Viel Mars und Mond: noch mehr Lunar and Planetary Science Conference in Houston (II)

Und weiter geht es. Die Uhr tickt, noch knapp zwei Wochen eine halbe Woche und mein Poster ist immer noch nicht fertig ist endlich fertig. Die ersten Poster sind sogar schon Online. Und geht es weiter in unserer heiteren, nicht unbedingt repräsentativen Übersicht was so in Texas Spätmitte März abgehen wird

Mittwochmorgen könnte hart werden, denn Dienstagabend nach der Postersession ist traditionell gesellig. Wie zum Beispiel die traditionelle Hawaii Party. Aber da muss man durch. A VOLATILE MOON: FROM THE INTERIOR TO THE SURFACE setzt die Session vom Montag fort. Ein Problem sind die messtechnisch schwierigen, niedrigen Wassergehalte in den Mineralen – Stichwort ’nominally anhydrous Minerals‘. Siehe die Präsentation von Simon et al. Das Thema wird in MARTIAN IGNEOUS AND HYDROTHERMAL PROCESSES FROM ORBIT AND ON THE SURFACE weitergeführt. Ein interessanter Aspekt der Verwitterung wird von Ashley & Herkenhoff präsentiert: nämlich die von Meteoriten auf dem Mars. Und da wurden in der Zwischenzeit schon sage und schreibe 22 verschiedene von den Rovern gesichtet, die meisten davon Eisen oder Stein-Eisenmeteorite.

Dann was über die differenzierten Meteorite, die Achondrite. Also Proben von Asteroiden, die mal teilweise oder ganz aufgeschmolzen sind, und einen Kern und Mantel besitzen. Das ist ein ganzer Zoo an verschiedenen Meteoritengruppen. Es ist ein ganz schönes Puzzle, die verschiedenen Gruppen möglichst wenigen Mutterkörpern zuzuordnen. Eine Übersicht über den momentanen Stand, vor allem basierend auf der zentralen Sauerstoffisotopie, von meinem alten Bürokollegen Richard Greenwood et al.(der hat auch einen tollen Blog, der diesen hier inspiriert hat). Zwischenstand: bis zu 132 Mutterkörper wären zurzeit drinnen.

Dann wieder die immer beliebten Impakte. Interessant Heck et al. mit einem genaueren Blick auf die fossilen Meteorite. So scheint nach einem großen Kollisionsereignis vor 467 Millionen Jahren, dem L-Chondrite Parent Body Breakup (LCPB) sich die Zusammensetzung der Meteoritenfälle geändert zu haben – darunter sind auch bisher unbekannte Typen.

Dann endlich eine missionsbezogene Session: NEW HORIZONS VIEWS OF PLUTO AND CHARON: SO LONG AND THANKS FOR ALL THE BITS. Updates über den momentanen Stand der Auswertung dieser spektakulären Mission. Und endlich was über Chondrite. nach der Mittagspause wird dieses Thema gleich weitergeführt, vor allem in detaillierten Isotopenstudien. Wie zum Beispiel von einem Kollegen aus der Münsteraner Kosmochemie. Kruijer et al. identifizieren in DATING THE FORMATION OF JUPITER THROUGH W AND Mo ISOTOPE ANALYSES OF METEORITES verschiedene ‚Reservoire‘ in der Gas- und Staubscheibe des frühen Sonnensystems, was auch Hinweise auf die Bildung der Gasplaneten liefern könnte.

Dann gleich eine doppelte Ladung Mars: Meteorite von selbigen, und Oberflächenstrukturen. Also Kosmochemie vs. planetare Geologie sozusagen, oder Laborstudien vs. Fernerkundung. Der Mars ist inzwischen ein aus verschiedenen Blickwinkeln recht gut erfasster Planet. VOLCANIC PROCESSES ON SILICATE BODIES führt das Thema etwas weiter aus, aber nicht nur für den roten Planeten. Was fehlt noch? Astrobiologie Exobiologie, klar doch [Stöhn]. Die Umbenennung ist interessant, hört sich zumindest nicht mehr so esoterisch an – Re-Branding ?

Das war es am Mittwoch, Zeit für (mindestens) ein Bier und tendenziell ungesundes Essen.

Donnerstag, Endspurt. Man beginnt sich fast schon heimisch zu fühlen, und da ist die Tagung schon fast wieder rum. Es gibt tatsächlich Eis auf dem innersten Planeten, und darum geht es in POLAR ICE DEPOSITS ON MERCURY AND MORE. Susorney et al. haben zum Beispiel mit einem Laser Altimeter die Dicke der eishaltigen Schichten gemessen, und kommen auf 33-45 Meter. Geschätzes Gesamtvolumen and Merkur-Eis: um die 200 Kubikkilometer. Feucht&kalt geht es auch in WATER ON MARS I zu. Mars hat zudem eine aktive Atmosphäre, mehr darüber in der Parallelsession (das hält einige Kollegen in Bewegung)  ATMOSPHERE AND LOATHING: AEOLIAN PROCESSES ON MARS. Immer beliebt sind die Dust Devils, kleine Staubschwurbel.  Abgerundet wird der Morgen dann noch Petrologie und Chemie des Mondes, sowie PRESOLAR GRAINS AND OTHER SMALL PARTICLES. Klein, aber fein: um die Brösel untersuchen zu können, muss ein ziemlicher analytischer Fuhrpark aufgefahren werden. Zum Beispiel die wohl beste Ionensonde in Chicago, mit der Stephan et al. Spurenelemente in präsolaren Körnern untersuchen. Auch Kometenbrösel von STARDUST werden nach wie vor fleißig untersucht, so haben Joswiack et al. Spuren von CAIs, also Partikel aus dem heißen, frühen inneren Sonnensystem, die normalweise nur in primitiven Chondriten vorkommen, gefunden. Das deutet auf großräumige Materialbewegungen in der Staubscheibe damals hin. Und dann noch was über Impakte (ist ordentlich was los), dieses Mal der kleineren Art. So z.B. Williams et al. über (relativ) rezente Impakte auf dem Mond.

Dann, am Nachmittag, einiges über lunare Kruste und Impakte. Da ist gerade auch meine Arbeitsgruppe (unter anderem) sehr aktiv, gerade was die Nutzung von Kraterhäufigkeiten für Datierungen betrifft. Was treiben die ganzen Rover so auf dem Mars? Antwort zu Hauf in Session RED ROVERS, RED ROVERS, SEND DATA RIGHT OVER: IN SITU OBSERVATIONS AND TERRESTRIAL STUDIES TO EXPLAIN THEM. Und noch mehr Wasser auf dem Mars, mit Gedanken zu Tsunamis auf selbigem in den möglichen frühen Ozeanen. Ein wilder Mix aus Studien zu TERRESTRIAL PLANET DIFFERENTIATION: EVERYWHERE EVERY WAY, also auch was Exo-Planeten betrifft. so machen sich Hakim et al. in Amsterdam Gedanken über die Mineralogie von kohlenstoffreichen Planeten. Auch recht gemischt eine der leider recht wenigen Sessions über primitive Meteorite und deren Bestandteile, viele Isotope, viel SIMS. Und zu guter letzt noch eine ganze Session über die Venus, einem in den letzten Jahren etwas übergangenen Nachbarplaneten: UNVEILING VENUS: NEW SCIENCE FROM EARTH’S SISTER PLANET. Richard Ghail und Mitstreiter modellieren z.B. mögliche Tektonik auf dem Planeten.

Und dann wieder eine Postersession. Und wieder schwirrt einem von der schieren Auswahl im Voraus der Schädel. Aber da muss man ebenfalls durch. Erst mal eine ganze Serie an Postersessions zu differenzierten Körpern, Groß und Klein. Ein gewisses Luxusproblem haben da zum Beispiel Korotev & Irving – nicht zu wenig, sondern zu viele Mond-Meteorite: STILL NOT KEEPING UP WITH THE LUNAR METEORITES–2017. Und die Mutterkörper der Eisenmeteorite bekommen mit der Psyche-Mission deutlich mehr Aufmerksamkeit. Eine Übersicht gibt es von Lindy Elkins-Tanton, der Leiterin der Mission. Interessante Experimente zu Impakten und Kratern auf Psyche von Guy Libourel, meinem alten Chef aus französischen Jahren: Projektile wurden in Japan mit einem Geschütz auf ein Stahlziel geballert. Die Bilder der Krater sind interessant – könnten solche verbogenen Krater  in groß auf Psyche vorkommen? Merkur, der sympathische, wenn auch etwas überhitzte Metallgnubbel im inneren Sonnensystem, erfreut sich auch zunehmender Aufmerksamkeit, gerade auch wegen der bevorstehenden BepiColombo-Mission. Und ich stelle fest, dass mein Poster schon am Dienstag fällig ist, hatte es irgendwie in dieser Session verortet. Und natürlich viel Mond. Und Oberflächenprozesse auf dem roten Planeten. Und Impakte.

Dann gibt es noch die Environmental Analogs – das sind Gegenden auf der Erde, die für extraterrestrische Ecken als Ersatz verwendet werden. Sehr beliebt, gleich sieben Sessions. So zum Beispiel Kollegen aus Münster, die auf Spitzbergen aktiv sind um die Auswirkungen von Wasser auf die Landschaft bei niedrigen Temperaturen zu studieren – um so Oberflächenstrukturen auf dem Mars zu interpretieren.

Die Chondrite sind irgendwo zwischendrin versteckt. Und das trotz vieler interessanter (wenn auch oft sehr spezialisierter) Poster. Das einsammeln gerade von kleineren extraterrestrischen Partikeln ist immer eine Herausforderung. Auf Hawaii  ist es Hope Ishii et al. gelungen, recht erfolgeich Partikel (IDP) auf dem Vulkangipfel einzusammeln. Und ein Nachtrag zu den auf Hausdächern eingesammelten Mikrometeoriten: Eine Züricher Arbeitsgruppe hat erfolgreich nichtirdische Edelgasisotopie in solchen Proben gemessen, was deren Eignung für tiefergehende wissenschaftliche Arbeit bestätigt.

Und noch mehr Missions– und Gerätekonzepte. Ein neuer Anlauf für die schon mal abgeschmetterte europäische Sample-Return Mission MarcoPolo. Oder CASTAway, hier ist die Idee, anstatt nur wenige Asteroide intensiv zu untersuchen, möglichst viele in FlyBys (natürlich nicht ganz so ausführlich) zu besuchen. Hätte den Vorteil, dass man eine bessere Statistik bekommt, gute Idee also (ich bin sogar ein wenig in der Sache involviert). Auch Venus ist nach wie vor auf dem Schirm, vor allem wie eine Sonde auf der Oberfläche länger überleben könnte.

Danach: Arizona-Party. Einst ein eher kleines Unterfangen im Umland Houstons, organisiert von Studenten der ASU. Jetzt treten sich fast alle (auch ältere Gestalten wie Ich) dort auf die Füße.

Dann noch Donnerstag. Ein angenagter, halber Tagungstag. Wohl werden viele schon Donnerstag abreisen, was dann für die Leute mit Vorträgen am Freitag nicht so prall ist. Dabei ist nochmal für (fast) jeden was dabei. Merkur, Oberfläche des Mars, matschige Chondrite, alles was sonst so mit Asteroiden zu tun hat aber nirgendwo reingepasst hat. Und dann noch  die Session GEODYNAMICS AND TECTONICS ACROSS SCALES: OUTSIDE, INSIDE OUT LIVIN ’ LA GEODYNAMICA LOCA. Darunter zwei Studien zu Exo-Planeten in der Größenordnung unserer Erde. Tosi et al. machen sich Gedanken über terrestrische Planeten mit einem Stagnant-Lid, also ohne richtige Plattentektonik, eben mit einem Deckel auf dem Mantel. Wie würde das die Bewohnbarkeit beeinflussen? Laut der Studie würde noch genug Material von unten hochkommen, um eine Biosphäre über lange Zeiträume zu ermöglichen. Tikoo und Elkins-Tanton liefern eine Studie über die Auswirkungen von Wasser auf den Start von Plattentektonik. Keane & Matsuyama mit einer Übersicht zum True Polar Wander (TPW) als Ergebnis von Unwucht durch Massenverschiebungen in planetaren Manteln. Scheint öfters vorgekommen zu sein, interessantes Thema das in jüngerer Zeit zunehmend Aufmerksamkeit erhält.

Und das war es dann schon. Blasse Tagungsteilnehmer stolpern aus dunkeln Tagungsräumen hinaus in das grelle Tageslicht, und stellen mit Entsetzen fest, dass der Kaffee schon abgeräumt wurde. Fazitzeit: Wie am Anfang gesagt, so eine Tagung erlaubt es, den Finger in die Luft zu halten um einen Eindruck zu bekommen, aus welcher Richtung der Wind in der Branche so weht, sozusagen. Was ist so der Eindruck (im Voraus)? Wie schon mehrmals erwähnt, scheint die klassische Meteoritenforschung (in der auch ich meine ersten Sporen in der Planetologie erwarb) sich im Rückzug zu befinden. Früher war da einfach mehr, und an prominenterer Stelle. Thematisch dominieren Mars und Mond. Wie auch immer, das war jetzt erst mal eine Vorschau. Ab nächste Woche ist auf dem Platz, wenn die Zeit es erlaubt, werde ich ein oder zwei Beiträge vor Ort bloggen.

Mein Interesse an Planetologie und Raumforschung begann schon recht früh. Entweder mit der Apollo/Sojus Mission 1975. Spätestens aber mit dem Start der Voyager-Sonden 1977, ich erinnere mich noch wie ich mir mein Leben in der fernen Zukunft des Jahres 1989 vorzustellen versuchte, wenn eine der Sonden an Neptun vorbeifliegen würde. Studiert habe ich dann Mineralogie in Tübingen (gibt es nicht mehr als eigenständiges Studienfach). Anstatt meinen Kommilitonen in die gängigen Richtungen wie Keramikforschung zu folgen, nahm ich meinen Mut zusammen und organisierte eine Diplomarbeit über Isotopenanalysen von Impaktgestein aus dem Nördlinger Ries Einschlagkrater. Dem folgte dann eine Doktorarbeit über primitive Meteorite in Münster. Nach 10 Jahren als PostDoc in verschiedenen Ecken der Welt arbeite wieder am Institut für Planetologie in Münster, an Labormessungen für die ESA/JAXA Raumsonde BepiColombo, die demnächst zum Merkur aufbrechen wird. Mein ganzes Arbeitsleben drehte sich bisher um die Untersuchung extraterrestrischer (und damit verwandter) Materialien: Gesteine aus Impaktkratern, die ganze Bandbreite Meteoriten (von den ganz primitiven Chondriten bis hin zu Marsmeteoriten). Zu meiner Forschung gehören auch Laborexperimente, in denen Vorgänge im frühen Sonnensystem nachgestellt wurden. Mein besonderes Interesse ist, die Laboruntersuchungen von extraterrestrischem Material mit Fernerkundungsdaten (im Infrarot) zu verknüpfen. Das vor allem mit Daten aus der planetaren Fernerkundung durch Raumsonden, aber auch mit Beobachtungen junger Sonnensysteme durch Teleskope.

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