Das Foto vom Einmarsch der Amerikaner in Deutschland

Denkmale

Eines der bekanntesten Fotos vom Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland und dem Einmarsch der Amerikaner wurde zufällig in der Kleinstadt gemacht, in der ich wohne. Das Foto zeigt eine alte Frau, die erschüttert vor den Ruinen ihrer Wohnung steht, mitten in der Doppelreihe der einmarschierenden Amerikaner. Aufgenommen hat es Jerry Rutberg,  ein junger amerikanischer Soldat und ausgebildeter Fotograf.

Das Foto vom amerikanischen Einmarsch an der südhessischen Bergstraße findet sich in vielen Büchern, als Cover und in historischen Bildersammlungen, zum Beispiel im Angebot der New York Times.
Das Foto vom amerikanischen Einmarsch an der südhessischen Bergstraße findet sich in vielen Büchern, auch als Cover, und in historischen Bildersammlungen, zum Beispiel im Foto-Shop der New York Times.

Ich frage mich oft, warum ausgerechnet dieses Foto so bekannt wurde. Schließlich dokumentierten ganz  viele Fotos des U. S. Signal Corps dasselbe Thema.

Einmarsch der Amerikaner in Bensheim
Einmarsch des amerikanischen 180. Infanterie-Regiments der 45. Division in Bensheim (Hauptstraße) am 27. März 1945, Foto: Jerry Rutberg, U. S. Signal Corps

Leider weiß ich nicht, wann das Foto erstmals in größerem Stil publiziert wurde. Vielleicht im Zuge der Umsetzung des Marshallplans?

Um öffentliches Mitgefühl oder gar Sympathie für die deutsche Bevölkerung zu wecken, war die Figur der alten Frau sicher gut geeignet. Und das offensichtliche Vertrauen zu den Soldaten sowohl der Hauptfigur als auch zweier unerschrocken am linken Bildrand stehenden alter Männer setzt elegant das Thema der deutsch-amerikanischen Freundschaft ins Bild.

Was sicher auch eine Rolle gespielt hat: Es ist einfach ein sehr gutes Foto. Jerry Rutberg war ein professioneller Fotograf. Er starb nach Auskunft seines Sohnes schon mit 33 Jahren. Viele Informationen zum ihm findet man nicht (aber sein Sohn hat im vergangenen Jahr ein kleines Blog-Projekt gestartet: A Tribute To Jerry Rutberg). Ich glaube deshalb nicht, dass es sein Ruf als Fotograf war, der auf sein Foto aufmerksam gemacht hat. Allerdings erschien schon 1944 eine Nummer des fotografisch anspruchsvollen amerikanischen LIFE-.Magazins mit einem Titelfoto von Jerry Rutberg.

LIFE-Magazin, Titel vom 3. Juli 1944
LIFE-Magazin, Titel vom 3. Juli 1944, Foto: Jerry Rutberg

Auch dieses Foto zeugt von dem Talent, den Blick mit scheinbarer Beiläufigkeit auf Emotionen zu richten.

Ein anderes Bild, ebenfalls von Jerry Rutberg, einige Minuten vor dem berühmten Einmarschfoto in einer anderen Straße geschossen, zeigt weiße Fahnen und etliche Zivilisten, die die amerikanischen Soldaten vor den Häusern erwarten. Aber nichts lässt hier Kriegszerstörungen erkennen und die Zivilpersonen im Hintergrund sind zu klein um sie als Individuen wahrzunehmen.

Einmarsch des amerikanischen 180. Infanterie-Regiments der 45. Division am 27. März 1945 in Bensheim (Horst-Wessel-Straße) Foto: Jerry Rutberg, U. S. Signal Corps
Credit: Jerry Rutberg Einmarsch des amerikanischen 180. Infanterie-Regiments der 45. Division am 27. März 1945 in Bensheim (Horst-Wessel-Straße)
Foto: Jerry Rutberg, U. S. Signal Corps

Der Schauplatz Bensheim – an sich völlig unspektakulär – könnte auch ins Spiel gekommen sein. Hier war der spätere US-Außenminister Henry Kissinger nach Kriegsende für mehrere Monate als Kommandant eingesetzt.

Hmm.

Hier eine Audio-Slide-Show zum Thema:

Und vielleicht auch noch ganz interessant zum Vergleich – ein in mancherlei Hinsicht ähnliches und doch ganz anderes Foto:

Auf diesem in mancherlei Hinsicht sehr ähnlichen Foto sind keine Soldaten der Siegermächte zu sehen - es ergibt sich eine ganz andere Aussage. Die Abbildung stammt aus einer Publikation der Bundeszentrale für politische Bildung aus dem Jahr 1974 und illustriert einen Text unter der Überschrift "Das deutsche Volk am Rande des Abgrunds".
Auf diesem Foto sind keine Soldaten der Siegermächte zu sehen – es ergibt sich eine ganz andere Aussage. Die Abbildung stammt aus einer Publikation der Bundeszentrale für politische Bildung aus dem Jahr 1974 und illustriert einen Text unter der Überschrift “Das deutsche Volk am Rande des Abgrunds”.

 

 

Eva Bambach

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

16 Kommentare

  1. Hallo Frau Bambach,

    schöner Artikel. Über Jerry Ruthberg und seine Kollegen ist auch manches zu lesen in dem Werk “Armed with cameras” von Peter Maslowski. Ich habe aus dem Nachlass eines Kollegen von Ruthberg einen Originalabzug im Großformat von diesem Bild. Sehr beeindruckend. Das gesamte “Foto” ist im übrigen eher ein Standbild einer Filmsequenz, die gedreht wurde. Zu finden im National Archive in Washington. Das Signal Corps wurde als Sondereinheit mit den einzelnen Armeen an die Fronten geschickt umdie Kriegsereignisse zu dokumentieren. Fotoapparate waren natürlich auch mit von der Partie. Da ich Heimatforscher bin und mich auch schon einige Zeit mit dem Thema beschäftige plane ich bei Zeit eine kleine Abhandlung über das Foto und den Kameramann zu veröffentlichen.

    Beste Grüße

    Felix Klingenbeck

      • Hallo, das ist nicht notwendig. Die Aufnahmen sind bereits schon einmal herausgesucht worden und manch einer aus der näheren Umgebung von Bensheim hat diese auf DVD 😉
        Es sind noch einige weitere Szenen vom Rheinübergang zu sehen etc. Suchen Sie Fotos? Ich habe etliche aus der Zeit 1933-1945 aus unserer Gegend.

        • Anna Mix war übrignes nicht Bewohnerin dieses Hauses.. Es ist das Haus Ihrer Schwägerin o.ä. Habe es gerade nicht mehr genau im Kopf. Das Foto von heute ist einen kleinen Tick zu weit oben aufgenommen. 😉

          • Soweit ich weiß, war Anna Mix aus Frankfurt nach Bensheim zurückgekommen und im Haus ihrer Schwester untergekommen. Es war nicht ihr Haus, aber da hat sie offenbar gewohnt. An weiteren Fotos kenne ich nur die bei LAGIS archivierten und verschiedene aus amerikanischen Archiven. Auch die Filmszenen zu den Fotos würde ich mir gern mal ansehen …

          • Da sind Sie besser informiert als ich. Das Foto aus Lagis ist eine Kopie, die Herr Berg in den National Achives gezogen hat. Ebenfalls das andere Fotos. Auch alle anderen Fotos sind letztlich Abzüge des Originals. Die Signatur für dieses findet sich auch auf Lagis.Es gibt aus dieser Serie noch mindestens ein weiteres, als Foto veröffentlichtes Bild. Es zeigt einen Soldaten auf Höhe der ehemaligen “Nordsee”. Das mit den Filmsequenzen lässt sich machen. Ich stamme aus der Nähe von Bensheim. Alles weitere bitte per Email. Die müssten sie ja haben. MfG

    • Hallo,
      ich arbeite gerade an einem Film für den Hessischen Rundfunk über das Kriegsende und versuche herauszufinden, wie ich an das Filmmaterial zu Bensheim komme – sie erwähnen, dass das Material aus dem National Archvive in Washington stammt. Haben Sie vielleicht noch genauere Hinweise – eine Archivnummer z.B.
      Besten Gruß
      Christine Rütten

  2. Die Geschichte ist immer die Geschichte der Sieger. Heute liefert der Sieger gleich die Fotos dazu und nicht nur die Schulbuchtexte. Welche Fotos von den Siegern als erinnerungswert betrachtet werden sagt also etwas über die Sieger und über ihr Verhältnis zu den Besiegten aus.

    Welche Aussage hat das Foto vom “Einmarsch des amerikanischen 180. Infanterie-Regiments der 45. Division in Bensheim (Hauptstraße) am 27. März 1945, Foto: Jerry Rutberg, “ in Bezug auf das Verhältnis Sieger zu Besiegten? Für mich zeigt es eine zerstörte Welt in die Sieger einziehen, welche selbst nicht zerstört,vielleicht nicht einmal mitgenommen sind. Die Sieger kommen geordnet und bringen wohl Ordnung in diese zerstörte Welt. Diese Beschreibung passt wohl zu einem guten Teil der Nachkriegszeit.

    • Nun hier kann man nur mutmaßen. Allerdings ist es fraglich ob GIs der 179th und 180th Infantry Division überhaupt nicht mitgenommen und seelisch “unzerstört” in Bensheim und andere Orte in Deutschland einmarschierten. Bedenkt man die enormen Verluste, die die 45. Division, die auch Thunderbirds bzw. The Fighting Fourty Fifth genannt wurde in Italien hatten. Da hat sicherlich mancher einen guten Freund und Kameraden verloren.Was bestimmt sehr belastend war. Gleiches gilt auch für deutsche Männer und Frauen an den Fronten.

  3. Hallo,
    Weiss jemand welche Straße auf dem zweiten Bild zu sehen ist?
    Kommt mir sehr vertraut vor, aber ich komme nicht darauf.
    Ist es die Neckarstr?

  4. Hallo
    kann mir einer etwas über den Einmarsch der US Army in München mitteilen
    Bin auf der Suche nach einem Wiliam Vorname und Nachname ~~~ Walls oder Ähnlichem Nachnahmen. Dieser warr Mitte Oktober 1945 in München . Evtl. eine Adresse wo ich die Streitkräfte von damals abfragen kann.

    Gruß Pieter van den Berg

    Danke vorab für Info,s

  5. Hallo,
    vielen Dank für den Bericht und die Eindrücke!
    Ich bin Künstler und arbeite über die Weiße Fahne, beginnend bei Max Daetwyler.
    Auf den beiden obigen Fotos aus Bensheim sind weiße Fahnen zu sehen. Falls jemand weiter Fotos von weißen Fahnen zum Kriegsende hat, würde mich das sehr interessieren. Es gab ja leider noch viele “standrechtliche” Erschießungen wegen dem Hissen der Weißen Fahne am Kriegsende. Besonders irre ist das Erschießen von 4 Personen am 6. April 1945 in Heilbronn durch Ortsgruppenleiter Drauz (auf weitere 4 wurde geschossen, aber nicht getroffen). Die Amerikaner hatten schon einen Teil der Stadt eingenommen und Drauz mit drei Volkssturmgenossen waren evtl. die letzten flüchtenden Soldaten aus der Stadt, d.h. sie haben auf ihrer eigenen Flucht Zivilisten erschossen und diese mit “Feiglinge” angeschrieen. Den Weiße Fahnen-Hissern war von vorhergehenden deutschen flüchtenden Soldaten und Offizieren empfohlen worden, zum Schutz der Menschen und Häuser weiße Fahne zu hissen…
    Einfach unfassbare Verblendung und Verbortheit!

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