Metaphern sind

WittgensteinZuerst einmal sind Metaphern keine Glückssache, auch wenn ein populärer Spruch unter Hobbykritikern das behauptet. Vielen erscheinen Wortbilder heute überflüssig, sie wünschen sich eine gerade Sprache, wollen Fakten, Fakten, Fakten. Sie lesen Texte literal – wie sie auch jede Aussage Anderer wörtlich nehmen.

Dabei gehen die Schwierigkeiten schon damit los – wir hatten das mal besprochen –, dass die wenigsten Worte nur eine, klar definierte Bedeutung haben. Und dann gibt es da eben die Metaphern, Symbole, Analogien, Allegorien etc. Einige dieser Figuren sind einfach zu erkennen, da sie oft direkt ausdrücken, dass sie ein Phänomen A mit einem Phänomen B gleichsetzen.

Symbole zeigen meist eine vereinfachte Form des Gegenstandes. Wir kennen z.B. die weisse Schranke auf dem ‘Einfahrt verboten’-Schild, dass am Ende einer Einbahnstrasse steht. Hier bereits soweit abstrahiert, dass wir einen Anstoss benötigen, den Balken als Schranke zu erkennen.

Metaphern sind komplexer und vermeiden es, uns auf den Kopf zu zu sagen, ‘Hey, kuck, ich stehe gar nicht für mich, sondern für was ganz anderes!’ William Makepeace Thackerays Titel ‘Vanity Fair’ bezeichnet nicht einen realen Jahrmarkt, kein Oktoberfest, sondern die Welt. Sein ‘Fair’ ist Shakespeares ‘stage’ aus As You Like It

All the world’s a stage,
and all the men and women merely players

Hier handelt es sich um Metaphern höherer Ordnung, die wir – Autor und Leser – bewusst konstruieren. Steven Pinker zeigt in seinem Buch The Stuff of Thought wie tief verwurzelt das Metaphorische in der Sprache ist.1 Wir haben im Allgemeinen keinerlei Probleme, diese fundamentalen Bilder zu dekodieren, noch dazu ganz ohne uns dessen bewusst zu sein.

Bei den bewussten Wortbildern haben wir es mit zwei ganz verschiedenen Intentionen zu tun, Metaphern gehören zu einer von zwei gegensätzlichen Kategorien:

  1. sie sollen Unbekanntes, Neues oder Abstraktes einfacher verständlich machen, indem sie jenes durch Bekanntes, Altes, Konkretes ersetzen
  2. sie sollen die die tatsächliche Aussage eines Textes verschleiern und schwer greifbar machen, um die Autoren zu schützen

Der zweite Fall tritt nicht nur in Diktaturen auf, schliesslich muss man sich auch in freiheitlichen, modernen Demokratien schützen – vielleicht weniger vor Repression durch Regierungen, dafür vor zivilrechtlichen Folgen.

Eine Kritik, die ich gar nicht so selten finde, bezieht sich auf die Ungenauigkeit einer Analogie2. Nun stimmen zwei Phänomene selten zu 100% überein, sie wären dann identisch, also wäre die Metapher kein Bild mehr, sondern die Sache selbst. Das wäre kommunikativ wenig hilfreich.

Es ist das Wesen einer Metapher, anders als der gemeinte Gegenstand zu sein. Es wird vom Rezipienten erwartet, dies zu wissen und die Anwendungsgrenzen zu erkennen. Denn jedes Bild wird, konsequent zu Ende gedacht, unerwünschte Ergebnisse, oft völlig absurde, bringen.

Metaphern sind harte Arbeit. Wie bei jeder Arbeit überzeugt das Ergebnis nicht immer jeden. Mancher erkennt es gar nicht, andere finden es nicht effektiv genug.

Notes:
1. In seinem Fall die englische Sprache, aber seine Ergebnisse und Ideen sind übertragbar auf andere Sprachen.
2. Egal, ob es eine direkte Gleichsetzung ist oder eine komplexe Metapher.

Nach dem Abitur habe ich an der Universität Hamburg Anglistik, Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Den Magister Artium machte ich 1992/93, danach arbeitete ich an meiner Promotion, die ich aus verschiedenen Gründen aufsteckte. Ich beschäftige mich meist mit drei Aspekten der Literatur: - soziologisch [Was erzählt uns der Text über die Gesellschaft] - technisch [Wie funktioniert so ein Text eigentlich] - praktisch [Wie bringen wir Bedeutung zum Leser] Aber auch theoretische Themen liegen mir nicht fern, z.B. die Frage, inwieweit literarische Texte außerhalb von Literatur- und Kunstgeschichte verständlich sein müssen. Oder simpler: Für wen schreiben Autoren eigentlich?

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  1. Seltsam, dass kaum jemand Probleme hat Metaphern als solche zu erkennen, dass es bei der Ironie aber ganz anders ist. So las ich kürzlich in einem Artikel zum Konzept der Thought Vectors, welche den Computern das Denken beibringen sollen folgendes:

    For instance, there is the issue of irony, when a word is being used in more than just its literal sense. Taking a crack at his contemporaries across the pond, Professor Hinton remarked, “Irony is going to be hard to get, [as] you have to be master of the literal first. But then, Americans don’t get irony either. Computers are going to reach the level of Americans before Brits.”

    Here’s The Real Reason Americans Don’t Get Irony erklärt die Schwierigkeiten der US-Amerikaner Ironie zu verstehen mit ihrer Low-context culture, was darauf hinausläuft dass US-Amerikaner alles direkt at face value nehmen, während die Briten es gewohnt sind zwischen den Zeilen zu kommunizieren und diese Botschaften dann auch zu verstehen.

    [Edit]Ich habe mir erlaubt, aus zwei Kommentaren einen zu machen. – Dierk Haasis[/Edit]

    • @ Herr Holzherr :

      Seltsam, dass kaum jemand Probleme hat Metaphern als solche zu erkennen, dass es bei der Ironie aber ganz anders ist.

      1.) Die meisten Metaphern, aus etymologischer Sicht: der Großteil, werden unerkannt und unerkannt verwendet.
      2.) Die Ironie ist ein Stilmittel, und im übertragenden Sinne eine Metapher, und würde diese nicht gelegentlich erkannt werden, würde wohl nichts erkannt werden, ursisch formuliert.

      Dass die Sprache, die wie einige meinen, am Anfang stand, eine schwierige Sache ist, steht auf dem Trapez, korrekt.
      Sie funktioniert und bleibt schwierig, in etwa so wie die erstmalige Lautübertragung durch Primaten inklusive sich anschließendem Verstehen von Primaten – die Sprache soll ja deshalb entstanden sein, weil der Affe auf dem einen Baum dem Affen auf dem anderen mitteilen wollte, dass er ihn nicht gut findet – nur über schwierige Modelle erklärt werden kann.

      MFG
      Dr. W

  2. Metaphern sind harte Arbeit. Wie bei jeder Arbeit überzeugt das Ergebnis nicht immer jeden. Mancher erkennt es gar nicht, andere finden es nicht effektiv genug.

    “+1”

    Ginge dies für Sie: Die ganze Sprache ist eine geradezu unglaubliche Arbeitsleistung oder auch kulturelle Leistung, die zu einem ganz beträchtlichen Teil aus für das Erkennen und die Kommunikation nutzbringenden oder sinnhaften Metaphern besteht?

    Viele Grüße!
    Dr. W

  3. Bonus-Kommentar hiezu:

    1. sie sollen Unbekanntes, Neues oder Abstraktes einfacher verständlich machen, indem sie jenes durch Bekanntes, Altes, Konkretes ersetzen
    2. sie sollen die die tatsächliche Aussage eines Textes verschleiern und schwer greifbar machen, um die Autoren zu schützen

    Das eine wäre womöglich das Anders-Sagen oder die Allegorie (vs. Metapher) und das andere womöglich der Euphemismus.

    ‘Metaphern’ meinen an sich grundsätzlich den Aufbau von zu transportierendem Inhalt mit Wörtern oder Begriffen, die noch nicht bereit stehen.
    Metaphern bilden Begriffe.

    MFG
    Dr. W (der sich natürlich auch gerne anderweitig beraten lässt, hier von seiner Allgemeinbildung [1] zehrt)

    [1]
    ‘Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn man alles vergessen hat, was man gelernt hat.’ (Heisenberg, abär davon unabhängig auch von anderen entwickelt, bspw. unabhängig von allem sozusagen von Dr. W)

  4. Hallo erstmal,

    sicher ist die Metapher eine rhetorische Figur, die ein Bild für einen anderen Sachverhalt oder Zusammenhang einführt. Ob es nun zur Erhellung oder der Verschleierung dient, ist hierbei für mich unbedeutend. Ich persönlich beschäftige mich schon seit Jahrzehnten mit der Sprache und ihren Eigenarten. Und in diesem Zusammenhang ist mir der Verdacht gekommen, dass Sprache als solche metaphorisch funktioniert. Deutlich machen das schon die beiden Begriffe, die ich gerade eben hier in diesem Text verwendet habe, nämlich ‘Erhellung’ und ‘Verschleierung’. In meinem Verständnis sind sie schon an und für sich als Wörter Metaphern, da sie selbst bereits Bilder beinhalten, anders als etwa basale oder originäre Verben wie ‘gehen’, ‘schlafen’ oder ‘denken’. Gut, es sind Komposita und auch noch komplexe Komposita, die beide aus einer zunächst stattgefundenen Verbalisierung und anschließenden Nominalisierung hervorgegangen sind. Aber auch die Verben können leicht in Komposita verwandelt werden ‘weggehen’, ‘einschlafen’, ‘nachdenken’ und auch noch nominalisiert werden. Und man kann auch die Komposita auf ‘hell’ oder ‘Helle’ sowie ‘Schleier’ zurückführen. Dennoch haben diese Komposita nur noch entfernt mit den eigentlichen ‘Stammwörtern’ zu tun, denn sie stehen für eine Übertragung von Bedeutung in dem Sinne ‘so als ob’ oder ‘fast so wie’ und haben keinerlei Entsprechung in der Realität. Denn durch eine Metapher wird nichts heller oder mehr mit Licht beschienen oder hinter einen Schleier gesetzt. Vielmehr scheint es um uneigentliche Rede zu gehen und die Vermeidung von Komplexität bzw. Genauigkeit. Nun gebe ich zu, dass mir für die beiden Begriffe kaum bessere, weniger bildhafte einfallen, auch die Thesaurussektion meines Textverarbeitungsprogrammes liefert da nichts Brauchbares. Und dennoch verstehen wir, zumindest irgendwie und unmittelbar, was gemeint ist. Aber auch die basalen Verben, die ich hier beispielhaft erwähnt habe, stehen ja für etwas, das ich real beobachten kann und sprachlich von etwas anderem unterscheiden möchte. Gehen oder laufen ist eben die Bewegungstätigkeit in Abgrenzung zu Stillstand, wie schlafen zu wachen, oder denken zu vielleicht handeln. Sie sind in diesem Sinne relational und sind allein durch den Unterschied zu anderen Zuständen des Seins definiert oder nur so überhaupt verständlich bzw. begreifbar. In diesem Sinne erscheinen mir alle Begriffe, die Sprache bereithält, weniger scharf und sie bilden viel weniger genau die Wirklichkeit ab als wir gemeinhin vermuten. Sie sind bereits Metaphern für die Welt.

    Worauf ich aber eigentlich hinaus will, ist das Phänomen der sprachlichen Fassung von psychischen Zuständen, wo die Entsprechung in der Wirklichkeit oft nur noch metaphorisch zu verstehen ist. Meine Frage, die ich mir stelle, ist: “Liegt das an der Struktur der Sprache oder hat das etwas mit der Struktur der Wahrnehmung zu tun?” Was meine ich damit? Wenn ich bspw. von einer anderen Person schlecht behandelt, herabgewürdigt, beleidigt etc. werde, und ich verwende sprachliche Ausdrücke, wie ‘das verletzt mich’ oder ‘das schmerzt mich’, liegt es dann daran, dass es eine reale Entsprechung zu ‘Verletzung’ oder ‘Schmerz’ gibt, die ich spüren kann? Oder liegt es daran, dass ich dafür keine anderen Worte zur Verfügung habe als eben diese und wirkt dies zurück auf die Wahrnehmung? Und selbst wenn, in einer MRT-Untersuchung herauskommt, dass das Schmerzzentrum in einem solchen Fall aktiv ist, wie bei einer tatsächlichen Verletzung bzw. realen Schmerzen, wo liegt die Ursache-Wirkungs-Beziehung? Ist die metaphorische Sprache schuld daran, dass verschiedene Begebenheiten gleichgesetzt und darum innerlich ununterscheidbar werden oder umgekehrt führen nicht scharf trennbare innere Repräsentationen im Gehirn zu gleichen Ausdrücken in der Sprache? Jedenfalls hätte das Auswirkungen auf die Art und Weise, wie wir mit solchen Ausdrücken umgehen müssten. Sie wären im einen Fall viel realer als evtl. vermutet. Und man könnte wohl kaum irgendwie darauf Einfluss nehmen. Im anderen Fall wäre die Verwendung von anderen evtl. genaueren, differenzierteren Begriffen die Möglichkeit, um auf die Wahrnehmung und das eigene Empfinden einzuwirken. Es hätte auf alle Fälle Konsequenzen, was die Henne und was das Ei wäre und wie wir Wahrnehmung und Sprache betrachten müssten. Ich tendiere zu zweiter Variante. In diesem Sinne,

    ndray

    • @ ndray :

      Danke für Ihre Nachricht, Sie sind vom Fach, woll?!

      Zu dieser Frage ganz kurz:

      Liegt das an der Struktur der Sprache oder hat das etwas mit der Struktur der Wahrnehmung zu tun?

      Die Sprache ist dem individuellen Befinden untergeordnet? Sie ist zwar strukturell zu beachten, auch damit Aussagen allgemein verständlich werden können, die Sprache ist Veranstaltung und Kultur, aber nur ein Instrument und sie darf nach Gutdünken verhunzt werden?
      Insofern hat auch der deutsche Duden keinerlei “Weisungsbefugnis”?

      MFG
      Dr. W

  5. Die zweite Variante, die ich meine, ist: Sprache wirkt auf Wahrnehmung zurück und formt diese. Denn benennen wir es anders, sehen wir die Welt auch anders. Ich möchte das so sehen. Und könnte Sprache nicht auf Wahrnehmung rückwirken, hätten Propaganda, Werbung und Psychologie keinen Sinn.

    ndray

  6. “wie sie auch jede Aussage Anderer wörtlich nehmen”

    “Ungenauigkeit einer Analogie”

    Das Verstehen von Ironie und Metaphern sind wie kaum ein anderes Kriterium Zeichen von Denkbereitschaft , aber auch von Humor , daß diese Dinge immer weniger verstanden werden , ist ein klares Zeichen intellektiuellen Verfalls und der Versuch der Idioten , alles auf ihr Niveau herunterzubrechen.

  7. Hi zusammen,

    der letzte Kommentar ist zwar schon länger her, ich wage dennoch und obwohl sprachwissenschaftlicher Laie eine Anmerkung – denn Sprache, finde ich, ist eine total faszinierende Sache.

    Eine Form der Wechselwirkung zwischen Lebewesen über räuml. Distanz. Aber das nicht allein.

    Sprache ist wohl eher eine Menge von Symbolen zum Ordnen unserer Erfahrungen. Wenn aber Sprache die symbolhafte Abbildung unserer Erfahrung ist, dann ist das metapher-hafte schon in ihr selbst angelegt.

    Denn ist es nicht so, dass unsere Erfahrungen unscharf sind, sodass auch die zugehörige Symbolik unscharf sein muss ? Mindestens alles, was wir aus der Erfahrung extrapolieren, ist unscharf: jede Vorhersage birgt die Unbestimmtheiten zahlreicher Möglichkeiten in sich, jede Beschreibung die Möglichkeiten verschiedener Sichtweisen, selbst was unverrückbar in die Vergangenheit versunken ist, kann im Hinblick auf zukünftigen Einfluss unterschiedlich bewertet werden. Es gibt vielleicht gar keine scharfen Begriffe.

    Welche Symbolik passt auf solche unscharfen Sachverhalte ? Selbst Sprachliche Symbole fassen grosse Unschärfen nicht. Aber Bilder ja. Bilder sagen mehr als Worte, also spricht man in Bildern.

    Metaphern ermöglichen es, Unbestimmtes bestimmbar zu machen, jedenfalls so, dass man damit umgehen kann, sozusagen zum Überleben, oder als praktikable Methode für den Erkenntnisgewinn.

    Eine Wechselwirkung mit der Wahrnehmung wird es wohl geben, denn Prozesse in hochkomplexen Systemen (Geist und Sprache) wirken nie nur in eine Richtung.

    Der menschliche Geist ist über die Sprache und ihrer Metaphorik in der Lage meisterhaft mit Unscharfem, Unbestimmtem, Unsicherem umzugehen, und im Alltag aus unscharfen Gegebenheiten ja/nein Entscheidungen abzuleiten – anders als die Wissenschaften, die alles reduzieren. Klar, wenn alles auf das Simpelste reduziert ist, kann man begrifflich alles scharf von einander abgrenzen. Das führt zu rein formal definierten Begriffen, aus mathematische Regeln abgeleitet, die uns aber kalt lassen.

    Anders als Sprache, ihre Ursprünge und Wurzeln reichen ins Nicht-Rationale. Denn sobald eine Situation hochkomplex ist, ist unser Verstand überfordert. Er braucht das Gefühl für das richtige Urteil. Das Gefühl sortiert und filtert aus Unscharfem das Scharfe heraus, und der Verstand nimmt das, was das Gefühl reduziert hat, und packt das in Bilder und Metaphern und wir kommunizieren es durch Sprachsymbole weiter, eine super reduktonistische Leistung, unendlich oft im Alltag nebenher erledigt, das ist schon eine gigantische Leistung unseres Neuronensystems.

    Grüsse
    Fossilium