Die großen Fragen: Weltfrieden – eine Vision von Gespräch statt Gewalt

“Wird es jemals Weltfrieden geben?”, ist die große Frage, die heute anlässlich des zehnjährigen Scilogs-Jubiläums auf Zeit Online diskutiert wird. Warum gibt es Kriege, und warum reden die Menschen nicht stattdessen miteinander? Kann es denn so schwierig sein, aus der Geschichte zu lernen und Gespräch, Argument und Überzeugung zur Bewältigung von Interessensgegensätzen einzusetzen statt Bomben und Kanonen?

Gewalt ist schlecht, Kommunikation ist gut – das ist die Auffassung, die hinter diesen Fragen steht. Und grundsätzlich ist dagegen auch überhaupt nichts einzuwenden, solange nicht in einer Weise kommuniziert wird, die nicht letztlich doch zur Gewaltanwendung hinführt. Auf der Seite des “guten” Kommunizierens steht die Diplomatie ganz vorne, die Kunst der politischen Verhandlungsführung. “Diplomatie ist, mit dem Schwein freundlich, aber zielorientiert über die Notwendigkeit des Sonntagsbratens zu verhandeln”, lautet ein berühmtes Bonmot. Darin wird zum Ausdruck gebracht, dass eine Seite Ziele verfolgt, die den Interessen der anderen Seite entgegenstehen. Durch das Zugestehen von Vorteilen oder Kompensationen, das Schnüren von Kompromisspaketen oder auch die gemeinsame Verhinderung von Schlimmerem sollen Lösungen gefunden werden, ohne dabei die Interessen der Verhandlungspartner zu verletzen. Es soll also keine ausweglosen Situationen geben, die gewaltfrei nicht mehr zu lösen sind. Diplomatie ist Verhandlungsrhetorik mit Nachhaltigkeit. Das Gleichnis mit dem Schwein und dem Sonntagsbraten ist dafür vielleicht doch nicht ganz so treffend.

Noch weiter geht die Diskursethik, ein philosophischer Ansatz zur Klärung ethischer Fragen, für den auch praktische Relevanz reklamiert wird. In der Diskursethik sind beispielsweise von Jürgen Habermas, dem Sprachphilosophen Paul Grice mit seinen Konversationsmaximen folgend, Diskursregeln vorgeschlagen worden, mit denen ein faires Gespräch zu einem bestimmten Thema geführt werden können soll. Regeln wie “Kein Sprecher darf sich widersprechen”, “Jeder Sprecher darf nur das behaupten, was er selber glaubt” oder “Jeder darf jede Behauptung in den Diskurs einführen” definieren eine “ideale Sprechsituation”, in der es zu einer gerechten, herrschaftsfreien Aushandlung von Positionen durch Argumente kommen kann. Leider ist die Gesprächswirklichkeit meilenweit von einer solchen Idealsituation entfernt. Da gibt es zum einen die Stimmungen, Gefühle und Charaktere der Gesprächsteilnehmer. Besonders krass fällt dies bei unkooperativen, nicht an Wahrheit oder Argumentation orientierten narzisstischen Persönlichkeiten ins Gewicht. Wir wissen alle seit dem Aufstieg der neuen populistischen Staatenlenker, dass eine solche Person im demokratischen Diskurs überaus erfolgreich sein kann.

Aber auch der wohlwollende und kooperative Verhandlungspartner kann sich nicht freimachen von Priming-, Anker- und Halo-Effekten, von Verfügbarkeitsheuristiken, Framing und anderen kognitiven Verzerrungen, wie sie der Nobelpreisträger Daniel Kahneman erforscht und in seinem großartigen Werk “Schnelles Denken, langsames Denken” zusammenfassend dargestellt hat. Selbst wenn wir uns rationales Verhalten und emotionsloses Argumentieren vornehmen, ist es uns nicht möglich, all diesen Einflussnahmen der tief unten in unserer Psyche nach altbewährter Manier arbeitenden Schnellbewertungseinheiten zu entkommen.

Zudem prägt die Gesprächsdynamik selbst unsere Meinungen und unser Verhalten, denn ein Gespräch erstreckt sich lange nicht nur auf den Austausch sprachlicher Äußerungen. Die linguistische Gesprächsforschung hat vielmehr herausgefunden, dass sich ein Gespräch als eine hochkomplexe Interaktion zwischen Menschen entfaltet, die beständig ihr Gesprächsverhalten aufeinander abstimmen, kontrollieren und justieren. Die Bedeutung dessen, über das geredet wird, ist nicht von vornherein gegeben, sondern wird erst kooperativ im Gespräch konstruiert, und auch Gestik, Mimik, Blickbewegungen und Aufstellung der Beteiligten im Raum haben nicht zu unterschätzende Auswirkungen auf das Gespräch – und somit auch auf seinen Erfolg, wenn es darum geht, Kompromisse zu erzielen.

Selbst auf der Ebene der einzelnen Wörter ist es uns nicht ohne weiteres möglich, einen Sachverhalt völlig neutral zu bezeichnen. Ob wir nun von “Flüchtlingszuwanderung”, “Armutsmigration”, “Aufnahme von Schutzsuchenden” oder “Invasion von Wirtschaftsmigranten” sprechen – jede dieser Formulierung steht nicht für sich allein, sondern entfaltet eine Szenerie mit Rollen und Handlungsmustern um sich, die im Gespräch sofort kognitiv aktiviert werden und die Akzeptanz von Argumentationen prägen. Gerade der politische Diskurs wird in hohem Maße durch die Vermarktung geeigneter Frames bestimmt, wie Elisabeth Wehling in ihrem Buch “Politisches Framing” eindrücklich gezeigt hat.

Wenn wir also wollen, dass Gewalt durch Gespräch ersetzt wird, müssen wir verstehen, wie Gespräche und Menschen in Gesprächen funktionieren. Viel haben wir dazu in den vergangenen Jahrzehnten gelernt, vieles ist noch zu erforschen. Wie sich das in Verhandlungen konkret einsetzen lässt, ist bislang alles andere als klar. Was jedoch klar ist, ist die Tatsache, dass der Appell an Vernunft und gegenseitige Rücksichtnahme allein nicht ausreicht – dazu ist in einem ach so friedvollen Gespräch viel zu viel kommunikatives Gewaltpotenzial enthalten.

Beitragsbild: US-Außenminister Edward R. Stettinius redet zur 16. Plenarversammlung der Gründungskonferenz der Vereinten Nationen im Opernhaus von San Francisco, 26.06.1945. Zeitgenössische Photographie, New York, Photoarchiv der Vereinten Nationen. Quelle: United Nations Photo.

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Henning Lobin ist seit 1999 Professor für Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Von 2007 bis 2016 leitete er dort das interdisziplinäre Zentrum für Medien und Interaktivität, in dem die Auswirkungen von neuen Kommunikationsformen auf Wissenschaft, Kultur und Bildung untersucht werden. Seine Forschungsschwerpunkte bilden die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Sprache, Texttechnologie und die multimediale Wissenschaftskommunikation. Gegenwärtig ist er u.a. Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Instituts für deutsche Sprache in Mannheim, des Fachkollegiums "Sprachwissenschaft" der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Forschungsbeirats der Stiftung Wissenschaft und Politik. Bei den SciLogs ist Henning Lobin Autor des Blogs "Die Engelbart-Galaxis" und Gast-Autor im Blog "Wissenschaftskommunikation hoch 3" der ACATECH, für die er auch als externer Experte für Fragen der Wissenschaftskommunikation in sozialen Medien fungierte. Lobin ist Autor von sieben Monografien und hat zahlreiche Sammelbände herausgegeben (Bücher bei Amazon, bei Buch.de und im Buchhandel). Zuletzt erschienen: Engelbarts Traum (Campus, 2014).

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Der Mächtigere setzt sich tendenziell durch und das Gespräch, die Diplomatie benötigt er nur, damit er seinen Willen „friedlich“ durchsetzen kann, damit der Schwächere einsieht, dass er schwächer ist und sich Widerstand nicht lohnt. Solange Krieg verspricht auf „illegale“ Art und Weise an die Macht zu kommen, solange wird es Krieg geben. Neben Krieg gegen eine feindliche Macht gibt es auch die gewaltsame Machtübernahme ohne eigentliche Kriegshandlungen. So warten die Taliban in Afghanistan auf den Rückzug der USA um dann die Macht in Afghanistan gewaltsam, aber ohne Kriegshandlungen zu übernehmen.
    Die Idee, Diplomatie und Gespräch könne Krieg verhindern entspricht im Zivilbereich die Idee, Schlichtung könne eigentliche Gerichtsverhandlungen ersetzen. Die Schariagerichte sind meist Schlichtungsgerichte, indem der Schariarichter einfach bestimmt, welche Partei recht und welche falsch hat ohne dass in den meisten Fällen Strafen (ausser Kompensation) verhängt werden . Allerdings steht die Schariapraxis in der Regel auf der Seite des Mächtigeren, bei einem Konfliktfall zwischen Mann und Frau beispielsweise auf der Seite des Mannes (auf der Seite von Harvey Weinstein).

  2. Es gibt eine bestimmte Menge an Ressourcen, und es gibt eine bestimmte Menge an Verbrauchern.
    Die Verbraucher neigen dazu, sich zu vermehren, und die Ressourcen wachsen langsamer oder gar nicht.
    Man kann die Menge an Verbrauchern gewaltsam verringern, oder alle Verbraucher beschränken freiwillig ihre Vermehrung.

    • @Karl Bednarik

      Das ist der “schlichte” Quatsch der systemrationalen Propaganda – so bleibt das “Recht des Stärkeren” auf Sündenbocksuche inhuman und unwahrheitlich!?

      • Die Tatsache, dass die Menge der Ressourcen für die Menge der Verbraucher ausreichen muss, ist von allen politischen, sozialen und religiösen Systemen völlig unabhängig, weil der menschliche Organismus einen nicht absenkbaren Grundumsatz hat.
        Im einfachsten Fall verhungert ein Teil der Verbraucher.

  3. Es ist ganz einfach: Wenn Mensch den “freiheitlichen” Wettbewerb und seine Individualbewusst-egoisierende Symptomatik von “Wer soll das bezahlen?” und “Arbeit macht frei” nicht beendet, wird es KEINEN Frieden geben, KEINE wirklich-wahrhaftige / menschenwürdige Werteordnung.

  4. Was jedoch klar ist, ist die Tatsache, dass der Appell an Vernunft und gegenseitige Rücksichtnahme allein nicht ausreicht – dazu ist in einem ach so friedvollen Gespräch viel zu viel kommunikatives Gewaltpotenzial enthalten.

    Gewalt ist ja nicht schlecht und was dem einen vernünftig scheint, muss dem anderen so nicht erscheinen.

    Der Aufklärer hält sich insofern gerne am besten einen großen Knüppel im Schrank, gerade wenn er mit nicht-aufklärerischen Gesellschaftssystemen und nicht-aufklärerischen Personen zu tun hat.

    Irgendwo, irgendwie, müssen hier Denkfehler vorliegen, auf Ihrer Seite, Herr Dr. Lobin.
    So gibt es selbstverständlich auch in aufklärerischen Gesellschaftssystemen einen großen Gewaltbedarf, der typischerweise über die sogenannte Gewaltenteilung institutionalisiert ist.
    Nach außen hin, außerhalb des Einzugsbereich aufklärerischer Gesellschaftssysteme meinend, sowieso. Auch der bekannte Friedensnobelpreisträger, der Gute sozusagen, hatte einen ausgeprägten Hang zur Gewaltanwendung.
    Was eben auch nicht schlecht ist, wenn Gewalt angemessen ausgeübt wird – wie Ihnen jeder (aufklärerische gestimmte) Strafgefangene bestätigen wird (oder zumindest sein Wächter >:-> ).

    Tja, der Krieg wird weiterhin geübt werden, auf diese (aufklärerische) Ausnahme weist Dr. Webbaer freundlicherweise hin :
    -> https://de.wikipedia.org/wiki/Demokratischer_Frieden (Ja, diese Hypothese ist belastbar evidenzbasiert.)

    Der Pazifismus ist keine sittlich belastbare ethische Grundhaltung, im Inneren eines Staates sind ohnehin fortlaufend, nach besonderer strafrechtlicher Prüfung, Bürgerrechte zu beschneiden.

    Der Gag ist sozusagen der angemessene mit der anzufallenden Ausübung von Gewalt, auch nach außen hin.

    Übrigens ist auch Adorno, in seiner Spätzeit, gewaltsam an seiner Tätigkeit gehindert worden, vielleicht erinnert sich jemand.

    ..
    Hierzu noch :

    Wir wissen alle seit dem Aufstieg der neuen populistischen Staatenlenker, dass eine solche Person im demokratischen Diskurs überaus erfolgreich sein kann.

    “Wir alle” wissen dies nicht, bitte nicht vereinnahmen.
    Und hierzu :

    Regeln wie “Kein Sprecher darf sich widersprechen”, “Jeder Sprecher darf nur das behaupten, was er selber glaubt” oder “Jeder darf jede Behauptung in den Diskurs einführen” definieren eine “ideale Sprechsituation”, in der es zu einer gerechten, herrschaftsfreien Aushandlung von Positionen durch Argumente kommen kann. Leider ist die Gesprächswirklichkeit meilenweit von einer solchen Idealsituation entfernt.

    Sprecher dürfen sich widersprechen, allerdings werden sie dann besonders debattiert sozusagen, vielleicht klären sie in der Folge aber auch den Widerspruch auf, als nur vermeintlichen.
    Sie müssen NICHT authentisch (“wahrhaftig”) sein, sondern dürfen auch experimentelle Aussagen treffen.
    Die dürfen leider nicht ‘jede Behauptung in den Diskurs einführen’, wenn das Niveau gehalten werden soll, worauf die Moderation achten darf.
    Aber sehr viele.
    Dann muss Kritik auch nicht solidarisch sein, ist ja bekannt, oder? – Auch Adorno hob auf diesen Punkt gerne ab.
    Sie muss nicht konstruktiv, sondern darf auch zerstörerisch sein.

    Zudem gibt es keine “Wahrheit”, sondern nur (gemeinsam) zu entwickelnde Sicht, die am besten kohärent ist und evidenzbasiert.

    Übrigens sind aus Sicht des Schreibers dieser Zeilen weniger sogenannte politisch populistische Rechte das zeitgenössische Diskurs-Problem, sondern politisch Linke, Kulturmarxisten meist, die den allgemeinen Diskursrahmen, die allgemeine Säglichkeit beschneiden und darin recht erfolgreich sind.

    Wobei all diese Beobachtungen und Einschätzungen nur für den aufklärerischen Diskurs gelten, für den, der den Namen Diskurs verdient.
    Gegen andere, die anders wollen, gilt es sich zu schützen.

    MFG + weiterhin viel Erfolg!
    Dr. Webbaer

    • Kurze Entgegnung: Ich habe nicht über Gewalt in der Natur des Menschen und als Merkmal menschlicher Gemeinschaften als solches geschrieben (eine derartige Diskussion hat gestern Nachmittag auf Zeit Online stattgefunden), sondern etwas zur Auffassung von Kommunikation als etwas der Gewalt Entgegenstehendes gesagt. Insofern liegt wohl kaum ein Denkfehler vor. Und in der Diskursethik werden nun einmal solche Regeln aufgestellt, wie ich sie zitiert habe, ob Ihnen das gefällt oder nicht.

      • Formal werden Sie es sich womöglich so linguistisch / diskurs-ethisch zurecht brutzeln können, Herr Dr. Lobin, wenn Sie allerdings bereits im Intro und bestimmte Große Fragen meinend, wie folgt intonieren :

        Die großen Fragen: Weltfrieden – eine Vision von Gespräch statt Gewalt
        “Wird es jemals Weltfrieden geben?”, ist die große Frage, die heute anlässlich des zehnjährigen Scilogs-Jubiläums auf Zeit Online diskutiert wird. Warum gibt es Kriege, und warum reden die Menschen nicht stattdessen miteinander? Kann es denn so schwierig sein, aus der Geschichte zu lernen und Gespräch, Argument und Überzeugung zur Bewältigung von Interessensgegensätzen einzusetzen statt Bomben und Kanonen?

        Gewalt ist schlecht, Kommunikation ist gut – das ist die Auffassung, die hinter diesen Fragen steht.
        […]
        Auf der Seite des “guten” Kommunizierens steht die Diplomatie ganz vorne, die Kunst der politischen Verhandlungsführung. “Diplomatie ist, mit dem Schwein freundlich, aber zielorientiert über die Notwendigkeit des Sonntagsbratens zu verhandeln” [‘Bonmot’ irgendwas]

        …haben Sie sich halt auf die politische Ebene begeben und sind auch so zu stellen.


        Ist doch auch gar nicht schlimm, Sie dürfen gerne auch im Politischen und die oben angemeldete Gegenrede meinend reagieren.

        Es ist ja nicht so, dass Dr. Webbaer unbegrenzt über Zeit verfügt und nicht hofft, dass Sie diskursiv eingehen würden.

        MFG + schönes Wochenende,
        Dr. Webbaer

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