraterrestrischer (und damit verwandter) Materialien: Gesteine aus Impaktkratern, die ganze Bandbreite Meteoriten (von den ganz primitiven Chondriten bis hin zu Marsmeteoriten). Zu meiner Forschung gehören auch Laborexperimente, in denen Vorgänge im frühen Sonnensystem nachgestellt wurden. Mein besonderes Interesse ist, die Laboruntersuchungen von extraterrestrischem Material mit Fernerkundungsdaten (im Infrarot) zu verknüpfen. Das vor allem mit Daten aus der planetaren Fernerkundung durch Raumsonden, aber auch mit Beobachtungen junger Sonnensysteme durch Teleskope.

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