William Kentridge in Frankfurt. Mit Digitorial!

Das Liebieghaus in Frankfurt ist eins der schönsten Museen in Deutschland. Es ist normalerweise nicht so stark frequentiert wie manches der umliegenden Museen des Frankfurter Museumsufers und lädt zum mußevollen, beschaulichen Verweilen und Genießen ein. In Abständen aber landen die Macher in dem überaus prächtigen Gebäude einen Coup. Das war vor drei Jahren mit der aufwendig gemachten Schau zur Farbigkeit alter Plastik der Fall und 2012 mit einer Ausstellung der grell-artifiziellen Skulpturen des US-amerikanischen Künstlers Jeff Koons zwischen den antiken Stücken.

William Kentridge in der Skulpturensammlung Liebieghaus

Jetzt hat das Museum auf Initiative seines Kurators Vinzenz Brinkmann den südafrikanischen Künstler William Kentridge eingeladen. Der 1955 in Johannesburg geborene international gefeierte Künstler stammt aus einer jüdischen Rechtanwaltsfamilie, die Schwarze in Südafrikas Apartheidprozessen vertrat. Kentridge arbeitet künstlerisch interdisziplinär und spielt mit unterschiedlichen Medien wie Zeichnung, Animationsfilm, Objekten und Theater. Seine Kunst bedient sich aller ästhetischen Ausdrucksformen und verhilft dem Betrachter zu mehr sinnlich-intuitiven Einsichten als zu rationalen Erkenntnissen. Trotzdem aber setzt er sich sehr intensiv mit politischen und historischen Inhalten auseinander. Auch wenn es im Schwerpunkt oft ganz konkret um Kolonialismus oder Apartheidregime geht, kommt der Künstler zu allgemein gültigen Aussagen. Die Idee zur Präsentation seiner Arbeiten im Liebieghaus kam nicht vom Künstler selbst, der sich bei der Eröffnung fast verblüfft über die Nähe mancher seiner Arbeiten zu den Stücken der Sammlung zeigte. Als Betrachter profitiert man ungeheuer von der Konfrontation der modernen Zeichnungen, Filme und bewegten Maschinen – einem ganz großen Thema Kentridges – mit den alten Skulpturen, die bis ins alten Ägypten reichen. So wird durch Kentridges Zeichnungen zum Beispiel die mittelalterliche Pietà als über die Zeiten gültige Form und eines universalen menschlichen Themas erfahrbar.


William Kentridge, Untitled, Zeichnung für Other Faces, 2011
  Foto: John Hodgkiss © William Kentridge, 2018

Das Liebieghaus ist selbst ein Stück Geschichte

Nicht nur die Exponate aus der Sammlung des Museums, sondern auch das historische Gebäude scheinen für die Präsentation der Arbeiten Kentridges wie geschaffen. Die Familie der böhmischen Textilfabrikanten von Liebieg war durch die Industrialisierung reich geworden. Auch die Kolonialisierung und der günstige Bezug von Baumwolle aus Afrika spielte dabei vermutlich eine Rolle. In Frankfurt ließ sich der leidenschaftliche Kunstsammler Heinrich von Liebieg nach Entwürfen des Münchner Architekten Leonhard Romeis eine schlossartige Villa errichten, die 1896 fertiggestellt war. In seinem Testament verfügte er, Villa und Park an die Stadt Frankfurt zu geben, mit der Auflage, dort ein Museum einzurichten, mit seiner Skulpturen-Sammlung als Grundstock – eine Darstellung der Geschichte der Skulptur aus einer typisch bürgerlichen, europäisch geprägten Sicht.

Die Ausstellung – Kentridge und die Tradition

Durch 27 der mit Stuck- und Holzdecken, Vertäfelungen, maßgearbeiteten Möbeln und Kunstwerken geschmückten Räume zieht sich nun der Parcours mit den Arbeiten Kentridges. Die Exponate der Dauerausstellung sind weitgehend an ihren Originalplätzen geblieben. So wird deutlich, wie stark der Künstler die Formensprache der gesamten abendländischen Kunstgeschichte in sich aufgenommen hat und in seinen Arbeiten reflektiert. Die Werke sind bis auf wenige Ausnahmen nicht für das Liebieghaus geschaffen worden, aber sie wirken so. Das ist zu einem großen Teil auch der Entscheidung des Museums zu verdanken, die belgische Bühnenbildnerin Sabine Theunissen mit der Inszenierung der Ausstellung zu beauftragen.

Black Box: Völkermord im Puppentheater

Ein Höhepunkt der Ausstellung ist “Black Box” aus dem Jahr 2005, ein vollautomatisches Miniaturtheater, das im Rokoko-Salon der Villa gezeigt wird. “Black Box” erinnert an den Völkermord an den Hereros und Namas in Deutsch-Südwestafrika. Es ist eine mehrschichtige Miniaturbühne, auf die ein Film projiziert wird. Mechanisch gesteuerte Figuren beleben dazu die Bühne: unter anderem zwei Herero-Frauen mit ihrem Kopfschmuck, ein Zirkel und ein bewegtes Megafon. Mehrfach erscheint ein Schild mit dem Wort “Trauerarbeit”. Häufig wird auch ein Schädel gezeigt, eine Erinnerung an die im Zug des Völkermords an den Hereros und Namas nach Berlin transportierten Schädel und Gebeine, wo sie die behauptete Minderwertigkeit der Afrikaner belegen sollten. Während der Völkermord nicht durch explizite Dokumentaraufnahmen belegt wird, tauchen symbolhaft sehr berührende Originalfilmausschnitte vom Todeskampf eines von Großwildjägern erlegten Rhinozerosses auf. Zeitungsausschnitte aus der Zeit der Massaker durch die deutschen Kolonialtruppen zwischen 1904 und 1908 werden auf die Bühne projiziert – möglicherweise genau da, wo sie damals auch gelesen wurden, nämlich im Salon der Villa Liebieg.

© William Kentridge, 2018
Black Box / Chambre Noire, 2005

Wenn möglich: Hingehen. Sonst: Digitorial!

Diese Kunstwerke sind in keiner Weise plakativ oder didaktisch. Es sind genuin künstlerische Objekte, die sensibilisieren und zum Denken anregen, nicht linear und rational, sondern assoziativ und oft unerwartet.

Maschinen, Apparate Filme – es ist mächtig was los. Aber die spielerisch daherkommenden Arbeiten Kentridges erschließen sich nur dem, der sich die Zeit dafür nimmt. Zwei bis drei Stunden sollten das schon sein.

Einen Eindruck gibt Webseite des Museum, vor allem das liebevoll gemachte Digitorial  mit seinen vielen Filmen und Beispielen (darunter auch der Film der “Black Box”), die sich jedoch erst vor Ort voll erschließen. Die Ausstellung geht noch bis zum 26. August.

 

 

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

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