Tim Hunt und der Twitter-Mob

Klar: Wenn die Welt nicht zumindest auf einigen Ebenen vorhersagbar wäre, gäbe es keine Wissenschaft. Aber auf anderen Ebenen ist es regelmäßig ein Jammer, wenn sich die Dinge so entwickeln, wie erwartet. Tim Hunt und seine Kommentare zu Frauen in der Wissenschaft (sie verlieben sich in einen, man verliebt sich in sie, und wenn man sie kritisiert, heulen sie) ist so ein Fall. Die wären ein schöner Anlass, mal wieder über das Thema Frauen und wissenschaftliche Karriere zu diskutieren – einen Aspekt davon, nämlich kumulative kleine Spitzen und ihre deutliche Wirkung, hatte ich ja hier schon vor ein paar Tagen in Mädchen mit Spielzeugen und ablenkend attraktive Wissenschaftlerinnen behandelt. Zu den strukturellen Problemen habe ich, nachdem sich ja gerade in punkto Zeitverträge einiges tut in der Wissenschaftspolitik, auch einen Beitrag in Arbeit.

Leider ist die Berichterstattung vielerorts (und auch in einer Reihe herkömmlicher Medien) in eine Schublade gerutscht, die dem, was da passiert ist, nicht wirklich gerecht wird. Nachdem das Wort „Shitstorm“ ja mittlerweile schon Usus ist, ist Tim Hunt jetzt in der Schublade „Social-Media-Hetze auf Opfer!“ gelandet.

Sir Tim Hunt weint auf dem Sofa (16.6.2015)

steht in der FAZ, und die Welt ist noch direkter, was die Schuldigen angeht:

Der Professor, ein Scherz und der Mob (15.6.2015).

Ehrlich gesagt: Bei solch tendenziösen Texten weiß ich gar nicht so recht, wo ich anfangen soll. Tim Hunt „seiner gesamten Existenz beraubt“? Sorry, liebe Welt, aber es ist doch nicht so, als hätte der gute Mann beim University College London seinen Broterwerb gehabt. Der ist längst pensioniert, hat vermutlich keine so schlechte Rente und Pension, und die rund 300.000 Euro für den Nobelpreis sind ja, was die Existenzsicherung angeht, auch nicht zu verachten.

Und nein, die Royal Society hat ihn nicht fallengelassen – da ist er nach wie vor Fellow, eine hohe Auszeichnung. Zurückgetreten ist er von einem Kommittee, das sich mit der Vergabe von Preisen beschäftigt. Eigentlich alles nicht schwer zu recherchieren; durchschnittliche Lesekompetenz reicht aus.

Die irreführende Kurzformel, Tim Hunt habe „seinen Job verloren“, scheint sich inzwischen verselbstständig zu haben. Welt, FAZ, wie gesagt, und gerade sehe ich: ein entsprechender Kommentar auf SPON schreibt das auch so und sagt sogar, Hunt sei jetzt arbeitslos. Mannomann.

Aber lassen wir mal die Details – dafür gibt es bereits schöne Texte: Hunts eigene Sicht in diesem Interview im Guardian, aus dem sich die meisten Pro-Hunt-Texter zu speisen scheinen, sowie diesen leider nicht so verbreiteten Text von Deborah Blum, die bei dem Vortrag von Hunt dabei war, davor und danach mit ihm geredet hat und zumindest aus meiner Sicht recht überzeugend klar macht, dass ‚aber er hat doch nur einen Scherz gemacht…‘ nicht so recht trifft, was da abgelaufen ist. Auch dieser kurze Beitrag des Biologen Michael Eisen ist lesenswert.

Kommen wir stattdessen zum allgemeinen Thema, das uns noch über Jahre begleiten wird: Wie ist das jetzt mit den sozialen Medien, mit Twittermobs und Hetzjagden? Sind das überhaupt zutreffende Begriffe? Und wie gehen wir damit um, wenn eine Kritikwelle durch Twitter rollt?

Auf der Suche nach dem Twitter-Mob

Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten. (Den Satz kann ich auswendig – danke, Münchner Lach- und Schießgesellschaft.) Nur war das in der Zeit vor den sozialen Medien so eine Sache, denn das Recht haben, seine Meinung zu verbreiten, und die Mittel dazu besitzen waren zwei verschiedene Paar Schuhe. Wirklich weit verbreiten konnten ihre Meinung nur diejenigen, die in entsprechenden Schlüsselpositionen saßen, oder aber Geld hatten, um ihre Meinungen gegen Bezahlung verbreiten zu lassen. Meinungen hörte man als normaler Mensch vor allem über die Medien oder eben aus dem direkten Kollegen- und Bekanntenkreis.

Das hat sich geändert. Die erste Änderung sind die künstlichen sozialen Netzwerke: Man ist auf Facebook mit bestimmten Leuten befreundet, folgt diesen oder anderen Leuten auf Twitter, und zum Weiterreichen von Inhalten gibt es die „Teilen“-Funktion.

Klar hat das Nachteile. Denn was die Leute so im Einzelnen beschäftigt sind selbstverständlich auch Dinge, die nicht von sonderlicher Wichtigkeit sind. Die getwitterten Fotos vom eigenen Essen sind das stereotype Beispiel. Für extrovertierte Naturen, ist die Gelegenheit, über Twitter, Facebook und Co. ihr Leben in allen Details nach außen zu tragen, eine wahre Wonne. Für diejenigen, die das in ihrem Facebook- oder Twitter-Nachrichtenfluss finden, oft nicht so sehr. Die meisten Menschen sind aber vermutlich anders und teilen eher das, was sie wichtig finden, das, was sie beschäftigt, was sie freut und, klar, was sie ärgert.

Bekannte von Bekannten

Auch die Bekannten von Bekannten, die man über Facebook und so sammelt, sind Zielscheibe des Spotts. Facebook macht einem das einfach, denn all diese Bekannten, mit denen man zum Teil nur online Kontakt hat „Freunde“ zu nennen, lädt ja geradezu zum spotten ein. Aber jenseits der unglücklichen Begriffswahl bleibt der Umstand: Gerade dadurch, dass zu diesem Online-Bekanntenkreis oder Bekannten-von-Bekanntenkreis nicht nur diejenigen gehören, die wir wöchentlich herzen und küssen wird esmöglich, dass sich bestimmte Themen weit verbreiten.

Der Begriff „viral“ ist dabei die erste Frechheit in der üblichen Sprechweise über Social Media. Einen wirklichen Virus fange ich mir ein und verbreite ihn ohne mein Wollen, ohne bewusste Entscheidung weiter. Bei einem interessanten Artikel entscheide ich, ihn weiterzuschicken, weiterzuempfehlen. Natürlich ist bei dem, was auf diese Art verbreitet wird, viel Triviales dabei – Katzen, Quokkas, Schadenfreudefutter.

Aber zwischendrin sind z.B. auch diejenigen Artikel, die Leute teilen, weil sie ein bestimmtes gesellschaftliches Problem besonders zutreffend beschreiben, oder eine interessante Sichtweise auf wichtige Fragen anbieten. Twitter und Facebook am trivialen Ende der dort transportierten Inhalte zu messen, ist so, als würde man das Medium Zeitschrift auf die SuperIllu (gibt’s die noch?) reduzieren.

Und die Weiterreicher solcher Nachrichten auf einen Zombiestatus zu reduzieren – MUSS AUF TEILEN KLICKEN… KANN NICHT ANDERS… MUSS VIRUS GEHORCHEN… – ist komplett daneben – objektiv und als Werturteil. Genau über diese Vernetzung und über das Teilen erreicht uns nämlich ein breiteres Meinungsspektrum, erreichen uns die Kommentare und als interessant geteilten Beiträge von deutlich mehr Individuen als vor den Social Media. Das ist nicht zu unterschätzen. Man bekommt über Social Media ein deutlich breiteres Spektrum an Meinungen zu Gesicht als durch die herkömmlichen Medien, die schon zu denjenigen Zeiten eine Ansammlung von Filterblasen waren, als noch niemand den Begriff der Filterblase kannte.

Die Macht der Rautenmarke

Vernetzung über Bekannte höherer Ordnung ist schon ein beachtlicher Schritt hin zur Erweiterung des Spektrums. Als zweiter wichtiger Faktor kommt die inhaltliche Vernetzung hinzu: die Rautenmarken, so eine mögliche Übersetzung von „Hashtag“. Hashtags, so erzählt es der Wikipedia-Artikel zum Thema, sind keine Erfindung des Unternehmens Twitter, sondern hatten sich zunächst bei den Nutzern einfach so eingebürgert, zunächst, um damit Gruppen zu kennzeichnen: Wenn jeder, der zu einem Thema eine Kurzmitteilung schreibt, die alle Mitglieder der Gruppe „Uni Heidelberg“ interessieren könnte, seiner Nachricht den Textbaustein #UniHeidelberg voranstellt, dann wird es einfacher, aus der Vielfalt der Informationen diejenigen Nachrichten herauszufiltern, die einen interessieren.

Schon bald hatte sich der Gebrauch so verallgemeinert, dass nun auch einzelne Themen ihre eigenen Hashtags bekamen. Über die Hashtags #girlswithtoys und #distractinglysexy im Zusammenhang mit den Tim-Hunt-Zitaten hatte ich ja, wie gesagt, als letztes gebloggt. Und wer sich für Rauhhaardackel interessiert, schaut halt auf #rauhhaardackel. Oder bei entsprechendem Interesse meinetwegen auch auf #quokka.

Die inhaltliche Vernetzung war geboren, sobald Twitter auf diese Nutzergewohnheiten reagierte und Hashtags verlinkte. Ab dann konnte jeder auf einen Hashtag klicken und bekam prompt die letzten Twitternachrichten mit demselben Hashtag angezeigt – egal, von wem diese Kurzmeldungen geschrieben waren. So konnten sich Mitteilungen zu Themen, die viele interessierten, noch schneller und ungleich weiter verbreiten. Und Twitter wurde mit seinen Aufstellungen, welche Hashtags denn gerade besonders häufig genutzt wurden, zu einer Art Stimmungsbarometer in Echtzeit.

Jeder hat das Recht, seine Meinung zu teilen, und mit Social Media jetzt auch deutlich bessere Möglichkeiten dazu.

Diese Möglichkeiten, seine Meinung auch dann zu teilen, wenn man ansonsten keine öffentliche oder in den herkömmlichen Medien gefragte Person ist, sind erst einmal da. Stellt sich sofort die Frage: Wie gehen wir damit um? Zum Beispiel bei einem Thema wie den Äußerungen von Tim Hunt?

Twitter-Stalker?

Äußerungen wie die von Tim Hunt verbreiten sich jetzt deutlich schneller und weiter als vor Social Media. Herkömmliche Medien haben vergleichsweise wenig Platz, müssen sich auf Themen beschränken, die für hinreichend viele Leser interessant sind. In Social Media ist die Schwelle deutlich niedriger. Ein Tweet ist schnell geschrieben, und wenn er auf genügend Interesse stößt, verbreitet er sich eben.

Wohlgemerkt: Natürlich ist es problematisch, auf diese Weise zufällig überhörte Gespräche, oder Fotos der Mitreisenden, oder vertrauliche Informationen auszuplaudern. Tweets, die sich über den nervig schnarchenden Sitznachbarn im Flugzeug lustig machen und dessen Bild und Schlafprobleme in die Öffentlichkeit zerren sind ein absolutes Unding. Das ist eine dunkle Seite der Möglichkeiten, einfacher seine Meinung zu teilen.

Aber ein Vortrag ist kein intimes Stelldichein. Eine Äußerung eines Haupt-Vortragenden auf einer Konferenz, zu der nicht zuletzt auch Journalisten geladen sind, ist eine öffentliche Äußerung. Und wer diese Äußerung weitergibt, selbst und gerade wenn sie unangenehm und für viele potenzielle Leser ärgerlich ist, der macht genau das, was sich die FAZ im Zusammenhang mit der Presseratsentscheidung zum Germanwings-Absturz als edelste Aufgabe der Presse auf die Fahnen schreibt: Tatsachen nennen, auch wenn sie unangenehm sind.

Das ist kein Geheimnisverrat, keine Zumutung, sondern ein Bereich, in dem Social Media zumindest eine der Funktionen auch der herkömmlichen Medien erfüllt: Die Medien berichten, was sich ereignet hat, können aber nicht überall sein und nicht jedes Nischenthema abdecken. Social Media berichtet oft auch dort, wo es die herkömmlichen Medien nicht hinschaffen. Das kann gut recherchierte Berichterstattung nicht ersetzen, aber ergänzen – nicht zuletzt, weil es aufzeigt, wo Themen sind, die für viele von Interesse sind und womöglich gerade deswegen journalistischer Aufarbeitung harren.

Die Mobisierung von Twitter

Was uns zum zweiten Faktor bringt, denn von den 500 Millionen Tweets, die pro Tag geschrieben werden, kommen schließlich nur ganz wenige zu gehöriger Prominenz. In den Worten des FAZ-Autors: „der Hashtag #distractinglysexy (ablenkend sexy) nahm Fahrt auf, und bald tobte im Netz ein weiblicher Sturm der Entrüstung und Beschimpfung“. Nun ist „nahm Fahrt auf“ recht abstrakt – aber der Begriff des „Mobs“ z.B. bei der Welt suggeriert ja schon eine Dynamik, wie sie in solchen Fällen oft reflexartig angenommen wird. Dass der Welt-Artikel den deutlich schlimmeren „Lynchmob“ immerhin in Anführungszeichen setzt, macht die unverschämte Wortwahl nicht besser.

(Und dass der FAZ-Autor den kreativen und humorvollen Grundton vieler #distractinglysexy – Beiträge komplett unterschlägt, ist schon eine ganz besondere Art der Blindheit. Ich habe ja nun bei der Recherche zu Mädchen mit Spielzeugen und ablenkend attraktive Wissenschaftlerinnen tageweise Tweets mit eben diesem Hashtag gelesen und muss zugeben: Unter den vielen lockeren und sarkastischen Tweets mit Fotos sind mir keine Entrüstungen und Beschimpfungen aufgefallen; das wäre so ziemlich das Gegenteil einer Mob-Dynamik. Unauffällige Mobs?)

Diese Mob-Terminologie ist eine weitere ganz große Frechheit bei der Beschreibung sozialer Medien. Der Mob, das ist eine Menschenmasse jenseits individueller Entscheidungen, wo die allermeisten nur noch mitgerissen werden und dann Dinge tun, die sie ohne Mobsituation niemals machen würden und später in den schlimmeren Fällen schamhaft bereuen. Eine/r bringt einen Slogan auf, alle schreien ihn nach, im Rhythmus, ganz laut, und wehe, wer von solch einem Mob gejagt wird: Nicht umsonst gibt es den Lynchmob; Plünderungen und Krawall, ohne Rücksicht, das sind typische Mobfolgen. Schnelle Dynamik, keine Reflektion, keine Pausen zum Überlegen, kein Nachdenken.

Wie Twitter als Medium funktioniert, hatte ich kurz angerissen, und den meisten Leserinnen und Lesern dieses Beitrags erzähle ich da ja auch nichts neues. Aber das bedeutet, dass beliebte und weitest verbreitete Tweets auch ganz anders zustandekommen können. Zunächst einmal: 140 Zeichen zu lesen ist keine sonderlich emotionale Angelegenheit; gut, Bilder kann man dazu auch verschicken, dann sieht es in einigen Fällen sicher anders aus. Aber in diesem Falle ging es um als Text dokumentierte Aussagen. Wer sich darüber ärgert, tut das nicht, weil ihn/sie lauter andere 140-Zeichen-Nachrichten in einen Berserkerzustand versetzen, sondern in den meisten Fällen vermutlich tatsächlich, weil sie/ihn ärgert, was er/sie da liest bzw. in diesem Falle: was Tim Hunt gesagt hat. Ein kritischer Kommentar ist dann schnell getwittert, und einheitliche Hashtags sorgen dafür, dass man mitverfolgen kann, wieviele andere dieselbe Sache noch ärgert.

Sprich: Das, was den Mob so gefährlich macht, nämlich das mitgerissen werden, das gedankenlose, emotionale, muss bei einem Twittersturm gar keine so große Rolle spielen. Eine Twitter-Nachricht, die viele Menschen beschäftigt, anspricht und, ja, zum Beispiel auch ärgert oder anderweitig zu Kommentaren animiert, reicht aus. (Für große Reichweitensprünge, sorgt bei bestimmten Hashtags, wenn das Thema von den herkömmlichen Medien aufgegriffen wird, die nun einmal nach wie vor die deutlich größere Reichweite besitzen; ich z.B. habe von den Tweets zu Tim Hunt erst aus Online-Artikeln auf englischsprachigen Medien-Webseiten erfahren. Auch das natürlich ein Zeichen für die Scheinheiligkeit derer, die sich in den herkömmlichen Medien über derlei Phänomene echauffieren.)

Zugegeben: Soviele kritische Kommentare auf einmal zu sehen, ist sicher überwältigend – das sind vor allem diejenigen von uns nicht gewohnt, denen kritische Kommentare entweder nur aus kleinen Bekanntengruppen direkt oder über die begrenzte Zahl der von uns konsumierten Medien zugetragen werden. Aber letztlich gab es all diese Kommentare, all diese Meinungen bei denjenigen Themen, die im öffentlichen Bewusstsein sind, schon immer. Der große Unterschied ist, dass uns jetzt viel mehr einzelne solcher Meinungen auf einmal zugänglich sind. Daraus zu schließen, bei jeder Tweet-Welle, die große Beteiligtenzahlen erreicht, könne es sich unmöglich um einen Fall einer eben von vielen Individuen geteilten Meingung handeln, sondern dies müsse ein Mob sein, eine hirnlose Masse, eine Menge von bloß mitgerissenen, die Dinge sagen, die sie ohne dieses Massenphänomen nie sagen würden, ist eine riesengroße Unverschämtheit. Es wertet diejenigen, die da kommentieren, pauschal ab und steckt sie in eine bequeme Schublade. Mob-Abstempeln ist ja auch viel einfacher als selbst nachdenken.

Der Begriff der Hetzkampagne oder allgemein der Kampagne ist nicht viel besser, und ähnlich irreführend (im oben verlinkten Guardian-Interviewartikel: „One or two began tweeting what he had said and within a few hours he had become the focus of a particularly vicious social media campaign.“). Eine Kampagne, das suggeriert geplantes und koordiniertes Zusammenwirken. Leute, es ist zwar ungewöhnlich, aber sorry: Mit Twitter haben wir die technischen Möglichkeiten, auch dann eine Sammlung vieler ähnlicher individueller Meinungen zu sehen, wenn da niemand herumgelaufen ist, organisiert hat, Mitstreiter gezielt angesprochen hat, die Menge in Massenveranstaltungen angespornt hat, tausende von Werbesendungen in die elektronische oder physische Post gejagt hat, sondern lediglich, weil viele Individuen ähnlicher Meinung sind zu einem Thema, für das sich ein gemeinsamer Hashtag etabliert hat. Das Kampagne zu nennen, verkennt, was solche automatische inhaltliche Vernetzung von früheren Medien unterscheidet.

Was da passiert, ist: Meinungsäußerung. Wenn viele Menschen einer Meinung sind, muss das nicht heißen, dass sie irgendwie verführt oder hirnlos mitgerissen wurden. Es kann auch bedeuten, dass an dieser gemeinsamen Meinung, über die viele verschiedene Menschen nachgedacht haben, etwas dran ist. Die Behauptung, dass diese Mobisierung von Social-Media, dieses Abtun von Meinungsäußerungen vieler Individuen verfassungsfeindlich ist, ist deutlich weniger weit hergeholt als die Gleichsetzung der Beteiligten mit einem Lynchmob.

Keine Angst vor vielgeteilten Meinungen

Also: Wie reagieren auf massenhafte Kritik via Twitter, Facebook & Co.? Am besten vermutlich genau so, wie auf Meinungen, die uns auf anderem Wege erreichen – seien es die Meinungen von Individuen, deren Urteilskraft wir schätzen (oder eben nicht so sehr), seien es z.B. die Ergebnisse von Umfragen, die uns unschärfer, aber auf Basis größerer Bevölkerungsstichproben nahelegen, was unsere Mitmenschen beschäftigt. Für die Medien würde das heißen: Wenn ein Thema soviele Menschen beschäftigt, sollte man tunlichst prüfen, ob es sich gewinnbringend journalistisch behandeln lässt. Wenn die Kommentare von Tim Hunt bei sovielen Wissenschaftlerinnen ungute Resonanz finden, dann ist das ein ziemlich klares Zeichen, dass da in punkto Wissenschaft und Frauen nach wie vor einiges im argen liegt. Und das näher zu beleuchten, zu recherchieren, vielleicht ja auch zu entschärfen oder aber zuzuspitzen ist etwas, was die journalistischen Laien in den Social-Media-Netzwerken deutlich weniger gut können als eben die Journalisten. Gute journalistische Aufarbeitung kann da wertvolle Impulse geben: Die Aufmerksamkeit von den Kommentaren von Tim Hunt z.B. auf die wissenschaftliche Karrierestruktur und frauenspezifische Probleme damit lenken, oder auf Alltagssexismus in der Wissenschaft und die Frage nach dem Umgang damit, oder, wie oben kurz angedeutet, auf die für das Thema durchaus relevanten aktuellen Diskussionen zu Zeitverträgen in der Wissenschaft.

Wie als (Mit-)Betroffener reagieren? Schnell, aber nicht vorschnell (schon richtig: leichter gesagt als getan). Zwar ist nicht ganz klar, wie das mit Hunt und dem University College London tatsächlich abgelaufen ist. Im Guardian-Interview sagt die Ehefrau von Hunt, die Immunologin Mary Collins:

I was told by a senior that Tim had to resign immediately or be sacked – though I was told it would be treated as a low-key affair. Tim duly emailed his resignation when he got home. The university promptly announced his resignation on its website and started tweeting that they had got rid of him. Essentially, they had hung both of us out to dry.

Entsprechende Tweets habe ich leider nicht finden können – weder auf @ucl noch @uclpress. Das muss nichts definitives heißen. Der entsprechende Beitrag auf den UCL-Webseiten ist jedenfalls einfach aufzufinden. Und deren Seite hört sich, nicht allzu überraschend, wiederum anders an: „UCL sought on more than one occasion to make contact with Sir Tim to discuss the situation, but his resignation was received before direct contact was established.“

Nun gut, ohne weitere Recherche ist das nicht zu klären. Aber allgemeiner: Solche unproportionalen Sofort-Entlassungen hat es gegeben – lesenswert ist dieser Artikel in der New York Times vom 12. Feburar 2015: How one Stupid Tweet Blew Up Justine Sacco’s Life. Und wenn wir mal hypothetisch das der Hunt-Version nächste Szenario annehmen und tatsächlich davon ausgehen, dass da die Universitätsleitung einen gegen die Uni gerichteten Shitstorm befürchtend vorauseilend Nägel mit Köpfen geschaffen hat, dann sollte breiter Konsens bestehen, dass es so auch nicht geht.  Auch wenn eine beachtliche Anzahl Menschen den Rücktritt von Hunt fordern: Grundlegende Regeln der Fairness darf das nicht aushebeln. Und zu diesen grundlegenden Regeln gehört nun einmal, dass man zunächst einmal miteinander redet und etwaige Stille-Post-Komponenten aufklärt.

Was, wenn man selbst Ziel der Kritik ist?

Ich war glücklicherweise (bislang) nie Ziel massenhafter Twitter-Kritik, kann mir aber zumindest abstrakt vorstellen, dass das sehr belastend sein muss. Wie oben schon gesagt: Wir sind es nicht gewohnt, von vielen Menschen gleichzeitig öffentlich kritisiert zu werden. Selbst wenn die Menge unserer Kritiker kein Mob ist, sondern nur eine Menge von Einzelpersonen mit ähnlichen Meinungen: allein der Umstand, dass da soviele Personen zusammenkommen, ist belastend.

Hier eine Auswahl an Hinweisen, die ich in den vergangenen Jahren aus entsprechenden Diskussionen im Gedächtnis behalten habe (und: nichts davon ist auf meinem Mist gewachsen), mal für Twitter durchdekliniert. Was tun, wenn man selbst in der Kritik steht?

Erstens: reagieren. Nicht abwarten, bis sich die Kritik von selbst legt; wenn z.B. die eigene Institution kritisiert wird, dann ist es wichtig, möglichst früh mit einzusteigen und den eigenen Standpunkt klarzumachen. (Nebenbei: ein Grund, warum die Teilnahme einer Institution an den Sozialen Medien durchaus auch Personalaufwand bedeutet – das mal so nebenbei zu machen, kann bei größeren Institutionen schnell in die Hose gehen, wenn es kriselt.) Dass Tweets oder Verlautbarungen, die von der Zielgruppe als arrogant wahrgenommen werden, nicht zielführend sind, versteht sich von selbst. Wenn es personell irgend machbar ist: Auf jeden kritischen Tweet antworten (und zwar nicht mit immer der gleichen Formulierung cut-and-paste). Twitter verknüpft Tweets und Antworten; so ist die eigene Stellungnahme im Prinzip überall präsent, wo es auch die kritischen Tweets sind. Ehrliche Stellungnahmen können dann durchaus von der Dynamik profitieren und von anderen weiter verbreitet werden. Übrigens ein grundsätzlicher Unterschied zu einem Mob: Einem Mob sind die Proteste des zu Lynchenden herzlich egal; bei Twitter-Diskussionen ist die Stellungnahme der betroffenen Institution etwas durchaus teilenswertes und interessantes, das weitergegeben wird.

Zweitens: nicht abwiegeln. Gerade bei sexistischen (rassistischen, *istischen) Äußerungen ist es leider geradezu Standard, erst reflexhaft zu sagen: das war doch gar nicht so gemeint! Das war doch nur ein Witz! Nehmt das doch nicht so ernst! Ich hatte im letzten Blogbeitrag schon etwas dazu gesagt, warum es bei Äußerungen, die ein für eine bestimmte Gruppe unangenehmes Klima erzeugen, ziemlich egal ist, ob sie ernst oder witzig gemeint sind – die Wirkung bleibt dieselbe. Die Wirkung dieser Art von Abwiegeln bleibt bei Twitter-Kritik übrigens auch immer dieselbe: sie gibt der Kritik neue Nahrung. Dass Tim Hunt genau in dieser Weise reagiert hat (aber siehe, wie gesagt, dazu den Blogbeitrag von Deborah Blum) ist wieder eine dieser enttäuschenden Nicht-Überraschungen.

Drittens: wenn entschuldigen, dann richtig. Einige Entschuldigungen sind gar keine. „Es tut mir leid, dass du meine Bemerkung so aufgefasst hast“ ist nur eine in Pseudo-Höflichkeit gekleidete Version von „schade, dass du dich so anstellst“. Hier ein relevantes YouTube-How To:

Abschließend noch ein kleines Fallbeispiel: Vor knapp vier Wochen hatte einer der Kollegen oder eine der Kolleginnen, die den Twitteraccount des Max-Planck-Instituts für molekulare Zellbiologie und Genetik betreuen, die nicht so tolle Idee, die Vorzüge eines Pipettierroboters dahingehend zu loben, dass die Dinger nicht müde werden, keinen Urlaub brauchen und nicht schwanger werden. Dass das mindestens zwei ungute Assoziationen hat, nämlich zum einen ganz reale unsensible Kommentare gegenüber Frauen (z.B. die Klage eines Forschers, dass bei ihm im Labor alle Frauen nacheinander Mutterschaftsurlaub haben und ob die neue Kollegin etwa auch schwanger werden wolle?), zum anderen die Assoziation „Laborhelfer für die einfach-mechanischen Dinge (pipettieren) = Frauenjob“, hat zu entsprechender Kritik geführt.

Die erste Reaktion der MPI-Kollegen auf diese Kritik sah noch so aus, als würden sie in genau die übliche Falle tapsen: Hey, wir haben da doch einen Smiley hingemacht! Mit solchen impliziten Humorlosigkeitsvorwürfen macht man sich natürlich keine Freunde. Danach folgte allerdings der Schwenk, und ab dann wurde alles richtig gemacht: Es gab Entschuldigungen, die soweit ich sehen kann auf alle einzelnen Kritik-Tweets eingegangen sind und dafür auch selbstkritisch den #everydaysexism-Hashtag benutzt haben. Dass die Kollegen den originalen Tweet gelöscht, aber stattdessen einen Entschuldigungstweet mit Zusammenfassung eingestellt haben, war vermutlich auch eine gute Wahl (nur löschen sieht nach vertuschen wollen aus und kommt nicht so gut – mindestens einen Screenshot habe ich auch im Umlauf gesehen). Und auf die Nachfragen, die den Roboter-Tweet zum Anlass genommen haben, nachzufragen, wie das MPI denn nun z.B. arbeitende Mütter unterstützt, haben die Kollegen auch gut geantwortet. Diese angemessenen Reaktionen (wenn auch mit etwas Verzögerung) waren sicherlich ein Faktor (sicher nicht der einzige), warum sich der nicht schwängerbare Pipettier-Roboter nicht zu einer größeren Kommunikationskrise ausgewachsen hat.

Schluss

Ich bin mir ja ziemlich sicher, dass das nur eine Übergangsphase ist – dass Twitter und Social Media einer so großen Mehrheit in ein paar Jahren so geläufig sind, dass man mit Mobisierung und ähnliche Dämonisierungen keinen Leser mehr hinter dem Tablet hervorlocken kann. Aber so ganz sind wir da noch nicht angekommen. Und dass die Fehl-Vereinfachungen mit größter Reichweite aus den Reihen derjenigen propagiert werden, die bis zum Aufstieg der sozialen Medien praktisch ein Monopol auf Meinungsverbreitung hatten, gehört sicherlich in die Kategorie „ein Schelm, wer böses dabei denkt“.

 

 

 

 

 

 

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

106 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Du bist nicht viel auf Twitter unterwegs, oder…?
    Sonst würdest du den feministischen Mob nicht anzweifeln. 🙂

    • In einer Welt, in der einem FAZ-Journalist zu den Beiträgen zum Hashtag #distractinglysexy die Beschreibung „weiblicher Sturm der Entrüstung und Beschimpfung“ einfällt, ist es vermutlich gerechtfertigt, die Existenz feministischer Mobbe prophylatisch mal ganz allgemein anzuzweifeln. 🙂

  2. Kann es sein dass es (mindestens) zwei Probleme gibt, die beide im vergleichsweise harmlosen Fall Hunt sichtbar werden?
    Kann es sein, dass der Übereifer der von Ihnen zurecht zerlegten Zeitungskommentatore und Fälle wie Mollat, Arnold oder Kachelmann Symptome des anderen Problems sind?

  3. Kritik finde ich toll.
    Nur ist es leider so, das es auf twitter auch einen Mob gibt, der nicht mehr kritisiert, sondern gleich spam-blockt bzw. einen Account gleich bei twitter meldet.

    So habe ich in den letzten 2 Jahren 4 Accounts verloren, ohne je zu wissen wesewegen. Und auch Twitter gab mir auf Nachfrage hin keine Antwort!

    Nochmal: Kritik ist toll. Meinungsfreiheit ist. Ich persönlich blocke und melde prinzipiell niemanden.

    Aber es gibt einen Twitter-Mob, denen es nicht mehr um Diskussion oder Meinungsaustausch geht, sondern nur darum, Menschen den Mund zu verbieten!

    • Klar gibt es Fehlverhalten auf Twitter. Klar gibt es Leute, die mit unfairen Methoden agieren und z.B. versuchen, die Kontrollmechanismen zu missbrauchen. Aber warum muss man für diese Leute den Begriff des Mobs bemühen, mit diversen Konnotationen (siehe Haupttext), die ja selbst in solchen Fällen nicht passen?

  4. Ich denke, dass mit „viral“ ein anderer Ausdruck für die exponentielle Ausbreitung der Nachricht gemeint ist. Ob der Mechanismus der Nachrichtenverbreitung analog zum Befall der Zellen durch Viren oder einer nuklearen Kettenreaktion ist, kann ich leider nicht sagen. Eventuell gibt es ja mathematische Modelle hierzu, die sich für beide Fälle anwenden lassen (man denke an die lineare Dgl. 2. Ordnung für gedämpfte Schwingungen, die sich auf mechanische/elektrische Systeme anwenden lässt) 😉

    Ich persönlich sehe die Gefahr, dass die Medien die Meinung der Twitter-Nutzer einfach zu sehr als relevant betrachten, weil „Millionen Fliegen können sich nicht irren“. Durch die Informationsflut werden journalistische Kontrollmechanismen ausgehebelt. Was in solch einem Moment zählt ist die spontane, unreflektierte Reaktion auf ein Ereignis, denn schließlich kann kein Journalist bei der Auswertung von 100+ Tweets pro Minute mithalten. Stattdessen werden im Anschluss an das Ereignis die Rosinen gepickt und dadurch falsche Schlüsse gezogen. Das Thema wird nicht entschärft sondern nur noch weiter verschärft. Es ist ein generelles Problem.

    @Markus: Du sagst zwar, dass bei Twitter Meinungen geäußert werden – jedoch sind die Meinungen im Falle eines Shitstorms stark „biased“. Da wird gerne die Realität verzerrt oder es werden rhetorische Mittel eingesetzt, um den gewünschten Effekt (noch mehr Empörung, Lynch) zu erzielen. Was Tim Hunt gesagt hat war einfach nur falsch und unüberlegt und die Reaktion darauf war „typisch“ für 2015. Ich kann gut verstehen, dass sich die Wissenschaftlerinnen geohrfeigt fühlen. Durch die Reaktionen kann man auch abschätzen, wie tiefgreifend das Problem ist. Aber gerade als Wissenschaftlerin muss man bei solchen Themen stark differenzieren können und die Tragweite von solchen Meinungsäußerungen abschätzen können.

    Alltagssexismus (bzw. Diskriminierung von Personen) ist meiner Meinung nach ein sehr ernstes Thema, welches nicht durch Diskussionen in den Social Media gelöst werden kann. Es wird dadurch nur noch verschlimmert! Die Lösung dieses Problems sollte anders angegangen werden. Ich habe für dieses Problem kein Patentrezept parat, aber vielleicht könnte man die angehenden Wissenschaftler stärker sensibilisieren. Ich bin mir absolut sicher, dass deine konstruktiv-kritischen Blog-Beiträge sicherlich mehr zum Verständnis dieses Problems beitragen als irgendwelche kurzlebigen Hashtags 🙂

    • Zum „viralen“: Klar ist das anders gemeint, und ich hätte wohl besser differenzieren sollen zwischen dieser Wortwahl uhd der weit ernsteren Mob-Wortwahl. Aber auch für das virale gilt: Das Wort hat nun einmal bestimmte irreführende Assoziationen, und von denen sollte man sich nicht beeinflussen lassen.

      Dazu, ob die Medien Twitter als relevant betrachten: es ist zunächst mal eine nützliche Stichprobe um festzustellen, welche Themen Menschen da draussen bewegen (sicherlich nicht für die ganze Bevölkerung repräsentativ, aber immerhin). Dass die Medien Themen von Twitter übernehmen, finde ich deswegen völlig legitim – aber mein Problem hier sind ja vor allem die Fälle, wo sie zwar das Thema übernehmen, aber die Menge der sich da äußernden gleichzeitig abtun, nämlich als Mob.

      Dass Tweets of spontan, nicht mithilfe der Goldwaage verfasst etc. sind – klar. Aber das alleine erlaubt noch keine Rückschlüsse auf gegenseitige Beeinflussung im Sinne von Mobdynamik.

  5. Der Begriff „viral“ ist dabei die erste Frechheit in der üblichen Sprechweise über Social Media.
    [,,,]
    Diese Mob-Terminologie ist eine weitere ganz große Frechheit bei der Beschreibung sozialer Medien.

    Frech, frech, aeär die Etymologie von ‚Mob‘ und ‚Virus‘ die sogenannten Tweets betreffend scheint schon passend, das Pejorative müsste dem modischen Gebrauch folgen, hier kennen sich andere Moden betreffend besser aus, bspw. der im WebLog-Artikel gemeinte virale Mob. [1]

    SCNR
    Dr. W (der Twitter nicht so-o töfte findet, auch weil dieser Web-Dienst vermutlich seinen Erfolg im (erzwungenen) Kurzhalten von Nachricht begründet – müsste also etwas für die anderen sein)

    [1]
    Irgendwie klang im Artikel durch, dass der Inhaltegeber der Ansicht ist, dass es gute Twitter-Bewegung (gegen Hunt) und schlechte (pro Hunt) gab, was nicht allgemein so gesehen werden muss.

    • Diejenigen Teile der Etymologie, die niemand außer ein paar Eingeweihten kennt, sind für die Bewertung aus meiner Sicht irrelevant. Auf die Assoziationen, die sich aus anderen weitverbreiteten Gebräuchen des Wortes ergeben, kommt es meiner Meinung nach an.

      Gute vs. schlechte Twitter-Bewegung: Keine Ahnung, wo das irgendwie durchklingen soll; gemeint habe ich das nicht, und geschrieben, soweit ich sehen kann, auch nicht.

      • Es gibt halt die beiden grundsätzlichen Möglichkeiten Wortbedeutung in der Begriffsgeschichte zu suchen und zu finden oder Dritte anzufragen, was i.E. dieses oder jenes Wort heute zu bedeuten hat, also pers. Macht abzugeben.
        Die einen so, die anderen so, wobei klar sein könnte, dass eher kollektivistisch Aufgestellte zum Plan B neigen.

        Interessant ist bei dieser Twitterei zu ergründen, was eigentlich IT-seitig nachgebaut worden ist, Anwendungen der Informationstechnologie lösen bekanntlich keine sozialen Probleme, sondern unterstützen Anwendung, die es in den meisten Fällen auch ohne IT geben würde.

        Was unterstützt eigentlich so einen [1] Dienst wie Twitter?

        Vermutung:
        Das sich Anbrüllen aus weiterer Entfernung, der Entfernung geschuldet kurz angebunden bleibend. In etwa so wie laut Terry Pratchett die Sprache genau deswegen erfunden worden ist, weil der Affe auf dem einen Baum dem Affen auf dem anderen mitteilen wollte, dass er ihn nicht gut findet.
        Die Längenbegrenzung von Nachricht und die Möglichkeit auf primitive Art und Weise zu verschlagworten, so auch Rudel zu bilden, müsste den Erfolg von Twitter ausmachen.
        Auch weil Argumentation zu Hause bleiben darf bis muss, es liegt nicht jedem zu argumentieren.

        Womit nicht ausgesagt werden sollte, dass Twitter nutzlos ist, keinesfalls, aber wenn es um die Menge geht, müsste webphilosophisch so der Erfolg erklärt werden können. [2]

        MFG
        Dr. W

        [1]
        einen giftigen oder virulenten Dienst – nirgendwo wird mehr herabgesetzt, demagogisiert, gekeift (F. keifen anscheinend gerne), psychologisiert, verleumdet und so wenig sachnah kommuniziert wie dort

        [2]
        Die Diffamierung des armen Brüderle, die mit ursächlich war für das Ausscheiden der FDP aus dem bundesdeutschen Parlament, zeigt übrigens die Wirkmächtigkeit von Twitter und anderem dieser Art.

        • Wenn Sie eine Textnachricht von 140 Zeichen bekommen, assoziieren Sie damit anbrüllen? Das sagt, glaube ich, mehr über Sie aus als über Twitter. Für mich ist das mehr das elektronische Analog der vielen kleinen Bemerkungen – die meisten nebenbei, aber auch welche, die einem wichtig sind – die man auch im Offline-Leben mit seinen Mitmenschen austauscht (ganz ohne brüllen).

          • Es ging Ihrem Kommentatorenfreund weiter oben um das Wesen des Dienstes mit dem Namen ‚Twitter‘; dass IT-Anwendungen Anwendungen meinen, die es in der „Real World“ idR ohnehin geben müsste, war weiter oben versucht worden zu beschreiben.

            IT oder Anwendungen der IT lösen keine sozialen Probleme, sondern unterstützen deren (falls: mögliche) Lösung.

            Twitter könnte bis müsste, unfreundlich formuliert und die willkürliche Längenbeschränkung von Nachricht meinend, die ja das primäre Leistungsmerkmal dieses Dienstes auszumachen scheint, neben der bereits weiter oben bemerkten primitiven Indizierung, eine Art Primatengebrüll IT-seitig unterstützen.

            Sehen Sie dies an Hand der geschilderten „Leistungsmerkmale“ [1] anders?

            MFG
            Dr. W

            [1]
            Die Längenbeschränkung von Nachricht geht (für einige: leicht erkennbar) Richtung Devolution.

          • Ja, das sehe ich in der Tat anders. (<- Text von weniger als 140 Zeichen Länge, deswegen hoffentlich nicht automatisch von Ihnen als Gebrüll abqualifiziert,)

  6. ich hab weder mit Twitter was am Hut, noch mit Facebook.
    Aus Gründen.
    Die allseits bekannt sind.
    Dass viele Menschen da trotz aller bekannten enormen Nachteile bei denen mitmachen, um das zu beurteilen, müsste ich Worte und Sätze hinschreiben, die hier sicher nicht erwünscht sind.

    Es geht auch ohne diese amerikanischen Datensammler. Und zwar sehr gut.
    Man muss nicht jede Mode mitmachen.
    Schon gar nicht, wenn sie so „billig“ ist und oft (siehe die Beispiele oben) schäbig und letztlich schädlich.

  7. Es mag sein, dass Hunt auf ein Rosenbett fällt und sich niemand um seine Zukunft sorgen muss. Grundsätzlich halte ich die Twitter-Empöria aber eine nicht ganz harmlose Gefahr für den Wissenschaftsbetrieb. Denn gepaart mit der prekären Beschäftigungssituation vieler Wissenschaftler ergibt sich da schon ein latent explosives Gemisch. Wenn jemand ohne Tenure durch eine dumme Aktion auffällt, dann hat er (oder sie!) ein riesiges Problem. Die virtuelle Steinigung via Twitter hat dann nämlich erhebliche Auswirkungen auf die Karriere, was bis hin zur vollständigen Zerstörung der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Existenz führen kann. Und das ist dann wirklich eine unerträgliche Relation zwischen Art des Fehlverhaltens und der Konsequenzen.

    • Auch „virtuelle Steinigung“ scheint mir dort irreführend, wo es wirklich nur um viele Menschen mit ähnlichen Meinungen geht. Aber richtig (und im Haupttext deswegen ja auch so angesprochen) ist: Es ist wichtig, richtig mit Twitter etc. umzugehen und nicht vorschnell oder übertrieben zu reagieren.

    • Konkret bei den Beispielen, die ich hier behandle (#distractinglysexy und #girlswithtoys) ist mir nichts aufgefallen, was auch nur irgendwie auf „autoritäres Strafbedürfnis erfüllen“ hindeutet. Die einfachste und naheliegendste Deutung scheint mir nach wie vor zu sein: Zu etwas, das viele Menschen ärgert, gibt es zahlreiche verärgerte oder genervte Kommentare auf Twitter. (Dass einige dabei übertreiben, ist leider zu erwarten – und je nach Grad der Übertreibung auch zu verurteilen.)

  8. Tim Hunt wegen seiner dummen Äußerung zum Rücktritt zu zwingen, steht für mich in keinem Verhältnis zu seinem „Vergehen“. Dass die Univ. nicht einmal abwarten konnte, persönlich mit ihm zu sprechen, ist schäbig. Natürlich ist Tim Hunt „versorgt“, aber der unfreiwillige, „gesichtswahrende“ Rücktritt ist selbstverständlich eine ziemlich empfindliche Ehrenstrafe und keine Lappalie.
    In Indien und woanders werden Frauen noch massiv behindert, nicht nur in der Forschung, das stimmt. Dort ist Tim Hunts Äußerung wirklich problematisch.

    In den meistens Staaten Europas und den USA gibt es aber wohl kaum noch ernsthafte Hindernisse aufgrund von frauenfeindlichen Vorurteilen. Die angeblichen vielen kleinen Spitzen gegen Frauen scheinen mir so langsam im homöopathischen Bereich der Wirksamkeit zu liegen. Aber vielleicht gilt dann ja das Gesetz der Potenzierung?

    Ein Zitat von Ingrid Wünning-Tschol in Zeit-online:
    „Fakt ist doch, dass der gender bias, die Benachteiligung von Frauen, noch immer weit verbreitet ist – auch in der Wissenschaft. Das ist nur heute, politisch ganz korrekt, weniger sichtbar geworden.“

    Noch sind die Gedanken frei und nur das Handeln steht unter der Androhung gesetzlicher Strafen. Änderungen des Denkens sollten aber in der gedanklichen Auseinandersetzung angestrebt werden, z.B. durch die „ablenkend sexy Aktion“, nicht durch Strafen.

    Ich erinnere mich auch an eine Szene in meinem Fachverband, wo auf der vorletzten Tagung von einer Kollegin beklagt wurde, dass nur Männer Vorträge hielten. Nun ja, es können nur die Vorträge halten, die sich auch darum bewerben und wenn sich Frauen nicht bewerben. Und es lag auch nicht daran, dass Frauen in unserem Verein die Minderheit bilden, das tun sie nicht. Es war nur eine reflexhafte dumme, feministische Äußerung einer ansonsten nicht dummen Kollegin.

    Es gibt inzwischen nämlich viele dumme Sprüche von Frauen über Männer, das genannte Bsp. war selbstverständlich harmlos und trivial, aber auch richtige Knüller wie z. B. Alice Schwarzers Bemerkung über männliche Kopiloten.

    Man muss sich in unseren Breiten allmählich fragen, wann Frauenförderung zu einem ideologisch verbrämten Arbeitsbeschaffungsprogramm wird, wann Förderung zu einem Privileg wird, dass man sich nicht mehr nehmen lassen will. Frauen sollen in die Wissenschaft, wenn sie wollen, nicht mehr und nicht weniger. Auf das „wollen“ sollten sie aber schon selbst kommen.

    [Zitatdopplung an dieser Stelle auf Wunsch des Kommentators gelöscht, MP]

    • Irgendwie geht ihr Kommentar, Herr Stefan, doch an dem Blogartikel vorbei. Es geht ja in erster Linie um die „Suche nach dem Twitter-Mob“ und genau dieser ist es eben nicht, der „Tim Hunt wegen seiner dummen Äußerung zum Rücktritt“ gezwungen hat. Wenn überhaupt war das ein Gremium der Universität. Und selbst da ist zweifelhaft, ob es überhaupt die Intension war, Herrn Hunt zum Rücktritt zu bewegen. Er hat augenscheinlich seinen Rücktritt bekannt gegeben, bevor die Verantwortlichen ihn überhaut erreicht haben.

      Sie schreiben: „Noch sind die Gedanken frei und nur das Handeln steht unter der Androhung gesetzlicher Strafen.“
      Ja, Gedanken sind frei. Das ist trivial. Aber öffentliche Äußerungen von hochrangigen Personen waren noch nie frei von Konsequenzen. Ich bin ehrlich besorgt, wie viele Menschen die Meinungsäußerungsfreiheit zu einer Meinungsäußerungskonsequenzenfreiheit ausdehnen wollen. Selbstverständlich hatte Herr Hunt jedes Recht, diese dumme Äußerung zu machen. Aber ebenso selbstverständlich haben andere das Recht diese Äußerung zu kritisieren und ggf. Konsequenzen zu fordern.

      Was das ganze damit zu tun haben soll, ob Frauen auch manchmal Unsinn über Männer sagen, erschließt sich mir nicht. Die müssen dann halt auch die Konsequenzen ihrer Äußerungen tragen.

      • Es ist jedenfalls problematisch, wenn Wissenschaftskarrieren auf Grund politisch falscher oder politisch „falscher“ Meinung eine derartige Wendung finden.
        Spitzfindig ist es zwischen der Freiheit der Meinungsäußerung und deren Konsequenzen zu unterscheiden, wenn die Konsequenzen erkennbar darauf angelegt sind falsche oder „falsche“ Meinung zu konditionieren.
        Ansonsten gibt der hiesige Inhaltegeber an sich zuvörderst um das Wesen des Microbloggings (Twitter etc.) zu kümmern, Mobs gibt es für ihn hier wohl nicht, was bemerkenswert scheint.

        MFG
        Dr. W (dem zum Wesen des Microbloggings noch einiges einfällt, aber vielleicht sollte dies unabhängig von der Person Tim Hunt vorgetragen werden)

      • Ich habe nicht gesagt, das Meinungsäußerungen frei von Konsequenzen sein sollen. Ich rechtfertige in keiner Weise vorsätzliche Diffamierungen unter dem Mäntelchen von freier Meinungsäußerung.
        Aber inwieweit lag dies vor oder nicht eben nur eine (mehr oder weniger grobe) Dummheit?
        Die politische Korrektheit balanciert immer auf der Grenze zur Tugendpolizei. Solche Sanktionen sollen ja dafür sorgen, dass man als sexistisch (rassistisch etc.) gewertete Aussagen nicht mehr tätigt. Ich habe nicht gehört, dass Hunt bislang als Sexist oder Frauenfeind in Erscheinung getreten ist, dass sollte bei der Beurteilung des Falles berücksichtigt werden.
        Die Universität hätte zuerst persönlich mit ihm reden müssen. Soviel Zeit hätte sie sich nehmen müssen. Hunts Ehefrau soll die Nachricht erhalten haben, er solle zurücktreten.
        „Noch während er im Flugzeug von Seoul nach England war, sei seine Frau Mary Collins zur Uni-Leitung gerufen worden, auch sie arbeitet an der UCL. „Mir wurde mitgeteilt, dass Tim sofort kündigen solle, oder er werde entlassen“, sagte Collins.“
        http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/tim-hunt-nobelpreistraeger-musste-uni-posten-aufgeben-a-1038757.html

        Ich denke, man sollte dem Urheber auch die Chance geben, über seinen Fehler nachzudenken, und den Betroffenen, einzuschätzen, ob das Vergehen wirklich so gravierend war. Dann kann man an die Konsequenzen gehen. Eine Lösung wäre z.B. gewesen, dass er er eine ausführliche Erklärung verfasst und/oder die Honorarprofessur für eine gewisse Zeit ruhen lässt.

        Protestwellen per twitter oder anderer sozialen Medien haben die Folge, dass bei derlei Skandale oder manchmal auch vermeintlichen Skandale die Reaktionszeit für alle Beteiligten stark verkürzt wird. Es entsteht ein (vermeintlicher) Druck zur schnellen Reaktion. Hier wollte sich die Universitätsleitung offenbar dem Problem rasch und radikal entziehen, noch bevor die erwartete Protestwelle über ihr hereinbricht und die Uni mit in den Skandal zieht. Sie hat in meinen Augen überreagiert.

        Zum Punkt „Wenn Frauen Unsinn über Männer reden“: Es wird eben oft mit zweierlei Maß gemessen. Wenn Männer über Frauen Unsinn erzählen, wird es als systemisch bewertet, wenn es Frauen machen, als Einzelfall, deswegen sind auch die Konsequenzen unterschiedlich. Die Frau blamiert sich als Einzelperson, beim Mann werden auch noch die patriarchalischen Verhältnisse bestraft. Das wurde meines Erachtens auch bei Hunt gemacht.

        Manche Kommentatoren sehen hier ja auch einen twitter-Mob am Werke. Ich bin nicht bei twitter, deswegen kann ich das nicht beurteilen. Aber auch die Sorge vor einer kommenden Wutwelle berechtigt nicht zu vorschnellen Entscheidungen.

  9. Nein, natürlich ist es kein Mob, wenn zehntausend Leute ziemlich reflexhaft sich empören. Das sind alles Einzelentscheidungen ;).

    Spaß beiseite: Jeder, der selbst auf Twitter ist, kenn diese Mobs und weiß, was sie anrichten können. Das kann man verteidigen, muss man aber nicht.

    Wenn tausend Leute mit Mistgabeln durch die Stadt einen Person jagen, die einen schlechten Witz gemacht hat und sich gegenseitig anfeuern, dann würdest du es doch auch „Mob“ nennen, oder? Nach der Logik des Artikels wären das alles individuelle Leute, die halt eine dumme Entscheidung treffen. Ich nenne es weiter Mob.

    • Lesen Sie ruhig mal den Haupttext – was am Mobbegriff anders ist, habe ich da ja etwas ausgeführt. Physische Mobs *sind* etwas anderes – haben eine andere Dynamik, andere Zeitskalen, viel direktere simultane Einflüsse auf die Masse.

      Gegenseitiges anfeuern sehe ich übrigens bei den Beispielen, von denen ich ausgegangen war, nicht wirklich. Das ginge dahn schon eher in Richtung Mob-Analogie. (Was nichts daran ändert, dass der automatische Schluss „viele twittern ähnliches -> MOB!“ falsch bleibt.)

      • Vielleicht nochmal zur Klarstellung: Mag ja sein, dass es auf Twitter in bestimmten Situationen zu Dynamiken kommt, die denen von Mobs ähneln. Gegenseitiges Anfeuern, schnelle Abläufe (Tweets, die im paar-Sekundentakt aufeinander bezugnehmen) wären Zeichen dafür. (Auch wenn das noch weit von der physischen Mobatmosphäre entfernt wäre, die vermutlich deutlich stärkeren Ansturm auf mehrere Sinne braucht, als es bloše Textnachrichten können.)

        Was ich kritisiere ist, wenn vorschnell aus dem bloßen Umstand, dass viele ähnliche Meinungen Twittern auf solch eine Mobdynamik geschlossen wird. Das ist unverschämt und abwertend.

  10. Ich werde als alter, twitterloser Mann (Mitte 50) mal zwei Gedanken zu dem durchaus durchdachten Artikel ab:

    1) Die Mobdefinition erscheint mir nicht vollständig durchdacht. Klar wird das, wenn man es aufs physische Leben überträgt – die meisten würden wohl eine spontan zusammengekommene Meute von Menschen, die jemanden verprügeln wollen, als „Mob“ qualifizieren, ohne darüber zu reflektieren, ob die alle selbständig zu dieser Einstellung gekommen sind.

    2) Die Empfindlichkeit der Öffentlichkeit, genauer, der Arbeitgeber und Institutionen (man könnte auch Feigheit sagen). Ich hatte jedenfalls vor 25 Jahren deutlich mehr klare politische Gegner an einer einzigen Hochschule, als sich in den sogenannten Shitstorms heute so durchschnittlich zusammenfinden. Anscheinend werden immer mehr Leute empfindlich wie kleine Mädchen (yep, klar sexistisch, Also bitte „Feuer frei“) und benehmen sich auch so.

    Sie haben, Herr Bössel, eine Reaktionsmöglichkeit auf Shitsorms übrigens vergessen: Sich klar und eindeutig in den Wind zu stellen und zu seiner Meinung zu stehen. Erstens ergibt das die häufig einzig wirklich interessanten Debatten, zweitens ist das durchaus nicht aussichtslos, wie true fruits neulich demonstriert hat. Und mir waren z.B. unter Feministinnen die immer am liebsten als Gesprächspartner, die auf einen chauvinistischen dummen Spruch einem verachtungsvollen „Männer!“ zwei schneidend scharfe Bemerkungen über Männer im allgemeinen und mich im besonderen folgen liessen. Lustigerweise gibt’s genau die auf twitter überhaupt nicht, physisch aber schon in nicht vernachlässigbaren Zahlen. Also sind auf twitter nur die Heulsusen?

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • @ Herr Haupts :

      Ich hatte jedenfalls vor 25 Jahren deutlich mehr klare politische Gegner an einer einzigen Hochschule, als sich in den sogenannten Shitstorms heute so durchschnittlich zusammenfinden.
      […]
      Sie haben, Herr [P]össel, eine Reaktionsmöglichkeit auf Shits[t]orms übrigens vergessen: [s]ich klar und eindeutig in den Wind zu stellen und zu seiner Meinung zu stehen.

      Herr Dr. Pössel klang insofern idT vermittelnd und rückbeugend, auch im Sinne von: der Klügere gibt nach, nicht so, wie einstmals, auch in der BRD, teilweise auch konfrontativ Auseinandersetzung oder Disput gesucht wie bearbeitet worden ist, mit einstmals vorhandenen kollektivistischen Kräften. [1]

      Allerdings sind auch die klaren Gegner von einstmals weg und an den I, der zu D gehören soll, womöglich aber S [2] ist, will man zurzeit nicht ran.

      Korrekt, die von Ihnen beobachtete Symptomatik wird auch, zumindest von einigen, „Honeckers Rache“ genannt, die sich zum einen darin ausdrückt nicht mehr Kollektivisten klare Kante zu zeigen, zum anderen darin Konformität zu suchen, im Politischen und Werterelativistischen.

      MFG
      Dr. W

      [1]
      War übrigens auch seinerzeit nicht völlig frei von Gefahr, bundesdeutsche Kräfte des linken Randes, auch RAF-Sympatisantentum, führten Listen, auch Todeslisten.

      [2]
      ’suboptimal‘

    • Das interessiert mich dann doch, weil es eine so weit verbreitete Haltung ist, die ich so gar nicht nachvollziehen kann: Versuchen Sie überhaupt, sich in die entsprechenden Leute hineinzuversetzen, die Sie da abqualifizieren? Wenn ja, und wenn Sie aus der Diskrepanz der Wahrnehmung (ihrer hineinversetzten und dem, was Ihnen diese Leute selbst sagen) schließen, dass die sich mal alle nicht so anstellen sollen, ist das nicht ein ziemlich gewagter Schluss? (Hineinversetzen ist nun einmal schwierig – vielleicht einen eigenen Blogbeitrag wert – und einen Schluss, der letztlich voraussetzt, dass man die innere Wahrnehmung des/der Betreffenden besser beurteilen kann als der/diejenige selbst, finde ich ziemlich gewagt.) Oder gehen Sie schlicht davon aus, dass die Betreffenden (alle, bzw. ziemlich viele) Sie in diesem Punkt anschwindeln, um sich selbst Vorteile zu erschleichen?

      • Ich nehme an, Herr Pössel, Ihre Frage bezieht sich auf meinen Beitrag und dort auf meinen letzten Absatz? Dann nehme ich aus Ihrer Gegenfrage mal den Grundsatz, der dahintersteht, und formuliere den aus:

        Jede Meinungsäusserung muss sich an der Rezeption des empfindsamsten ihrer denkbaren Rezipienten orientieren und darf nicht geeignet sein, diese nach deren Selbstwahrnehmung in irgendeiner Weise zu verletzten.

        Da ich Sie für einen intelligenten Menschen halte, buchstabiere ich hier nicht aus, warum das automatisch und unvermeidbar das Ende jeder öffentlichen Debatte wäre.

        Gruss,
        Thorsten Haupts

        • Nein, da überspitzen Sie das, was ich meine, ins Absurde. Es geht nicht darum, den oder die Empfindsamste/n als Maßstab zu nehmen. Aber wenn eine Äußerung gleich bei einer nicht allzu kleinen Gruppe (zumal, da mögen unsere Einschätzungen divergieren, einer Gruppe, deren Vertreter man gemeinhin als ganz vernünftig kennt) als verletzend ankommt, dann sollte man sich schon Gedanken machen, was man da getan hat.

          • Ich setze hier noch mal kurz nach und akzeptiere Ihr Argument einfach „at face value“:

            Die von Ihnen angesprochene Gruppe hat sich verletzt gefühlt, nachdem Hunt etwas gesagt hat, was an ein bestimmtes Auditorium gerichtet war. Wenn die neuesten Presseberichte dazu stimmen, hat jemand seine selbstironischen Bemerkungen aus dem Zusammenhang gerissen und gezielt in die breite Öffentlichkeit gestreut, im Auditorium selber war sie offensichtlich die einzige von knapp 100 Teilnehmern/innen, die sich verletzt gefühlt hat.

            Wenn ich einen Witz über mich selbst damit beginne, dass ich mich selber als Rassisten beschreibe, um in den Folgesätzen klarzustellen, wie wichtig ich prinzipielle Gleichbehandlung von Menschen aller Hautfarben finde, kann sich durch den Eingangstext immer noch jemand verletzt fühlen. Dem kann und will ich dann allerdings nicht mehr helfen, denn – wie schon erwähnt – das wäre das Ende jeglicher öffentlicher Debatte. Es geht genau nicht um „grössere Gruppen“, sondern um das sich beleidigt fühlen wollen. Das kann ich jederzeit, zu jedem Thema und bei jeder noch so sensiblen Bemerkung abrufen.

            Präsentieren Sie mir einen beliebigen Text über andere Menschen und ich zeige Ihnen den Skandal, und zwar genau 30 Sekunden, nachdem ich den Text gelesen habe.

            Ich bleibe bei meiner Einschätzung: Mimimi. Wenn mich mein persönlicher Eindruck nicht täuscht, wird die Zustimmung zu spezifisch dieser Art von Feminismus auch unter Frauen bald ein Alllzeittief erreichen. Das wird die twitterblase allerdings erst merken, wenn sie wieder ausserhalb kommuniziert.

            Gruss,
            Thorsten Haupts

          • Die neuesten Presseberichte stimmen aber nicht so recht mit dem überein, was andere, die vor Ort waren, geschrieben haben – siehe den oben geteilten Text von Deborah Blum, in dem auch darauf eingegangen wird, was die Veranstalter Tim Hunt danach geschrieben habe.

            Zu der folgenden Argumentation: Sicher wird es Situationen geben, in denen man sagt, herrgott, der einzelnen Person, die sich da verletzt fühlt, ist wohl nicht mehr zu helfen. Aber bei den Kommentaren von Tim Hunt entnehme ich den Kommentaren vieler (nicht aller!) Wissenschaftlerinnen, die sich dazu geäußert haben, dass diese Kommentare für sie in ein unschönes Muster fallen, Teil eines größeren Problems und allein deswegen unpassend sind – übrigens recht unabhängig davon, ob Hunt das als Witz gemeint hatte oder nicht, denn worüber man meint, öffentlich Witze machen zu können und worüber nicht, sagt ja auch etwas über die eigene Haltung aus.

            Und wenn ich entsprechende Aussagen von einer ganzen Reihe von Personen höre, dich ich z.T. persönlich kenne, z.T. über andere ihrer Aussagen im Netz, und von denen ich keinen Anlass habe, sie als Mimosen abzustempeln, dann nehme ich solche Beschwerden ernst. Und finde es tatsächlich etwas befremdlich, wenn Sie all jene Menschen in die ‚denen ist eh‘ nicht mehr zu helfen; wer extrem empfindlich ist, wird überall Steine des Anstoßes finden‘-Ecke stellen.

            Ihr Angebot nehme ich aber aus reiner Neugier einmal an:

            „Für zahlreiche Wissenschaftlerinnen ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine wichtige, aber durchaus nicht einfache Angelegenheit. Zeitverträge bis in eine Karrierephase hinein, in der viele ihrer Altergenossinnen ihre Kinderwünsche verwirklichen, erschweren die Familienplanung gleich in mehrfacher Hinsicht: Zum einen, weil mit den Kindern oft eine ganz andere Gewichtung von finanzieller Sicherheit vorgenommen wird; wer Kinder hat, möchte sie in der Regel langfristig versorgen und ihnen Sicherheit bieten können. Zum anderen, weil die Erfolgschancen bei Bewerbungen typischerweise von der Menge der geleisteten Arbeit abhängen, insbesondere von der Zahl der veröffentlichten Fachartikel. Wissenschaftlerinnen, die sich neben ihrer Forschung um ihre eigenen Kinder kümmern, sind hier automatisch im Nachteil gegenüber kinderlosen Kolleginnen und Kollegen, aber insbesondere auch gegenüber jenen Kollegen, die ein Familienleben nach jenem Muster führen, in dem der Mann Karriere macht und die Frau sich ohne eigene Berufstätigkeit um die Kinder kümmert. Die Kinder auf eine spätere Karrierephase zu verschieben, ist wiederum für Männer einfacher als für Frauen – dafür spielt die biologische Uhr eine unrühmliche Rolle. Wissenschaftlerinnen, die aus eigenem Wunsch keine Kinder bekommen, sehen sich dagegen nicht selten mit nach wie vor existierenden Vorurteilen gegen kinderlose Frauen konfrontiert.“

            So, ein kleiner Text über Wissenschaftlerinnen. Wo finden Sie den Skandal? Und wie entscheiden wir, wenn Sie einen gefunden haben, ob es sich um ein Glasperlenspiel ohne argumentativen Wert handelt, oder ob sich tatsächlich größere Gruppen von Menschen durch den Text verletzt fühlen würden, fände er weite Verbreitung?

          • Liebend gerne:

            1) Methode Internetfeminismus:

            Ey, weisses prvilegiertes Mittelschicht – Mimimi. Typisch. PoC und Transgender – wer kümmert sich um die? Die haben nicht das Problem, sich um die Vereinbarkeit von Kind und Beruf sorgen zu müssen, die kämpfen in einem feindlichen, cis gegenderten, rassistischen Patriarchat täglich ums emotionale und ökonomische Überleben.

            2) Methode Hunt-Jagd (die hatten Sie ja als zulässig und verständlich akzeptiert). Man picke sich also einen Satz aus einem Vortrag heraus und ignoriere den Kontext:

            „Die Kinder auf eine spätere Karrierephase zu verschieben, ist wiederum für Männer einfacher als für Frauen …“

            Will der Autor damit andeuten, 25jährige gebärfähige junge Frauen stünden Schlange, um mit einem übergewichtigen 45jährigen Physik-Nerd in die Kiste zu hüpfen, um ihm schön seine Kinderchen zu gebären? Will er. Sexismus, Klassismus und Misogynie vom feinsten.

            Noch leichtere Übungen kann ich mir kaum vorstellen.

            Gruss,
            Thorsten Haupts

          • Fehlt noch der zweite Teil der Aufgabe, ich zitiere: „Und wie entscheiden wir, wenn Sie einen gefunden haben, ob es sich um ein Glasperlenspiel ohne argumentativen Wert handelt, oder ob sich tatsächlich größere Gruppen von Menschen durch den Text verletzt fühlen würden, fände er weite Verbreitung?“

            Teil 1 Ihrer Antwort kann ich sogar größtenteils nachvollziehen – hängt sicher vom Kontext ab, aber solche Reaktionen können kommen. „Skandal“ ist dafür sicher eine übertriebene Bezeichnung, und die Kommentare dürften anders ausfallen als bei Hunt (meiner Erfahrung nach differenzieren die allermeisten, die sich an sexistischen und *istischen Äußerungen stören, da sehr wohl). Insofern: Als Argument für „ach, die stören sich ja an allem“, das die Kritik an Tim Hunts Äußerungen entsprechend relativiert, taugt das, was Sie da schreiben, nicht so recht.

            Teil 2 ist aus meiner Sicht abwegig. Das würde meiner Einschätzung nach schlicht nicht passieren.

      • Dreimal ‚hineinversetzen‘, ist Ihnen die antizipative psychologische Erfassung anderer wirklich wichtig für den öffentlichen Diskurs, Herr Dr. Pössel?

        • Allgemein: Ist mir wichtig, wie das, was ich sage, bei anderen ankommt? In vieler Hinsicht (Verständlichkeit, Missverständnispotenzial) sehr wohl. Und bei Menschen, die andere aufgrund extrapolierten Innenlebens verurteilen (zu empfindlich etc.) ist es doch wohl das mindeste, solche Urteile nicht einfach aus der hohlen Hand zu schütteln.

  11. @Markus Pössel

    Dann sind sie neu bei Twitter.
    Wie gesagt, auch in der Vergangenheit gab es Boycottaufrufe, bzw. aufrufe gewisse Leute aus ihren Jobs zu entfernen, weil sie die falsche Meinungen vertreten hatten.
    Zum Beispiel forderte die feministische Twitterin @shanley doch bitte den Linux Erfinder Linus Torvalds zu kündigen, weil ihm die Software wichtiger war als die ‚diversity‘ in der open source Gemeinde.

    Ich weiß es ist hart, einzusehen das DIE Leute, die man eher mit fortschrittlichen Gedankengut in Verbindung bringt, mit solch totalitären Mobverhalten zu assozieren.
    Aber es ist wahr, die Inquisition kommt freundlich daher, und Sie werden das auch noch lernen!

    • Was an meinem Hinweis auf die konkreten Beispiele war denn so schwer zu verstehen?

      Was am Begriff des Mobs nicht passt, hatte ich ja schon im Haupttext dargelegt. Das plus Ihre Steigerung mit „totalitär“ und der Inquisition legt für mich nahe, dass es Ihnen gar nicht darum geht, angemessene Worte zu finden, sondern dass Sie hier Kampfbegriffe nutzen. Das sind Eskalationstaktiken, mit denen man nicht hin zu vernünftigen Diskussionen kommt.

      • Feministen haben, zumindest wenn sie streng neomarxistisch unterwegs sind, totalitäre Auffassungen, der Wunsch, der kampagnenartig auf Twitter vorgetragen wird, Personen von ihren Arbeitsstellen zu entfernen, könnte hier als Beleg taugen.
        Inquisitionsartig wird dabei vorgegangen, auch bspw. die sogenannten neuen Atheisten betreffend, also wenn bspw. Dawkins (mal wieder) etwas Falsches oder „Falsches“ sagt bzw. twittert (der twittert mit, lol).

        Also, Kollego, ‚frech‘ und ‚unverschämt‘ ist für andere womöglich, wenn in diesem Zusammenhang bestimmte Einordnung als ‚frech‘ und ‚unverschämt‘ bezeichnet wird.
        Wobei der Schreiber dieser Zeilen, der Webbaer, nicht in diesen Kategorien denkt, sondern eher in den Kategorien der Sittlichkeit, Tim Hunt könnte diesbezüglich und punktuell daneben gelegen haben.
        Schön wäre vielleicht gewesen, wenn er in der Sache hart kritisiert worden wäre, wobei das Zitat genau eingeordnet werden müsste, also inwieweit es überhaupt ernst gemeint war, sein Vorschlag der geschlechtsspezifischen Segregation in den Laboratorien müsste aber ernst gemeint gewesen sein, wenn aber die Möglichkeit ihn beruflich anzugehen nicht im Entferntesten in Frage käme.

        • PS:
          ‚Frech‘ und ‚unverschämt‘ meinen (heutzutage [1]) kleinbürgerliche Kategorien des Denkens, wenn sie halbwegs ernst gemeint als Vorwurf und adjektivierend genutzt werden.

          [1]
          Das Fehlen von Scham muss ohnehin nicht verkehrt sein, ‚frech‘ war einstmals positiv konnotiert, auch sich Erfrechende meinend.
          Im Kleinbürgerlichen wird heutzutage idR derart adjektiviert, ganz ähnlich wie – Terry Pratchett lässt wiederum grüßen – der Haushund heutzutage mit leeren Klorollen oder mit zusammengerollten alten Zeitungen traktiert wird, ganz weich also und mit dem Ausruf „Bö-öser Hund!“ verbunden.

        • Warum kommen in solchen Diskussionen eigentlich immer die Holzhämmer? Haben Worte wie „im höchsten Maße unfair“ ihre Kraft schon derart verloren, dass es stattdessen solche grotesken Assoziationen wie totalitär, Inquisition, also körperliche Gewalt, Folter Massenmorde und ähnliches sein müssen? (Aber andererseits über „frech“ und „unverschämt“ aufregen – was ist denn das für eine verzerrte Wahrnehmung?)

          • ‚Totalitär‘ meint im Deutschen ‚ganzheitlich‘, ‚Inquisition‘ die ‚Untersuchung‘, insofern meinen Sie, Herr Dr. Pössel, bestimmte metaphorische Begriffsbedeutung, die zwar angedeutet bis gemeint sein könnte, von einigen, aber nicht so gemeint sein muss.
            Auch von Ihnen festgestellte ‚Aufregung‘ muss nicht individuenseitig gegeben sein.

            Es könnte schon anderen darum gehen ‚angemessene Worte‘ zu suchen und zu finden, statt ‚Kampfbegriffe‘ und ‚Eskalationstaktiken‘.

            Der Schreiber dieser Zeilen ist bspw. im Austausch von Nachrichten vglw. zäh, so zumindest die Eigeneinschätzung, hat abär nicht vor über gewöhnliche Polemik/Rhetorik hinausgehend besonders zu beißen und kleine Debatten wie diese durch Demagogie zu gewinnen oder sicherlich besser: zu „gewinnen“. (Nett zu sein, ist schon OK, aber nicht pflichtig; wer nicht immer nett ist, wird dadurch nicht zum „Schwein“.)

            MFG
            Dr. W

          • Ach, Unsinn. Niemand, der auch nur einigermaßen Sprachgefühl besitzt, wählt „Inquisition“, wenn er „Untersuchung“ meint, und schon gar nicht „totalitär“ für „ganzheitlich“. Was kommt als nächstes? Eine lockere Verunglimpfung der SPD, weil „sozialistisch“ schließlich nur die Steigerung von „sozial“ sei und das „D“ die Zuordnung zu einer einzigen Nation anzeige? Das (hypothetische) letzte ist nicht merklich weniger absurd als die ersten beiden Beispiele.

          • @ Herr Dr. Pössel :
            International sind Bezeichnungen wie ‚to inquire‘ und ‚totalitär‘ in der Duden-Bedeutung b gang und gäbe [1].

            Und die SPD ist schon ’sozialistisch‘, steht auch im Parteiprogramm, auch wenn spätestens seit Tucholsky klar ist, dass mit dieser Bewegung [2] die Revolution nicht kommen kann. [3]

            ‚Sozialistisch‘ ist kein Komparativ und meint den Ismus, machen Sie sich gerne ein wenig locker, Herr Dr. Pössel!

            Wörter sind Wörter und deutlich wichtiger bleiben Inhalte und Konzepte.

            MFG
            Dr. W (der Ihnen dankt und nun besser versteht, was hier eigentlich „los ist“)

            [1]
            übrigens auch eine Metapher, über die sich ‚aufgeregt‘ werden könnte

            [2]
            ‚Bewegung‘ übrigens auch im Deutschen belastet, spätestens seit 1933

            [3]
            Also, der Schreiber dieser Zeilen war beobachtend in der grundsätzlich als revolutionär zu verstehenden 68er-Zeit dabei, streng genommen war der Tucholsky-Satz erst ca. 1971 wieder klar.
            >:->

          • PS:
            ‚Absurd‘ kam hier zweifach in der hiesigen Kommentatorik vor, ‚absurd‘ als Adjektivierung oder substantiviert festzustellen, geht nicht argumentativ oder das Streitgespräch / den Disput / Diskurs suchend…

          • Zur „Duden-Bedeutung“: Klickt man auf Ihr Link, steht da als erstes die „Politik, abwertend(e)“ Bedeutung, von der ich die ganze Zeit rede, während die Zweitbedeutung „die Gesamtheit umfassend“ als „bildungssprachlich, selten“ beschrieben wird. I rest my case.

            Zur internationalen Bedeutung, auch wenn die hier in einem deutschen Text zweitrangig ist: Jetzt bitte nicht mit dem viel harmloseren „to inquire“ ablenken. Da unterscheidet man im englischen schließlich auch zwischen dem neutraleren „inquiry“ und der auch dort negativ belasteten „inquisition“.

            Meine nicht ernst gemeinte Steigerungsform „sozialistisch“ ist in der Tat weniger elegant, als einfach in’s Parteiprogramm zu schauen; jetzt, wo sie’s getan haben: Sind Sie wirklich der Meinung, dass jemand, der die SPD als national-sozialistisch bezeichnet, das ernstzunehmend mit dem „sozialistisch“ im Parteiprogramm und dem Umstand, dass es sich um eine nationale Partei handelt, abtun kann? Das wäre ungefähr so überzeugend, wie es Ihre Rechtfertigungen von „totalitär“ und „Inquisition“ für mich sind.

          • @ Herr Dr. Pössel :
            Hypothetisierende Fragen müssen bis sollten nicht bearbeitet werden, irgendwie dbzgl. müssen Sie wie folgt entwickelt haben: ‚Sind Sie wirklich der Meinung, dass jemand, der die SPD als national-sozialistisch bezeichnet, das ernstzunehmend mit dem „sozialistisch“ im Parteiprogramm und dem Umstand, dass es sich um eine nationale Partei handelt, abtun kann?‘ – Ihr Kommentatorenfreund sieht hier keinen Zusammenhang zu von ihm bisher hier kommentarisch Ergänzten.

            Ansonsten bleibt dieser dabei Wortbedeutung eigener (etymologischer) Forschung und eigener Kenntnis zu überlassen, auch als Rat, sich nicht pers. Macht abschneiden zu lassen, nicht dbzgl. Verantwortung abzugeben.

            Und natürlich hat sich der Schreiber dieser Zeilen, der Webbaer, hier auch ein wenig i.p.Feedback bemüht, weil sie nachvollziehbar ernsthaft, gar wahrhaftig um Sachen und Sachverhalte bemüht scheinen, eigentlich ist sich Ihr Kommentatorenfreund hier sicher.

            MFG + weiterhin viel Erfolg (und danke für die Geduld),
            Dr. W

          • Ich finde den Zusammenhang recht offensichtlich: Im normalen Sprachgebrauch meint „nationalsozialistisch“ das Dritte Reich, „totalitär“ meint diktatorische Praktiken wie im Nationalsozialismus oder Stalinismus, mit denen eine ganze Gesellschaft mit Gewalt und völlig undemokratisch bis in die Details fremdbestimmt wird, und „Inquisition“ meint die gegen Ketzer vorgehende entsprechende Institution der katholischen Kirche in Mittelalter und Neuzeit.

            Wer diese Worte benutzt, z.B. um Diskussionsgegner zu beschreiben, der will entweder genau diese extrem negativen Assoziationen wecken oder nimmt sie zumindest billigend in Kauf. Und Beteuerungen, solche Assoziationen nicht gewollt zu haben, sondern stattdessen nur eine seltene bildungssprachliche Variante intendiert zu haben (totalitär) oder über die Etymologie gegangen zu sein (Inquisition, nationalsozialistisch) werden von den allermeisten, die sie hören, mit wie ich meine guter Berechtigung, nicht allzu ernstgenommen.

  12. Der Mobcharakter kommt vielleicht gar nicht aus Twitter selbst, sondern wird aus externen medien angeregt. Mob ist doch, wenn man keine eigene Meinung zu etwas hat, sich aber mitreißen lässt – pauschal gesagt. Da kommen die Meinungsbildenen Blätter ins Spiel, Spiegel, Bild, Focus, Zeit..wie sie alle heißen. Und vor allen Dingen auch: die Schule mit ihren Lehrinhalten. Diese, gerade aktuellen, Meinungen werden dann von den Leuten bei Twitter dann umgesetzt. Wahrscheinlich gehört zu jener speziellen Meinung auch, dass man handeln soll, also selbst etwas tut, damit diese Meinung umgesetzt wird. Das ist eigentlich mal interessant: wie verbreiten sich Meinungen am schnellsten, also wie bekomme ich einen Schneeballeffekt in der Meinungsbildung?

    • @ jade :

      Mob ist doch, wenn man keine eigene Meinung zu etwas hat, sich aber mitreißen lässt – pauschal gesagt.

      Nicht inkorrekt angemerkt.

      Insofern ist die Ideologisierung, auch die politische und die Menge meinend, anzustreben: damit nicht nachgeplappert wird und keine besondere, sozusagen animalische Mob-Fähigkeit entsteht.

      In früherer Zeit hatten es Herrschende idR mit sozusagen animalischer Mobfähigkeit zu tun, auch heute noch, in als aus aufklärerischer Sicht unaufgeklärter Region, die individuelle Verständigkeit meinend, die alles andere als selbstverständlich ist.

      Im WebLog-Artikel des geschätzten hiesigen Inhaltegebers geht es abär um andere Mob-Bildung, um – wie es der Schreiber dieser Zeilen versteht – neomarxistische, die aus Sicht des hiesigen Inhaltegebers aber so nicht gegeben sein muss bis gegeben sein kann.

      HTH
      Dr. W

    • Mitreißen lassen ist sicher ein Schlüsselelement. Also wie unterscheidet man das von Twitter-Reaktionen, bei denen viele Menschen ohne sich abzusprechen oder mitgerissen zu werden dieselbe Meinung haben und diese kundtun?

  13. @Markus Pössel

    Totalitär benutze ich deshalb, weil es gewissen Leuten nicht nur darum geht, einfach für mehr Gleichberechtigung oder Gerechtigkeit zu sorgen.
    Es geht vielen dieser Menschen darum die gesamte Gesellschaft zu durchdringen und umzugestalten.
    Daran wäre nichts auszusetzen, wenn die Alternativen die diese Leute feilbieten nicht so armselig wären.

    Inquisition benutze ich deshalb, weil der Begriff einen Vorgang beschreibt, in der die Ansichten und Meinungen von Personen, von einer Art Komitee genaustens unter die Lupe genommen werden.
    Das geschieht deshalb, weil nach deren Vorstellung, verkommene Leute wie Tim Hunt den Rest einer Forschungsgemeinschaft eventuell mit ihren sexistischen Ideen, anstecken moralisch verderben.

    Mit konkreten Beispielen zu Rücktrittsforderungen in diesem Fa kann ich leider nicht dienen.
    So, in diesen Punkt könnte man mir vorwerfen falsch zu liegen. Ich habe aber solche Forderungen schon öfter gesehen (letzens als ein eher rechtsgerichteter Mob, die Entlassung von Bahar Mustafa forderte, oder als sich ein feministischer Mob an Ronja von Rönne abarbeitete) und maße mir an, davon auszugehen das es sie auch in diesen Fall gab. Belegen kann ich es nicht (dazu habe ich weder Lust noch Zeit)

    • Das sind aber schon ziemlich provokative Begriffe, und Sie haben da ja in Ihrem vorigen Kommentar nicht wirklich differenziert bzw. auf eine Teilgruppe eingeschränkt. Für diejenigen (Frauen wie Männer), die Tim Hunts Kommentare schädlich bzw. unmöglich fanden und das auf Twitter äußerten habe ich durchaus Verständnis; für den Ablauf beim Rücktritt Hunts von seinem UCL-Ehrenamt meinem jetzigen Informationsstand nicht. In Ihrer Verallgemeinerung wird beides und noch viel Extremeres in einen Topf geworfen – das ist wenig hilfreich für weitere Diskussionen.

  14. Tim Hunt hat sich selbst als Sexist auf den Arm genommen, liest man im SPON-Beitrag Sexismusvorwürfe: Protokoll soll Nobelpreisträger Hunt entlasten. Hier seine „Trinkspruch“ und was folgte:

    „Es ist seltsam, dass so ein chauvinistisches Scheusal wie ich gebeten wurde, vor Wissenschaftlerinnen zu sprechen“, begann Hunt seine Rede. Daraufhin fielen die Worte, über die sich seine Kritiker echauffieren.

    Dem Protokoll zufolge soll Hunt seine Aussage über Frauen in der Wissenschaft aber direkt im Anschluss als Scherz kenntlich gemacht und relativiert haben: „Jetzt im Ernst, ich bin beeindruckt von der ökonomischen Entwicklung Koreas. Und Wissenschaftlerinnen spielten darin ohne jeden Zweifel eine wichtige Rolle. Die Wissenschaft braucht Frauen, und Sie sollten trotz aller Hindernisse Wissenschaft betreiben, auch trotz solcher Scheusale wie mir.“

    Die, die ihn wegen seinem Witz anprangern, verbieten damit sogar Selbstironie – wenn diese Selbstironie Aussagen enthält wie sie in der Männerwelt nicht selten gemacht werden und von einigen auch ernst gemeint sind.

    • Ich will die vier Bereiche nicht gleichsetzen, aber der Vergleich ist, finde ich, bei allen bestehenden Unterschieden instruktiv: Wie wären die Reaktionen, wenn Hunt sich als antisemitisches oder rassistisches oder ausländerfeindliches Scheusal bezeichnet, dann einen entsprechenden Witz und mit „aber jetzt im Ernst“ weitergemacht hätte – finden Sie das in Ordnung? Wenn nein, warum nicht? Das unspezifische „…verbieten damit sogar Selbstironie“ ist ja schließlich auf alle vier Beispiele anwendbar. Meiner Meinung nach zeigt der Vergleich, dass der Umstand, ob da Selbstironie im Spiel war oder nicht, ziemlich nachrangig ist.

      • Sie haben recht, wenn sie Chauvinismus, Antisemitismus und Rassismus auf die gleiche Stufe setzen. Selbstironie bedeutet letztlich, dass Tim Hunt gut mit seinem eigenen Chauvinismus/Machismus leben kann. Ersetzt man das Wort Frauen durch Juden erhält man folgende abschliessenden Sätze Hunts

        „Jetzt im Ernst, ich bin beeindruckt von der ökonomischen Entwicklung Koreas. Und Juden spielten darin ohne jeden Zweifel eine wichtige Rolle. Die Wissenschaft braucht Juden, und Sie sollten trotz aller Hindernisse Wissenschaft betreiben, auch trotz solcher antisemtischer Scheusale wie mir.“

        Ein Chauvinist wie Tim Hunt hasst allerdings die Frauen nicht, während ein Antisemit das tut. Zudem hat Tim Hunt die Rolle der Frauen in der Wissenschaft gewürdigt und damit seine eigenen Vorbehalte gegen Frauen relativiert. Man könnte das auch als Entwicklung in Tim Hunts Biographie lesen, eine Entwicklung, die dazu führt, dass er die Rolle der Frauen in der Wissenschaft jetzt anerkennt. Offensichtlich wäre es politisch korrekter gewesen, wenn Tim Hunt die positive Rolle der Frauen in der Wissenschaft hervorgehoben hätte und seine eigenen Vorbehalte, seinen Chauvinismus für sich behalten hätte. Noch besser wäre es viellicht für die Aussenwirkung gewesen, wenn er sich als Konvertiten dargestellt hätte – also als gewesenen Chauvinisten, als jemand der sich vom Saulus zum Paulus wandelte.

      • @Markus Pössel

        »Ich will die vier Bereiche [Sexismus, Antisemitismus, Rassismus, Ausländerfeindlichkeit] nicht gleichsetzen,…«

        Gut so, denn Sexismus scheint mir nun doch von ganz anderer Qualität zu sein als die anderen Einstellungen.

        » …aber der Vergleich ist, finde ich, bei allen bestehenden Unterschieden instruktiv: …«

        Ich finde, die Unterschiede zwischen Sexismus und den anderen Einstellungen sind so gravierend, dass sich jeder Vergleich verbietet.

        » …Wie wären die Reaktionen, wenn Hunt sich als antisemitisches oder rassistisches oder ausländerfeindliches Scheusal bezeichnet, dann einen entsprechenden Witz und mit „aber jetzt im Ernst“ weitergemacht hätte – finden Sie [M. Holzherr] das in Ordnung? Wenn nein, warum nicht?«

        Ich fände das nicht in Ordnung, weil „Witze“, die auf rassistischem, antisemitischem oder ausländerfeindlichem Denken, also auf Wahnideen beruhen, keine Witze sind.

        Man darf aber, finde ich, Witze über Ausländer wie Türken, Briten oder Franzosen reißen, oder über Katholiken oder Juden, oder eben über das jeweils andere Geschlecht, das alles halte ich für absolut zulässig. Und klar werden dabei meist Vorurteile bedient, was sonst.

        Das heißt aber nicht, dass ich Tim Hunts Bemerkungen gut finde, was deren Zeitpunkt und Ort anbelangt.

        • Da muss ich gleich nachfragen: Wie wörtlich meinen Sie die „Wahnideen“? Tatsächlich im Sinne von Geisteskrankheit ja vermutlich nicht?

          Und sehen Sie die Ideen, die z.B. in den 1950er Jahren über Frauen, deren Fähigkeiten und „natürliche Rollen“ herrschten, als ungleich vernünftiger an? Also als definitiv keine Wahnideen in dem von Ihnen gemeinten Sinne?

          • Mit „Wahnidee“ meine ich z. B. die Vorstellung, die Menschheit sei in Rassen unterteilt. Dass die Menschheit in zwei Geschlechter unterteilt ist (als Endpunkte eines Spektrums an Entwicklungsmöglichkeiten), ist hingegen evident. Ob und inwieweit die Unterschiede zwischen den Geschlechtern irgendwo im sozialen Bereich eine Rolle spielen (müssen), ist eine andere Frage. Individuelle Fähigkeiten können stark vom statistischen Mittel abweichen. „Rassenunterschiede“ können gar keine Rolle spielen, weil es keine (biologisch definierten) Menschenrassen gibt.

          • Gut, dass das eine falsche Vorstellung ist ist sicherlich Teil des Rassismus; als viel wichtiger würde ich allerdings den Umstand ansehen, dass mit dieser Unterteilung (negative) Vorurteile verbunden sind.

            Und wie ist es bei Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit? Sich selbst als solche identifizierende Juden gibt es (wenn da auch, klar, beim Antisemitismus zumindest zum Teil auch bei der Abgrenzung Rassenideen wichtig sind), und Ausländer gibt es ganz sicher auch (wobei ich da gar nicht wüsste, worin die Wahnidee in Ihrem Sinne besteht).

          • Die Vorstellung, dass zwischen Frau und Mann auch kulturunabhängige Wesensunterschiede bestehen, und dass diese Unterschiede bei der Partnerwahl (homo oder hetero) mit eine Rolle spielen, scheint mir recht gut begründet zu sein. Diese Vorstellung macht einen aber noch nicht zu einem Sexisten, finde ich.

            Wenn man aber glaubt, es bestünden kulturunabhängige Wesensunterschiede zwischen bestimmten Ethnien, zwischen Juden und Nichtjuden, oder zwischen bestimmten Ausländern und Inländern, dann ist man, meine ich, bereits ein Rassist oder Antisemit oder Ausländerfeind.

            Kurz: Wenn ich einen Partner suche, dann darf dessen Geschlecht ein wichtiges Kriterium sein, nicht aber dessen ethnische Herkunft.

            Aber Sie haben Recht, falsche Vorstellungen zu haben ist noch nicht das Problem, die sind wohl unvermeidlich, problematisch wird es erst dann, wenn damit unbegründete Werturteile verbunden sind, die zu Benachteiligungen oder Bevorzugungen führen.

          • Ich würde Ihnen zustimmen, dass allein die Annahme, dass es kulturunabhängige Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, noch kein Sexismus ist.

            Ich finde aber, Sie sind gerade dabei, das, was wirklich Probleme bereitet, auf einen unnatürlich engen Bereich einzuengen.

            Für mich ist es schlicht so: -ismen liegen typischerweise dann vor, wenn einer Gruppe pauschal (und weitgehend inkorrekterweise) bestimmte negative Eigenschaften zugeordnet werden, die dann genutzt werden, um Menschen der betreffenden Gruppe systematisch zu benachteiligen, von bestimmten Dingen auszuschließen und so weiter.

            Ob diese Zuweisung schon deswegen absurd ist, weil die Gruppe gar nicht sinnvoll definiert ist (das wäre Ihr Argument beim Rassismus) oder, obwohl die Gruppe einigermaßen sinnvoll abgrenzbar ist, weil die Zuweisungen schlicht nicht stimmen (vgl. z.B. populäre Argumente bis zu den 1950er Jahren, was Frauen alles niemals können werden), ist für mich relativ egal. Wichtig ist, welche negativen Wirkungen es gibt.

            Neben diesen Parallelen sehe ich auch viele Parallelen damit, wie diejenigen, die der bevorzugten Gruppe angehören, mit dem Problem umgehen – „reverse racism“ und die Behauptungen, inzwischen würden Frauen doch sogar bevorzugt, eine weitgehende Blindheit gegenüber Mikroaggressionen oder den eigenen Privilegien in beiden Fällen, automatische Rationalisierungen, warum das ganze doch nicht so schlimm ist und so weiter. Um solche Mechanismen zu verstehen, ist der Vergleich aus meiner Sicht sehr hilfreich.

          • Ihrer Beschreibung der –ismen kann ich durchaus zustimmen. Aber für mich macht es schon einen Unterschied, ob wertende Zuschreibungen mit real existierenden Differenzen begründet werden können, oder ob dies von vorneherein unmöglich ist.

            Bei mutmaßlichen „sexistischen“ Äußerungen kann man nicht selten fragen, ob es da einen wahren Kern gibt. Beim Sexismus gibt es, anders als beim Rassismus oder Antisemitismus, das Problem der Abgrenzung, weil bestimmte (statistische) Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht von der Hand zu weisen sind. Die Frage, ob eine bestimmte Bemerkung bereits sexistisch ist oder noch nicht, ist darum nicht immer eindeutig und zweifelsfrei zu beantworten.

            Insgesamt finde ich es also wenig hilfreich, alles über einen Kamm zu scheren. Wobei es aber, insoweit stimme ich Ihnen wieder zu, hinsichtlich der Unterdrückungs- und Ausgrenzungsmechanismen bei den genannten Ismen viele Parallelen gibt.

          • @balanus
            „Kurz: Wenn ich einen Partner suche, dann darf dessen Geschlecht ein wichtiges Kriterium sein, nicht aber dessen ethnische Herkunft.“
            ist das vielleicht eine versehentliche Äußerung?
            „Darf“ (wer überprüft das wie?) – darf nicht die Hautfarbe, wohl aber die Haarfarbe eine Rolle bei meiner Partnerwahl spielen? Oder auch diese nicht? Sonstige beliebige körperliche oder geistige Eigenschaften?

          • @zabki

            »„Darf“ (wer überprüft das wie?)«

            Die selbsternannte Gesinnungspolizei, sozusagen…

            Wenn Sie bei der Partnerwahl Ihren sexuellen Präferenzen folgen, wird das sicherlich niemand als Sexismus bewerten. Den Rassismusvorwurf kann man sich hingegen leicht einhandeln, wenn man irgendwelchen ethnischen (nicht ästhetischen) Präferenzen folgt, also z. B. eine helle Hautfarbe aus Gründen ablehnt, die nichts mit harmlosen Vorlieben zu tun haben.

          • @Balanus;
            Es ist zwar klar, was Sie meinen, aber die Partnerwahl ist ein denkbar unpassendes Beispiel dafür, denn da spielen noch ganz andere Kriterien einschließlich des Zufalls mit.

          • Doch, das passt, Herr Reutlinger: Es gibt Lebensbereiche, da steht das Geschlecht natürlicherweise im Vordergrund, und es gibt Bereiche, da darf oder soll das Geschlecht absolut keine Rolle spielen.

            Tim Hunt hat diese Bereiche offenbar nicht richtig getrennt, warum auch immer… (ich vermute mal, da war zu viel Östrogen in der Luft…)

  15. Meines Erachtens war die Äußerung von Hunt zwar dumm, diskreditierend, unpassend, aber m. E. bei weitem noch nicht auf dem Niveau von rassistischen, antisemitischen oder ausländerfeindlichen Beleidigungen. Meines Erachtens wurde hier die political correctnes überzogen, als man Hunt noch vor einer persönlichen Aussprache zum Rücktritt gezwungen hat.
    Selbstverständlich existieren unakzeptable Äußerungen, wenn man die Latte aber so tief herabsetzt, dann ist nicht mehr wissenschaftliche Qualifikation das Hauptkriterium für eine Anstellung, sondern political correctnes, oder soll man sagen feministic correctnes?
    Es ist ja auch nicht mehr so wie früher, dass sich frau nicht wehren kann und solche Sprüche schlucken muss, dass zeigt ja auch dieser twitter-Sturm (deren einzelne Beiträge ich nicht kenne).

    • Das kommt vermutlich auf das Niveau der betreffenden Bemerkungen an. Aber, wie ich explizit ja geschrieben hatte, mir ging es nicht ums gleichsetzen, sondern um das Argumentationsmuster. Was würden Sie jemandem antworten, der einen entsprechenden z.B. ausländerfeindlichen Witz damit verteidigt, derjenige habe das doch durchaus selbstironisch gemeint, und Ihnen vorwirft, jetzt schon die Selbstironie verbieten zu wollen?

  16. Was wäre eigentlich passiert, wenn eine angesehene Wissenschaftlerin gesagt hätte:
    „Lassen Sie mich einmal was sagen. Ich habe ein Problem mit Männern in der Arbeit. Sie verlieben sich in dich, du verliebst dich in sie und wenn Du sie kritisierst, fangen sie an zu brüllen oder schalten auf stur.“

    Vermutlich fast nichts.

    • Vermutlich hätte es eine Reihe von nicht sehr klugen Kommentaren aus den Reihen derjeniger gegeben, die auch bei Tim Hunt schon nicht verstanden hatten, wie sehr die Asymmetrie der Ausgangssituation für die negativen Reaktionen verantwortlich ist – und der Umstand, dass diese Kommentare eben nicht allein stehen, sondern in einen unschönen Zusammenhang gehören.

      • Hoppla, das war an einer Stelle missverständlich: bitte das „diese Kommentare“ ersetzen durch „Bemerkungen wie die von Hunt“. (Sobald ich wieder an mein Blog-Backend komme, nehme ich die Ersetzung selbst vor und lösche diesen Meta-Kommentar.)

  17. Der Fall Tim Hunt ist ein Musterbeispiel für moderne Hexenjagd. Früher gab es den öffentlichen Pranger und Scheiterhaufen. Heute gibt es Twitter, Shitstorm und die Berufsempörten. Hunt hat Glück, nicht mehr auf seinen Uni-Posten angewiesen zu sein. Andere, jüngere Menschen gefährden durch flapsige Bemerkungen bereits ihre berufliche und soziale Existenz. Toleranz wird von humorlosen, dauerempörten Arschgeigen zwar stets eingefordert, aber nie praktiziert. So sieht Meinungsfreiheit in Zeiten von Facebook und Twitter aus!

    Ich habe fur mich die Konsequenz gezogen, nur noch anonyme Meinungsäußerungen abzugeben und möglichst wenige Spuren im Internet zu hinterlassen.

    • …offensichtlich auch die Vorsichtsmaßnahme, längere Blogtexte gar nicht erst zu lesen. 🙂

      Sonst könnte ja etwas hängenbleiben, und man könnte, ach Gottchen, dazu kommen, mit Kampfbegriffen wie Hexenjagd und Scheiterhaufen etwas vorsichtiger umzugehen. Aber es ist, zugegeben, viel einfacher, diejenigen, die anderer Meinung sind als man selbst mal schnell als „Berufsempörte“ abzutun. Spart einem auch die Notwendigkeit, sich mit Argumenten auseinanderzusetzen.

  18. Argumente hören dort auf, wo Menschen befürchten müssen, wegen ihrer Meinung ihre Existenz zu verlieren. Was Tim Hunt „verbrochen“ hat, war ein flapsiger Scherz, der an Harmlosigkeit nicht zu übertreffen und von jedem denkenden Menschen auch leicht als solcher zu erkennen war. Die künstliche Empörung darüber ist perfide und an Boshaftigkeit nicht zu überbieten. Offenbar gibt es eine Menge Menschen, die zu viel Zeit und zu wenige echte Probleme haben…

    • Spätestens mit dieser Mischung aus Verharmlosung, dem Abqualifizieren anderer (wer nicht Ihrer Meinung ist, ist offenbar kein „denkende[r] Mensc[h]“; wo Sie Empörung nicht verstehen, muss diese „künstlic[h]“ sein) und Übertreibung („Existenz […] verlieren“) haben Sie sich fast maximal effektiv selbst disqualifiziert. Diese Art von Kommentaren bitte in Zukunft nicht mehr hier auf diesem Blog posten!

    • @ Herr Simmons :

      Argumente hören dort auf, wo Menschen befürchten müssen, wegen ihrer Meinung ihre Existenz zu verlieren.

      It depends, hängt von der Argumentation ab.
      >:->
      Sollten Sie gemeint haben, dass allgemein als tolerierbar verstandene Meinung toleriert bleiben und insbesondere keine beruflichen Karrieren vernichten soll, wäre der Schreiber dieser Zeilen bei Ihnen.
      Was Tim Hunt gesagt und vorgeschlagen hat, war tolerierbar.

      Was Tim Hunt „verbrochen“ hat, war ein flapsiger Scherz, der an Harmlosigkeit nicht zu übertreffen und von jedem denkenden Menschen auch leicht als solcher zu erkennen war.

      Am Scherz ist sich ungünstig aufgegeilt worden, von einigen, und anscheinend auch mit dem beabsichtigten Erfolg.
      Der Vorschlag in Laboratorien geschlechterspezifisch zu trennen, war allerdings „nicht so toll“.

      Die künstliche Empörung darüber ist perfide und an Boshaftigkeit nicht zu überbieten.

      Empörung sollte eher eine Privatangelegenheit sein, nur in Ausnahmefällen publik vorgetragen werden, hier leiden moderne Gesellschaften seit einigen Jahrzehnten zunehmend.
      Egal, ob diese jetzt ‚künstlich‘ oder ernst gemeint war, es bietet sich nicht an, wie es heutzutage viele, gerne auch: Frauen, tun, geradezu fortlaufend Empörung zu kommunizieren.

      MFG
      Dr. W

  19. Sie haben verdammt Recht – genau so sehe ich das. Wer einen offensichtlichen Scherz nicht als solchen erkennt, hat ein Problem mit dem Denken. Und sich darüber hysterisch aufregt, sollte einen Arzt aufsuchen.

    Trotzdem würde ich niemals von demjenigen verlangen, seinen Job aufzugeben, oder ihn öffentlich an den Pranger stellen. Denn ich finde, jeder hat das Recht, dummes Zeug zu glauben und von sich zu geben. Man nennt das Toleranz. Das unterscheidet mich von Ihnen.

    • Und weitere Abqualifizierung und (z.T. faktenresistente) Übertreibung. Lassen wir’s an dieser Stelle gut sein; ich lasse Ihren Kommentar so stehen und füge fairerweise hinzu: Von denjenigen, die Tim Hunt verteidigen, habe ich im Durchschnitt deutlich angemessenere und bedächtigere Kommentare gehört als diesen hier; die Hunt-Verteidiger sollte man nicht alle in einen Topf werfen und schon gar nicht an dem obigen Kommentar messen.

  20. Ich verteidige Tim Hunt nicht – das schafft er schon selber. Ich bringe meine Meinung zum Ausdruck über eine Gesellschaft, die es offenbar nicht mal mehr für nötig hält, den Angeklagten vorher anzuhören, bevor sie ihn verurteilt und auf dem Scheiterhaufen der politischen Korrektheit opfert. Es ist keine Gesellschaft, in der ich leben will. Und Umfragen zufolge sehen das viele Menschen genauso – Gott sei Dank! Es hat schon genug totalitäre Diktaturen gegeben. Eine weitere braucht niemand.

    • Jaja, schon klar – Scheiterhaufen und totalitäre Diktatur. Lassen wir’s damit an dieser Stelle gut sein; was davon zu halten ist, kann jeder Kommentarleser selbst sehen.

    • Zitat: „Is this the kind of Britain we want to live in, where media mobs dictate the disciplinary actions of our most revered academic institutions? Where neurotic online witch-hunts demand cruel, public punishment be inflicted on erudite, elderly scientists?“

      Wow. Auf solche sachlich-neutralen Einschätzungen, jegliche Verteufelung auf der einen Seite, Verharmlosung auf der anderen vermeidend, kann man wirklich stolz sein.

  21. Tim Hunt ist ein Chauvinist und gibt das auch zu. Wären wir in einer besseren Welt wenn er ein Chauvinist wäre, es aber nicht sagen würde? Offensichtlich glauben die Leute, die politische Korrektheit erzwingen wollen, dass eine „gerechtere“ Sprache die Welt gerechter macht. Bis zu einem gewissen Punkt gilt das sogar wie hier und andernorts der Linguist Anatol Stefanowitsch aufgezeigt hat, denn „sexistische“ Sprache und Rollenmodelle haben unter anderem auch einen Einfluss auf die Berufswahl bei Frauen.

    Andererseits werden damit auch Grundhaltungen und Einstellungen von Menschen verdeckt. Ich bin schon lange der Ansicht, dass der Unterschied im Grade des Ausländerhasses und Antisemitismus zwischen Gebildten und Ungebildeten zu einem wichtigen Teil darauf zurückgeht, dass die Gebildeten ihre Sprache mehr unter Kontrolle haben, dass sie wissen was sich gehört und welche Aussagen politisch korrekt sind und sie sich dementsprechend verhalten.

    Wer also gendergerecht, ausländergerecht und rassengerecht formuliert und nur gegen Israel aber nicht gegen die Juden ist, der ist mit grosser Wahrscheinlichkeit entweder gebildet oder hat inzwischen das volle political-correctness-Programm so oft in die Fresse gekriegt, dass er aus einem inneren Reflex heraus „richtig“ formuliert. Damit hat sich vor allem die Aussendarstellung von Sprechern in unserer Gesellschaft geändert nicht aber unbedingt die innere Haltung.Öffentliche Sprache und Sprache unter Kollegen (die aber nicht unbedingt Freunde sind), wird damit selbst zu einem Element der Aussendarstellung so wie es Schminke und Haarfärbung ist.
    Ich bin mir nicht sicher ob das besser ist als der Zustand wo jeder redet wie ihm der Schnabel gewaschen ist.

    • @ Herr Holzherr :
      Es könnte sich darauf geeinigt werden, dass heutzutage versucht wird nachzubilden, wie es früher einmal war, nämlich, dass die Menge schlichtweg nicht mit besonderem Anspruch artikulationsfähig war, zu steuern oder zu verwalten war, dass sie es heute aber ist und „weggespült“ werden soll in ihrer Meinung auf eine Art und Weise, die Sie Politische Richtigkeit nennen und die andernorts dementsprechend bspw. von neomarxistischen Linguisten theoretisiert und für die Praxis vorbereitet wird.

      An sich, die seit Längerem bereitstehenden Gesellschaftssysteme meinend, die den Ideen und Werten der Aufklärung folgend implementiert haben konnten, wird sich von der Freiheit der Menge aber schon einiges im aufklärerischen Sinne versprochen, auch die besondere Generierung von Mehrwert (was sie von anderen Systemen, womöglich: entscheidend, äh, unterscheidet).

      MFG
      Dr. W

    • Lieber Herr Holzherr, verkomplizieren Sie doch bitte einfach Debatten (die Guten versus die Rassisten, Sexisten, …isten) nicht unnötig :-). Der Beweis für die Guten ist der gerade für korrekt befundene Sprachgebrauch, so outen Sie sich 1980 als Rassist, wenn Sie das Wort „Neger“ gebrauchen, korrekt war zu der Zeit „Schwarze“, heute outet Sie „Schwarzer“ als Rassist, korrektes Wort ist „People of Colour“, mit dem Sie – das ist sicher – in 20 Jahren auch wieder Rassist sein werden.

      Ihre Beobachtung ist im Kern natürlich richtig. Ich war und bin da, wo ich mich an Diskussionen beteilige, nicht unbedingt für meine Zurückhaltung und sensiblen Sprachgebrauch bekannt. Trotzdem wähle ich bei bestimmten Themen (zeitgeistabhängig) meine Wortwahl, meinen Argumentationsaufbau und meine Quellen mit grosser Sorgfalt. Das verhindert zwar nicht, dass Idiot X den unvermeidbaren (beliebiges politisches Schimpfwort einsetzend) gegen mich verwendet, es macht es aber ungleich schwerer, die Masse weniger beteiligter Zuschauer davon zu überzeugen, ich sei ein (beliebiges politisches Schimpfwort einsetzend). Was ich bei einem bestimmten Thema themenbezogen übrigens tatsächlich sein kann (so selbstkritisch sollte man schon sein), was aber durch den korrekten Sprachgebrauch und eine akademisch wirkende Argumentationsführung für andere nicht plausibel zu machen ist.

      Letztlich dient politisch korrekte Sprache lediglich der öffentlichen Hygiene und hat in etwa den selben Stellenwert wie etablierte Umgangsformen, die dem gleichen Zweck dienen. Es ist eine der Ironien politischer Debatten seit Platon, dass die Rechten aus diesem Grund auf Umgangsformen bestehen und sich über „PC“ mokieren werden, während die Linken das genau umgekehrt sehen und vertreten. An der geistigen Grundeinstellung ändert das wenig, eine Erkenntnis, die ich in englischsprachigen Blogs bei nicht wenigen farbigen Amerikanern formuliert gesehen habe. Die klar beobachten, dass „PC“ zwar direkte sprachliche Abwertung verhindert, genau deshalb aber auch als perfektes Schutzschild für die ungestörte Weiterexistenz diverser Vorurteile funktioniert, weil man diese in der öffentlichen Diskussion nicht mehr sieht und indirekte Nachweise erstens weit schwieriger zu führen und zweitens viel leichter bestreitbar sind.

      Mir wäre eine direkte und unverstellte Diskussion zwar im grossen und ganzen auch lieber, aber das hängt natürlich auch mit meinen Fähigkeiten und meiner Grundeinstellung zusammen. Wahrscheinlich ist ein wenig öffentliche Rücksichtnahme am Ende des Tages für Otto Normalverbraucher gesellschaftlich nützlicher, solange man verhindern kann, dass diese Rücksichtnahme in Denk- und damit Forschungsverbote ausartet.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

      • Ja, angemessene Wortwahl gehört zu den guten Umgangsformen. Tim Hunt hat sich aber nicht sprachlich herablassend über Wissenschaftlerinnen geäussert, sondern er hat Klischees über Frauen im Labor ( sie weinen, wenn man sie kritisiert etc) als seine eigenen Erfahrungen wiedergegeben.
        Die politische Korrektheit erfordert eben auch, dass man solche Klischees nicht auch noch bestätigt. Immerhin erkannte er aber auch, dass er inzwischen in einer Minderheitenposition ist. Eine angemessene Reaktion auf Tim Hunts Äusserungen wäre es gewesen, etwa zu sagen „Zum Glück sind die Zeiten eines Tim Hunt immer mehr vorbei“. Wut und Hass, die ihm entgegenschlugen, gehen für mich aber zu weit.

        • Oh, das können wir kurz machen. Hunt hat einen Witz ausschliesslich zu seinen eigenen Lasten gemacht, wer das gegen ihn verwendet, ist wahlweise dumm oder bösartig. Im konkreten Fall geben alle Fakten Anlass zur letzteren Vermutung.

          Gruss,
          Thorsten Haupts

          • Ausschließlich zu seinen eigenen Lasten sieht anders aus. Wie gesagt: Es ist ganz instruktiv, das mal ins fremdenfeindliche oder antisemitische zu transponieren. Daran sieht man, dass die „war doch nur ein Witz…“-Verteidigung einfach nicht zieht.

  22. Weil das Lesen deines Beitrags für mich der Auslöser war, doch noch – und sehr spät – selbst einen Blog-Beitrag über meine Sicht auf die Dinge zu schreiben, kommt hier ein Link:

    http://wissenskueche.de/2015/07/warum-die-hunt-affaere-so-polarisiert-symptome-einer-verschleppten-tabuisierten-debatte/

    Ob man nämlich Hunts Äußerungen für haarsträubend sexistisch hält oder im Gegenteil die Reaktion auf seine Äußerungen für haarsträubend übertrieben, wird entscheidend vom Weltbild bestimmt und dort vor allem von der Frage, für wie groß man den Faktor Diskriminierung als Ursache eines geringen Frauenanteil in den Naturwissenschaften hält.

  23. Ich fürchte, die feministische Hetzjagd auf Tim Hunt, an der sich bis hin zur „Zeit“ Zahllose beteiligt haben, hat sich inzwischen endgültig als Rohrkrepierer erwiesen:

    https://blogs.faz.net/deus/2015/07/24/der-fall-tim-hunt-tonmitschnitt-bringt-seine-verfolger-in-bedraengnis-2730/

    Ja, ich weiß. Sie möchten hier solche Kommentare nicht lesen. Schon verstanden. 🙂 Und dass es eine Bitte um Verzeihung nie geben wird ist neben Don Alphonso natürlich auch mir selbst klar.

    • Ich lese in der Tat lieber Kommentare, die mir nicht aggressiv versuchen, irgendetwas zun untertellen – wie in diesem Falle, dass ich kritische Kommentare gar nicht lesen mag. Aber sei’s drum.

      Ich lese auch lieber Kommentare, die sich auf das beziehen, was ich geschrieben hatte. Die Bezeichnung der Twitter-Reaktion als „Lynchmob“ ist und bleibt falsch – und ich habe mich inzwischen mal spaßenshalber mal durch alle Tweets mit „Tim Hunt“ bis zum Datum von Hunts Rücktritt gelesen.

      Der Frage, wie ernst gemeint das gewesen sei, eine so große Bedeutung beizumessen – und anzunehmen, es sei alles in Ordnung gewesen, solange es ein Scherz war – halte ich für eines der größten Missverständnisse derjenigen, die Hunt hier verteidigen. Wie z.B. hier schon beschrieben: das sieht man am direktesten, wenn man das ganze mal in den ausländerfeindlichen oder antisemitischen Zusammenhang transponiert – wo bei wir die Diskussion, dass das Ähnlichkeiten besitzt, aber nicht gleichwertig ist, hier auch schon hatten. (Und dass Hunt selbst, wie hier auch schon verlinkt, sich am Anfang selbst damit verteidigt hatte, er sei doch „nur ehrlich“ gewesen, sollte man auch nicht ganz von der Hand weisen.)

      Immerhin sehe ich anerkennend, dass Don Alphonso nicht die Legende vom reinen Social-Media-Lynchmob weiterstrickt (das war ja oben mein Hauptkritikpunkt); die Dynamik, wie immer man die auch einordnet, hat sich ganz klar vor allem über die nicht-sozialen Medien entfaltet.

  24. Ach, fast vergessen: Tim Hunt konnte der Londoner „Times“ zufolge aufgrund von Bedrohungen aus dem feministischen Lager kürzlich an einer internationalen Konferenz nicht teilnehmen. Pfuibäh sind für Sie aber vermutlich trotzdem nicht die Mobber auf Twitter, sondern diejenigen, die unverzeihlicherweise von einer „Hetzjagd“ schreiben:

    http://www.thetimes.co.uk/tto/science/article4502647.ece

    http://www.breitbart.com/london/2015/07/20/vindicated-sexist-scientist-banned-from-conference-due-to-feminist-threat/

    • Wie oben schon dezent angedeutet: Pfuibäh sind für mich vor allem Unterstellungen gegen mich persönlich, wie diejenigen, die Sie hier vorbringen.

      Der Times-Artikel ist für mich leider hinter einer Paywall; aus dem, was bei Breitbart steht, kann ich nicht wirklich einschätzen, was da gelaufen ist. Dass ein italienischer Organisator aus Angst, dass etwas passieren kann und aufgrund nicht genannter „evidence“, dass Aktivisten „Position bezogen“ hätten, ein „potential serious problem“ sieht, sagt erst einmal mehr über den italienischen Organisator aus als über etwaige Aktivisten.

      Insofern vielleicht mal aufgeschlüsselt, was ich in solch einer Situation Pfuibäh fände und was nicht:

      Dass Tim Hunt weiterhin bei Konferenzen auftritt – warum nicht.

      Wenn dann jemand vor der Konferenz steht und dort, evt. auch am Anfang des Vortrags, protestiert – OK.

      Dass jemand durch Proteste (z.B. den Vortragssaal kapern, den Redner nicht zu Wort kommen lassen, Farbbeutel werfen, Gewalt androhen oder gar durchführen) solch einen Vortrag verhindert – Pfuibäh.

      Dass ein Organisator aufgrund von vagen Befürchtungen einen Tim Hunt-Auftritt absagt – schwierig. Dass er seine Konferenz nicht in die Kontroverse hineingezogen haben möchte, kann ich verstehen; aufgrund vager Befürchtungen einen Redner ausladen ist aber auch nicht richtig. Da muss es eigentlich eine Lösung geben, die beiden gerecht wird. Und sei es, dass bei der Konferenz direkt vor Tim Hunt jemand etwas zur Diskriminierung in der Wissenschaft erzählt – da könnte Hunt vielleicht auch noch etwas lernen.

      Dass es so viele Leute gibt, die jetzt nur auf Tim Hunt fokussiert sind, und das eigentliche Problem von Diskriminierung in der Wissenschaft so unter den Tisch fällt – großes Pfuibäh.

  25. Noch ein Nachtrag:

    Dr. Poessel wiederholt time and again, wie schade er es findet, dass in der Tim Hunt Debatte die aus seiner Sicht wichtigeren Fragen zur Situation von Frauen in der Wissenschaft untergehen. Untergegangen ist leider auch etwas anderes:

    Agency, Part 1
    http://secondlanguage.blogspot.dk/2015/07/agency-part-1.html
    Monday, July 20, 2015

    Um es kurz zusammenzufassen: Die Organisatoren/innen des Events, die Tim Hunt eingeladen haben, waren gleichzeitig die Initiatoren/innen des journlistischen und universitären Shitstorms, der sich danach über ihn ergoss.

    Mir hat es nach dem Lesen (die Fakten werden von mehreren anderen bestätigt) komplett die Sprache verschlagen. Meine Gastgeber und Einlader (!) fahren mir nach einer 13 sekündigen Passage aus einer Ansprache, die ihnen missfällt, mit der Wucht eines Geländewagens in den Rücken? Ich weiss nicht, wo und wie die Organisatoren/innen aufgewachsen sind. Da, wo ich es bin, fallen solche Leute aus der Definition „anständige Menschen“ danach sofort und unwiderruflich heraus. Zu Recht. Aber das ist im Pöbel vielleicht anders …

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Ich vermute, das Link sollte eher hierhin gehen?

      Und die Zusammenfassung ist ihrerseits doch auch schon wieder tendenziös. Connie St. Louis war nicht Teil der Organisatoren. Und obwohl der verlinkte Blogschreiber Basbøll gute Recherche anmahnt, hat er nicht nachrecherchiert, wie aktiv das Programmkommittee und insbesondere Blum bei der Organisation tatsächlich waren. Könnte man vielleicht mal Volker Stollorz fragen, der saß auch in dem Kommittee. Davon hängt ja durchaus ab, ob die Aussagen von Basbøll zur Rolle von Blum ihrerseits wieder gezielt negativ verzerrte Interpretation sind oder nicht.

      Davon abgesehen: Selbst wenn ich Organisator einer Konferenz wäre, würde ich jemanden, der auf der Konferenz Unsinn erzählt, Dinge sagt, die ich für falsch halte, oder sich danebenbenimmt nicht automatisch in Schutz nehmen. Nicht zuletzt weil man als Organisator Verantwortung für alle Teilnehmer/-innen der Veranstaltung hat und entsprechend abwägen muss, wie man handelt.

      Außerdem: Warum eigentlich dieser offenbar unwiderstehliche Drang zur übertriebenen Wortwahl? Ein Tweet wird zum physischen Angriff mit dem Geländewagen, wer anders denkt als Sie wird automatisch Pöbel? Das ist doch genau die Art von Übertreibung, die die Diskussion um Tim Hunt so unangenehm macht. Und Sie legen in diese Richtung noch kräftig nach.

      • Verehrter Herr Dr. Poessel, wenn es für Sie okay ist, dass Ihr Gastgeber Sie nach einer Veranstaltung öffentlich selektiv, verkürzend und auch noch mit einer inzwischen nachgewiesenen Lüge an den Pranger stellt, ohne vorher auch nur einmal mit Ihnen persönlich gesprochen zu haben, dann haben wir für eine weitere Unterhaltung keine gemeinsame Basis.

        Ja, wer so etwas macht, hat sich selbst zum Pöbel gesellt und ich hoffe, die Einschläge erwischen ihn/sie noch.

        Gruss,
        Thorsten Haupts

        • Wenn ich in eine solche Situation käme, wäre der Umstand, dass die betreffende Person Mitglied des Programmkommittees war („Gastgeber“ ist ja schon Teil der verzerrten Deutung) vermutlich irrelevant.

          Und worin besteht die Lüge? Das, worüber sich die Leute geärgert haben (und ich habe inzwischen, wie anderweitig geschrieben, die Tweets in der Anfangsphase ziemlich komplett gelesen) war das, was Hunt selbst im BBC-Interview bestätigt hat.

          • Schon gut. Ich wünsche den Sexismusjägern noch viel mehr von diesen spektakulären Erfolgen. Wirklich :-).

            Gruss,
            Thorsten Haupts

          • Nee, mal ernsthaft: Wie begründen Sie die Aussage, dass das, was zu der öffentlichen Kritik geführt hat, eine Lüge gewesen sei? Wie gesagt: Soweit ich sehen kann ist das, was viele Menschen verärgert hat, dasselbe, was Hunt auch im BBC-Interview bestätigt hat.

          • Sie kennen die unfassbar ausführliche Unfashionista Recherche von Louise Mensch? Gut. Dann bestand die Lüge in zweierlei: Erstens seine Bemerkungen über Frauen im Labor ohne die Klammersätze anzugeben, die deutlich machen, dass es sich um einen Scherz handelte. Und das war – wenn ich Ihrer Interpretation folge – doch gar nicht nötig, weil selbst der Scherz inakzeptabel gewesen wäre? Anscheinend war es doch nötig … Und zweitens die inzwischen offensichtliche Lüge, es hätte am Ende seiner Selbstironie tödliches Schweigen geherrscht (mehrfach wederholt von Connie StLouis), widerlegt durch einen Audiomitschnitt.

            Ich habe mich noch im alten Usenet an Auseinandersetzungen gegen Holocaustleugner und ähnliches braunes Kroppzeugs beteiligt. Mit der Art selektiver Zitate könnte man mich ohne jede Schwierigkeit zum Erzverteidiger Adolf Hitlers machen.

            Zusammenfassend: Honorig wäre es gewesen, die Selbstironie von Tim Hunt darzustellen und danach auch diese Selbstironie als inakzeptabel zu markieren. Ich weiss, Sie vermutlich auch (und die Initiatoren der Hexenjagd erst recht), warum sie das unterlassen haben – es hätte 4/5 der Wirkung geklaut, weil die Zahl der Menschen, die auch eine Selbstkritik mit bestimmten Inhalten inakzeptabel finden, sehr überschaubar ist.

            Natürlich ist Tim Hunt nicht deshalb von der UCL gegangen worden, einige tweets von UCL Professoren deuten eher daraufhin, dass man nur darauf gewartet hat, ihm etwas anzuhängen. Das ist der eigentliche Witz dieser ganzen unnötigen Geschichte – St Louis, Blum und der Guardian haben sich sehr wahrscheinlich als Helfershelfer einer inneruniversitären Intrige beteiligt. Die im übrigen auch die ansonsten unerklärliche Hast verständlich werden lässt, mit der man ohne selbst seine Stellungnahme abzuwarten Hunt über seine Frau innerhalb weniger Stunden zum Rücktritt genötigt hat (noch so ein absolut pöbelhaftes Verhalten btw).

            Ich widerhole mich – aber ich hoffe ernsthaft, derlei passiert öffentlichkeitswirksam noch öfter. Das stärkt die Immunkräfte gegen einen Feminismuszweig, den ich mit „totalitär“ ausreichen präzise gekennzeichnet sehe. Und führt zu vorhersehbaren Wahlsiegen der demokratischen Rechten.

            Gruss,
            Thorsten Haupts

        • Unter den von Ihnen geschilderten Umständen ist, wie ich schon gedacht hatte, „mit einer inzwischen nachgewiesenen Lüge an den Pranger stellen“ eine sehr tendenziöse Zusammenfassung. Sieht übrigens auch Tim Hunt so, wenn man nach dem Guardian-Interview mit ihm und seiner Frau geht. Da ist ja aus gutem Grund nicht die Rede von „ich wurde aus dem Zusammenhang gerissen!“, sondern Hunt sagt: er habe die Bemerkungen gemacht, „yes, I made those remarks“, und obwohl sie scherzhaft gemeint gewesen seine, seien sie „inexcusable“.

          Und nein, ich denke die wörtliche Version, in der sich Tim Hunt selbst als Monster bezeichnet hat, hätte nicht viel geändert. Viel einflussreicher dürften Tim Hunts eigene Äußerungen in der BBC gewesen sein (sorry: kein Interview, wie ich oben schrieb, sondern eine aufgezeichnete Sprachnachricht), weil da deutlich wird, welche Vorurteile und Haltungen offenbar hinter den unangebrachten Scherzen stecken.

          Zu der zweiten behaupteten Diskrepanz (bzw. wenn man unbedingt abwatschen will: behaupteten Lüge): Ich habe den Audiomitschnitt wegen Paywall (noch) nicht angehört, aber wenn Sie hier damit argumentieren, müssen Sie ja wohl gehört haben, was da zu hören war. Auch wenn das ein Nebenschauplatz ist, interessiert mich doch: Im Breitbart-Artikel wird das als Ausschnitt bezeichnet. Woher wissen Sie mit so großer Sicherheit, dass das das Ende der Rede war und kein Szenenapplaus?

          Ob Tim Hunt wirklich zum Rücktritt „genötigt“ wurde, geschweige denn mit pöbelhaftem Verhalten, wissen wir nicht. Mir klingt das, was abgelaufen ist, eher nach einer Mischung aus stiller Post und Panikreaktionen – und wenn Tim Hunt nicht den Fehler gemacht hätte, gleich selbst seine Resignation einzureichen, wäre die Sache vielleicht ganz anders gelaufen. Aber, wie gesagt, wir wissen es nicht, dementsprechend bin ich mit meinen Deutungen vorsichtig. Sollten Sie vielleicht auch mal versuchen?

  26. Sie und ich sind ja inzwischen klar erkennbar Partei auf gegensätzlichen Seiten. Sie werden jeden Beleg dafür ignorieren, dass es sich um eine gezielte Rufmordkampagne handelte, ich jeden Zweifel daran, dass es sich um eine solche handelt. Deswegen spare ich mir die Frage, wie eigentlich jemand ein expliziter Sexist sein kann, der nach der Darstellung einiger Wissenschaftlerinnen diese gefördert hat und sie dabei niemals sexistisch angegangen.

    Sehen wir uns einfach die Fakten an, die den meisten Menschen, die noch keine Partei ergriffen haben, für ein Urteil reichen werden:
    1) 3 Personen aus dem Veranstalter- und Organisatorenkreis sprechen sich direkt nach der Veranstaltung ab, Tim Hunt wegen sexistischer Bemerkungen an den Pranger zu stellen. Versuche der Kontaktaufnahme mit Tim Hunt: Keine.
    2) Die Universität, an der TH Ehrenprofessor ist, ruft noch vor Kontaktaufnahme von Tim Hunt seine Frau an, um ihr mit der öffentlichen Aberkennung dieser Ehrenprofessur zu drohen, sollte er nicht „freiwillig“ zurücktreten. Versuche der Kontaktaufnahme mit Hunt: Keine.

    Alles andere bleibt von mir aus umstritten – wie, glauben Sie, werden die meisten unbeteiligten Menschen darauf reagieren?

    Nicht, dass ich grosse Zweifel daran habe, dass sich Menschs, Dons und meine Sicht auf die Ereignisse nicht durchsetzen wird. Sie ist insgesamt einfach plausibler, als die Annahme, drei erwachsene Menschen, die Tim Hunt in Kenntnis seiner Person selber eingeladen haben (!), wären so geschockt von einem für sie geschmacklosen Scherz gewesen, dass sie genau 3 Sätze dieser Ungeheuerlichkeit ohne weiteres sofort in die Welt jagen mussten. Gefolgt von einer Universitätsleitung, die genauso geschockt war und deshalb Hunts Frau unter Druck setzen musste, weil Eilbedarf. Hunt hatte ja zum Dritten Weltkrieg aufgerufen …

    Mehr davon, bitte. Als rechter Zyniker liebe ich Selbstbeschädigungen von Linken. Das war eine, wofür insbesondere die hohe Zahl von Frauen spricht, die sich auf twitter oder in Blogs vor Hunt gestellt haben. Es wird noch ein paar weitere geben, die mehr Leute aufweckt, die wie ich bis gestern glaubten, der Vierte Welle Feminismus sei das Spielzeug Halberwachsener mit twitter in einer Nische.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Sie kennen sich selbst am besten; wenn Sie ehrlich zugeben, dass Sie jeden Zweifel an ihrer Deutung ignorieren werden, passt das auch durchaus zu meinem Eindruck von Ihrem Verhalten. Aber bitte ziehen Sie mich da nicht hinein. Wenn es irgendwann einmal wirkliche Belege dafür geben sollte, dass es sich nicht um einen Tweet mit Folgen, sondern um eine gezielt geführte Kampagne handelt, bin ich durchaus bereit, meine Einschätzung zu ändern. Aber bislang sehe ich dafür keine Belege, sondern diesbezügliche Behauptungen bleiben auf der Ebene von (unvorteilhaften) Spekulationen.

      Was Sie da als „Fakten“ präsentieren, spricht für sich: Nein, Connie St. Louis gehörte nicht zum „Veranstalter- oder Organisatorenkreis“. Die anderen beiden gehörten zum Programmkommittee; wir wissen beim derzeitigen Stand nicht, ob die etwas damit zu tun hatten, Tim Hunt zur Konferenz allgemein einzuladen, geschweige denn zu dem bewussten Luncheon.

      Und „Pranger“ ist natürlich auch schon keine Fakten-Beschreibung, sondern drängt die Sache in eine ganz bestimmte Richtung. Die drei hatten ihrer eigenen Aussage nach beschlossen, sie wollten Hunts Kommentare nicht hinnehmen, sondern eine von Ihnen würde dazu einen Tweet schreiben, die anderen beiden Re-Tweeten. Mehr Fakten dazu, dass eine koordinierte Kampagne abgesprochen sein soll, sehe ich erstmal nicht: Ein Tweet, zwei Re-Tweets.

      Versuche der Kontaktaufnahme: Direkte Nachfrage bei dem bewussten Luncheon, wie er die Bemerkungen gemeint habe.

      Zum zweiten „Fakt“: Nicht „[d]ie Universität“ ruft bei Tim Hunts Frau an, sondern ein Vertreter („senior“) derselben – bei jetzigen Stand gibt es keine Aussage dazu, dass das in irgendwelchem offiziellen Auftrag geschah. Weit wahrscheinlicher scheint mir, dass es um eine persönliche Warnung an Tim Hunts Frau ging (die ja immerhin selbst bestimmte Funktionen an der betreffenden Uni wahrgenommen hat und die Betreffenden daher persönlich kannte), dass da etwas vor sich geht. Wie autoritativ oder hypothetisch die Aussage war, wenn Tim Hunt nicht zurücktrete, werde er entlassen, wissen wir daher nicht.

      Versuche der Kontaktaufnahme mit Tim Hunt: Das war ein Versuch der Kontaktaufnahme! Und ich würde mich extrem wundern, wenn es dann vor ersten offiziellen Schritten in Richtung Sanktionen nicht noch direkte Versucher zur Kontaktaufnahme und eine Anhörung in irgendeiner Form gegeben hätte. Aber dem kam Tim Hunt mit seinem Rücktritt dann ja zuvor.

      Zum Eilbedarf: Vermutlich hatten die an etwaigen Diskussionen beteiligten Uni-Offiziellen etwas davon mitbekommen, dass die Dynamik in und zwischen sozialen und regulären Medien recht schnell vor sich geht und man da rasch handeln sollte und nicht erst nach ein paar Tagen. Selbst wenn es nicht um den „dritten Weltkrieg“ geht sondern nur um Rufschädigung der eigenen Institution.

      Wie gesagt: Was Sie aus all dem machen, spricht für sich. Und bringt mich zu dem Schluss, dass eine weitere Diskussion mit Ihnen nicht wirklich sinnvoll ist. Tschüss, und viel Spass noch in ihrer zynisch-rechten Parallelwelt!